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Die beiden Jachten

Balduin Möllhausen: Die beiden Jachten - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/moellhsn/jachten/jachten.xml
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDie beiden Jachten
publisherVerlag von Paul List
editorDietrich Theden
illustratorMax Vogel
year1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid02d7cf7d
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Dreizehntes Kapitel.

Das Heim des Gauklerchefs. Ehrenmann Galbrett. Ein Handel

Es war am Abend des Tages, an dem die Gräfin sich erfolglos zu der alten Holiday bemühte. In dem umfangreichen Gauklerzelt auf dem abgelegensten Ende der Stadt hatte man eben eine sogenannte Galavorstellung beendigt. Der hagere Direktor und seine bessere Hälfte weilten bereits in ihrem geräumigen Wohnungswagen. Vor einem kleinen Tisch saßen sie aus Feldstühlen, zwischen sich die Reste eines einfachen Mahls. Mißmut spiegelte sich in ihren durch Schminke verjüngten Zügen, Mißmut in der Art, in der sie abwechselnd einer verdächtig duftenden Flasche zusprachen, vor allem aber in dem Umstände, daß sie keine Neigung empfanden, den bereits ziemlich verblichenen Flitterstaat mit ihrer Stimmung mehr entsprechenden Kleidern zu vertauschen. Der Unmut begründete sich darauf, daß die Zugkraft ihrer Vorstellungen von Tag zu Tag mehr erlahmte und der Abend nicht mehr fern zu liegen schien, an dem man, wenn überhaupt, vor leeren Bänken spielen würde.

Beschäftigt mit den abenteuerlichsten Plänen für die Zukunft, hatten sie verdrossen der neu entdeckten Schlangenkinder gedacht und alle nur möglichen und unmöglichen Mittel erwogen, sich ihrer auf die eine oder die andere Art zu bemächtigen, als auf den nach dem Wagen hinaufführenden Stufen Schritte laut wurden. Die Tür öffnete sich vor einem hastigen Griff, und herein schlüpfte Jannock, der Clown der Gesellschaft, der gleiche Mann, der den Direktor zu der Frau Drunmoore begleitete.

Auch er befand sich noch im Arbeitsanzuge, und trotz der seine Züge bedeckenden Farbe war der Ausdruck des Triumphes auf dem verkommenen Gesicht unverkennbar, so daß die beiden würdigen Gatten mit Spannung seiner ersten Eröffnung entgegensahen.

»Ich hatte rocht, als ich behauptete, er würde zu seiner Zeit von selber kommen,« hob er gedämpft an, »glaubte aber nicht, daß es so bald geschehen würde.«

»Wer?« , fragte das Direktorpaar wie aus einem Munde.

»Wer anders, als Galbrett, und in Begleitung der Schlangenkinder obenein,« hieß es vorsichtig flüsternd zurück.

Der Direktor sprang empor. Wie durch Zauber schwand die trübselige Erschlaffung aus seinem Wesen. Er war wieder Künstler vom dürftig behaarten Scheitel bis zu den roten Schuhen hinunter.

»In dunkler Nacht?« fragte er lebhaft zurück, und aus seinen Augen lugte die Gier eines nach Beute lechzenden Raubtieres.

»Er wird wohl Ursache haben, das Tageslicht zu scheuen,« versetzte die bedächtige Direktorin, und indem sie sich gemächlich erhob, krachten alle Nähte ihres Atlasmieders: »aber darum handelt es sich nicht, sondern vielmehr um die Frage, wo sie sich befinden.«

»Ja, wo sie sich befinden,« wiederholte Buonaventura würdevoll.

»Im Zelt,« antwortete Jannock, »ich sah sie hineingehen, hörte den Mann nach dem Direktor fragen und eilte spornstreichs her. In einer Minute müssen sie da sein.«

»Die Schlangenkinder sind die unsrigen,« versetzte die Direktorin zuversichtlich, »das heißt, wenn keine Dummheiten begangen werden,« fügte sie erhaben hinzu, und ihr vorwurfsvoller Blick streifte den Gatten, »nehmen wir also Platz. Von dem späten Besuch haben wir selbstverständlich keine Ahnung. Er muß uns vollständig überraschen.«

Gleich darauf saßen die Mitglieder des Gauklervorstandes, zu dem auch Jannock zählte, in harmlosem Geplauder beieinander. Und harmlos klangen ihre gedämpften Stimmen in der Tat; die Ansichten aber, die sich zwischen ihnen kreuzten, und die eingeflochtenen Ratschläge entsprachen nicht nur der widerwärtigen Gruppe, sondern auch der ganzen vagabondenhaften Umgebung. Kindlich heiter klangen sie, als draußen im Dunkeln unsichere Schritte sich die Stufen herauftasteten, mit hartem Knöchel an die Tür gepocht wurde und auf den an ihn ergehenden Ruf Galbrett, seine beiden Kinder vor sich herschickend, eintrat.

»Hätte ich doch eher an den Einbruch des Himmels geglaubt, als an die Möglichkeit, Sie in diesem Leben noch einmal wiederzusehen,« rief der Direktor ihm entgegen, und sich erhebend, reichte er ihm die Hand zum Gruß. »Doch gleichviel, willkommen sind Sie mir zu jeder Stunde, doppelt, wenn ein guter Wind Sie hierher geweht haben sollte.«

Galbrett ließ seine Blicke mißtrauisch von einem zum anderen schweifen. Er war selber eine zu gewiegte Verbrechernatur, als daß er den Charakter der Gesellschaft, in der er sich befand, verkennen konnte.

»Hätte es selber nicht geglaubt, als wir uns gestern voneinander trennten,« erwiderte er mürrisch, wie unter dem Zwange einer mißlichen Notwendigkeit, »aber Umstände ändern oft genug 'ne Sache. Ging ich auf Ihr gestriges Anerbieten nicht ein und komme ich Ihnen vierundzwanzig Stunden später auf halbem Wege entgegen, so liegen Ursachen vor, die sich fremder Beurteilung entziehen, Ihnen auch gleichgültig sein können. Hier sind meine Kinder,« und er wies auf die Geschwister, die wie zur Schlachtbank geführte Opferlämmer mit stumpfer Scheu um sich sahen. »Was ich aus ihnen heranbildete, davon überzeugten Sie sich selbst; ich brauch' daher nichts mehr hinzuzufügen. Sie sind Zugmittel ersten Ranges, die jedem großen Zirkus zur Ehre gereichen würden; trotzdem möchte ich ihnen eine kurze Schule unter Ihrer Leitung gönnen. Bei ihrer sorgfältigen Vorbereitung kostet's nur die Mühe der Anweisung, um sie ganz fertig zu machen.«

Während dieser Erklärung hatten die Mitglieder des Gauklervorstandes jede Gelegenheit benutzt, sich durch verstohlene Blicke untereinander zu verständigen und demgemäß ihr ferneres Verfahren zu bemessen.

»Also Ihre eigenen Kinder?« nahm die Direktorin zunächst das Wort, und das eine Auge schließend, blinzelte sie mit dem anderen verschmitzt.

»Mein eigen Fleisch und Blut,« beteuerte Galbrett unwirsch.

»Hm, so,« meinte die Direktorin, die Nase in offenem Unglauben rümpfend, »doch die Abkunft ist Nebensache. Für mich bleibt Hauptsache, daß die edlen Sprößlinge auch Edles leisten.«

»Selber vom Fach?« beteiligte der Direktor sich nunmehr wieder an dem Gespräch, und sich majestätisch aufrichtend, wies er mit der Hand auf Galbrett.

»Gewesen,« räumte dieser lauernd ein, »wurde aber in jüngeren Jahren auf ein Schiff verschlagen, wo die Not mich zu harter Arbeit zwang. Da ging freilich ein Teil meiner Gewandtheit verloren; das hinderte mich indessen nicht, zum Lehrfach überzugehen.«

»Auf welches Schiff?« fragte Jannock, wie um überhaupt etwas zu sagen, in der Tat aber, um Galbrett zu unvorsichtigen Äußerungen über seine augenblickliche Lage zu bewegen.

Dieser fuhr sichtbar bestürzt herum. Sobald er aber in das einfältig grinsende Clownsgesicht sah, kehrte seine Überlegung zurück. Über sich selbst nicht minder erbittert, als über den zudringlichen Frager, antwortete er abweisend: »Was hat das mit den Kindern zu schaffen? Oder forschte ich selber, aus welchem Ei Sie hervorgekrochen sind? Verdammt! Gibt's hier keine Einigung, so finde ich sie anderweitig.«

Jannock wechselte einen Blick mit der Direktorin. Diese betrachtete die Kinder prüfend und bemerkte nachlässig: »Zu schwach noch in den Gliedern, um Außergewöhnliches zu leisten.«

»Schlank gebaut sind sie, ich leugne es nicht,« erklärte Galbrett, einem Roßkamm ähnlich, der die Vorzüge eines zum Kauf gestellten Pferdes hervorhebt, »aber ihre Knochen bestehen aus Elfenbein, ihre Sehnen aus Darmsaiten.«

»Wir würden sie nur auf Probe nehmen können,« entschied der Direktor.

»Weiter verlange ich nichts,« versetzte Galbrett ungeduldig, »ich stelle nur die Bedingung, daß sie gleich hier bleiben.«

»Gleich?« fragte die Direktorin nachdenklich, und jetzt hielt Jannock für angemessen, wieder mit in die Verhandlung einzugreifen.

»Ich setze voraus,« hob er an, »wir verwickeln uns nicht in eine Angelegenheit, die uns in Zwiespalt mit den Behörden zu bringen vermag.«

»Über meine eigenen leiblichen Kinder steht mir allein das Verfügungsrecht zu,« erwiderte Galbrett hastig, durch die Bemerkung Jannocks offenbar peinlich betroffen. Er warf einen finsteren Blick auf die Geschwister, die sich nicht zu rühren wagten und jedesmal mit ängstlicher Spannung zu dem emporsahen, der gerade das Wort ergriffen hatte, und fügte zögernd hinzu: »Allerdings gibt es anderes, was ich mit Ihnen besprechen möchte, allein –«

Die Direktorin verstand den Wink. Sie reichte den Geschwistern die Hände und führte sie nach dem entlegensten Winkel des Wagenraumes hinüber. Dort stellte sie auf einer Kiste etwas Fleisch, Brot und ein Glas Bier vor sie hin. Zwei formlose Zeugbündel wies sie ihnen als Sitze an, mit manchem guten Wort die Wohltat eines kräftigen Mahls preisend. Durch einen kalt prüfenden Blick überzeugte sie sich, daß ihre Pflegebefohlenen an nichts weniger dachten, als dem in ihrer Umgebung Stattfindenden viel Aufmerksamkeit zu schenken, dann begab sie sich zu den Männern zurück. Auf Feldstühlen saßen diese nunmehr, die Arme vor sich auf dem kleinen Tisch kreuzend und die Köpfe einander zugeneigt. Als sie in ihrem Kreise sich niederließ, war Jannock eben im Begriff, seine Bedenken über die Aufnahme der Schlangenkinder zu offenbaren.

»Aus allem geht hervor,« erklärte er Galbrett, »daß Ihnen aus irgend welchen rätselhaften Gründen daran gelegen ist, Ihre Kinder – Mann, bedenken Sie doch: Ihre eigene Nachkommenschaft – verschwinden zu lassen. Da möchte der Henker nicht mißtrauisch werden.«

»Verschwinden sollen sie nicht,« ging Galbrett sofort auf des so viel listigeren Clowns Andeutung ein, »ich wünsche sie nur so unterzubringen, daß sie ihrem Beruf nicht entfremdet werden, ich aber, wenn ich über ihr Wohlergehen mich unterrichten will, sie nicht auf der Straße zu suchen brauche. An Einsamkeit sind sie gewöhnt, da bereitet es Ihnen keine Schwierigkeit, sie den Tag über neugierigen Blicken zu entziehen. Des Abends dagegen, während ihres kurzen Auftretens, ist nicht zu befürchten, zumal in dieser abgelegenen Stadtgegend nicht, daß jemand, der sich für berufen hält, meine Familienangelegenheiten zu den seinigen zu machen, sich hierher verirrt.«

»Und wenn es dennoch geschähe?« forschte Jannock verschmitzt, und unter dem grellen Farbenüberzuge entstellte sein spitznasiges Gesicht sich zu einer grinsenden Larve.

»So weisen Sie ihm einfach die Tür,« antwortete Galbrett ingrimmig. »Täglich spreche ich hier vor, und höre ich von Belästigungen, so ist's immer noch Zeit, Gegenmaßregeln mit Ihnen zu vereinbaren.«

Unter den geneigten Stirnen des Gauklervorstandes hervor kreuzten sich, von Galbrett unbemerkt, Blitze triumphierenden Verständnisses, worauf die Direktorin unzufrieden einwarf: »Es spielen also doch allerlei Möglichkeiten?« und beipflichtend klappten des Direktors Hände rückwärts über und nickte das Kreide– und Scharlachgesicht Jannocks dreimal heftig hintereinander.

»In der Welt ist alles möglich,« erklärte Galbrett achselzuckend, »ich wohne nämlich bei der Großmutter meiner Kinder, einer beschränkten Person, die sich in den Kopf gesetzt hat, Künstler unseres Schlages gehörten nicht zu den ehrlichen Menschen. Sie griff daher mit allen zehn Fingern zu, als ein paar verkappte Missionäre, oder was sonst für Heilige es sein mögen, vorschlugen, die Kinder ihrem eigenen Vater zu entführen und betende Götzenbilder aus ihnen zu erziehen. Und so begann die alte Hexe mit Bitten und Beschwörungen auf mich einzureden. Es folgten sinnlose Drohungen, die mich indessen auf den Gedanken brachten, daß ich eines Tages ein leeres Nest vorfinden könnte. Um sicher zu gehen, bleibt mir also kein anderer Ausweg, als den Leuten zuvorzukommen und die beiden da drüben aus dem Wege zu bringen. Denn sind sie einmal fort, da mag der Henker nach ihnen suchen; die Welt ist groß und auf dem Wasser hinterlassen sie keine Spuren.«

»Bei uns fänden sie allerdings den sichersten Schutz,« meinte die Direktorin zögernd, als wäre nach den neuen Eröffnungen ein Entschluß ihr doppelt schwer geworden, »schlimmstenfalls könnten wir den Schauplatz unserer Tätigkeit mehr landeinwärts verlegen.«

»Gerade das ist's, was ich vermieden wissen will,« erklärte Galbrett ingrimmig. »Vertraue ich Ihnen die Kinder zur Gewinn bringenden Ausnutzung ihrer Fähigkeiten an, so muß ich die Bürgschaft haben, nicht eines Tages statt eines Zeltes eine leere Stätte hier vorzufinden.«

»Mein Name ist Buonaventura,« versetzte der Direktor, sich stolz in die Brust werfend, »wer an meinem Wort zweifelt, dem muß ich meine Achtung versagen.«

Galbrett grinste tückisch und bemerkte mit verstecktem Hohn: »Fahrende Künstler binden sich nie an einen bestimmten Ort. Sie sind wie die Zugvögel. Da ist's am sichersten, wenn ich die eigenen Augen und Ohren gebrauche –« und vermittelnd fiel Jannock ein:

»So würde ich Ihnen raten, ebenfalls unserer Gesellschaft beizutreten. Ich vermute, Ihre Schwiegermutter wird auch ohne Sie fertig.«

»Zum Teufel mit Ihren Ratschlägen,« polterte Galbrett, »was ich zu tun habe, weiß ich selbst am besten. Wollen Sie die Kinder behalten, so ist's gut; wenn nicht, so sprechen Sie es offen aus, damit ich keine Zeit verliere;« und in den Zügen aller ein gewisses Entgegenkommen lesend, fuhr er fort: »außerdem bestehe ich darauf, daß von der Mehreinnahme, die Sie den Kindern verdanken, ein bestimmter Anteil mir zufließt.«

Während nunmehr die angeregte Frage in lebhaftem Geflüster erörtert wurde, schien man die beiden Geschwister vollständig vergessen zu haben. Wie von beängstigenden Träumen umfangen, saßen diese in ihrem Winkel. Bis zur Stumpfheit traurig blickten ihre Augen. Sie erzählten von einer Leidensschule, vor der der Engel der Barmherzigkeit sein Antlitz hätte weinend verhüllen müssen. In die Zukunft dachten sie nicht hinaus; aber wenn immer es unbemerkt geschehen konnte, suchte der Knabe die Hand seiner Schwester oder mit leisem Griff eine Falte ihres Kleides, um sich zu halten, daß er nicht von ihr gerissen werde. Nur verstohlen spähten sie nach der eifrig beratenden Gruppe hinüber.

»So wären wir einig,« brachte die Direktorin die Vereinbarung endlich zum Abschluß, indem sie Galbrett die Hand reichte. Sie warf einen Blick auf die Geschwister und fügte laut genug, um von ihnen verstanden zu werden, hinzu: »Seien Sie unbesorgt. Ihre Kinder werden in mir eine zärtliche Mutter finden, die auf Schritt und Tritt ihr Wohlergehen überwacht.«

Galbrett zuckte die Achseln. Die Beteuerung der Direktorin auf ihren wahren Wert zurückführend, hielt er für überflüssig, daran anzuknüpfen. Schweigend erhob er sich, und zu den Geschwistern hinüberschreitend, reichte er ihnen die Hand.

»Ihr werdet vorläufig hier bleiben,« sprach er; »hoffentlich erwerbt ihr euch die Zufriedenheit eurer Prinzipale. Deren Zufriedenheit ist die meinige; ihr kennt mich.«

Er kehrte sich dem Gauklerkleeblatt zu, das sich ebenfalls erhoben hatte. Ob man ihn auch zu allen Teufeln wünschte, so tönten ihm doch freundschaftliche Scheidegrüße nach, als er auf den im Finstern liegenden Stufen sich hinuntertastete.

Die Direktorin hatte den Geschwistern einige Decken gereicht, in die diese sich alsbald zur Nachtruhe einhüllten. An den Tisch zurückkehrend, wo Buonaventura und Jannock bereits wieder Platz genommen hatten, griff sie sofort in das leise geführte Gespräch ein.

»Ein jämmerlicher Schurke,« sprudelte es von ihren Lippen, »es ist nicht mehr als Christenpflicht, ihn seiner Kinder zu entledigen.«

»Seiner Kinder?« fragte der Direktor sittlich entrüstet, »nennt mich den ungelenkigsten Besenstiel, der je in einem Winkel verrottete, wenn's seine eigenen sind.«

»Um so günstiger,« meinte Jannock bedächtig, die feuerfarbigen Brauen etwas höher nach der Kreidestirn hinaufschraubend, »je mehr Ursache er selber zu allerlei Befürchtungen hat, um so weniger brauchen wir seine Bedingungen zu berücksichtigen.«

»Ein wahres Wort,« bestätigte die Direktorin, »wohl brachte er die Kinder hierher; ob sie ihn aber jemals von hier fortbegleiten, möchte ich bezweifeln.«

Und wiederum zwängte sich das Kreidegesicht in zahlreiche Denkerfalten. »Die einzige Gefahr liegt in einem abermaligen zähen Wechsel seiner Gesinnungen. Wir müssen daher solche Vorkehrungen treffen, daß wir nicht überrascht werden können.«

Hier neigten die drei Verbündeten ihre Häupter näher zueinander hin, und mit dem Werk, das sie dann mit gedämpfter Stimme vorbereiteten, standen im Einklange die farbenreichen, flitternden Lappen und Gewebe, deren wunderliche Zusammenstellung sie auch äußerlich zu Höllengeistern stempelte; stand im Einklange das verschmitzte Lachen, mit dem man bald diesen, bald jenen von Hohn strotzenden Scherz lohnte. Denn nicht mehr menschliche Wesen waren es für die drei Genossen, über deren Zukunft sie schamlos verfügten, sondern Automaten oder Waren. Was aus ihnen wurde, wen kümmerte das weiter? Mochten sie hinter einem Zaun ihr Leben aushauchen, oder in einem Spital, wenn nicht Gefängnis, langsam dahinsiechen: Ihnen weinte keiner nach.

Eine halbe Stunde hatten sie beieinander gesessen, als die Direktorin die Beratung mit den Worten schloß: »Was geschehen soll, muß aber bald geschehen.«

Jannock sah nach der unförmlichen Taschenuhr, die seitwärts von ihm an der Bretterwand hing.

»Halb zwölf,« sprach er nachdenklich, »eigentlich schon spät; aber der Henker traue diesem Galbrett. Breche ich jetzt auf – umgekleidet bin ich in drei Minuten – so treffe ich die ehrenwerte Mutter Rowdy noch munter,« und hämisch lachte er vor sich hin.

Er leerte das ihm von der Direktorin gebotene Glas und erhob sich.

»Gute Verrichtung,« tönte es ihm nach, als er den Wagen verließ und die Tür hinter sich zudrückte.

»Ein Mensch von unbezahlbarem Wert,« erklärte die Direktorin, indem sie, dem Beispiel des Gatten folgend, des Flitterstaates sich zu entledigen begann.

Als die Lampe in dem Direktorwagen endlich erlosch und nur noch ein trübe schwelendes Nachtlicht etwas Helligkeit verbreitete, da befand Jarmock sich weit abwärts in einem Stadtteil, in dessen engen, finsteren Gassen ein weniger Kundiger sich zehnmal verirrt hätte. –

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