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Die Befreiungskriege 1813 bis 1815

Carl Tanera: Die Befreiungskriege 1813 bis 1815 - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
authorCarl Tanera
titleDie Befreiungskriege 1813 bis 1815
publisherZweiter, unveränderter Abdruck Fünftes bis neuntes Tausend
printrunC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorK. Frhr. v. Lupin Oberstleutnant
year1913
illustratorErnst Zimmer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160616
projectid80a45084
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6.
Die ersten Kämpfe um Leipzig

Liebertwolkwitz, Wachau, Lindenau
(Siehe Karte 2)

Auf dem rechten Ufer der Pleisse südlich Leipzig zwischen Markkleeberg, Wachau und Liebertwolkwitz waren die französischen Korps Poniatowski, Lauriston und Viktor verteilt. Der König von Neapel führte den Oberbefehl über sie.

Gegen diese 50 000 Mann rückte Wittgenstein mit seinen drei Korps an. Weit voraus trabten die russischen und preußischen Reiter des Generals Grafen Pahlen III., etwa 4000 Mann mit 20 Geschützen.

Vorwärts Güldengossa und Cröbern angekommen, entdeckte man starke feindliche Kavalleriemassen. General Graf Pahlen III. erbat und erhielt Kleists Reservekavallerie, die Brigade Rödern, als Verstärkung. Nun beschloß er den Angriff. Die Sumschen, Grodnoschen und Lubnoschen Husaren, gefolgt von den neumärkischen Dragonern, ostpreußischen Kürassieren und schlesischen Ulanen trabten an. Aber auch die feindliche Reiterei hatte sich und zwar in stärkerer Zahl als die Verbündeten in Bewegung gesetzt. Beide Linien hielten einige Zeit einander gegenüber.

Es ging los, das größte Kavalleriegefecht des ganzen Krieges. Gegen 59 französische Eskadrons fochten 49 der Verbündeten. Bald prallten die gewandten Husaren, Kosaken und Ulanen gegen die geschlossenen französischen Eskadrons heran, umkreisten sie, stachen in ihre gedrängten Linien und griffen sie so von allen Seiten an. Bald durchbrachen Murats geschlossene Massen die dünnen Linien der Verbündeten und warfen sie als wirre Haufen zurück. Bald hüllte dicker Staub Freund und Feind ein, verhinderte allen Umblick und machte jede Leitung unmöglich.

Allmählich wurden Pahlens Regimenter von französischer Übermacht umringt und zurückgedrängt.

Die russische Batterie Nikitin war zu weit vorgegangen. Französische Kürassiere stürmten auf sie los; sie schien verloren. Da warfen sich die russischen Sum-Husaren dazwischen. »Bravo, bravo! Ihr habt die Geschütze gerettet!«

Aber rückwärts ging es. Es waren der Franzosen zu viele. Da eilten die ostpreußischen Kürassiere, die schlesischen und die Tschujugiewschen Ulanen sowie die Grekow-Kosaken herbei.

Murat, der unermüdliche, rastete nicht. Er führte neue Massen heran. Ein Sonnenstrahl fiel auf den glänzenden Reiter in seiner grünsamtenen, über und über mit Gold bedeckten Uniform, so daß er sich deutlich von seiner Umgebung abhub und von einem preußischen Dragoneroffizier beinahe gefangen genommen wurde.

Da glitzert und strahlt es durch den Nebel, Staub und Pulverdampf, als ob plötzlich im Nordwesten eine neue Sonne aufgehe.

Es sind Augereaus Kürassiere und Dragoner, die Napoleon aus Spanien mitgebracht, von deren Panzern die Sonne von Granada, Malaga und zahlreicher anderer Siege zurückstrahlt, die jetzt zum Untergange russischer und preußischer Reiter leuchten soll. Diese und die österreichischen Reiter stürzten auf die glänzende, stolze, aber unbeholfene Masse los, Granaten zeigten den Weg, Lanzen und Säbel verbreiterten ihn, schließlich wurde diese Elitekavallerie geworfen, mußte gegen Probstheyda fliehen und Preußen, Russen und Österreicher hieben nieder oder nahmen gefangen, was sie erreichen konnten. Rechts davon balgten sich Grodno-Husaren, schlesische Landwehrreiter und Ilovaiski-Kosaken mit den polnischen Reitern Poniatowskis herum und warfen sie ebenfalls zurück.

Während dieser Reiterschlacht schoben sich Klenaus österreichische Infanteriekolonnen langsam gegen Liebertwolkwitz vor.

Drei Alarmschüsse der Franzosen im Dorfe gaben das Zeichen: »Auf euere Posten!«

Für die unglücklichen Bewohner des Dorfes hieß dies: »Rettet euch, sonst seid ihr verloren!«

»Wohin denn? Um Gottes willen sag' wohin?«

»Nach Groß-Pößnau!«

»Dort stürmen die Österreicher heran. Ihre Infanterielinien, ihre Batterien speien Feuer auf unser armes Dorf.«

»Nach Güldengossa!«

»Noch schlechter. Seht ihr denn nicht die Kosaken? Die spießen jeden auf, den sie erwischen, und auf ihren flinken Rossen erwischen sie jeden.«

»Nach Probstheyda!«

»Da laufen wir gerade in das Kartätschfeuer der Franzosen!«

»Nun denn in Gottes Namen in die Kirche! Der Allmächtige möge uns helfen!«

Da sieht man bald durch die Kirchenfenster den Ort in Flammen. Ein Franzose ruft den entsetzten Bauern zu, die Kirche werde nun beschossen, sie möchten sich hinausretten. Draußen prasseln aber schon die Geschosse daher. Eines schlägt eine Frau nieder. Der Schrecken und die Angst lähmen die armen Bewohner, sie wagen nicht die Kirche zu verlassen. Endlich hält es ein junges Mädchen nicht mehr aus. Die Brave muß nach der verlassenen Mutter sehen. Sie eilt hinaus. Jetzt folgen ihr die übrigen. Was sie statt ihrer Wohnungen finden, sind rauchende Trümmer und Ruinen. Manche finden noch Schlimmeres, den Tod durch deutsche oder französische verirrte Geschosse. Wer noch kann, flieht fort gegen Leipzig.

Stundenlang wütet der heiße Kampf. Wiederholt dringen tapfere österreichische Scharen in das Dorf. Immer wieder werden sie von Maisons heldenmütig sich wehrenden Franzosen wieder hinausgeworfen. Letztere behalten schließlich ihre Stellung.

War es den Verbündeten auch nicht gelungen, Liebertwolkwitz zu nehmen, so hatten des Grafen Pahlen Reiter schließlich doch die Kavalleriemassen des berühmtesten Reiterführers der Welt, des Königs Murat geworfen, ihnen an 600 Mann erschlagen, über 1000 gefangen genommen und sie hinter ihre Infanterie zurückgejagt. Das war wirklich ein Sieg, einer der wenigen, deren sich die böhmische Armee rühmen konnte.

Auf dem Kampfplatze dieses Gefechtes stellten Franzosen und Verbündete ihre Vorposten ziemlich nahe einander gegenüber auf. Zwischen ihnen stöhnten verwundete und sterbende Reiter und Rosse und alles dies beleuchteten die ganze Nacht hindurch mit zitterndem schaurigen Scheine die Flammen des unglücklichen brennenden Liebertwolkwitz.

Das war der 14. Oktober.

Diesem Tage folgte eine entsetzliche Nacht. Ein furchtbarer Orkan raste über die ganze Gegend von Leipzig hinweg. Häuser wurden durch den Sturm abgedeckt und Bäume umgerissen. Ununterbrochen schoben sich die Massen der von allen Seiten durch Napoleons Machtwort herbeigerufenen Divisionen nach der Stadt und durch ihre Straßen hindurch auf die ihnen bestimmten Biwakplätze. Seit mehreren Tagen hatte die regelrechte Verpflegung der Truppen aufgehört. Jetzt drangen sie in der Umgebung Leipzig in jedes Haus und raubten und plünderten, was zu genießen, zu verwenden und – zu verbrennen war. Der endlos strömende Regen brachte empfindliche Kälte mit sich. Nur durch möglichst zahlreiche Wachtfeuer waren die steifen Glieder wieder etwas zu erwärmen. Weit und breit kein erreichbarer Wald. Kaum hier und da ein Obstbaum. Da mußten die Häuser daran. Das in ihnen vorhandene Holz war schnell verbraucht. Dann folgten die Möbel, Geräte aller Art, Bilder, Musikinstrumente, Türen und schließlich sogar die ausgebrochenen Fensterkreuze, die abgehobenen Dachgerüste, die herausgerissenen Tragbalken. Mochten die jammernden Weiber und Kinder, die zähneknirschenden Männer, alle die armen elenden Bewohner dieser Häuser sehen, wo sie unterkamen, der Soldat brauchte Feuerungsmaterial.

Der 15. Oktober, der Vorabend des großen Entscheidungskampfes kam.

Napoleon war noch schlecht über die Verhältnisse und die Stellungen der Verbündeten unterrichtet. Der Kaiser glaubte, daß die böhmische Armee noch nicht so nahe bei Leipzig stehe, und dachte sie vor dem Eingreifen der von ihm noch bei und hinter Merseburg vermuteten Nord- und schlesischen Armee erreichen und schlagen und sich dann rechtzeitig gegen den Kronprinzen von Schweden und gegen Blücher wenden zu können.

Diesen rastlosen »Marschall Vorwärts«, der durch seine Energie die schwankenden und widerwilligen anderen Armeeführer zur Vereinigung bei Leipzig mitfortriß, diesen großen Feldherrn auf Seite der Verbündeten unterschätzte er vollständig und deshalb wurde er bei Leipzig geschlagen und verlor die Herrschaft über Deutschland.

Die südlich von Leipzig gelegene Ebene wird durch die bei der Stadt sich vereinende Pleisse und Elster in drei Abschnitte geteilt, in die Gegend des linken Elsterufers, von wo man bei Lindenau über eine Reihe von Brücken über Elster, Pleisse und Kanäle nach Leipzig gelangt, in den Zwickel zwischen beiden genannten Flüssen und in die leichtgewellte Ebene des rechten Pleisseufers, die sich fast baumleer im Halbkreise um die Stadt ausdehnt. An die Pleisse von Dölitz bis Markkleeberg lehnte sich Fürst Poniatowski mit dem 8., in letztgenanntem Dorfe hielt Augereau mit dem 9., links davon um Wachau Viktor mit dem 2. Korps und Murat mit seiner Reiterei, an diese anschließend um Liebertwolkwitz Lauriston mit dem 5. und noch weiter links in Holzhausen Macdonald mit dem 11. Korps. Zwischen Stötteritz und Probstheyda waren die Garden und die Reserve-Reiterei als der Rückhalt der ganzen Armee aufgestellt. Zur Deckung des Elsterüberganges stand bei Lindenau das Korps Bertrand, gegen Norden sicherte das Korps Marmont bei Lindenthal und Möckern. Die Korps Ney und Reynier befanden sich im Anmarsch von Düben her und sollten ebenfalls im Norden Verwendung finden. Hier erhielt Ney den Oberbefehl. Die ganze um Leipzig versammelte Armee Napoleons war etwa 190 000 Mann stark, darunter ungefähr 20 000 Reiter und 700 Geschütze.

Gegen die Stellung zwischen der Pleisse und der Gegend um Liebertwolkwitz wollte die böhmische Armee den ersten Stoß führen. Eine Seitenkolonne hatte die auf dem linken Elsterufer stehenden Franzosen zu beschäftigen. Demgemäß verteilte Fürst Schwarzenberg im Laufe des 15. seine Kräfte in nachstehender Weise: Auf dem rechten Pleisseufer marschierte die Hauptmasse der Armee auf und zwar mit dem rechten Flügel beginnend das österreichische Korps Klenau, links daneben zwei russische Angriffssäulen unter Fürst Gortschakow und Prinz Eugen von Württemberg, neben letzteren die Preußen Kleists. Es waren dies etwa 80 000 Mann. In den engen Winkel zwischen Pleisse und Elster zwängte Schwarzenberg 35 000 Österreicher unter General Meerveldt, über welche er sich aber den besonderen Befehl vorbehielt. Mit diesen wollte er den rechten französischen Flügel umgehen, den Feind aufrollen und dann auf dem kürzesten Wege nach Leipzig dringen. Den Übergang über die Pleisse hielt er für leicht ausführbar.

Auf dem linken Elsterufer sollte Feldzeugmeister Gyulai mit 19 000 Österreichern und 2000 Kosaken gegen Bertrand in der Richtung auf Lindenau vorgehen.

So waren 136 000 Mann der böhmischen Armee zum Angriff bereit gehalten.

Außerdem befanden sich bei den Verbündeten noch die russische Reservearmee unter Bennigsen von Koldiz, die schlesische und die Nordarmee von Halle im Anmarsch.

Die Streitkräfte, welche also die Verbündeten gegen Leipzig führten, ergaben eine Stärke von:

Schwarzenberg 136 000 Mann
Blücher 56 000 "
Der Kronprinz von Schweden 68 000 "
Bennigsen 41 500 "
  _______  
Also zusammen 301 500 Mann,

darunter 56 000 Reiter und 1384 Geschütze.

Betrachtet man die spezielle Kräfteverteilung im Süden von Leipzig, wo die ersten Kämpfe stattfinden mußten, so erkennt man sofort die Zusammenhaltung seiner Macht seitens Napoleons und die Zersplitterung der böhmischen Armee in drei Hauptteile durch Schwarzenberg. Zudem beging Kaiser Alexander noch einen großen Fehler, indem er die Preußen Kleists ganz auseinander riß und jeder der Angriffskolonnen eine preußische Brigade zuteilte, damit, wie er meinte, an jedem der zu erringenden Erfolge auch Truppen sämtlicher Verbündeten teilnehmen sollten.

Dem trüben regnerischen Tage folgte eine naßkalte Nacht. Napoleon kehrte spät abends in sein Quartier in Reudnitz zurück. Ohne sich die geringste Erholung zu gönnen, war er von Abteilung zu Abteilung geritten, hatte kurze, kräftige Ansprachen an die Truppen gehalten, Orden und an verschiedene aus Spanien gekommene Regimenter Adler verteilt, Besichtigungen des Geländes vorgenommen, Anordnungen getroffen usw. Dann saß der rastlose Mann bei mäßiger Kerzenbeleuchtung in einem einfachen Zimmer der Vetterschen Villa und studierte die vor ihm ausgebreiteten Karten. Nur kurze Zeit schlief er. In aller Frühe stand er schon wieder auf dem sechs Kilometer von seinem Quartier entfernten Galgenberge bei Liebertwolkwitz und beobachtete, soweit es durch die neblige Luft möglich war, die sich entwickelnden Angriffskolonnen der Verbündeten. Vom Norden her erwartete er noch kein Vorgehen des Feindes und im Westen deckte ihn Bertrand.

Infolge der räumlich weit getrennten Aufstellungen der beiden Gegner entwickelten sich drei voneinander unabhängige selbständige Kämpfe: Die Schlacht bei Wachau, das Gefecht bei Lindenau und die Schlacht bei Möckern. Die ersten beiden erwartete Napoleon. Von der letzteren wurde er vollständig überrascht. Er hatte es nicht erfahren, daß am 15. abends 8 Uhr bei Pegau, im Süden von Leipzig, drei weiße Raketen hoch in die Finsternis aufgestiegen waren, daß nach einer Minute vier rote in der Gegend von Halle am Horizonte heraufkamen, daß dies das Zeichen Blüchers war: »Ich bin bereit.«

Vor Tagesanbruch hatten sich am 16. die Kolonnen der Verbündeten in Marsch gesetzt. Der Nebel verbarg sie ihren Gegnern.

Etwa um 9 Uhr krachten drei Kanonenschüsse. Über die Köpfe Napoleons und des Königs Murat, der neben dem Kaiser hielt, sausten die Granaten hinweg, die Schlacht begann.

Das erste Hurra erscholl bei den Preußen Kleists, welche unaufhaltsam gegen Markkleeberg vordrangen. Bald wehrten sich Augereaus in Spanien erprobte Krieger; noch tapferer stürmte Oberstleutnant von Löbel mit den Leuten des 6. und 11. Reserveregiments darauf; Markkleeberg wurde erobert.

In stundenlangem Kampfe hielten sich die Verbündeten in dem eroberten Dorfe.

Rechts davon hatte Prinz Eugen von Württemberg seine Russen auf Wachau entsendet. 48 Geschütze deckten ihren Angriff. Ein französischer Munitionswagen flog in die Luft. Der Feind wich. Wachau war genommen. »Das geht ja herrlich,« jubelte der gerade ansprengende General Graf Wittgenstein.

»Glaub es nicht, Exzellenz. Napoleon hält nur noch zurück.« Prinz Eugen hatte richtig gesehen.

Plötzlich erschienen auf der Höhe östlich Wachau 100 französische Geschütze – man hatte ihre Entwicklung im Nebel gar nicht bemerkt – und wie durch Hexenzauber verwandelte sich das bisher so viel verheißende, glänzende Bild in eine wahre Hölle voll schreckvoller, entsetzlicher Szenen. Furchtbar war das Erwachen des aus seinem Schlummer geweckten Löwen.

Was an Geschützen zur Hand war, wurde gegen diese Artilleriemasse gerichtet; alles vergebens. In wenigen Minuten lagen zehn russische, fünf preußische Geschütze zerschmettert auf der Erde. Vernichtung traf die Lebenden. Da mußten die Russen aus Wachau zurück.

»Preußen vor!« Oberst von Reibnitz führte sie und sie erstürmten das Dorf.

Zusammengeschossene Reste, Schlacken kamen aus Wachau wieder zurück.

Neue Bataillone wollten ihre Kameraden rächen. Zum dritten Male wurde Wachau erstürmt. Wachau aber, d. h. seine Trümmer, blieben den Franzosen.

Die Reste der Bataillone des Prinzen Eugen zogen sich zurück. Nicht weit, da befahl er »halt«, mitten im feindlichen Feuer.

Preußen und Russen hielten. Vergeblich bemühten sich ihre Gegner, aus Wachau vorzudringen.

Was an Geschützen herbeizubringen war, wurde geholt. Aber eines nach dem andern erlag den feindlichen Kugeln.

Endlich gelang es, durch die vorgezogenen Reserven etwas gegen die übermächtigen Feinde aufzukommen, so daß das Gefecht bis gegen 4 Uhr hier ein stehendes blieb.

Rechts vom Prinzen von Württemberg waren die Russen Gortschakows, verstärkt durch die preußische Brigade Pirch, gegen Liebertwolkwitz vorgegangen. Gegen die feindlichen Artilleriemassen und die in guten Stellungen sich befindenden Bataillone Lauristons konnte diese Kolonne nicht viel machen und man schoß sich bis zum Nachmittag ziemlich resultatlos herum.

Noch weiter rechts griff Klenau mit seinen Österreichern und der 11. preußischen Brigade an. Da man hier nicht so stark unter der westlich Liebertwolkwitz stehenden französischen Artillerie litt, so konnte man einen Angriff auf dieses Dorf von Osten her unternehmen. Mit großer Bravour wurde das Dorf genommen. Dies ließen sich aber die Franzosen nicht gefallen. Wie vor zwei Tagen wütete aufs neue um Liebertwolkwitz der Kampf. Gegen den Kolmberg östlich Liebertwolkwitz schienen sich französische Massen zu entwickeln, so daß man sich zu spät entschloß, Truppen dorthin zu senden. Die Folge war, daß man den Angriff auf Liebertwolkwitz nicht mit voller Kraft unterstützen konnte und deshalb mußten die Österreicher, wenn auch erst nach sehr heftigem Widerstande, das Dorf wieder räumen. Auch hier führten bis zum Nachmittage beide Gegner ein hinhaltendes Gefecht.

In dem Winkel zwischen Pleisse und Elster war General Meerveldt mit dem II. österreichischen Armeekorps vorgegangen. Bei ihm befand sich der Oberbefehlshaber, Fürst Schwarzenberg; hier folgte auch die österreichische Armeereserve. Diese Kolonne sollte den Hauptstoß ausführen; sie war und blieb ein verlorener Posten.

Durch den monatelangen Regen hatte die Pleisse eine ganz beträchtliche Höhe erlangt. Die Wiesen auf beiden Ufern waren sumpfig und mit verstreuten Büschen bedeckt, die Brücken wurden von den Franzosen am 15. abgetragen und die Höhen des rechten Ufers von den Polen Poniatowskis besetzt. Dennoch wollte Schwarzenberg gerade hier vorbrechen, obwohl er von verschiedenen Seiten auf das Unzweckmäßige seines Versuches aufmerksam gemacht worden. Es gelang den Österreichern nicht, weder in Connewitz noch bei Lößnig, die Pleisse zu überschreiten.

Jetzt entschloß man sich österreichischerseits den Übergang noch weiter stromaufwärts bei Dölitz zu versuchen. Hier begann eine Reihe von äußerst hartnäckigen kleineren Kämpfen, in denen es schließlich den Österreichern gelang, das Schloß und Dorf zu behaupten. Gegen Mittag trat auch hier eine Abschwächung des Kampfes ein.

Unterdessen waren die drei verbündeten Monarchen auf dem Wachtberg südlich Güldengossa angekommen und beobachteten von da aus die Schlacht.

Der Flügeladjutant General von Wolzogen stand hinter Kaiser Alexander.

»Sehen Sie nur, General, welche gewaltigen Massen die Franzosen auf den Höhen zwischen Dösen, Wachau und Liebertwolkwitz entwickeln! Wie unbedeutend unsere kleinen zerstreuten Haufen dagegen aussehen! Glauben Sie wohl, daß der Angriff der Unsern gelingt?«

General von Wolzogen entgegnete: »Ich bin der Überzeugung, der Feind wird bei den für ihn so günstigen Umständen seinerseits die Offensive ergreifen und unsere Kolonnen sprengen, wenn diese nicht von nahen und starken Reserven unterstützt werden.«

»Aber die Hauptarmee der Österreicher steht zwischen Elster und Pleisse und meine und des Königs Garden sind noch zurück bei Rötha!«

»Dann werden wir aufgerieben werden!«

Der Kaiser erklärte Wolzogen die Absicht Schwarzenbergs, die Franzosen ganz von Leipzig abzuschneiden. Daraufhin erläuterte der General dem Kaiser Alexander die vollständige Unmöglichkeit der Unternehmung Schwarzenbergs. Die Monarchen mußten erkennen, daß General Wolzogen nur zu recht habe, und entsandten letzteren zu Schwarzenberg, um ihn zu veranlassen, die ganze Armeereserve auf das rechte Pleisseufer überzuführen.

Während der Zeit, welche der Oberbefehlshaber brauchte, um vom Kirchturme von Gautzsch aus, wo er den Gang der Schlacht beobachtete, seinen bisherigen Irrtum zu erkennen und neue Anordnungen zu treffen, vollzog sich in der Mitte der Stellung ein neues wichtiges Ereignis.

Napoleon erkannte, daß die zusammenhängenden kleineren Gefechte zu keinem Entscheide führen. Er beschloß, des Feindes Mitte zu durchstoßen.

In dieser Mitte standen die ehernen Bataillone des Prinzen von Württemberg; der Prinz stand mitten im Granatenhagel selbst wie eine Statue aus Erz vor seinen Russen.

Mit einem Schlage hörte das ohrenzerreißende Kanonenfeuer der Franzosen auf. Bald erkannte man den Grund. 10 000 französische und sächsische Reiter trabten an, ihre Richtung genau auf den Hügel nehmend, auf welchem sich die Monarchen, bei ihnen jetzt auch Schwarzenberg, befanden.

Mußte die Attacke nicht die Linien der Verbündeten unabwendbar durchschlagen und zersprengen? Mehrere Umstände trafen zusammen, das Unheil abzuwenden.

Zuerst widerstanden die Preußen der Brigade Klüx und die Russen des Prinzen von Württemberg mit unvergleichlichem Heldenmute. Dazu schmetterten die Geschütze der vor Güldengossa stehenden russischen Batterie unaufhörlich in die anstürmenden Massen.

Dennoch hielt die tapferen Reiter nichts auf. Sie hatten die russischen Bataillone überritten, die große russische Batterie genommen, die Gardereiter geworfen, – vor ihnen standen nun die feindlichen Monarchen, ein wertvolles, der letzten Anstrengung würdiges Ziel. Sie waren verloren, ohne das Eingreifen des Generaladjutanten Graf Orlow-Denisow und ohne einen rettenden sumpfigen Teich und einen kleinen Graben.

Es entstand eine aufregende Szene. Die Monarchen und ihr nächstes Gefolge stiegen rasch zu Pferde und ritten eiligst nach rückwärts, um sich der Gefangenschaft zu entziehen. Graf Orlow aber führte selbst die donischen Leibgarde-Kosaken vor und warf sich rücksichtslos auf den Feind. Dieser bemühte sich, Graben und Teich zu überschreiten oder zu umgehen und kam dadurch in große Unordnung. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo von allen Seiten die Reiterabteilungen der Verbündeten herbeistürzten. Pahlens Regimenter jagten daher. Fürst Schwarzenberg selbst mit dem Degen in der Faust eilte in die Schlachtlinie. Die russischen Gardereiter sammelten sich wieder und griffen von neuem an. Was an Artillerie und Infanterie in der Nähe war, feuerte nach Kräften in die wirre Masse von Pferden und Menschen. Nun erlahmten sie, wankten und mußten zurück.

Durch die Abwehr dieses Reitersturmes war das Durchbrechen der Mitte der Verbündeten verhütet worden. Allein Napoleon rastete nicht. Er hatte unterdessen seine Reserven herangezogen und den Marschall Macdonald gegen den Kolmberg östlich von Liebertwolkwitz vorgehen lassen. Trotz tapferer Gegenwehr der Österreicher wurde der Berg genommen und damit der ganze rechte Flügel der Verbündeten zurückgedrängt.

Etwa um 4 Uhr nachmittags hatten die Franzosen also auf ihrem linken Flügel den Kolmberg genommen und Liebertwolkwitz wiedererobert, in der Mitte Wachau behauptet, den Feind unter großen Verlusten zurückgeworfen und rechts zwar Markkleeberg und Dölitz verloren, aber jeden Vorstoß der Verbündeten aus letzteren Orten glänzend abgewiesen.

Mit Recht konnte Napoleon bis zu dieser Stunde dem in Leipzig weilenden König von Sachsen nur Gutes melden lassen und den Befehl erteilen, die Glocken von Leipzig zur Feier des Sieges zu läuten.

Hätte er jetzt von Neys Armee etwas heranziehen können, wären Marmonts und Souhams Korps, wie er es wollte, nunmehr auf dem Schlachtfelde von Wachau erschienen, dann: wehe, wehe! Blücher hat uns davor bewahrt, Blücher, der Sieger von Möckern.

Das Geschick war gegen Napoleon. Während bei den Verbündeten nunmehr alle Reserven eintrafen, blieben seine Verstärkungen aus. Dennoch befahl er einen letzten allgemeinen Angriff auf seine, wie er hoffte, ermatteten Gegner. Die Franzosen erstürmten das Dorf Güldengossa. Nun wurden sie aber von allen Seiten durch die österreichischen Reserven, das russische Grenadierkorps Rajewski, die preußisch-russische Garde unter Großfürst Konstantin und die Reste der bisher hier kämpfenden Truppen angefallen. Es war ein wütendes Ringen. Schließlich mußten die Franzosen Güldengossa selbst aufgeben und sich mit den eroberten Höhen davor begnügen.

Auch rechts davon war es dem General von Klenau gelungen, dem weiteren Vorschreiten der Franzosen ein Ziel zu setzen.

Während dieses ganzen Tages hatten Kleists Preußen trotz zahlreicher Angriffe Markkleeberg gehalten.

Von früh 9 Uhr bis abends 6½ Uhr hatte die blutige Schlacht gedauert. Auf seinem linken Flügel und in der Mitte hatte Napoleon Vorteile erlangt. Rechts hielten beide Gegner die gleichen Stellungen wie nach den ersten Abschnitten des Kampfes, die Verbündeten hatten hier die eroberten Dörfer Markkleeberg und Dölitz behauptet.

Trophäen waren auf beiden Seiten sehr wenig erobert. Sowohl Franzosen wie Verbündete hatten einige Kanonen genommen und erstere etwas mehr Gefangene gemacht als letztere. Die Verluste mögen auf Seite der Verbündeten etwas größer gewesen sein und etwa 25 000 Mann gegenüber 22 000 Franzosen betragen haben. Manche Abteilungen konnten als vernichtet gelten, z. B. war das mit 1800 Mann in die Schlacht marschierte siebente schlesische Landwehr-Regiment bis auf 160 Mann aufgerieben. Die preußische Brigade Klüx hatte 80 Offiziere, 2700 Mann, die Brigade Prinz August 55 Offiziere, 2870 Mann verloren. Ähnlich bei den Russen des Prinzen von Württemberg.

Auf dem linken Elsterufer hatte während der Schlacht von Wachau ein blutiges Gefecht stattgefunden, das schon am 16. abends die Lage Napoleons zu einer verzweifelten hätte machen können. Der österreichische General Gyulai hatte 21 000 Mann zu seiner Verfügung. Vor ihm lag die einzige Brückenreihe, auf der die Franzosen ihren Rückzug bewerkstelligen konnten. Am 15. Oktober war Lindenau, das Dorf, welches diese Brückenreihe über die Elster, die Kanäle und die Pleisse abschließt, noch unbesetzt. Gyulai vermochte es von Muschwitz aus zu erreichen. Er versäumte dies. Am 16. fand er Lindenau von den 12 000 Franzosen Bertrands besetzt. Gyulai schickte drei Sturmkolonnen vor. Die linke sollte überdies die Verbindung mit der schlesischen Armee aufnehmen und wurde deshalb in den Niederungen der Elster und Luppe großenteils auseinandergerissen. Nachdem der Kampf den ganzen Tag gedauert hatte, war nicht der geringste Erfolg erreicht und man mußte auf die Einnahme von Lindenau verzichten.

Am Abend des 16. konnte sich Napoleon den Sieger von Wachau nennen und mit Befriedigung Bertrand ihm melden: »Kein Österreicher überschreitet bei Lindenau die Elster.«

Aber in einem täuschten sich der Schlachtenmeister und seine Paladine doch. Sie glaubten, die Verbündeten mürbe gemacht zu haben. Das war nicht der Fall. Sie wichen nicht nur keinen Fuß breit zurück, sondern zogen im Gegenteil ihre Reserven näher heran. Auf dem vom Regen aufgeweichten Boden biwakierten die Abteilungen beider Gegner und unaufhörlich schallten die Anrufe der Vorposten durch die Nacht: » Qui vive?« bei den Franzosen; »Wer da?« bei den Deutschen und » Kto tam?« bei den Russen.

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