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Gutenberg > William Shakespeare >

Die beiden Edelleute von Verona

William Shakespeare: Die beiden Edelleute von Verona - Kapitel 7
Quellenangabe
typecomedy
booktitleBibliothek ausländischer Klassiker in deutscher Übertragung - Shakespeare (Der Liebe Lohn verloren / Die beiden Edelleute von Verona)
authorWilliam Shakespeare
translatorKarl Simrock
year1867
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
addressHildburghausen
titleDie beiden Edelleute von Verona
pages96
created20130710
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfter Aufzug.


Erster Auftritt.

Ein Kloster in Mailand.

Eglamour tritt auf.

Eglamour. Die Sonne goldet schon den Abendhimmel:
Die Stunde naht, die Silvia mir bestimmte,
Hier bei Patricius Zelle sie zu treffen,
Sie bleibt nicht aus, denn Liebende verfehlen
Die Stunde nur, um vor der Zeit zu kommen,
So sehr beeilen sie ihr Stelldichein.
        (Silvia tritt auf.)
Da kommt sie schon. Mein Fräulein, guten Abend!

Silvia. Amen, Amen! Geht, guter Eglamour,
Dort durch der Klostermauer Hinterthür:
Ich fürchte, daß ein Späher mich belauscht.

Eglamour. Sorgt nicht; zum Wald ists nicht drei Meilen weit.
Ist der erreicht, sind wir in Sicherheit.

(Beide ab.)


Zweiter Auftritt.

Gemach im herzoglichen Pallast.

Thurio, Proteus und Julie treten auf.

Thurio. Proteus, was sagt Silvia zu meiner Werbung?

Proteus. Ich finde sie jetzt milder, Ser, als früher;
Doch hat sie viel noch an euch auszusetzen.

Thurio. Wie, daß mein Bein zu lang ist?

Proteus.                                                     Nein, zu dünn.

Thurio. So trag ich Stiefel, daß es runder wird.

Julie (beiseite).
Den Haß verkehrt ein Sporn in Liebe nicht.

Thurio. Und mein Gesicht?

Proteus.                               Sie findet es recht hell.

Thurio. Da lügt die Lose: mein Gesicht ist schwarz.

Proteus. Doch hell sind Perlen, und das Sprichwort sagt:
Ein schwarzer Mann ist Schönen eine Perle.

Julie (beiseite).
Ja, Perlen wie ein Mädchenaug vergießt;
Denn lieber blind als solchen Gimpel sehn.

Thurio. Und mein Gespräch?

Proteus.                                   Schlecht, wenn vom Krieg ihr sprecht.

Thurio. Doch gut, wenn ich von Liebe red und Frieden?

Julie (beiseite).
Am besten, wenn ihr sie in Frieden laßt.

Thurio. Was sagt sie denn von meinem Muth?

Proteus. O Ser, sie zweifelt nicht daran.

Julie (beiseite).
Nicht nöthig, da sie eure Feigheit kennt.

Thurio. Und was von meiner Abkunft?

Proteus. Daß ihr sehr hoch herabgekommen seid.

Julie (beiseite).
O ja, vom Edelmann herab zum Narren.

Thurio. Erwägt sie meine Güter?

Proteus.                                           Ja, mit Bedauern.

Thurio. Weshalb?

Julie (beiseite).         Daß solch ein Esel sie besitzt.

Proteus. Daß sie verpachtet sind.

Julie.                                             Da kommt der Herzog.

(Der Herzog tritt auf.)

Herzog. Wie gehts, Ser Proteus? Thurio, wie gehts?
Hat Keiner jüngst Ser Eglamour gesehn?

Thurio. Ich nicht.

Proteus.                 Ich nicht.

Herzog.                                   Saht ihr denn meine Tochter?

Proteus. Auch nicht.

Herzog. So floh sie zu dem lumpgen Valentin,
Und Eglamour hat sie dahin begleitet.
Gewiss, denn Fra Lorenzo traf sie beide,
Als er wallfahrtend durch die Waldung schritt:
Ihn kennt er wohl und glaubte Sie zu kennen,
Doch ihrer Maske wegen trug er Zweifel;
Auch gab sie vor, sie woll am Abend beichten
In St. Patricius Zell, und kam dann nicht.
Durch alles dieß wird ihre Flucht bestätigt.
Drum bitt ich, steht nicht lang berathend da,
Nein, springt zu Pferde gleich und trefft mich dort
Am Fuße des Gebirgs, wo sich der Hügel
Nach Mantua zieht: dahin sind sie geflohn.
Beeilt euch, werthe Herrn, und folgt mir nach. (Ab.)

Thurio. Nun ja, das heißt doch recht ein kindisch Ding,
Die ihrem Glück entflieht, wenn es ihr folgt.
Ich folge mehr um Eglamour zu strafen
Als weil ich Silvia noch, die Thörin, liebe. (Ab.)

Proteus. Ich folge mehr aus Liebe Silvias
Als weil mir Eglamour verhaßt, ihr Führer. (Ab.)

Julie. Ich folge nur zu wehren dieser Liebe
Und haße Silvien nicht, die floh aus Liebe. (Ab.)


Dritter Auftritt.

Wald.

Silvia und Räuber treten auf.

Erster Räuber. Kommt, kommt!
Sorgt nicht, wir bringen euch zu unserm Hauptmann!

Silvia. Durch tausend größre Unglücksfälle lernt ich,
Den heutigen geduldig zu ertragen.

Zweiter Räuber. Kommt, führt sie weg!

Erster Räuber. Wo ist der Edelmann, der bei ihr war?

Dritter Räuber. Flink auf den Füßen ist er uns entlaufen;
Doch Moses mit Valerius setzt ihm nach,
Geh du mit ihr nach Westen in den Wald
Zum Hauptmann, während wir dem Flüchtgen folgen.
Das Dickicht ist besetzt, er kann nicht durch,

Erster Räuber. Kommt, zu des Hauptmanns Höhle bring ich euch.
Doch fürchtet nichts, er ist von edelm Sinn
Und geht mit keinem Weibe übel um.

Silvia. O Valentin, dieß duld ich deinethalb.


Vierter Auftritt.

Ein andrer Theil des Waldes.

Valentin tritt auf.

Valentin. Wie doch Gewohnheit auf die Menschen wirkt!
Die schattge Einsamkeit, der dunkle Wald
Gefällt mir mehr als volkreich blühnde Städte.
Hier kann ich einsam sitzen, ungesehn,
Und zu dem Klagelaut der Nachtigall
Mein Leid besingen, meine Seufzer hauchen.
Du, dieser Brust Alleinbesitzerin,
Laß deine Wohnung nicht verödet stehn
Bis sie in Trümmer sinkt, der Bau zerfällt,
Und kein Gedächtniss bleibt, was er einst war!
Erbau mich wieder, Silvia: deine Nähe,
Geliebte Nymphe, tröste deinen Schäfer! –
Welch ein Halloh ists heute, welch ein Lärm?
Mein Volk ists, das den Willen zum Gesetz macht,
Und ein Paar arme Wanderer verfolgt.
Sie lieben mich; doch hab ich viel zu thun,
Von roher Ungebühr sie abzuhalten.
Verbirg dich, Valentin: wen seh ich kommen?

(Er zieht sich zurück.)
(Proteus, Silvia und Julie treten auf.)

Proteus. Mein Fräulein, diesen Dienst erwies ich euch,
Gilt gleich für nichts euch eures Dieners Thun.
Mein Leben wagt ich, euch von dem zu lösen,
Der euch entehrt, und Lieb erzwungen hätte.
Gönnt mir zum Dank nur einen holden Blick.
Geringern Lohn als den kann ich nicht fordern
Und weniger könnt ihr unmöglich geben.

Valentin (beiseite).
Wohl einem Traum gleicht was ich seh und höre:
Leih, Liebe, mir Geduld, jetzt noch zu schweigen.

Silvia. Wie elend bin ich, wie beklagenswerth!

Proteus. Elend, mein Fräulein, wart ihr, eh ich kam,
Allein mein Kommen macht euch wieder glücklich.

Silvia. Recht elend ward ich erst als ihr erschient.

Julie (beiseite).
Ich würd es erst, wenn er dir näher käme.

Silvia. Würd ich dem Leu, dem hungrigen, zum Raub!
Viel lieber Speise sein dem wilden Thier
Als von des falschen Proteus Hand errettet!
Du, Himmel, weist wie Valentin ich liebe,
Des Leben theuer mir, wie meine Seele,
Und ganz so sehr, denn mehr noch wär unmöglich,
Ist der meineidge Proteus mir zum Abscheu.
Drum geh nur hin und laß um mich dein Werben.

Proteus. Haarsträubender Gefahr, dicht bei dem Tod,
Wich ich nicht aus um Einen holden Blick,
Es ist der Liebe Fluch, bewährt so oft:
Den liebt kein Weib, der Liebe von ihr hofft.

Silvia. Die liebt kein Proteus, die den Falschen liebt.
In Juliens Brust lies, deiner erst Geliebten,
Um deren theure Gunst dein Herz zerfloß
In tausend Schwüre: alle tausend hast du
In Meineid umgewandelt mich zu lieben.
Nun hast du keine Treu mehr, wenn nicht zwei,
Was schlimmer wär als keine: beßer keine
Als Doppeltreue, die zuviel um eine.
Verräther deines wahren Freundes du!

Proteus.                                                           In Liebe,
Wem gilt da Freundschaft?

Silvia.                                           Jedem außer Proteus.

Proteus. Nun, wenn der milde Geist beredter Worte
Euch nicht zu sanfterer Gesinnung stimmt,
Werb ich als Krieger mit des Arms Gewalt
Und lieb euch wider die Natur der Liebe.

Silvia. O Himmel!

Proteus.                 Ich zwinge dich mir zu willfahren.

Valentin. Schandbube, weg mit deiner rohen Hand!
Freund aller schnöden Sitte!

Proteus.                                         Valentin!

Valentin. Gemeiner Freund, der Treu und Liebe höhnt!
(So sind die Freunde jetzt) o du Verräther!
Du trogst mein Hoffen: meinem Aug allein
Mag ich dieß glauben. Nun darf ich nicht sagen:
Mir lebt ein Freund, weil du mich Lügen straftest.
Wem traun wir noch, wenn unsre rechte Hand
Sich wider unsre Brust empört? O Proteus,
Wie traurig, nie darf ich dir wieder traun,
Muß mich um dich der Welt ein Fremdling achten.
O schlimme Zeit: so tief kann nichts verwunden,
Als wird im Freund der schlimmste Feind gefunden.

Proteus. Mich tödten Scham und Schuld!
Vergieb mir, Valentin; wenn Herzensreue
Genügen kann, Beleidigung zu büßen,
So sieh mich an: so groß ist jetzt mein Schmerz
Als je die Schuld war.

Valentin.                           Dann bin ich versöhnt
Und achte wieder dich als Ehrenmann.
Wen Reue nicht versöhnen kann, verdient
Erde noch Himmel: die sind beide mild;
Durch Reue wird des Ewgen Zorn gestillt;
Und daß vollkommen scheine mein Verzeihn,
Laß ich dir Alles, was an Silvien mein.

Julie. O ich Unselge! (Wird ohnmächtig.)

Proteus.                     Seht, was fehlt dem Knaben?

Valentin. Ei, Knabe! Schelm! was soll das sein? was fehlt dir?
Blick auf und sprich!

Julie.                                 O Ser, mein Herr befahl mir,
Der Fräulein Silvia diesen Ring zu bringen,
Was ohne meine Schuld noch nicht geschah.

Proteus. Wo ist der Ring?

Julie.                                   Hier ist er. (Giebt ihm einen Ring.)

Proteus.                                               Laß mich sehn:
Ha, Julien hab ich diesen Ring geschenkt.

Julie. Verzeiht mir, Herr, ich habe mich vergriffen.
Dieß ist der Ring, den ihr an Silvia sandtet. (Zeigt einen andern.)

Proteus. Allein wie kamst du denn zu jenem Ring?
Beim Abschied gab ich ihn an Julien.

Julie. Und Julie selber hat ihn mir gegeben,
Und Julie selber hat ihn hergebracht.

Proteus. Wie? Julie?

Julie. So schau sie denn, das Ziel so vieler Schwüre,
Die sie im Herzen alle tief bewahrte.
Wie oft zerschoß dein Meineid dann ihr Herz:
Laß diese Tracht auch, Proteus, dich beschämen:
Erröthe du, daß solch unschicklich Kleid
Ich angelegt; wenn Schande leben kann
In Liebesmasken.
Anstand entscheide, wer am schwersten fehle,
Vertauscht ein Weib ihr Kleid, ein Mann die Seele.

Proteus. Ein Mann die Seele, wahr! Gott, wär ein Mann
Nur treu, er wär vollkommen. Dieser Mangel
Füllt ihn mit Fehlern, führt zu allen Sünden.
Untreu zehrt ab eh sie noch recht gelebt.
Was säh ein treues Auge frischer nicht
In Julien als in Silviens Angesicht?

Valentin. Wohlan, reicht mir die Hände:
Gönnt mir das Glück, so schönen Bund zu weihn;
Wir Freunde dürfen niemals Feinde sein.

Proteus. Der Himmel weiß, mir ward erwünschtes Glück.

Julie. Wahrlich auch mir.

(Räuber mit dem Herzog und Thurio treten auf.)

Räuber. Ha Beute, Beute, Beute!

Valentin. Zurück, sag ich: es ist mein Fürst, der Herzog.
Eur Gnaden sei gegrüßt dem gnadelosen,
Verbannten Valentin.

Herzog.                             Wie, Valentin!

Thurio. Silvia ist dort und Silvia ist mein.

Valentin. Thurio, hinweg: sonst kostet es dein Blut.
Tritt nicht in den Bereich ein meiner Wuth,
Noch nenne Silvia dein: thus noch einmal
Und Mailand schützt dich nicht. Hier sieh sie stehn:
Nun wag an ihres Kleides Saum zu rühren!
Nicht athmen darfst du hin nach meinem Lieb.

Thurio. Ser Valentin, ich frage nichts nach ihr.
Ich halt ihn nicht für klug, der in Gefahr
Sich für ein Mädchen setzt, das ihn nicht liebt.
Ich will sie nicht und darum sei sie dein.

Herzog. Um so entarteter und schlechter bist du,
Mit solchem Aufwand erst um sie zu werben
Und dann sie gleich aus Feigheit aufzugeben. –
Jetzt bei der Macht und Würde meiner Ahnen
Bewundr ich deine Kühnheit, Valentin!
Du bist der Liebe einer Kaiserin werth,
Vergeßen sei denn wie du mich gekränkt,
Dein Bann gelöst: ich rufe dich zurück. –
Verdienst giebt dir ein Recht auf neuen Stand,
Den ich verleihe; Ritter Valentin,
Steh auf, ein Edelmann von altem Blut:
Nimm deine Silvia, du bist sie werth.

Valentin. Eur Gnaden Dank: die Gabe macht mich glücklich.
Ich bitt euch nun, um eurer Tochter willen,
Gewährt mir eine Gunst, die ich erflehe.

Herzog. Gewährt ist deinetwillen, was es sei.

Valentin. Herr, die Verbannten, die mit mir gelebt,
Sind Männer voll Verdienst und seltnem Werth:
Seht ihnen nach was sie begangen haben,
Und ruft aus der Verbannung sie zurück.
Sie sind gebeßert, mild und wohlgesinnt
Und hoher Aemter würdig, edler Fürst.

Herzog. Es sei gewährt: Verzeihung dir und ihnen!
Gieb ihnen Stellen, Jedem nach Beruf.
Komm, laß uns gehn und enden jeden Zwist
Mit Freudenspiel und seltner Festlichkeit.

Valentin. Und unterwegs hab ich vielleicht das Glück,
Euch im Gespräch ein Lächeln abzuzwingen.
Was dünkt euch wohl, mein Fürst, von diesem Pagen?

Herzog. Er scheint ein holder Knabe; er erröthet.

Valentin. Ich steh dafür, er ist mehr hold als Knabe.

Herzog. Was meint ihr mit dem Scherz?

Valentin. Geliebts, so will ichs euch im Gehn erzählen,
Daß ihr euch wundern werdet der Geschichte. –
Komm Proteus, dieß soll deine Strafe sein,
Zu hören deine Liebesabenteuer.
Hernach sei unser Hochzeittag auch deiner:
Ein Fest, Ein Haus, ein doppelt Liebesglück,

(Alle ab.)

 


 

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