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Die Befreiungskriege 1813 bis 1815

Carl Tanera: Die Befreiungskriege 1813 bis 1815 - Kapitel 25
Quellenangabe
typetractate
authorCarl Tanera
titleDie Befreiungskriege 1813 bis 1815
publisherZweiter, unveränderter Abdruck Fünftes bis neuntes Tausend
printrunC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorK. Frhr. v. Lupin Oberstleutnant
year1913
illustratorErnst Zimmer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160616
projectid80a45084
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23.
Zum zweitenmal nach Paris. Der Friedensschluß von 1815.

Nach der Überwindung der kaiserlichen Armee bei Belle-Alliance standen die beiden verbündeten Feldherrn vor der Frage, ob sie zunächst eine Jagd auf die noch unter Marschall Grouchy in Belgien sich befindenden 37 000 Franzosen unternehmen oder sofort den Vormarsch gegen Paris antreten sollten. Bei Blücher und Gneisenau hieß es natürlich: »Nach Paris!«

Auch Wellington war zu dieser kühneren Entscheidung bereit. Allein er bedurfte einiger Ruhe, um seine am 18. Juni doch im Innersten erschütterte Armee nur einigermaßen wieder in Ordnung zu bringen und marschfähig zu machen.

Mit staunenswerter Umsicht hatte aber Gneisenau, um gar nichts zu versäumen, schon in der Nacht vom 18. zum 19. dem General von Pirch I. den Befehl erteilt, mit seinem Korps dem Marschall Grouchy den Weg zu verlegen, während das Korps von Thielmann demselben auf dem Fuße folgen sollte. So unterließ man nicht den Versuch, Grouchy abzuschneiden oder ihm wenigstens einen tüchtigen Denkzettel zu geben, ehe man sich nach der feindlichen Hauptstadt wendete.

Unterdessen konnten die Engländer und deren Verbündete die verlorene Ordnung wieder herstellen.

Marschall Grouchy war am 17. Juni abends noch in keiner Weise über den Verbleib der bei Ligny geschlagenen Preußen aufgeklärt. Erst am Vormittag des 18. entdeckte die Reiterei des Generals Exelmans etwa acht Kilometer vor Wawre preußische Infanterie. Damit war seit anderthalb Tagen die erste Spur der Verschwundenen wieder entdeckt. Der Marschall setzte nun seine Kräfte auf Wawre in Marsch.

Plötzlich erscholl von Belle-Alliance her ein starker Kanonendonner, dessen Heftigkeit von Stunde zu Stunde zunahm. »Das ist eine zweite Schlacht bei Wagram«, meinte Grouchy selbst. General Gérard und verschiedene andere Generale schlugen dem Marschall vor, auf den Kanonendonner loszumarschieren. Allein Grouchy bildete sich immer noch ein, nur einen Teil der preußischen Armee hier vor sich zu haben, während er den andern bei Namur wähnte. Ersteren wollte er dem ausdrücklichen Befehle des Kaisers gemäß angreifen und festhalten, damit er verhindert sei, die Verbündeten bei Mont St. Jean zu unterstützen.

Er ging also auf Wawre los. Hier stand das Korps von Thielmann, von welchem aber die Brigade von Borck irrtümlicherweise den übrigen gegen Belle-Alliance marschierenden Truppen gefolgt war. Deshalb hatte der preußische General nur 15 200 Mann zur Verfügung. Diese besetzten die Stadt Wawre sowie die Übergänge über die Dyle und wiesen in sehr hartnäckigen, von vier Uhr bis nach neun Uhr abends dauernden Kämpfen alle Angriffe der Franzosen ab.

Leider war es übersehen worden, den Dyle-Übergang Limale südwestlich von Wawre zu zerstören. Diesen nahm noch am späten Abend die französische Reiterei des Generals Pajol durch Überraschung. Kurz vorher war bei Grouchy der um ein Uhr mittags ausgefertigte Befehl Napoleons, sich an die Hauptarmee anzuschließen, eingetroffen. Deshalb zog er sich mit all seinen Kräften nach Limal, überschritt die Dyle und biwakierte dort, da es zu spät war, noch weitere Unternehmungen zu versuchen.

Die Preußen Thielmanns blieben in ihren Stellungen um Wawre. Es hatte am 18. Juni sich also Grouchy durch Hin- und Hermärsche zum Aufsuchen der Preußen und dann durch den hartnäckigen Widerstand derselben bei Wawre hinhalten und dadurch verhindern lassen, seinem bedrängten Kaiser zu Hilfe zu eilen. Am Abend dieses Tages stand er nur elf Kilometer von Belle-Alliance entfernt. Einige Stunden früher wäre seine Armeeabteilung bedeutend in die Wagschale gefallen.

In der Nacht und am frühen Morgen des 19. Juni hatten weder Grouchy noch Thielmann Nachrichten über den Ausgang der Schlacht bei Belle-Alliance erhalten.

Ersterer glaubte Blücher mit seiner ganzen Armee vor sich zu haben und beschloß ihn anzugreifen, um ihn zu verhindern, sich gegen den Kaiser zu wenden. Letzterer schloß aus verschiedenen Anzeichen auf einen Sieg der Verbündeten gegen Napoleon und beschloß daher auch anzugreifen. Es entstand daraus ein sehr hitziges Gefecht, in welchem nach einigen Stunden die Preußen der Übermacht der Franzosen weichen mußten.

Da erhielt Thielmann die genauen Nachrichten über den großartigen Erfolg von Belle-Alliance. Im Nu verbreitete sich diese Kunde bei seinen Truppen und begeisterte dieselben zu neuem Vorgehen. Aber auch Grouchy erfuhr die ernste Botschaft und vollführte seinen Rückzug äußerst geschickt. Eine stehen gelassene Nachhut täuschte Thielmanns Preußen so, daß dieselben erst am 20. früh den Abzug ihres Gegners entdeckten und dann zu weit zurückstanden, um entschieden verfolgen zu können. Der Verlust auf beiden Seiten in den Kämpfen um Wawre betrug etwa 2500 Mann.

Unterdessen ward das Korps von Pirch I. entsendet, um Grouchy, der sich auf Namur zurückzog, abzuschneiden. Der General hielt aber seine Truppen für zu ermüdet, um noch viel zu unternehmen und ließ sie bei Mellery biwakieren. Grouchy zog unbemerkt etwa zehn Kilometer vor dem preußischen Biwak vorbei und erreichte am 19. abends und in der Nacht zum 20. Juni Namur. Als am 20. General von Pirch I. die Stadt Namur angriff, fand er einen so heftigen Widerstand, daß sein Korps einen Verlust von 1500 Mann erlitt und die Franzosen abziehen konnten. Die Vernichtung der Truppen Grouchys war also mißglückt, denn letzterer rettete immer noch 27 000 bis 28 000 Mann, mit denen er nun in Gewaltmärschen Paris zueilte.

Damit war der kurze, nur sechs Tage dauernde, aber so schwere und an Taten und Entscheidungen so reiche Feldzug in Belgien beendet.

Mit der Flucht Napoleons hatte sich sein Geschick erfüllt. Der Mann, dessen Siege jene des großen Römers Cäsar übertreffen, wurde als Friedenspreis dahingegeben. Die Franzosen von 1815 waren eben keine Römer, sie waren selbst zu friedensbedürftig.

Am 20. Juni abends verließ Napoleon die in Laon zusammenströmenden Reste seiner Armee und eilte nach Paris. Am 21. morgens traf er dort ein, erkannte schnell, daß er von der Deputiertenkammer und vom Volke verlassen sei, gab alle Hoffnung zur Wendung seiner Lage auf und dankte am 22. Juni 1815 zugunsten seines Sohnes Napoleon II. ab.

Die provisorische Regierung trat sofort mit den feindlichen Feldherrn wegen eines Waffenstillstandes und mit den Monarchen wegen des Friedens in Unterhandlungen.

Ehe man im Hauptquartier Blüchers und Wellingtons etwas von diesen Ereignissen wußte, hatten aber beide den Marsch auf Paris auch schon begonnen. Sie wollten mitten durch die feindlichen Festungen durchstoßen, Soissons und Laon, die wahrscheinlichen Sammelplätze der französischen Armee umgehen und nur möglichst schnell die feindliche Hauptstadt erreichen.

Länger als einen Tag duldete der rastlos tätige Blücher keine Ruhe seiner nicht gegen Grouchy verwendeten Korps. Schon am 20. Juni brach er mit den Korps von Bülow und von Zieten auf und überschritt noch an diesem Tage die französische Grenze. Mochten die Engländer sehen, daß sie, »wenn ihre Disziplin hergestellt sei«, nachkämen! Der alte Marschall war in bester Laune. Seine Schmerzen, überhaupt seinen Sturz, hatte er in der Freude seines Herzens ganz vergessen. Unermüdlich ritt er bei den Vortruppen herum und erkundete die Gegend. Was er fand und sah, verriet die allgemeine Verzagtheit der Franzosen. Also weiter, immer weiter bis nach Paris! Wellington ließ er zu gleicher Eile auffordern. So schnell ging es freilich, besonders bei den englischen Truppen der Verbündeten, nicht. Allein ihr Feldherr erklärte sich doch mit den Vorschlägen Blüchers einverstanden und versprach zu folgen.

Am 23. Juni mußte der ungeduldige Blücher einen Tag warten, um die Verbündeten doch etwas näher herankommen zu lassen. Trotzdem erreichte er am 25. die Gegend von La Fère und wurde hier durch Boten einer aus Paris angelangten, um Waffenstillstand bittenden Kommission überrascht. Er beauftragte den Grafen Nostitz, mit der »Gesellschaft« zu verhandeln, hatte demselben aber sein Verlangen genau mitgeteilt. Nostitz ritt nach Laon und traf dort Lafayette mit vier anderen Parisern. Diese Kommission verhielt sich anfangs ziemlich hochmütig. Sie war eigentlich nur gekommen, um zu erklären, daß Napoleon abgedankt habe, um sich gegen eine Wiedereinsetzung der Bourbons durch die Verbündeten zu verwahren, und endlich um einen Waffenstillstand vorzuschlagen. Geradezu erstarrte Gesichter machten diese Herrn, als sich Nostitz auf keinerlei politische Abmachungen einließ, dagegen aber die Waffenstillstandsbedingungen Blüchers bekannt gab.

Dieselben lauteten:

1. Auslieferung Napoleons (tot oder lebendig).

2. Übergabe der Stadt Paris.

3. Übergabe sämtlicher Festungen an der Maas, Mosel und Sambre nebst den festen Plätzen Laon, Soissons und la Fère.

4. Ablieferung sämtlicher, den verschiedenen Nationen geraubter und in Paris befindlicher Kunstschätze.

Auf diesen Grundlagen war nichts abzumachen. Die Mitglieder der Kommission erbaten und erhielten nun Pässe, um zu den Monarchen zu reisen, und Blücher und seine Armee marschierten munter weiter gegen Paris.

Unterdessen hatte man erfahren, daß der Marschall Soult etwa 30 000 Mann der Armee von Belle-Alliance gesammelt, nach der Abdankung Napoleons aber den Befehl an Grouchy übergeben habe. Diesem wollte man noch einen tüchtigen Schlag versetzen, und deshalb befahl Blücher für den 26. Juni ein allgemeines angestrengtes Vormarschieren seiner Korps. Es gelang auch wirklich, die französische Nachhut zu erreichen und in ein Gefecht zu verwickeln. Allein der Vorsprung des Feindes war so groß, daß man keinen bedeutenden Erfolg mehr erzielte. Auch die Stöße auf Compiègne, Crespy, Creil und Senlis waren nicht von Bedeutung, die Franzosen entkamen nach Paris. Schlimmer erging es einer vom General Reille befehligten Kolonne. In dieselbe stieß bei Villers-Cotterets die Division des Generals von Pirch II. und setzte ihr arg zu. Dennoch gelang es auch diesen Franzosen, sich über Nanteuil zu retten. Am stärksten wurde die aus Garden und den Resten des Korps von Lobau gebildete Kolonne mitgenommen. Aber auch sie entkam schließlich durch außerordentliche Märsche (127 Kilometer in dreißig Stunden) den Händen der Preußen. Letztere hatten am 27. und 28. Juni 4000 Gefangene gemacht und 16 Kanonen erbeutet.

Solche Erfolge waren nur durch Gewaltmärsche möglich geworden. Blücher ließ fortwährend Wellington auffordern nachzukommen, aber es war rein unmöglich.

»Dringen Sie nicht darauf,« äußerte letzterer gegen den preußischen General von Müffling, »denn ich sage Ihnen, es geht nicht. Würden Sie die englische Armee genauer in ihrer Zusammensetzung und in ihren Gewohnheiten kennen, so würden Sie das mit mir sagen. Ich kann mich nicht von meinen Zelten und meiner Verpflegung trennen. Meine Leute müssen im Lager zusammengehalten und gut verpflegt werden, damit die Zucht und die Disziplin erhalten wird. Es ist besser, daß ich zwei Tage später in Paris ankomme, als daß der Gehorsam locker wird.«

Blücher ließ sich in seinem Siegeszug dadurch nicht aufhalten. Er war überzeugt, daß ein schnelles, wenn auch kühnes Vordringen die Mutlosigkeit und Unentschiedenheit in Paris und in ganz Frankreich nur erhöhen würde, und war ganz der richtige Mann, es auszuführen. Es zeigte sich auch, wie gut er die Lage beurteilt hatte. In Paris, wo Napoleons gewissen- und charakterloser Polizeiminister Fouché die Regierung dem König Ludwig XVIII. in die Hände spielen wollte und daher zu keinem ferneren Widerstand mehr geneigt war, riefen die Nachrichten über das blitzartige Vordringen der Preußen eine von Tag zu Tag düsterere Stimmung hervor. Immerhin waren jetzt etwa 100 000 bewaffnete Männer, von denen 70 000 als Ausfallarmee verwendet werden konnten, in der Hauptstadt versammelt. Diese Truppen, die sich von Ludwig XVIII. nichts Gutes zu versehen hatten, nachdem sie ihm die Treue gebrochen hatten, verlangten für Napoleon II. in den Kampf geführt zu werden. Napoleon I., so hatte er sich in Malmaison, wo er seit seiner Abdankung weilte, selbst unterzeichnet, erbot sich, sie als Obergeneral zu führen. Alles dieses hintertrieb Fouché, um Paris und Frankreich wieder dem König auszuliefern.

Diese unklaren Verhältnisse kamen Blücher und seinen Preußen sehr zugute. Unter anderen Umständen wäre der Marsch mit nur 60 000 Mann gegen die Stadt von 700 000 Einwohnern mit 100 000 Mann Besatzung doch sehr gewagt gewesen. Allein der alte Marschall und sein Generalstabschef beurteilten eben die Lage richtig und – »wer wagt, gewinnt«. Sie drangen auch ohne die Engländer weiter und kamen am 29. Juni, nur elf Tage nach der Schlacht von Belle-Alliance, vor Paris an. Wiederholt hatte Blücher mehrere erneute Waffenstillstandsvorschläge abgewiesen. Er wollte in der feindlichen Hauptstadt den Frieden diktieren. Von »Paktieren« war bei ihm keine Rede.

Es ist notwendig, sich nunmehr nach den anderen Verbündeten und deren Armeen umzusehen.

Am 10. Juni hatte man den Kongreß zu Wien geschlossen.

Von den Truppen war die Armee des Fürsten Wrede zuerst marschbereit. Am 24. Juni begann dieselbe als erste Staffel den Marsch in das Elsaß. Diese »Eröffnung des Krieges« ließ der Fürst dem Feldmarschall Blücher einige Tage vorher mitteilen. Das Schreiben kreuzte sich mit einem Briefe des alten Marschalls »Vorwärts«, in dem es kurz hieß: »Bonapartes Armee ist zertrümmert, der Krieg beendet, wir werden in wenigen Tagen in Paris sein.«

Die gleiche Nachricht brachte auch in den Hauptquartieren der Österreicher und Russen solche Aufregung hervor, daß Metternich sie anfangs gar nicht glauben wollte. Aber es war eben doch so, trotzdem oder vielleicht weil keiner der »Diplomatiker« die Hand im Spiele gehabt. Nun kam größere Regsamkeit in das oberrheinische Heer. Man überschritt am 22., 23. und 24. Juni den Rhein und drang im Elsaß vor. Der französische General Rapp wehrte sich in einigen Gefechten mannhaft, aber er mußte vor solcher Übermacht weichen. Als Napoleon schon abgedankt hatte, standen also die 250 000 Mann Schwarzenbergs noch in der Nähe des Rheins.

Die österreichische Armee in Oberitalien unter dem General der Kavallerie Frimont, 60 000 Mann stark, drang unter verschiedenen Kämpfen gegen den Marschall Suchet über Genf und die Jurapässe in Frankreich ein.

150 000 Russen unter Barclay de Tolly rückten anfangs Juli gegen Nancy vor.

Während also die Hauptarmeen der verbündeten Monarchen sich noch an den Grenzen Frankreichs befanden, standen die Truppen Blüchers und Wellingtons vor und bald darauf in Paris.

Hier hatte man den Marschall Davoust überredet, die Verteidigung der Hauptstadt zu leiten.

Ney, noch so außerordentlich tapfer bei Belle-Alliance, war dadurch unmöglich geworden, daß er sich eigenmächtig von der Armee trennte, in vollster Verzweiflung nach Paris floh und dort in der Kammer jeden weiteren Widerstand als vergeblich bezeichnete.

Davoust verteilte nun die neu verstärkten und dadurch wieder kampffähig gemachten Korps von Reille, Lobau, d'Erlon und die Garden auf dem rechten Seineufer und ließ sie die auf der Anmarschlinie der Preußen liegenden Befestigungen besetzen. Auf das linke fast nicht befestigte Seineufer legte er das Korps von Vandamme.

Am 29. Juni nach einem sehr weiten und ermüdenden Marsche kamen die Preußen vor dem von den Franzosen sehr stark besetzten nordöstlichen Teile von Paris an. Trotz der durchgemachten Anstrengungen befahl der jugendfrische Blücher einen Angriff auf die feindlichen Befestigungen. Die Korps von Bülow und Zieten stürmten los. Das Dorf Aubervilliers wurde erobert und in demselben machten die Schlesier und Neumärker des Obersten von Lettow zweihundert Gefangene. Allein man erkannte die starke feindliche Befestigungslinie hinter dem Orte und sah ein, daß ein Sturm auf dieselbe gegen eine voraussichtlich ziemlich große Übermacht ganz aussichtslos sei. Da überdies die Schanzen mit einer Masse von schwerem Geschütz ausgerüstet waren, so erschien ein Angriff auf dieser Seite überhaupt mehr als zweifelhaft.

Der alte Blücher grämte sich hierüber nicht lange. Er beschloß, mit seiner Armee in einem kühnen Flankenmarsche nördlich und westlich um Paris herum zu marschieren, die Seine bei St. Germain zu überschreiten und die Hauptstadt an ihrer schwächsten Stelle, von Süden her anzugreifen. Außer dem brennenden Wunsche, Paris vor Ankunft der Monarchen und ihrer Heere zu erobern, bestimmte den alten Blücher aber noch ein Gedanke zu diesem fast tollkühnen Zuge. Er wußte Napoleon in Malmaison bei St. Cloud. Diesen wollte er in seine Hand bekommen, um ihn auf Grund der Achterklärung durch die Monarchen und den Wiener Kongreß eben da, wo einst der Herzog von Enghien auf Napoleons Befehl sterben mußte, erschießen zu lassen. Blüchers und Gneisenaus Haß gegen den französischen Kaiser, der Preußen sechs Jahre lang mit Füßen getreten und ihrem Lande das » vae victis« mit einer in der Geschichte kaum erhörten Grausamkeit hatte fühlen lassen, der so manchen der edelsten Patrioten Deutschlands erbarmungslos hatte bluten lassen, war wohl verzeihlich, trotzdem ist es gut, daß die Tat nicht zur Ausführung kam.

Der alte Marschall hoffte den gehaßten Gegner in seinem Zufluchtsorte überraschen und aufheben lassen zu können. Schon in der Nacht vom 28. zum 29. Juni hatte er seinen Neffen, den sehr unternehmenden Major von Colomb, über Argenteuil entsendet, um bei Besons die Seine zu überschreiten und den »Kerl von Bonaparte« zu fangen. Zum Glücke aber war die dortige Brücke gesprengt, so daß Colomb mit seinen Husaren über St. Germain reiten mußte und einige Stunden zu spät kam. Napoleon war kurz vorher nach Rochefort abgereist, um sich hier nach Amerika einzuschiffen und damit blieb eine Tat ungeschehen, die, wie man sie auch immer entschuldbar finden mochte, doch vielleicht auf den glänzenden Namen des Marschalls Vorwärts einen Makel geworfen hätte.

Mit rastloser Tatkraft betrieb Blücher seinen Flankenmarsch; Wellington war mit dem Plan, Paris von Süden anzugreifen, einverstanden und versprach, das einstweilen als Schleier stehen bleibende Korps von Bülow baldmöglichst ablösen zu lassen. Am 30. Juni brach Blücher mit dem Korps von Thielmann auf, in der Nacht zum 1. Juli und an diesem Tage folgten die Korps von Zieten und Bülow. Voraus eilte die Kavalleriebrigade des Oberstleutnants von Sohr.

Unbelästigt vom Feinde vollzog sich der beispiellos kühne Marsch, und schon am 1. Juli abends stand Blücher mit zwei seiner Armeekorps auf dem linken Seineufer.

Das war keine geringe Überraschung, als die Nachrichten davon in Paris eintrafen. Man ließ nun zuerst den General Exelmann mit acht Reiterregimentern und zwei Infanteriebataillonen los, um die Husaren Sohrs abzufangen. Es gelang dieser Masse wirklich, den preußischen Reitern sehr schwere Verluste beizubringen. Von 650 Mann retteten sich kaum 200. Allein auf den Gang der Ereignisse hatte dies gar keinen Einfluß.

Auf dem linken Ufer der Seine standen 40 000 Franzosen unter Vandamme. Sie konnten von der Stadt aus rasch auf 70 000 verstärkt werden. Davoust wollte damit auch eine Schlacht schlagen und versprach sichern Sieg, wenn er nicht in zwei Stunden erschossen sei. Allein der Verräter Fouché hintertrieb jeden Widerstand. Daher wurde Vandamme sich selbst überlassen. Als nun die Franzosen nicht angriffen, hatte Blücher am 2. Juli die ganz außerordentliche Dreistigkeit, seinerseits in dem unübersehbaren und äußerst schwer für Truppenmassen gangbaren Gelände zwischen Versailles, St. Cloud und Paris angreifen zu lassen.

Auf seine Preußen schien die Verwegenheit des alten Marschalls einen geradezu zauberhaften Eindruck auszuüben. Mit unübertrefflicher Tapferkeit warf die Brigade Steinmetz den überlegenen Gegner auf Sevres zurück und stürmte mit Hurra das Dorf Molineaux und eroberte das Schloß Meudon. Nun setzte sich das ganze Korps von Zieten gegenüber Issy fest. Aus diesem Dorfe drang abends sieben Uhr der Feind nochmals vor, um Molineaux wieder zu nehmen. Er wurde aber mit so blutigen Köpfen abgewiesen, daß er an diesem Tage keinen Versuch mehr unternahm.

Am nächsten Morgen, am 3. Juli früh drei Uhr, rückte General Vandamme mit sehr starken Angriffskolonnen vor und überfiel die bei Issy stehenden neun Bataillone des Generals von Steinmetz. Die verhältnismäßig sehr wenig zahlreichen Preußen wehrten sich mit einer Entschlossenheit und Tapferkeit, daß der feindliche Angriff vollständig mißlang.

Nun setzte Vandamme mit stärkeren Massen zu einem zweiten an. Wieder entstand ein hartnäckiges, für beide Teile verlustreiches Gefecht, in dem schließlich die Franzosen zurückgeworfen wurden. Zahlreiche Pariser waren aus der Stadt herausgeströmt, um den Kampf zu beobachten. Sie konnten nun selbst die Niederlage ihrer Truppen, bei denen sich auch kaiserliche Garden befunden hatten, mit ansehen.

General von Zieten, dessen Korps allein diesen letzten großen Erfolg errungen, befürchtete einen nochmaligen feindlichen Sturm und bat um Verstärkungen. Es war nicht mehr nötig, denn früh sieben Uhr, nach vierstündigem Kampfe hörte plötzlich das Feuer der Franzosen ganz auf, und es kam der französische General Revest zu den Preußen gesprengt, um die Übergabe von Paris anzubieten und einen Waffenstillstand zu erbitten.

Der kleinen preußischen Armee war es gelungen, Paris, die gewaltige Stadt von 700 000 Einwohnern, mit einer Besatzung von 100 000 Mann, mit überreichem Kriegsmaterial zur Übergabe zu zwingen. Es läßt sich ja nicht leugnen, daß die Verworrenheit der Zustände, der Mangel einer einheitlichen Leitung und die verräterische, nur auf eine Wiedererrichtung des Thrones der gehaßten Bourbons zielende Handlungsweise Fouchés sehr viel zu dem überraschenden großartigen Erfolge mit beitrug. Allein wäre eben Blücher nicht so blitzartig und verwegen vorgegangen, so hätten die besonneneren Elemente der Pariser Regierung und Bevölkerung Zeit gefunden, sich die Sachlage genauer zu überlegen und energischere Maßregeln zu ergreifen. Dies hätte den Krieg vielleicht noch Monate in die Länge gezogen. Nun aber war er zu Ende.

Der Waffenstillstand zwischen den Armeen Blüchers und Wellingtons einerseits, der Pariser Besatzung anderseits trat sofort in Kraft. Demselben zufolge mußte die französische Armee innerhalb drei Tagen Paris geräumt und den Marsch an die Loire angetreten haben. Am 4. und 5. Juli mußten die Vorstädte, am 6. Juli die Barrieren von Paris selbst übergeben sein. Diese Abmachungen wurden in St. Cloud in Gegenwart Blüchers, und zwar auf sein ausdrückliches Verlangen in deutscher Sprache, geführt. Als die Unterhändler bei den einzelnen Bedingungen Anstände erhoben, sprang der greise Marschall zornig von seinem Stuhle auf, wo er wie immer seine Pfeife rauchend gesessen, und donnerte ihnen zu: »Entweder genehmigt ihr meine Bedingungen auf der Stelle oder die Feindseligkeiten gehen sofort wieder los.« Darauf fügten sie sich. Nur einer derselben meinte: »Aber, Hoheit, könnte Paris nicht wenigstens mit Einquartierung verschont werden?«

»Warum nicht gar! Die Franzosen haben sich's jahrelang in Berlin wohl sein lassen. Es soll keiner meiner Preußen heimkehren, ohne sagen zu können, daß ihn die Pariser gut bewirtet haben, Gott straf mir!«

» Mais Monseigneur –«

»Millionen Kreuzdonnerwetter! Punktum!«

Damit war die Unterhandlung aus, der Vertrag wurde aufgesetzt, Blücher, Wellington und Davoust unterschrieben ihn und am 7. Juli vormittags zogen die Preußen, die Reiterei mit gezogenen Säbeln, die Artillerie mit brennenden Lunten, Blücher gleich hinter der Spitze, in Paris ein. Der alte Kriegsheld wollte nun den übermütigen Franzosen zeigen, daß sie die Besiegten seien und diesmal nicht mit so zarter Hand wie das Jahr vorher angefaßt würden. Zuerst ließ er die unter Leitung Fouchés zusammengetretene Exekutiv-Kommission einfach auseinanderjagen. Dann legte er der Stadt eine Kontribution von 100 Millionen Franks auf. Hierauf ordnete er die Auslieferung aller geraubten Schätze an und ließ sich in seinem Grimme sogar hinreißen, die Sprengung des pont de Jena zu befehlen. Darob war man natürlicherweise nicht nur bei den Franzosen, sondern auch bei den Verbündeten sehr erregt. Auch der preußische Gesandte, Graf von der Goltz, legte im Namen des Ministers Talleyrand eine Fürbitte für die Brücke bei Blücher ein. Als Antwort schrieb ihm letzterer: »Ich habe beschloßen, dass Die brükke gesprenkt wehrden soll und kan Ew. hoch Wohlgebohren nich verhählen, dass Es mich recht lib seyn wird wenn Sich der Mußje Talleran vorher drufsetzt, Welches ich Ew. hochgebohren Bitte ihm wissen zu laßen.« Als Gneisenau den Herzog von Wellington frug, wie er sich verhalten würde, wenn die Brücke den Namen einer englischen Niederlage trüge, da schwieg er. Übrigens meinte selbst Bülow, man könne ja die Inschriften, welche die Arroganz Napoleons auf die Brücke geschrieben, vernichten, das Werk aber solle man stehen lassen. Blücher kümmerte sich um nichts und befahl die Sprengung. Der erste Versuch dazu mißlang, der folgende aber unterblieb, da unterdessen die verbündeten Monarchen in Paris eingezogen waren und die Sprengung untersagten.

Hinter den siegreichen Preußen kamen auch die englischen Truppen nach und nach an. Am 8. Juli hielt der König Ludwig XVIII., der inzwischen in Gent den Verlauf der Dinge abgewartet hatte, seinen Einzug in Paris. Sein Weg führte durch die preußischen Bajonette und geladenen Geschütze zu den Tuilerien. An der Barriere St. Denis empfing ihn der Seine-Präfekt und begann seine Anrede mit den Worten: »Hundert Tage sind verflossen.« Die Regierung der »Hundert Tage Napoleons« war vorüber. Frankreich gehorchte wieder den Bourbons.

Und der Besiegte von Belle-Alliance?

Mit knapper Not den preußischen Husaren Colombs entkommen, setzte er seine Reise nach Rochefort ohne Aufenthalt fort. Überall, sogar in der früher so legitimistischen Vendée, fand er große, selbst begeisterte Teilnahme. Im Hafen von Rochefort standen die Kriegsschiffe Saale und Medusa. Sie wollten ihn nach Amerika bringen. Es fehlten aber noch die von Fouché zu erteilenden Befehle und Geleitscheine der provisorischen Regierung.

Fliehen wollte Napoleon nicht, sondern öffentlich mit Ehren abreisen. Er wies auch das Anerbieten des dänischen Kapitäns Besson, ihn heimlich aber sicher nach Amerika zu bringen, ab. Fouché verzögerte absichtlich die Sendung der Geleitscheine. Unterdessen erschienen englische Kreuzer und sperrten den Hafen ab. Die französischen Kriegsschiffe wollten kämpfend dem Kaiser den Weg bahnen. Er lehnte auch dieses ab. Als alle Aussichten erloschen waren, auf eine seiner würdige Weise nach Amerika reisen zu können, beschloß der Kaiser, sich selbst seinen erbittertsten Feinden, den Engländern, auszuliefern. Am 15. Juli begab er sich freiwillig an Bord des englischen Kriegsschiffes Bellerophon. Als ihm der ihn bisher als Schutz im Namen der französischen Regierung begleitende General Becker in das Überfahrtsboot folgen wollte, bemerkte er: »Gehen Sie nicht weiter mit, General! Ich will nicht, daß man sagen könne, Frankreich habe mich an seine Feinde überliefert.«

Der Kaiser bestieg das Schiff; der englische Kapitän Maitland forderte ihm den Degen ab. Dann brachte ihn England auf die einsame Insel im Atlantischen Ozean, auf St. Helena, wo er, in Begleitung einiger Freunde, unter der strengen Obhut des englischen Gouverneurs Sir Hudson Love noch sechs Jahre lebte, bis ihn am 5. Mai 1821 der Tod am Magenkrebs den Quälereien der englischen Gefangenenwärter entzog. Im Jahre 1840 wurde die Asche dieses größten aller Franzosen nach Paris zurückgebracht und im Invalidendom beigesetzt.

In Paris waren schon am 10. Juli die ihren Armeen vorausgeeilten drei verbündeten Monarchen eingetroffen und hatten mit ihrem zahlreichen Gefolge einen feierlichen Einzug gehalten. Die Truppen kamen in Friedensmärschen nach, und bald standen über 600 000 Feinde auf französischem Boden. Das Land mußte alle erhalten. Außerdem wurde ihm durch die Friedensverhandlungen die Zahlung einer Kriegskosten-Entschädigung von 700 Millionen Franks auferlegt und deren rechtzeitige Ablieferung durch eine noch fünf Jahre in Frankreich verbleibende Okkupationsarmee gesichert.

Der Friedensschluß von 1814 erfuhr noch außerdem dadurch eine kleine Korrektur, daß Frankreich die Grenzerweiterung wieder entzogen wurde, die ihm jener bewilligt hatte; dadurch kamen Saarlouis und Saarbrücken an Preußen, Landau an Bayern, das Viereck südlich der Linie Maubeuge-Givet an Belgien, der östliche Teil des Landes Gex an Genf, ein Teil von Savoyen an Piemont. Von der Rückgabe von Elsaß-Lothringen, welche Gneisenau und Preußens Minister, Graf Hardenberg, bei den Verhandlungen über die Grenzfrage angeregt hatten, wollten aber die verbündeten Mächte, Rußland, England und Österreich, nichts wissen. Der neugeschaffene deutsche Bund hatte eben in Österreich ein Haupt erhalten, dem eine wirklich deutsche Politik etwas Fremdes war, und damit war diesem Bunde sein Schicksal gesprochen!

So wenig aber Deutschland durch die aus diesem Kampfe hervorgegangene Neuordnung auf die Dauer sich befriedigt fühlen konnte, ebensowenig war dies für Frankreich der Fall.

Das Hauptergebnis des Friedensschlusses war in dieser Hinsicht, daß den Franzosen wieder die Herrschaft der nahezu unmöglich gewordenen Bourbons aufgezwungen wurde. Letztere zeigten sich bald in ihrer wahren Gestalt, indem sie in wahnsinniger Wut gegen die Anhänger Napoleons vorgingen, z. B. den Marschall Ney, den Oberst de la Bedoyère, die beiden Generale Faucher usw. erschießen, die blutigen Überfälle auf die Protestanten besonders in Nîmes fast ohne jeden hemmenden Schritt geschehen ließen usw. So gab denn ihre Wiedereinsetzung Frankreich mit nichten die Ruhe, und die neue Ordnung trug auch nach dieser Seite hin nicht die Gewähr der Dauer in sich.

Mit dem Eintreffen der Monarchen und der Diplomaten trat die Heldengestalt des eigentlichen Siegers von 1815, des greisen Feldmarschalls Fürst Blücher, wieder in gleicher Weise in den Hintergrund wie 1814. Er zog sich selbst zurück, da ihm die Luft der Hofkreise keineswegs zusagte, brachte die Tage und den größten Teil der Nächte wieder im Palais royal zu und war froh, als er endlich im Oktober die Heimreise antreten konnte. Kurz vor seinem Abschiede hat er auf einem ihm zu Ehren von Wellington gegebenen Feste einen Trinkspruch ausgebracht und dabei gesagt: » Mögen die Federn der Diplomaten nicht verderben, was die Schwerter der Soldaten so mühsam erworben haben

Blüchers Wunsch und Mahnung ging nicht in Erfüllung; der Friede von 1815 war wie der von 1814 nach seiner Meinung »ein elendes Machwerk«. Österreich, das im Krieg am wenigsten geleistet, zog weitaus den Löwenteil, das kleine Preußen, ohne dessen unvergleichliches Heer der Sieg über Napoleon I. niemals errungen worden wäre, wurde beim Friedensschluß von den Mächten mit vornehmer Geringschätzung behandelt, Deutschland blieb ein geographischer Begriff und das deutsche Volk schien verurteilt, auf die ersehnte nationale Einigung und eine seiner geistigen und kulturellen Bedeutung sowie seiner geschichtlichen Vergangenheit entsprechende Machtstellung im Rate der Völker auf ewig verzichten zu müssen.

Doch es sollte anders kommen. Das Werk der Befreiungskriege wurde wieder aufgenommen in dem Krieg der Jahre 1866 und 1870/71, der uns nicht nur Elsaß-Lothringen zurückbrachte, sondern auch ein mächtiges Deutsches Reich aufrichtete. Wozu die Befreiungskriege den Grund legten, das wurde in unseren Tagen herrlicher vollendet, als es sich die Zeitgenossen der Jahre 1813 bis 1815 träumen ließen und zwar durch einen Mitkämpfer jener Tage, den Sohn König Friedrich Wilhelms III., durch Kaiser

Wilhelm I. den Siegreichen
und seine Palladine,
sowie das tapfere deutsche Heer.

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