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Die Befreiungskriege 1813 bis 1815

Carl Tanera: Die Befreiungskriege 1813 bis 1815 - Kapitel 24
Quellenangabe
typetractate
authorCarl Tanera
titleDie Befreiungskriege 1813 bis 1815
publisherZweiter, unveränderter Abdruck Fünftes bis neuntes Tausend
printrunC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorK. Frhr. v. Lupin Oberstleutnant
year1913
illustratorErnst Zimmer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160616
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22.
Das Eingreifen der Preußen bei Belle-Alliance. Die Verfolgung.

Während die kaiserliche Armee sich vergeblich abmühte, die zähe Verteidigung der Verbündeten zu überwältigen, hatten Blüchers Preußen außerordentliche Anstrengungen gemacht, ihren Bundesgenossen Hilfe zu bringen. Die Nacht im Biwak um Wawre war wirklich nicht dazu angetan gewesen, den Truppen große Erholung nach dem Rückzuge von Ligny zu gewähren. Im strömenden Regen, ohne Strohunterlage auf freiem Felde, noch dazu auf Ackerboden, schläft es sich ganz erbärmlich. Dazu kam, daß die Verpflegung äußerst bescheiden ausfiel, denn das Land bot wenig und die Lebensmittelwagen fuhren, niemand wußte wo, im Lande herum. Dagegen waren die Munitionskolonnen angekommen und jeder Mann hatte sich reichlich mit Patronen versehen.

Trotz des Mangels an Ruhe und Nahrung befahl Blücher, daß das Korps von Bülow bei Tagesanbruch aufbrechen, die Korps von Pirch I. und Zieten unmittelbar folgen und nur Thielmanns Korps bei Wawre gegen Marschall Grouchy, der nun doch endlich die Spuren der Preußen gefunden hatte und nachfolgte, stehen bleiben solle.

Pünktlich brachen die drei Korps aus ihren Biwaks auf. Der Marsch wurde gleich anfangs durch einen zufällig in Wawre entstandenen Brand aufgehalten. Bedenklicher war das Eintreffen der Spitzen der 35 000 Mann starken Armee des Marschalls Grouchy vor Wawre, also im Rücken der abmarschierenden Preußen, von denen das Korps von Pirch I. bereits in lebhafte Gefechte verwickelt und in seinem Vormarsch aufgehalten wurde. Da aber von St. Jean herüber der Kanonendonner immer gewaltiger mahnte, und wiederholte dringende Bitten Wellingtons um Hilfe einliefen, so hielt dies den Vormarsch nicht auf, sondern Führer und Soldaten verdoppelten den Hindernissen zum Trotz nur um so mehr ihre Anstrengungen und verließen sich auf das schwache Korps Thielmann, daß es Grouchy schon aufhalten werde. Und so war es auch.

Das Befinden des alten Feldmarschalls war ein ziemlich schlechtes. Insbesondere schmerzte ihn die geschwollene rechte Seite. Dr. Bieske half so gut es ging. Nun drängte es Blücher, zu Pferde zu steigen und den Truppen zu folgen. Der Doktor wollte ihn noch vorher mit Salben einreiben, um ihm das Reiten zu erleichtern. Das dauerte dem Marschall zu lange.

»Ach was, Doktor, wozu das Schmieren? Laßt's man gut sein! Ob ich heut balsamiert oder unbalsamiert in die andre Welt gehe, das kommt auf eins raus, Gott straf mir!«

Mit einigen »Uff, uff«, welche ihm doch die Schmerzen auspreßten, stieg der Alte nun in den Sattel. Kaum fühlte er das Pferd unter sich, so kam seine gute Laune im Nu wieder, denn er erkannte, daß es mit dem Reiten schon gehen werde.

Die Wege waren so schlecht wie nur denkbar, der Boden vollständig durchweicht, Wald und Gebüsch zwang oft zum Abbrechen der Sektionen in Reihen.

»Quer das, sackermentisch quer! Aber müssen durch und wenn's durch den Rachen des leibhaftigen Satans wäre. Vorwärts!«

So rief der greise Blücher den müde werdenden Leuten zu, während sie mit aller Anstrengung durch den Schmutz wateten.

Der Kanonendonner erscholl näher und stärker. Offiziere brachten Meldungen über die Mächtigkeit der französischen Vorstöße. Blücher in großer Sorge, sein gegebenes Wort nicht einzulösen, rief immer wieder sein: »Vorwärts, Kinder, vorwärts!« Wo es stockte, wo die größten Schwierigkeiten auftraten, war er an Ort und Stelle, munterte auf, traf Anordnungen, lobte, schimpfte, fluchte, kurz, ließ kein Mittel unversucht, den Marsch zu beschleunigen. Bei dem Engnis von St. Lambert schien alle Mühe vergebens. Hier war es, wo vielen der seit 48 Stunden abgehetzten, todmüden, durchnäßten und hungernden Soldaten der Mut nachließ, und es klang murrend aus den Reihen heraus: »Es geht nicht mehr. Was nicht sein kann, kann nicht sein.«

Das hörte der greise Held, stieg trotz seiner Schmerzen vom Pferde, mühte sich durch den Schmutz und rief hell und zündend den Saumseligen zu: »Ich sag's, 's muß gehen, Kinder, tausend Schock Donnerwetter! Hört ihr wohl, wie die Kanonen da drüben nach uns schreien? Und jetzt, da wir den Millionenhund von Bonaparte so hübsch in der Klemme haben, jetzt, da wir ihm – Gott straf mir – den Garaus machen können, sollen wir uns durch das bißchen Dreck da aufhalten lassen? Oder sollen die Engländer sagen dürfen: Wir haben die Franzosen besiegt, wir allein? Wäre das doch 'ne zu große Schmach für uns, wißt ihr? Müssen auch die Scharte von vorgestern auswetzen, müssen, 's geht nicht anders; muß ausgewetzt werden, die Scharte – muß sie nicht? Und ich hab' dem Wellington versprochen, rechtzeitig zu kommen. Ich hab' es versprochen, hört ihr wohl? Ihr wollt doch nicht, daß ich wortbrüchig werden soll? Ihr wollt mich doch nicht zu einem Hundsfott machen?«

Stumm hatten die Leute ihrem erzürnten Feldherrn zugehört und den in seinem Zorne so schönen Greis bewundert. Kaum schwieg er, so rief es als Antwort aus der Kolonne: »Ne, det wullen wir nich! Vivat de old Blücher!«

siehe Bildunterschrift

4. Schlachtfeld von Quatrebras-Ligny (16. Juni 1815) und Belle-Alliance (18. Juni 1815)

Und nun rafften sie sich auf und vorwärts ging es wieder, vorwärts gegen die rechte Flanke und den Rücken des Feindes.

Je weiter man sich dem Schlachtfelde näherte, desto mehr mußte man darüber erstaunen, daß Napoleon keinerlei Maßregeln getroffen, das Anrücken der Preußen aufzuhalten. Oberst von Pfuël und Major von Lützow vom Generalstabe, sowie Graf Nostiz sprengten vor, um zu erkunden. Bis zum Walde von Frischermont kein Feind. Nun galoppierte Blücher selbst voraus. Von der Höhe aus verfolgte er um vier Uhr den ganzen furchtbaren Angriff des Marschalls Ney. Man sah, welche Anstrengungen die Franzosen machten, die Verbündeten noch vor dem Eingreifen der Preußen zu werfen. Man erkannte aber auch, wie erschüttert die Linien Wellingtons waren; jeden Augenblick konnten sie durchbrochen werden. Da war Gefahr im Verzug. Aber auch mit dem äußersten Aufgebot von Mühe gelang es nur allmählich, die preußischen Korps aus den Engpässen herauszubringen und in Schlachtordnung zu entwickeln. Deshalb befahl Blücher einstweilen, wenn auch aus großer Entfernung, die französische Reiterei (die Division Domont) zu beschießen, um den beiden Gegnern die Ankunft des neuen Kämpen anzuzeigen. Sechzehn preußische Geschütze eröffneten das Feuer. Endlich war das preußische Korps Bülow bereit, den Kampf zu beginnen; das französische Korps Lobau hatte sich teils nach Planchenoit geworfen, teils befand es sich im Anmarsch; die beiden Reiterdivisionen waren zurückgezogen worden. Als Marschrichtung hatte Blücher dem Korps das von den Franzosen besetzte Dorf Planchenoit bezeichnet, der linke Flügel Bülows, die Avantgarden-Brigade des Obersten Hiller von Gärtringen, ging direkt darauf los. An Bülow schicke Blücher den Befehl, mit seinem ganzen Korps im Vormarsch zu bleiben und alles aus dem Weg zu räumen, was sich ihm entgegenstellte. Er befahl weiters, daß die hinteren Truppen nur auf dem linken Flügel der vorderen angereiht würden. Dadurch schob sich die preußische Schlachtlinie immer mehr hinter den Rücken der französischen und stand also schließlich direkt auf der Rückzugslinie des Feindes. Dieser Maßnahme sind die späteren so außerordentlichen Erfolge zu verdanken.

Durch das Auftreten der Preußen war die Lage Napoleons eine ungemein gefährliche geworden. Die ganze Tragweite der Gefahr erkannte er aber noch nicht, da er noch immer hoffte, es nur mit dem Korps von Bülow zu tun zu haben. Von der Anwesenheit seines Todfeindes Blücher hatte er noch keine Ahnung. Ihm erschien der Kampf gegen die Verbündeten nicht ungünstig, denn auf dem linken französischen Flügel war allmählich die ganze Umgegend von Hougomont in die Hände der Truppen des General Reille gefallen. Nur das Schloß selbst hielt sich noch, aber als brennender Trümmerhaufe. Auf seinem rechten Flügel hatte die Division Durutte endlich die Nassauer aus den Pachthöfen Papelotte und la Haye vertrieben. Mit vermehrter Heftigkeit schlug das französische Artilleriefeuer in die Reihen der auf dem jenseitigen Höhenkamm stehenden Verbündeten.

Die Verbündeten wankten und wichen nicht, trotz aller Anstrengungen der französischen Artillerie. Man erkannte jetzt deutlich, Wellington wartete auf einen Erfolg der unaufhörlich nach der rechten Flanke der Franzosen zu vordringenden Preußen. Nunmehr sah Napoleon ein, daß es die allerhöchste Zeit sei, um endlich diese hartnäckigen Verteidiger zu zersprengen, ehe ihm der neue Feind zu gewaltig auf den Hals kam. Zugleich aber wuchs seine Besorgnis, weil immer noch neue preußische Massen, viel mehr als er bei Bülow vermutet, zwischen den Waldstücken bei Frischermont auftauchten und sich gegen Planchenoit in Bewegung setzten. Deshalb schwankte er nicht nur und wagte noch immer nicht, seine letzte Infanterie, die Garden aus der Hand zu geben. Aber er hatte ja noch die beiden Kürassier-Divisionen des Kavalleriekorps von Kellermann! Ja, ein nochmaliger Reiterangriff mit neuen Truppen sollte, mußte die Überwältigung der feindlichen Mitte erzwingen!

Der unermüdliche Marschall Ney, der auch noch, gegen den Wunsch Napoleons, die schwere Gardereiterdivision zu sich befohlen hatte, stellte sich denn zum zweiten Male an die Spitze eines großen Reiterangriffs und trabte von neuem mit 4000 Pferden, nunmehr der letzten Kavallerie der Armee gegen die feuerspeiende Höhe von Mont St. Jean an.

Zu spät Marschall, auch deine Löwentapferkeit hält das hereinbrechende Geschick nicht mehr auf! Bereits waren ja die zwölf Bataillone der niederländischen Brigade Chassé aus Braine l'Alleud hinter der Mitte der Verbündeten angekommen und zugleich konnte nun Wellington, des preußischen Eingreifens sicher, seine letzte Reserve, vier Bataillone der Brigade Lambert, in die Linie einrücken lassen!

Da kam sie zum zweitenmal angaloppiert, die glänzende, leuchtende Masse von braven todesmutigen Panzerreitern, bereit, für ihre soldatische Ehre die äußersten Anstrengungen zu versuchen, aber ihre Gegner waren nicht minder bereit zum äußersten Ausharren und Widerstand. Wirklich gelang es ihnen diesmal, ein britisches und ein hannöversches Bataillon vollständig niederzuhauen. Die anderen Bataillone aber, besonders die elfmal angegriffene Brigade von Sir Colin Halkett, hielten stand. Nun wogte einer der langwierigsten und blutigsten Kämpfe von Reiterei gegen Infanterie, die jemals geführt worden sind, über eine Stunde hin und her. Bald war die Ordnung der Kellermannschen Kürassiere gänzlich verloren, aber schwadronsweise, ja in kleinen Trupps und sogar einzeln stürzten sie sich wieder auf ihre nicht einen Fuß breit weichenden Gegner. In diesem Ringen zeigten sich so recht das Ungestüm des französischen Angriffs und die Hartnäckigkeit und Zähigkeit der deutschen und britischen Verteidigung. Auf beiden Seiten taten die Offiziere ihr Möglichstes. Nach und nach aber wurden die französischen Reiter und vor allem ihre Pferde durch das endlose Herumtummeln so erschöpft, daß sie einfach nicht mehr ansprengen konnten. So mußten sie zurück, wollten sie sich nicht ohne Gegenwehr erschießen lassen. Nach diesem Reiterangriffe versuchte in Ermangelung anderer Hilfe zunächst die französische Artillerie einen Vorstoß, indem sie ganz nahe an die Linie der verbündeten Infanterie heranfuhr und trotz des heftigen Feuers der englischen Geschütze Tod und Verderben in die schon so sehr mitgenommenen Bataillone schleuderte. Unter dem Schutze dieses Artillerieangriffs rückte, was von den Korps von Reille und d'Erlon noch sturmfähig war, zum dritten Male mit Trommelschlag vorwärts. Aber wieder hielten die Linien der Verbündeten und wiesen durch ihr Feuer auch diesen letzten, freilich nur matt geführten Stoß der seit vielen Stunden in ununterbrochenem Angriff stehenden Bataillone ab.

Der alte Blücher erfaßte heute wieder seine Aufgabe mit Scharfblick und mit einer Großherzigkeit, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. Gerade als Oberst Hiller von Gärtringen zum Sturm auf Planchenoit und Bülow zum Angriff auf das Korps Lobaus ansetzen wollten, traf beim Feldmarschall die Nachricht ein, Grouchy habe mit Übermacht Wawre angegriffen und General Thielmann bitte um Verstärkung, um sich halten zu können. Blücher besann sich keinen Augenblick, sondern erwiderte kurz: »Tut nichts. Hier und vor uns liegt die Entscheidung, nicht rückwärts oder sonstwo, Gott straf mir! Der Thielmann soll sich seiner Haut wehren, so gut er kann, und der Bülow immer brav vorwärts auf Planchenoit. Hier müssen wir durch, und wenn alle Satanasse, die der Bonaparte im Leib hat, gegen uns losgelassen wären.«

Das war eine Entscheidung, frei von kleinlicher Sorglichkeit und glückbringend für das große Ganze. Aber auch Blüchers Untergenerale dachten so wie er. Als das Korps des Generals Zieten, das rechts vom Korps Bülow im Anmarsch war, bald nicht nur den Kanonendonner vom Schlachtfelde von Belle-Alliance, sondern auch den von Wawre, also vor und hinter sich, vernahm, begnügte sich der General, eine kleine Nachhut von der Brigade Henkel zurückzulassen, mit der Hauptmasse aber marschierte er weiter dem Schlachtfeld von Belle-Alliance zu und traf eben in der Nähe des linken Flügels der Verbündeten ein, als die Verhältnisse für letzteren sehr schlimm standen und die Not am größten war. Die Nassauer hatten die Pachthöfe vor ihrer Front verloren und waren im Begriffe zu weichen. Wellington schickte Mitteilung, daß wenn das Korps nicht bald direkte Hilfe bekäme, er den linken Flügel zurücknehmen müßte. So ließ denn General von Zieten, trotz Blüchers Befehl nach Planchenoit zu folgen, die Brigade Steinmetz zur Unterstützung der Nassauer vorgehen. Dadurch ermöglichte er, daß der schwer erschütterte linke Flügel Wellingtons noch einmal standhielt und sogar noch zwei Reiterbrigaden nach der bedrängten Mitte abgesendet werden konnten. Zietens Korps hatte sich in die Mitte zwischen die Korps d'Erlon und Lobau geschoben. Bald war jede Gefahr für den linken Flügel der Verbündeten verschwunden, und die völlige Aufrollung des rechten französischen Flügels, dem die preußischen Granaten in den Rücken sausten, war, wie sich deutlich bemerken ließ, nur noch eine Frage der Zeit.

Bei dem Vorrücken der Preußen ereignete sich hier übrigens ein Zwischenfall, den wir noch einschalten wollen. Aus la Haye kamen Scharen von Nassauern den Preußen in Auflösung entgegen. Diese hielten sie, der ähnlichen Uniform wegen, für Feinde und schossen darauf. Auf einmal sprengte deren kommandierender General, Prinz Bernhard von Weimar, heran und beschwerte sich hierüber heftig bei Zieten. Letzterer kannte den Prinzen nicht und erwiderte kalt: »Mein Freund, dafür kann ich nicht. Warum sehen Ihre Leute wie Franzosen aus?«

Unterdessen hatten die Preußen der Brigade Hiller das bereits im Rücken der französischen Aufstellung gelegene Dorf Planchenoit im ersten Anlauf genommen und daselbst drei Geschütze erobert; zwar mußten sie es vor den französischen Unterstützungen wieder räumen, sie eroberten es aber zum zweitenmal und somit befand sich bereits der wichtigste Punkt hinter dem rechten Flügel der Franzosen in preußischen Händen. Das war etwa um sechseinhalb Uhr.

Für Napoleon war nun überhaupt der Zeitpunkt gekommen, wo er sich entscheiden mußte, ob er die letzten Reserven, die Garden, auch einsetzen und sozusagen in der elften Stunde noch den Sieg anstreben oder ob er darauf verzichten und unter dem Schutze der Reserve den Rückzug antreten wolle. Er wählte das erstere und damit beschleunigte er nur sein Ende. Verhindert hätte er es durch einen schnellen Rückzug um diese Stunde auch nicht mehr, denn seine Armee war zu sehr zerrüttet, um sich noch geordnet den Händen der Preußen entwinden zu können. Seine nächste Sorge bestand darin, Planchenoit wieder in seine Gewalt zu bekommen. Allein dies konnte ihm nur dann etwas nutzen, wenn es ihm zugleich gelang, die Engländer vor sich noch zu werfen. Deshalb beschloß er, die beiden Unternehmungen zugleich zu versuchen, entsandte zwölf Gardebataillone unter General Duhesme noch gegen die Preußen und setzte sich mit den anderen zwölf gegen die Verbündeten in Bewegung. Ein Entschluß, dem der Stempel der Verzweiflung aufgeprägt war. Napoleon mußte sich klar sein, daß ein Mißlingen der nun eingeleiteten letzten Unternehmungen nicht nur die Niederlage, sondern die Vernichtung seiner Armee und also seinen vollständigen Untergang zur Folge haben werde. Allein er wagte den gewaltigen Wurf und – verlor.

Mit großem Ungestüm und ausdauerndem Nachdruck stürmten unter lautem Schlachtgeschrei die Garden der Generäle Duhesme und Morand auf Planchenoit los. Ihre Übermacht war zu groß, die Brigade Hiller wurde geworfen. Preußischerseits wollte man nun das Herankommen des Korps von Pirch I. abwarten, um mit um so größerer Sicherheit das Dorf nehmen und gegen die Rückzugslinie der Franzosen vorgehen zu können. Es war eine äußerst kluge Maßregel, die sich erst später noch recht belohnte. So wurden die Franzosen durch ein in die Länge gezogenes Gefecht festgehalten, bis Kräfte genug angekommen waren, um sie schließlich ganz zu vernichten.

Was mögen um diese Stunde für Bilder dem Geiste Napoleons vorgeschwebt haben!

»Die Preußen in Planchenoit, ehe die Engländer geworfen sind! – Dann erdrücken sie mich von rückwärts und es ist alles aus!«

Der Gedanke war fürchterlich, so wirkungsvoll, daß der Kaiser von den zwölf Bataillonen, die er noch bei sich hatte, nochmals zwei weitere nach dem bedrohten Dorfe und ferner zwei in das Gelände zwischen Belle-Alliance und Planchenoit entsendete, um dem dortigen Kampf mehr Kraft zu verleihen. Es galt, die wenigen Häuflein, an deren Erfolg das Schicksal des Tages, des Feldzuges, des Kaisertums hing, zu höchster Tapferkeit zu entflammen. Und das verstand der große Schlachtenmeister vorzüglich. Es waren seine kriegserfahrenen alten Garden, zu denen er nun sprach.

»Denkt an Jena, an Austerlitz, an Smolensk, an Dresden, meine Braven! Frankreich, die Welt sieht auf Euch. Es gibt keinen Feind, den ihr nicht besiegen könnt. Grouchy greift die Preußen in ihrem Rücken an. Alles steht gut, wenn wir die erschütterte, ermattete Linie der Engländer geworfen. Seht hin, wie wenige noch standhalten. Wenn sie die Bärenmützen der alten Garden Frankreichs sehen, zittern sie schon. Wenn Ihr Euch auf sie stürzt, so sind sie geschlagen.«

Das zündete, das begeisterte, das belebte und jeder Mann der alten, stolzen Regimenter schwur sich zu siegen oder zu sterben. Brausend erscholl als Antwort tausendfach: » Vive l'empereur! Vive l'empereur!«

Was von den bisher im Kampfe gestandenen Truppen noch überhaupt marschieren konnte, raffte die letzte Kraft zusammen und schloß sich den Garden an. Von allen Seiten eilten Generale herbei und stellten sich an die Spitzen der Bataillone. So Ney, der sich heute wirklich als der Bravste der Braven erwies. Er kam zu Fuß. Auch sein fünftes Pferd war ihm unter dem Leib erschossen worden. So Friant, Roguet, Michel usw. Auch einige hundert Dragoner, Kürassiere, Chasseurs und andere Reiter fanden sich ein und schlossen sich an.

Alles wälzte sich vor gegen Mont St. Jean. Der Kaiser selbst stellte sich an die Spitze dieses letzten, von ihm selbst und von seiner Armee mit der Kraft der Verzweiflung ausgeführten Angriffes, und ritt bis la Haye Sainte mit.

Und die Verbündeten?

In dieser Stunde bewies Wellington, daß er seinen Namen »der eiserne Herzog« mit Recht erhalten hatte. » Die Preußen oder die Nacht«, – das war in den bangen letzten Stunden Wellingtons und seines Stabes Parole gewesen. Nun die Preußen in der Nähe waren, brachte ihn nichts mehr aus der Fassung. Im Nu raffte er die letzten sechs noch nicht zu sehr erschütterten Bataillone zusammen – die englischen Garden –, führte sie an den Rand der Höhe und ließ sie dort sich niederlegen. Man sah sie vom Abhang aus nicht. Die Braunschweiger wurden gegen la Haye Sainte vorgeschoben, die endlich von rechts angekommenen Reiterbrigaden Vandeleur und Vivian hinter der Mitte bereitgestellt. Bei der Artillerie, welche sich fast ganz verschossen hatte, war eine preußische Batterie angekommen, die ihre verbündeten Kameraden unterstützte.

Nachdem alles geordnet, stellte sich der Herzog mit seinem Stabe hinter der Mitte der Seinen gerade gegenüber der feindlichen Sturmkolonne auf.

Lord Hill steht neben Wellington. Er sagt zu diesem: »Mylord, Sie können fallen. Was sollen die Überlebenden dann tun? Welches sind Ihre Befehle?«

»Festhalten bis zum letzten Mann!«, erwiderte der eiserne Herzog.

Die feindliche Garde rückt näher und näher. Schon hört man deutlich die Kommandos der Führer.

»Seht Ihr dort den kleinen Reitertrupp! Auf diesen en avant, en avant

Schweigend steigen die 3000 französischen Veteranen die Höhe herauf. Sie sparen den Atem zum letzten Einbruch. Oben herrscht am Rande Todesstille. Von hinten her heult das Geschützfeuer.

Plötzlich – wer kannte nicht Wellingtons scharfe, helle Stimme – schreit es über das weite Feld: » Up, Guards! Make ready and charge!« »Auf Garden! Macht euch bereit und schießet!« Da erhebt sich's vom Boden, in vier Gliedern, die vorderen kniend, die hinteren stehend, errichtet sich ein lebender Wall, Kommandos erschallen und mit vorzüglich abgegebenen Salven bereiten die sechs von den Franzosen bisher nicht bemerkten Bataillone dem Angreifer einen furchtbaren Empfang.

Die Spitze der Sturmkolonne stockt. Aber Ney springt mit gezogenem Degen vor. Sein en avant reißt wieder alles mit vor. Neue Salven schmettern drein, aber es geht immer noch vor. Wellington, Hill, der Prinz von Oranien sprengen hierhin, dorthin und ermahnen zum Halten. Der Herzog weiß auch seine Leute zu packen.

»Steht fest meine Jungen! Wenn wir hier geschlagen werden, was würde man in England von uns sagen!!« Und sie stehen. Jeder Mann weiß, einen Schritt zurück und alles ist verloren.

Wieder schmettern neue Salven auf die armen Franzosen.

Die Ordnung läßt nach, ratsch sausen neue Salven in die Massen, nun stocken sie, sie kehren, sie weichen!

» Lâches, ne savez-vous donc plus mourir?« »Feiglinge, wißt ihr nicht mehr wie man stirbt?« So schreit sie der Marschall Ney an. Umsonst! Immer wieder schmettern die englischen Salven auf sie ein, da lassen sie sich nicht mehr halten. Zuerst einzelne, dann mehrere, schließlich alle, die noch laufen können, fliehen entsetzt zurück, der letzte Angriff der Franzosen ist gescheitert.

Die Engländer aber, diese braven, tapfern, zähen Verteidiger, die in ihren Stellungen angewachsen schienen, erhalten jetzt neues Leben. Wellington erkannte richtig, daß er nun nicht mehr besorgen müsse, nochmals angegriffen zu werden, daß es sich jetzt um den Sieg, um den so heiß erkämpften Sieg handle und darum befiehlt er: »Vorwärts! Alles vorwärts!« Aus den Angegriffenen werden nun die Angreifenden.

Während dieses Verzweiflungsangriffes der Franzosen nach vorn auf Mont St. Jean war bei den in ihrer Flanke und ihrem Rücken kämpfenden Preußen auch das Korps von Pirch I. angekommen. Nunmehr befahl Blücher den Gesamtangriff auf das von den Garden besetzte Planchenoit. Die Brigaden von Hiller, Ryssel, Tippelskirch und Krafft setzten sich in Bewegung. Die Truppen schienen ganz vergessen zu haben, daß sie einen Marsch, wie die Kriegsgeschichte nur wenige kennt, hinter sich, daß sie seit 48 Stunden fast nichts gegessen hatten. Von drei Seiten drangen sie mit unaufhörlichem Hurra gegen das Dorf vor; im ersten Anlauf stürmten sie die Eingänge, und nun entstand ein entsetzliches, mörderisches Ringen, Mann gegen Mann. Es war kein leichter Sieg, den die preußische Tapferkeit und Überzahl gegen den bewundernswürdigen Aufopferungsmut der französischen Garden hier erfochten. Erkannten doch letztere gar bald, daß der Verlust von Planchenoit gleichbedeutend mit dem Verluste ihrer ganzen Armee sei. Da beschlossen sie, auszuhalten bis zum letzten Mann und zu sterben, wenn sie nicht siegen könnten. Sie haben es gehalten. Immer mehr schmolz unter den Hieben der zu höchster Tapferkeit entflammten Preußen die Zahl der Verteidiger zusammen. Die Generale Duhesme und Barrois waren gefallen, ein Führer nach dem andern sank sterbend zu Boden, neue preußische Sturmkolonnen drangen in das Dorf, endlich erschollen neue brausende Hurras und nun wurden die letzten Franzosen aus dem Orte geworfen, Planchenoit war erobert. Die preußischen Reiter jagten hinter den Weichenden nach und vermehrten deren Verwirrung.

Damit war der Entscheidungsschlag getan, denn nunmehr warfen Blüchers Preußen in raschem Siegeslauf die Trümmer des französischen Korps von Lobau in buntem Gemisch mit den Garden auf die von den Verbündeten abgewiesenen Teile der Armee Napoleons und dies bewirkte auch die völlige Auflösung der letzteren.

Der Kaiser stand noch bei la Haye Sainte. Jetzt sah er die Flucht der Seinen aus Planchenoit.

Da verlor der Mann aus Stahl, der große Schlachtenmeister selbst die Fassung. Bleich wie der Tod rief er entsetzt aus: » C'est fini!«

So war es auch.

Von allen Seiten begann die Flucht seiner Getreuen. Vergebens warf sich Ney denselben entgegen und schrie: »Hier, hier liegt die Unabhängigkeit des Vaterlandes, hier müssen wir bis zum letzten Mann aushalten!« Fast niemand hörte mehr auf ihn. Aber noch gab er nicht nach. Auf einem aufgefangenen Pferde, mit bloßem Kopfe, den abgeschossenen Degenstumpf in der Hand bemerkte er einige hundert Mann, die General Durutte gesammelt hatte. Mit den Worten: »Kommt, Kameraden, folgt mir! Ich will euch zeigen, wie ein Marschall von Frankreich auf dem Schlachtfelde bleibt,« führte er sie vor. Auch dies war vergebens. Die feindlichen Geschosse verschonten ihn und seine Leute flohen vor den nun ebenfalls unaufhaltsam vordringenden Verbündeten.

Unterdessen jagten die preußischen Reiter der Generale Prinz Wilhelm von Preußen und von Röder, fünfzehn Regimenter, sowie die beiden Kavalleriebrigaden der Verbündeten unter den Generalen Vandeleur und Vivian (sechs Regimenter) mitten in die wirren Massen der Franzosen hinein und hieben nieder, was sie erreichen konnten und was sich nicht gefangen gab. Mitten in diesem großen Durcheinander, vorgebeugt, starren Auges, saß auf seinem Schimmel Napoleon. Adjutant auf Adjutant kam gesprengt und meldete: »Alles verloren!« Der Kaiser rührte sich nicht; er war gebrochen. Plötzlich sah er preußische Reiter nahe bei sich. Er schickte noch seine Stabswache gegen sie, aber dieselbe wurde ebenfalls geworfen.

Ein General versuchte tröstende Worte.

» Trop, tard, sauvons-nous!« Damit wandte er sein Roß und rettete sich vor den preußischen Husaren in eines der wenigen noch zusammenhaltenden Karrees der Garde. Als dieses die nächsten feindlichen Reiter abgewiesen, setzte er seine Flucht weiter fort nach Genappe. Die Dunkelheit rettete ihn vor den preußischen Reitern.

Bei der französischen Armee riß eine furchtbare Panik, eine vollkommene Verzweiflung, eine grenzenlose Verwirrung ein. Nur wenige Gardebataillone bewahrten noch einige Ordnung. In diese hatten sich Generale und höhere Offiziere gerettet und suchten sie geschlossen zurückzuführen. Unaufhörlich stürmten die Reiter von Vandeleur und Vivian auf sie ein. Allmählich waren sie so bedrängt, daß sie erliegen mußten. Man rief ihnen wiederholt zu: »Ergebt euch, Grenadiere!« Aber stolz antworteten die alten Veteranen nur: » Merde!« und zeigten durch diesen drastischen Ausdruck, daß sie sich lieber niederhauen lassen als ergeben wollten. Hier war es auch, wo General Cambronne sein » La garde meurt et ne se rend pas« gerufen haben soll. Nun wurden auch diese Bataillone niedergeritten, zersprengt, erschlagen. Einzelne Offiziere und Soldaten erschossen sich selbst, um die Schmach der Gefangenschaft nicht zu erleben.

Als die Dunkelheit eingebrochen, waren von der ganzen Armee des Kaisers nicht ein Bataillon, nicht eine Schwadron mehr beisammen. In vollständiger Auflösung wälzten sich die wirren Massen derselben gegen Genappe zurück. Beide siegreiche Armeen hatten bei ihrem letzten gewaltigen Vorstoße die Richtung auf Belle-Alliance eingehalten. In der Nähe dieses Gehöftes trafen sich auch ihre Feldherrn. Sie umarmten sich und wünschten sich gegenseitig Glück zu dem glänzenden, entscheidenden Siege. Lange Zeit zu tatenlosem Plaudern gab es aber nicht.

»Was nun?« meinte der englische Herzog.

»Den letzten Hauch von Mensch und Pferd aufbieten, um den Feind zu verfolgen,« lautete die Blüchersche Antwort.

»Ich bin nicht mehr dazu imstande. Ich muß notwendig meine Truppen in ihr Lager zurückführen, um die Disziplin wieder herzustellen und die Verpflegung zu ordnen.«

»Meine Preußen sind zwar auch übermüdet, aber trotzdem können sie noch. Ich werde die Verfolgung übernehmen.«

Die Ausführung derselben übergab der greise Feldmarschall seinem getreuen Generalstabschef, weil er selbst infolge der durch den Sturz hervorgerufenen Schmerzen es nicht mehr vermochte, persönlich alles anzuordnen.

Sofort ritt Gneisenau zum nächsten Kavallerie-Regiment.

»Wer kommandiert euch?«

»Ich, Graf Gröben.«

»Sind Sie es? Heute müssen wir uns freuen. Vorher aber soll jeder Truppenteil seinen letzten Atem an die Verfolgung setzen.«

Dann ritt er zu den nächsten Infanterieabteilungen. Sie gehörten zu den Brigaden Hiller und Tippelskirch.

»Nach, über Genappe und Frasnes, solange ihr könnt!«

Er selbst ritt mit der Spitze und diese Preußen, die heute morgen meinten: »es geht nicht mehr«, marschierten nun nach der furchtbar ermüdenden Schlacht immer weiter hinter dem geschlagenen Feinde drein.

In entsetzlich wirrem Strome wälzten sich die flüchtigen französischen Massen – einst eine Armee – durch die Nacht zurück. In Genappe hielt man. Auch der Kaiser ließ seinen Wagen in dem Städtchen halten, er wollte hier einige Stunden rasten.

»Was ist dies?«

Trommelschlag, der Sturmmarsch der Preußen und jetzt »Hurra, hurra, hurra!«

Hillers und Tippelskirchs Brigaden waren es, voraus die Pommern des ersten Regiments.

Da ergriff Tausende von armen Franzosen, die hier endlich Ruhe zu finden gehofft, neues Entsetzen. »Fort, fort gegen die Sambre, solange die Füße euch tragen!«

Tödlich erschrocken sprang der Kaiser aus seinem Wagen. Sein Degen blieb in demselben liegen. Er trat auf den Tritt. Dabei entfiel ihm der Hut. Auch der blieb liegen, niemand hatte Zeit, ihn aufzuheben. Barhaupt, ohne Degen schwang sich Napoleon auf das ihm bereit gehaltene Pferd und entfloh, von wenigen Getreuen gefolgt, gegen Quatrebras. Mit knapper Not entkam er der preußischen Gefangenschaft. Seine Wagen, Hut und Degen, seine silberne Feldausrüstung, der Krönungsmantel, viele Ordenssterne, sein Fernglas, zahlreiche Juwelen, der Kriegsschatz, Bücher, Proklamationen usw. fielen in die Hände der glücklichen Verfolger.

Blücher, der den Truppen nachgeeilt war, blieb hier. Gneisenau aber rastete noch nicht. Freilich waren es nur wenige, die immer noch aushielten. Mit diesen aber drang der unaufhörlich anmunternde Generalstabschef weiter. Die Infanterie blieb auf der Straße, die Reiter folgten zur Seite. Schrecklich klangen den armen zu Tode gehetzten Franzosen der Sturmmarsch und die Signale dieser wie es schien unermüdlichen Preußen. Bei denselben hatte Hauptmann von Goszicki Tambours und Hornisten zu Pferde gesetzt und ließ sie so schlagend und blasend zur Seite der Chaussee dem Feinde folgen. In Quatrebras leisteten die Franzosen noch einigen Widerstand, um ihre Wagen zu retten. Goszicki mit ungefähr 200 schlesischen Landwehrmännern und pommerschen Füsilieren stürmte das Dorf. Wieder mußten die Unglücklichen fliehen und wieder erscholl hinter ihnen das entsetzliche »Ramm tamm, ramm tamm« der Preußen.

Noch einmal wehrten sich einzelne der abgehetzten Franzosen in Frasnes. Goszicki hatte noch 80 bis 90 pommersche Füsiliere bei sich. Das war zu wenig, man mußte warten. Bald darauf kamen Gneisenau und der Major von Köller mit weiteren 150 Pommern nach. Nun wurde auch Frasnes mit Hurra gestürmt. Von da an gab es keinen Widerstand mehr. Gneisenau, Köller und etwa 50 Pommern drangen immer noch weiter bis zum Gasthof »zum Kaiser«. Dort endlich hielten sie und richteten sich für alle Fälle zur Verteidigung ein. Trotz dieser ungeheuern Leistung der Pommern wurden sie doch noch von oberschlesischen Landwehrmännern übertroffen. Von diesen sammelten sich ungefähr 150 Mann in Frasnes, marschierten dann wieder weiter und setzten sich vor die Pommern. Am 19. früh verjagten sie Napoleon und sein Gefolge aus Charleroi.

Jetzt war aber die letzte Kraft von Freund und Feind zu Ende. Hunderte von Franzosen lagen wie im Todesschlaf an den Straßen und Häusern. Man ließ sie liegen. Ihre ganze Armee war aufgelöst, die wirren Reste flohen entsetzt über die Sambre.

Diese Ergebnisse hatte die fast unglaublich energische, durch die ganze Nacht ausdauernde Verfolgung der Preußen erreicht.

Das war die Schlacht bei Belle-Alliance, in der englisch-deutsche zähe und todesmutige Ausdauer so lange dem französischen, alles niederwerfen wollenden Ungestüm widerstand, bis preußische außerordentliche Tatkraft rechtzeitig Hilfe brachte.

Das Resultat der Schlacht war ein großartiges. Die Franzosen hatten im Kampfe selbst 25 000 Mann an Toten, Verwundeten und Gefangenen verloren. Von den letzteren fielen noch Tausende bei der Verfolgung durch die Preußen in deren Hände. Fast alles Heergerät, 300 Kanonen, über 500 Munitionswagen waren von den Verbündeten erbeutet.

Nur 30 000 Mann von der ganzen Armee konnte Marschall Soult später bei Laon sammeln.

Der Verlust der Verbündeten betrug 21 000, der der Preußen 7000 Mann.

Der erste Siegesbericht, der vom Hauptquartier Blüchers abgeschickt wurde, war ein Brief des greisen Feldherrn an den Generaladjutanten des Königs, von dem Knesebeck, der lautete:

»mein Freind

Die Schönste Schlagt ist geschlagen. Der herligste Sig ist er fochten. Daß Detallie wird vollgen, ich denke die Bonaparttsche geschigte ist nun wohl zimlig wider zu ende.

La Bellaliance den 19. früh.

ich kan nich mehr Schreiben den ich Zittere an alle glider, die anstrengung war zu groß.

Blücher.«

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