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Gutenberg > William Shakespeare >

Die beiden Edelleute von Verona

William Shakespeare: Die beiden Edelleute von Verona - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleBibliothek ausländischer Klassiker in deutscher Übertragung - Shakespeare (Der Liebe Lohn verloren / Die beiden Edelleute von Verona)
authorWilliam Shakespeare
translatorKarl Simrock
year1867
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
addressHildburghausen
titleDie beiden Edelleute von Verona
pages96
created20130710
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Aufzug.


Erster Auftritt.

Mailand. Gemach im herzoglichen Pallast.

Valentin und Sput treten auf.

Sput. Herr, euer Handschuh.

Valentin.                                 Nein, ich habe meinen.

Sput. Doch wird er euer sein; ihr habt nur einen.

Valentin. Wie? laß mich sehn: gieb her, ja, der ist mein –
O süße Zierde, eines Kleinods Schrein!
O Silvia, Silvia!

Sput.                       Fräulein Silvia! Fräulein Silvia!

Valentin. Was soll das, Schlingel?

Sput.                                                 Sie wirds nicht hören, Herr!

Valentin. Wer befahl dir, sie zu rufen?

Sput. Euer Gnaden, Herr, wenn ich euch recht verstand.

Valentin. Ja, du bist immer zu voreilig.

Sput. Und jüngst schaltet ihr mich doch, weil ich zu langsam wäre.

Valentin. Laß gut sein. Sage mir, kennst du Fräulein Silvia?

Sput. Die euer Gnaden lieben?

Valentin. Woher weist du, daß ich verliebt bin?

Sput. Nun an diesen besondern Kennzeichen. Erstlich habt ihr gelernt, wie Herr Proteus die Arme übereinander zu schlagen wie ein Missvergnügter; an einem Liebeslied Gefallen zu finden wie ein Rothkehlchen; allein zu wandeln wie ein Pestkranker; zu seufzen wie ein Schulbube, der sein ABC verlor; zu weinen wie eine Dirne, die ihre Großmutter begraben hat; zu fasten wie Einer, der die Hungerkur braucht; zu wachen wie Einer, der Einbruch fürchtet, und zu winseln wie ein Bettler am Allerheiligentage. Früher pflegtet ihr, wenn ihr lachtet, wie ein Hahn zu krähen; wenn ihr giengt wie ein Löwe zu schreiten; wenn ihr fastetet, war es gleich nach dem Eßen; wenn ihr trübe drein saht, so wars, weil ihr kein Geld hattet. Jetzt aber hat euch ein Mädchen so verwandelt, daß ich euch, wenn ich euch ansehe, kaum für meinen Herrn halten kann.

Valentin. Bemerkt man das Alles an mir?

Sput. Man bemerkt das Alles außer euch.

Valentin. Außer mir? Das kann nicht sein.

Sput. Außer euch scheint unmöglich, weil Niemand außer euch so einfältig sein wird. Aber ihr seid so außer euch von diesen Thorheiten, daß diese Thorheiten in euch sind und in euch durchscheinen wie das Waßer in einem Uringlas. Jedes Auge, das euch sieht, wird augenblicklich zum Arzt und erräth eure Krankheit.

Valentin. Aber sprich, kennst du das Fräulein Silvia?

Sput. Die ihr so angafft, wenn sie bei Tische sitzt?

Valentin. Hast du das bemerkt? Eben die mein' ich.

Sput. Nein, Herr, ich kenne sie nicht.

Valentin. Du bemerktest, daß ich sie angaffe und kennst sie nicht?

Sput. Ist sie nicht verwachsen, Herr?

Valentin. Sie ist schön, aber noch beßer gewachsen.

Sput. Das weiß ich recht wohl.

Valentin. Was weist du?

Sput. Daß sie nicht so schön als euch ins Herz gewachsen ist.

Valentin. Ich meine, ihre Schönheit ist überaus groß; aber ihr Wuchs unaussprechlich schön.

Sput. Ja, weil das eine gemalt ist und das andere nicht der Rede werth.

Valentin. Wie so, gemalt? und warum nicht der Rede werth?

Sput. Ei Herr, sie schminkt sich so, daß Niemand von ihrer Schönheit spricht.

Valentin. Wer bin Ich denn? Ich spreche von ihrer Schönheit.

Sput. Ihr saht sie nicht, seit sie garstig ist.

Valentin. Seit wann ist sie garstig?

Sput. Seit ihr sie liebt.

Valentin. Ich liebe sie, seit ich sie sah, und sehe sie immer noch schön.

Sput. Wenn ihr sie liebt, könnt ihr sie nicht sehen.

Valentin. Warum nicht?

Sput. Weil die Liebe blind ist. O daß ihr meine Augen hättet! oder eure eigenen noch so gut sähen, als da Ihr Herrn Proteus schaltet, weil er ohne Kniebänder gieng.

Valentin. Was würd ich dann sehen?

Sput. Eure jetzige Thorheit und ihre ungewöhnliche Häßlichkeit; denn als Er verliebt war, sah er nicht darauf, seine Hosen zu schnallen, und Ihr, da ihr verliebt seid, seht nicht, ob ihr Hosen tragt.

Valentin. So bist du wohl auch verliebt, Bursch, denn gestern Morgen sahst du nicht darauf, meine Schuhe zu putzen.

Sput. Freilich, Herr; ich war in mein Bett verliebt. Ich dank euch, daß ihr mich für meine Verliebtheit wamstet: das giebt mir den Muth, euch für die eure zu schelten.

Valentin. Kurz, ich stehe für sie in Flammen.

Sput. Ich wollte, ihr setztet euch, so würde sich eure Liebe legen.

Valentin. Gestern Abend trug sie mir auf, einige Zeilen an Einen zu richten, den sie liebt.

Sput. Und das thatet ihr?

Valentin. Ich that es.

Sput. Sind sie nicht lahm geschrieben?

Valentin. Nein, Bursch, so gut als ich nur konnte. – Still, da kommt sie.

(Silvia tritt auf.)

Sput. O wie schön sie sich dreht! Eine treffliche Marionette! Jetzt wird er sie reden laßen.

Valentin. Fräulein und Herrin, tausend gute Morgen!

Sput. Gebt ihr einen guten Abend dazu, Eine Million von Complimenten:

Silvia. Herr Valentin, mein Diener, Euch zweitausend.

Sput. Er sollte Ihr Zinsen geben, und sie giebt sie Ihm.

Valentin. Wie ihr mir auftrugt, schrieb ich euern Brief
An den geheimen, unbenannten Freund;
Ich gieng daran mit vielem Widerstreben,
Und that es doch eur Gnaden zu gehorchen.

Silvia. Ich dank euch, edler Diener. Recht geschickt!

Valentin. Glaubt mir, Fräulein, es gieng mir schwer von Statten;
Denn ungewiss, an Wen er gieng, schrieb ich
Nur auf Gerathewohl in tausend Zweifeln.

Silvia. Ihr schlagt die Mühe doch zu hoch wohl an?

Valentin. Nein, Fräulein, frommt es euch, so schreib ich gern,
Wenn ihr befehlt, noch tausendmal so viel.
Und doch –

Silvia. Ein hübscher Satz! Ich weiß den Schluß. Und doch –
Sag ich ihn nicht, und doch – mich kümmerts nicht,
Und doch – nehmt dieß zurück, und doch – ich dank euch,
Und denk euch künftig nicht mehr zu bemühn.

Sput. Und doch wird sie es thun, und doch und doch –

Valentin. Was meint Ew. Gnaden? Hats euch nicht gefallen?

Silvia. Doch, doch, recht artig schriebt ihr diese Zeilen;
Doch weil ihrs ungern thatet, nehmt sie wieder.
Nun, nehmt sie nur.

Valentin.                         Fräulein, sie sind für euch.

Silvia. Ganz recht; ihr schriebt sie, Herr, auf meinen Wunsch;
Allein ich will sie nicht, sie sind für euch.
Ich hätte sie noch rührender gewünscht.

Valentin. Wenn euch beliebt, schreib ich euch einen andern.

Silvia. Und wenn er fertig ist, lest ihn statt meiner;
Gefällt er euch, ists gut, wo nicht, auch gut.

Valentin. Und wenn er mir gefällt, Fräulein, was dann?

Silvia. Gefällt er euch, so nehmt ihn für die Mühe.
So guten Morgen, Diener: (Ab.)

Sput. O unbegriffner, unerforschter, unsichtbarer Spaß,
Wie die Wetterfahn auf dem Kirchthurm, im Gesicht die Nas!
Mein Herr macht ihr den Hof, sie unterweist den Verehrer
Und macht ihren Schüler sich zum eigenen Lehrer.
O ganz ausbündger Scherz, ist Beßres aufzutreiben?
Mein Herr als Secretär muß an sich selber schreiben.

Valentin. Na Bursche, was räsonierst du da inwendig?

Sput. Nein, Ich meinte nur; die Räson habt Ihr.

Valentin. Wozu denn?

Sput. Freiwerber für Fräulein Silvia zu sein.

Valentin. Bei wem denn?

Sput. Bei euch selbst. Sie wirbt um euch figürlich.

Valentin. Wieso figürlich?

Sput. Durch einen Brief nämlich.

Valentin. Sie hat ja nicht an mich geschrieben.

Sput. Wozu auch? da sie euch an euch selber schreiben ließ. Nun, merkt ihr den Spaß?

Valentin. Nein, glaube mir.

Sput. Es ist unglaublich: Saht ihr denn ihren Ernst nicht?

Valentin. Sie zeigte keinen als ein zornig Wort.

Sput. Sie gab euch ja einen Brief.

Valentin. Ja den Brief, den ich an ihren Freund schrieb.

Sput. Und den Brief gab sie an seine Adresse und damit Punctum.

Valentin. Ich wollt, es wär nicht schlimmer.

Sput.                                                                 Ich steh dafür, so ists.
Ihr schriebet oft an sie, doch Sie aus Sittsamkeit
Schrieb nicht zurück, vielleicht gebrach ihr auch die Zeit;
Oder war es Furcht, der Bote verrieth' ihre Liebe:
Kurz, sie gebot dem Liebsten, daß er dem Liebsten schriebe.
Dieß sprach ich wie gedruckt, denn ich fands in einem Buch. –
Was sinnt ihr, Herr? 's ist Eßenszeit.

Valentin. Mich hungert nicht.

Sput. Ja, aber hört, Herr; obgleich das Camäleon Liebe von der Luft leben kann, so bin Ich doch einer, der sich von Victualien nährt und möchte gern eßen. O seid nicht wie eure Geliebte, laßt euch rühren, laßt euch rühren!

(Beide ab.)


Zweiter Auftritt.

Verona. Zimmer in Juliens Hause.

Proteus und Julie treten auf.

Proteus. Gedulde dich doch, liebe Julie.

Julie. Ich muß wohl, da kein Mittel ist.

Proteus. Sobald als möglich will ich wiederkehren.

Julie. Wenn du dich nicht verkehrst, so kehrst du wieder.
Nimm diesen Ring und denk an deine Julie.
        (Giebt ihm einen Ring.)

Proteus. Gut, laß uns tauschen, diesen nimm dagegen.

Julie. Ein heilger Kuss sei unsres Bundes Siegel.

Proteus. Nimm meine Hand zum Bürgen ewger Treue,
Und wenn im Tag mir Eine Stund entschlüpft,
In der ich nicht um meine Julie seufze,
So strafe mich die nächste Stunde gleich
Mit schwerem Unheil für vergeßne Liebe.
Mein Vater wartet mein; entgegne nichts!
Die Flut ist da; nicht deiner Thränen Flut.
Die hält mich länger als ich weilen sollte.
        (Julie ab.)
Julie, leb wohl: – Wie, ohn ein Wort gegangen?
Ja, so thut treue Liebe, sie verstummt.
Mit Thaten schmückt sich Treue, nicht mit Worten.

(Panthino tritt auf.)

Panthino. Man wartet euer, Herr!

Proteus.                                           Ich eile drum.
Ach, solch ein Abschied macht Verliebte stumm.

(Beide ab.)


Dritter Auftritt.

Straße in Verona.

Lanz tritt auf, einen Hund am Seile.

Lanz. Ne, es wird eine Stunde hingehen eh ich ausgeweint habe; das ganze Geschlecht der Lanze hat diesen Fehler. Ich habe mein Erbtheil empfangen wie der verlorne Sohn und gehe mit Herrn Proteus an des Kaisers Hof. Ich glaube Krabb, mein Hund, ist der allerunbarmherzigste Hund in der ganzen Welt. Meine Mutter weinte, mein Vater wehklagte, meine Schwester schrie, unsre Magd heulte, unsre Katze rang die Hände und unser ganzes Haus war in der grösten Bestürzung, und dieser grausame Köter ließ nicht Eine Thräne fallen. Er ist ein Stein, ein wahrer Kieselstein und hat nicht mehr Erbarmen in sich als ein Hund. Ein Jude hätte geweint, wenn er unsern Abschied gesehen hätte. Selbst meine Großmutter, die keine Augen hat, seht ihr, weinte sich blind bei meinem Abschied. Nun ich will euch zeigen, wie es dabei hergieng. Dieser Schuh ist mein Vater; nein, dieser linke Schuh ist mein Vater; nein, nein, dieser linke Schuh ist meine Mutter – nein, so kann es auch nicht sein. Ja doch, ja, so ists, seine Sohle ist am schlechtesten. Dieser Schuh, mit dem Loch darin, ist meine Mutter, und dieser mein Vater; zum Henker, ja so ists. Jetzt, Herr, ist dieser Stab meine Schwester, denn seht ihr, sie ist so weiß wie eine Lilie und so schlank wie ein Stecken. Dieser Hut ist Anna, unsre Magd, und ich bin der Hund. Nein, der Hund ist er selbst, und ich bin der Hund. Ach, der Hund ist ich, und ich bin ich selbst. Ja, so ists. Nun komm ich zu meinem Vater. Vater, euern Segen! Nun kann der Schuh nicht ein Wort sprechen vor Weinen; ich will meinen Vater küssen: er weint immerzu. Jetzt komm ich zu meiner Mutter; wenn der Schuh nur sprechen könnte wie ein sinnlos Weib: Gut, ich küsse sie (küsst den Schuh): ja, recht natürlich: das ist ganz meiner Mutter Athem. Nun komm ich zu meiner Schwester (nimmt den Stock): seht nur, wie sie zittert – und bei alledem vergießt der Hund keine Thräne und spricht kein Wort; und ihr seht doch, wie ich den Staub mit meinen Thränen zu Boden schlage.

(Panthino tritt auf )

Panthino. Fort, fort, Lanz, an Bord! Dein Herr ist eingeschifft und du wirst nachrudern müßen. Was soll das heißen? warum weinst du, Kerl? Fort, Esel, du verlierst die Flut, wenn du noch länger zögerst.

Lanz. Ich zögre was ich kann, aber es ist das unempfindsamste Vieh, das je am Strick gezogen ward.

Panthino. Was ist das unempfindsamste Vieh?

Lanz. Krabb, mein Hund, den ich hier ziehe.

Panthino. Schweig, Kerl, du verlierst die Flut, und wenn du die Flut verlierst, verlierst du die Reise; wenn du die Reise verlierst, verlierst du den Herrn; wenn du den Herrn verlierst, verlierst du den Dienst, und wenn du den Dienst verlierst – Warum hältst du mir den Mund zu?

Lanz. Damit du deine Zunge nicht verlierst.

Panthino. Wie sollt ich meine Zunge verlieren?

Lanz. Mit Schwätzen.

Panthino. Mit Schwänzen?

Lanz. Die Flut verlieren, und die Reise und den Herrn und den Dienst um den Hund: Glaube mir, Mann, wenn der Sund vertrocknet, bin ich im Stande, ihn mit meinen Thränen zu füllen, und wenn der Wind sich legt, treib ich das Boot mit meinen Seufzern.

Panthino. Komm fort, Kerl: ich bin geschickt, dich zu rufen.

Lanz. Gut, so rufe mich.

Panthino. Wirst du gehen?

Lanz. Ja, ich gehe.


Vierter Auftritt.

Mailand. Zimmer im herzoglichen Pallast.

Valentin, Silvia, Thurio und Sput treten auf.

Silvia. Diener!

Valentin. Herrin!

Sput. Herr, Thurio runzelt die Stirn gegen euch.

Valentin. Ja, Bursch, aus Liebe,

Sput. Aber nicht zu euch.

Valentin. Zu meiner Herrin denn.

Sput. Ihr solltet ihm eins versetzen.

Silvia. Diener, ihr seid verdrießlich.

Sput. In der That, Fräulein, ich scheine so.

Silvia. Scheint ihr was ihr nicht seid?

Valentin. Wohl möglich:

Thurio. Das thun Gemälde.

Valentin. Das thut ihr.

Thurio. Was schein ich, das ich nicht bin?

Valentin. Weise.

Thurio. Und was beweist das Gegentheil?

Valentin. Eure Narrheit.

Thurio. Und woran erkennt ihr meine Narrheit?

Valentin. An euerm Wams.

Thurio. Mein Wams ist ein Doppelwams.

Valentin. Gut, so verdopple ich auch eure Narrheit.

Thurio. Wie?

Silvia. Was? erzürnt, Signor Thurio? ihr wechselt ja die Farbe.

Valentin. Seht es ihm nach, Fräulein; er ist eine Art von Chamäleon.

Thurio. Das mehr Lust hat euer Blut zu trinken als in eurer Luft zu leben.

Valentin. Ihr habt gesprochen, Herr!

Thurio. Ja Herr, und gehandelt für dießmal!

Valentin. Ich weiß wohl, Herr: ihr seid immer fertig, eh ihr anfangt.

Silvia. Eine hübsche Ladung Worte, meine Herrn, und lustig losgebrannt.

Valentin. So ist es, Fräulein; wir danken dem Geber.

Silvia. Wer ist das, Diener?

Valentin. Ihr selbst, schönes Fräulein, denn Ihr gabt das Feuer; Signor Thurio borgt seinen Witz von euer Hoheit Blicken und verschwendet, was er borgt, in eurer Gegenwart.

Thurio. Signor, wenn ihr Wort gegen Wort mit mir wechselt, so werde ich euern Witz bankerott machen.

Valentin. Ich weiß wohl, Herr, ihr habt einen Schatz von Worten und, wie es scheint, kein ander Geld, eure Bedienten zu bezahlen; denn man sieht es an ihren kahlen Livreen, daß sie von euern kahlen Worten leben.

Silvia. Nicht weiter, meine Herren: hier kommt mein Vater.

(Der Herzog tritt auf.)

Herzog. Nun, Tochter Silvia, du bist hart belagert. –
Eur Vater, Signor Valentin, ist wohl.
Was sagt ihr denn zu Briefen von den Euern
Mit guter Zeitung?

Valentin.                       Mein Fürst, ich danke Jedem,
Der mir von dort willkommne Botschaft bringt.

Herzog. Kennt ihr wohl euern Landsmann, Don Antonio?

Valentin. Ja, gnädger Herr, er ist ein Edelmann
Vom besten Ruf und allgemeiner Achtung,
Der nach Verdienst so hoch im Ansehn steht.

Herzog. Hat er nicht einen Sohn?

Valentin. Ja, einen Sohn, mein Fürst, der seines Vaters
Ansehn und Ruf zu erben wohl verdient.

Herzog. Ihr kennt ihn näher?

Valentin. Ich kenn ihn wie mich selbst: von Kindheit auf
Verbrachten wir zusammen unsre Stunden,
Und hab ich selber auch als Müßiggänger
Nicht mit dem reichen Schatz der Zeit gewuchert,
In Engelweisheit künftig mich zu kleiden,
So nützte Proteus doch, das ist sein Name,
Mit großem Vortheil seine Tage beßer:
Er ist an Jahren jung, alt an Erfahrung,
Sein Haupt ist jugendlich, sein Urtheil reif.
Mit Einem Wort (denn hinter seinem Werth
Bleibt weit zurück das Lob, das ich ihm gab).
Er ist vollkommen an Gestalt und Geist
Und Alles ziert ihn was den Edeln schmückt.

Herzog. Wahrhaftig, Freund, wenn er dieß Wort bewährte,
Wär er der Liebe einer Kaisrin werth
Und schickte sich zu eines Kaisers Rath.
Nun, dieser Edelmann ist angekommen,
Durch Briefe mächtger Herrn mir wohlempfohlen,
Denn er gedenkt hier einge Zeit zu bleiben.
Die Nachricht wird euch wohl willkommen sein.

Valentin. Hatt ich noch einen Wunsch, so war es der.

Herzog. Nun, so bewillkommt ihn nach seinem Werth;
Dich mein ich, Silvia, und euch, Herr Thurio –
Da Valentin es ungeheißen thut.
Ich send ihn alsobald hieher zu euch. (Ab.)

Valentin. Dieß, Fräulein, ist der Freund, von dem ich sprach,
Der mit mir kam, hielt ihm die Freundin nicht
Die Augen mit krystallnem Blick gefeßelt.

Silvia. Sie hat sie jetzt wohl wieder losgelaßen,
Nachdem er ihr ein andres Pfand bestellt.

Valentin. Sie hält sie sicherlich noch immer fest.

Silvia. So muß er blind sein; ist er aber blind,
Wie sah er dann den Weg, euch aufzusuchen?

Valentin. Ach, Liebe hat der Augen vierzig wohl.

Thurio. Man sagt, die Liebe habe gar kein Auge.

Valentin. Für Liebende wie Ihr seid, hat sie keine:
Sie schließt den Blick, wenn sich Gemeinheit naht.

Silvia. Genug, genug. hier kommt schon unser Gast.

(Proteus tritt auf.)

Valentin. Willkommen, lieber Proteus: Fräulein, bitte,
Heißt ihn willkommen mit besondrer Gunst.

Silvia. Sein Werth verbürgt ihm sein Willkommen schon,
Wenn Er es ist, nach dem ihr oft gefragt.

Valentin. Der ist es, Herrin. Gönnt ihm, holdes Fräulein,
Mir beigesellt zu sein in euerm Dienst.

Silvia. Zu niedre Herrin für so hohen Diener –

Proteus. Nein, holdes Fräulein, zu geringer Diener
Für einen Blick nur solcher hohen Herrin.

Valentin. Laßt diese Reden von Unwürdigkeit.
Nehmt, holdes Fräulein, ihn zum Diener an.

Proteus. Ergebenheit allein hab ich zu rühmen.

Silvia. Und nie hat Lohn Ergebenheit vermisst:
Willkommen Diener der unwürdgen Herrin!

Proteus. Ich schlüg ihn todt, der außer euch so spräche.

Silvia. Daß ihr willkommen seid?

Proteus.                                         Nein, daß ihr unwerth.

(Ein Diener tritt auf.)

Diener. Fräulein, der Herr, eur Vater, will euch sprechen.

Silvia. Ich bin ihm zu Befehl. (Diener ab.) Herr Thurio,
Begleitet mich. – Nochmals willkommen, Diener!
Jetzt mögt ihr von der Heimat euch besprechen;
Ist das geschehn, so laßt uns von euch hören.

Proteus. Wir werden beid eur Gnaden zu Gebot stehn.

(Silvia, Thurio mit Sput ab.)

Valentin. Nun sprich, wie gieng es Allen denn daheim?

Proteus. Die Deinen sind gesund und grüßen herzlich.

Valentin. Wie gehts den Deinen?

Proteus.                                         Sie sind alle wohl.

Valentin. Wie steht es um dein Lieb und eure Liebe?

Proteus. Wenn ich von Liebe sprach, war dirs zur Last:
Ich weiß, du hältst nicht viel von Liebessachen.

Valentin. Ja, Proteus; doch dieß ist nun Alles anders.
Ich habs gebüßt, daß ich die Liebe schalt;
Ihr stolzer Herschersinn hat mich gestraft
Mit strengem Fasten, reuevollem Gram,
Mit Thränen Nachts und Tags mit schweren Seufzern;
Denn die verschmähte Lieb an mir zu rächen,
Nahm sie den Schlaf von den besiegten Augen
Und machte sie zu Wächtern meines Harms.
O Proteus, Amor ist ein mächtger Fürst!
Er hat mich so gebeugt, daß ich bekenne,
Kein Schmerz ist seiner Züchtgung zu vergleichen,
Und wie sein Dienst beglückt auf Erden nichts!
Jetzt kein Gespräch als nur allein von Liebe;
Für Frühstück, Mittag, Abendbrot und Schlaf
Genügt mir jetzt der nackte Name Liebe.

Proteus. Genug: dein Glück les ich in deinen Augen.
War Sie die Göttin, die du so verehrst?

Valentin. Ja sie; und ist sie nicht ein Himmelsbild?

Proteus. Nein, doch ein irdisch Muster mag sie sein.

Valentin. Nenne sie göttlich.

Proteus.                                   Nein, ich schmeichl ihr nicht.

Valentin. So schmeichle mir, denn Lob entzückt die Liebe.

Proteus. Mir Liebesiechem gabst du bittre Pillen;
Nun heil ich dich mit gleicher Arzenei.

Valentin. So sprich von ihr die Wahrheit: wenn nicht göttlich,
So sei sie eine doch der Himmelsmächte,
Weit über den Geschöpfen dieser Welt.

Proteus. Doch Julie nehm ich aus.

Valentin.                                           Nimm Niemand aus,
Du nähmst zuviel dir gegen sie heraus.

Proteus. Hab ich nicht Recht, die Meine vorzuziehn?

Valentin. Ich will ihr noch zu einem Vorzug helfen:
Der hohen Ehre werde sie gewürdigt,
Die Schleppe Silvien zu tragen, daß nicht
Die niedre Erde Küsse stiehlt dem Kleid
Und, stolz geworden ob so großem Glück,
Der Sommerblumen Pracht zu tragen weigert,
Und so der rauhe Winter ewig währt.

Proteus. Schäm dich doch, Valentin, der Pralerei!

Valentin. Vergieb mir: gegen sie ist das noch nichts.
Vor ihr wird aller Andern Werth zu nichte,
So einzig ist sie.

Proteus.                   So laß sie einzig bleiben!

Valentin. Nicht um die Welt: Ja, Freund, sie ist die Meine,
Und ich so reich in des Juwels Besitz
Als zwanzig Seen, wär Perlen all ihr Sand,
Nectar die Flut und schieres Gold die Felsen.
Verzeih, daß ich jetzt dein so wenig achte;
Du siehst, wie mich die Liebe rasend macht.
Der Thor, mein Nebenbuhler, den der Vater
Vorzieht allein des großen Reichtums wegen,
Gieng fort mit ihr, und ich muß eilends nach,
Denn Liebe, weist du, ist voll Eifersucht.

Proteus. Doch Sie liebt Dich?

Valentin.                                   Ja, und wir sind verlobt;
Noch mehr, sogar die Stunde der Vermählung
Und der Entwurf, wie wir entfliehen wollen,
Ist festgestellt: aus Stricken ist die Leiter,
Die mich ans Fenster trägt, und jedes Mittel
Bedacht und zugesagt zu meinem Glück.
Komm, lieber Proteus, mit mir auf mein Zimmer,
Daß mir dein Rath in dieser Sache helfe.

Proteus. Geh nur voraus; ich will dich schon erfragen.
Ich muß zur Rhed, um Alles auszuschiffen
Was ich als noth zur Reise bei mir führe;
Dann bin ich gleich bereit zu deinen Diensten.

Valentin. Und wirst du dich beeilen?

Proteus.                                                 Sicherlich.

(Valentin ab.)

Proteus. Wie Eine Glut die andre wohl vertreibt,
Der stärkre Nagel leicht den schwächern ausdrängt,
So ist der frühern Lieb Erinnerung
Durch diesen neuen Eindruck ausgelöscht.
Ist es mein Aug, ists meines Freundes Lob,
Ist es ihr Werth, mein falscher Unbestand,
Was mich Unsinngen so gesonnen macht?
Schön ist sie, schön war Julie, die ich liebe –
Nein liebte, denn die Lieb ist weggethaut,
Und wie ein Wachsbild an des Feuers Glut
Schwand die Erinnerung sogar an sie.
Auch fühl ich mich für Valentin erkaltet,
Ich glaub ihn nicht zu lieben mehr wie sonst;
Doch ach sein Fräulein lieb ich nur zu sehr:
Das ist der Grund wohl, Ihn nicht mehr zu lieben.
Kenn ich sie erst, wie werd ich für sie schwärmen,
Die ich schon liebe, ohne sie zu kennen:
Ihr Außenbild nur hab ich jetzt gesehn.
Das hat mir schon die Sinne schier geblendet;
Erkenn ich erst die innere Vollendung,
So hilft kein Mittel mehr, ich werde blind.
Die irre Liebe will ich gern bezwingen;
Gehts nicht, um jeden Preis sie mir erringen. (Ab.)


Fünfter Auftritt.

Straße.

Sput und Lanz treten auf.

Sput. Lanz! bei meiner Ehre. Willkommen in Mailand!

Lanz. Verschwör dich nicht, süßer Junge, denn ich bin nicht willkommen. Ich rechne so: ein Mann ist nicht eher verloren bis er gehängt ist, und nicht eher willkommen bis er seine Zeche bezahlt hat und seine Wirthin ihn willkommen heißt.

Sput. Komm her, du Tollkopf, ich will gleich ins Bierhaus mit dir, wo du für fünf Pfennige fünftausend Willkommen haben sollst. Aber, Mensch, welchen Abschied nahm dein Herr von Fräulein Julie?

Lanz. Nun, nachdem sie im Ernst eins geworden waren, schieden sie ganz artig im Scherz.

Sput. Aber wird sie ihn heiraten?

Lanz. Nein.

Sput. Wie so? Wird er sie heiraten?

Lanz. Nein, auch nicht.

Sput. Wie, sind sie auseinander?

Lanz. Nein, sie sind so gesund und heil wie der beste Fisch.

Sput. Ja, wie steht es denn mit ihnen?

Lanz. Nun so: wenn es wohl mit ihm steht, steht es wohl mit ihr.

Sput. Was du ein Esel bist: Ich verstehe dich nicht.

Lanz. Was du ein Klotz bist, daß dus nicht kannst: Mein Stock versteht mich.

Sput. Was du sagst?

Lanz. Ja und was ich thue dazu. Sieh nur, ich lehne mich drauf, und mein Stock versteht mich.

Sput. Er hilft dir stehn, das ist richtig.

Lanz. Nun verstehen und zum stehen helfen ist doch gleich.

Sput. Aber in Ernst, giebt es eine Heirat?

Lanz. Frag meinen Hund: wenn er ja sagt, so giebt es eine; wenn er nein sagt, giebts eine; wedelt er aber mit dem Schwanz und sagt nichts, giebt es auch eine.

Sput. Das Ende vom Lied ist also: es giebt eine.

Lanz. Du sollst niemals solch ein Geheimniss aus mir herausbringen als durch ein Gleichniß.

Sput. Schon gut, wenn ichs nur so herausbringe. Aber, Lanz, was sagst du dazu, daß mein Herr jetzt so liebestrunken geworden ist?

Lanz. Ich hab ihn nie anders gekannt.

Sput. Als wie?

Lanz. Als daß er die Trunkenheit liebte, wie du von ihm sagtest.

Sput. Ei du Steinesel, du mißverstehst mich.

Lanz. Ei Narr, ich meine dich ja nicht, ich meine deinen Herrn.

Sput. Ich sage dir, mein Herr ist liebesbrünstig geworden.

Lanz. Und ich sage dir, meinethalb mag er vor Liebe zu Asche brennen. Wenn du mit mir in ein Bierhaus willst, recht; wo nicht, so bist du ein Hebräer, ein Jude, und nicht werth, ein Christ zu heißen.

Sput. Warum nicht?

Lanz. Weil du nicht so viel christliche Liebe in dir hast, mit einem Christen zu Biere zu gehen. Gehst du mit?

Sput. Dir zu Liebe.

(Beide ab.)


Sechster Auftritt.

Proteus tritt auf.

Proteus. Verlaß ich Julien, so ist es Meineid;
Lieb ich Schön Silvia, so ist es Meineid;
Verrath ich meinen Freund, ists doppelt Meineid.
Dieselbe Macht, die mich zum Schwören brachte,
Verlockt mich jetzt, dreifach die Treu zu brechen:
Zum Eide trieb, zum Meineid treibt die Liebe.
Süße Verführerin, dein war die Sünde:
So lehre mich Verführten, sie entschuldgen,
Ein glitzernd Sternlein hab ich erst verehrt;
Jetzt bet ich zu der lichten Himmelssonne.
Unklugen Eid räth Klugheit an zu brechen,'
Und Dem fehlt Witz, dem der Entschluß gebricht,
Den Witz zu lehren, Gut mit Schlecht zu tauschen. –
Verleumderische Zunge, nennst du schlecht,
Die du so oft als höchstes Gut gepriesen
Mit zwanzigtausend herzentsprungnen Eiden?
Nicht laßen kann ich Liebe und doch thu ichs,
Doch laß ich da sie, wo ich lieben sollte:
Ich laße Julie, laße Valentin.
Behalt ich sie, so laß ich von mir selber;
Verlaß ich sie, so find ich im Verlust
Für Valentin mich selbst, für Julien Silvia.
Ich bin mir selber lieber als der Freund,
Denn Liebe hält sich selbst am werthesten.
Und Silvia, bei dem Gott, der schön sie schuf!
Stellt Julien als schwarzen Mohren dar.
Ich will vergeßen, daß noch Julie lebt,
Nur wißen, mein Gefühl für sie sei todt;
Und Valentin will ich als Feind betrachten,
Der Silvien mir, die süße Freundin, raubt.
Ich kann mir selber nicht die Treue halten,
Begeh ich nicht Verrath an Valentin. –
Mit einer Leiter will er diese Nacht
Ins Fenster dir, göttliche Silvia, steigen;
Er selbst vertraut' es mir, dem Nebenbuhler.
Gleich will ich ihrem Vater Kunde geben,
Daß sie verkleidet zu entfliehn gedenken:
Der, zornentbrannt, wird Valentin verbannen;
Denn Thurio, will er, soll die Tochter frein.
Doch ist erst Jener fort, durchkreuz ich rasch
Mit schlauem Kniff des blöden Thurio Werbung.
Leih, Liebe, mir die Schwingen zu dem Flug;
Du liehst, dieß zu erdenken, Witz genug. (Ab.)


Siebenter Auftritt.

Verona. Zimmer in Juliens Hause.

Julie und Lucette treten auf.

Julie. Rath mir, Lucette, liebes Mädchen, hilf!
Und bei der Liebe selbst beschwör ich dich,
Die du die Tafel bist, der meine Wünsche
Sichtbar sind aufgeprägt und eingeritzt:
O steh mir bei, und lehre mich ein Mittel,
Wie ich mit Ehren eine Reise mag
Zu meinem lieben Proteus unternehmen.

Lucette. O weh, beschwerlich ist der Weg und lang.

Julie. Ein treu andächtger Pilger wird nicht müde,
Am Stabe Königreiche zu durchmeßen.
Wie sollt es die, der Liebe Flügel gab?
Wenn sie der Flug so edelm Freund vereint,
So göttlicher Vollkommenheit wie Proteus.

Lucette. Ihr harrtet beßer bis er wiederkehrt.

Julie. Du weist, ich lebe nur von seinem Blick.
Erbarme dich des Hungers, der mich auszehrt,
Da ich so lange schon nach Nahrung schmachte.
O wüstest du, wie Lieb im Innern wühlt,
Du würdest eh mit Schnee ein Feuer zünden
Als Liebesglut mit Worten löschen wollen.

Lucette. Ich will nicht eurer Liebe Feuer löschen,
Des Feuers wilden Ausbruch nur verhüten,
Daß es der Klugheit Schranken nicht durchbricht.

Julie. Jemehr du dämmst, je heftger loderts auf.
Der Bach, der nur mit sanftem Murmeln gleitet,
Wird er gestaut, du weist, tobt ungeduldig;
Doch wird sein schöner Lauf nicht aufgehalten,
Tönt er melodisch fort auf Marmorschmelz,
Schmiegt sich mit zartem Kuss an jedes Ried,
Das ihm auf seiner Pilgerfahrt begegnet,
Und so in buchtger Schlangenwindung trägt ihn
Muthwillger Scherz zum wilden Ocean.
Drum laß mich gehn und wehr nicht meinem Lauf.
Ich bin geduldig wie ein sanfter Strom,
Und jeder müde Schritt wird mir zur Kurzweil
Bis mich der letzte bringt zu dem Geliebten:
Dort will ich ruhn, wie nach des Lebens Stürmen
Ein selger Geist wohnt in Elysium.

Lucette. Allein in welchem Anzug wollt ihr ziehn?

Julie. Nicht als ein Mädchen, denn vermeiden möcht ich
Lose Begegnung ungezogner Männer.
Besorge mir, Lucettchen, solch Gewand,
Wie es gesetztem Edelknaben ziemt.

Lucette. Dann müßt ihr, Fräulein, euer Haar verschneiden.

Julie. Nein, Schatz, ich bind es auf mit seidnem Band,
Mit zwanzig engverschlungnen Liebesknoten.
Phantastisches Gewand mag selbst noch reiferm
Jüngling wohl anstehn, als ich spielen will.

Lucette. Doch welchen Zuschnitt geb ich euern Hosen?

Julie. Das klingt beinah wie: »Sagt mir, guter Herr,
Von welchem Umfang soll eur Reifrock sein?«
Mach sie nur wie es dir gefällt, Lucette.

Lucette. Ihr müßt sie wohl mit einem Lätzchen tragen.

Julie. Nicht doch, Lucette: übel ließe das,

Lucette. Die runde Hos ist keiner Nadel werth:
Ein Latz muß sein, und wärs zum Nadelkissen.

Julie. Lucette, liebst du mich, so schaffe mir
Was dir gefällt und sich am besten ziemt.
Doch sag mir, Herz, was wird die Welt wohl sagen,
Wenn sie von so leichtsinnger Reise hört?
Ich fürcht, es bringt mich in der Leute Mund.

Lucette. Wenn ihr das glaubt, so bleibt und reiset nicht.

Julie. Das will ich eben nicht.

Lucette. Dann denkt auch des Geredes nicht und geht.
Freut Proteus sich der Reise, wenn ihr kommt,
So lästre wer da will, wenn ihrs nicht hört.
Ich fürchte nur, es wird ihm nicht gefallen.

Julie. Das ist, Lucette, meine kleinste Sorge.
Denn tausend Eide und ein Weltmeer Thränen,
Unendlichkeit der Liebe zu betheuern,
Bezeugen, daß ich ihm willkommen bin.

Lucette. Das Alles dient betrügerischen Männern.

Julie. Gemein, wers zu gemeinen Zwecken braucht!
Proteus Geburt beschien ein treurer Stern:
Sein Wort ist Eid, sein Schwur wie ein Orakel,
Sein Lieben wahr und sein Gedanke rein;
Von Herzen kommt sein Weinen, der Gefährde
Ist er so fern als Himmel von der Erde.

Lucette. Gott geb, es sei so, wenn ihr zu ihm kommt.

Julie. Wenn du mich liebst, so thu ihm nicht den Schimpf,
Von meines Proteus Treu so schlecht zu denken.
Nur, lobst du ihn, verdienst du meine Liebe.
Jetzt aber folge mir zu meinem Zimmer
Und nimm die Liste des was ich bedarf,
Mich zur ersehnten Reise zu bereiten;
Sonst bleibt dir zur Verfügung all mein Gut,
Mein Land, mein Hausgeräth, mein guter Ruf:
Für Alles das hilf eilends mir von hinnen.
Antworte nicht, laß uns zur Sache schreiten,
Denn jeder Aufschub macht mich ungeduldig.

(Beide ab.)

 


 

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