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Die Befreiungskriege 1813 bis 1815

Carl Tanera: Die Befreiungskriege 1813 bis 1815 - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorCarl Tanera
titleDie Befreiungskriege 1813 bis 1815
publisherZweiter, unveränderter Abdruck Fünftes bis neuntes Tausend
printrunC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorK. Frhr. v. Lupin Oberstleutnant
year1913
illustratorErnst Zimmer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160616
projectid80a45084
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2.
Der Krieg im Frühjahr bis zum Waffenstillstand vom 4. Juni

Möckern, Groß-Görschen, Bautzen, Haynau
(Siehe Karte 1)

Am 26. März 1813 war die Konditorei von Fuchs unter den Linden in Berlin – sie ist längst den Veränderungen der neuen Zeit gewichen – vollständig mit Gästen angefüllt, welche in freudig erregter Stimmung die öffentliche Lage besprachen. Welch ein anderes Leben bewegte jetzt ganz Berlin im Vergleiche mit dem vor vier Wochen! Die Franzosen standen hinter der Elbe.

Hier in Berlin war man wieder gut preußisch; preußische Posten standen vor den Schlössern und Kasernen; preußische Fahnen wehten von den Dächern herab. Auf der Straße »Unter den Linden« wogte eine dichte Menge hin und her. Alles sprach lebhaft und zuversichtlich über die Zukunft.

»Gute Nachrichten, Herr Geheimrat?« frug in der Konditorei einer der Gäste einen soeben eintretenden älteren Herrn.

»Ja, Gott sei Dank. Rußland und England sind soeben mit dem Kronprinzen Bernadotte von Schweden einig geworden und auch der Abschluß des Vertrages zwischen Preußen und Schweden steht bevor.«

»So wächst die Zahl der Feinde des Kaisers Napoleon doch immer mehr und so Gott will! endet dieser Krieg mit seiner vollständigen Beseitigung.«

»Wir wollen nicht zu viel verlangen. Leider sieht es ja gerade außen im Reiche am schlechtesten aus. Der König von Sachsen sitzt in Regensburg und kann zu keinem Entschluß kommen und die Rheinbundfürsten machen gar keine Miene, sich von Napoleon loszusagen. Sie fürchten, und zwar nicht mit Unrecht, selbst im Falle einer durch ihre Mithilfe erreichten Niederwerfung Napoleons doch eine starke Beschränkung ihrer Macht und der Ausdehnung ihrer Gebiete erleiden zu müssen.«

Inzwischen war draußen eine Bewegung entstanden und man konnte leicht erkennen, daß sich etwas ereignet hatte.

»Extrablatt! Neuestes Extrablatt!« klang es aus der Menge und ein Zeitungsverkäufer bot das soeben erschienene Extrablatt der Vossischen Zeitung vom 26. März aus. Es ging reißend ab und mit Mühe gelang es den Herrn, eine Nummer zu erhalten.

»Aufruf des Generals Fürst Wittgenstein an die Westfalen!« Der Aufruf wurde vorgelesen. Da war an all die Leiden erinnert, die die französische Herrschaft den Bewohnern des Königreichs Westfalen gebracht habe; dann war von der unwürdigen Knechtschaft die Rede, die nunmehr gebrochen werden sollte, und endlich die Rückkehr der rechtmäßigen Fürsten in ihre Stammlande in Aussicht gestellt.

»Gut, ganz gut. Hätte dies dem Russen gar nicht zugetraut. Aber hören Sie weiter: Aufruf an die Sachsen!«

Auch dieser wurde beifällig begrüßt. Während des Gespräches, das sich daran knüpfte, trat ein weiterer Gast hinzu. – »Guten Tag, meine Herrn! Bringe gute Post mit.«

»Wahrscheinlich die Aufrufe Wittgensteins. Die haben wir soeben gelesen.«

»Besseres, meine Herren, Besseres. Yorck und Bülow verstärken mit ihren Korps die Armee des russischen Fürsten von Wittgenstein. Was aber die Hauptsache ist, die schlesische Armee wird auf 36 000 Mann gebracht und dem General von Blücher unterstellt.«

»Was sagen Sie? Blücher, dem alten, biederen Haudegen?«

»Gerade dem. Als seinen Generalstabschef hat er Scharnhorst, als Generalquartiermeister Gneisenau verlangt und erhalten. – Ferner ist der russische Feldmarschall Kutusof zum Oberkommandierenden für das Ganze ernannt. Rußland will überdies auch eine Reservearmee von 20 000 Mann auf die Beine stellen.«

»Das sind Nachrichten, die ein deutsches Herz erfreuen. Der brave, geliebte und geachtete General Blücher, der keine Furcht kennt und die Franzosen so glühend haßt, das ist der richtige Mann, besonders, wofern ihm der scharfe Denker Gneisenau zur Seite gegeben ist. Wer hat denn dies nur durchgesetzt?«

»General von Scharnhorst hat dafür seinen ganzen Einfluß beim König aufgeboten.«

»Bravo Scharnhorst, bravo. Die Nachricht von Blüchers Ernennung zum Oberbefehlshaber ist freilich mehr wert als die Aufrufe Wittgensteins, so gut sie gemeint sind. Wie stark mag wohl jetzt die Armee des letzteren sein?«

»40 000 Preußen und 12 000 Russen.«

»Nun, der Anfang ist vielversprechend. Gebe Gott, daß es so weiter geht.« –

Die alten Herrn hatten die Stimmung in Deutschland richtig beurteilt. Bei den Völkern zündeten zwar die erwähnten Aufrufe und besonders der am 3. April veröffentlichte, im Namen der vereinigten Monarchen von Rußland und Preußen erlassene »Aufruf an die Deutschen«, allein die Fürsten des Rheinbundes wurden dadurch erschreckt und um ihre Herrschaft besorgt gemacht. Deutsche Gefühle waren ja seit langer Zeit aus Deutschland verschwunden. So kam es, daß die Begeisterung zuerst doch nur eine rein preußische war. Erst allmählich, als neben den Aufrufen Flugschriften auf Flugschriften folgten, als das Arndtsche Lied »Was ist des Deutschen Vaterland« und später sein »Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte« auch den Weg nach dem Süden fanden, als diese wahren Felsgesteine von Gedichten eines Rückert, Schenkendorf, Fouqué, Körner an die deutschen Herzen pochten, da wurde es überall Tag, da hieß es an allen Orten: Auf gegen den welschen Unterdrücker, auf zur Befreiung des ganzen, großen deutschen Vaterlandes!

Und Napoleon?

Man mag ihn einen Tyrannen nennen, und zumal wir Deutsche haben ja Grund, ihn aus voller Seele zu hassen. Das steht jedoch unerschütterlich fest, sein Genie als Feldherr und als Organisator sowie auch seine persönliche Ausdauer und Arbeitskraft ist noch nicht erreicht worden und wird vielleicht nicht mehr von einem Menschen erreicht werden.

In einem wahren Fluge war er nach dem verhängnisvollen Rückzuge von Moskau über Posen, Glogau, Dresden, wo er am 14. Dezember nachts eintraf und einige Stunden rastete, dann weiter über Leipzig, Erfurt, Mainz nach Paris gereist. Am 19. Dezember abends 9 Uhr – Frankreich glaubte ihn in Litauen – waren bereits alle Minister um ihn versammelt. Sofort legte er in kräftiger Rede diesen ihre Pflichten und nächsten Aufgaben ans Herz. Paris jubelte, als es seine Ankunft erfuhr und in kurzer Zeit ging ein neuer Zug durch das ganze französische Staatsleben. Nicht umsonst hatte der Kaiser am 25. Februar darlegen lassen, daß trotz der vielen Kriege und der Aufstellung der großen Heeresmacht unter seiner Regierung die Industrie gewachsen, der Anbau des Landes gestiegen sei, daß für Häfen, Kanäle, Straßen, Bauwerke, Denkmäler über 1000 Millionen Franken verausgabt und daß auch die Mittel für die kostspielige Wiederherstellung der Marine aufgebracht worden seien, kurz daß ganz Frankreich unermeßliche Fortschritte gemacht habe.

Jetzt verlangte er neue außerordentliche Abgaben von Menschen und Mitteln für Aufstellung neuer Heere. Es wurde alles, was er gefordert, bewilligt. 350 000 Mann sollten sofort, 180 000 demnächst zusammengebracht werden. Ein großes Glück für die Franzosen war es, daß sich eine erhebliche Zahl von tüchtigen, kriegserfahrenen Generalen und Offizieren aller Grade der Katastrophe in Rußland entzogen hatte. Mit deren Hilfe konnte die Organisation neuer Armeen in kürzester Zeit bewirkt werden. Mit welcher Tatkraft Napoleon dabei verfuhr, beweist der Umstand, daß er vielfach die Rekruten ohne Waffen an den Rhein sandte und die Gewehre später mit Eilposten nachschickte. Dabei vertraute er auf die Übung seiner alten Offiziere im Abrichten und auf die angeborene Anstelligkeit der französischen Rekruten. Was er selbst leisten konnte, zeigt seine Reise zur Armee. Am 15. April früh verließ er Schloß St. Cloud, westlich Paris. Am 17. früh 2 Uhr traf er in Mainz ein. Zu einer Zeit also, wo es noch keine Eisenbahnen gab und man nur im Wagen reisen konnte, hatte er es durch ein gutes System von Relais zuwege gebracht, in 44 Stunden etwa 560 Kilometer zurückzulegen. In Mainz betrieb er bis zum 24. April auf das energischste die Rüstungen, fuhr am 25. in einer Tour bis Erfurt und stand am 28. hinter seinen Vortruppen in Weimar. Dort verließ er den Wagen, stieg zu Pferde und setzte sich bis zum Waffenstillstand in kein Gefährt mehr. Er wollte diesen Feldzug als General Bonaparte und nicht als Kaiser machen, um anzudeuten, mit welcher Energie er zu handeln gedenke.

Der große Meister der Kriegskunst hatte wie mit Zauberkraft ein neues Heer aufgestellt und ihm im Handumdrehen durch seinen Namen und Geist und seiner Marschälle, Generale und Offiziere Tüchtigkeit kriegerischen Wert verliehen. Er war eher mit den Rüstungen fertig als die Verbündeten und konnte mit Übermacht zum Angriff gegen diese vorgehen.

Außer dem Genie und der Tatkraft Napoleons trugen aber auch die Fehler, welche man auf seiten der Verbündeten beging, viel dazu bei, daß der erste Teil des Krieges besonders in den nichtpreußischen Teilen Norddeutschlands unglücklich verlief.

Hier tummelten sich nur leichte russische Truppen und Parteigänger herum. Anfangs hatten diese manchen schönen Erfolg zu verzeichnen. So gelang es dem russischen Kosakenoberst Tettenborn, den französischen General St. Cyr, dem nur etwa 1000 Mann zu Gebote standen, aus Hamburg zu verdrängen und einen feierlichen Einzug in der befreiten Hansastadt zu halten.

Außer den Russen des Obersten Tettenborn streiften noch die leichten Truppen der Generale Tschernitscheff und Benkendorf, sowie das Freikorps des einstigen westfälischen Obersten Dörnberg in der Gegend umher. Bei letzterem befanden sich auch ein Bataillon preußischer Infanterie (v. Borcke) und eine halbe preußische Batterie. Diese Streifkorps vereinten sich, um am 2. April den mit 2500 Mann nach Lüneburg vorgerückten französischen General Morand zu überfallen. Der Streich gelang vorzüglich. Der General fiel verwundet in preußische Hand, seine Leute wurden teils erschlagen, teils gefangen. Major v. Borcke war der Held des Tages. Er und sein Bataillon erhielten die ersten eisernen Kreuze, welche verliehen wurden.

Hätte man doch jetzt einige feste Linientruppen, wenn auch nur ein schwaches Korps, nach diesem Teil Norddeutschlands entsendet! Es geschah aber nicht. Die Engländer schickten alles nach Spanien, die Dänen schwankten noch, wohin sie sich wenden sollten, der Kronprinz von Schweden zog sich wieder zurück und wollte anscheinend nichts mehr vom Kriege gegen Frankreich wissen, Hamburg entwickelte zu wenig kriegerischen Geist und verließ sich auf die Verbündeten und diese mußten alle Kräfte in Schlesien und der Gegend der mittleren Elbe sammeln, um mit vereinter Macht den großen Kampf in Sachsen bestehen zu können.

Auf französischer Seite aber brachte General Vandamme in Westfalen und Hannover rasch ein Korps von 24 000 Mann zusammen. Er und später Marschall Davoust drängten leicht die schwachen Parteigängertrupps zurück, nahmen Hamburg und den ganzen Norden Deutschlands wieder ein und hielten in Oldenburg, in Bremen und in Hamburg ein blutiges Strafgericht. Es rächte sich in schrecklicher Weise, daß man die Einwohner dieser Gegenden zuerst zum Aufruhr brachte, sie dann aber im Stiche ließ und der Rache des erbarmungslosen Gegners preisgab.

Endlich dachte man bei den Verbündeten an den Vormarsch. Ungerechnet der eben erwähnten Freikorps, standen zur Verfügung:

Die Armee Wittgensteins, die von Norden her in Anmarsch war, mit 28 000 Preußen und 10 000 Russen, die schlesische Armee Blüchers mit 26 000 Preußen und 10 000 Russen, die russische Hauptarmee unter Miloradowitsch, 11 500 Mann und endlich die russische Reservearmee unter Kutusof, später unter Tormassof, 17 000 Mann stark.

Allmählich wurden durch den Fall der Festungen Thorn, Glogau, Spandau noch weitere Kräfte zur Verwendung im Felde frei.

Ehe man die Kämpfe der folgenden Zeit betrachtet, ist es gut, einen Blick auf die Verhältnisse innerhalb der Armeen der Gegner zu werfen. Bei den verbündeten Preußen und Russen: Schwierigkeit des Verkehrs wegen Unkenntnis der beiderseitigen Sprachen; Unzuträglichkeiten in der Kommandoführung, weil die Russen stets hohe Chargen über kleine Truppen gesetzt hatten, während bei den Preußen der Ersparung halber niedere Chargen große Truppenkörper, z. B. Majore Regimenter, Oberstleutnants Brigaden etc. befehligten. Ferner ungünstige Lage der preußischen Führer gegenüber den auf ihre Siege von 1812 sehr stolzen Russen. Dagegen kriegserfahrene und wohleingeübte, sehr verwendbare Mannschaften, voll von Begeisterung und Tatendrang, und gute brauchbare Pferde. Bei den Franzosen: Sehr anstellige, aber noch junge, kriegsunkundige Mannschaften und schlechte Reiterei. Dafür aber Umsicht und Erfahrung der Generale und höheren Offiziere, Einheit des Oberbefehls und vor allem das Feldherrngenie eines Napoleon, gegen welches die Befähigung der russischen Generale nicht ausreichte.

Am 27. März begann der allgemeine Vormarsch gegen die Elbe. Jubelnd gaben die Berliner Yorck und seinen Truppen das Geleite. Noch bei deren Abmarsch sprangen Freiwillige in die Glieder. Sie dachten nicht mehr daran, was sie bisher vom Eintritt abgehalten. Es ging ja jetzt gegen die Franzosen. Da mußten sie mit. Waffen und Uniform würden sich mit der Zeit schon finden.

Bülow und sein Korps marschierten durch Berlin unter gleichem Jubel am 31. März. General Graf Wittgenstein rückte auf Zerbst. Es galt, zuerst den Vizekönig Eugen, der mit zwei Korps von Magdeburg nach Möckern vorgegangen war, zu erkunden. In drei Kolonnen ließ Wittgenstein am 5. April die Preußen gegen die hinter der Ehle gedeckten Franzosen vorgehen. Links drangen Yorcks Vortruppen unter General Hünerbein auf Dannigkow. Zweimal stürmten sie vergeblich an. Es sollte eigentlich ein ernstes Gefecht vermieden werden. »Jetzt ist die Sache aber Ehrensache, zur heiligen Sache des Vaterlandes geworden. Sieg oder Tod ist die Losung! drauf!« So befahl der General. Nach vierstündigem blutigem Kampfe gehörte das Dorf den Preußen.

In der Mitte drängten des General Borstells Pommern und Ostpreußen gefolgt von einem russischen Bataillon auf Vehlitz vor. Sumpf und die Ehle hielten sie auf.

»Ach wat! Fürcht mir vor kene Kugel, also och nich vor Wasser!«

Bis unter die Arme reichte es. Aber durch kamen die Musketiere und drangen gegen das Dorf vor. Dabei erreichten sie noch zwei französische Kanonen. Freilich stürmten Reitermassen daher, um die Geschütze zu retten. Taten es auch. Aber zwei Füsiliere hatten schnell ihre Bajonettspitzen in die Zündlöcher gestoßen und darin abgebrochen. Mit dem Schießen war es aus. Nun jagten etwa 1000 Reiter auf die gegen Vehlitz vorgehenden Pommern los.

»Formiert das Karree!«

Das ging wie der Blitz. Aber auch die feindliche Kavallerie sauste wie der Blitz daher. 50 Schritt war sie an die Pommern heran gekommen. Da klang es scharf und kurz: »Legt an – Feuer!« Es war, als ob die Salve die Reitermasse gespalten hätte. In der Mitte wälzte sich ein Knäul von toten und verwundeten Reitern und Pferden; rechts und links stob je ein wirrer Haufe vorbei und geriet teilweise noch in den Sumpf oder in preußisches Feuer und dann in die Hände von preußischer und russischer Reiterei. Beide gingen nicht zart mit den Franzosen um. Jetzt stürmten die Pommern Vehlitz und gaben es nicht mehr heraus.

General von Bülow konnte auf den rechten Flügel mit seiner Infanterie bis Zehdenick nicht mehr heran kommen. Aber seine Reiter waren da. Die Leibhusaren ritten an, die französischen Vortruppen wichen. Drei Gräben hielten die Husaren auf. »Dragoner vor.« Das war ein Wort für den »tollen Platten«, der 200 Dragoner der Brigade Jürgas befehligte. Platten hielt seinen Leuten eine Rede über Schneid und Schnelligkeit im Angriff. »Auch muß ein guter Dragoner die Pfeife noch brennend haben, wenn nach der Attacke Appell geblasen wird.« So schloß er, dann folgte sein »Galopp – marsch«, kurz darauf sein »Marsch – marsch«, und nun stürmten 200 litausche Dragoner auf einen aus sieben Regimentern Lanciers, Chasseurs und Husaren zusammengesetzten, etwa 1000 Mann starken Haufen feindlicher Reiterei los und warfen ihn vollständig zurück.

Jetzt entschloß sich der Vizekönig Eugen, die Gegend von Möckern zu räumen und auf das linke Elbeufer zurückzugehen; das erste Gefecht war ein Sieg der Verbündeten. Der Erfolg, besonders in moralischer Beziehung, blieb nicht aus. Die preußischen Truppen stiegen im Ansehen der Russen ganz bedeutend. Zugleich breitete sich die Kriegsbegeisterung nun auch auf dem linken Elbufer aus; die Universität Halle mußte geschlossen werden, weil die Jünglinge zu den Waffen eilten. Die Franzosen erkannten zu ihrer größten Besorgnis, daß die Preußen von 1813 andere waren als jene von 1806.

Möckern hatte den Verbündeten 560 Mann an Toten und Verwundeten, den Franzosen allein an Gefangenen 27 Offiziere und 900 Mann, außerdem eine Kanone und fünf Pulverwagen gekostet. Leider konnte man den Sieg von Möckern nicht recht ausnützen, weil der russische Oberbefehlshaber Kutusof nicht heranrückte und man sich doch von dessen Armee nicht zu sehr entfernen durfte. Überhaupt folgte wieder eine Zeit entsetzlicher Verzögerungen und unentschlossenen Herumschwankens. Der Versuch Wittgensteins, Wittenberg zu überrumpeln und zu nehmen, scheiterte an der Ungenügendheit der Mittel und der Tapferkeit der Franzosen. Wittgenstein mußte die Elbe weiter oberhalb überschreiten. Blücher rückte nach Dresden. Sein Aufruf an die Sachsen fand zwar beim Volke Widerhall, allein der sächsische König und seine Regierung wollten von einem Anschluß an die Verbündeten nichts wissen. Man versäumte die Zeit mit fruchtlosen Unterhandlungen. So marschierte Blücher am 3. April weiter und kam am 14. in Altenburg an. Bei seiner Armee befanden sich die preußischen Prinzen Friedrich Wilhelm, Wilhelm, August und Friedrich, ferner die Generale von Scharnhorst und von Gneisenau. Wie gerne wäre der alte Haudegen nun losgezogen und hätte dem Vizekönig Eugen den Handschuh hingeworfen. Allein höherer Befehl zwang ihn, bis zum 28. April untätig in Altenburg liegen zu bleiben. Endlich, endlich war die russische Hauptarmee, bei ihr der Kaiser von Rußland und der König von Preußen, herangekommen. Wahrscheinlich hätte man sich auch jetzt noch nicht zu raschem Handeln entschlossen, wenn nicht Napoleon mit seinem Heere von der Saale her im Anmarsch und bereits in unmittelbarer Nähe der Verbündeten gewesen wäre. Die Nachricht brachte alle weiteren Bedenklichkeiten zum Schweigen.

Zunächst galt es die Streitkräfte zu sammeln. Das taten aber die Franzosen auch. Dies führte zum Gefecht von Merseburg, in dem Major von Lobenthal mit zwei Bataillonen Ostpreußen und Jäger, vier Geschützen und einer halben Schwadron Litauer 12 000 Franzosen unter Marschall Macdonald einen ganzen Tag aufhielt. Alles war über die Haltung der Ostpreußen und freiwilligen Jäger entzückt. Vater Isegrimm aber, der alte Yorck, tadelte. »Tapfere Husaren und Draufgänger hat der König genug, aber umsichtige Offiziere braucht er.« So sprach derselbe Yorck, welcher zwei Tage später, vor der Schlacht von Groß-Görschen, zum Könige, der ihn frug, warum er das ihm verliehene eiserne Kreuz nicht trage, sagte: »Nicht eher, als bis seine Majestät so gnädig gewesen sind, alle diejenigen Offiziere, Unteroffiziere und Gemeinen damit zu belohnen, die ich in Vorschlag gebracht habe.«

Napoleon hatte keine tüchtige Reiterei. Daher erfuhr er von der Aufstellung der Verbündeten vorwärts Altenburg fast nichts und vermutete sie hinter Leipzig. Da stand nur General von Kleist mit seiner Brigade. Nun beschloß der Kaiser, auf Leipzig vorzustoßen und den Feind dort und jenseits der Stadt anzugreifen. Seine Armee bestand aus der alten und jungen Garde unter den Marschällen Mortier und Bessières, dem III. Armeekorps (Ney), dem IV. (Bertrand), VI. (Marmont) und XII. (Oudinot). Beim Vizekönig Eugen stand das V. (Lauriston) und das XI. (nunmehr Macdonald). Die Stärke aller dieser Kräfte betrug 115 000 Mann Infanterie, 5000 Reiter und 250 Geschütze.

Demgegenüber hatten die Verbündeten: 46 000 Preußen mit 204 Geschützen und 50 000 Russen mit 320 Geschützen, also zusammen: 96 000 Mann und zwar 71 000 Mann Infanterie, 25 000 Reiter und 524 Geschütze.

Der Oberbefehl über die verbündeten Heere wurde, da General Kutusof nach kurzer Krankheit Ende April gestorben war, dem Fürsten Wittgenstein übertragen. Dessen Absicht war, die durch den Marsch gegen Leipzig sehr auseinandergezogene französische Armee von Süden her zu überfallen. Hierzu hatte Scharnhorst einen vorzüglichen Plan ausgearbeitet, den Wittgenstein auch annahm, aber gleich zu Anfang der Schlacht vollständig verdarb.

Napoleon war am 1. Mai bis in die Gegend von Lützen gekommen und hatte durch das Korps Ney die südlich davon gelegenen Orte Starsiedel, Caja, Rahna, Groß- und Klein-Görschen zum Schutze gegen die hier auftretenden Kosaken besetzen lassen. Am nächsten Tage ließ er dieses Korps zur Deckung seiner rechten Flanke in den genannten Orten stehen und rückte mit der Armee weiter gegen Leipzig vor.

Es waren also die Truppen des Marschalls Ney, auf welche der Vormarsch der Verbündeten zuerst stieß. Bei diesen stand alles gut. Stimmung und Kampfeslust war bei den Preußen geradezu vorzüglich. Die Russen erwiesen sich etwas lauer, weil sie meinten, sie hätten jetzt genug getan und könnten das Werk der Befreiung Deutschlands nun vor allem den Preußen überlassen. Der Plan Scharnhorsts war aber gut, Napoleon ahnte noch nichts und alles versprach einen glänzenden Sieg.

Jedoch Wittgenstein verdarb den Erfolg. Erstlich trafen alle Befehle so spät ein, daß die Truppen nicht rechtzeitig zum Aufmarsch ankommen konnten, trotzdem die Preußen 36 Stunden fast unaufhörlich marschiert waren. Dann ließ der Oberbefehlshaber die Brigaden nach und nach statt zugleich mit Übermacht angreifen.

30 preußisch-russische Geschütze eröffneten den Kampf.

Hierauf ging zuerst die Brigade Klüx gegen Groß-Görschen vor und so vorzüglich war der preußische Sturmangriff, daß das Dorf im ersten Anlauf genommen wurde. Neue französische Kräfte suchten es wieder zu nehmen. Vergebens. Noch einmal erscholl das: » en avant, en avant!« Da griff die Brigade Zieten ein. Zurück mit den Franzosen! Sie mußten weichen.

Nun vorwärts Preußen gegen Rahna! Das wollten die Franzosen um keinen Preis gestatten. Aus Caja und von rückwärts zogen sie Verstärkungen heran und stundenlang währte hier der wütendste Kampf.

Jetzt die russischen Garden oder die hinten haltenden Kavalleriemassen vor und man hätte glänzend gesiegt und die feindliche Marschkolonne vollständig gesprengt. Es geschah nicht. Die Franzosen Lauristons waren nämlich bei Lindenau vor Leipzig angekommen. Dort leistete ihnen General von Kleist mit seinen 5000 Mann einen so hartnäckigen Widerstand, daß der Kaiser erst recht in seiner Annahme, in und hinter Leipzig ständen die Massen der Verbündeten, bestärkt wurde. Da klang der immer heftiger werdende Kanonendonner von Groß-Görschen in sein Ohr. Er hielt, horchte, beobachtete, die Truppen marschierten weiter gegen Leipzig. Jetzt hatte er es erkannt: »Ich habe mich geirrt. Sie stehen rechts von mir und greifen die Truppen Neys an.« Nun ging's los. Sämtliche Adjutanten und Ordonnanzoffiziere mußten fortjagen: »Alle Abteilungen sofort umkehren und mit Geschütz und Munition querfeldein auf den Kanonendonner zu.« So lautete sein Befehl. Gedränge gab es genug, aber ausgeführt wurde, was der Kaiser angeordnet. Er selbst sprengte auf das Schlachtfeld mitten in den Kugelregen. Wo er erschien, begrüßte ihn das tausendfache, tosende Vivat der Truppen, deren Kampfesmut neu angefacht war. Das Korps Ney hielt aus, bis die andern Korps auf dem Schlachtfeld erschienen.

Nun sah Wittgenstein seinen rechten Flügel bedroht. Er zog das zweite Treffen vor gegen Eisdorf. Yorcks Preußen griffen an, die Russen Bergs folgten. Von neuem, abends 6 Uhr, entspann sich ein wütender Kampf. Erfolge konnten aber für die Verbündeten nicht mehr erzielt werden, die Franzosen waren zu stark. Um 7 Uhr schickte Napoleon 16 Bataillone der jungen Garde vor, um das von den Preußen erstürmte Caja wiederzunehmen. 60 Geschütze bereiteten den Angriff vor. Dahinter vereinte der Kaiser alle eintreffenden Kräfte zu einer neuen furchtbaren Sturmlinie. Caja und Rahna ging für die Verbündeten verloren. Görschen aber hielten die Preußen. Auch der Vizekönig Eugen hatte Erfolge und nahm Eisdorf und Kitzen. Jetzt endlich ließ Wittgenstein die russischen Garden vorrücken. Zu spät. Zu einem Gegenstoß war es zu dunkel. Sie konnten nur die Sammlung des Heeres schützen.

Blücher und Yorck erwarteten am nächsten Tage die Fortsetzung der Schlacht. König Friedrich Wilhelm III. erklärte sich damit einverstanden. Die russischen Munitionskolonnen waren aber nicht da. Deshalb beschlossen Kaiser Alexander von Rußland und seine Generale den Rückzug.

Vorzüglich hatten sich die Preußen geschlagen, der Sieg war fast erfochten. Allein Wittgensteins Zögern und der Mangel an Mut, etwas Entschiedenes zu wagen, verhinderte einen großen Erfolg und die Zaghaftigkeit der Russen verlangte den durchaus nicht notwendigen Rückzug. Damit hatte man die Schlacht als verloren anerkannt und der Sache der Verbündeten einen ganz gewaltigen moralischen Nachteil zugefügt. Der physische war auf seiten der Franzosen größer, denn diese hatten etwa 15 000 Mann verloren, die Verbündeten nur 10 000, nämlich 8000 Preußen und 2000 Russen.

Blücher hatte das Menschenmögliche getan, einen siegreichen Ausgang herbeizuführen, und, obschon er aus drei leichten Schußwunden blutete, in der Nacht noch einen Reiterangriff gemacht. So sehr ihn der unbefriedigende Ausgang erregte, so ließ er doch den Leuten nichts davon merken, sondern beruhigte sie tags darauf über den Rückmarsch, indem er ihnen eine Rede hielt, die schloß: »Det Pulver is alle; darum gehen wir zurück bet hinder de Elbe. Da kommen mehr Kameraden und bringen uns wedder Pulver un Blei; un denn gehn wir wedder drupp up de Franzosen, dat se de schwere Not kriegen! Wer nu sagt, dat wir retirieren, dat is en Hundsfot, en schlechter Kerl! Guten Morgen, Kinder!« Der Rede folgte allgemeines Jubelgeschrei.

Überaus schwer traf Preußen und Deutschland aber die Verwundung des Generals von Scharnhorst, eines der besten seiner Söhne. Ungeachtet seiner Wunde, die anfangs unbedenklich erschien, machte sich Scharnhorst, da er an einem Erfolg gegen Napoleon ohne Österreichs Beteiligung am Kriege verzweifelte, sogleich vom Schlachtfeld hinweg auf die Reise nach Wien, um dort für den Anschluß Österreichs zu wirken. Aber er mußte unterwegs liegen bleiben, seine Wunde verschlimmerte sich, und am 28. Juni erlag er in Prag einem vorzeitigen Tode, so daß er nicht mehr erleben durfte, wofür allein er seit Jahren dachte und wirkte: die Befreiung Preußens und Deutschlands!

Der noch in der Nacht angetretene Rückzug erfolgte in vorzüglicher Ordnung. Die Preußen marschierten über Meißen nach Großenhain, also in nördlicher Richtung, die Russen über Dresden nach Bautzen, d. h. östlich. Demgemäß teilte auch Napoleon seine Armee, ließ Ney den Preußen folgen und zog selbst hinter den Russen her, die ihm am 9. Mai, freilich vergebens, den Elbeübergang bei Dresden streitig machen wollten. Von nun an traten die Sachsen ganz auf seine Seite.

Die Verhältnisse bei den Verbündeten ließen viel zu wünschen übrig. Der Mut der Leute aber war durch die verlorene Schlacht von Groß-Görschen nicht gebrochen. Im Gegenteil! Offiziere und Mannschaften wollten die erlittene Scharte auswetzen. Allein bei den höchsten Stellen stimmte es nicht recht. Die Russen setzten die Preußen bei allen wichtigen Entscheidungen sehr zurück. Der Oberbefehl war kein einheitlicher. Man wußte nicht, führte ihn Wittgenstein wirklich oder sprach Kaiser Alexander immer hinein. Als nun der russische General Graf Barclay de Tolly, der im Range älter als Wittgenstein war, mit seinem Korps von Thorn her bei der Armee eintraf, ward das Schwanken noch größer. Jetzt ordneten Kaiser Alexander, Barclay und Wittgenstein an. Daß Preußens König und seine Generale sich trotzdem fügten, im Interesse des Ganzen sich von neuem mit den Russen vereinten und sogar ihre Hauptstadt Berlin einer Wiedereinnahme durch die Truppen des Marschalls Ney aussetzten, beweist ihre Bereitwilligkeit, der einen großen Sache des Vaterlands alle andern Rücksichten aufzuopfern.

Seit dem 12. Mai standen die Armeen der Verbündeten verstärkt durch die 12 000 Russen Barclays, dagegen geschwächt um das Korps Bülows, welches die Aufgabe hatte, den Marschall Ney in Schach zu halten, in einer vorbereiteten Stellung hinter der Spree bei Bautzen.

Napoleon tat noch nichts. Er wußte noch nicht, daß sich die Preußen mit den Russen wieder vereinigt hatten und meinte seinerseits, erstere durch den Marsch Neys um ihre Hauptstadt besorgt zu machen und auf diese Art von den Russen zu entfernen. Hätte man jetzt auf Blücher und Yorck gehört, und einen energischen Stoß auf die nur vier Korps starke Armee Napoleons ausgeführt – ein entscheidender Erfolg wäre sicher gewesen. Die Zaghaftigkeit des Kaisers Alexander und die Unentschlossenheit der russischen Generale versäumte aber die schöne Gelegenheit, man blieb untätig bis zum 19. Mai bei Bautzen liegen.

Unterdessen merkten Napoleon und Ney ihren Irrtum. Ersterer blieb, abgesehen von kleinen Vorposten-Gefechten, ruhig zwischen Bautzen und Dresden liegen und letzterer ließ von Bülow ab und eilte seinem Meister zur Unterstützung herbei.

Zu spät kam man nun im russischen Hauptquartier doch zur Überzeugung, daß etwas geschehen müsse. Am 18. Mai spät abends wurde daher General Graf Barclay mit zwei russischen Divisionen und dem Korps von Yorck, zusammen 25 000 Mann, dem Marschall Ney und seinen 60 000 Mann entgegengeschickt, um ihn aufzuhalten. Es gelang auch am 19. die französische Avantgarde zu überfallen und ihr 10 Kanonen und etwa 1000 Gefangene abzunehmen. Damit hatte man 2000 Mann verloren, die Stärke der Armee Neys erkannt; Barclay kehrte nach Bautzen zurück. Der Marschall aber beeilte sich erst recht, sich mit Napoleon zu vereinen.

Die Stellung der Verbündeten zog sich auf den hohen Spreeufern etwa eine halbe Meile hinter dem Fluß in einer Ausdehnung von 2½ Meilen entlang. An den Spreeübergängen waren Vortruppen unter dem russischen General Miloradowitsch und dem preußischen General von Kleist entwickelt. Die Gesamtstärke der Verbündeten betrug etwa 85 000 Mann. Gegen diese rückten am 20. Mai ungefähr 130 000 Franzosen unter dem Kaiser selbst und Marschall Ney an. Ersterer wollte an diesem Tage sich nur die Spreeübergänge sichern und seine Korps auf dem rechten Spreeufer entwickeln, während Ney von Norden her gegen den rechten Flügel und sogar den Rücken der russisch-preußischen Stellung anrückte. Während es den Marschällen Oudinot und Macdonald keine besondere Mühe machte, den Russen die Übergänge zu entreißen und das jenseitige Ufer nebst der Stadt Bautzen zu gewinnen, fanden die Korps Marmont und Bertrand einen unerwartet hartnäckigen Widerstand in der schwachen preußischen Division des Generals von Kleist. Nach einem bis abends 8 Uhr dauernden Kampfe mußten aber auch diese, beinahe schon in ihrem Rücken umgangen, auf die Hauptstellung zurückweichen. Der Tag schloß also damit, daß Napoleon den Übergang erzwungen hatte und Ney unterdessen herangerückt war. Jetzt wäre es für die Verbündeten am Platz gewesen zurückzumarschieren, um der drohenden Umfassung durch die feindliche Übermacht zu entgehen. Das wollte man nicht, um nicht die an und für sich schwankende Gunst des bis jetzt noch neutralen Österreichs ganz zu verlieren. Deshalb und aus Mangel an Initiative blieb man stehen.

Napoleon beschloß, am 21. Mai gegen den linken Flügel der Verbündeten Scheinangriffe zu unternehmen, mit dem Zentrum aber solange zurückzuhalten, bis das Einwirken des Marschalls Ney auf dem rechten feindlichen Flügel fühlbar würde.

Oudinot griff daher die links im Gebirg stehenden Russen des Generals Miloradowitsch energisch an und errang gegen sie starke Vorteile. General Fürst Wittgenstein hatte diesmal den Plan Napoleons durchschaut. »Ich gebe meinen Kopf,« sprach er zum Kaiser Alexander, »wenn dies nicht eine falsche Attacke ist. Napoleon will unsern rechten Flügel umgehen und uns nach Böhmen drücken.« Der Kaiser von Rußland glaubte ihm nicht und schickte starke Unterstützungen aus der Reserve nach links. Bald rächte sich dies empfindlich. Ney griff den rechten Flügel überlegen an und warf die Russen Barclays aus Gotta, Gleina, Malschwitz und sogar aus dem fast hinter dem Zentrum der Verbündeten gelegenen Dorfe Preititz. »Barclay, Blücher und sogar ein Teil der Truppen von Miloradowitsch werden abgeschnitten! Was tun? – Blücher muß helfen!«

Er tat es auch. Er schickte zuerst den Major von Alvensleben mit 3 Bataillonen, 2 Schwadronen und 4 Geschützen und dann den General von Kleist mit seiner aus nur noch 3000 Mann bestehenden Brigade dorthin. Wie brav, wie stolz, wie fast tollkühn drang diese Handvoll Preußen, besonders das Regiment Colberg und die Garde-Brigade Röder, gegen die 40 000 Mann Neys vor! Wie heldenmütig nahmen sie Preititz wieder! Jetzt griff aber Napoleon selbst das Zentrum der Verbündeten (Blücher, verstärkt durch Yorck) an. Da half die heroische Tapferkeit der Preußen nichts. Die Russen standen zu weit links oder ganz hinten, die Reserve war durch Kaiser Alexander an den falschen Platz gesendet, Ney griff mit seinen Massen nochmals Preititz übermächtig an, nun mußte man zurück, wollte man nicht der Übermacht erliegen, abgeschnitten und gefangen werden. Kaiser Alexander selbst sah dies ein und erteilte den Rückzugsbefehl. Bewundernswert führten die Preußen diesen Rückmarsch aus. Kein Geschütz, keine Fahne fiel in des Feindes Hand. Die Reiterei der Verbündeten verhütete jede Verfolgung der Franzosen, aber – die Schlacht war wiederum verloren.

Arg war's an diesem Tage mit dem alten Blücher zu tun zu haben; glücklich, wer heute nicht mehr Yorck in die Hände kam! Wer möchte den beiden heldenhaften Generalen auch ihren Ärger, man kann sagen ihre Wut über solch eine Führung verdenken! Sie waren aber nicht die einzigen, die zähneknirschend zurückzogen. Jeder Preuße fühlte wie sie.

»Das muß anders werden!« rief König Friedrich Wilhelm III., während er neben Kaiser Alexander zurückritt. »Wir bewegen uns nach Osten und wir wollen und müssen nach Westen.«

Die zweitägige Schlacht hatte den Verbündeten 18 000, den Franzosen 25 000 Mann gekostet.

Jetzt sah es mit der Sprengung des Rheinbundes und der Wiederaufrichtung von Deutschland erst recht schlecht aus. Und Österreich zögerte noch immer mit seinem Beitritt.

Die Verbündeten kamen am 26. Mai bei Haynau vor Liegnitz in Schlesien an. Den Oberbefehl hatte nunmehr Barclay erhalten. An diesem Tage war er nach Jauer zum Kaiser Alexander befohlen worden und Blücher mußte ihn daher vertreten. Sollte dieser die Gelegenheit, selbständig zu handeln, sich entgehen lassen? Wer dies glaubte, kannte den alten Blücher schlecht.

Major Rühle vom preußischen Generalstab hatte erkannt, daß sich die Gegend zwischen Haynau und Liegnitz ausgezeichnet zu einem Hinterhalt eigne und besprach dies mit Gneisenau und anderen Herren. Bald war der Plan fertig und Blücher vorgelegt. Und mit welcher Freude ging der alte Haudegen darauf ein! Er bewilligte 5800 Mann Infanterie, 4000 Reiter und 56 Geschütze und ließ den nächsten russischen General, Tschaplitz, zur Teilnahme auffordern. General von Zieten leitete das Ganze. Oberst von Mutius sollte den Gegner nach sich auf die Ebene locken; die Reiterei lag rechts im Hinterhalt.

Richtig gingen die Franzosen in die Falle. Ihre Division Maison wurde vollständig zersprengt. Die Reiterei der Obersten von Dolffs und von Mutius rannte nieder, was ihr in den Weg kam. 1 General, 2 Obersten, mehrere Offiziere und 400 Mann wurden den Franzosen als Gefangene abgenommen, 25 Offiziere und 400 Mann erschlagen und verwundet. Den Preußen kostete ihr Sieg 21 Offiziere und 229 Mann. Eine solche Zurückweisung der Division Maison lehrte die Franzosen auf weiteres Drängen zu verzichten. Dann zeigte dies Gefecht, was die preußische Reiterei, richtig verwendet, zu leisten imstande war; das hob ihre Zuversicht und stärkte das Vertrauen des ganzen preußischen Heeres.

Auch hatte Napoleon Achtung vor seinen Gegnern bekommen und erkannt, daß diese Preußen ganz andere waren als jene von 1806. Zudem trafen ungünstige Nachrichten von seit- und rückwärts ein. Marschall Oudinot, nach der Schlacht von Bautzen gegen Berlin entsendet, hatte sich bei Luckau von Bülow klopfen lassen und mußte nach einem Verluste von etwa 600 Mann auf die Ausführung seines Auftrages verzichten. Der preußische Rittmeister von Colomb und Major von Lützow mit seiner »Schwarzen Schar« machten im Rücken der französischen Armee überall Gefangene, nahmen Kuriere, Wagen, Zufuhren, Pferde etc. weg und der russische General Tschernitscheff zersprengte die westfälische Division Ochs und nahm ihr 10 Offiziere, 1000 Mann, 14 Kanonen, 60 Pulverwagen und 800 Trainpferde ab. Eine gründliche Erholung war für die großenteils aus jungen Truppen bestehende französische Armee noch viel notwendiger als für die Heere der Verbündeten, besonders wichtig erschien es Napoleon, daß er Zeit gewann, seine sehr mangelhafte Reiterei zu verstärken. Dazu bedachte der Kaiser die Aufregung der Völker gegen ihn, den Wiederzutritt Schwedens zu den Verbündeten, die Neigung Österreichs zum Beitritt, das mögliche Eingreifen Englands in Deutschland und die Agitation Ludwigs XVIII. gegen seinen Thron – kurz er bot zur nicht geringen Überraschung der Verbündeten einen Waffenstillstand an, der von diesen auch mit Freuden angenommen wurde. Er sollte vom 4. bis 20. Juni dauern und wurde später bis zum 16. August verlängert.

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