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Die Beichte eines Thoren

August Strindberg: Die Beichte eines Thoren - Kapitel 4
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typefiction
authorAugust Strindberg
titleDie Beichte eines Thoren
publisherCarl Grill k. und k. Hofbuchhandlung
printrun2. Auflage
year1894
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II.

Am folgenden Tage wußte die ganze Stadt von der Entführung der Baronin durch einen Beamten X. von der königlichen Bibliothek. Das hatte ich vorausgesehen und gefürchtet; ich hatte gesorgt, den Verlust ihres guten Rufes zu verhindern, hatte aber alles in einem Anfall von Schwäche aufs Spiel gesetzt. Sie hatte alles verdorben, ich mußte nun die Folgen tragen, mußte in ihrer Theaterlaufbahn jetzt vielleicht drohende Hindernisse beseitigen, zumal es nur eine Bühne für sie gab, und lockere Sitten durchaus keine Empfehlung für ein Engagement am königlichen Theater waren.

Um ein Alibi zu schaffen, machte ich am andern Morgen sofort nach meiner Rückkehr dem Chef der Bibliothek, der durch Krankheit an das Haus gefesselt war, einen Besuch. Dann zeigte ich mich in den Hauptstraßen und trat zur gewöhnlichen Stunde meinen Dienst an. Abends gehe ich in den Journalisten-Klub, verbreite die Nachricht von der Ehescheidung aus künstlerischen Gründen, erkläre, daß dieser Fall harmlos sei und das gute Einvernehmen der beiden Gatten beweise, die sich nur in Folge von sozialen Vorurteilen getrennt hätten.

Wenn ich die Folgen, die diese Rede über die Unschuld der Baronin bringen sollten, gekannt hätte, ich hätte sicherlich ebenso gehandelt!

Die Zeitungen brachten alle diesen Fall unter ihren »Vermischten Nachrichten«, das Publikum aber wollte eine solche Liebe zur Kunst nicht recht glauben, die man – wenigstens bei den Schauspielern – nicht sehr hoch taxiert. Die Frauen zumal beißen auf diesen Köder nicht an, denn das verlassene Kind ist für sie ein dunkler Punkt.

Inzwischen kommt ein Brief von ihr aus Kopenhagen! Es ist ein einziger Notschrei! Von der Last ihrer Gewissensbisse, der Sehnsucht nach ihrem Kinde bedrückt, befiehlt sie mir, unverzüglich zu ihr zu kommen, weil ihre Verwandten sie quälen und in Übereinstimmung mit dem Baron, wie sie annimmt, ihr das für die Scheidung notwendige Aktenstück vorenthalten.

Ich weigere mich entschieden abzureisen, und in meiner Wut richte ich einen drohenden Brief an den Baron, der mir stolz antwortet, so daß ein vollkommner Bruch eintritt.

Eine Depesche, zwei Depeschen, und die Ruhe ist wiederhergestellt, das Aktenstück ist gefunden, und der Prozeß kann beginnen.

Um ihre trübe Stimmung zu bannen, benutze ich die Abende, um ihr eingehende Weisungen zu erteilen; ich rate ihr zu arbeiten, ihre Kunst zu studieren, die Theater zu besuchen, und um ihr einen Nebenverdienst zu verschaffen, fordere ich sie auf, Berichte zu schreiben, die ich in einer geachteten Zeitung unterbringen wolle.

Keine Antwort, und ich habe allen Grund zu glauben, daß meine wertvollen Ratschläge von diesem unabhängigen Geiste schlecht aufgenommen werden.

Eine Woche voller Sorgen, Unruhe und Arbeit ist verflossen, da überrascht mich eines Morgens, als ich noch im Bette liege, ein Brief aus Kopenhagen.

Sie ist ruhig und heiter; sie kann einen gewissen Stolz über den männlichen Streit zwischen dem Baron und mir nicht unterdrücken, und da wir beide ihr unsere Briefe geschickt haben, kann sie darüber urteilen. Sie findet Stil in seinem, und sie bewundert meinen Mut. – Es ist doch schade, fügt sie hinzu, daß zwei so tüchtige Kerle nicht Freunde bleiben dürfen! – Dann erzählt sie mir von ihren Zerstreuungen. Sie amüsiert sich und geht in den Klub der kleinen Künstler, was mir nicht sehr gefällt. Sie hat in Begleitung von jungen Herren, die ihr die Kour machen, ein Variété-Theater besucht, hat eine Eroberung an einem jungen Musiker gemacht, der wegen seiner Kunst von der Familie verstoßen wurde, eine rührende Analogie ihres Schicksals! Dazu eine sorgfältige Biographie des jungen Märtyrers und die Bitte an mich, deswegen nicht eifersüchtig zu werden!

Was ist das? denke ich, betroffen von dem spöttischen und zugleich herzlichen Tone dieses Briefes, der, wie mir scheint, in etwas angeheiterter Stimmung geschrieben ist!

Sollte diese kalte und wollüstige Madonna zur Klasse der geborenen Dirnen gehören, eine Kokette sein?

Ich verabreiche ihr sofort eine Pille, ich steche ihr Bild in Kupfer, nenne sie Madame Bovary und bitte sie dringend, aus diesem gefährlichen Schlaf am Rande des Flusses zu erwachen.

Als Antwort übersendet sie mir den Beweis ihres höchsten Vertrauens, nämlich die von dem jungen Enthusiasten erhaltenen Briefe. Liebesbriefe! Das alte Spiel mit den Worten Freundschaft, unaussprechliche Sympathie der Seelen, das ganze Repertoire der gewöhnlichen, auch von uns beiden gebrauchten Ausdrücke. Bruder und Schwester, Mütterchen, Kameraden, und die übrigen warmen Decken, unter denen die Verliebten sich verkriechen, um schließlich das Spiel tierisch zu beenden.

Man sollte es nicht glauben! Eine Besessene, eine unbewußte Verbrecherin, die aus den rauhen Stunden der letzten zwei Monate nichts gelernt hat, obgleich die Herzen von drei Menschen auf glühendem Roste lagen! Und ich zum Sündenbock bestimmt, zur Deckadresse, zum Strohmann, ich laufe mir die Lenden lahm, um den Weg für ein Leben frei zu machen, das eine Komödiantin immer wieder zu nichte macht.

Welch' neuer Schmerz! Was ich eben noch anbetete, in den Schmutz gezogen!

Dann aber ergreift mich ein unsagbares Mitleid, ich ahne das zukünftige Schicksal dieses verderbten Weibes, und ich schwöre, sie wieder zu erheben, sie zu stützen und sie vor einem verhängnißvollen Sturz zu bewahren, sollte es auch meine letzten Kräfte kosten.

Eifersüchtig! Das häßliche Weiberwort, erfunden, um einen Mann, der hintergangen ist oder eben hintergangen werden soll, irre zu führen! Sie mißbraucht es; beim ersten Ausdruck der Unzufriedenheit von Seiten des Gatten blendet sie ihn mit dem Worte: eifersüchtig. Eifersüchtiger Mann, hintergangener Mann. Und es giebt Frauen, die einen eifersüchtigen einem ohnmächtigen Mann gleichstellen, sodaß er die Augen schließt und wirklich ohnmächtig ist gegen derartige Vorwürfe.

Nach vierzehn Tagen kehrt sie zurück: Hübsch, frisch, sprudelnd voll angenehmer Erinnerungen, weil sie sich amüsiert hat! Aber ich finde in ihrer neuen Toilette Spuren von Extravaganz und schlechtem Geschmack. Einst so einfach und fein, daß man an ihr ein Muster nahm, hat sie sich in eine Dame verwandelt, die selbst von andern entlehnt.

Das Wiedersehen ist kälter, als zu erwarten war, und nach einem beängstigenden Stillschweigen bricht das Unwetter los.

Auf die Bewunderung ihres neuen Freundes gestützt, spielt sie die Stolze, neckt und bespöttelt sie mich, und indem sie ihr neues Kleid auf meinem fast nackten Sopha ausbreitet, wiederholt sie das alte Spiel, und aller Haß ergießt sich in eine heftige Umarmung; es bleibt aber noch Wut genug übrig, die sich in gemeinen Vorwürfen Luft macht. Überreizt durch mein unmäßiges Feuer, welches ihrem trägen Naturell nicht entspricht, fängt sie an zu weinen.

– Wie kannst Du glauben, ruft sie aus, daß ich mit diesem jungen Manne spiele? Ich verspreche Dir, daß ich ihm niemals schreiben werde, obgleich er es mir als eine Unhöflichkeit auslegen wird!

Unhöflichkeit! Das ist auch eins von ihren Schlagwörtern. Ein Mann macht ihr die Kour, ja er geht noch weiter, und sie nimmt es ruhig hin, aus Furcht, eine Unhöflichkeit zu begehen! Die Spitzbübin!

Zu meinem Unglück hat sie sich neue Stiefel gekauft, so klein, und ich bin ihr auf Gnade und Ungnade übergeben, ich bin verloren! Sie hat schwarze Strümpfe angezogen, ihre Wade hat volle Formen, und ihr Knie steigt weiß und lebendig aus diesem Leichentuch auf. Ihre schwarzen Beine, die in Wolken von Unterröcken stecken, lassen sie mir als eine Teufelin erscheinen. Um aber in dieses Gebiet, wo Himmel und Hölle sich vereinen, unbedenklich eintreten zu können, schließe ich mit dem Teufel einen Pakt. Der ewigen Furcht müde, lüge ich. Nach sorgfältigen Forschungen in der Bibliothek hatte ich ein Geheimnis entdeckt, die Natur zu hintergehen, und ich empfehle ihr Mittel, um irgend welchen Schaden zu beseitigen; ich schütze einen organischen Fehler vor, der mich, wenn nicht unfruchtbar, so doch fast ungefährlich mache. Ich glaube schließlich selbst daran, und sie läßt mir das Feld frei, doch hätte ich mir alle schlimmen Folgen selbst zuzuschreiben.

Inzwischen zieht sie zu ihrer Mutter und ihrer Tante, welche in der belebtesten Straße der Stadt im zweiten Stock wohnen. Die Baronin bringt es durch die Drohung, sie würde mich in meiner Wohnung besuchen, dahin, daß ich zu ihr kommen darf, und es ist nicht gerade erheiternd, die beiden alten Schildwachen zu passieren, die übrigens während meines Besuches sich dicht an der Thür halten.

Jetzt fängt sie an, einzusehen, was sie verloren hat. Sie, die Baronin, die verheiratete Frau, die Herrin eines Haushaltes, ist zu einem Kinde erniedrigt, von einer Mutter bewacht, in einem Zimmer gefangen, wie ein Invalide gehalten. Und alle Tage erinnert sich die Mutter daran, daß sie ihre Tochter zu einer ehrenvollen Stellung erzogen hat, und die Tochter erinnert sich der glücklichen Stunden, wo jener Mann kam, um sie aus dem mütterlichen Gefängnis zu befreien. Und die bittern Streitigkeiten, die daraus entstehen, die Thränen und harten Worte, die über mich ausgegossen werden alle Abende, wenn ich ihr meinen Besuch mache, einen Besuch im Gefängnis, mit Zeugen hinter der Thür!

Da die Verwandten dieser peinlichen Besuche müde sind, wagen wir eine Zusammenkunft in einem öffentlichen Garten; doch wir kamen vom Regen in die Traufe, denn wir sind den verächtlichen Blicken der Menge ausgesetzt. Die Frühlingssonne, die unser Elend beleuchtet, ist uns verhaßt; wir sehnen uns nach dem Dunkel, wir wünschen den Winter herbei, um die Schande zu verbergen; und der Sommer naht mit seinen langen, dämmerlosen Nächten.

Alles zieht sich zurück. Von dem Geklatsch eingeschüchtert, wird meine Schwester argwöhnisch. Bei der letzten Abendgesellschaft fing die ehemalige Baronin, um ihre Schwäche zu verbergen, zu trinken an; sie berauschte sich, hielt eine Rede, rauchte und zog sich schließlich die Abneigung aller verheirateten Frauen und die Verachtung der Männer zu.

– Schmutziges Weib! gesteht ein verheirateter Mann im Vertrauen meinem Schwager, der sich beeilt, es mir wiederzusagen.

Eines Sonntags Abends waren wir bei meiner Schwester eingeladen; wir gingen zur angegebenen Stunde hin. Wir waren wie vom Donner gerührt, als das Mädchen uns meldete, daß die Herrschaften nicht zu Hause wären, da sie anderweitig eine Einladung angenommen hätten. Das war der Gipfel der Demütigung. Wir verbrachten den Sonntag Abend auf meinem Zimmer verzweiflungsvoll mit Selbstmordgedanken. Ich ziehe die Vorhänge zu, um uns vor dem hellen Tageslicht zu schützen, und ich warte die Dunkelheit ab, um sie nach Hause zu bringen. Aber die Sonne geht so spät unter, und um acht Uhr bekommen wir Hunger. Ich habe keinen Pfennig mehr, sie auch nicht, und nichts zu essen im Hause, nichts zu trinken. Wir bekommen einen Vorgeschmack von dem Elend, und ich verbringe die schlimmsten Stunden meines Lebens. Beschuldigungen, Küsse ohne Feuer, endloses Weinen, Gewissensbisse, Widerwillen.

Ich fordere sie auf, bei ihrer Mutter Abendbrod zu essen, aber sie haßt das Sonnenlicht; außerdem kann sie das Nachhausekommen nicht erklären, da sie von der Einladung meiner Schwester erzählt hat. Seit dem Mittag, seit zwei Uhr hat sie nichts genossen, und die traurige Aussicht, hungrig zu Bett zu gehen, weckt das wilde Thier in ihr. Sie ist in einem reichen Hause aufgewachsen, an den Luxus gewöhnt, kennt die Armut nicht, und Bitterkeit erfüllt ihr Herz. Mir ist der Hunger ein alter Bekannter von meiner Jugend her; aber es thut mir entsetzlich weh, die angebetete Frau in solcher Lage zu sehen. Ich durchsuche meinen Schrank, ohne etwas zu finden. Ich wühle in den Schubläden meines Schreibtisches, da finde ich endlich unter vergrabenen Andenken, verwelkten Blumen, rosafarbenen Billets und verblichenen Bändern zwei Bonbons, die ich zur Erinnerung an einen Leichenschmaus aufbewahrt hatte. Ich biete ihr den Gerstenzucker an, der in schwarzes Papier mit Silberstreifen eingewickelt ist. Welch traurige Speise, die das Gewand des Leichenwagens trägt!

Niedergeschlagen, verzweiflungsvoll erhebe ich mich, wettere gegen die ehrbaren Frauen, die uns ihre Thür verschließen, uns verstoßen.

– Warum dieser Haß und diese Verachtung? Haben wir uns ein Verbrechen, einen Ehebruch zu Schulden kommen lassen? Nein! Es liegt nur eine offene, gesetzliche Ehescheidung vor, die allen Vorschriften des Gesetzes genügt.

– Wir sind zu anständig gewesen, tröstete sie sich; die Welt ist nur ein Haufe von Schurken. Der öffentliche, schamlose Ehebruch wird geduldet, aber die Ehescheidung nicht. Eine schöne Sittlichkeit!

Wir sind darüber einig. Jedenfalls bleibt das Verbrechen bestehen; es bedroht unser Haupt, das sich unter den Keulenschlägen beugt.

Ich komme mir wie ein Straßenjunge vor, der ein Vogelnest ausgenommen hat. Die Mutter ist geraubt, und das Junge liegt auf der Erde und piept, da ihm die wärmende und schützende Mutter fehlt. Und der Vater? Den Vater hat man an einem Sonntag Abend, wie der heutige, in seinem geplünderten Nest allein gelassen, wo sonst die Familie sich versammelte: allein in dem Salon, wo das Klavier verstummt ist, allein in dem Eßzimmer, wo er sein einsames Mahl einnimmt, allein im Schlafzimmer...

– Nein, unterbrach sie mich, ich habe allen Grund zu glauben, daß er sich auf einem Sopha bei dem Kammerherrn, dem Schwager der Kousine, spreizt und satt und geschwollen seiner Mathilde, dem armen, verblendeten Kinde, die Hand drückt und ihr unwahrscheinliche Geschichten von dem schlechten Betragen seiner unwürdigen Gattin auftischt, die an dem Haremsleben keinen Geschmack fand. Von den Sympathien und dem Bedauern dieser heuchlerischen Welt gestützt, werfen diese beiden den ersten Stein auf uns!

Nach noch tieferem Eingehen auf diese Sache erkläre ich, daß der Baron uns zum Besten gehabt, daß er sich seiner Frau absichtlich entledigt hat, um eine andere zu gewinnen, welche sich widerrechtlich die Mitgift hat zusprechen lassen.

Da aber empört sie sich.

– Nichts böses über ihn! Das ist meine Schuld!

– Warum nichts böses über ihn! Ist seine Person geheiligt?

Es scheint so, und wohlgemerkt, sie verteidigt ihn immer, wenn ich ihn angreife.

Sind es gemeinsame Standesinteressen, die sie mit dem Baron verbinden? Oder giebt es in ihrem intimen Leben Geheimnisse und Mysterien, die ihr den Baron als Feind gefährlich machen könnten? Das ist jedenfalls eine feststehende Thatsache, ebenso wie ihre unwandelbare Anhänglichkeit an den Baron, so treulos er sich auch früher gezeigt haben mag.

Endlich geht die Sonne unter, wir trennen uns. Ich schlafe wie ein Hungriger; ich träume, daß ich einen Mühlstein um den Hals habe, da ich zum Himmel emporsteigen will.

*

Das Mißgeschick häuft sich. Man erkundigt sich beim Theaterdirektor wegen der Erlaubnis zu einem Auftreten der Frau von X. Es wird geantwortet, daß die Theaterleitung mit einer entlaufenen Frau nicht verhandeln könne!

Alles gescheitert! Also nach einem Jahre wird diese Frau, deren Mittel erschöpft sind, auf die Straße geworfen. Und ich, der arme Bohémien, soll sie retten!

Um sich über diese Unglücksbotschaft zu vergewissern, begiebt sie sich zu der großen Tragödin, ihrer Freundin, mit der sie vor kurzem noch hier und da in der Gesellschaft zusammenkam, und die damals vor der Baronin mit den blonden Haaren, »dem kleinen Elfen«, wie ein Hund kroch.

Die große Tragödin, die Ehebrecherin, die unter dem Laster ergraut ist, empfängt die anständige Sünderin in beleidigender Form und weist ihr die Thür!

Das Maß ist voll!

Jetzt bleibt nur noch die Rache um jeden Preis!

– Nun gut, sage ich zu ihr. Werde Schriftstellerin! Schaffe ein Drama und laß es gerade auf unserer Bühne aufführen! Warum willst Du hinabsteigen, wenn Du emporsteigen kannst? Wirf die Kommödiantin von Dir und erhebe Dich mit einem einzigen Sprung über sie! Decke die lügnerische, heuchlerische, lasterhafte Gesellschaft auf, die ihre Salons dem Schmutz öffnet, sie aber einer getrennten Frau verschließt! Das ist Stoff für ein Drama!

Aber sie hat eine weiche Natur, sie ist unfähig, Eindrücke zu empfangen und sie zu gestalten.

– Keine Rache!

Feige und rachsüchtig zugleich, überläßt sie Gott die Rache, was auf dasselbe hinauskommt, und bürdet ihm die Verantwortlichkeit auf.

Aber ich lasse nicht los, und ein glücklicher Zufall kommt mir zu Hülfe. Ein Verleger wünscht, daß ich ihm eine illustrierte Jugendschrift verfassen soll.

– Höre, sage ich zu Frau von X; mache mir den Text, dann bekommst Du hundert Francs voll ausbezahlt.

Ich bringe ihr Hülfsbücher und verschaffe ihr die Illusion, daß sie die Arbeit ausgeführt habe, und sie streicht die hundert Francs ein. Aber um welchen Preis! Der Verleger verlangt, daß ich meinen Namen auf ein illustriertes Buch setzen soll, nachdem ich als Dramaturg debütiert hatte. Das ist litterarische Prostitution! Und welche Freude für meine Gegner, die schon längst auf meine Unfähigkeit als Schriftsteller geschworen haben!

Endlich veranlasse ich sie, eine Korrespondenz für eine Morgenzeitung zu schreiben. Sie bringt einen mittelmäßigen Artikel zu Stande, der aufgenommen wird. Aber die Redaktion zahlt nicht.

Ich laufe die Straßen ab, um einen Louisdor aufzutreiben, den ich der Verfasserin mit dem frommen Betruge, er käme von der Redaktion, übergebe.

Arme Maria! Welche Freude für sie, diese kleine Einnahme ihrer trostlosen Mutter übergeben zu können, die infolge ihrer bedrängten Lage genötigt ist, sich einzuschränken und möblierte Zimmer zu vermieten.

Die alten Damen fangen an, ihre Augen auf mich, als ihren Retter, zu richten. Sie holen aus ihren Schubfächern Abschriften von Übersetzungen heraus, die von allen Theatern schon abgelehnt waren; sie trauen mir die Fähigkeit zu, mir bei den Direktoren Eintritt zu verschaffen; da werde ich nun mit ganz unausführbaren Aufträgen belastet, die mich so in Anspruch nehmen, daß ich in die größte Not gerate.

Durch den Zeitverlust gehen meine Ersparnisse darauf, meine Nervenkraft reibt sich auf, schließlich gebe ich mein Mittagessen auf und kehre zu meiner alten Gewohnheit zurück, ohne Abendbrod schlafen zu gehen.

Durch den Geldverdienst ermutigt, macht sich Maria daran, ein fünfaktiges Stück zu schreiben. Es kommt mir vor, als habe ich ihr alle Samenkörner meiner dichterischen Gestaltungskraft zugeführt, und auf diesen jungfräulichen Boden gesät, keimen sie und schießen in die Höhe, während ich unfruchtbar werde wie ein Fruchtboden, der seine Fruchtbarkeit abgiebt, indem er selbst dahinstirbt. Bis ins Mark ausgesogen, fühle ich mich dem Tode nahe, und mein Gehirn wird mir ausgedörrt, indem es sich dem Räderwerk eines weiblichen Hirns anpaßt, das anders abläuft wie beim Manne. Ich begreife wirklich nicht, was mich veranlaßt, die schriftstellerischen Fähigkeiten dieses Weibes zu überschätzen, indem ich sie zum Schreiben dränge; habe ich doch nichts von ihrer Hand gelesen, mit Ausnahme ihrer Briefe, die manchmal aufrichtig, oft aber noch weniger als gewöhnlich waren. Sie ist auf dem Wege, mein personifiziertes Dichtertalent zu werden, und ich setze sie an die Stelle meines unterdrückten Talents. Ihre Persönlichkeit ist auf die meinige aufgepfropft, sodaß sie nur noch ein neues Organ meines Wesens bildet. Ich existiere nur durch sie, und ich, die belebende Wurzel, schleppe mein unterirdisches Dasein dahin, indem ich diesen Baum nähre, der zur Sonne emporsteigt und herrlich erblüht; und ich freue mich dessen, ohne daran zu denken, daß ein Tag kommen wird, wo das Pfropfreis sich von dem jetzt saftlosen Stamme losmachen und sich seines erborgten Wachstumes rühmen wird.

Der erste Akt ihres Stückes ist fertig. Ich lese ihn. Ohne mich von meiner Einbildung beeinflussen zu lassen, finde ich ihn ausgezeichnet, und mit den innigsten Glückwünschen spreche ich der Verfasserin meine höchste Bewunderung aus. Sie ist selbst über ihr Talent erstaunt, und ich male ihr eine glänzende Zukunft als Schriftstellerin aus. Doch da erfahren unsere Pläne eine Änderung. Marias Mutter erinnert sich einer Freundin, einer Malerin, Besitzerin eines herrschaftlichen Gutes, die sehr reich und, was hauptsächlich ins Gewicht fällt, mit dem ersten Schauspieler am königlichen Theater und seiner Frau eng befreundet ist; Beide sind erklärte Feinde der ersten Tragödin. Unter der moralischen Garantie der unverheirateten Gutsbesitzerin übernimmt das Künstlerpaar Marias Vorbereitung bis zu ihrem Auftreten. Um hierüber zu beraten, wird Maria auf 14 Tage zu ihrer Freundin eingeladen, wo sie auch den großen Schauspieler und seine Frau treffen soll, die, um das Glück voll zu machen, vom Direktor sehr günstige Auskunft erhalten haben. Er dementierte die früheren schlimmen Nachreden, die von Marias Mutter erfunden worden waren, um die Theaterwut ihrer Tochter abzukühlen.

Endlich ist sie gerettet; und ich atme auf, ich schlafe wieder, ich arbeite.

Sie ist zwei Wochen fort, und nach ihren wenigen Briefen zu urteilen, amüsiert sie sich. Vor den befreundeten Künstlern deklamiert sie zur Probe, und man giebt das Urteil ab, daß sie nicht ohne Talent für die Bühne sei.

Nach ihrer Rückkehr mietete sie auf dem Lande ein Zimmer mit Pension bei einer Bäuerin. Dadurch ist sie die alten Schildwachen los und kann mich Sonnabends und Sonntags ungestört ohne Zeugen in freiem Verkehr sehen. Das Leben spendet uns endlich ein Lächeln, das freilich noch immer durch die offenen Wunden der letzten Operation getrübt wird. Aber in der freien Natur empfindet man weniger die Last sozialer Vorurteile, und unter der hellen Sommersonne verschwinden die Trübungen der Seele schneller!

*

Beim Beginn des Herbstes wird ihr Auftreten unter der Protektion der beiden berühmten Namen angezeigt, und das Geklatsch verstummt. Die Rolle gefällt mir durchaus nicht, weil sie unbedeutend ist, es ist eine Kleiderrolle in einem alten Stück. Aber der Lehrmeister hat auf die Sympathie des Publikums gerechnet, weil die Dame einen Marquis abweist, der sie heiraten will, um seinen Salon zu schmücken, sie aber zieht das edle Herz eines armen jungen Mannes der Krone und dem Reichtum des Marquis vor.

Da ich längst als Lehrmeister abgesetzt bin, habe ich volle Zeit, meinen gelehrten Studien obzuliegen; ich bin im Begriff, eine Abhandlung für irgend eine Akademie zu schreiben, um mir die Sporen als Bibliothekar und Gelehrter zu verdienen. Und mit heißem Eifer vertiefe ich mich in ethnographische Untersuchungen über den fernsten Orient. Das war Opium für mein Gehirn, das von den überstandenen Zwistigkeiten, Mißgeschicken und Schmerzen ausgedörrt war. Von dem Ehrgeiz getrieben, neben der geliebten Frau, deren Zukunft eine glänzende zu werden versprach, eine selbstständige Bedeutung zu gewinnen, war ich wunderbar fleißig, ich vergrub mich in die Keller des königlichen Palastes vom Morgen bis zum Abend, ich litt unter der eisigen und feuchten Luft, ich trotzte dem Mangel an Nahrung und an Geld.

*

Marias Auftreten ist angekündigt, da stirbt ihre Tochter an Gehirntuberkulose. Wieder vergeht ein Monat unter Thränen, unter Vorwürfen und Gewissensbissen.

– Das ist die Strafe, erklärt die Großmutter, froh der Tochter den vergifteten Dolch ins Herz stoßen zu können; sie haßt sie, weil sie der Familie Schande gemacht hat.

In Schmerz aufgelöst, hatte Maria Tag und Nacht am Bette des sterbenden Kindes im Hause des geschiedenen Gatten, unter dem Schutz ihrer gewesenen Schwägerin zugebracht. Der arme Vater ist durch den Verlust seiner einzigen Freude zu Boden geschmettert. Aufgelöst, von Schmerz zerwühlt, hat er den Wunsch, seinen ehemaligen Freund zu sehen, um mit ihm die Erinnerungen an die Vergangenheit aufzufrischen. Eines Abends nach der Beerdigung des Kindes sagt mir mein Dienstmädchen, als ich nach Hause komme, daß der Baron dagewesen wäre, und daß er mich bitten ließe, zu ihm zu kommen.

Da ich eine Erneuerung der schroff abgebrochenen Beziehungen nicht wünschte, lehnte ich in höflicher und feiner Weise ab.

Eine Viertelstunde später erscheint Maria in Trauer und fordert mich unter Thränen auf, den Bitten des untröstlichen Barons nachzugeben.

Ich finde diese Mission unpassend und weise auf die Meinung der Welt, auf die zweideutige Situation hin. Sie beschuldigt mich der Voreingenommenheit, fleht mich an, appelliert an mein edles Herz, sodaß ich schließlich dieses unzarte Geschäft übernehme.

Ich hatte geschworen, niemals das alte Haus zu betreten, in welchem das Drama sich abgespielt hatte. Der Wittwer war in die Nähe meiner Wohnung und sehr nahe an Marias Wohnung gezogen, sodaß meine Abneigung gegen die alte Wohnung der Ehegatten nicht verletzt wurde; und so begleite ich die geschiedene Frau zu ihrem früheren Gatten.

Die Trauer, der Kummer, das finstere, trübe Aussehen im Sterbehause, alles dies vereint sich, um das Unpassende und Falsche dieser Begegnung weniger fühlbar zu machen. Die Gewohnheit, diese beiden Personen zusammen zu sehen, bewahrt mich vor jeder eifersüchtigen Regung, und das würdige und herzliche Benehmen des Barons wiegt mich in eine ungestörte Sicherheit. Wir essen Abendbrod, wir trinken, wir spielen Karten, und alles wiederholt sich wie in den guten alten Tagen.

Am andern Tage kommt man bei mir zusammen, am nächsten Abend bei Maria, die nun ein Zimmer bei einem alten Fräulein bewohnt. Wir nehmen unser altes Leben wieder auf, und Maria ist glücklich, uns vereint zu sehen. Das beruhigt sie, und da wir alle zartfühlend sind, wird niemand in seinen innersten Gefühlen verletzt. Der Baron betrachtet uns als heimlich Verlobte, und seine Liebe zu Maria scheint tot. Manchmal vertraut er uns sogar seinen Liebeskummer in Betreff der schönen Mathilde an, die im väterlichen Hause eingeschlossen und dem Baron nicht erreichbar ist. Und Maria neckt und tröstet ihn abwechselnd. Er aber giebt sich keine Mühe mehr, seine wahren Gefühle, die er früher abgeleugnet hatte, zu verbergen.

Allmählich aber nimmt der vertraute Verkehr einen beängstigenden Umfang an, sodaß, wenn auch nicht meine Eifersucht, so doch mein Widerstand erweckt wird. Eines Tages teilt mir Maria mit, daß sie beim Baron zu Mittag geblieben sei, weil sie nötig mit ihm die Angelegenheit der Erbschaft ihrer Tochter zu besprechen hatte, deren Erbe der Vater ist. Ich protestiere gegen diesen übel angebrachten Eifer und finde ihn sogar unpassend. Sie lacht mir ins Gesicht und spöttelt über meine Auflehnung gegen die Vorurteile, und schließlich lache ich selbst darüber. Es ist lächerlich, ungewöhnlich, aber es gehört zum guten Ton, über die Welt zu spotten, und es ist prächtig, daß die Tugend triumphiert.

Seitdem besucht sie den Baron nach Gefallen, und ich glaube sogar, daß sie sich damit amüsieren, ihre Rolle zusammen zu lesen.

Bis dahin war alles ohne Lärm abgegangen, und meine Eifersucht war unter dem Einfluß der Gewohnheit und der Illusion, sie als Gatten zu betrachten, geschwunden. Eines Abends jedoch kommt Maria allein zu mir. Ich nehme ihr den Mantel ab, und gegen ihre sonstige Gewohnheit braucht sie eine gewisse Zeit, um ihre Kleider in Ordnung zu bringen. Da ich mich auf die Geheimnisse der Damen verstehe, wittere ich irgend welche Kunststücke. Indem sie noch spricht, setzt sie sich auf das Sopha, dem Spiegel gegenüber, und während sie in gezwungenem Ton plaudert, betrachtet sie sich verstohlen im Spiegel und ordnet heimlich ihr Haar.

Ein schrecklicher Verdacht schießt mir durch den Kopf, und unfähig, meine Aufregung zu bemeistern, breche ich los:

»Woher kommst du?«

»Von Gustav!«

»Was hast du da gemacht?«

Sie macht eine brüske Bewegung, aber sie nimmt sich zusammen und antwortet:

»Ich habe meine Rolle gelesen!«

»Du lügst!«

Bei meiner sinnlosen Verdächtigung schreit sie auf, sie überhäuft mich mit einem Schwall von Vorwürfen, und ich bin wieder schwach. Leider müssen wir aufbrechen, denn wir sind beim Baron eingeladen, so daß meine weiteren Nachforschungen aufgeschoben werden müssen.

Wenn ich jetzt an diesen Vorfall zurückdenke, möchte ich einen Eid darauf leisten, daß ich sie mit Recht der Bigamie, im engsten Sinne des Wortes beschuldigte. Aber ihre Kunst, mich mit Worten zu bezaubern, hat mich hypnotisiert, und ich wurde getäuscht.

Was war vorgegangen? Wahrscheinlich dies:

Sie speist allein mit dem Baron; sie trinkt Kaffee und Liqueur darauf; sie wird von der Müdigkeit ergriffen, die sich bei der Verdauung einzustellen pflegt, der Baron empfiehlt ihr ein Sopha, was früher immer ihr größtes Vergnügen gewesen, und so ergab sich denn das übrige allmählich von selbst. Das Alleinsein, das absolute Vertrauen, die Erinnerung unterstützen die beiden Verbundenen, die kein Schamgefühl zu überwinden haben. Der aufs Trockene gesetzte, zum Cölibat gezwungene Mann wird warm, und so geht die Sache vor sich. Warum soll man auf einen Genuß verzichten, der niemand schädigt, vorausgesetzt, daß der Berechtigte es nicht erfährt? Sie ist frei, denn sie hat von ihrem Geliebten kein bares Geld erhalten; und sein Wort nicht halten, das ist in den Augen eines Weibes nicht weiter schlimm. Vielleicht hat auch sie den Verlust des Mannes bedauert, der so ganz zu ihr paßte; vielleicht auch hat sie bei der Vergleichung, nachdem ihre Neugier befriedigt war, wirkliche Sehnsucht nach dem besseren Genossen in dem Liebeskampf empfunden, in welchem der Zaghafte und Zarte, so feurig er sonst sein mag, bei gewissen Frauen stets den Kürzeren ziehen wird; es ist auch wahrscheinlich, daß sie, die Bettgenossin, die sich tausendmal an- und ausgezogen hat in Gegenwart dieses Mannes, der alle Geheimnisse ihres Körpers kennt, sich nicht geniert, ein pikantes Dessert nach einem Diner einzunehmen, das ihr bei verschlossenen Thüren angeboten war, zumal wenn sie sich von Verpflichtungen frei fühlt und ihr gefühlvolles Frauenherz mit dem Darbenden Mitleid hat. Und auf Ehrenwort, wenn ich in der Haut dieses beleidigten, wenn nicht getäuschten Ehemannes steckte, so schwöre ich bei allen alten und modernen Göttern, wenn ich wegen eines andern aufs Trockene gesetzt wäre und hätte meine Geliebte unter meinen Fingern, so sollte sie nicht unberührt mein Schlafzimmer verlassen!

Damals aber, wo ein geliebter Mund unaufhörlich die Schlagworte von Ehre und Anstand und guten Sitten vorbrachte, wollte ich einem solchen Verdachte nicht Raum geben. Warum? Weil ein Weib, das von einem Ehrenmann geliebt wird, stets über ihn triumphieren wird. Er schmeichelt sich, der Einzige zu sein, er wünscht, der Einzige zu sein, und was man wünscht, glaubt man.

Jetzt fällt mir auch ein Wort ein von Jemand, der dem Baron gegenüber wohnte. Ganz unvermittelt ließ damals der Betreffende mir gegenüber eine Bemerkung von einem Erdreich fallen, das Zweien Früchte tragen müsse. Obgleich mir der Sinn dieser Bosheit damals entging, ist sie doch haften geblieben, und doch sind es jetzt zwölf Jahre her. Warum, so frage ich mich, ist sie in dem Haufen von Wörtern, die ich in jener Epoche hörte und wieder vergaß, in meinem Gedächtnis haften geblieben? Freilich, jetzt erscheint mir ihre Treue unwahrscheinlich im höchsten Grade, unglaublich, unmöglich!

In den Stunden übrigens, wo ich mit dem Baron allein war, bemühte er sich stets, ein absichtliches Interesse für Dirnen an den Tag zu legen; und eines Abends, als wir in einem Restaurant gespeist hatten, fragte er mich nach den Adressen von verrufenen Häusern. Um mich dann sicherer zu täuschen!

Dazu kam, daß sein Benehmen gegen Maria die Formen einer entwürdigenden Höflichkeit annahm, und daß die Haltung der Frau die Kokette zeigte, während gleichzeitig ihre Wollust in den Beziehungen zu mir beständig abzunehmen schien.

*

Endlich fand das Auftreten statt. Es war ein etwas verwickelter Erfolg. Zunächst die Neugierde, eine Baronin auf den Brettern zu sehen; die Sympathie des Mittelstandes dem Adel gegenüber, der eine Ehe aus konventionellen Gründen aufgelöst hatte; die Hagestolzen, die geschworenen Feinde der ehelichen Sklaverei, spendeten Blumen; dazu kamen die Freunde, die Verwandten und die Angehörigen des großen Schauspielers, die auf die eine oder andere Weise für die Sache gewonnen waren.

Nach der Vorstellung hatte uns der Baron zu einem Souper eingeladen, an dem auch das Fräulein teilnahm, bei dem Maria wohnte.

Man war über den Erfolg entzückt, und das Gefühl der Genugthuung berauschte alle. Maria hatte noch das Rot auf den Wangen und die schwarze Schminke um die Augen und war noch als vornehme Dame frisiert; sie mißfiel mir. Es war nicht mehr die jungfräuliche Mutter, die mich geliebt hatte, vielmehr eine Komödiantin, mit frechen Mienen, gewöhnlichen Manieren, sie war prahlerisch, ließ die andern nicht zu Worte kommen und hatte eine verletzende Dünkelhaftigkeit angenommen.

Sie glaubte, auf der Höhe der Kunst angekommen zu sein; auf meine Bemerkungen antwortete sie nur mit Achselzucken, und in fast bemitleidendem Tone warf sie die Bemerkung hin:

»Das verstehst du nicht, mein Lieber!«

Der Baron hatte die Miene eines unglücklich Liebenden. Es wollte sie küssen, scheute aber nur meine Anwesenheit. Nachdem er ungemein viel Madeira getrunken hatte, ergoß er sein Herz und gab seinem schmerzlichen Bedauern Ausdruck, daß die Kunst, die göttliche Kunst, so grausame Opfer fordere! Die Zeitungen, die gut bearbeitet waren, konstatierten den Erfolg, und ein Engagement schien unausbleiblich.

Zwei Photographen stritten sich um die Ehre, sie in ihren Posen aufnehmen zu können, und ein kleiner neuer Verlag giebt ihre Biographie mit einem Porträt des neuen Sterns heraus. Was mich in Erstaunen setzt, wenn ich alle die Bilder der angebeteten Frau betrachte, ist, daß auch nicht eins dem Original ähnlich ist. Hat sie Charakter und Ausdruck in der so kurzen Spanne eines Jahres geändert, oder ist sie eine andere, wenn sie die Liebe, die Zärtlichkeit, das Mitleid wiederspiegelt, das in meinen Augen liegt, da ich sie ansehe? Ich finde in ihren Photographien einen niedrigen, rohen, frechen Ausdruck, einen Zug starker Koketterie, eine einladende, herausfordernde Miene. Namentlich flößt mir eine Pose Schrecken ein. Sie ist vornübergeneigt, stützt sich auf die Lehne eines niedrigen Sessels und stellt ohne Scheu ihre nackte Brust zur Schau, halb hinter einem Fächer verborgen, der auf dem Ausschnitt des Kleides ruht. Ihre Blicke scheinen in die Blicke eines andern zu tauchen, der nicht ich bin, denn meine mit Achtung und Zärtlichkeit gepaarte Liebe liebkost sie niemals mit dieser frechen Wollust, mit der man Dirnen anfeuert. Diese Photographie macht auf mich denselben Eindruck wie die unzüchtigen Bilder, die heimlich am Ausgang der Cafés verkauft werden; ich weise sie zurück.

»Du willst die Photographie deiner Maria nicht, sagte sie mit jener kläglichen Miene, die einen Augenblick lang ihre Inferiorität zeigt, die sie aber im Ernst niemals zugiebt. Du liebst mich nicht mehr!«

Wenn eine Frau ihren Geliebten beschuldigt, daß er sie nicht mehr liebe, so hat sie aufgehört zu lieben; und ich merke auch seitdem die Abnahme ihrer Neigung.

Sie fühlt es, daß ihre arme Seele aus der meinigen den Mut und die Kühnheit geschöpft hat, die zu ihren Zwecken nötig sind, und sie fängt an, sich ihres Schuldners zu entledigen. Indem sie mir zuhört, stiehlt sie meine Ideen, dabei giebt sie sich den Anschein, als mißachte sie dieselben.

»Das verstehst Du nicht, mein Lieber!«

Sie, die Ungebildete vom reinsten Wasser, die nur etwas Französisch verstand, die einen unordentlichen Unterricht genossen hatte, auf dem Lande aufgewachsen war, weder das Theater, noch die Litteratur kannte, die mir zu Dank verpflichtet ist, da ich ihr die ersten Begriffe der schwedischen Aussprache beigebracht, die ich in die Geheimnisse der Prosodie und Metrik eingeweiht habe, mich behandelt sie als Müßiggänger.

Jetzt, wo ihr zweites Auftreten stattfinden soll, wähle ich ihr die Rolle aus, es ist eine große Rolle in einem Melodram, die Stütze des Repertoires. Sie weist sie zurück! Aber nach kurzer Zeit teilt sie mir mit, daß ihre Wahl auf dieses selbe Stück gefallen sei. Ich analysiere ihr dasselbe, gebe ihr die Kostüme an, berechne die Effekte, rate ihr, auf effektvolle Abgänge bedacht zu sein, und betone die Hauptcharakterzüge.

Nun entspinnt sich zwischen mir und dem Baron ein Kampf im Geheimen. Er, als Direktor des Theaters des königlichen Garde und Lehrmeister der schauspielernden Soldaten, maßt sich in Theatersachen ein besseres Urteil an, und Maria acceptiert ihn als Lehrer, weil er ihren sogenannten Ideen besser entgegenkommt, und setzt mich ab. Der gute Hauptmann hat sich seine besondere Ästhetik für das Theater geschaffen, welche er als die natürliche betrachtet. Um recht natürlich zu sein, stellt er die Banalität, das Gemeine, das Gewöhnliche über alles.

Ich billige dieses Prinzip, wo es sich um das moderne Drama handelt, das sich in der Enge des alltäglichen Lebens bewegt, aber auf ein englisches Melodrama kann es keine Anwendung finden. Denn die großen Leidenschaften werden anders ausgedrückt als das Geschwätz des Salons.

Diese Unterscheidung ist für einen mittelmäßigen Geist zu fein, der von einem ganz anders gearteten Falle aus auf das Allgemeine schließt.

Am Tage vor der Aufführung hält mich Maria für wert, mir ihre Roben zu zeigen. Trotz meines Widerspruchs und meiner Bitten hat sie einen staubgrauen Stoff gewählt, der ihr eine fahle Leichenfarbe giebt. Als einzige Antwort hält sie mir einen echt weiblichen Grund entgegen:

»Aber Frau X., die große Tragödin, hat die Rolle in grauem Kleide creirt!«

»Ganz recht, aber sie ist keine Blondine wie Du, und was für die Brünetten gilt, paßt nicht für die Blondinen.«

Sie versteht mich! Aber sie wird böse!

Ich prophezeie ihr einen Mißerfolg, und ihr zweites Auftreten gestaltet sich in der That zu einem gänzlichen Abfall!

Wieviel Thränen, Vorwürfe und Grobheiten!

Um das Unglück voll zu machen, übernimmt die große Tragödin in der nächsten Woche wieder ihre Rolle, um irgend ein Jubiläum zu feiern, bei welchen sie durch ein Transparent, einen Korb Blumen und einen Wagen voll Kränzen geehrt wird!

Natürlich mißt Maria mir die Schuld an dem Durchfall bei, weil ich ihr das Unglück prophezeit, und sie schließt sich mit der Sympathie, die untergeordnete Naturen mit einander verbindet, noch enger an den Baron an.

Ich, der Gelehrte, der dramatische Schriftsteller, der Theaterkritiker, der alle Litteraturen kennt, infolge der Schätze der Bibliothek von den litterarischen Erscheinungen der ganzen Welt Kenntnis hat, ich werde zum alten Eisen geworfen, als Ignorant, als Page, als Hund behandelt.

Doch trotz des mißgeglückten Auftretens wird sie mit einer Gage von zweitausend vierhundert Francs jährlich engagiert, und sie ist gerettet. Zugleich ist aber ihre Karriere als große Künstlerin abgeschnitten. Sie wird zu zweiten Rollen, als Gesellschaftsdame, als Garderobenständer benutzt, und ihre ganze Zeit wird von Beratungen mit der Schneiderin in Anspruch genommen. Drei, vier und fünf Toiletten an einem Abend müssen ihre schon an sich ungenügende Gage aufzehren.

Welch bittere Enttäuschung! Wie viel herzzerreißende Scenen, wenn sie immer dünnere Rollenhefte erhält, die nie ein Dutzend Sätze enthalten. Ihr Zimmer verwandelt sich in eine Schneiderwerkstatt, voller Schnittmuster, Stoffe und Lappen. Sie, die Mutter, die Weltdame, welche Gesellschaft und Toiletten im Stiche ließ, um sich der göttlichen Kunst zu weihen, sie ist zur Schneiderin geworden, die bis Mitternacht an der Nähmaschine sitzt, um sich dem bürgerlichen Publikum als Weltdame zu zeigen.

Und das Leben einer wenig beschäftigten Schauspielerin, wenn sie hinter den Kulissen eine Stunde lang auf einen Auftritt warten und die ganze Zeit ohne eine Beschäftigung dastehen muß! Nun findet sich der Geschmack an Klatschereien, pikanten Erzählungen, Schmutzgeschichten, sodaß das Streben nach den Höhen der Kunst verfliegt, daß der Geist die Flügel sinken läßt, um am Erdboden zu kriechen und schließlich beim Schlamm der Straße anzugelangen.

Das Unglück geht seinen Gang, und eines Tages, als dieselben Roben schon mehrmals aufgetreten waren und die Mittel fehlten, neue anzuschaffen, nimmt man ihr die Rollen der Gesellschaftsdamen ab, und sie ist nunmehr zu Statistenrollen verurteilt!

Und während der Verfall sich vollzieht, macht ihr die Mutter, die Kassandra, die alles vorausgesagt hatte, böse Stunden; und das Publikum, welches eine vielbesprochene Scheidung und den Tod eines Kindes mit angesehen hatte, erhebt sich gegen die unnatürliche Mutter, gegen die ungetreue Gattin. Dem Widerwillen des Publikums muß der Theaterdirektor nachgeben; der berühmte Schauspieler desavouiert sie, indem er erklärt, er hätte sich in ihrem Talent getäuscht.

Soviel Lärm, soviel Mißgeschick um der Laune einer inkonsequenten Frau willen!

Mitten in diesem Unglück stirbt nun noch die arme Mutter an einer Herzkrankheit, die sie sich, wie man sagt, infolge des Kummers über ihre gesunkene Tochter zugezogen hat.

Wiederum verpflichtet mich mein Ehrgefühl, hier zu helfen; ich wüte gegen diese ungerechte Welt, und mit übermenschlicher Kraft will ich sie aus dem Sumpfe reißen. Das nächstliegende Mittel ist die Journalistik. Jetzt, wo sie jedem zu Dank verpflichtet sein muß, der ihr unter die Arme greift, jetzt nimmt sie meinen Vorschlag an, ihr eine Wochenschrift für Theater, Musik, Kunst und Litteratur zu gründen. Dadurch wird sie auf dem Gebiete der Kritik und des Feuilletons eingeführt, und es wird ihr dann der Weg zu den zukünftigen Verlegern erleichtert. Sie legt zweihundert Francs bei dem Unternehmen an, ich übernehme die Kopien und die Korrekturen. Meiner Unfähigkeit in Verwaltungs- und Kassenangelegenheiten mir voll bewußt, überlasse ich ihr die Expedition und die Annoncen, wobei ihr der Regisseur, der eine Zeitungsexpedition besitzt, zur Seite stehen kann.

Die erste Nummer ist gesetzt und sieht ganz gelungen aus. Ein Leitartikel von einem jungen Maler, eine Originalkorrespondenz aus Rom, eine andere aus Paris, eine Musikkritik von einem hervorragenden Schriftsteller, der Mitarbeiter an der bedeutensten Zeitung Stockholms ist, eine litterarische Rundschau, die ich selbst geschrieben habe, schließlich Feuilleton und Premieren von Maria.

Alles ist aufs beste gelungen, aber der Erfolg des gefährlichen Versuchs beruht darauf, das die erste Nummer zu dem bestimmten Zeitpunkte herauskommt; dazu fehlen uns aber die nötigen Mittel und Kredit.

Wehe über mir, daß ich unser Schicksal einer Frauenhand anvertraut hatte!

An dem Tage, an welchem die Zeitschrift erscheinen soll, schläft sie wie gewöhnlich bis in den Tag hinein. Überzeugt, daß das Blatt ausgegeben ist, gehe ich in die Stadt, begegne aber überall spöttischen Mienen.

– Wo ist denn das famose Blatt zu haben, fragen die vielen Interessenten.

– Überall, antworte ich.

– Nirgends!

Ich gehe in eine Zeitungsbude, da ist es nicht, in die Druckerei – es hat noch gar nicht die Presse verlassen!

Alles fehlgeschlagen! Es folgt ein heftiger Zank mit der Expedientin, die durch ihren angeborenen Leichtsinn, durch ihre vollkommene Unwissenheit in Verlagsangelegenheiten entschuldigt ist; schließlich schiebt sie die Schuld auf den Regisseur, dem sie das ganze Material übergeben hatte.

Sie hat ihr Geld verloren, und ich die Ehre, die kolossale unbezahlte Arbeit.

Nur einen Gedanken habe ich noch in der allgemeinen. Trostlosigkeit:

Wir gehen ohne unsere Schuld unter!

Ich schlage ihr vor, zusammen zu sterben, sie, weil sie durch ihr Unglück zu allem unfähig geworden, ich, weil ich durch den Ausgang dieses letzten Versuchs, sie emporzuheben, niedergeschmettert bin.

Wir wollen in den Tod gehen, sage ich. Wir wollen nicht umherliegen wie die Toten auf der Straße, welche den Verkehr der anständigen Leute hemmen.

Sie widerspricht.

»Du bist feige, feige, meine herrliche Maria! Es wäre schimpflich, wenn Du mir das Schauspiel Deines Niederganges vor dem Gelächter und der Verachtung der Welt bötest!«

Ich laufe in die Kneipen, betrinke mich und schlafe nachher fest.

Als ich aufgewacht war, besuche ich sie. Mit dem Scharfblick des Trinkers entdecke ich zum ersten Male die häßliche Veränderung, die mit ihr vorgegangen ist. Ihr Zimmer ist unsauber, ihre Kleidung häßlich, vernachlässigt, und ihre kleinen angebeteten Füßchen stecken in ausgetretenen Pantoffeln, ihre Strümpfe haben häßliche Falten.

Oh, das tiefste Elend!

Ihre Sprache hat sich mit unschönen Ausdrücken aus dem Schauspieler-Jargon bereichert, ihre Bewegungen scheinen von der Straße herzukommen, ihre Mienen sind haßerfüllt, ihre Lippen voll Galle.

Sie sitzt über ihre Arbeit gebückt und sieht mich nicht mehr an, als ob sie über finsteren Gedanken brütete.

Ohne den Kopf zu erheben, sagt sie plötzlich mit rauher Stimme:

»Weißt Du auch, Axel, was ein Weib von einem Manne in unserer Lage fordern muß?«

Ich bekomme einen Schreck, hoffe aber, sie falsch verstanden zu haben, und frage stockend:

»Was?«

»Was verlangt eine Geliebte von ihrem Liebhaber?«

»Liebe!«

»Und dann?«

»Geld!«

Das rohe Wort benimmt ihr die Lust, weiter zu fragen; ich weiß, daß ich sie verstanden habe, und gehe fort.

Die Dirne! Mit wankenden Knien durchstreiche ich die herbstlich düsteren Straßen. Das war die letzte Etappe! – die Zusammenrechnung der Freuden! Ohne Scham hat sie sich zu ihrem Handwerk bekannt!

Wenn sie noch in Not und Bedrängniß gewesen wäre! Aber sie hatte eben noch von ihrer Mutter die Möbel und Effekten im Betrage von einigen tausend Francs, allerdings von zweifelhaftem Wert, geerbt; außerdem stand die Gage vom Theater noch aus.

Es war unerklärlich! Da fiel mir das Fräulein ein, ihre Wirtin und intime Freundin.

Es war ein abscheuliches Weib mit den zweideutigen Manieren einer Kupplerin, gegen fünfunddreißig Jahre alt, sie lebte von Nichts, hatte keinen Erwerb, war stets in Not; trug aber auf der Straße immer prächtige, auffallende Toiletten, sie schlich sich in die Familien ein, um dieselben schließlich anzuborgen, wobei sie stets über ihr unglückliches Geschick klagte. Eine unsaubere Person, die mich haßte, weil sie erriet, daß ich sie durchschaute.

Jetzt fiel mir ein Vorfall ein, dem ich damals, vor einigen Monaten, keine Beachtung geschenkt hatte. Diese Dame hatte einer Freundin von Maria, die in Finnland wohnte, das Versprechen abgepreßt, ihr tausend Francs zu leihen. Aber das Versprechen wurde nicht gehalten. Auf das Drängen jenes Fräuleins und um die Ehre ihrer finnländischen Freundin zu retten, die das Fräulein stark angriff, verpflichtet sich Maria, das Geld zu beschaffen. Es gelingt. Aber Maria zog sich von ihrer Freundin in Finnland Vorwürfe zu. Im Laufe der Auseinandersetzungen, die infolgedessen stattfanden, erklärte jenes Fräulein sich für unschuldig und schob alle Schuld auf Maria. Damals äußerte ich meine Abneigung und meinen Verdacht inbezug auf die geheimnisvolle Person; ich empfahl Maria, mit jenem Weibe zu brechen, dessen Handlungsweise fast an Erpressung streifte.

Aber nein, sie hatte gar zu viel Entschuldigungsgründe für die hinterlistige Freundin; und später gab sie diesem Vorfall einen andern Anstrich und that so, als hätte ihm ein Mißverständnis zu Grunde gelegen, noch später hatte er sich in eine Erfindung meiner unreinen Phantasie verwandelt!

Sollte diese Abenteurerin Maria die Idee eingegeben haben, mir die Rechnung zu präsentieren? Wahrscheinlich; denn es wurde ihr sehr schwer, jenes Wort auszusprechen, welches nicht in ihre sonstige Ausdrucksweise paßte. Ich wollte es wenigstens glauben und hoffen. Wenn sie wenigstens die Erstattung des Geldes verlangt hätte, das sie bei der Zeitschrift eingebüßt, das wäre die Mathematik eines Weibes gewesen; oder wenn sie auf Heirat gedrungen hätte; aber sie verabscheute die Ehe. Es war kein Zweifel möglich! Es handelte sich um die Liebe und um die Sinnenlust, die ich durch meine Anstrengungen bei ihr hervorrief, um die zahllosen Küsse, um die zerknitterten Röcke; kurz, um die Rechnung! Und wenn ich ihr nun meinerseits die Rechnung ausgemacht hätte, für meine täglichen Bemühungen um sie, für verbrauchte Nerven, für mein Gehirn, mein Blut, meinen Namen, meine Ehre, meine Leiden, meine Karrière!

Nein, sie allein hatte die Verpflichtung, die Rechnung zu bezahlen, und sie hatte keine Gegenforderung an mich. Ich brachte den Abend im Café und auf der Straße zu, indem ich über das Problem des Sinkens nachdachte. Warum dieser stechende Schmerz beim Anblick eines sinkenden Mannes? Ist hierbei nicht etwas Widernatürliches zu finden, vorausgesetzt, daß die Natur den Fortschritt und die Entwickelung verlangt, und daß jeder Schutt rückwärts die Zersetzung der Kräfte verrät? Ebenso ist es im sozialen Leben, wo jedes Individuum nach materiellem oder moralischem Vorwärtskommen strebt. Dieses Weib nun, in den zwanziger Jahren erst, die ich jung, schön, frei, offen, stark, zuvorkommend, wohlerzogen gefunden hatte, war so schnell und so tief gesunken im Laufe zweier Jahre!

Ich war versucht, mir die Schuld zuzuschreiben, um die Ihrige zu mindern; es wäre das ein Trost für mich gewesen. Aber ich hatte gar keine Veranlassung, mich zum Sündenbock zu machen! Denn ich hatte ihr den Kultus des Schönen, des Erhabenen, des Edlen beigebracht, und in dem Maße, als sie ungebildete Komödiantenmanieren annahm, veredelte ich mich; ich nahm die feinen Manieren, die verfeinerte Haltung und Sprache der Gesellschaft an, ich legte mir jene Zurückhaltung auf, welche die Erregungen zügelt, und welche das Merkzeichen des hochstehenden Menschen ist. In meinem Liebesleben aber bewahrte ich die höchste Keuschheit, ich schonte das Schamgefühl, war stets auf der Hut gegen Beleidigungen der Schönheit und Schicklichkeit; denn die Schönheit und Schicklichkeit verdecken allein das Tierische bei dem Akt, der für mich mehr aus der Seele als aus dem Körper entspringt.

Ich bin im gegebenen Falle gewaltthätig, aber niemals gemein, ich töte, aber ich verwunde nicht, ich nenne die Sache beim richtigen Namen, aber ich hasche niemals nach versteckten Zweideutigkeiten, mein Ansturm kommt aus mir selbst, wird vom Augenblick erzeugt, von der Situation hervorgelockt, aber ich citire niemals Operetten oder Witzblätter.

Ich verehre die Sauberkeit, die Schönheit im Leben, ich bleibe von einem Diner weg, wenn ich kein reines Oberhemd habe; ich zeige mich meiner Geliebten niemals in mangelhafter Kleidung oder in Pantoffeln; ich setze ihr ein Butterbrod, ein einfaches Glas Bier vor, aber auf einem weißen Tischtuch.

Es ist also nicht mein Beispiel, das sie unter das Niveau hat sinken lassen. Sie liebt mich nicht mehr, und das ist der Grund, warum sie auch nicht mehr den Wunsch hat, mir zu gefallen. Sie gehört der Öffentlichkeit an, sie putzt und kleidet sich für die Öffentlichkeit, und sie ist dadurch eine öffentlich Dirne geworden, die schließlich die Rechnung für so und so viel Leistungen präsentiert.

In den nächsten Tagen vergrabe ich mich in der Bibliothek. Ich trauere um meine Liebe, um meine herrliche, närrische, himmlische Liebe! Alles ist begraben, und auf dem Schlachtfelde, wo die Kämpfe der Liebe stattfinden, ist es still. Zwei Tote und wieviel Verwundete, um die Sinnlichkeit eines Weibes zu befriedigen, welches nicht ein Paar gebrauchter Schuhe wert ist! Wenn ihre Lust wenigstens durch den Wunsch zu gebären sich rechtfertigen ließe, wenn sie wenigstens durch den unbewußten Instinkt der Dirnen, die Mütter sind, geleitet wäre, die sich hingeben, um sich hinzugeben. Aber sie haßt Kinder, sie findet es erniedrigend, zu gebären. Kurz, sie ist eine verderbte Natur, die die Muttergefühle zu einem einfachen Vergnügen erniedrigt. So ist sie für das Aussterben einer Rasse eingenommen, und weil sie fühlt, daß sie ein entartetes, in der Zusetzung begriffenes Wesen ist, versteckt sie sich hinter Phrasen über das Leben für höhere Zwecke, für die Menschheit.

Ich verabscheue sie, ich will sie vergessen. Ich wandele unter den Buchen umher, ohne das verfluchte Schreckbild fortbringen zu können, das mich verfolgt. Ich habe kein Verlangen mehr nach ihr, weil sie mich anekelt, aber ein tiefes Mitleid, eine fast väterliche Liebe legt mir eine Verantwortlichkeit für ihre Zukunft auf. Wenn ich von ihr lasse, wird sie ein schlechtes Ende nehmen, sei es als Maitresse des Barons oder als die Geliebte von Jedermann.

Unfähig, sie emporzuheben, ohne Mittel, aus dem Sumpf herauszukommen, muß ich mich dazu bequemen, an sie gefesselt zu bleiben, muß sehen, wie ihr Untergang sich vollzieht, wobei ich selbst zu Grunde gehe, da die Lust zu leben und zu arbeiten vollständig erloschen ist. Der Selbsterhaltungstrieb, die Hoffnung ist geschwunden; ich will nichts, wünsche nichts; ich bin menschenscheu geworden, und es kommt vor, daß ich vor der Thür des Restaurants umkehre, auf das Mittagessen verzichte, nach Hause gehe, mich aufs Sopha lege und mich unter einer Decke vergrabe. Wie ein zu Tode verwundetes Tier liege ich starr da, den Kopf leer, ohne zu schlafen oder zu denken, in Erwartung einer Krankheit oder des Endes.

Als ich eines Tages in einem hinteren Zimmer des Restaurants verborgen saß, welches von Liebespaaren und von abgenutzten Röcken voll war, die das Tageslicht scheuten, schrecke ich beim Ton einer bekannten Stimme auf, die mir guten Tag sagte.

Es war ein heruntergekommener Architekt, er gehörte zu jenem wilden Kreise, dessen Mitglieder nach allen Himmelsrichtungen zerstreut waren.

»Du lebst noch?« begrüßt er mich, indem er sich mir gegenüber an den Tisch setzt.

»Nur wenig! Und Du?«

»Nicht schlecht, reise morgen nach Paris, habe von einem Idioten zehntausend Francs geerbt.«

»Viel Glück!«

»Zum Unglück muß ich die Erbschaft allein durchbringen.«

»Das Unglück ist nicht so groß, ich kenne ja Deine außerordentliche Befähigung, eine Hinterlassenschaft aufzuzehren.«

»Hast Recht! Wenn Du willst, kannst Du mich begleiten!«

»Ich bin bereit!«

»Also abgemacht!«

»Abgemacht!«

»Morgen Abend, sechs Uhr nach Paris!«

»Und dann?«

»Eine Kugel durch den Kopf!«

»Teufel! Wo hast Du diese Idee her?«

»Aus Deinem Gesicht, worauf Selbstmord steht.«

»Haruspex, Du! – Also Koffer gepackt, und dann nach Paris!«

Als ich am Abend zu Maria kam, teilte ich ihr mein Glück mit. Sie nimmt die Nachricht mit herzlicher Freude auf, wünscht mir Glück und wiederholt mehrere Male, daß das mich wieder frisch machen würde. Kurz, sie ist zufrieden, überhäuft mich mit mütterlicher Sorgfalt, die mich tief rührt; darauf waren wir noch am Abend zusammen, wir waren matt, Rückerinnerungen beherrschten uns, von der Zukunft aber war wenig die Rede, wir glaubten einander nicht mehr. So trennten wir uns und überließen es der Zukunft, uns wieder zu vereinigen.

*

Die Reise macht mich wirklich wieder jung; ich rufe die Erinnerungen der Jugendzeit wach, und ich empfinde eine wilde Freude darüber, daß ich jene zwei Jahre des Elends vergesse, und keinen Augenblick wandelt mich die Lust an, von ihr zu sprechen. Das ganze Ehescheidungsdrama ist für mich wie der Koth, den man liegen läßt, indem man darüber ausspeit und sich davon macht, um nicht mehr darauf zurückzublicken. Manchmal lache ich verstohlen wie ein Entschlüpfter, der entschlossen ist, sich nicht zum zweiten Male abfassen zu lassen, und ich habe ganz die Gefühle eines Schuldners, der seinen Gläubigern nach einem unbekannten Lande entwischt ist.

In Paris brachten mir während vierzehn Tage die Theater, die Museen, die Bibliotheken Zerstreuung. Da ich von Maria keine Briefe erhielt, lebte ich in der Hoffnung, daß sie sich getröstet habe, daß alles gut ginge in der besten aller Welten.

Aber nach einer gewissen Zeit, wenn man von den tollen Fahrten, von den starken, neuen Eindrücken ermattet ist, verliert alles an Interesse, und so bleibe ich auf meinem Zimmer, lese die Zeitungen, bestürmt von allgemeinen Empfindungen unerklärlichen Unbehagens.

Da steigt das Phantom des bleichen jungen Weibes, das Spiegelbild der Jungfrau-Mutter vor mir auf und läßt mir keine Ruhe mehr. Das Bild der zügellosen Komödiantin ist aus meinem Gedächtnis weggewischt, und die Baronin allein taucht auf, verschönert, verjüngt, ihr elender Körper hat sich in jenen herrlichen Leib verwandelt, von dem die Asketen des gelobten Landes geträumt haben.

Mitten in diesen schmerzlichen und doch entzückenden Träumereien kommt ein Brief von Maria an, worin sie mir in herzzerreißenden Worten anzeigt, daß sie schwanger sei, und daß nur eine Heirat ihre Ehre wieder herstellen könne.

Ohne einen Augenblick zu zögern, packe ich meinen Koffer und reise direkt nach Stockholm, um mich zu verheiraten. Niemals stieg ein Zweifel über die Vaterschaft in mir auf; und nachdem ich ein und ein halbes Jahr auf gut Glück gesündigt hatte, trage ich die Folge als eine Gnade, als das Ende alles Leidens, als ein Faktum, das viel Verantwortlichkeit und viel Gefahren mit sich bringt, zugleich aber einen Ausgangspunkt für etwas Neues, Unbekanntes bildet. Zudem erschien mir die Ehe seit meiner Kindheit als etwas höchst Anziehendes, als die einzige Form eines Zusammenwohnens der beiden Geschlechter; und das Leben zu zweien erschreckte mich durchaus nicht. Jetzt aber, wo Maria sich Mutter fühlte, bekam meine Liebe einen neuen Schwung und stieg rein und edel aus einer regellosen Verbindung auf.

Bei meiner Rückkehr empfing mich Maria sehr ungnädig; sie wusch mir wegen meiner Unwahrheit den Kopf. Zu einer peinlichen Erklärung gezwungen, belehre ich sie über die Natur gewisser Leiden, welche die Gefahr vermindern, ohne sie ganz aufzuheben. Übrigens hatten wir während des vergangenen Jahres mehrmals die größte Angst ausgestanden; und was wirklich eingetroffen war, konnte uns nicht allzu sehr überraschen. Sie verabscheut die Ehe, und durch ihre schlechte Gesellschaft hat sie gehört, daß die verheiratete Frau eine Sklavin sei, die für den Mann umsonst arbeite. Da ich nun Furcht vor Sklaven habe, schlage ich ihr eine moderne Ehe vor, die meinen Neigungen entspricht.

Zunächst eine Wohnung von drei Zimmern, eins für die Frau, eins für den Mann und ein neutrales. Dann aber keinen Haushalt, keine Dienstboten im Hause; man läßt das Essen aus dem Restaurant holen; Frühstück und Abendbrot wird in der Küche vom Mädchen zubereitet, welches außer dem Hause wohnt. Dadurch sind die Kosten leicht zu berechnen; und eine Gelegenheit zu Klatschereien wird vermieden.

Um von vornherein jeden Verdacht auszuschließen, als lebte ich von dem imaginären Vermögen meiner Frau, schlage ich den Ausschluß der Gütergemeinschaft vor. Die Mitgift gilt den Nordländern als eine Entehrung für den Mann, in den civilisierteren Ländern bildet sie eine Einlage der Gattin, welche die Einbildung hervorruft, daß sie nicht vom Manne abhänge, und um den schlechten Eindruck ganz zu verwischen, haben die Deutschen und die Dänen die Sitte angenommen, daß die junge Frau die Einrichtung mitbringt, sodaß der Ehemann das wohlthätige Gefühl bewahren muß, bei seiner Frau zu wohnen, und daß diese wiederum sich einbildet, in ihrem Heime zu sein und ihren Gatten zu ernähren.

Maria aber hatte vor Kurzem von ihrer Mutter die Einrichtung geerbt, die aus Gegenständen ohne Geldwert bestand; aber alle waren mit Erinnerungen für die Erbin verknüpft und hatten einen altertümlichen Anstrich. Und da die Einrichtung für sechs Zimmer vorhanden ist, warum sollte man eine solche für drei kaufen? Sie verlangt also, daß sie die Zimmer einrichte, und ich nehme das mit Vergnügen an.

Es bleibt nur noch der Hauptpunkt: das zu erwartende Kind. Glücklicherweise sind wir infolge der Notwendigkeit, die Entbindung zu verheimlichen, über diesen Punkt bald einig. Das Neugeborene muß in der Stadt in Pension gegeben werden, bis der günstige Augenblick gekommen ist, wo wir es adoptieren können.

Die Hochzeit ist auf den 31. Dezember angesetzt, die Zwischenzeit von zwei Monaten benutze ich, um mir eine anständige Existenz zu schaffen.

Da zu erwarten war, daß sich Maria in kurzer Zeit würde vom Theater zurückziehen müssen, griff ich wieder zur Feder, und am Ende des ersten Monats konnte ich dem Verleger einen Band Novellen übergeben, der beifällig aufgenommen wurde.

Da das Glück einmal im Zuge ist, werde ich an der Bibliothek zum Assistenten mit einem festen Gehalt von zwölfhundert Francs ernannt, und wenn die Sammlungen nach dem neuen Gebäude überführt werden, sollte ich sechshundert Francs als Extravergütigung erhalten. Das ist ja ein großes Glück, und ich fange an zu hoffen, daß das Unglück müde ist, mich zu verfolgen.

Die geachtetste Zeitschrift in Finnland überträgt mir die litterarischen Kritiken für je fünfzig Francs, und das Regierungsblatt in Schweden, welches von der Akademie herausgegeben wird, beauftragt mich, Kunstkritiken zu liefern, die mit fünfunddreißig Francs für die Spalte bezahlt werden, nicht gerechnet das Honorar für die Korrekturen der augenblicklich erscheinenden Klassiker.

Und all dies fällt mir in diesen zwei Monaten, den schicksalsschwersten meines Lebens, in den Schoß. Zuletzt kommen auch meine Novellen heraus und haben einen ehrlichen Erfolg, der mir den Titel eines jungen Meisters auf diesem Gebiete einträgt. Auch wird das Buch zu denjenigen gezählt, die Epoche machen, denn ich habe zuerst die moderne Realistik in die schwedische Litteratur eingeführt.

Wie glücklich bin ich, daß meine arme angebetete Maria einen bedeutenden Mann heiraten kann, der zu seinem Titel als königlicher Sekretär und Bibliotheks-Assistent einen aufsteigenden Ruhm hinzubringt, der eine glänzende Zukunft verspricht. Eines Tages werde ich auch imstande sein, ihr wieder die Künstlerlaufbahn zu öffnen, die ihr augenblicklich durch vielleicht unverschuldetes Mißgeschick versperrt ist.

Das Schicksal lächelt uns, eine Thräne im Auge, zu. Mein Hab und Gut wird verkauft, ich schnüre mein Bündel, nehme Abschied von meinem Dachstübchen, dem Zeugen meiner Leiden und Freuden, und begebe mich in das Gefängnis, das Jedermann fürchtet, nur nicht wir, die alle Gefahren vorausgesehen, alle Steine des Anstoßes beseitigt haben.

Und doch ...

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