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Die Befreiungskriege 1813 bis 1815

Carl Tanera: Die Befreiungskriege 1813 bis 1815 - Kapitel 22
Quellenangabe
typetractate
authorCarl Tanera
titleDie Befreiungskriege 1813 bis 1815
publisherZweiter, unveränderter Abdruck Fünftes bis neuntes Tausend
printrunC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorK. Frhr. v. Lupin Oberstleutnant
year1913
illustratorErnst Zimmer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160616
projectid80a45084
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20.
Quatrebras. Ligny

(Siehe Karte 4)

Der schwülen Stille in allen Quartieren der Armee Wellingtons war in der Nacht zum 16. nach Eintreffen der Befehle des englischen Feldherrn die lebhafteste Bewegung gefolgt. Von allen Seiten rückten die zerstreuten Abteilungen zu ihren Truppenteilen heran, Adjutanten und Ordonnanzoffiziere jagten von Ort zu Ort und überbrachten Befehle, von rückwärts zogen sich die Brigaden aus Brüssel in dichten Kolonnen gegen Süden, kurz alle Anzeichen verrieten den drohenden gewaltigen Sturm. Noch vor Tagesanbruch waren fast sämtliche Abteilungen der verbündeten Armee im Marsche und eilten gegen Nivelles zu.

Bei dem etwa zehn Kilometer östlich von Nivelles gelegenen Weiler Quatrebras war inzwischen der Divisionsgeneral von Perponcher, auf eigene Verantwortung, mit der Brigade des Prinzen von Weimar stehen geblieben und hatte dazu noch seine Brigade Bylandt herangezogen. Dies bewährte sich ausgezeichnet, denn schon früh acht Uhr unternahm die französische Gardekavallerie eine starke Erkundung, unterließ aber einen Angriff, als sie die Stärke der Gegner entdeckte. Bis ein Uhr verhielten sich nun die Franzosen ruhig, da sich der diese Truppen befehlende Marschall Ney noch bei Napoleon in Charleroi befand. Gegen zehn Uhr morgens aber trafen Wellington und sein Stab in Quatrebras ein. Kein Mensch sah ihm, dem eisernen Herzog, oder seinen Begleitern an, daß sie die Nacht auf einem Balle zugebracht und dann einen Ritt von über 35 Kilometern zurückgelegt hatten. Ohne ein Wort mehr als unbedingt nötig mit dem niederländischen Divisionsgeneral zu reden, betrachtete sich der englische Feldherr die Stellung.

Er ritt zu den verschiedenen Abteilungen und kehrte nach Quatrebras zurück, um Perponcher den Auftrag zu erteilen, sich hier mit seinen 7000 Mann so lange und zwar energisch zu wehren, bis die englischen Unterstützungen einträfen. Dann gab er einem General seines Gefolges einen Befehl und drehte alsdann sein Pferd in östlicher Richtung, um in schnellem Trabe auf der Straße nach Sombreffe anzureiten. Der Befehl galt den nächsten Truppenabteilungen und hieß: »So schnell als möglich nicht nach Nivelles, sondern nach Quatrebras marschieren!«

Wellington erkannte, daß die preußischen Meldungen vom Anrücken der ganzen französischen Armee keineswegs übertrieben, sondern vollständig wahr waren, und daß er kostbare zwanzig Stunden durch seine Zögerung versäumt hatte. Er mußte einsehen, daß seine noch weit zerstreute eigene Armee höchst wahrscheinlich sicherer Zersprengung, wenn nicht gar der Vernichtung entgegengehe, sobald die Preußen ihren am 15. angetretenen Rückzug fortsetzten und dann Napoleons Massen sich auf ihn stürzen würden. Blücher nun die Lage der Dinge offen einzugestehen und ihn zur Rettung der verbündeten Armee zum Halten zu bewegen, das vermochte wahrscheinlich der stolze Brite nicht über sich zu gewinnen. Er zog es vor, in Blücher die Hoffnung auf tatkräftige Unterstützung durch die verbündete Armee zu wecken und den tapferen Feldmarschall zu dem nur zur Rettung der Engländer notwendigen sonst sehr gefährlichen Halten zu veranlassen!

Es war etwa ein Uhr nachmittags, als Wellington zu Feldmarschall Blücher ansprengte, der soeben die Stellung seiner Truppen bei den Dörfern Bry, Ligny und St. Amand besichtigte, um mit ihm die zu nehmenden Maßregeln zu besprechen.

Über die längere Unterredung sind nur widersprechende Aufzeichnungen vorhanden. Deutlich konnte man von dem Moulin de Büssy aus auf dem gegenüberliegenden Windmühlenberge Napoleon mit seinem Gefolge bemerken und den Aufmarsch der um und durch Fleurus anrückenden französischen Armeekorps beobachten.

Um dreiviertel zwei Uhr verließ der englische Feldherr das preußische Heer und rief im Wegreiten noch die Worte: »Um vier Uhr werde ich hier sein«, worauf er nach Quatrebras zurücktrabte.

Jetzt, auf das Versprechen Wellingtons bauend, zögerte Blücher keinen Augenblick mehr, die ihm angebotene Schlacht anzunehmen.

Als Wellington bei seinen Truppen wieder eintraf, fand er die Niederländer des Generals Perponcher bereits in einen heftigen Kampf verwickelt. Marschall Ney hatte die Stellung seines Gegners vorwärts Quatrebras mit den Divisionen Foy und Bachelu des Korps von Reille angegriffen und die Niederländer bis in den Wald von Bossu zurückgedrängt. Hier aber hielten sie sich tapfer und ehe die Franzosen zu einem neuen Stoße ansetzen konnten, trafen die ersten Verstärkungen der verbündeten Armee, nämlich die niederländische Kavalleriebrigade Merle und die englische Division Picton ein. Bis diese Truppen gefechtsbereit aufmarschiert waren, hatten die Franzosen das Dorf Piermont genommen. Nun schickte aber Wellington selbst das 95. englische Regiment unter Oberst Barner vor und bald befand sich das Dorf wieder im Besitz der Verbündeten. Unterdessen waren die Braunschweiger unter ihrem Herzog angekommen. Dies ermutigte den General von Perponcher, auf der Chaussee vorzurücken, worauf Wellington auch die Division Picton vorwärts leitete. Allein die französische Brigade Guilleminot und die Kavallerie von Piré warf sich diesen Truppen entgegen.

»Karrees formieren!« Die meisten Abteilungen konnten diesen Befehl noch ausführen. Nicht so die Engländer des 42. Regiments, welche von den feindlichen Lanziers der Garde überritten wurden und dabei ihren Obersten Sir Robert Macara und 284 Mann verloren. Dadurch und durch andere Attacken wurde der rechte verbündete Flügel nach Quatrebras zurückgeworfen. Nun stürzte sich die französische Kavallerie auf die englische Division Picton. Diese alten in Spanien erprobten Krieger standen wie die Mauern und wiesen alle Angriffe durch kaltblütig abgegebene Salven ab. Da nun die Braunschweiger die Lücken der Stellung ausfüllten, so gelang es auch der neuerdings vorgehenden französischen Division Bachelu nicht mehr, einen Erfolg zu erringen.

So wurde es sechs Uhr abends. Mächtig schallte ununterbrochener Kanonendonner von Ligny herüber. Vergebens wartete Marschall Ney auf das ihm ebenfalls unterstellte Korps Drouet d'Erlon. Dasselbe befand sich auf dem Marsche von Charleroi nach Frasnes und konnte etwa fünf Uhr daselbst eintreffen.

siehe Bildunterschrift

Blücher bei Ligny unter seinem erschossenen Pferde

Im Lauf der Schlacht bei Ligny hatte Napoleon befohlen, daß Ney gegen die rechte Flanke der Preußen und gegen deren Rücken vorgehen sollte. Das konnte dieser natürlich erst dann tun, wenn er die Engländer vor sich zurückgeworfen hatte. Dazu brauchte er das Korps. Der mit obigem Befehle an Ney abgeschickte Adjutant Napoleons, welcher von dem Gefecht bei Quatrebras nichts wußte, hatte nun das Korps d'Erlon eingeholt und ihm eigenmächtig, während der kommandierende General desselben gerade bei Ney war, die Richtung auf Ligny gegeben. Kaum erfuhr dies Ney, so befahl er das Korps wieder zurück gegen Quatrebras. Durch diese Hin- und Hermärsche kam dasselbe aber weder bei Ligny noch bei Quatrebras zur Verwendung. Kurz nach sechs Uhr abends lief aber bei Ney ein neuer, sehr dringender Befehl Napoleons ein, gegen die Preußen bei Ligny und Bry vorzugehen. Er schloß mit den Worten: »Das Schicksal von Frankreich liegt in Ihren Händen.«

Dies forderte den Marschall zu den höchsten Anstrengungen auf. In zwei großen Sturmkolonnen, deren eine Ney selbst führte, griffen die Franzosen an. Der Herzog von Braunschweig warf sich mit seinen Reitern ihnen entgegen, wurde aber abgewiesen und er selbst tödlich verwundet. Damit endete ein Leben, das stets für die Abwehr von jeder Unterdrückung und Schmach mutvoll eingetreten war.

siehe Bildunterschrift

Begegnung Wellingtons mit Blücher bei Belle-Alliance

Bald aber fand der französische Ansturm seinen Schluß. Die englische Division Picton wies in ihrer stoischen Ruhe alle feindlichen Angriffe ab, die französische Kavallerie zog sich in Unordnung zurück und die Infanterie konnte nur ein stehendes Feuergefecht unterhalten. Jetzt trafen bei den Verbündeten noch die englische Division Alten, die englischen Garden und eine hannöversche Brigade ein. Sobald dieselben entwickelt waren, ließ Wellington seine gesamte Macht einen Vorstoß ausführen. Da bei den Franzosen das Korps d'Erlon immer noch nicht eintraf, so befanden sie sich jetzt in der Minderzahl und wurden nach kurzem Widerstande aus allen eingenommenen Stellungen wieder verdrängt. Sie zogen sich bis Frasnes zurück, wo es ihnen endlich gelang, sich mit dem Korps d'Erlon zu vereinen. Die Verbündeten nahmen wieder ihre vor dem Kampfe innegehabte Stellung ein und stellten vorwärts derselben Vorposten aus.

Weder am Nachmittage noch am Abend, wo man sich gegen den Feind sogar in der Übermacht befand, entsendete Wellington seinem Versprechen gemäß einige Abteilungen den Preußen zu Hilfe. Er führte seinen Kampf ohne jede Rücksicht auf die nebenan sich abspielende Schlacht durch und erlangte dadurch auch den Erfolg, daß er mit 25 000 Mann die 20 000 Franzosen Neys gründlich abwies. Allein er hatte dabei den höheren Gesichtspunkt, das allgemeine Interesse außer acht gelassen und nur das spezielle seiner verbündeten Armee gewahrt.

Die Verluste betrugen auf beiden Seiten etwa je 4000 Tote und Verwundete. Geschütze und Trophäen hatte keiner der beiden Gegner erobert.

Napoleon hatte am gleichen Tage schon ziemlich früh die Stellung der Preußen erkundet. Um jene Zeit befand sich nur das Korps von Zieten in und bei St. Amand, die anderen Korps der Armee Blüchers befanden sich noch ungesehen im Anmarsch. Der Kaiser nahm daher an, daß ihn hier und auf dem ganzen Wege bis Brüssel kein nachhaltigerer Widerstand erwarte. Deshalb glaubte er, seinen Truppen die ihnen so sehr notwendige Ruhe noch lassen zu können. Man hatte sich in den Gedanken, ohne große Schwierigkeiten bis Brüssel zu gelangen, so sehr eingelebt, daß schon die Aufrufe gedruckt waren, welche von dort an die Belgier und Rheinländer gerichtet werden sollten.

Erst zwischen acht und neun Uhr ließ Napoleon unter Befehl des Marschalls Grouchy die Korps Vandamme, Gérard, die Garden und die Reserve-Kavallerie aufbrechen und langsam auf der Straße gegen Sombreffe vorrücken. Das Korps von Lobau stand einige Stunden zurück in der Reserve. Bald stieß man auf die preußische Stellung. Vandamme ließ zuerst seine Plänkler vorziehen und gegen St. Amand anrücken. Mit » vive l'empereur« griffen die Franzosen das Dorf an. Still erwarteten sie die Preußen bis auf nahe Entfernung und eröffneten ein wohlgezieltes Schützenfeuer. Die Vortruppen Vandammes stockten und hielten. Um diese Stunde, etwa elf Uhr, stieg Napoleon aus seinem Wagen, setzte sich zu Pferde, ritt auf den Windmühlenberg, wo er später von den gegnerischen Feldherrn gesehen wurde, aber auch seinerseits den feindlichen Stab erkannte, und suchte sich über die preußische Stellung aufzuklären. Zu seiner größten Überraschung erkannte er jetzt, daß er es mit mehr als nur einem preußischen Korps zu tun habe. Aber eine genaue Orientierung gelang wegen des hohen Getreides nicht. »Ach, der alte Fuchs kommt nicht aus seinem Versteck hervor!« ( le vieux renard ne debusque pas!)

So beurteilte er die Lage, schickte schon jetzt den ersten Befehl an Ney, sich gegen Bry zu wenden, und befahl einen energischen Angriff auf die feindliche Stellung. Merkwürdigerweise setzte er diesen Stoß von Süden her an, und so entstand hier eine einfache Frontalschlacht.

Die Preußen hatten inzwischen mit dem Korps von Zieten die Dörfer St. Amand la Haye, Ligny und Bry besetzt. Dahinter stand das Korps von Pirch I., während das Korps von Thielmann auf der Höhe von Sombreffe und Tongrinne aufmarschierte.

Auf das Korps von Bülow war, wie schon erwähnt, für den heutigen Tag keinesfalls zu rechnen. Es war etwa zweieinhalb Uhr geworden, als sich nun die ganze Division Laloi des Vandammeschen Korps gegen St. Amand in Bewegung setzte. Die dortselbst stehenden preußischen 29er mußten vor solcher Übermacht weichen. Die von General von Steinmetz unter Oberst von Hofmann entsendeten sechs Bataillone warfen die Franzosen wieder hinaus. Allein den Franzosen gelang es, von neuem in das Dorf einzudringen. Jetzt ging ein Handgemenge los, das an Wut beider Gegner dem in Möckern am 16. Oktober 1813 wenig nachgab. Hatte doch am Morgen vor der Schlacht z. B. der französische General Roguet seinen Gardegrenadieren bekannt gegeben, er würde den füsilieren lassen, der ihm den ersten gefangenen Preußen bringe. Die Preußen gewährten auch keine Gnade. Gefangene sind in der Tat von keiner Seite gemacht worden. Schließlich schien die französische Übermacht zu siegen.

Das hatte der alte Blücher von der Höhe des Moulin de Büssy wohl beobachtet. Um den Truppen im Dorfe Erleichterung zu verschaffen, zog er die Brigade Tippelskirch vom Korps von Pirch I., sowie die Reserve-Kavallerie des Generals von Jürgaß rechts heraus, um sie gegen den linken feindlichen Flügel vorzuschicken.

Unterdessen mußten aber die Bataillone des Generals von Steinmetz doch vor der französischen Übermacht, freilich nur Schritt um Schritt, weichen und das Dorf St. Amand räumen. Wutentbrannt kamen sie im Freien an.

»Sammeln! Vor allem sammeln, sonst werfen sie uns vollständig über den Haufen!«

Trotz Kleingewehrfeuer und Kartätschen ordneten sich die Bataillone mit wirklich fabelhafter Schnelligkeit. Ein Trommelsignal dringt durch den Lärm. Hörner blasen es nach.

»Avancieren!«

Mit fürchterlichem Hurra stürmten die elf nach und nach in dieses Ortsgefecht verwickelten preußischen Bataillone wieder vor. Solchem Stoße mußten die Franzosen weichen. Nun griff die Division Girard des Reilleschen Korps von la Haye aus ein, Artillerie feuerte ununterbrochen in das vollends in Flammen geratene Dorf und zuletzt mußten die Preußen wieder weichen.

Inzwischen kam die Brigade Pirch II. von Bry her an und nahm die Richtung auf St. Amand la Haye. Bald wütete in diesem Dorfe ein gleich schauriges Handgemenge wie bei der Brigade Steinmetz in St. Amand selbst. Aber die Division Girard des Gegners war zu sehr überlegen und deshalb zog General Pirch II. seine Bataillone wieder aus St. Amand la Haye heraus, um außen zu sammeln und einen neuen Angriff vorzubereiten. Der tapfere französische Divisionsgeneral wollte sich auf die langsam weichenden Preußen stürzen, aber er büßte den Versuch mit dem Tode.

Während dieser Zeit brach die Brigade Tippelskirch wie befohlen rechts gegen das Dorf Wagnelé vor. An der Spitze befand sich ein aus Mannschaften eines erst im letzten Jahre preußisch gewordenen Landesteiles neuformiertes Regiment. Demselben folgten Landwehrbataillone, welche ebenfalls aus einer neuen preußischen Provinz stammten. Diesen Truppen fehlte die altpreußische Kriegserfahrung und Disziplin wie auch zurzeit noch der preußische Geist. Sie gingen höchst unvorsichtig ohne Plänkler vor. Plötzlich wurden sie von einem Kornfelde aus durch bisher verborgene feindliche Schützen angeschossen. Die Bataillone wollten aufmarschieren und erhielten während dieser Bewegungen einige geschickt abgegebene feindliche Salven. Es entstand Unordnung, der Regiments- und ein Bataillonskommandeur fielen, nun rissen die vordersten aus und schließlich ging diese ganze Gesellschaft größtenteils regelrecht durch.

Der alte Blücher hielt immer noch auf der Höhe bei dem Moulin de Büssy und leitete von dort die Schlacht. Seinen Adjutanten, Major Graf Nostiz, hatte er aber nach rechts entsendet, um ihm über den Kampf bei Wagnelé Meldung zu machen. Der kam nun gerade in die Schar der Flüchtigen. Graf Nostiz war wütend, kehrte zu Blücher zurück, meldete die Geschichte und fügte in seinem Ärger bei: »Wenn Euer Durchlaucht sich nur an die Spitze eines alten Regiments setzten, so würde bald alles anders werden.« Kaum war diese Äußerung dem Adjutanten entschlüpft, da sprengte der greise Feldmarschall wirklich zu dem in der Nähe stehenden 1. pommerschen Regiment und: »Vorwärts Leute! Laßt Euch nicht mit Schießen ein. Das sind die Kerls gar nicht wert. Wir werden sie mit dem bloßen Bajonett schon auf die Beine bringen.« Dabei blieb er vor dem Regimente und ritt – dem Adjutanten stockte vor Schreck und Reue ob seiner Worte fast der Atem – bis in das heftigste feindliche Feuer. Dort blieb er auch und als ihn Graf Nostiz auf die Gefahr aufmerksam machte, entgegnete er kurz: »Ist keine vorhanden.« Die Pommern aber, begeistert durch das Beispiel ihres tapferen Feldherrn, stürmten mit solchem Feuer vor, daß bald das ganze Dorf von den feindlichen Massen gesäubert war und die vorhin so sehr durcheinander geratenen Bataillone sich hinter demselben sammeln konnten. Nun erst ritt Blücher wieder zurück.

Der heftige Häuser- und Straßenkampf in St. Amand, St. Amand la Haye und Wagnelé fand seit etwa drei Uhr ein würdiges Seitenstück im Kampfe in Ligny. Gegen dieses Dorf war das französische Korps Gérard, ebenfalls in drei starken Sturmkolonnen, vorgegangen und auf die Preußen der Brigade Henkel gestoßen. Man hatte die Angreifer auch hier trotz ihres Geschreies mit aller Ruhe erwartet und mit nahem, äußerst wirksamem Feuer empfangen. Dreimal verging den Franzosen dadurch die Lust, sich Dorf und Schloß Ligny auch von innen zu besehen. Dennoch erkannte man, daß die sechs Bataillone Henkels sich nur noch kurze Zeit gegen ein ganzes Korps halten könnten. Der Feldmarschall beobachtete von dem Moulin de Büssy aus mit seinen Luchsaugen unausgesetzt die Kämpfe vor der Höhe. Er sah, daß die Brigade Steinmetz in St. Amand nicht bleiben konnte, zog sich nach Bry zurück und ließ die Strecke zwischen St. Amand la Haye und Ligny durch Geschützfeuer decken. Dagegen schickte er nach Ligny, wo nun die Entscheidung lag, die Brigade Jagow vor und es entstand auch hier ein entsetzlicher Kampf Mann gegen Mann. Die gegenseitige Erbitterung, die Wut, das Schießen, das Krachen der zusammenbrechenden Häuser, der Rauch usw. spotteten hier aller Beschreibung.

Auf dem linken Flügel der Preußen, beim Korps von Thielmann, bestand das Gefecht in einem ergebnislosen Artilleriefeuer, da die Franzosen sich hier auf die Abwehr beschränkten und die Preußen wegen des vor ihrer Front sich hinziehenden Sumpfgeländes nicht vorbrechen konnten.

Dagegen hatte rechts und in der Mitte jetzt etwa um vier Uhr der Kampf in den genannten Dörfern seinen Höhepunkt erreicht. Immer auf die Ankunft des Marschalls Ney bauend, befahl der Kaiser, den Kampf in St. Amand la Haye und Ligny bis fünf Uhr hinzuziehen, um Zeit zu gewinnen.

Da erhielt er die Nachricht, daß Ney im Kampfe mit Wellington stehe, und daß ihm deshalb jede Entsendung von Truppen unmöglich sei. Auf diese Mitteilung hin beschloß er, seine Garden heranzuziehen und die feindliche Mitte zu durchstoßen. Etwa fünfeinhalb Uhr setzten sie sich in Marsch. Nach ungefähr zwei bis dritthalb Stunden konnten sie vor Ligny eintreffen und zum Sturme bereit sein.

Was Blücher betrifft, so hatte dieser seine Reserven schon herangezogen und großenteils in die Ortsgefechte eingreifen lassen. Von Wellington erhielt man wiederholt Nachrichten, daß er in ernste Kämpfe verwickelt sei, aber ununterbrochen neue Unterstützungen erhalte. Diese Meldungen ließen stets ein baldiges Anrücken der englischen Hilfe voraussetzen und waren also ganz dazu angetan, Blücher zu einer Weiterfortführung der Schlacht zu verleiten, auch wenn sie für ihn ungünstig stand.

Auch hatte sich allmählich das Gefecht auf dem rechten Flügel der Preußen für diese infolge der begeisterten und heldenmütigen Tapferkeit und des Zusammenwirkens aller Waffengattungen in und um St. Amand, wo jetzt auch die Brigaden von Krafft und von Thümen kämpften, sehr günstig gestaltet. Wäre um diese Zeit die sicher erwartete Hilfe eingetroffen, das stark erschütterte Korps von Vandamme und dann vielleicht die ganze französische Armee hätten schon heute eine entschiedene Niederlage erlitten. Sie kam aber nicht. Die Saumseligkeit Wellingtons vom 15. rächte sich am 16. Juni.

Der Abend nahte. Da die Engländer immer noch nicht kamen, so beschloß der Feldmarschall, wenigstens die gute Lage seines rechten Flügels auszunützen und von dort einen großen Vorstoß zu machen. Es hatte aber auch Napoleon, der den schwierigen Stand seines Korps Vandamme erkannte, diesem General eine Division junger Garde zur Hilfe geschickt und von seinem rechten Flügel gegenüber dem preußischen Korps von Thielmann eine Reiterbrigade genommen, um sie ebenfalls links zu verwenden.

Um sechseinhalb Uhr stand die Lage für die Preußen so günstig, daß der Feldmarschall mit Recht annehmen durfte, auch ohne seinen Bundesgenossen einen Sieg erringen zu können. Er beschloß nun, mit seinen noch vorhandenen Reserven rechts um Wagnelé herum gegen den linken feindlichen Flügel die vorher nur als Gegenstoß beabsichtigte Bewegung jetzt als entscheidenden Angriff auszuführen, und zog deshalb die bisher hinter der Mitte stehenden Brigaden nach rechts. Ferner schickte er dem General Thielmann Befehl, dem vor seiner Front weichenden Feind zu folgen und durch einen Vorstoß auf dem linken preußischen Flügel den Hauptangriff auf dem rechten zu unterstützen. Irrtümlicherweise zog Thielmann daraufhin die bisher hinter Ligny gestandene Brigade von Henkel ebenfalls von dort weg nach links.

Während diese Bewegungen hinter der Front stattfanden, dauerte der Kampf in den Dörfern mit neuen Truppen unter stets wachsender Erbitterung fort. Als während desselben General von Pirch II. melden ließ, seine Brigade in la Haye besitze keine Patronen mehr, frug der alte Feldmarschall statt aller Antwort spöttisch: »Haben denn meine Kerls dort keine Bajonette?«

Es mochte achteinhalb Uhr geworden sein. Sechs Stunden dauerte der wütende Kampf. Überall hatten die Preußen standgehalten, aber die Kräfte beider Gegner schienen erschöpft. Da verfinsterte sich plötzlich der Himmel, ein starker Gewitterregen prasselte auf Freund und Feind, man sah nicht mehr vor sich, das Feuern ließ nach, es trat eine verhältnismäßige Ruhe ein.

Mit einem Male fing der Lärm und zwar in bedeutend erhöhtem Maße bei Ligny wieder an.

Erstaunt, überrascht horchten der Feldmarschall und sein Stab auf das gerade dort ganz unerwartete Getöse.

»Nostitz, reiten Sie hin und sehen Sie nach, was es gibt.«

Der Adjutant sprengte los. Gleich darauf wurde der Himmel aber wieder klar und nun erkannte man es selbst: Der Feind, die französische alte Garde, die Garde-Reiterei und eine Kürassierdivision, war während des Gewitters unbemerkt herangekommen und mit Übermacht in und östlich neben Ligny eingebrochen, die preußische Stellung war gesprengt. Unglücklicherweise hatte man ja alle Reserven hinter der Mitte weggenommen und es standen in der Nähe der so sehr gefährdeten Stelle nur die 12 Eskadrons der Reservereiterei des Generals von Röder.

Kurz beobachtete Blücher, was vorging. Dann jagte er zu der schwachen Reiterei. »Vorwärts, zur Attacke auf diese!« Sein Säbel bezeichnete, welche er meinte.

Im Nu setzte sich Oberstleutnant von Lützow, der kühne Freischarenführer von 1813, mit seinen sechsten Ulanen in Galopp. Statt auf die Kürassiere, gerieten dieselben aber auf feindliche Infanterie. Eine tödliche Salve schmetterte ihnen entgegen.

Lützow selbst, 13 Offiziere, über 70 Mann stürzen, das Regiment weicht. Die westpreußischen Dragoner, die kurmärkischen Landwehrreiter greifen an. Französische Kürassiere fassen sie übermächtig in der Flanke und werfen sie. Gleiches Schicksal erleiden die westfälischen Landwehrreiter. Neue preußische Regimenter eilen herbei. Sie wären zahlreich genug gewesen, den Feind niederzuwerfen. Allein wegen der Überraschung, Verwirrung und Unordnung kamen die Attacken nicht geordnet an den Feind und mißlangen.

Der greise Feldmarschall war wütend, als er so noch in der letzten Stunde sich den Sieg entrissen sah. In seinem Grimm setzte er sich an die Spitze seiner Reiter und führte sie selbst vor. Umsonst, sie wurden geworfen. Noch einmal wendete der alte Blücher seinen edlen, ihm vom Prinzregenten von England geschenkten Schimmel und führte seine Schwadronen vor. Wieder vergebens. Sie werden geworfen, alles kehrt sich zur Flucht und reißt den Feldmarschall und den allein bei ihm gebliebenen Adjutanten Graf Nostitz mit zurück. Da trifft ein Schuß den arabischen Schimmel des Marschalls ins Auge. Im Todeskampf macht das Tier noch einige wütende Sprünge. Blücher fühlt, es muß jeden Augenblick zusammenbrechen.

»Nostitz, ich bin verloren!«

Kaum hat er dies gerufen, da stürzt das Roß zu Boden und fällt so unglücklich, daß es auf seinen Reiter zu liegen kommt. Von der gewaltigen Erschütterung betäubt, lag hier der Preußen Oberfeldherr unter seinem toten Pferde.

Die letzten seiner Reiter jagen vorbei, ohne ihn zu sehen, die feindlichen Kürassiere sausen heran.

Da springt Graf Nostitz aus dem Sattel, stellt seinen Schimmel quer vor den gestürzten Marschall, reißt eine Pistole aus dem Halfter und: »Nun kommt!«

Sie kommen auch. Aber sie müssen auf die wieder gegen sie vorsprengenden preußischen Reiter schauen, sie sausen vorbei, keiner ahnt, welchen Fang er hier machen konnte.

Blücher gefangen vor Napoleon – was wäre aus Belle-Alliance, was aus dem ganzen Feldzug von 1815, was aus der Welt geworden?

Ein gutes Geschick hat dies verhütet.

Noch einmal jagten die französischen Kürassiere rechts und links von der Gruppe vorbei. Jetzt aber flohen sie vor preußischen Reitern.

Endlich war die Gefahr vorüber und – Blücher kam wieder zu sich. Nun rief Nostitz den vorbeigaloppierenden Ulanenunteroffizier Schneider an und zog mit dessen Hilfe den arg zerquetschten, sonst aber unverletzten Marschall unter dem toten Pferde hervor. Dann hoben sie und der Major von dem Bussche von den Elb-Landwehr-Reitern ihn auf das Roß des Ulanen und brachten ihn in der Richtung nach Sombreffe in Sicherheit.

Das heiße Ringen auf dem rechten Flügel der Preußen war während dieser Episode ununterbrochen fortgegangen. Aber die Mitte war durchbrochen, die ganze Linie gesprengt. Von verschiedenen Seiten jagten Generale und höhere Offiziere zu dem um Gneisenau versammelten Stabe Blüchers. Niemand hatte eine Ahnung, wo der Oberfeldherr selbst geblieben.

»Was tun? Wohin sollen wir unsere Truppen zurückführen?«

Gneisenau war der älteste General. Er mußte, da der Oberbefehlshaber durchaus nicht aufzufinden war, den Entscheid treffen.

Kurze Weile herrschte Stillschweigen in dem kleinen Kreise. Jeder fühlte die Wichtigkeit des Augenblicks. Gneisenau sah auf seine Karte und sprach nur:

»Nach Tilly und Wavre!«

Wie unscheinbar klang dies und welch gewaltiger Entschluß lag in diesen wenigen Worten! Ausführlicher hieß es:

»Aufgeben der natürlichen Rückzugslinie nach dem Rhein, Verlassen der Gegend, aus der man Verpflegung, Nachschub, Unterstützung jeder Art erhielt, wahrscheinliche Aufopferung eines großen Teiles der Trains. Dafür aber treues Festhalten an der mit dem englischen Verbündeten getroffenen Abmachung, ernster Wille, am nächsten oder übernächsten Tage vereint mit demselben von neuem dem Feind entgegenzutreten, Unterordnung des speziellen Vorteiles unter das allgemeine Wohl.«

Das bedeutete Gneisenaus Rückzugsbefehl auf Tilly und Wavre, statt nach Namur und Lüttich.

Die Generale und Offiziere verstanden dies auch und sprengten gehobenen Mutes zu ihren Abteilungen.

Von einem sofortigen Rückzuge gleich nach der Schlacht kann man gar nicht reden. Die Preußen räumten nur die so lange tapfer gehaltenen Dörfer Ligny, St. Amand la Haye und Wagnelé, behielten aber Bry und Sombreffe noch besetzt. Die Angriffskraft der Franzosen war erschöpft. Sie machten zwar noch einige kleine Vorstöße, die jedoch leicht von den Preußen abgewiesen wurden. Als die Franzosen auch versuchten, aus Wagnelé vorzubrechen, wurden sie durch die Reiter des Generals Jürgaß sehr entschieden abgewiesen, wobei leider dieser General eine schwere Wunde erlitt.

In Tilly hielt man schon wieder, und hier traf auch in dunkler Nacht der alte Marschall mit seinem Adjutanten ein. Dem General von Gneisenau fiel eine Zentnerlast vom Herzen. Was wäre auch die Armee ohne Blücher gewesen!

Das Korps von Thielmann blieb die ganze Nacht in seiner alten Stellung. Erst gegen Tagesanbruch schloß es sich an die andern Korps an.

Die Franzosen folgten nur bis zur Chaussee von Sombreffe nach Quatrebras. Dann hielten sie und verloren – zu ihrem größten Unglück – die Preußen ganz aus den Augen.

Am Abend des 16. Juni hatten sie wirklich die preußische Armee gesprengt. In der Nacht zum 17. aber konnte sich diese wieder vereinigen und am 18. eine glänzende Rache nehmen.

Das war die Schlacht bei Ligny.

Sie hatte den Preußen 12 000, den Franzosen 11 000 Tote und Verwundete gekostet; bei ihrem überraschenden Durchbruch war es den letzteren auch gelungen, 16 preußische Geschütze zu erobern.

Napoleon hatte also gesiegt. Allein ein großer Erfolg war es doch nicht, den er errungen hatte. Denn durch den so lange andauernden Widerstand Blüchers fand Wellington Zeit, sein Versäumnis nachzuholen und die verbündete Armee zu sammeln.

Die Nacht zum 17. brachten die Franzosen auf dem Schlachtfelde zu. Unterdessen hatten die Preußen in Tilly bis drei Uhr morgens gerastet. Dann zogen sie wieder völlig geordnet weiter nach Norden. Der alte Marschall konnte in Tilly einige Stunden schlafen. Da er erwachte, schmerzte ihn heftig seine rechte Seite. Er vernahm jedoch, daß man bei den Truppen sehr um ihn besorgt sei, deshalb ließ er sich auf das Ulanenpferd heben und ritt zu den Kolonnen. Brausende Hurras begrüßten den geliebten Feldherrn. Es war, als ob mit seinem Erscheinen jede düstere Stimmung verschwunden sei. Niemand hielt sich für geschlagen, niemand zweifelte an einem guten Ausgang. So marschierte man guten Mutes bis Wavre. Dort traf man das Korps von Bülow.

Bei den Franzosen gab man sich ganz der Freude des Sieges hin und beging einen Fehler nach dem andern. Sollte man es für möglich halten, daß man nach der großen Schlacht bei Ligny keine, auch nicht die kleinste Verfolgungspatrouille dem abziehenden Feinde nachschickte! Kam es doch vor, daß Scharen französischer Infanteristen ohne Waffen mit Feldkesseln zum Wasserholen nach Bry gingen und dort mit preußischen Schüssen empfangen wurden. Das Großartigste ist aber doch die Tatsache, daß noch am 17. vormittags keine französische Reiterpatrouille die Richtung des preußischen Rückzuges erkannte. Der Kavallerie-General Pajol ließ sich sogar durch die auf der Chaussee nach Namur zurückjagenden Trains, einzelne dort aufgetretene Ulanen und eine dahin verirrte und den Franzosen in die Hände fallende Batterie sowie durch eine Schar jener bei Wagnelé ausgerissenen Flüchtlinge verleiten, seinem Kaiser zu melden, daß sich die ganze preußische Armee in größter Unordnung auf Namur und Lüttich zurückziehe. Diese gewaltige Täuschung wurde später durch den Marschall Grouchy noch vermehrt. Derselbe sollte mit den Korps von Vandamme und Gérard, einer Division des Korps Lobau und starker Kavallerie die Preußen gegen den Rhein zu verfolgen, während der Kaiser selbst mit der Armee gegen die Engländer aufbrach. Nun hatte man den ganzen Vormittag des 17. unbenützt verstreichen lassen. Jetzt regnete es in Strömen. Man sah nicht mehr auf zweihundert Schritte vor sich. Der fette lehmige Boden erschwerte den Marsch. Grouchy glaubte ohne weiteres dem Befehle Napoleons, der lautete, er solle den auf Namur weichenden Preußen folgen und sie angreifen, wo er sie fände. Aber er fand sie nicht, er sah sie nicht; er ahnte nicht einmal die Richtung, wohin sie gezogen, und klärte seinen Kaiser nicht darüber auf, daß er nichts wußte.

Ist darin einer der Hauptgründe der späteren entsetzlichen Niederlage der Franzosen bei Belle-Alliance zu sehen, so darf man auch nicht vergessen, daß der Napoleon von 1815 nicht mehr jener von 1796, 1809 oder vom März 1814 war. Er unterließ es, rechtzeitig selbst Verfolgungsanordnungen zu treffen, beritt das gestrige Schlachtfeld, begrüßte die ihm begeistert zujubelnden Truppen und ließ ihnen die, wie er meinte, wohlverdiente Ruhe. Was ihn hiebei entschuldigt, ist allein, daß er den Marsch der Preußen auf Namur und damit die Isolierung der Engländer als ganz sichere Tatsachen annahm und daher bestimmt glaubte, mit den letzteren nun leichtes Spiel zu haben.

Ebensowenig verhielt sich der Marschall Ney seiner früheren Art gemäß. Er wartete am 17. früh ruhig auf die Ankunft seines Kaisers und tat nichts, um sich über die Stellung der Engländer zu orientieren. Daher merkte er nicht, daß diese nordwärts abgezogen waren und nur zu seiner Täuschung die Reiterei des Lord Uxbridge ihm gegenüber hatten stehen lassen.

Endlich gegen Mittag brachen die Franzosen von Ligny auf. Grouchy mit ungefähr 37 000 Mann in der Richtung auf Namur, Napoleon mit dem Korps von Lobau, den Garden und den Reiterdivisionen von Subervic, Milhaud und Kellermann marschierte nach Frasnes, vereinigte sich hier mit den Truppen Neys und rückte dann, nun 72 000 Mann und 240 Geschütze stark, gegen die bei Quatrebras vermuteten Engländer vor.

Bald entdeckte man, daß dieselben sich im Rückzug befanden. Der Kaiser ließ nun zwar seine ganze Armee antreten, allein die Verbündeten hatten einen zu großen Vorsprung, um noch erreicht werden zu können. Bei Genappes, als die französischen Lanciers zu heftig nachdrängten, machte Lord Uxbridge mit der englischen Leibgarde eine glänzende Attacke. Sonst fand kein Gefecht mehr statt und am Abend des 17. Juni standen:

die Preußen mit ihren jetzt vereinzelten vier Korps bei Wavre,

die Engländer bei Mont St. Jean, Merbraine und Braine-l'Alleud,

Napoleons Armee bei Plancenoit, endlich die Truppen des Marschall Grouchy bei Gembloux.

Die Franzosen waren noch am Morgen des 18. Juni über die Stellungen ihrer Gegner nur unvollständig orientiert, letztere kannten die Maßnahmen des Feindes ziemlich genau.

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