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Die Befreiungskriege 1813 bis 1815

Carl Tanera: Die Befreiungskriege 1813 bis 1815 - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorCarl Tanera
titleDie Befreiungskriege 1813 bis 1815
publisherZweiter, unveränderter Abdruck Fünftes bis neuntes Tausend
printrunC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorK. Frhr. v. Lupin Oberstleutnant
year1913
illustratorErnst Zimmer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160616
projectid80a45084
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3.
Wiedereröffnung der Feindseligkeiten

Groß-Beeren, Hagelberg, Katzbach

Kaum war der Waffenstillstand geschlossen, so trat ein Ereignis ein, welches dem Haß gegen Napoleon neue Nahrung gab.

Nach Artikel 10 des Vertrages hatten alle Abteilungen der Verbündeten bis zum 12. Juli das linke Elbufer zu räumen. Major von Lützow mit seiner »Schwarzen Schar« befand sich bei Abschluß des Waffenstillstandes in der Gegend von Hof und rückte, indem er offenbar jene Bestimmung in ihrer Tragweite nicht erkannte, in nur mäßigen Tagemärschen ins Altenburgische vor. Als Napoleon dies erfuhr, sandte er unter General Fournier 4000 Reiter aus, um das ihm besonders verhaßte Freikorps zu vernichten. Lützow baute auf den Waffenstillstand und traf keine Vorsichtsmaßregeln. Da – am 17. Juli – überfielen ihn die württembergischen Reiter des Generals von Normann und nur Lützow selbst und 21 seiner Reiter, darunter Theodor Körner, der schwer verwundet wurde, konnten sich durchschlagen. 305 Mann, die Blüte Preußens, wurden niedergehauen oder gefangen. » L'armistice pour tout le monde, excepté pour vous«, soll Fournier beim Einhauen dem Major Lützow zugerufen haben. Mag nun auch Lützow durch zu große Vertrauensseligkeit, sogar durch Nachlässigkeit gesündigt haben, es war doch ein großer politischer Fehler Napoleons, ihn nicht geschont zu haben. Entrüstet nahm alles Partei für die Lützower und bald erreichten sie die gleiche und später sogar eine noch weit größere Stärke wie vorher infolge der nur um so zahlreicher herbeiströmenden Freiwilligen.

Allmählich klärte sich während des Waffenstillstandes die allgemeine Lage. Seine unerträgliche Anmaßung hatte Napoleon in ganz Europa immer mehr Feinde geschaffen. Insbesondere aber hatten England und Rußland dem Tyrannen, der es gewagt hatte, auch sie in die Schranken zu fordern, unversöhnlichen Haß geschworen. Nur die unmittelbar von dem französischen Kaiser abhängigen Fürsten sowie die Rheinbundstaaten hielten noch zu ihm, Österreich aber spielte ein Doppelspiel. Der österreichische Minister Fürst Metternich verstand es nämlich, Napoleon noch dann zu überzeugen, daß sein Schwiegervater, der österreichische Kaiser, nie das Bündnis mit ihm aufgeben werde, nachdem er schon einen neuen Vertrag mit den Verbündeten gegen Frankreich geschlossen hatte. Um gegen den österreichischen Staatsmann gerecht zu sein, muß man sich vergegenwärtigen, daß, wenn er frühzeitig die Maske abwarf, die Gefahr bestand, daß sich Napoleon, noch ehe die österreichische Kriegsrüstung vollendet war, mit seiner ganzen Macht nach Böhmen warf und auf Wien marschierte, ohne daß die Verbündeten helfen konnten. Für den Ausgang des neuen Feldzugs war es aber von hoher Wichtigkeit, daß die Aufstellung der österreichischen Armee in Böhmen ruhig vollendet werden konnte. So nahte das Ende des Waffenstillstandes heran. Rußland hätte wohl Frieden geschlossen, allein Preußen wollte um jeden Preis die Fortsetzung des Krieges und nach und nach gelang es auch den Bemühungen des Ministers von Stein und des Korsen Pozzo di Borgo, der eine Familienrache gegen Napoleon verfolgte, den Kaiser Alexander in kriegerischem Sinne umzustimmen.

Nun verbesserten sich die Aussichten der Verbündeten von Tag zu Tag. Schweden trat wieder bei und schickte 18 000 Mann unter seinem Kronprinzen; England sandte Geld und Waffen; Spanien betrieb den Krieg gegen die Franzosen mit neuem Eifer; in Preußen machten die Truppenaufstellungen, besonders der Landwehr, große Fortschritte; bei den Russen trafen die noch für 1812 ausgehobenen Rekruten jetzt – gerade recht – in Massen ein; in Deutschland griff der Haß gegen den welschen Unterdrücker wie ein alles verschlingendes Feuer um sich und – schließlich trat Österreich offen auf Seite der Verbündeten.

Als Napoleon erkannte, daß fast ganz Europa gegen ihn in Waffen stand, suchte er zwar mit allen Kräften den Frieden zu erreichen. Noch am 10. August sandte er Friedensvorschläge an Österreich. Es war zu spät. Am 11. August erklärte ihm dieses den Krieg. Nun wußte der französische Kaiser, daß für ihn ein Kampf um Sein oder Nichtsein beginne. So leicht sollte es nicht werden, ihn, den Sieger in mehr als 50 Schlachten, zu fällen. Das wußten aber seine Gegner auch und deshalb hatten sie die Rüstungen mit einer Tatkraft betrieben, die im alten Europa ihresgleichen nicht hatte.

Zum Wiederbeginn des Krieges stellten die Verbündeten ins Feld: Preußen 277 000, Rußland 249 000, Österreich 264 000 und Schweden 18 000 Mann. – Wer hätte es ein Jahr vorher geahnt, daß das kleine Preußen einer solchen Machtentfaltung fähig wäre! Freilich ging von diesen Zahlen fast die Hälfte ab, welche gegen die noch von den Franzosen besetzten Festungen, gegen Italien und Bayern gesendet werden mußten oder sonst im Lande verteilt standen. Aber es blieben doch noch etwa 480 000 Mann zur Verwendung gegen das französische Hauptheer unter Napoleon übrig. Dieser hatte mit gewohnter Willenskraft auch seinerseits sich zum großen Entscheidungskampf gerüstet. Allein trotz aller Mühe konnte er nur etwa 300 000 Mann auf die Beine stellen.

Die beiderseitigen Heere waren wie folgt verteilt:

1. Die böhmische Armee unter dem österreichischen General Fürst Schwarzenberg – 230 000 Mann (darunter 50 000 Reiter) mit 700 Geschützen – stand in mehreren großen Lagern an der unteren Eger. Sie umfaßte etwa 130 000 Österreicher unter den Generalen Fürst Lichtenstern, Prinz von Hessen-Homburg, Gyulay und Graf Klenau, 54 000 Russen unter Barclay und dem Großfürsten Konstantin und 45 000 Preußen unter Kleist. Chef des Generalstabes der Armee war Graf Radetzky.

2. Die Nordarmee unter dem ehemaligen Marschall Napoleons, Bernadotte, nunmehrigen Kronprinzen von Schweden – 150 000 Mann (darunter 30 000 Reiter) mit 387 Geschützen – zwischen der Elbe, Oder und Meeresküste. Hierbei befanden sich 80 000 Preußen unter Bülow und Tauentzien, 18 000 Schweden unter Graf Stedingk, 21 000 Russen unter Wintzingerode und Woronzof und etwa 29 000 Mann gemischte, an der Niederelbe verteilte Truppen, darunter die Lützower, Engländer, Hannoveraner etc. etc. Bernadotte verdankte das wichtige Kommando der Gunst des Kaisers Alexander. Sein Generalstabschef war von Adlerkreuz.

3. Die schlesische Armee unter Blücher – 100 000 Mann (darunter 20 000 Reiter) mit 356 Geschützen – in Schlesien. Sie war aus 38 000 Preußen unter Yorck und 62 000 Russen unter Sacken, Langeron und dem Grafen St. Priest zusammengesetzt und hatte Gneisenau zum Generalstabschef.

Die Truppen Napoleons waren in die alte und junge Garde, 14 Armeekorps und 5 Reiterkorps eingeteilt. Zu Ende des Waffenstillstandes befanden sich etwa 50 000 Mann bei Pirna, 90 000 bei Zittau, Bautzen und Neisse, 24 000 bei Kalau, 50 000 an der Katzbach und der Rest bei Magdeburg und in Thüringen. –

Napoleon wußte nach Ablauf des Waffenstillstandes nichts Genaues über die Kräfteverteilung der Verbündeten und war daher unentschieden, gegen wen er sich zuerst wenden sollte. Dennoch entsandte er vor allem den Marschall Oudinot gegen Berlin, um sich im Rücken gegen die Nordarmee zu decken. Viele Zeit aber verlor er, bis er den Marsch von 100 000 Russen und Preußen von Schlesien nach Böhmen zum Anschluß an die böhmische Armee in Erfahrung brachte. Jetzt erfuhr er plötzlich das Vordringen Blüchers gegen die Katzbach. Nun sandte er den Fürsten von Poniatowski mit seinem Korps und zwei Gardedivisionen nach Böhmen, um die Aufmerksamkeit der dortigen Armee zu erregen. Er selbst aber wendete sich gegen Schlesien.

Bei den Verbündeten fehlten ebenfalls die Nachrichten über den Feind. Die allgemeinen Dispositionen, welche auf Schloß Trachenberg in Schlesien am 12. Juli von den Monarchen festgesetzt wurden und unter dem Namen des »Kriegsplans von Trachenberg« bekannt sind, lauteten dahin, daß jede Armee zwar vorgehen, aber einem einzelnen Stoße so lange ausweichen sollte, bis es gelungen sei, sich mit den anderen Armeen auf den Ebenen Sachsens zum Angriffe zu vereinen. Am meisten verzögerten sich die Operationen bei den Österreichern, welche nicht vor dem 21. August aufbrachen.

Die ersten ernsten Schläge fielen im Norden des großen Kriegsschauplatzes, wo Oudinot mit etwa 70 000 Mann gegen Berlin vordrang. Gerade hier hatte Napoleon am wenigsten Schwierigkeiten erwartet. Er kannte den Kronprinzen von Schweden und wußte, daß dieser nicht viel unternehmen werde. Allein er kannte nicht den opferfreudigen Heldenmut der Generale von Bülow und Graf von Tauentzien und ihrer Preußen.

Wirklich wollte der Kronprinz auch die ganze Nordarmee hinter Berlin zurückführen und dieses preisgeben. So sprach er sich bei der ersten Zusammenkunft mit Bülow und Tauentzien aus. Doch diese setzten es durch, daß man südlich von Berlin Stellung nahm. Etwa 80 000 Mann blieben, nach Abzug der gegen die Festungen abgesendeten Truppen, zur Verwendung im freien Felde übrig.

Am Morgen des 21. August saßen eine Anzahl Offiziere der nach Trebbin vorgeschobenen Abteilung des Majors von Clausewitz um ein Biwakfeuer versammelt und plauderten.

»Ist es nicht unverantwortlich, daß der Kronprinz von Schweden uns ruhig hier sitzen läßt, statt daß wir energisch den Franzosen zu Leibe rücken?« meinte einer der Leutnants.

»Ich setze mein Vertrauen in die Generale Bülow und Tauentzien, daß sie sich nicht viel von jenem einreden lassen. Der Kronprinz scheint ja nur an seinen sicheren Rückzug nach Stralsund, nicht aber an eine Vernichtung des französischen Kaisers zu denken.«

»Doch doch, meine Herren. Freilich in erster Linie möchte er Norwegen gewinnen. In zweiter aber käme ihm eine Niederwerfung Napoleons sehr erwünscht, um seine eigene Stellung in Schweden zu sichern. Er will einerseits seine kleine Armee schonen, anderseits seinen Landsleuten, den Franzosen, nicht viel schaden.«

Damit hatte der alte Hauptmann das Richtige getroffen.

»Deshalb brauchen wir aber die Köpfe noch lange nicht hängen zu lassen,« fuhr er fort. »Der Kronprinz hat es nämlich nicht nur mit unsern Generalen, sondern auch mit den russischen verschüttet. Auch Wintzingerode und Woronzof haben sich ärgerlich über sein Zögern geäußert und werden sich nicht besonders nach ihm richten.«

»Nun, dann kann die Sache doch auch bei uns noch gut werden,« warf ein junger Leutnant ein. »Der Kronprinz kann ja mit seinen paar Schweden hinter uns einen ›methodischen Krieg‹ führen, wie er sich ausgedrückt hat. Wir vorne schlagen uns unterdessen ordentlich und hoffentlich siegreich mit den Franzosen herum.«

Ein mit einer Meldung ankommender Unteroffizier unterbrach das Gespräch. Einer der Offiziere hörte den Bericht an. »Meine Herren, zu Ihren Abteilungen. Der Feind rückt an. So Gott will, sehen wir uns nach einem Siege wieder.«

Rasch eilten die Offiziere zu ihren Mannschaften.

Es waren die Avantgarden des Marschalls Oudinot, welche am 21. August hier bei Trebbin, dann östlich davon bei Nunsdorf und bei Mellen auf die preußischen Vortruppen stießen. Überall fanden sie energischen Widerstand, der erst nach Entwicklung einer ganz bedeutenden Übermacht gebrochen werden konnte. Dadurch gewann die Nordarmee Zeit, die Reserve des Tauentzienschen Korps von Berlin bis Klein-Beeren heranzuziehen und sich mehr zu konzentrieren. Bülow stand mit seinem Korps bei Groß-Beeren. Der Marschall Oudinot beabsichtigte am 22. und 23. August durch das sumpfige Gelände an den Feind heranzurücken und ihn am 24. anzugreifen. Am 22. führten die Franzosen ihre Absicht aus. Die an die Nuthe vorgeschobenen Preußen der Generale von Thümen und von Oppen wurden nach mehr als fünfstündiger äußerst hartnäckiger Verteidigung durch die feindliche Übermacht, welche überdies mit vorzüglicher Tapferkeit angriff, zurückgedrängt, Oudinots Armee passierte die Sümpfe und stand nördlich derselben zum weiteren Vormarsch nach Berlin bereit.

Nun Kriegsrat beim Kronprinzen von Schweden, der sich folgendermaßen äußerte: »Der Rückzug ist fortzusetzen und nördlich Berlin« – dieses also preisgebend – »eine Stellung zu nehmen. Zu diesem Zwecke ist eine Brücke bei Charlottenburg vorhanden und außerdem habe ich aus Vorsicht eine bei Moabit schlagen lassen.«

Darauf Bülow: »Berlin darf in keinem Falle ohne Schlacht aufgegeben werden.«

Nun der Kronprinz: »Bah, was ist Berlin? – Eine Stadt. Sonst nichts!«

Bülow: »Die Hauptstadt Preußens ist einem Preußen mehr wert, als Euere königliche Hoheit meinen, und ich versichere, daß ich und meine Truppen von jenen Brücken keinen Gebrauch machen, sondern lieber vor Berlin mit den Waffen in der Hand fallen wollen.«

Der Kronprinz mußte einlenken. Er verzichtete auf den Rückzug, aber man merkte deutlich seine Absicht, sich nicht zu schlagen. Bülow soll gesagt haben:

»Mich bekommt er nicht gutwillig dazu, daß ich über seine Brücke bei Moabit zurückgehe. Unsere Knochen sollen vor Berlin bleichen, nicht rückwärts

Auf Befehl des Kronprinzen von Schweden stand am 23. August früh das Korps Bülows hinter Heinersdorf, etwa 14 Kilometer südlich von Berlin. Das Korps Tauentziens hielt noch links vorwärts desselben bei Blankenfelde. General Hirschfeld legte an diesem Tage mit zwölf Bataillonen und acht Schwadronen kurmärkischer und ostpreußischer Landwehr einen Weg von 56½ Kilometer von Brandenburg bis Saarmund zurück, konnte aber doch nicht mehr rechtzeitig zur Schlacht eintreffen. Die Schweden und Russen standen rechts rückwärts der Preußen Bülows. Die Franzosen marschierten durch die Waldungen nördlich Trebbin in drei Kolonnen vor, rechts das Korps Bertrand, in der Mitte das Korps Reynier, links das Korps Oudinot. Wegen des sumpfigen Zwischengeländes war eine gegenseitige Verbindung fast nicht möglich. Das Regenwetter hinderte die Kolonnen ebensowohl zu sehen als gesehen zu werden.

In der Nacht zum 23. hatte Tauentzien vom Kronprinzen den Befehl erhalten, bis zum Weinberg von Berlin (jetzt Kreuzberg) zurückzumarschieren. Er fand den Befehl unbegreiflich und blieb. Sein Korps bestand nur aus märkischer, ostpreußischer und schlesischer Landwehr. Am 23. früh griff hier das französische Korps Bertrand an. In einem viereinhalbstündigen Kampfe wiesen die Preußen alle Versuche der Franzosen erfolgreich zurück und nahmen 11 Offiziere und 200 Mann gefangen. Bertrands Angriff war matt ausgeführt gewesen, da er den Feind nur beschäftigen sollte. Er ging bis Zühnsdorf zurück. Unterdessen ging im Zentrum Reynier gegen Groß-Beeren vor. Dort fand er Bülows Vortruppen unter Major von Sandrart und warf sie nach hartnäckigem Gefechte gegen Heinersdorf. Die Franzosen glaubten heute – es war schon 5 Uhr nachmittags geworden – an keinen Angriff mehr und machten Anstalten sich einzuquartieren. Aus allen möglichen Gründen war die dritte französische Kolonne noch nicht erschienen. Sie hatte sich um etwa vier Stunden verspätet. – Bülow war während dieser Zeit auf den Kanonendonner bei Tauentzien zumarschiert, als der aber aufhörte, wieder nach Heinersdorf, diesmal jedoch vor das Dorf zurückgegangen. Da stand er nun dreieinhalb Kilometer vom Feinde entfernt. Wegen des Regens sahen sich die Gegner nicht. Die Preußen kannten aber durch ihre zurückkehrenden Vortruppen die feindliche Stärke und Stellung bei Groß-Beeren. Die Franzosen dagegen ahnten von der Nähe des ganzen Korps Bülows nichts und meinten, nur mit weit vorgeschobenen Vortruppen gekämpft zu haben.

Jetzt ein flotter Angriff und die Franzosen mußten geschlagen werden. Stand bei Groß-Beeren nur eines ihrer Korps versammelt, so war Bülow mit seinem Korps jedenfalls stärker. Kamen dort zwei anmarschiert, so steckte eines sicher noch im Walde und konnte dem vorderen nicht viel helfen. Also so schnell als möglich drauf! Da traf der Befehl des Kronprinzen ein, – mit dem ganzen Korps gegen Berlin zurückzumarschieren. Damit wäre nicht nur die gegenwärtige günstige Lage unbenützt gelassen, sondern vielleicht sogar Berlin preisgegeben worden.

General von Bülow las den Befehl und entschloß sich – zum sofortigen Angriff. Dem Kronprinzen wurde dies gemeldet, er wurde um ein Eingreifen gegen des Feindes linke Flanke ersucht, um diesem den Rückzug abzuschneiden. Die Sache erschien sehr vorteilhaft, der Kronprinz aber tat nichts.

Es regnete ununterbrochen weiter; die Truppen waren den ganzen Tag über die Felder marschiert; von Abkochen war keine Rede gewesen; ein Teil hatte den Tag vorher (bei Wietstock etc.) gekämpft und war die Nacht hindurch marschiert. Als jedoch Bülow befahl: »Wir greifen an«, da brach ein tosendes Hurra durch das ganze Korps und kaum schnell genug konnte jeder sein Gewehr in die Hand nehmen oder in den Sattel steigen. So war der Geist dieser Preußen, die großenteils aus Landwehrmännern bestanden.

Nun ging's los. Voraus die Brigaden Hessen-Homburg und von Krafft, in zweiter Linie von Thümen, links seitwärts Borstell. Die Regimenter marschierten, als ob sie anstatt der durchgemachten Strapazen einen Ruhetag hinter sich hätten.

»Bei dem Wetter geht ja kein Gewehr los!«

»Tut nichts. Kolben und Bajonett helfen noch besser als Schüsse.«

Stolz drängten die Sturmkolonnen vorwärts, Schmutz und Morast verschlangen den Ton der aufstampfenden Füße.

»Um so besser, da bemerken die Franzosen uns erst, wenn ihnen unsere Bajonette in den Rippen sitzen!«

So ganz überrascht sollte der Feind aber nicht werden.

Die Artillerie fuhr 1800 Schritte vor der feindlichen Stellung auf. Bald krachte es aus 64 Geschützen. Mit 44 konnte der Gegner antworten. Nun trabten weitere 18 preußische Kanonen heran und gleich ein tüchtiges Stück über die Linie vor. Die rückwärts stehenden folgten und stellten sich wieder auf gleiche Höhe. So ging es mehrmals. Dahinter rückte unaufhaltsam das ganze Korps an. Lange wollte General Reynier nicht an einen ernsten Angriff glauben. Es war schon 6 Uhr abends. Endlich erkannte er den Stand der Dinge.

Vorwärts von Groß-Beeren tausend und abertausendfach: hurra, hurra, hurra! Dann links bei Klein-Beeren: hurra, hurra, hurra! und schließlich rechts bei Neu-Beeren: hurra, hurra, hurra! Solch ein Hurra aus etwa 30 000 Männerkehlen, das gibt aus.

Wirklich ging kein Gewehr los. Aber die preußischen Kolben und Bajonette gaben noch mehr aus als unzuverlässige Schüsse.

Brav wehrten sich die Sachsen der Division Sahr. Half ihnen aber nichts. »Hinaus« hieß es und wer nicht aus Beeren floh, war tot oder gefangen. Hinter den Fliehenden stürmten die preußischen Musketiere, Füsiliere und Reiter nach und erschlugen, was sie erreichten. Der Divisionsgeneral Sahr selbst wurde durch Bajonettstiche schwer verwundet, zwei seiner Bataillone ganz vernichtet, seine Division völlig zersprengt. Ähnlich erging es der Division Durutte. Diese fiel der preußischen Reiterei in die Hände, warf die Gewehre weg und floh in den Wald zurück. Der und die eintretende Dunkelheit retteten die Division Lecoq und verhinderten eine weitere Verfolgung des Feindes.

Der Kampf war hier aus. Da sauste plötzlich die endlich durch den Wald gekommene französische Reiterdivision Fournier von rechts daher. Schnell wurden Vierecke gebildet und die Leibhusaren unter Sandrart stürzten auf die feindlichen Reiter los. Sie warfen und jagten sie gegen Groß-Beeren. Neue französische Regimenter faßten wiederum die Husaren und nun jagte ein wirrer Haufe, vorne Franzosen, dann Preußen, dann wieder Franzosen, in die Dunkelheit hinein. Jetzt kam die Masse an den westpreußischen Ulanen vorbei.

»Marsch, marsch! – Hurra!« Auch diese hieben und stachen nun in den Knäul.

An der Reservekavallerie vorbei.

Trothas Königin-Dragoner – »Marsch, marsch! – Hurra, hurra!«

Neue Säbelhiebe auf die Franzosen.

Wie der Sturmwind sausten so über 2000 Reiter durch die Nacht. Wenige von der Division Fournier fanden später zur französischen Armee zurück. Die Mehrzahl lag erschlagen bei Groß-Beeren.

Nun war die Schlacht zu Ende. Prächtig schloß sie ein allgemeines begeistertes Hurra des ganzen Korps.

Die Trophäen dieses Tages waren 14 Geschütze, 60 gefüllte Munitionswagen, 1500 Gefangene und über 3000 Gewehre. Letztere konnte man für die Landwehr sehr gut brauchen, denn deren erstes Glied führte bisher nur Picken.

An Toten und Verwundeten hatte man 1050 Mann eingebüßt, der Feind mehr als das Dreifache.

siehe Bildunterschrift

Blücher führt an der Katzbach preußische Kavallerie zur Attacke vor

Durch diesen Sieg Bülows war Berlin gerettet, der preußische Waffenruhm gehoben und das Selbstvertrauen der Armee gestärkt, ihr Oberbefehlshaber jedoch, der Kronprinz von Schweden, stark geärgert. Er konnte es nicht verschmerzen, daß die Preußen ohne seinen Willen und noch dazu ganz allein so glänzend gesiegt hatten. Daher führte er auch keine Verfolgung aus, sondern gab den Truppen am 24. Ruhe und ließ damit Oudinot entkommen. Nach der Schlacht bei Groß-Beeren war auf Seite der Verbündeten General Hirschfeld mit seinen 12 000 märkischen Landwehren wieder nach Brandenburg und von da nach Ziesar marschiert. Zur gleichen Zeit ritt in der Nähe auch der russische General Tschernitscheff mit 600 Kosaken erkundend umher. Dieser und Hirschfeld wußten nichts voneinander. Sie befanden sich da fast im Rücken von 12 000 Franzosen, die unter Divisionsgeneral Girard zur Unterstützung von Oudinots linker Flanke von Magdeburg anmarschierten und am 26. August westlich des Städtchens Belzig mit Front gegen Nordosten standen. General Hirschfeld griff Girard an, Tschernitscheff erschien unerwartet im Rücken der Franzosen. Im Dorfe Hagelberg kam es zum mörderischen Kampfe. Mit den Gewehrkolben erschlugen die Landwehrleute ihre Gegner. Die Division Girard wurde zurückgeworfen. Der Divisionsgeneral, schwer verwundet, rettete nur 1700 Mann, 50 Husaren und 15 Geschütze nach Magdeburg. 6000 Gewehre wurden, für die Landwehr höchst willkommen, auf dem Schlachtfeld aufgelesen. Der eigene Verlust betrug 1759 Mann. Glänzend hatte sich die Landwehr, von der Napoleon kurz vorher als »schlechtem Gesindel« sprach, bewährt!

Infolge der Schlachten von Groß-Beeren und Hagelberg kehrte auch Davoust, der von der Hamburger Gegend einen Vorstoß nach Mecklenburg unternommen hatte, wieder hinter die Linie Lübeck-Lauenburg zurück. Zwischen ihm und den Generalen Vegesack, Engelbrecht und Wallmoden hatten nur bedeutungslose Scharmützel stattgefunden. Einen schweren Verlust erlitt Deutschland dadurch, daß bei einem dieser Gefechte am 26. August zwischen Gadebusch und Schwerin Theodor Körner, der schon bei dem Überfall des Lützowschen Freikorps durch Fournier schwer verwundet worden war, den Heldentod fand. Im Andenken unseres Volkes lebt der Dichter von »Leyer und Schwert« für alle Zeiten fort.

siehe Bildunterschrift

Die Österreicher erstürmen in der Schlacht bei Dresden eine Schanze

Die schlesische Armee hatte vor der Nordarmee einen großen Vorteil voraus. Der Oberbefehl über sie war in der Hand Blüchers, der zwar schon im 71. Lebensjahre stand, aber voll jugendlichen Feuers war. Außerdem befanden sich in seinem Stabe Männer von hervorragendem Geiste, wie Gneisenau und Müffling.

Von Blüchers Truppen standen am Schlusse des Waffenstillstandes der rechte Flügel, die Russen Sackens, zwischen Hundsfeld und Breslau, das Zentrum, Yorcks Preußen, am Zobtenberg und der linke Flügel, die Russen Langerons, bis Jauernick nördlich Schweidnitz.

Die Stärke der Armee betrug jetzt noch 98 000 Mann.

Ihr gegenüber standen 103 000 Franzosen, nämlich als rechter Flügel das Korps Macdonald um Löwenberg, als Zentrum Lauriston bei Goldberg und Haynau und als linker Flügel Ney um Liegnitz.

Noch vor Ablauf des Waffenstillstandes, d. h. schon am 14. August begann Blücher seinen Vormarsch, weil französische Abteilungen im neutralen Gebiete Beitreibungen vorgenommen hatten. Als der französische, preußische und russische Waffenstillstandskommissär darauf verlangten, er solle seine Armee wieder zurückführen, ließ er antworten: »Die diplomatischen Narrenpossen und das Notenschmieren müssen ein Ende haben. Ich werde den Takt ohne Noten schlagen.«

Blücher rückte weiter und warf in mehreren Vortruppengefechten die Spitzen der Franzosen zurück. Dem Marschall Ney gelang es nur deshalb, noch ungefährdet über den Bober zurückzukommen, weil die beiden russischen Korpsgenerale dem Befehle Blüchers, in den Rücken des Marschalls zu marschieren, nicht nachkamen.

Mit einem Male änderte sich die Lage. Napoleon selbst war angekommen, hatte die Garden, das Korps Marmont sowie das Reiterkorps Latour mitgebracht und ging nun seinerseits zum Angriff gegen Blücher vor. Dieser teils seiner Instruktion folgend, stets am Feinde zu bleiben, sich aber in nichts Ernstes einzulassen, teils vor den nun 160 000 Mann starken, also bedeutend überlegenen Franzosen ausweichend, zog sich hinter die Katzbach bis Jauer zurück. Durch die beiden größeren Arrieregardenkämpfe bei Plagwitz und Goldberg sowie durch Marschstrapazen und die Verluste beim Vormarsch hatte die schlesische Armee bis zum 22. August doch über 10 000 Mann eingebüßt. Schlimmer war es, daß durch die Hin- und Hermärsche die gute Stimmung der Truppen gelitten hatte.

Am 24. erfuhr man, daß Napoleon mit vielen Truppen wieder nach Sachsen zurückgekehrt sei. Es war nämlich die böhmische Armee vorgebrochen und hatte sich gegen Dresden in Bewegung gesetzt. Ihr zu begegnen, mußte Napoleon nach Dresden zurück, den Rest, der gegen Blücher noch im Felde stand, 105 000 Mann, befehligte Macdonald.

Am 26. früh ließ Blücher vorrücken. Er wollte jenseits der Katzbach schlagen. Es goß in Strömen. Der Morast war fast grundlos.

An diesem Tage hatte auch Macdonald den Entschluß gefaßt, die Verbündeten anzugreifen. Beide Gegner wußten nichts von den feindlichen Vormärschen. Zwischen Goldberg und Liegnitz bei Dohnau mündet die Wütende Neiße in die Katzbach. Beide Flüsse waren wegen des heftigen Regens zu Strömen angewachsen und stiegen während des 26. immer noch mehr. Das rechte Flußufer ist steil, felsig, etwa 60-70 Meter hoch und bildet ein weites Plateau. Gegen jene Ströme rückten von Nordwesten die Franzosen und zwar rechts Lauriston von Goldberg auf Seichau, in der Mitte Macdonald auf Kroitsch und Nieder-Crayn, links Souham (früher Ney) ebenfalls auf Kroitsch, im ganzen etwa 80 000 Mann auf Jauer zu vor. Ihnen entgegen marschierten die Verbündeten von Jauer her und zwar rechts Sacken über Mahetisch und links von ihm Yorck auf Schlaupe und Schlauphof. Ganz links sollte Langeron vorgehen, blieb aber bei Hennersdorf stehen und sandte sogar seine Artillerie großenteils nach Jauer zurück.

Die preußischen Vortruppen unter Oberst Katzeler hatten die Katzbach überschritten. Um ½11 Uhr drangen starke feindliche Reitermassen auf Kroitsch gegen sie an. Noch gingen die Flinten und Büchsen los. Also flottes Feuer. Nun entwickelten die Franzosen immer stärkere Kräfte. Katzeler mußte zurück. Der Feind ihm nach, kam über die Katzbach und Wütende Neiße. Immer mehr Franzosen folgten. Im Gebirge flußaufwärts dieser Kämpfe griffen Lauristons Franzosen die Russen Langerons an und warfen diese allmählich zurück.

»Gneisenau, die greifen ja uns an! Da brauchen wir gar nicht über die Katzbach. Wir können sie ja hier an der Wütenden Neiße schlagen.« So meinte der alte Blücher und Gneisenau entwarf sofort den neuen Plan. »Aufmarsch der Korps Sacken und Yorck hinter den deckenden Anhöhen, warten bis genug Franzosen auf das Plateau auf dem rechten Ufer gestiegen sind, dann drauf und wieder hinunter mit den Kerls und in die Flüsse gejagt, was nicht totgeschlagen ist.« Der Plan war einfach, die Befehle dazu wurden sofort erteilt. Als Sacken ihn erhielt, befahl er dem Adjutanten: »Antworten Sie dem General nur, Hurra!« Der alte Isegrimm Yorck aber schalt. Der an ihn ergangene Auftrag lautete, er solle so viele Feinde auf das Plateau lassen, als er glaube, schlagen zu können und dann angreifen. Darauf antwortete er dem Adjutanten: »Reiten Sie hin und zählen Sie. Ich kann bei dem Regen meine eigenen Finger nicht mehr zählen.« Aber er handelte doch, wie Blücher wollte.

Beide Korps marschierten nun zum Angriff auf, die Franzosen erstiegen das Plateau. Der alte Blücher ritt auf feurigem Pferde bei den Truppen herum und ließ es nicht fehlen an derben, aber zündenden Reden, die überall Begeisterung verbreiteten.

»Hör, Vater Blücher, heut geht's gut,« riefen die kampfesmutigen Soldaten zurück.

»Schießen taugt bei dem Regen nicht. Geht den Kerls mit dem Bajonett zu Leibe!« So rief er noch einmal, dann beobachtete er mit seinem Stabe den Feind, der auf dem Plateau sich ausbreitete. Jetzt, nachmittags 3 Uhr, erhob er sich im Sattel und rief mit heller, frischer Stimme: »Nun Kinder hab ich genug Franzosen herüber; nun vorwärts!«

Ein furchtbares Feuer eröffneten 48 vorgezogene preußische und fast geradesoviel russische Geschütze. Die Korps rückten an. Wie patschte der weiche nasse Boden! Tut nichts. Er hält doch! Wie lief das Wasser am Körper herunter! Macht nichts. Durch die Haut geht es nicht. Wie stand die Nässe in den Gewehren! Schadet nicht. Wir gehen mit Bajonetten und Kolben drauf! Was in den Weg kam, wurde niedergeworfen. Wütendes Handgemenge entstand an vielen Stellen. Was wollten die kleinen schmächtigen Franzosen aber auch gegen die preußischen Musketiere, gegen die schlesische Landwehr machen! Das Bataillon Othegraven (Brandenburger) umzingelte ein feindliches Bataillon. Geschrien wurde wenig. Aber entsetzliches Krachen tönte durch die Luft. Nach kurzer Zeit lag das ganze französische Bataillon buchstäblich mit dem Kolben erschlagen auf dem Felde.

Als die Musketiere und die Landwehrleute so dreinschlugen, wollten die Reiter auch nicht zurückbleiben. Oberst Jürgaß mit seiner Reserve-Kavallerie jagte daher. Zwei feindliche Regimenter wurden überritten und nach und nach zwanzig Geschütze genommen. Aber immer vorwärts ging die wilde Jagd. Natürlich kam man dabei sehr auseinander.

» En avant les lanciers! en avant les cuirassiers!«

»Oho, da kommen neue feindliche Massen! Drauf, drauf!«

Der Wille war gut, die Kraft zu schwach. Signal Appell!

Zurück jagten die preußischen Reiter. Die Franzosen hinterher mit nicht so ermüdeten und darum schnelleren Pferden. Es ging sogar über einige preußische Schützenlinien weg.

Das sah der alte Blücher. »Was ist zunächst zur Hand?«

»Litauische Dragoner, brandenburgische Ulanen, russische Husaren!«

Da erwachte in dem greisen General der frühere Husarenoberst. Raus sauste die Plempe aus der Scheide, im Galopp war er vor den Regimentern, die Säbelspitze zeigte auf die französischen Reiter, dann rief er »Vorwärts« und »Hurra«, und »Hurra« jauchzten Dragoner, Ulanen und Husaren nach und warfen sich hinter Blücher her auf den Feind. Als dieser seine Reiter so flott bei der Arbeit sah, aber bemerkte, daß sie noch zu schwach waren, den Gegner zu werfen, sprengte er weiter zu den gerade ankommenden drei Landwehr-Kavallerie-Regimentern und den mecklenburgischen Husaren. Laut erschallte sein »Vorwärts«, die Richtung zeigte sein Säbel, und die Regimenter verstanden ihn. Die Führer Jürgaß, Katzeler und er selbst sprengten voraus, die ganze preußische Reiterei, auch die vorher geworfene folgte, und das Ende vom Lied war: die 8000 feindlichen Reiter mußten zurück.

Jetzt schien dem alten Blücher der geeignete Augenblick gekommen, den Hauptschlag zu führen.

»Alles vorwärts! Werft die Kerls in die Neisse und die Katzbach!« Zu vielen Abteilungen brachten die Adjutanten diesen Befehl. Mehr noch folgten den Signalen und dem Beispiel und vorwärts ging's ohne Schutz. Was erreicht wurde, erlag den Hieben und Stichen der Preußen. Die Russen Sackens wollten auch nicht zurückbleiben und die Franzosen bezahlten diesen Wetteifer der Verbündeten mit dem Leben so vieler der Ihrigen. Die feindliche Division Souham erschien und wollte die allgemeine französische Flucht aufhalten.

»Drauf! Vorwärts! Vorwärts!«

Im Nu war auch diese Division geworfen und im großen Durcheinander verschwunden. In den französischen Reihen gab es jetzt kein Halt mehr. Alles rannte zurück. Unglücklicherweise für die Franzosen waren durch den ununterbrochen strömenden Regen die Neiße und Katzbach noch mehr gestiegen. Trotzdem mußten sie hinein. Wer zögerte, den schreckte das Krachen der Kolbenschläge hinter ihm. Da sprang er lieber ins Wasser. Viele, viele ertranken. Auch drüben gab es noch keine Ruhe. Die schnell vorgezogene Artillerie der Verbündeten schoß nach, so lange sie sah. Zwei neue feindliche Divisionen gingen vor. Sie halfen nichts mehr. Auch sie mußten wieder zurück.

Herrgott wie sahen die armen Franzosen aus! Reiter, Fußgänger ohne Waffen, Artilleristen ohne Geschütze liefen bunt durcheinander weiter, nur immer westwärts. »Nur fort, fort aus dem Bereich dieser Teufel von Preußen und Russen.« Die Verbündeten, besonders die Preußen sahen auch nicht zum besten aus. Viele waren barfuß. Die Schuhe steckten irgendwo im Kot. Durchnäßt waren alle bis auf die Haut. Aber sämtliche, die so unermüdlich hinter den vielfach waffenlosen Franzmännern dreinrannten, hatten ihre Gewehre, »denn zum Totschlagen muß man doch den ›Schettprügel‹ haben.«

Während hier alles so gut ging, sah es bei Langeron weniger schön aus. Nur den Preußen Hünerbeins verdankte er es, daß seine Russen nicht ganz von Lauriston geworfen wurden. Jetzt, als alles an der Neiße so vorzüglich stand, entwickelte Oberst Steinmetz nach und nach zehn Bataillone und zwölf Geschütze gegen den Rücken der Franzosen Lauristons und zwang dadurch auch diese zum Rückzug. Nun war der Sieg der Verbündeten ein glänzender Sieg. Aber der alte Blücher ruhte noch nicht. Trotz Mangels an Lebensmitteln, trotz der durchgemachten Strapazen drängte er noch in der Nacht und an den folgenden Tagen auf eine äußerst energische Verfolgung. Der Lohn blieb nicht aus. Fünf Tage nach der Schlacht konnte der greise Obergeneral nachstehenden Tagesbefehl an seine Truppen erlassen: »In der Schlacht an der Katzbach trat Euch der Feind trotzig entgegen. Mutig und mit Blitzesschnelle brachet Ihr hinter Euern Anhöhen hervor. Ihr verschmähtet ihn mit Flintenfeuer anzugreifen. – Unaufhaltsam schrittet Ihr vor. Eure Bajonette stürzten ihn den steilen Talrand der Wütenden Neiße und der Katzbach hinab. Seitdem habt Ihr angeschwollene Bäche und Flüsse durchwatet, Ihr littet Mangel an Lebensmitteln und zum Teil an Bekleidung, Ihr hattet mit Kälte, Nässe, Entbehrung zu kämpfen und dennoch murrtet Ihr nicht und verfolgtet mit Anstrengung Euern geschlagenen Feind. Habt Dank für ein so hochlobenswertes Betragen! 103 Kanonen, 250 Munitionswagen, des Feindes Lazarettanstalten, Feldschmieden und Proviantkarren, 3 Generale, eine große Anzahl Obersten, Stabs- und andere Offiziere, 18 000 gefangene Soldaten, 2 Adler und andere Trophäen sind in Euern Händen. Den Rest derjenigen, welche Euch in der Schlacht an der Katzbach gegenüber gestanden, hat der Schreck vor Euern Waffen so sehr ergriffen, daß sie den Anblick Euerer Bajonette nicht mehr ertragen werden. Die Straßen und Felder zwischen der Katzbach und dem Bober habt Ihr gesehen: sie tragen die Zeichen des Schreckens und der Verwirrung Euerer Feinde.«

So Blücher an seine Soldaten. Daß seine Willenskraft, sein begeisterndes Auftreten und Eingreifen, kurz er selbst das meiste zum Siege beigetragen, – davon sprach er nicht. Um so ausführlicher dankte er Yorck und Sacken und allen Generalen und Offizieren für ihr Verhalten. Langeron freilich bekam kein Lob.

Die Armee ihrerseits erkannte immer mehr, welch ein Feldherr doch in dem alten Blücher steckte. Durch diesen einen Tag war alle Verstimmung, alle Zwietracht im Innern der schlesischen Armee gehoben, sogar der alte Isegrimm Yorck brummte nicht mehr so wie früher. Der Zauber, der für die Truppen an Blüchers Persönlichkeit haftete, entfaltete seine Macht und auch Gneisenaus Wissen und Können gelangte täglich mehr zur Geltung.

Zu Dresden aber trat am 28. August abends der sächsische Minister Gersdorf in das Kabinett des nach dem Siege bei Dresden stolz von der Verfolgung zurückkehrenden Kaisers Napoleon und meldete: »Sire, Macdonald ist gänzlich geschlagen.« Am andern Morgen traf die Depesche des Marschalls ein: » Sire, votre armée du Bobre n'existe plus.«

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