Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Carl Tanera >

Die Befreiungskriege 1813 bis 1815

Carl Tanera: Die Befreiungskriege 1813 bis 1815 - Kapitel 19
Quellenangabe
typetractate
authorCarl Tanera
titleDie Befreiungskriege 1813 bis 1815
publisherZweiter, unveränderter Abdruck Fünftes bis neuntes Tausend
printrunC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorK. Frhr. v. Lupin Oberstleutnant
year1913
illustratorErnst Zimmer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160616
projectid80a45084
Schließen

Navigation:

17.
Nach Paris

Reims, Arcis-sur-Aube, Fère-Champenoise

Nach der gründlichen Abweisung bei Laon war Napoleon trotz seines unvergleichlichen Genies und der zum Äußersten gehenden Aufopferungsfähigkeit seiner Offiziere und Mannschaften nicht mehr imstande, gegen eine der beiden feindlichen Armeen mit Aussicht auf Erfolg vorzugehen. Ein Mann von geringerer Tatkraft hätte sich jetzt gefügt und den vom Feinde ihm angebotenen und von der französischen Kammer zu Paris zur Unterzeichnung empfohlenen Frieden auf Grundlage der Verhältnisse, wie sie vor 1792 waren, angenommen. Nicht so Napoleon. Von der Republik hatte er Frankreich einschließlich Belgiens, des linken Rheinufers und des größten Teiles von Italien übernommen und diesen Besitzstand zu wahren geschworen. Um ihn zu erhalten, wollte er bis zum äußersten kämpfen. Ohne ihn wollte er lieber ruhmbedeckt im unmöglichen Kampfe zugrunde gehen als nachgeben.

So gab er denn trotz Laon dem ihn beim Kongreß zu Châtillon noch immer vertretenden Minister Caulincourt keinerlei neue Weisung, dieser stellte am 15. März im Namen seines Kaisers vielmehr Forderungen, welche die Verhandlungen über den Präliminarfrieden endgültig zum Scheitern brachten. Am 9. März erfolgte zwischen den Vertretern von England, Rußland, Österreich und Preußen eine Erneuerung des schon bestehenden Bündnisvertrages, in welchem die Mächte sich verpflichteten, mit ihrer gesamten Streitmacht im Kriege auszuharren, bis die Rückkehr Frankreichs in die Grenzen von 1792 und die Unabhängigkeit Hollands, Deutschlands, der Schweiz, Italiens und Spaniens von Frankreich zugestanden sei. Durch den sogenannten Friedenskongreß, welcher während der Zeit vom 14. Januar bis 18. März gespielt hatte, war schließlich nur erreicht, daß man die Entscheidung über den Kriegsabschluß doch den Männern des Schwertes überlassen mußte.

Napoleon stand jetzt zwischen den beiden feindlichen Armeen sozusagen auf der Lauer. Gerne hätte er seinen erschöpften Truppen einige Ruhe gegönnt. Da erhielt er Nachricht, daß ein zur Verstärkung für die schlesische Armee bestimmtes russisch-preußisches Armeekorps von etwa 14 000 Mann vereinzelt bei Reims stehe. Dies konnte er mit Übermacht angreifen und schlagen. Deshalb brach er schon am 12. abends mit dem größten Teile seines Heeres wieder auf und wendete sich gegen Reims.

Das gemeldete Korps bestand aus 9000 Russen und 5000 Preußen unter Befehl des Generals Graf von St. Priest. Die Preußen führte General von Jagow. Letztere hatten die schwache französische Besatzung von Reims am 12. März aus der Stadt geworfen. In derselben lagerten am 13. die Russen, während die Preußen in den umliegenden Dörfern kantonierten. Da St. Priest Nachrichten über den Sieg von Laon erhalten hatte, glaubte er sich völlig sicher und ordnete für den 13. großen Feldgottesdienst bei Reims und Bezannes an, ohne auf die Vorstellungen des General von Jagow zu hören, der nicht so vertrauensselig war wie der russische General. Der Feldgottesdienst fand statt. Während desselben jagte ein Husar mit verhängtem Zügel daher und meldete: »Unsere Vorposten sind überfallen, die beiden Landwehrbataillone von feindlicher Reiterei umringt und gefangen genommen worden. Die Franzosen drängen mit starken Massen gegen Reims vor.«

Das war keine geringe Überraschung. Im Nu wurde von den Preußen die Schlachtordnung angenommen. Auch St. Priest kam mit seinen Russen aus Reims und marschierte auf. Er hielt aber die ganze Geschichte nur für eine Auskundung und scheute nicht, sich vor der Veslebrücke und dem Engnis der Stadt aufzustellen statt dahinter.

Napoleon erkannte bald, daß er den Gegner vernichten könne, wenn dieser nicht zum Abzuge veranlaßt würde. Deshalb zog er, um das Anrücken seiner Massen zu erwarten, die Vortruppen wieder zurück und es trat eine zweistündige Gefechtspause ein. Dadurch wurde St. Priest erst recht verleitet, an eine Erkundung zu glauben und blieb vor Reims stehen. Dies sollte sich furchtbar rächen. Gegen vier Uhr erschienen plötzlich im Halbkreis um die russisch-preußische Stellung herum überlegene feindliche Infanteriemassen, und 40 Geschütze eröffneten ein furchtbares Feuer. Jetzt erst erkannte St. Priest seinen Irrtum und gab Befehl zu schleunigem Rückzug, aber es war zu spät. Ein großer Teil der Verbündeten wurde durch ein starkes Reitergeschwader der Franzosen von Reims abgeschnitten oder doch durch wiederholte Angriffe vollständig in Unordnung gebracht. Schließlich gab es bei der Veslebrücke ein nicht mehr entwirrbares Durcheinander. Darein schossen und hieben die Franzosen. St. Priest wurde in dem Gedränge tödlich verwundet. Endlich kam man über die Vesle, aber wie! Die Verbündeten hatten in wenigen Stunden 5000 Mann und 22 Geschütze verloren.

Das war wieder ein Gewaltstreich Napoleons gewesen! Bei Laon kaum dem Untergange entronnen, hatte er, den die Verbündeten verblutend in den letzten Atemzügen glaubten, ihnen noch solch einen Schaden zugefügt!

Nach seinem Erfolge bei Reims beschloß der Kaiser, sich wieder gegen Schwarzenberg zurückzuwenden. Er ließ die beiden Marschälle Marmont und Mortier mit etwa 30 000 Mann und 60 Geschützen der schlesischen Armee gegenüber stehen, verstärkte den Rest seiner Armee durch aus Paris herangezogene Kräfte auf 27 000 Mann und marschierte nach der Aube, um sich dort mit den in der Gegend von Provins stehenden 40 000 Mann der Korps von Macdonald, Oudinot und Gérard wieder zu vereinigen und aufs neue die Hauptarmee der Verbündeten anzugreifen.

Napoleon glaubte auf Grund verschiedener kurz vorher von Macdonald eingelaufener Meldungen, daß die Armee Schwarzenbergs diesem gegenüber bei Pont, Nogent und Bray stehe, und beschloß durch einen schnellen Marsch über Arcis-sur-Aube dem Gegner in den Rücken zu fallen, zwischen seine verschiedenen Heersäulen hineinzustoßen, einzelne Korps desselben zu vernichten und in das Ganze möglichste Verwirrung zu bringen. Der vorzügliche Plan scheiterte an der falschen Grundlage, auf der er aufgebaut war.

General Sebastiani, der Nachfolger des bei Craonne verwundeten Generals Grouchy, der am 19. März bei Plancy die Aube überschritt, traf auf die Kosaken des Generals Kaisarow, warf sie nach tapferem Widerstande und verfolgte sie gegen Arcis. Der Kaiser selbst war nach Méry gelangt und dort auf Württemberger gestoßen, die nach zähem Widerstande verdrängt wurden. Auch gelang es, den Pontontrain des Wittgensteinschen Korps abzufassen. Aus alledem schloß der Kaiser, daß Schwarzenberg auf die Kunde von seiner, Napoleons, Ankunft erst seine Armee weiter zurück zu vereinigen streben werde. Er wollte daher auf die einzelnen Truppenkolonnen während ihres Anmarsches stoßen.

Allein der Oberbefehlshaber der Verbündeten hatte sich endlich aufgerafft; wir wissen ja, was alles im Hauptquartier sich inzwischen ereignet hatte. Auch konnte Napoleon nach seinen Verlusten von Craonne und Laon, sowie den Abgaben gegen die schlesische Armee nicht mit großer Macht angekommen sein, kurz, der Fürst beschloß, anzugreifen.

Die in erster Linie in Frage kommenden Truppen von Kaisarow, Wrede und Barclay betrugen etwa 60 000 Mann. Um Mittag des 20. März waren die Aufstellungen südlich Arcis vollendet, Kaiser Alexander, König Friedrich Wilhelm und Schwarzenberg waren eingetroffen, während der Kronprinz von Württemberg sich im Anmarsch befand. Nun gab der Oberbefehlshaber das Zeichen zum Angriff auf die von Arcis her erscheinenden Franzosen, bei denen die Reiter Sebastianis und das Korps Neys den Vortrab bildeten. Sie erkannten bald den Anmarsch einer ganzen feindlichen Armee und meldeten dies dem Kaiser. Derselbe war gegen ein Uhr in Arcis eingetroffen. Was er bei sich hatte, erreichte kaum die Stärke von 25 000 Mann, da es Macdonald noch nicht gelungen war, heranzukommen.

Mit ungläubiger Miene hörte Napoleon die Meldungen der beiden Generale an; er glaubte fest, Schwarzenberg setze seinen Rückzug fort und wolle jetzt denselben nur verbergen. Auf die wiederholten Einwürfe seiner Generale wurde er heftig. Nun schwiegen diese und ritten zu ihren Truppen. Kaum war Sebastiani bei seinen Reitern angekommen, so sah er von einem Hügel aus den ganzen feindlichen Anmarsch. Er ritt, die Wichtigkeit größter Eile erkennend, selbst, was sein Pferd laufen konnte, zum Kaiser zurück.

»Majestät, ich beschwöre Sie, mir zu glauben. Die ganze große Armee der Verbündeten ist gegen uns im Vormarsch.«

Aber Napoleon glaubte noch immer nicht und wich dem ihm drohenden furchtbaren Stoße nicht aus. Er blieb und beschloß, vor Arcis die Ankunft der Gardedivision Friant und das Korps Oudinot abzuwarten.

Der Kaiser befand sich in einer Art von übertrieben hoffnungsvoller Stimmung. Hatte er doch wenige Tage zuvor dem Polizeiminister Savary in Paris, der ihm die Vermehrung royalistischer Umtriebe in der Hauptstadt melden ließ, geschrieben: »Ich werde den gordischen Knoten in Alexanders Weise zerhauen. Mögen sich's die Leute gesagt sein lassen, daß ich heute derselbe Mann bin, welcher ich bei Austerlitz und Wagram war, daß ich keine Intrigue im Staate will und daß darin keine Autorität gilt, als die meinige.«

Die Schlacht begann für die Franzosen unglücklich. Kaum entdeckten die Kosaken Kaisarows Sebastianis Reiterei, so warfen sie sich von der Seite her darauf. Wredes Chevaulegers gönnten ihnen aber nicht den Triumph, allein den Gegner zu schlagen, sondern ritten auch an. Die Franzosen wurden geworfen und nach der Aube-Brücke gejagt. Die Verbündeten stürmten hinterher. Es war ein kritischer Moment. Da trat Kaiser Napoleon wieder mit der ganzen Zauberkraft seiner eigenen Persönlichkeit ein. Mit gezogenem Degen stellte er sich den Flüchtigen an der Brücke entgegen.

»Wer will eher über diese Brücke als ich?«

Diese ihnen entgegengeschmetterten Worte genügten; die Flüchtigen hielten beschämt und sammelten sich wieder.

Schleunigst vorgebrachtes Geschütz der Garde feuerte auf die verbündete Reiterei. Dieselbe wich und die französische Kavallerie konnte ihre ursprüngliche Stellung auf dem rechten Flügel wieder einnehmen.

Unterdessen war Wredes Infanterie vorgerückt. Um das östlich Arcis gelegene Dorf Torcy le Grand entspann sich ein schwerer, fünf Stunden dauernder Kampf. Napoleon glich die Minderzahl seiner Truppen durch seine Persönlichkeit aus. Überall, wo Gefahr war, stand er dabei, nicht selten im dichtesten Kugelregen. Einmal schlug eine Granate vor den Füßen seines Pferdes ein und krepierte. Er verschwand in einer Wolke von Rauch und Staub. Jeder, der es sah, hielt ihn für verloren. Das Pferd, auf dem der Kaiser saß, wurde schwer verwundet, der Reiter aber sprang wieder auf, bestieg ein neues Roß und führte den Befehl weiter, als ob nichts geschehen sei. Wrede vermochte schließlich nur einen Teil des eroberten Dorfes Torcy le Grand zu halten. Nachdem Schwarzenberg erfahren, daß das Korps des Kronprinzen von Württemberg jeden Augenblick eintreffen werde, ließ er endlich die Garden und Reserven Barclays vorrücken. Man hatte aber zu viel wertvolle Zeit unbenützt verstreichen lassen. Die Dunkelheit brach herein, zu einem Angriff im großen war es zu spät. Deshalb erteilte der Oberfeldherr den Befehl, wieder in die vor der Schlacht innegehabte Stellung zurückzugehen.

Die Franzosen hüteten sich natürlich wohl, nachzudrängen, und so endete dieser Kampf ohne Entscheidung. General Sebastiani konnte noch einen überraschenden Angriff auf die Kosaken Kaisarows machen und ihnen die Hiebe heimgeben, die er am frühen Morgen von ihnen erhalten hatte. Vor den bald ankommenden Verstärkungen der Verbündeten mußte er aber wieder umkehren.

So blieben denn beide Gegner die Nacht zum 21. im freien Felde vor Arcis liegen. Eine Hügelreihe verhinderte, daß man sich sah und die beiderseitigen Vorposten ließen keine Erkundungspatrouillen durch.

Der Morgen des 21. verging mit Aufmärschen und gegenseitigen untergeordneten Vorstößen. Gerade dieses unentschiedene Auftreten der Verbündeten bestärkte Napoleon in seinem Wahne, es handle sich für Schwarzenberg um ein Rückzugsgefecht. Etwa um zehn Uhr befahl er dem General Sebastiani, mit der gesamten Reiterei anzugreifen. Ney sollte ihm mit seinem Korps als Unterstützung folgen.

Napoleons Armee war jetzt alles in allem 30 000 Mann stark, die Verbündeten standen vollkommen aufmarschiert mit 100 000 bereit.

Die ersten französischen Reiter erklommen etwa elf Uhr vormittags den Höhenrand. Bei ihnen Ney und Sebastiani. Diese sahen, soweit das Auge reichte, Truppen und überall Truppen. Ein Angriff dagegen wäre nicht nur Wahnsinn, sondern wahre Tollheit gewesen. Beide Generale hielten ihre Abteilungen schleunigst an, ließen dem Kaiser melden, was sie gesehen hatten, und ihn beschwören, selbst zu kommen und zu schauen. Zwar glaubte er ihnen nicht, doch sprengte er auf den Hügel herauf. Er erkannte im Nu, daß ihn nur der schleunigste Rückzug über die Aube retten konnte. Am hellen Tage ließ er seine kleine Armee ruhig, als ob er ein Parademanöver vornähme, nach und nach durch Arcis über die Aube abziehen. Noch zwei Stunden merkten die Verbündeten nichts davon, sondern blieben ruhig stehen. Endlich erkannte man, daß die französischen Truppenkolonnen schon den jenseitigen Höhenrand auf der Straße nach Vitry erstiegen. Jetzt erst befahl Schwarzenberg allgemeines Vorrücken. Es gelang nur noch, das mit der Nachhut betraute Korps Oudinots zu fassen, ihm durch Geschützfeuer ernste Verluste zuzufügen und ihm in Straßenkämpfen in Arcis etwa 800 Gefangene abzunehmen. Die Armee selbst war aber wieder entwischt. Immerhin hatten die beiden letzten Tage den Franzosen doch wieder 4000 Mann und 3 Kanonen gekostet.

Der Kaiser war also mit einem blauen Auge weggekommen. Es wäre vielleicht besser für ihn gewesen, wenn er das Eintreffen der Truppen Macdonalds abgewartet hätte. Jetzt befand er sich in einer verzweifelten Lage. Durch Blücher geschlagen, von Schwarzenberg abgewiesen, konnte er infolge der Schwäche seiner Streitkräfte sich weder gegen die eine noch gegen die andere wenden. Dazu waren jetzt alle Friedenshoffnungen durch das Scheitern des Kongresses von Châtillon vernichtet. In dieser Bedrängnis faßte er einen äußerst kühnen Entschluß, der ihm noch die meiste Aussicht auf Rettung zu bieten schien. Er trat seinen Marsch in östlicher statt westlicher Richtung an. Erstens glaubte er die Verbündeten würden nicht wagen, ohne Rücksicht auf ihn den Marsch auf Paris fortzusetzen. Zweitens hoffte er, sich durch die Truppen und Vorräte der östlichen Festungen verstärken zu können, und drittens meinte er, die Verbündeten durch die Bedrohung ihrer Verbindungen und Rückzugslinien für Friedensgedanken gefügiger zu machen.

Während also Napoleon allen seinen Marschällen, auch den noch weit rückwärts stehenden, nämlich Marmont und Mortier, Befehl sandte, auf Vitry zu marschieren, um sich dort mit ihm zu vereinigen, hatten sich die beiden großen Armeen der Verbündeten bereits ebenfalls in Bewegung gesetzt, um sich die Hand zu reichen. Die schlesische Armee zog über Châlons heran, die Hauptarmee folgte Napoleon über Arcis nach Vitry. Der Haupterfolg der Verbündeten war der, daß sich ihre beiden Armeen, die Hauptarmee und die schlesische Armee, am 23. März in der Linie zwischen Châlons und Arcis-sur-Aube vereinigten.

Es standen also an diesem Tage die 200 000 Verbündeten zwischen Châlons und Vitry, die Marschälle Marmont und Mortier mit etwa 25 000 Mann westlich davon bei Etoges und Bergères, neu aufgestellte französische Kräfte, etwa 16 000 Mann unter den Generalen Alix und Souham, südlich an der Seine bei Montereau, der Kaiser Napoleon aber mit nur 50 000 Mann befand sich östlich der Verbündeten bei St. Dizier.

Ein günstiger Umstand verriet den Verbündeten nicht nur die Absichten Napoleons, sondern auch die für ihn so gefährlichen Verhältnisse von Paris. Zuerst brachten die Kosaken die ganz überraschende Meldung, der französische Kaiser sei mit seiner Armee in der Richtung »gegen Moskau« abmarschiert. Eine andere Bestimmung kannten diese Natursöhne nicht. Kaum wollte man ihren Worten trauen, da wurden ebenfalls von Kosaken Schriftstücke aufgefangen und in Blüchers Hauptquartier eingebracht, darunter ein eigenhändiger Brief Napoleons an seine Gemahlin, worin er ihr über seine Absichten schrieb.

Dann fingen diese unermüdlichen Kosaken noch eine Depesche, und zwar des Polizeiministers Savary ab. Darin hieß es, daß die Ruhe in Paris nicht länger verbürgt werden könne, wenn das Kriegstheater nicht von der Hauptstadt entfernt werde.

Blücher war zwar immer noch krank, so daß er seine Anordnungen vom Bett oder vom Wagen aus treffen mußte. Allein diese Funde brachten ihn in so gute Laune, daß er ein artiges, ihm von Gneisenau aufgesetztes Billet an die französische Kaiserin schrieb und ihr dasselbe nebst dem, natürlich vorher zur Kenntnis genommenen, Briefe ihres Gatten zusandte. Dann schickte er die Depeschen auch an das Hauptquartier. Das nächste Ergebnis der Kosakenmeldungen von der feindlichen Marschrichtung gegen Moskau war hier ein unerwartet günstiges. Schwarzenberg meinte nämlich, es sei das Nachkommen seines Monarchen von Chatillon nach Arcis-sur-Aube nicht mehr sicher und schlug dessen Abreise zur österreichischen gegen Augereau kämpfenden Südarmee vor. Der Kaiser Franz sah dies ein und zog mit den in Chatillon versammelten Diplomaten südwärts ab. Jetzt hatten Kaiser Alexander und die Kriegspartei gewonnenes Spiel. In Übereinstimmung mit dem König von Preußen und nun auch mit Schwarzenberg wurde der Vormarsch gegen Paris mit beiden vereinten Armeen beschlossen.

Noch am gleichen Tage wurden die veränderten Befehle ausgegeben, wonach nur Wintzingerode mit 8000 Reitern und 46 Geschützen zur Beobachtung Napoleons zurückgelassen wurde, das Gros der Armee aber gegen Paris marschieren sollte.

Hei, wie diese Kunde die Truppen belebte und begeisterte! Wie schnell waren Müdigkeit, Strapazen, Ärger wegen der vergangenen Hin- und Hermärsche vergessen! Alles jubelte und beglückwünschte sich.

Und erst bei der schlesischen Armee! Der alte Recke Blücher warf, als er den Beschluß erfuhr, den grünen Damenhut, den er als Schirm für seine kranken Augen trug, in die Höhe und rief frohlockend aus: »Das nenn' ich mir mal 'ne Glücksbotschaft, Gott verdamm' mir! Endlich also haben's die Gutgesinnten über die Lumpenhunde von Diplomatikern davongetragen? Jetzt heißt's nicht mehr man bei uns, sondern allenthalben: Vorwärts!« Seine Truppen aber, die jauchzten vor Freude und überall rief es immer wieder von neuem: »Hurra! Nach Paris!«

Am 25. März frühmorgens jagten nach allen Seiten ganze Wolken von Kosaken los. Die so sehr bewährten Generale Tschernitscheff, Tettenborn, Kaisarow und Seslawin bildeten mit ihren Reitern einen wahren Schleier um die vereinten Armeen und verhüllten dadurch den Marsch nach Paris.

Die beiden Marschälle Marmont und Mortier hatten weder von der Schlacht bei Arcis-sur-Aube, noch von dem Marsche der Verbündeten gegen Paris eine Ahnung. Sie wollten, ersterer voraus, dem erhaltenen Befehle gemäß in der Richtung auf Vitry die Verbindung mit ihrem Kaiser aufsuchen.

Ihnen entgegen auf der Straße gegen Fère-Champenoise marschierten die Württemberger und das russische Korps Rajewski (früher Wittgenstein), beide unter Befehl des Kronprinzen von Württemberg. Die Reiter des Grafen Pahlen III. bildeten die Vorhut. In den Reihen der Württemberger und Russen steckte heute ein ganz besonders frischer Geist. Das hatte der Befehl »Nach Paris« bewirkt.

Plötzlich entdeckten die Kosaken den Anmarsch französischer Reiter. Graf Pahlen ließ die Signale zum Aufmarsch geben und seine Geschütze feuern. Marmont zog auch seine Artillerie vor. Das Geschützfeuer vernahm der Kronprinz von Württemberg und kam schleunigst mit seiner Reiterei und deren Kanonen angetrabt.

»Sind es viele?«

»Es scheint ja, Königliche Hoheit.«

»Tut nichts. Wir greifen an. Graf Pahlen, fassen Sie die linke Seite der Franzosen, ich wende mich gegen die rechte. Die österreichische Kürassierdivision Nostitz, die jeden Augenblick eintreffen wird, soll mir folgen!«

Nun ritten etwa 7000 Reiter gegen die beiden französischen Korps an. In der Mitte feuerte die verbündete Artillerie weiter. Die Marschälle waren höchlichst überrascht, solchen Reitermassen zu begegnen, meinten auf eine ganze Armee zu stoßen und traten daher den Rückzug an. Nun hatten die Reiter der Verbündeten erst recht Oberwasser. Die als Nachhut Marmonts zurückgelassenen Voltigeurs wurden überritten oder umzingelt und gefangen. Graf Pahlen führte eine für die Franzosen sehr verlustreiche Attacke auf den linken Flügel des Gegners aus. Trotz fortwährender Bedrängungen setzten die beiden Marschälle ihren Rückzug in guter Ordnung etwa zehn Kilometer weit gegen Fère-Champenoise fort. Nun erkannten sie, daß sie doch nur Reiterei gegen sich hatten, hielten und wiesen alle weiteren Angriffe standhaft ab.

In seinem frischen Kampfesmut konnte sich der Kronprinz von Württemberg, obwohl er unterdessen erkannt hatte, daß er die beiden Korps von Marmont und Mortier vor sich habe, nicht entschließen, das Ankommen der Infanterie abzuwarten, sondern er befahl von neuem den energischesten Angriff seiner durch russische Kavallerie verstärkten Reiter auf beide feindliche Flügel. Die Franzosen vermuteten, daß jetzt die Infanterie der Verbündeten anrücke und beschlossen den Rückzug weiter bis hinter Fère-Champenoise fortzusetzen. Dies brachte sie in eine sehr gefährliche Lage, da das Gelände immer sumpfiger wurde und fast alle Truppen auf die einzige Hauptstraße verwiesen werden mußten. Vier Regimenter junger Garde wurden hierbei aufgerieben, 8 Kanonen im Feuer erobert, 24 weitere, 60 Munitionswagen und ein Trainbataillon fielen auf der Straße in die Hände der siegreichen Reiterei. Dieselbe war jetzt auf 12 000 Pferde verstärkt und setzte bis drei Uhr nachmittags unaufhörlich ihre Angriffe fort.

Plötzlich erscholl heftiger Kanonendonner im Rücken der Verbündeten und Fürst Schwarzenberg ließ dem Kronprinzen von Württemberg mitteilen, daß eine feindliche Infanteriekolonne von Vatry her bei Châlons die Vereinigung mit den beiden Marschällen anstrebe. Deshalb ließ der Kronprinz von den Marschällen ab und sandte den Grafen Pahlen und eine russische Kürassier-Division nach der Richtung des herüberschallenden Kanonendonners.

Derselbe erklärte sich wie folgt: Zwei neu aufgestellte französische Divisionen unter Befehl der Generale Pacthod und Amey, aus 8000 nur mit Blusen bekleideten Infanteristen, 100 Husaren und 16 Geschützen bestehend, wollten sich mit den beiden Marschällen bei Vatry südwestlich Châlons vereinigen und gerieten dabei gerade in die Anmarschrichtung der schlesischen Armee. Von der Vorhutkavallerie der letzteren, bei welcher sich auch der kranke Blücher im Wagen und Gneisenau befanden, wurden sie entdeckt. Sofort befahl Gneisenau dem Reitergeneral von Korff mit allen Regimentern, die er schnell zusammenbringen könne, auf diesen Feind Jagd zu machen. Als General Pacthod eine Reitermasse von über 3000 Pferden gegen sich anreiten sah, ließ er seine Bagage im Stich, spannte deren Pferde mit vor die Geschütze und trat den Rückzug gegen Fère-Champenoise an. Gegen zwei Uhr war er nur noch etwa vier Kilometer von Fère-Champenoise entfernt, hinter welchem Orte jetzt auch die beiden Marschälle angekommen waren. Da stürmten plötzlich die Reiterregimenter des Generals Wassiltschikof daher. Etwa 6000 Reiter der Verbündeten und zahlreiche Kanonen traten nun gegen die Divisionen des Generals Pacthod in Tätigkeit. Er ließ große Karrees bilden, auf ganz nahe Entfernungen Salven abgeben und setzte kaltblütig seinen Marsch fort. Schon konnte der kühne französische General sich der Hoffnung hingeben, die Marschälle zu erreichen, da schob sich ihm ein neuer Riegel vor. Das russische Korps von Rajewski war angelangt. Pacthod mußte erkennen, daß ein Durchkommen nicht mehr möglich sei. Er beschloß, sich in die Sumpfgegend von St. Gond zu werfen. Unaufhörlich stürmten die Reiter der Russen von neuem an, eroberten nach und nach alle Kanonen der Franzosen, und schließlich mußte aus den einzelnen Karrees ein dicht zusammengedrängter wirrer Knäuel entstehen. Fürchterlich wüteten in diesem die Kartätschen der Russen. Aber kein Zeichen deutete auf eine beabsichtigte Unterwerfung der Franzosen.

Die anwesenden Monarchen, voll Bewunderung über die tapfere Haltung dieser Feinde und ihres Führers, schickten den Flügeladjutanten von Thiele zu Pacthod, um ihn zur Übergabe aufzufordern. Von der anderen Seite ritt Gneisenau selbst an den Knäuel, warf den Mantel ab, so daß seine Generalsuniform sichtbar ward, und stellte das gleiche Verlangen wie Thiele. Allein man hatte versäumt, zuvor das Einstellen des Artilleriefeuers zu befehlen, und darüber war Pacthod aufgebracht und erwiderte auf Thieles Worte streng: »Man parlamentiert nicht unter Kartätschfeuer! Sie sind mein Gefangener.« Dann übergab er den Flügeladjutanten der Obhut zweier Offiziere. Auf Gneisenau fielen Schüsse, so daß er zurückreiten mußte. Die Wächter Thieles hatten aber diesen absichtlich entweichen lassen. Er sprengte zurück und bewirkte die Einstellung des Feuers. Unterdessen führten jedoch die russischen Gardereiter sowie jene von Wassiltschikof so wütende Attacken aus, daß jetzt der große französische Knäuel gesprengt und nach und nach alles erschlagen oder gefangen wurde. General Pacthod selbst, dem eine Kartätschenkugel den Arm zerschmettert hatte, ward vor die Monarchen geführt und wegen seiner vorzüglichen Tapferkeit mit Lobsprüchen überhäuft.

Dieses Gefecht war es, dessen Kanonendonner die Marschälle und der Kronprinz von Württemberg vernommen hatten. Nun glaubten Marmont und Mortier, es sei ihr Kaiser, der hier angreife und also die Verbündeten in die Mitte gebracht habe. Deshalb gingen sie nur um so entschiedener ihrerseits zum Angriff vor. Aber die Aufklärung blieb nicht lange aus, die Marschälle erkannten ihren Irrtum und gaben Befehle zum unverzüglichen Abmarsch gegen Sezanne. Damit endeten die für die Franzosen so unglücklichen Gefechte bei Fère-Champenoise. Sie hatten heute an 5000 Tote und Verwundete, 10 000 Gefangene, 80 Geschütze und 250 Pulverwagen verloren, während der Verlust der Verbündeten nur 1000 Mann betrug.

Das arg mitgenommene Korps Marmont, sowie das etwas besser durchgekommene Mortiers setzten ihren Rückzug unter äußerst schwierigen Verhältnissen fort. Sie wurden sowohl von der Vorhutkavallerie des Yorck'schen und Kleistschen Korps als auch von nachgerückter Reiterei der Hauptarmee wiederholt, am meisten bei Sezanne, angepackt. Am 26. März nachmittags kamen sie nach einem Marsche von nahezu 60 Kilometern todesmatt bei la Ferté-Gaucher an. Hier wollten sie rasten, da krachte ihnen wieder Geschützfeuer entgegen. General von Yorck erwartete sie in einer gut ausgewählten Stellung. Sie mußten nochmals weiter marschieren und gegen Provins ausweichen. Zum Glück für sie hatte Yorck keine Reiterei bei sich, da dieselbe tags zuvor gegen Fère-Champenoise abgegeben war. Trotzdem verloren die beiden französischen Marschälle hier ihre gesamte Artillerie bis auf sieben Geschütze und wieder zahlreiche Gefangene. Nur mit einem schwachen Kern ihrer Mannschaft entkamen die gehetzten Korps endlich nach Paris.

Somit war der Vormarsch der Verbündeten mit einer Reihe von glücklichen Gefechten begonnen worden. In freudiger Begeisterung setzten beide Armeen ihre Bewegung fort und am 27. März erreichten die Korps der schlesischen Armee die Gegend von Trilport an der Marne, die der Hauptarmee jene um Coulommiers.

Napoleon wollte in den Rücken der feindlichen Hauptarmee stoßen, aber er ließ sich täuschen und fand ihn nicht. Erst am 24. März war Kaiser Franz mit seinem Gefolge aus Bar-sur-Aube aufgebrochen und als nun am 25. Napoleon dort ankam, machte er noch einen Fang daselbst. Verschiedene Diplomaten, so der schwedische General Skjöldebrand, der Gesandte Wessenberg, Graf Palfy, die Staatsräte Beguelin, Tolstoij und Markof wurden gefangen. Napoleon schloß hieraus, den Rücken der Armee erreicht zu haben, wurde aber durch die ihn stets umschwärmende verbündete Reiterei getäuscht. Kurz sein Unglück wollte, daß er den Abmarsch des Gegners zu spät erkannte, und nichts mehr tun konnte, den Fall seiner Hauptstadt und damit seinen eigenen Sturz zu verhüten.

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.