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Gutenberg > William Shakespeare >

Die beiden Edelleute von Verona

William Shakespeare: Die beiden Edelleute von Verona - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
booktitleBibliothek ausländischer Klassiker in deutscher Übertragung - Shakespeare (Der Liebe Lohn verloren / Die beiden Edelleute von Verona)
authorWilliam Shakespeare
translatorKarl Simrock
year1867
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
addressHildburghausen
titleDie beiden Edelleute von Verona
pages96
created20130710
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritter Aufzug.


Erster Auftritt.

Mailand. Vorzimmer im herzoglichen Pallast.

Der Herzog, Thurio und Proteus treten auf.

Herzog. Laßt uns jetzt, Thurio, kurze Zeit allein:
Wir haben was Geheimes zu verhandeln.
        (Thurio ab.)
Nun sprich, Proteus: was hast du mir zu sagen?

Proteus. Mein gnädger Fürst, was ich eröffnen wollte,
Heißt das Gesetz der Freundschaft mich verhehlen;
Gedenk ich aber eurer Gunst und Gnade,
Die ihr so reich gewährt dem Unverdienten,
So drängt mich doch die Pflicht, euch zu vertrauen
Was sonst mir wohl kein Gut der Welt entriße.
Wißt, edler Fürst, daß Valentin, mein Freund,
Euch diese Nacht die Tochter will entführen;
Er hat den Anschlag selber mir vertraut.
Ich weiß, daß ihr sie Thurio zu geben
Beschloßt, den eure schöne Tochter haßt;
Und würde sie euch also weggestohlen,
Das wär ein bittrer Kummer euerm Alter.
Darum aus Pflichtgefühl gedacht ich, lieber
Des Freundes Uebelthat zu hintertreiben
Als sie verhehlend auf eur graues Haupt
Ein Sorgenheer zu häufen, das entfeßelt
Euch niederzöge in ein frühes Grab.

Herzog. Proteus, ich danke dir die treue Sorge,
Für die ich lebenslang dein Schuldner bleibe.
Gar wohl bemerkt ich dieser Beiden Liebe,
Wenn sie mich manchmal eingeschlafen wähnten,
Und oft schon dacht ich Valentin den Hof
Und ihren Umgang gänzlich zu verbieten;
Aus Furcht jedoch, mein Argwohn blicke fehl
Und möcht ihm unverdiente Kränkung zuziehn,
Wie stäts ich Uebereilung gern vermied,
Blickt ich ihn freundlich an, bis ich erkundet,
Was du soeben mir verrathen hast.
Und daß du siehst, wie ich dieß stäts gefürchtet,
Wohlwißend, wie verführbar zarte Jugend,
So schloß ich Nachts sie stäts auf Thurmeshöhe,
Und nahm den Schlüßel selber in Verwahrung:
Von dort sie zu entführen ist unmöglich.

Proteus. Wißt, edler Herr, ein Mittel fanden sie,
Wie er ihr Kammerfenster mag ersteigen
Und auf gewundnem Seil sie niederlaßen:
Darnach gieng eben der verliebte Jüngling
Und kommt sogleich damit des Wegs zurück:
Ihr mögt ihn, wenn ihr wollt, damit betreffen;
Doch thut es so behutsam, edler Fürst,
Daß er nicht merkt, wer ihn verrathen hat.
Denn euch zu Lieb, nicht aus des Freundes Haß,
Hab ich euch seinen Anschlag kund gethan.

Herzog. Bei meiner Ehre, nie soll er erfahren,
Daß ich euch Licht verdankt in dieser Sache!

Proteus. Lebt wohl, mein Fürst; da kommt schon Valentin. (Ab.)

(Valentin tritt auf.)

Herzog. Freund Valentin, wohin so schnellen Schritts?

Valentin. Erlaubt, mein edler Fürst, ein Bote wartet,
Der meinen Freunden Briefe bringen soll,
Die ich ihm eben übergeben will.

Herzog. Sind sie von Wichtigkeit?

Valentin. Ihr Inhalt ist, daß ich mich wohl befinde
Und hier an euerm Hofe glücklich lebe.

Herzog. So drängt es nicht, bleib eine Weile hier:
Ich möchte dir von einer Sache sprechen
Hier insgeheim, die mich sehr nah betrifft.
Dir ist nicht unbekannt, daß ich die Tochter
Ser Thurio, meinem Freund, vermählen will.

Valentin. Ich weiß, mein Fürst, und wahrlich die Verbindung
Wär reich und ehrenvoll, zumal der Mann
Durch Tugenden und gute Eigenschaften
Ein Weib verdient wie eure schöne Tochter.
Könnt ihr sie nicht bestimmen, ihn zu lieben?

Herzog. Nein, wahrlich: sie ist albern, spröd und trotzig,
Im Ungehorsam starr und pflichtvergeßen;
Sie achtet nicht was sie als Kind mir schuldet
Und kennt vor ihrem Vater keine Furcht.
Und dieser Uebermuth, daß ichs gesteh,
Hat ihr, wie billig, meine Lieb entzogen,
Und wenn ich sonst für meine letzten Tage
Auf treue Kindespflege Hoffnung baute,
So bin ich jetzt gesonnen, noch zu freien;
Sie aber mag sich andre Heimat gründen;
Mög ihre Schönheit dann ihr Mitgift sein,
Da sie mich selbst geringschätzt und mein Gut.

Valentin. Was will eur Gnaden, daß ich hierin thue?

Herzog. Es ist ein Mädchen, Freund, in Mailand hier,
Die mir gefällt; doch thut sie spröd und kalt,
Und läßt sich von dem Greise nicht bereden.
Drum wollt ich dich zu meinem Anwalt machen,
Denn längst vergaß ich schon das Courtoisieren;
Auch hat sich wohl der Brauch seitdem verändert.
Drum rathe, wie ich mich betragen soll,
Ihr sonnenhelles Auge festzuhalten.

Valentin. Schickt ihr Geschenke, wenn nicht Worte helfen.
Ein stumm Juwel, obwohl es scheinbar schweigt,
Macht mehr als Worte oft ein Weib geneigt.

Herzog. Doch ein Geschenk hat sie zurückgeschickt.

Valentin. Ein Weib verschmäht oft, was sie gern erblickt:
Ein andres schickt, gebt sie nicht auf so bald.
Die Neigung wird recht heiß, die Anfangs kalt;
Wenn sie erst zürnt, ists nicht, weil sie euch haßt,
Sie will, daß Lieb euch tiefer erst erfaßt.
Schickt sie euch fort, das heißt nicht, ihr sollt gehn;
Die Närrchen werden wild, läßt man sie stehn.
Nehmt keinen Korb an was sie immer sage,
Denn »packe dich« bedeutet sicher: »wage«.
Lobt, schmeichelt, preist, vergöttert ihre Mängel;
Wie schwarz sie sei, vergleicht sie einem Engel.
Ein Mann, der eine Zung hat, ist kein Mann,
Wenn sie ihm nicht ein Weib gewinnen kann.

Herzog. Doch die ich meine, ward von ihren Freunden
Einem jungen würdgen Edelmann versprochen,
Und streng bewacht vor aller Männer Zutritt,
Daß Niemand sie bei Tage sehen mag.

Valentin. So sucht ich in der Nacht zu ihr zu kommen.

Herzog. Die Thür ist zu, der Schlüßel wohl verwahrt,
Daß Niemand auch des Nachts zu ihr gelangt.

Valentin. Was hindert, durch das Fenster einzusteigen?

Herzog. Ihr Zimmer liegt zu hoch, vom Boden fern,
In solcher Höh, daß Niemand auf mag klimmen
Als mit des Lebens sichtlicher Gefahr.

Valentin. Nun, eine Leiter, fest geknüpft aus Stricken,
Mit ein Paar Ankerhaken aufzuwerfen,
Genügt, der Hero Thurm wohl zu ersteigen,
Wenn ein Leander kühn es wagen wollte.

Herzog. Bist du ein Edelmann von echtem Blut,
Hilf mir mit deinem Rath zu solcher Leiter.

Valentin. Wann braucht ihr sie? ich bitte, sagt mir an.

Herzog. Noch diese Nacht; denn Lieb ist wie ein Kind,
Das ungeduldig nach dem Spielzeug greift.

Valentin. Um sieben Uhr schaff ich euch solche Leiter.

Herzog. Doch höre, ganz allein will ich zu ihr.
Wie schaff ich denn die Leiter an den Platz?

Valentin. Sie ist so leicht, ihr mögt sie selber tragen,
Ist euer Mantel nur von einger Länge.

Herzog. Ist lang genug ein Mantel wie der deine?

Valentin. Ja, gnädger Herr.

Herzog.                                 Zeig deinen Mantel her,
So lang wie den laß ich mir einen machen.

Valentin. Ei Herr, ein jeder Mantel thut den Dienst.

Herzog. Wie mach ichs, solchen Mantel umzuwerfen?
Ich bitte, häng mir deinen einmal um. –
Was ist das für ein Brief? Laß sehn: – »An Silvia?«
Und hier ein Werkzeug, wie ich es bedarf?
Ich bin so frei, das Siegel zu erbrechen.
        »Bei Silvia weilen die Gedanken nächtig;
        Als meine Diener laß ich sie entfliegen:
        O wär ihr Herr so frohen Fluges mächtig,
        Um da zu ruhn, wo sie genußlos liegen:
        Dein keuscher Busen birgt die Abgesandten,
        Da ich, ihr König, dem solch Glück nicht blühte,
        Die Gunst verfluche, die sie mir entwandten:
        O gönnte sie mir selber Deine Güte:
        Mich selbst verfluch ich, daß ich jene sende
        Hin wo ich selbst mich gern beseligt fände!«
Was noch?
        »Silvia, in dieser Nacht befrei ich dich.«
Ja, und dazu soll diese Leiter dienen, –
Ha, Phaeton (denn du bist Merops Sohn),
Wagst du den Himmelswagen zu regieren,
Durch Uebermuth die Welt in Brand zu setzen?
Greifst du nach Sternen, weil sie dich bescheinen?
Geh, niedrer Eindringling, wahnsinnger Sklav,
Dein grinzend Lächeln wend an deines Gleichen:
Weil ich mich faßen kann, nicht weil dus werth bist,
Sei dir vergönnt, dich aus dem Staub zu machen.
Dieß dank mir mehr als alle Gunstbezeugung,
Die ich an dich Unwürdigen verschwendet.
Doch lungerst du in meinen Landen länger
Als nöthig ist zur schnellsten Vorbereitung,
Uns unsern königlichen Hof zu räumen,
Bei Gott, so wird mein Zorn viel heißer lodern,
Als ich die Tochter je und dich geliebt.
Hinweg! Ich will nicht eitle Ausflucht hören:
Liebst du dein Leben, spute dich von hinnen! (Ab.)

Valentin. Warum nicht lieber todt als qualvoll leben?
Denn sterben ist verbannt sein von mir selbst,
Und Silvia ist ich selbst: verbannt von ihr
Ist Selbst von Selbst und tödtliche Verbannung!
Welch Licht ist Licht, wenn ich nicht Silvien sehe?
Ist Lust noch Lust, wo Silvia nicht zugegen?
Und war sies nicht, so dacht ich sie zugegen,
Vom Schattenbild der Göttlichkeit zu zehren.
Nur wenn ich in der Nacht bei Silvien bin,
Ist mir Musik das Lied der Nachtigall.
Und wenn bei Tag ich Silvien nicht sehe,
So ist der Tag mir nicht des Schauens werth,
Sie ist mein Wesen, und ich lebe nicht,
Werd ich durch ihren schönen Einfluß nicht
Genährt, bestralt, erquickt und neubelebt.
Flieh ich den Spruch, dem Tod entflieh ich nicht;
Verweil ich hier, erwart ich nur den Tod;
Flieh ich von hier, entflieh ich allem Leben.

(Proteus und Lanz treten auf.)

Proteus. Lauf, Bursch, lauf, lauf und such ihn mir!

Lanz. Heda, heda!

Proteus. Was siehst du?

Lanz. Gerade den wir suchen: es ist kein Haar auf seinem Kopfe, das nicht ein Valentin ist.

Proteus. Valentin?

Valentin. Nein.

Proteus. Was denn? sein Geist?

Valentin. Auch der nicht.

Proteus. Was denn?

Valentin. Niemand.

Lanz. Kann Niemand sprechen? – Herr, soll ich schlagen?

Proteus. Wen willst du schlagen?

Lanz. Niemand.

Proteus. Halt, Schurke!

Lanz. Nun, Herr, ich will Niemand schlagen; ich bitt euch –

Proteus. Zurück, sag ich! – Freund Valentin, ein Wort. –

Valentin. Mein Ohr ist taub für jede gute Zeitung,
So sehr von böser ist sie vollgepfropft.

Proteus. In dumpfes Schweigen senk ich denn die meine,
Denn sie ist heiser, rauh und übeltönend.

Valentin. Ist Silvia todt?

Proteus.                           Nein, Valentin.

Valentin. Kein Valentin mehr für Schön Silvia!
Brach sie die Treue mir?

Proteus.                                 Nein, Valentin,

Valentin. Kein Valentin, wenn Silvia mich verschwor,
Und deine Zeitung?

Lanz. Herr, man rief aus, ihr wärt verwandt.

Proteus. Daß du verbannt bist, ach, das ist die Zeitung,
Von hier, von Silvia, von mir, dem Freund!

Valentin. O diese Schmerzen hab ich schon durchkostet,
Das Uebermaß wird jetzt mich übersättgen.
Weiß es denn Silvia schon, daß ich verbannt?

Proteus. Ja, ihr entströmte bei dem Richterspruch,
Der, kommt kein Widerruf, in Wirkung tritt,
Ein schmelzend Perlenmeer, man nennt es Thränen:
Die goß sie vor des rauhen Vaters Füße,
Zugleich auf ihre Knie ihr flehend Selbst,
Zwei Hände ringend, deren Weiß sie schmückte,
Als würden sie erst jetzt so bleich vor Weh;
Doch nicht gebognes Knie, erhobne Hand,
Seufzen, Gestöhn, noch Silberflut der Thränen,
Nichts rührte mehr den unmitleidgen Vater.
Doch Valentin, wird er gefaßt, muß sterben.
Ja, ihre Fürsprach reizt' ihn so zum Zorn,
Als sie für seine Rückberufung bat,
Daß er in enge Haft sie bringen ließ
Und nie zu öffnen drohte solch Verlies.

Valentin. Nicht mehr, wenn nicht das Nächste, was du sprichst,
Die Kraft besitzt, mein Leben zu vernichten.
In diesem Falle hauch es in mein Ohr
Als Schlußgesang endlosen Ungemachs.

Proteus. Nein, klage nicht, wo du nicht helfen kannst,
Und suche da zu helfen, wo du klagst.
Die Zeit ist Amm und Mutter alles Guten.
Verbleibst du hier, so siehst du nicht dein Lieb,
Und dein Verweilen kürzt dein Leben nur.
Der Liebe Stab ist Hoffnung: geh daran;
Er schützt dich vor verzweifelnden Gedanken.
Bist du auch fern, hier sind doch deine Briefe:
Die sende mir, so werd ich sie befördern
An den milchweißen Busen deiner Lieben.
Es ist jetzt keine Zeit, dich zu beschweren:
Komm, durch das Thor der Stadt begleit ich dich
Und eh wir scheiden, laß uns noch genau
Berathen was dein Liebesglück betrifft.
Um Silvien, die du liebst, wenn nicht um dich,
Bedenke die Gefahr und komm mit mir.

Valentin. Hör, Lanz, sobald du meinen Burschen siehst,
Heiß ihn doch eilends mich am Nordthor treffen.

Proteus. Geh schnell und such ihn auf! Komm, Valentin!

Valentin. O theure Silvia, armer Valentin!

(Proteus und Valentin ab.)

Lanz. Ich bin nur ein Narr, seht ihr, und doch hab ich den Verstand, zu sehen, daß mein Herr eine Art von Spitzbuben ist. Das ist Alles eins, wenn er nur weiter nichts wäre. – Der soll noch geboren werden, der weiß, daß ich verliebt bin, und doch bin ich verliebt; aber ein Gespann Pferde soll das nicht aus mir herausziehen; und auch nicht, in wen ich verliebt bin, und doch ists ein Weibsbild. Aber was für ein Weibsbild, das will ich mir selbst nicht einmal sagen, und doch ists ein Milchmädchen; und doch kein Mädchen, denn sie hat schon ein Hufeisen verloren, und doch ists ein Mädchen, denn sie ist ihres Herren Mädchen und dient um Lohn. Sie hat mehr Qualitäten als ein Waßerhund, welches viel ist für einen Christenmenschen. Hier ist der Katzenlog von ihren Vollkommenheiten (zieht ein Papier heraus). »Inprimis, sie kann tragen und holen.« Nun, ein Pferd kann nicht so viel; ein Pferd kann nicht holen, nur tragen: deswegen ist sie beßer als eine Mähre. »Item, sie kann melken«: seht ihr, eine schöne Tugend an einer Dirne, die saubre Hände hat.

(Sput tritt auf.)

Sput. Nun, Signor Lanz, was giebts Neues mit deiner Herschaft?

Lanz. Deines Herren Affe? Nun, der bist du.

Sput. Ach, immer noch deine alte Unart, einem das Wort im Munde zu verdrehen. Was steht denn Neues in deinem Papier?

Lanz. Die schwärzeste Neuigkeit, die du je gehört hast.

Sput. Wie so, Mensch, schwarz?

Lanz. Wie? so schwarz wie Dinte.

Sput. Laß michs lesen.

Lanz. Fort, du Dummkopf, du kannst ja nicht lesen.

Sput. Du lügst, ich kanns.

Lanz. Ich will dich auf die Probe stellen: sage mir, wer zeugte dich?

Sput. Nun, der Sohn meines Großvaters.

Lanz. O unstudierter Faullenzer: Es war der Sohn deiner Großmutter. Das zeigt, daß du nicht lesen kannst.

Sput. Komm, Narr, komm: laß michs an deinem Papier versuchen.

Lanz. Hier! und St. Nicolas steh dir bei!

Sput. »Inprimis, sie kann melken.«

Lanz. Ja, das kann sie.

Sput. »Item, sie braut gut Bier.«

Lanz. Ja, und davon kommt das Sprichwort: »Vergelts Gott, ihr braut gut Bier.«

Sput. »Item, sie kann nähen.

Lanz. Das ist soviel als: kann sie? ne.

Sput. »Item, sie kann stricken.«

Lanz. Da muß ein Mann wohl auf die Strümpfe kommen, wenn sie ihm Strümpfe stricken kann.

Sput. »Item, sie kann waschen und scheuern.«

Lanz. Eine sonderliche Tugend, denn so braucht sie der Mann nicht zu waschen und zu scheuern.

Sput. »Item, sie kann spinnen.«

Lanz. So mag die Welt sich drehen, wenn sie nur immer spinnt.

Sput. »Item, sie hat viel namenlose Tugenden.«

Lanz. Das ist soviel gesagt als: Bastarde von Tugenden, die ihren Vater nicht kennen und darum keinen Namen haben.

Sput. Hier folgen ihre Fehler.

Lanz. Den Tugenden hart auf dem Fuße.

Sput. »Item, sie ist nicht gut nüchtern zu küssen, wegen ihres Athems.«

Lanz. Nun, diesen Fehler macht ein Frühstück gut. Lies weiter.

Sput. »Item, sie ist ein Süßmäulchen.«

Lanz. Das entschädigt für ihren sauern Athem.

Sput. »Item, sie spricht im Schlaf.«

Lanz. Das ist kein Schade, wenn sie nur nicht im Sprechen schläft,

Sput. »Item, sie spricht wenig.«

Lanz. O Schurke, das unter ihre Fehler zu setzen! Wenig zu sprechen ist eines Weibes gröste Tugend. Ich bitte dich, streich das aus und setz es unter ihren Tugenden oben an.

Sput. Item, sie ist eitel.«

Lanz. Auch das streich aus; es war Evas Erbtheil und läßt nicht von ihr.

Sput. »Sie hat keine Zähne.«

Lanz. Das thut auch nichts, denn ich liebe die Rinden.

Sput. »Item, sie ist zänkisch.«

Lanz. Nun ja; das Beste ist, sie hat keine Zähne zum Beißen.

Sput. »Item, sie lobt sich einen guten Schluck.«

Lanz. Wenn der Schluck gut ist, mag sie: thut sies nicht, so thu ichs; denn was gut ist, muß gelobt werden.

Sput. »Item, sie ist zu freigebig.«

Lanz. Mit ihrer Zunge kann sies nicht sein, denn es steht geschrieben, daß sie karg damit ist; mit ihrem Beutel soll sies nicht sein, denn den will ich verschloßen halten; ist sies noch mit einem andern Dinge, so weiß ich nicht zu helfen. Gut, fahr fort.

Sput. »Item, sie hat mehr Haare als Witz, und mehr Fehler als Haare, und mehr Geld als Fehler.«

Lanz. Halt an; ich will sie haben: sie war mein und nicht mein zwei- bis dreimal in diesem letzten Artikel; wiederhol ihn noch einmal.

Sput. Item, sie hat mehr Haare als Witz« –

Lanz. Mehr Haare als Witz – das mag sein; es versteht sich von selbst. Der Deckel des Salzfaßes verbirgt das Salz und ist daher mehr als das Salz: das Haar, das den Witz bedeckt, ist mehr als der Witz, denn das Größere verbirgt das Kleinere. Wie lautets weiter?

Sput. – »und mehr Fehler als Haare« –

Lanz. Das ist ungeheuer: wenn doch das heraus wäre!

Sput. – »und mehr Geld als Fehler.«

Lanz. Ach, das Wort macht die Fehler angenehm. Gut, ich will sie haben, und wenn eine Heirat daraus wird, wie denn kein Ding unmöglich ist –

Sput. Was dann?

Lanz. Nun, dann will ich dir sagen, – daß dein Herr am Nordthor auf dich wartet.

Sput. Auf mich?

Lanz. Auf dich: Ja, wer bist du? er hat schon auf beßere Leute gewartet als du bist.

Sput. Und muß ich zu ihm gehen?

Lanz. Du must rennen zu ihm, denn du hast so lange gezögert, daß Gehen schwerlich mehr hilft.

Sput. Warum sagtest du mir das nicht früher? Die Pest über deine Liebesbriefe! (Ab.)

Lanz. Jetzt kriegt er Prügel, weil er meinen Brief gelesen hat: ein unverschämter Schlingel, der sich in fremde Geheimnisse drängt! – Ich will hinterdrein und mich an des Lümmels Züchtigung ergetzen. (Ab.)


Zweiter Auftritt.

Zimmer im herzoglichen Pallast.

Der Herzog und Thurio, Proteus hinter ihnen.

Herzog. Ser Thurio, zweifelt nicht, sie wird euch lieben,
Nun Valentin aus ihrem Blick verbannt ist.

Thurio. Seit seiner Flucht verschmäht sie mich erst recht,
Verschwört ganz meinen Umgang und verhöhnt
Mich so, daß ich an ihrer Gunst verzweifle.

Herzog. So schwacher Liebeseindruck gleicht den Blumen
In Eis gebildet: Eine Stunde Wärme
Löst sie in Waßer und vertilgt die Form.
Ein wenig Zeit schmelzt ihren frostgen Sinn
Und macht den niedern Valentin vergeßen. –
Wie stehts, Ser Proteus? Ist nun euer Landsmann
Nach unserm strengen Banngebot hinweg?

Proteus. Ja, gnädger Herr.

Herzog. Sein Fortgehn kümmert meine Tochter sehr.

Proteus. Ein Bißchen Zeit, mein Fürst, tilgt diesen Gram.

Herzog. Das glaub ich auch; doch Thurio denkt nicht so. –
Die gute Meinung, die ich von dir habe
(Denn Eifer zeigtest du in deinem Dienst),
Macht mich geneigt, dir ferner zu vertraun.

Proteus. Zeig ich mich jemals eurer Gunst nicht werth,
Laßt mich nicht leben, eure Gunst zu schaun.

Herzog. Du weist, wie sehr es mir am Herzen liegt,
Ser Thurio meiner Tochter zu vermählen.

Proteus. Ich weiß, mein Fürst.

Herzog. Mithin wird dir auch unverborgen sein,
Wie sie sich meinem Willen widersetzt.

Proteus. Sie that es, als hier Valentin noch war.

Herzog. Und unbekehrt bleibt ihr verkehrter Sinn.
Was thun wir, daß die Dirne bald die Liebe
Zu Valentin vergißt und Thurio liebt?

Proteus. Am Besten ist wohl, Valentin verleumden,
Als wär er untreu, feig und niedrer Herkunft,
Drei Dinge, die den Frauen sehr verhaßt sind.

Herzog. Wird sie nicht denken, daß uns Haß das eingiebt?

Proteus. Ja, wenn sein Feind es meldet: darum muß es
Mit jedem Nebenumstand der berichten,
Den sie für seinen Freund und Gönner hält.

Herzog. Demnach bist du der Mann, ihn zu verleumden.

Proteus. Mein Fürst, das würd ich nur sehr ungern thun:
Es ziemt sich schlecht für einen Edelmann,
Besonders gegen seinen Busenfreund.

Herzog. Wo euer Loben ihm nicht nutzen kann,
Da kann ihm euer Lästern wenig schaden;
Drum ist dieß Amt nicht wider eure Ehre,
Zumal, da euch ein Freund darum ersucht.

Proteus. Ihr überzeugt mich, Herr. Hat einge Kraft,
Was ich ihr sagen will, ihn zu verleumden,
So bleibt sie ihm nicht lange mehr gewogen.
Doch rott ich Valentin aus ihrem Herzen,
So folgt noch nicht, daß sie Ser Thurio liebe.

Thurio. Darum, ist ihre Gunst von ihm gewickelt,
Müßt ihr, daß sie nicht wirr zu gar nichts diene,
Auf meinen Knäul sie aufzuwinden suchen,
Und das geschieht, wenn ihr so hoch mich preist
Als ihr Ser Valentin im Werth herabsetzt.

Herzog. Und Proteus, hierin dürfen wir euch traun,
Da wir aus Valentins Erzählung wißen,
Daß euer Herz schon stäter Liebe huldigt
Und sich nicht leicht zu fremdem Dienst bekehrt.
Auf solche Bürgschaft habt ihr freien Zutritt
Und mögt mit Silvia ungestört verkehren.
Denn sie ist finster, trüb und melancholisch
Und wird des Freundes halb euch gerne sehn:
So mögt ihr sie durch Ueberredung stimmen
Zum Haße Valentins und Thurios Liebe.

Proteus. Was ich hierin vermag, das wird geschehn.
Ihr aber, Thurio, zeigt zu wenig Eifer.
Leimruthen stellt, und ködert ihre Wünsche
Durch klagende Sonette, süß verschränkt,
Mit Schwüren der Ergebenheit gefüllt.

Herzog. Ja, viel vermag Dichtkunst, das Himmelskind.

Proteus. Sagt, daß ihr auf dem Altar ihrer Schönheit
Eur Herz ihr weiht mit Seufzern und mit Thränen.
Schreibt, bis die Dinte trocknet, bringt sie wieder
In Fluß mit Thränen, und so rührend sei der Vers,
Daß er von Tiefe der Empfindung zeuge.
Denn Orpheus Laute klang von Dichtersehnen,
Ihr goldner Ton erweichte Stahl und Stein,
Zahm ward der Tiger und der Leviathan
Entstieg der Flut, um auf dem Strand zu tanzen.
Habt ihr solch schmelzend Liebeslied gesungen,
So bringt ihr Nachts vor ihrem Kammerfenster
Ein Ständchen mit Musik, zum Saitenklang
Singt euer Klagelied; die Nacht mit Schweigen
Stimmt zu der süßen Wehmuth Laut gar eigen.
Dieß oder nichts wird euch ihr Herz gewinnen.

Herzog. Die Lehre zeigt, daß du die Liebe kennst.

Thurio. Gleich diese Nacht befolg ich euern Rath;
Drum, lieber Proteus, trefflicher Berather,
Laß unverzüglich in die Stadt uns gehn,
Geschickte Musikanten auszuwählen.
Ich halt ein Lied bereit, das dienen kann,
Um deinen guten Rath ins Werk zu setzen.

Herzog. Frisch dran, ihr Herrn!

Proteus. Bis nach der Tafel warten wir euch auf
Und gehen dann sogleich an dieß Geschäft.

Herzog. Nein, nein, sogleich ans Werk, ich geb euch Urlaub.

(Alle ab.)

 


 

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