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Gutenberg > William Shakespeare >

Die beiden Edelleute von Verona

William Shakespeare: Die beiden Edelleute von Verona - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleBibliothek ausländischer Klassiker in deutscher Übertragung - Shakespeare (Der Liebe Lohn verloren / Die beiden Edelleute von Verona)
authorWilliam Shakespeare
translatorKarl Simrock
year1867
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
addressHildburghausen
titleDie beiden Edelleute von Verona
pages96
created20130710
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Aufzug.


Erster Auftritt.

Platz in Verona.

Valentin und Proteus treten auf.

Valentin. Hör auf mir zuzureden, lieber Proteus:
Bleibst du daheim, so bleibt dein Witz geheim.
Wenn Neigung deine jungen Tage nicht
An der Geliebten süße Blicke bände,
Bät ich vielmehr, du möchtest mich begleiten,
Mit mir der Ferne Wunder zu beschauen,
Anstatt in dumpfer Unentschloßenheit
Die Jugend mit formlosem Nichts zu füllen.
Doch da du liebst, so lieb und wachse drin,
Und lieb Ich einst, sei das auch Mein Gewinn.

Proteus. So gehst du? Lieber Valentin, leb wohl!
Denk deines Proteus, wenn du Seltnes siehst
Und Merkenswerthes auf der Reise; wünsche,
Dein Glück mit dir zu theilen, mich zu dir,
Wenn es dir wohl ergeht; und in Gefahr
(Wenn jemals dich Gefahr umgiebt) empfiehl
Den Ausgang meinem heiligen Gebet:
Denn für dich beten will ich, Valentin.

Valentin. Du betst für mich aus einem Liebesbuch?

Proteus. Ganz recht, aus einem Buche, das ich liebe.

Valentin. Der seichten Mär vielleicht von tiefer Liebe,
Wie durch den Hellespont Leander schwamm.

Proteus. Ein tiefes Märchen ists von tiefrer Liebe.
Ueber die Schuhe stak er ja in Liebe.

Valentin. Ueber die Stiefel aber steckst du drin
Und bist doch nie den Hellespont durchschwommen.

Proteus. Mit spanschen Stiefeln, Freund, verschone mich.

Valentin. So kommst du doch auf keinen Strumpf.

Proteus.                                                                     Wie so nicht?

Valentin. Verliebtheit, wo man Hohn für Kummer kauft,
Für Herzweh kühlen Blick, flüchtige Lust
Für zwanzig wache, müde, lange Nächte,
Wo der Gewinn vielleicht nur ein Verlust,
Und der Verlust Gewinn ist saurer Müh,
Nur eine Thorheit ists, mit Witz errungen,
Wenn nicht die Thorheit gar den Witz bewältigt.

Proteus. Der Schluß ist deines Lieds: ich bin nicht klug.

Valentin. Der Schluß des deinen zeigt es klar genug.

Proteus. Die Liebe schmähst du: ich bin nicht die Liebe.

Valentin. Lieb ist dein Meister, sie bemeistert dich,
Und wer ins Joch sich einer Thörin schmiegt,
Den kann man nicht ins Buch der Weisen schreiben.

Proteus. Doch sagen Dichter, wie in zarter Knospe
Die Raupe nagend wohnt, so wohne nagend
Die Liebe in dem edelsten Gemüth.

Valentin. Und Dichter sagen, wie die zarte Knospe
Vom Wurm zernagt wird, eh sie sich erschließt,
So wird der junge zarte Sinn in Thorheit
Verkehrt durch Liebe: innerlich zerfreßen
Verliert er schon im Lenz sein frisches Grün
Und alle schönen Früchte künftger Hoffnung.
Doch was vergeud ich Zeit, um dir zu rathen,
Dem Priester schwärmerischen Liebeswahns?
Lebwohl noch einmal: Auf der Rhede wartet
Mein Vater schon, mich eingeschifft zu sehn.

Proteus. Ich will dich hinbegleiten, Valentin.

Valentin. Nein, lieber Proteus, laß uns Abschied nehmen.
Zu Mailand laß in Briefen mich erfahren
Von deiner Liebe Glück und was sonst Neues
Sich hier begab, derweil dein Freund entfernt war;
So such ich auch dich wohl mit Briefen heim.

Proteus. Mög alles Glück in Mailand dir begegnen:

Valentin. Nicht minder dir daheim: und so leb wohl.

(Valentin ab.)

Proteus. Er jagt der Ehre nach und ich der Liebe.
Er läßt die Freunde, ihrer werth zu werden;
Mich laß ich, Freund, und Alles für die Liebe.
Du süße Julie, hast mich so verwandelt.
Daß ich nun Zeit und Wißenschaft versäume,
Die Welt nichts achte, guten Rath verschmähe,
Bis liebesiech hinschmachtend ich vergehe.

(Sput tritt auf.)

Sput. Gruß euch, Herr Proteus; saht ihr meinen Herrn?

Proteus. So eben schifft' er sich nach Mailand ein.

Sput. Nein, zwanzig gegen eins, er ist geschifft
Und ich ein Schaf, das seinen Herrn verlor.

Proteus. Ja, bald hat sich ein armes Schaf verirrt,
Wenn seine Heerd im Stiche ließ der Hirt.

Sput. Ihr schließt, mein Herr sei ein Schäfer und ich ein Schaf?

Proteus. Freilich.

Sput. So gehören ihm meine Hörner im Wachen wie im Schlaf.

Proteus. Eine einfältige Antwort wie sie ziemt für ein Schaf.

Sput. Das Alles macht mich zum Schaf.

Proteus. Ja, und deinen Herrn zum Schäfer.

Sput. Nein, ich kanns durch eine Schlußfolgerung widerlegen.

Proteus. Das wird schwer halten; aber ich wills durch eine andere darthun.

Sput. Der Schäfer sucht das Schaf und nicht das Schaf den Schäfer; ich aber suche meinen Herrn, nicht mein Herr mich: folglich bin ich kein Schaf.

Proteus. Das Schaf folgt des Futters wegen dem Schäfer; der Schäfer nicht der Speise wegen dem Schaf, Du folgst des Lohnes wegen deinem Herrn, nicht dein Herr des Lohnes wegen dir. folglich bist du ein Schaf.

Sput. Noch eine zweite Schlußfolgerung wie diese, so schrei ich bäh.

Proteus. Aber höre: gabst du Julien meinen Brief?

Sput. Ja, Herr: ich verlaufenes Schaf gab dem verkäuflichen Lamm euern Brief, und sie, das verkäufliche Lamm, gab mir, dem verlaufenen Schaf, nichts für meine Mühe.

Proteus. Hier ist zu wenig Weide für eine solche Heerde Lämmer.

Sput. Wenn der Weidegrund überfüllt ist, so müßt ihr sie stechen.

Proteus. Da bist du wieder verirrt: ich muß dich pfänden.

Sput. Nein, Herr, für das Brieftragen fändet ihr mich wohlfeiler ab.

Proteus. Immer noch verirrt! in den Pfandstall sollst du.

Sput. Fürs Bestellen in den Stall? Das ist ein böser Platz
Für den Boten, der den Brief überbracht hat euerm Schatz.

Proteus. Aber was sagte sie? Nickte sie nicht einmal?

Sput (nickt). Ich.

Proteus. Nickt, ich? Ach, das ist nichtig.

Sput. Ihr versteht mich nicht, Herr. Ihr fragtet mich, ob sie nickte, da nickte ich und sagte: ich.

Proteus. Und zusammengesetzt ist das nichtig.

Sput. Nun, habt ihr euch die Mühe genommen, es zusammen zu setzen, so nehmts für eure Mühe.

Proteus. Nein, nein, du magst es für dein Brieftragen behalten.

Sput. Ich muß viel aushalten, euch zu ertragen.

Proteus. Ei, Bursch, was hast du bei mir zu ertragen?

Sput. Herr, ich trug den Brief ganz ordentlich und erhielt nur einen nichtigen Lohn für meine Mühe.

Proteus. Ei sieh, dein Witz ist ja recht behende.

Sput. Und kann doch eurer langsamen Börse nicht beikommen.

Proteus. Zur Sache! Heraus mit ihrer Antwort: was sagte sie zu dem Brief?

Sput. Heraus mit eurer Börse, damit das Geld und die Sache zugleich zum Vorschein kommen.

Proteus. Gut, Freund: hier ist für deine Mühe. Was sagte sie?

Sput. Ach, Herr, ich glaube schwerlich, daß ihr sie gewinnt.

Proteus. Warum das? Konntest du das aus ihr herausbringen?

Sput. Nein, Herr, ich konnte gar nichts aus ihr herausbringen, nicht einmal einen Ducaten für die Ueberbringung eures Briefs. Und da sie so hart war gegen mich, der eure Gesinnung überbrachte, so wird sie eben so hartherzig gegen euch sein, wenn ihr euch mündlich gegen sie erklärt. Zu Liebeszeichen gebt ihr nichts als Steine, denn sie ist hart wie Stahl.

Proteus. Wie, sagte sie gar nichts?

Sput. Nein, nicht einmal: Nimm das für deine Mühe. Euch von Undankbaren zu unterscheiden, habt ihr mir Scheidemünze gegeben. Zum Dank dafür tragt künftig eure Briefe selbst; und so, Herr, will ich euch meinem Herrn empfehlen.

Proteus. Geh und bewahr vor Scheiterung dein Schiff:
Es kann nicht sinken, hat es dich an Bord,
Zu trocknerm Tod bist du am Strand bestimmt.
Ich muß ihr einen beßern Boten senden:
Mein Julchen, fürcht ich, würdigt nicht mein Schreiben,
Weil sies aus so unwerther Hand empfieng.


Zweiter Auftritt.

Julie und Lucette treten auf.

Julie. Sprich jetzt, Lucette, denn wir sind allein.
Räthst du im Ernst, ich soll in Liebe fallen?

Lucette. Ja, Fräulein, wenn ihr nur den Hals nicht brecht.

Julie. Doch von der ganzen Auswahl junger Herrn,
Die ich hier täglich um mich seh und spreche,
Wer scheint der Liebe dir am würdigsten?

Lucette. Ich bitte, nennt sie mir, so sag ichs euch
Nach meiner schlichten, unvollkommnen Einsicht.

Julie. Was denkst du von dem schönen Eglamour?

Lucette. Ein wohlberedter Ritter, hübsch und fein;
Doch wär ich Ihr, er würde nimmer mein.

Julie. Und von dem reichen Herrn Mercatio?

Lucette. Von seinem Gelde gut, von ihm so so.

Julie. Laß hören, was du von dem jungen Proteus sagst.

Lucette. Gott, Gott: wie du uns doch mit Thorheit plagst:

Julie. Warum ergreift so sehr der Name dich?

Lucette. Verzeiht mir, Fräulein; doch ich schäme mich,
Daß ich unwürdge Dirne richten soll
Ueber einen Herrn so schön und anmuthvoll.

Julie. Du mochtest doch von allen andern sprechen.

Lucette. Er scheint mir alle andern auszustechen.

Julie. Dein Grund?

Lucette.                 Ich weiß nur einen Weibergrund:
Er scheint mir so nur, weil er mir so scheint.

Julie. Du räthst, ich soll ihm meine Liebe schenken?

Lucette. Ja, wenn ihr sie nicht weggeworfen glaubt.

Julie. Er ganz allein hat nie um mich geworben.

Lucette. Er ganz allein wär fast um euch gestorben.

Julie. Sein Schweigen zeigt, daß er für mich nicht fühlt.

Lucette. Verschloßne Glut ist die am Tiefsten wühlt.

Julie. Die lieben nicht, die keine Liebe zeigen.

Lucette. Die Liebe bergen ist Verliebten eigen.

Julie. O kennt ich doch sein Herz!

Lucette.                                           Lest, Fräulein, dieß Papier.

Julie. »An Julie«. Ei, von wem?

Lucette.                                       Der Inhalt weist es aus.

Julie. Wer aber gab es dir?

Lucette. Der Page Valentins, den Proteus sandte.
Er dacht es Euch zu geben, doch weil er euch nicht sah,
Nahm ichs in euerm Namen; verzeiht, daß es geschah.

Julie. Ei meiner Treu: 'ne feine Kupplerin!
Wagst du verliebte Zeilen anzunehmen?
Dich wider meine Jugend zu verschwören?
Nun, auf mein Wort, das ist ein ehrbar Amt,
Und du Beamte werth des Ehrenamts!
Da, nimm das Blatt, heiß es ihm wiedergeben,
Sonst komm mir nimmer wieder vor die Augen.

Lucette. Wer für die Liebe spricht, soll man den haßen?

Julie. Wirst du wohl gehn?

Lucette.                               Und euch erwägen laßen. (Ab.)

Julie. Und doch – hätt ich den Brief nur erst durchlesen!
Ich schäme mich, sie wieder herzurufen,
Um das zu thun, um das ich sie gescholten.
Die Thörin weiß, daß ich ein Mädchen bin,
Und zwingt mich doch nicht, diesen Brief zu lesen!
Nein sagt ein Mädchen aus Bescheidenheit
Und wünscht, der Frager deut' es ihr als Ja.
Weh, wie verkehrt ist diese thörge Liebe,
Die wie ein trotzig Kind die Amme kratzt,
Und gleich gedemüthigt die Ruthe küsst:
Wie ungestüm schalt ich Lucette fort,
Als ich sie gerne bei mir haben wollte!
Wie legt ich ärgerlich die Stirn in Falten,
Als innerlich mein Herz vor Freude lachte!
Zur Strafe ruf ich jetzt zurück Lucetten
Und bitte sie, die Schuld mir zu verzeihn.
Heda, Lucette!

(Lucette kommt zurück.)

Lucette.                 Was befiehlt eur Gnaden?

Julie. Ist noch nicht Eßenszeit?

Lucette.                                       Ich wollt, es wäre:
So kühltet ihr eur Müthchen an den Speisen
Statt an dem Mädchen.

Julie.                                     Was hebst du auf so schnell?

Lucette. Nichts.

Julie.                   Nichts? warum denn bückst du dich?

Lucette.                                                                             Ich nahm
Ein Blatt vom Boden, das mir erst entfiel.

Julie. Und ist ein Blatt nichts?

Lucette.                                     Nichts, das mich betrifft.

Julie. So laß für die es liegen, die's betrifft.

Lucette. Es wird für die nicht lügen, die's betrifft,
Wenn es nicht etwa falsche Deutung findet.

Julie. Vielleicht daß dir ein Schatz in Versen schrieb.

Lucette. Daß ich sie säng auf eure Melodie?
Ihr setzt ja, Fräulein: findet mir die Weise.

Julie. Ich setze wenig Werth auf solchen Tand.
Sing es nur nach der Weise: Leichte Liebe!

Lucette. Es ist zu schwer für solche leichte Weise.

Julie. Zu schwer? Es geht doch wohl mit keiner Bürde?

Lucette. Melodisch wird es nur, wenn Ihr es singt.

Julie. Warum nicht du?

Lucette.                         Ich reiche nicht so hoch.

Julie. Laß sehn dein Lied. (Lucette giebt ihr den Brief.)
                                          Was soll das sein, du Schalk!

Lucette. Nein, bleibt im Ton und singts darin zu Ende.
Und doch im Grund missfällt mir dieser Ton.

Julie. Weswegen denn?

Lucette.                         Fräulein, er ist zu scharf.

Julie. Du bist zu unverschämt.

Lucette.                                     Nun wird es platt.
So störrisch bringt ihrs nicht zur Harmonie:
Bequemt euch, den Tenor hinzuzunehmen.

Julie. Du scheuchst ihn selbst mit ungestümem Bass.

Lucette. Für Proteus bitt ich um den Pass zu euch.

Julie. Nicht länger soll mich dieß Geschwätz verdrießen.
Es ist doch nur ein Knäul von Liebesschwüren.
        (Zerreißt den Brief.)
Geh, mach dich fort, und laß die Stücken liegen.
Du höbst sie doch nur auf, um mich zu ärgern.

Lucette. Sie thut sehr spröd und sähs dabei recht gerne,
Wenn bald ein zweiter Brief sie ärgerte. (Ab.)

Julie. Nein, könnte mich der erste nur noch ärgern!
Haßvolle Hände, Liebeswort zerreißt ihr!
Treulose Wespen, freßt den süßen Honig
Und stecht die Bienen todt, die ihn erzeugt!
Zur Strafe küss ich jedes Stück Papier.
»Gütige Julia!« – Ungütge Julia!
Um deinen Undank zu bestrafen, werf ich
Hier deinen Namen auf den harten Marmor
Und trete höhnisch deinen Stolz mit Füßen.
Ach sieh, hier steht »der liebeswunde Proteus.«
Ach wundes Herz, mein Busen als ein Bett
Herberge dich, bis ganz geheilt du bist;
Die Wunde pfleg ich dir mit heilgem Kuss.
Noch zwei- und dreimal steht hier Proteus Name,
Still, guter Wind, blas mir kein Wort hinweg,
Bis ich zur Letter las jedwede Letter,
Nur meinen Namen nicht: den trage Sturm
Zu einem Fels, der grausig überhängt,
Und schleudr ihn dann in die empörte See! –
Hier steht sein Name zwier in Einer Zeile,
»Der arme Proteus, der verliebte Proteus
Der holden Julia.« – Ach, das reiß ich ab.
Nein, thu ichs nicht, weil ers so artig paart
Mit seinem eignen kummervollen Namen.
Ich will sie beide auf einander wickeln:
Nun küßt, umarmt euch, zankt, thut was ihr wollt.

(Lucette kehrt zurück.)

Lucette. Fräulein, kommt eßen: euer Vater wartet.

Julie. Wohl, laß uns gehn.

Lucette. Laßt ihr die Fetzen als Verräther liegen?

Julie. Ist dir gelegen dran, so nimm sie mit.

Lucette. Ihr nahmt mich mit, als ich den Brief euch gab;
Doch nehm ich sie, sie könnten sich erkälten.

Julie. Ich seh, du hast daran ein groß Behagen.

Lucette. Ja, Ihr dürft sagen, Fräulein, was ihr seht;
Auch Ich seh Dinge, schein ich gleich euch blind.

Julie. Komm, komm: Beliebt es dir zu gehn?

(Beide ab.)


Dritter Auftritt.

Zimmer in Antonios Hause.

Antonio und Panthino treten auf.

Antonio. Sag an, Panthino, welch ein ernst Gespräch
Mein Bruder dort im Kloster mit dir hielt?

Panthino. Von seinem Neffen Proteus, euerm Sohn.

Antonio. Was ist mit dem?

Panthino.                             Ihn wundre, daß Eur Gnaden
Die Jugend ihn daheim verbringen laße,
Da Mancher von geringerm Stand als ihr
Den Sohn ins Weite schickt, sich auszubilden,
Seis in den Krieg, sein Glück da zu versuchen,
Seis, weitentlegne Inseln zu entdecken,
Seis, zu studieren, auf die hohe Schule.
Für eine solche Uebung, ja für alle,
Meint er, sei Proteus, euer Sohn, geschickt,
Und trug mir auf, euch dringend zuzureden,
Daß ihr ihn länger nicht zu Hause haltet,
Weil es im Alter ihm ein Vorwurf wäre,
In seiner Jugend nicht gereist zu sein.

Antonio. Du brauchst hierzu mir nicht viel zuzureden:
Seit einem Monat schmied ich selbst daran.
Erwogen hab ich auch den Zeitverlust
Und daß er nie zum vollen Mann gedeiht,
Wenn ihn die Welt nicht zeitigt und erzieht.
Erfahrung läßt sich nur durch Müh erlangen;
Im raschen Fluß der Jahre muß sie reifen.
Doch sprich, wohin ich ihn am besten sende?

Panthino. Ich denk, Eur Gnaden ist nicht unbekannt,
Wie jetzt sein Freund, der junge Valentin,
Am kaiserlichen Hofe Dienste nahm,

Antonio. Ich weiß es wohl,

Panthino. Es wär wohl gut, ihr schicktet ihn dahin:
Da übt er sich im Stechen und Turnieren,
Lernt höfschen Brauch, geht mit dem Adel um,
Und bildet sich in jeder Fertigkeit,
Die seinem Alter ziemt und seinem Stand.

Antonio. Dein Rath gefällt mir, er ist wohl bedacht,
Und daß du siehst, wie gut er mir gefällt,
Will ich ihn alsobald vollstrecken laßen.
Demnach gedenk ich ohne weitern Aufschub
Den Sohn nun an des Kaisers Hof zu senden.

Panthino. So wißt, daß morgen Don Alphonso reist
Mit andern jungen Leuten hohen Rangs,
Den Kaiser ehrerbietig zu begrüßen
Und sich zu seinem Dienst bereit zu zeigen.

Antonio. Das fügt sich gut, Proteus mag sie begleiten.
Da kommt er just; jetzt will ichs ihm eröffnen.

(Proteus tritt auf.)

Proteus. O süße Liebe! süße Zeilen! süßes Leben!
Dieß ihre Hand, die mir ihr Herz bezeugt!
Und dieß ihr Liebesschwur, ihr Ehrenpfand!
Ach, billigten die Väter unsre Liebe
Und krönten unser Glück durch ihren Beifall!
O Engel Julia!

Antonio. Wie stehts? Was liest du da für einen Brief?

Proteus. Nur wenge Zeilen sind es, gnädger Vater,
Worin mein Valentin mich grüßen läßt,
Und die ein Freund mir bringt, der von ihm kommt.

Antonio. Gieb mir den Brief; laß sehn, was schreibt er Neues?

Proteus. Nichts Neues schreibt er mir, er schildert nur,
Wie glücklich er da lebt und wie geliebt,
Da täglich ihn der Kaiser neu begnadigt;
Er wünscht mich hin, sein Glück mit ihm zu theilen.

Antonio. Und hast du Lust, nach seinem Wunsch zu thun?

Proteus. Herr, Euerm Willen hab ich mich zu fügen;
Von meines Freundes Wunsch häng ich nicht ab.

Antonio. Mein Will ist seinen Wünschen nah verwandt.
Erstaune nicht, daß ich so schnell verfahre;
Denn was ich will, das will ich: damit gut.
Beschloßen ists, du sollst auf einge Zeit
Mit Valentin am Kaiserhofe leben.
Was er zum Unterhalt von Haus bezieht,
Erhältst du auch von mir zum Jahrgehalt.
Sei denn bereit, schon morgen abzureisen;
Weich mir nicht aus, es ist unwiderruflich.

Proteus. Herr, so geschwind bin ich nicht reisefertig:
Nur ein Paar Tage gebt mir, mich zu sammeln.

Antonio. Was du noch brauchst, das wird dir nachgeschickt.
Zögre nicht länger: morgen must du fort. –
Panthino komm: du must behülflich sein,
Ihn für die Reise eiligst auszurüsten.

(Antonio und Panthino ab.)

Proteus. Das Feuer mied ich Thor, mich nicht zu brennen,
Und stürzte mich ins Meer, wo ich ertrinke;
Dem Vater wollt ich Juliens Brief nicht zeigen
Aus Furcht, er möchte meine Liebe schelten,
Und just den Vorwand, der mich schützen sollte,
Benutzt er, meine Liebe zu verhindern.
Wie gleicht der Liebe kurzer Lenz so sehr
Doch des Apriltags unbeständgem Glanz:
Jetzt scheint die Sonne noch in voller Pracht,
Die Wolke kommt, verschwunden ist sie ganz.

(Panthino kommt.)

Panthino. Herr Proteus, euer Vater fragt nach euch;
Er ist sehr eilig, bitte, folgt ihm gleich.

Proteus. So steht es denn: mein Herz ergiebt sich drein
Und wehrt sich doch mit tausendfachem Nein.

(Sie gehen ab.)

 


 

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