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Die Befreiungskriege 1813 bis 1815

Carl Tanera: Die Befreiungskriege 1813 bis 1815 - Kapitel 18
Quellenangabe
typetractate
authorCarl Tanera
titleDie Befreiungskriege 1813 bis 1815
publisherZweiter, unveränderter Abdruck Fünftes bis neuntes Tausend
printrunC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorK. Frhr. v. Lupin Oberstleutnant
year1913
illustratorErnst Zimmer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160616
projectid80a45084
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16.
Blüchers Marsch gegen Paris

Craonne, Laon

Also der Marschall Vorwärts war den französischen Reitern und Spähern vor der Nase vorbei in nordwestlicher Richtung abmarschiert und befand sich mit seinen 53 000 Mann, die er bei Mery versammelt hatte, geradenwegs auf der Straße nach Paris. Am 25. Februar wollte der Marschall Marmont soeben von Sezanne gegen Châlons aufbrechen, um Napoleon durch einen Marsch in die rechte feindliche Flanke zu unterstützen, als ihm plötzlich von rechts rückwärts schwache feindliche Abteilungen (der Vortrab Blüchers) gemeldet wurden.

Zwei Ordonnanzoffiziere von verschiedenen Seiten jagten daher.

» Mon maréchal, feindliche Kavallerie in der Stärke von mindestens 4000 Pferden rückt auf der Straße nach Sezanne vor und hat uns schon fast überflügelt.«

Kaum hatte er geendet, so rief der andere:

» Mon maréchal, so weit man von jener Höhe gegen Mery zurücksehen kann, ist die Straße mit anmarschierender Infanterie bedeckt. Was man bis jetzt zu entdecken vermag, sind es wenigstens 20 000 Mann.«

Kaum traute Marmont seinen Ohren.

Ja, da blieb eben nichts übrig, als schleunigst zurück. Die Straße von Paris zu decken, war nicht mehr möglich. Also gegen La Ferté-sous-Jouarre!

Nun konnte Blücher nicht gerade auf der Pariser Straße weiter marschieren, sondern mußte hinter Marmont her sein. Deshalb ging es nun auf La Ferté-sous-Jouarre los. Die ausreißenden Franzosen hatten in dieser Stadt das Korps des Marschalls Mortier vorgefunden. Beide Marschälle ließen die Brücke bei La Ferté zerstören, zogen sich vereint nach Meaux an der Marne zurück, sprengten die Brücke bei Trilport, vorwärts Meaux, und waren somit einer sehr ernsten Gefahr glücklich entronnen.

Die Verbündeten fanden la Ferté-sous-Jouarre verlassen. Beinahe wäre es ihnen gelungen, Meaux überraschend zu nehmen. Marmonts Truppen hatten aber gerade noch Zeit, auch die dortige steinerne Brücke zu sprengen.

In Paris wirkten diese Nachrichten wie Blitze aus heiterem Himmel. Sie trafen gerade in die Dankesfeste wegen der Siege von Nangis, Montereau und Bray. Um so größer war der Schrecken, als es plötzlich hieß: »Der Feind steht mit einem großen Heere kaum mehr zwei Tagemärsche von den Stadtmauern entfernt.« Aber auch hier handelte man rasch. Was an Truppen in der Hauptstadt entbehrlich war, wurde schleunigst den beiden Marschällen geschickt. Am 28. Februar trafen bei denselben 1600 Mann, am 29. 4900 Mann Infanterie, 800 Reiter und 48 Geschütze ein.

Blücher stand nun mit etwas über 50 000 Mann an der Marne bei La Ferté-sous-Jouarre. Ihm gegenüber hielten die beiden Marschälle Marmont und Mortier mit jetzt etwa 25 000 Mann, um ihm den Weg nach der Hauptstadt zu versperren. Weiter traf am 28. abends die Nachricht ein, daß Napoleon mit seinen Armeen in Eilmärschen heranzöge, um sich mit seinen Marschällen zur Vernichtung Blüchers zu vereinigen. Die beiden Korps von Bülow und Wintzingerode standen noch weit im Norden.

Der Marschall Vorwärts sah ein, daß er vor allem seiner Armee durch die Vereinigung mit Bülow und Wintzingerode eine Achtung gebietende Stärke geben und daher diesen beiden Generalen entgegenmarschieren müsse; es kam sogar darauf an, diese Vereinigung sehr schnell auszuführen, wollte man nicht Gefahr laufen, daß sich der französische Kaiser wieder zwischen die einzelnen Korps der schlesischen Armee einschieben würde. Also zurück an die Aisne, nach Soissons!

Während dieser Bewegung wendeten sich die beiden Marschälle Marmont und Mortier am 1. und 2. März angriffsweise gegen die vor ihnen stehenden schwachen Vortruppen der schlesischen Armee. Dadurch entstanden die Gefechte bei May und La Ferté-Milon, wodurch sowohl Katzeler wie Kleist gezwungen wurden, sich zurückzuziehen.

Napoleon war am 1. März wirklich mit seinem Vortrab schon an der Marne angekommen. Richtig hatte er ja erkannt, wer sein Hauptfeind war, als er von Schwarzenberg wieder abließ und, die schlesische Armee meinend, sprach: »Von dieser Armee droht Paris weit mehr Gefahr als von der anderen.«

Dennoch war er zu spät gekommen. Der alte Blücher hatte Lunte gerochen. Er setzte zwei Nachtmärsche daran, um rechtzeitig an die Aisne zu kommen.

Napoleon erkannte zu seinem größten Ärger, daß ihm die schlesische Armee an der Marne entkommen war. Nun hoffte er sie vor oder beim Übergang über die Aisne zu fassen. Dabei rechnete er fest darauf, daß es den Verbündeten nicht gelingen werde, sich der Festung Soissons zu bemächtigten, sie also seitwärts derselben Pontonbrücken schlagen müßten. Hierin täuschte er sich aber.

Bülow und Wintzingerode waren nämlich mit ihren Korps, zusammen 47 000 Mann, von Norden kommend schon am 2. März vor Soissons eingetroffen, hatten die Stadt teilweise umstellt und machten sich soeben daran, dieselbe vermittels Leitern ersteigen zu lassen, als der Kommandant, General Moreau, gegen freien Abzug die Übergabe anbot. Natürlich stimmten die Verbündeten zu, und der prächtigste Aisne-Übergang für die schlesische Armee war gewonnen.

Napoleon war über die Übergabe von Soissons so wütend, daß er den General Moreau vor ein Kriegsgericht stellen und erschießen ließ.

Da Bülow in der eroberten Festung noch eine zweite Brücke schlagen ließ, so vollzog sich der Übergang der schlesischen Armee und die Vereinigung derselben mit den neu angekommenen Korps ohne jede Schwierigkeit, und am 4. März stand die ganze nunmehr geeinte Armee Blüchers auf dem rechten, nördlichen Ufer der Aisne. Der Feldmarschall hatte jetzt, da auch Verstärkungen angekommen waren, 110 600 Mann unter seinem Befehl, mehr als er jemals unter seinem Kommando vereinigt hatte. Dabei befanden sich 500 Geschütze.

Die Truppen Bülows und Wintzingerodes stachen in ihren neuen Uniformen, mit den wohlgenährten Körpern, mit ihren frischen Gesichtern und blank geputzten Waffen sehr vorteilhaft gegen die durch Strapazen aller Art und Mangel oft an dem Nötigsten stark heruntergekommenen Leute Yorcks, Sackens usw. sehr ab. Dadurch und ferner durch die laut geäußerten diesbezüglichen Ansichten der neu angekommenen Generale von Bülow, von Wintzingerode, von Boyen, von Langeron verbreitete sich immer mehr, sogar im Hauptquartier Blüchers, die Meinung, es sei gar nicht notwendig, daß die schlesische Armee allein alles leiste, sondern es sei an der Zeit, daß Schwarzenberg mit der Hauptarmee ebenfalls etwas unternehme.

Wenn auch der alte Feldmarschall solchen Einflüsterungen kein Gehör schenkte, so machten sich dieselben doch immer mehr geltend und wurden, als der Oberfeldherr später erkrankte, sehr maßgebend. Die neu angekommenen preußischen Generale meinten nicht ganz mit Unrecht, es empfehle sich, die preußischen Truppen auch um deswillen mehr zu schonen, damit Preußen, gestützt auf sein Heer, bei dem doch bald zu erwartenden Friedensschlusse sein Wort ebenfalls mit Nachdruck in die Wagschale werfen könne. Man kam daher zum Entschlusse, den Angriff Napoleons abzuwarten und bis Laon zurückzugehen. Die Armee bestand jetzt aus den preußischen Korps von Bülow, Yorck und Kleist und den russischen von Sacken, Langeron, der vom Rhein herangekommen war, und Wintzingerode. Sie hatte ihre Aufstellung hinter der Aisne in der Art genommen, daß die Preußen den rechten, die Russen den linken Flügel einnahmen.

Napoleon war in der gleichen Zeit, also am 4. März, in Fismes zwischen Reims und Soissons eingetroffen. Zu seinem größten Ärger erfuhr er, daß ihm die schlesische Armee wie über die Marne so auch über die Aisne entkommen sei. Jetzt wurde seine Lage sehr gefährlich. Wenn Blücher immer mehr nach Norden auswich und ihn nachzog, so gab er Paris der Schwarzenbergschen Armee preis. Andererseits durfte er nicht umkehren, ehe er nicht seinen gefährlichsten Feind, die schlesische Armee, geschlagen. Dazu standen ihm trotz der Heranziehung der Marschälle Mortier und Marmont sowie zahlreicher Verstärkungen nur etwa halb so viel Streiter zur Verfügung als Blücher. Aber es mußte nun einmal gewagt werden und deshalb entschloß er sich zu einem energischen Angriff. Zu diesem Zweck wollte er gegen den linken Flügel der schlesischen Armee vorgehen, Reims nehmen, um sich die eigene rechte Flanke zu sichern und Soissons mit Nachdruck bestürmen lassen, um den Marsch nach rechts zu verdecken.

Sofort am 5. März ging er an die Ausführung seines Planes. Die Einnahme von Reims gelang dem General Corbineau. Dabei wurden vier russische Bataillone gefangen. Auch die Marschälle Marmont und Mortier erledigten sich ihres Auftrages gegen Soissons. Nach einem Verluste von etwa 1000 Mann – die Russen büßten fast die gleiche Zahl ein – mußten sie sich aber wieder zurückziehen. Der Kaiser selbst erreichte am 5. abends Berry-au-Bac auf der Straße von Reims nach Laon.

Die Verbündeten waren am 4. und 5. in ihrer Stellung geblieben. Da erschien abends 8 Uhr am 5. März im Rücken des Hauptquartiers, welches in Soissons lag, feindliche Kavallerie.

Blücher hatte die Umgehungsgedanken Napoleons erkannt, wollte letzterem am 6. März mit der ganzen Armee entgegengehen und ihm vorwärts Craonne und Corbény eine Schlacht liefern. Eine persönliche Erkundigung zeigte ihm jedoch, daß sich diese Orte schon in der Hand der Franzosen befanden. Da ließ der Feldmarschall die gesamte Infanterie des Korps von Wintzingerode, etwa 24 000 Mann, unter General von Woronzof, die Kalksteinhochebene hinter Craonne besetzen. Während der Feind sich im Angriff gegen diese so schwer erstürmbare Stellung abmühen würde, sollte Wintzingerode mit der gesamten Kavallerie seines Korps sowie derjenigen von Langeron und Yorck und mit allen reitenden Batterien ihm in den Rücken fallen, nachdem er ihn durch einen Nachtmarsch über Festieux umgangen. Für alle Fälle wurde das Korps Bülows nach Laon geschickt. Blücher selbst nahm sein Quartier dicht hinter den Vorposten oben auf der Hochebene.

Der 7. März war ein schöner kalter Tag. Napoleon wußte durch Vorpostengefechte vom 6., daß der Höhenrücken stark besetzt sei. Marmont und Mortier waren noch nicht angekommen. Allein es war keine Zeit zu verlieren. Deshalb befahl er den Angriff. Als die Absicht des Gegners klar wurde, ließ Blücher auch die Korps von Yorck und Kleist nach Festieux marschieren, um dem Gegner in den Rücken zu fallen. Er wähnte Wintzingerode mit seiner Reitermasse schon hinter dem Feinde. Plötzlich, früh 9 Uhr, entdeckte er diesen saumseligen General mit der ganzen Kavallerie noch dicht hinter dem Hauptquartier. Damit war der ganze Plan verdorben. Wütend suchte der Feldmarschall den General auf, konnte aber nichts mehr gut machen. Es blieb nichts übrig, als den unterdessen in heftigen Kampf verwickelten Russen den Rückzugsbefehl zu senden.

Gegen diese war ein Vorgehen in der Front fast unmöglich. Deshalb beauftragte Napoleon den Marschall Ney, mit 15 000 Mann und 3700 Pferden ihren linken Flügel zu umgehen und energisch anzugreifen. Gegen den rechten entsendete er den General von Nansouty mit der Gardereiterei, etwa 2000 Pferde.

Alles in allem konnte Napoleon, da ein Eintreffen der Marschälle Marmont und Mortier am 7. März noch nicht zu erwarten stand, höchstens 40 000 Mann ansetzen. Dabei mußten seine Truppen äußerst schwierige Bodenverhältnisse überwinden.

Oben auf der Höhe warteten etwa 52 000 Russen in vorzüglicher Stellung mit bedeutend überlegenem Geschütz.

Um 10 Uhr begann Marschall Ney seinen Sturm, eine der schwierigsten und blutigsten Unternehmungen, die er in seiner langen Kriegerlaufbahn geleitet. Der Kaiser unterstützte ihn in der Front durch ein gewaltiges Artilleriefeuer. Brav, geradezu bewundernswert erstiegen die Franzosen den Abhang unter dem heftigsten Artillerie- und Infanteriefeuer der Russen.

Aber alle Tapferkeit der Franzosen half nichts. Sie erstiegen zwar die Hochebene, allein oben angekommen, konnten sie wegen des verheerenden Feuers der Russen durchaus keine Fortschritte machen. Der Sturm auf das Dorf Ailles mißlang. Ebensowenig Erfolg hatten rechts davon die Reiter Nansoutys. Schon jetzt waren die Verluste der Franzosen ganz außerordentliche. Trotzdem befahl Napoleon einen zweiten Angriff, den die Reiterbrigade Grouchy unterstützen sollte. Er mißlang wieder. Grouchy selbst erhielt einen Schuß, Marschall Victor war schon vorher schwer verwundet zurück gebracht worden, das russische Feuer schmetterte alles nieder, was aus dem schützenden Walde vordrang.

Schon fünf Stunden hatte diese mörderische Schlacht gedauert. Nun trat eine kleine Pause ein, die Franzosen rüsteten sich zu einem dritten Sturm. Vom Korps Mortiers war die Reiterdivision Colbert eingetroffen und derselben gelang es, einen Weg auf die Hochebene zu finden. Jetzt befahl der Kaiser selbst den Sturm von drei Seiten. Er gelang trotz des wütendsten Feuers der Russen; sie mußten Ailles räumen. Da überdies schon vor einer Stunde der Befehl des Feldmarschalls Blücher zum Rückzug eingetroffen war, so trat General von Worontzow diesen in großer Ordnung gegen 4 Uhr an. Kaum erkannten Napoleons scharfe Augen die ersten Anzeichen des Abmarsches der Russen, so ließ er alle seine Geschütze, 80 an der Zahl, auf die Hochebene schaffen. Diese gaben dem abziehenden Gegner das Geleite. Weiter wollte der Kaiser den weichenden Feind durch Kavallerie von zwei Seiten anfallen und von seiner Rückzugsstraße gegen Laon abdrängen lassen. Das gelang aber nicht. Worontzows Bataillone verloren keinen Augenblick die Fassung und der tapfere General von Wassiltschikow wies mit seinen Reitern jedes ungestüme Drängen der französischen Kavallerie ab. Die Russen kamen in der gleichen Nacht unverfolgt in Laon an.

Napoleon hatte also unter Einsetzung seines letzten Mannes einen Sieg erfochten. Aber mit welchen Opfern! Über 8000 seiner braven Krieger lagen auf dem Schlachtfelde, während die Russen nur 4785 Mann verloren hatten. Der echte französische »Elan« hatte hier mit der altbekannten russischen Zähigkeit gerungen. Beide Teile hatten weder Gefangene gemacht, noch eine Kanone erobert, aber beide sich mit ausgezeichneter Tapferkeit geschlagen.

Nun faßte Napoleon einen nahezu tollkühnen Plan, der auch wirklich scheiterte. Er erfuhr im Laufe des 8. März, daß die schlesische Armee sich zu beiden Seiten von Laon aufgestellt hatte. Diese Stadt liegt auf einem sich inmitten einer weiten Ebene etwa 100 Meter hoch erhebenden Felsen, der von Osten nach Westen eine Länge von etwa 3500 und von Norden nach Süden an der breitesten Stelle eine Ausdehnung von ungefähr 2000 Meter hat. Die Stadt und den Felsen wollte er in der Nacht vom 8. zum 9. März durch Überfall nehmen lassen und dadurch einen Stützpunkt mitten in der feindlichen Stellung gewinnen. Er wählte dazu seinen Adjutanten, den Oberst Gourgaud, aus, und beauftragte Ney und die Reiterei von Belliard zur Unterstützung. Der Anschlag scheiterte. Am Morgen des 9. März hatten nämlich die Verbündeten ihre Stellung in der Art besetzt, daß das Korps von Bülow die Stadt und den Felsen von Laon einnahm, die Korps von Yorck und Kleist links desselben in der Ebene und das Korps von Wintzingerode rechts davon ebenfalls in der Ebene standen. Die Korps von Langeron und Sacken bildeten hinter dem Felsen von Laon die Reserve.

Leichter Nebel bedeckte den gefrorenen Boden. Gegen 7 Uhr fiel starker Nebel. Napoleon benutzte diese Witterungsverhältnisse, um sich möglichst unbemerkt mit seiner ganzen Armee nahe an die Stadt Laon heranzuschieben. Der rechte Flügel, Ney, mußte jetzt anrücken, und es gelang ihm wirklich, bis an den Fuß des Felsens, dann sogar in die Vorstadt Semilly zu dringen, das vor der Mitte gelegene Dorf Ardon zu besetzen und von hier aus die halbe Höhe des Felsens zu ersteigen.

Plötzlich aber schien eine wahre Hölle auf die Franzosen loszubrechen. Aus allen nur möglichen Oeffnungen und Löchern, scheinbar sogar aus dem Boden und dem Felsen selbst stürzten mit markerschütterndem Hurra die Preußen hervor. Im Nebel erschienen die so unerwartet auftauchenden Preußen den überraschten Franzosen wie riesige Hünen; Schrecken erfaßte die bisher so tapferen Angreifer, die nun wieder den Abhang hinabgeworfen wurden. Der erste Angriff der Franzosen war durch das Korps Bülow abgewiesen worden.

Nun hielt Napoleon das Gefecht einige Stunden hin. Er hatte den Marschall Marmont nach rechts entsendet, um den Gegner von Reims her anzugreifen und wollte dessen Einwirken abwarten. Gegen 11 Uhr verzog sich vorübergehend der Nebel und man erkannte von Laon aus die Schwäche der entgegenstehenden Franzosen. Als man jetzt im Hauptquartier Blüchers den Anmarsch starker feindlicher Kräfte von Reims erfuhr, ordnete der alte Marschall Vorwärts einen raschen Vorstoß der beiden Korps von Wintzingerode und Bülow mit der Reiterei des Generals Wassiltschikow an, um dem Flankenangriff zuvorzukommen. Der Vorstoß mit 40 000 Mann hätte gewiß Erfolg gehabt, wenn der alte Blücher imstande gewesen wäre, sein helles »Vorwärts« den mit höchster Begeisterung an ihm hängenden Truppen zuzurufen. Aber er konnte nicht mehr. Der Ausbruch einer heftigen Krankheit trat zu Tage, er mußte in ein Haus zurückgebracht werden und sich legen. Damit fehlte die einheitliche Leitung für den bevorstehenden Angriff. Dies erkannte Napoleon sogleich und wieder kam seine überlegene Führung zur Geltung, so daß die Verbündeten bald alle weiteren Versuche, vorzudringen, aufgaben und in ihre Stellung zurückkehrten. Der Nebel hatte ebenfalls das Zusammenwirken ihrer Operationen nicht wenig gestört. Die Franzosen erstiegen nochmals den halben Berg, wurden aber geradeso wie das erste Mal von den Preußen Bülows hinabgeworfen. So dauerte der Kampf unentschieden bis zwei Uhr fort.

Napoleon war mit den bisherigen Ergebnissen sehr unzufrieden. Er verzehrte sich fast vor Ungeduld, weil er noch keine Nachricht über das Eingreifen Marmonts erhalten hatte. Die abgesandten Adjutanten fielen allesamt den überall herumstreifenden Kosaken in die Hand. Die Untätigkeit auf dem Schlachtfelde aber hielt der Kaiser nicht mehr länger aus. Er befahl, wenigstens das vor seinem linken Flügel im Sumpfe liegende Dorf Clacy zu stürmen. Dies gelang und es fielen dabei sogar 250 Russen in Gefangenschaft, welche indes später wieder befreit wurden. Damit aber hatten die Unternehmungen des Kaisers ihren Abschluß erreicht, um sechs Uhr verstummte auch bei Clacy das letzte Feuer.

Unterdessen war Marmont seinem Auftrage gemäß aus der Richtung von Reims nach Laon anmarschiert. Vom Kaiser trennte ihn ein etwa sieben Kilometer breites, fast ungangbares morastiges Gelände, und er wußte von jenem schlechterdings nichts. Wegen der Bodenschwierigkeiten und der streifenden Kosaken kam kein Aufklärer durch. Nun traf sein Korps vor dem von preußischen Vortruppen besetzten Dorfe Athis ein, das er in Brand schießen ließ. Dies hatte die Verbündeten auf seine Umgehungskolonne aufmerksam gemacht. Man glaubte, der Kaiser Napoleon befinde sich bei diesen Truppen und werde hier den Hauptstoß ausführen. Deshalb wurden jetzt auch die Reservekorps von Langeron und Sacken nach dem linken Flügel gezogen, und es standen also in erster Linie die Korps von Yorck und Kleist, deren sämtliche Kavallerie unter General von Zieten zusammengezogen war, und dahinter die beiden russischen Korps, im ganzen über 60 000 Mann, bereit, die 16 000 Mann Marmonts zu empfangen. Die Gegner kannten ihre beiderseitige Stärke nicht. Wohl aber sahen Yorck und Kleist bald ein, daß ihre Truppen den Franzosen an Zahl überlegen seien.

Schon während des Nachmittags hatten Yorck und Kleist selbständig den Entschluß gefaßt, den Feind vor sich mit ihren beiden Korps und der Reiterei Zietens zu überfallen. Ihre diesbezügliche Anfrage im Hauptquartier kreuzte sich mit einem von dort abgeschickten Befehl in gleichem Sinne.

Yorck, der als der ältere den Überfall zu leiten hatte, berief die Befehlshaber der beiden Korps zu sich und erteilte jedem seinen Auftrag kurz, klar und bestimmt. Yorck zeigte sich oft vor den Schlachten sehr besorgt, sogar zaghaft. Hatte er aber einmal seinen Entschluß gefaßt, dann erreichten ihn wenige an Bestimmtheit und an Tatkraft des Handelns. So auch heute am 8. März abends zwischen sieben und acht Uhr.

Es war eine klare, sternenhelle Nacht. Dennoch konnte man auf etwa 300 Schritte nichts mehr unterscheiden. Einzelne Gewehrschüsse klangen von den Vorposten bei Athis herüber, als sich rechts das Korps von Kleist, links das von Yorck in Bewegung setzte. Die Bataillone marschierten dicht aufgeschlossen in Angriffskolonne lautlos vor. Deutlich erkannte man schon mehr und mehr die feindlichen Wachtfeuer.

Unbemerkt kamen die Preußen bis auf 500 Schritte an das feindliche Lager. Jetzt wurden sie von verschiedenen aufmerksam gewordenen Posten angerufen: Qui vive?

Statt der Antwort ließ Yorck selbst einen vorher als Zeichen verabredeten Pfiff ertönen. Auf einmal schlugen alle Tambours den Sturmmarsch, die Hörner schmetterten durch die Nacht, die Musiken spielten und tausendfache Hurras erfüllten die Luft. In Bestürzung eilten die Franzosen zu ihren Waffen. Aber von Ordnung war keine Rede mehr. Einige Artilleristen gelangten noch an ihre Geschütze und konnten verschiedene Granat- und Kartätschschüsse abfeuern. Dann aber war es aus. Preußische Bajonette vertrieben ihnen die Lust zu weiterem Kampfe, und wer dem Gemetzel entkam, floh in wilder Verwirrung davon. Zu allem Unglück für die Franzosen erscholl es plötzlich in ihrem Rücken tausendfach: »Heurich! Heurich!«

Das waren die Reiter des preußischen Generals von Zieten, die mit ihrem ehemaligen Spitznamen, der später ein Ehrenname geworden war, den Kameraden von der Infanterie anzeigten, daß sie da waren. Nun erreichte das Durcheinander bei den Franzosen den höchsten Grad. Doch ein Bataillon hatte sich wenigstens annähernd geordnet. Plötzlich sausen von der Seite Kürassiere daher, und ehe die armen Überrittenen zur Besinnung kommen, ist auch dieses Bataillon völlig gesprengt. Ein heller Feuerschein aus einem nahen Hofe beleuchtet diese Szene. Da schreit einer der angreifenden Kürassieroffiziere: » Mais ce ne sont pas des prussiens! Ce sont nos pauvres fantasins!« Wahrhaftig es war so. Französische Kürassiere hatten ein französisches Bataillon niedergeritten.

So ging es bei dem Korps Marmonts zu, das nunmehr in wilder Flucht auf Corbeny stürzte. In heftigster Verfolgung jagten die Preußen hinterher und erst die vollständigste Erschöpfung der Truppen zwang deren Führer, sie endlich halten zu lassen und wieder zu sammeln. Der Erfolg dieses nächtlichen Überfalls war ein großartiger. 2500 Gefangene, 45 Kanonen, 131 Munitionswagen und eine Menge Heergeräte aller Art befanden sich in den Händen der Sieger. Dagegen betrug der eigene Verlust nur 550 Tote und Verwundete.

Der alte Blücher lag krank in Laon im Bett. Da kam die Siegesbotschaft Yorcks. Freudig bewegt rief er aus: »Bei Gott, ihr alten Yorckischen seid ehrliche, brave Kerle! Wenn man sich auf euch nicht mehr verlassen könnte, da fiele der Himmel ein!«

Leider nahm sein Fieber immer mehr zu und am folgenden Morgen kam die Krankheit in Form einer heftigen Augenentzündung zum vollen Ausbruch. Daß der Feldmarschall nicht selbst den Oberbefehl in gewohnter Weise weiterführen konnte, hatte die nachteiligsten Folgen.

Am Morgen des 10. März schritt Napoleon zur größten Überraschung der Verbündeten von neuem zum Angriff.

Im Gegenangriff der Verbündeten herrschte keine Übereinstimmung; es fehlte der ausgleichende Oberbefehl. Der Sturm der Russen auf Clacy mißlang, Bülow wurde sogar zurückgedrängt und die Franzosen drangen wieder in die Vorstadt Semilly ein. Hier erlahmte zwar ihre Kraft, aber die Vorteile, die sie errungen hatten, bewirkten, daß Gneisenau, für die Mitte besorgt, die beiden Korps von Yorck und Kleist von ihrer Verfolgung Marmonts zurückrief. Die beiden Generale fügten sich, aber sie waren ob dieser unnützen Rückmärsche wütend, und der Erfolg der Schlacht gab ihnen recht. Napoleon ließ seine Truppen nochmals vorgehen. Aber es war menschenunmöglich; seine Armee war zu schwach. Nach zweistündigem fürchterlichen Ringen mußten sie zurück, und das war erreicht, ehe die zurückgerufenen preußischen Korps auf dem Schlachtfelde wieder eintrafen. Marmont aber war entkommen, und von dem Abschneiden der Armee Napoleons konnte jetzt nicht mehr die Rede sein. Der Grimm Yorcks über diese Vorfälle war grenzenlos. In seinem Zorn setzte er sich am andern Morgen in den Wagen und wollte sein Kommando niederlegen. In dieser schwierigen Lage fand wieder der alte kranke Blücher den rechten Weg. Er richtete sich in seinem Bett auf und schrieb trotz seiner heftigen Augenschmerzen: »Allter waffengefehrte, verlassen sie die armeh nich, da wir an sihl sind, ich bin sehr krank und gehe selbst so ballde der kampf vollendet.« Wie der alte Isegrim diese Worte las und hörte, unter welchen Umständen sie der kranke Marschall geschrieben, verrauchte sein Zorn. Er blieb und die Verstimmung war wieder beigelegt.

Noch einmal war der fränkische Leu entkommen. Aber er trug eine unheilbare, eine Todeswunde mit sich. In diesen Schlachten hatten die Franzosen von neuem an 9000 Mann verloren. Es betrugen also die Verluste der letzten vier Tage über 17 000 Mann. Die Verbündeten zählten bei Laon nur wenig über 2000 Tote und Verwundete.

Nach solcher Schwächung konnte Napoleon an keinen Angriff auf die schlesische Armee mehr denken und wußte, daß er diese nicht mehr verhindern konnte, auf Paris zu marschieren. Er zog sich zunächst nach Soissons zurück, um die nötige Umbildung seiner so sehr gelichteten Armee zu betreiben.

Dort traf ihn eine schlechte Nachricht nach der anderen. General Maison meldete, daß er sich nicht mehr lange in Holland halten könne, im Süden bei Lyon zeigten sich die Österreicher dem Marschall Augereau weit überlegen, im Südwesten hatte Marschall Soult vor den Engländern weichen müssen, der Weg nach Bordeaux stand dem Feinde offen, die Hauptarmee der Verbündeten konnte jeden Tag vor den Toren der Hauptstadt erscheinen und die Umtriebe der Royalisten, des Herzogs von Angoulême im Süden sowie des Grafen von Artois in der Franche-Comté und in Burgund, griffen immer weiter um sich.

Dennoch verzweifelte dieser gewaltige Mann noch nicht. Es gelang ihm wirklich, das Ende des Krieges noch um Wochen zu verzögern. Freilich unterstützte ihn das Geschick in der Art, daß der rührigste seiner Feinde, der alte Blücher, durch Krankheit brach gelegt war, und daß infolge dessen die schlesische Armee nicht mehr annähernd die Leistungen ausführte, die Napoleon selbst so sehr fürchtete.

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