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Die Befreiungskriege 1813 bis 1815

Carl Tanera: Die Befreiungskriege 1813 bis 1815 - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
authorCarl Tanera
titleDie Befreiungskriege 1813 bis 1815
publisherZweiter, unveränderter Abdruck Fünftes bis neuntes Tausend
printrunC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorK. Frhr. v. Lupin Oberstleutnant
year1913
illustratorErnst Zimmer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160616
projectid80a45084
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13.
Die Schlacht von la Rothière

Dem Kaiser Napoleon hatte der so überaus kräftige Widerstand der schlesischen Armee die Überzeugung beigebracht, daß Blücher sich jedenfalls nur eine geringe Strecke zurückgezogen, dann Halt gemacht habe und nun verstärkt durch Teile der Hauptarmee bereit stehe, ihn von neuem zu empfangen. Bei Tagesanbruch entsendete er ein starkes Reiterkorps unter General Grouchy und dann das Korps Victor zur Verfolgung.

Ein dichter Nebel verhinderte jede Übersicht. Erst nach elf Uhr entdeckte man die bei Trannes und la Rothière stehende Reiterei der Russen.

Napoleon wollte vor jeder neuen Unternehmung erst mehr Kräfte an sich ziehen und befahl daher, daß die zunächst stehenden Korps Gérard, Marmont und Mortier, sowie die Reiterabteilung des Generals Piquet herbeimarschierten. Er selbst legte heute am 30. Januar sein Hauptquartier in das Schloß von Brienne. Mit welchen Gefühlen mochte er wohl die Räume wieder betreten haben, die er fünfunddreißig Jahre früher als armer Zögling zum ersten Male erblickt, und in denen er von seinem zehnten bis zu seinem fünfzehnten Jahre ein bescheidenes, aber glückliches Knabenleben geführt hatte. Was hatte doch der eine Freistelle genießende Advokatensohn Napoleon Bonaparte für einen Weg gemacht!

siehe Bildunterschrift

Preußische Infanterie unter General von Horn attackiert französische Kavallerie bei Château-Thierry

Während Napoleon sich scheute, sofort von neuem gegen Blücher vorzugehen, weil dessen Widerstand bei Brienne ihm doch großen Eindruck machte, faßte man die Lage beim Oberkommando der Hauptarmee anfangs gerade umgekehrt auf.

»Die schlesische Armee ist vernichtet. Da haben wir es ja. Das ist die Folge der unsinnigen Draufgeherei des alten Husaren und seines tollen Generalstabschefs Gneisenau. Nun bleibt nichts übrig, als sich zurückzuziehen und den Frieden unter ungünstigeren Verhältnissen zu schließen, als man es vorher tun konnte.«

Doch schon am Abend des 30. wehte ein anderer Wind.

Neue Nachrichten von Blücher trafen ein und wirkten bei den Monarchen und Schwarzenberg sofort aufklärend und entscheidend. Auch beim Gefolge sorgte einer der Ordonnanzoffiziere, ein Adjutant von echt Blücherscher Art, daß den Herrn ein richtiges Licht aufgesteckt wurde. Er trat in den Speisesaal des Hotel de l'Europe in Langres.

»Ah, ein Herr der schlesischen Armee. Bitte, Herr Kamerad, setzen Sie sich hierher und erzählen Sie. Sie sind also glücklich dem entsetzlichen Massakre entgangen?«

»Welchem Massakre?«

»Dem bei Brienne, wo die schlesische Armee vernichtet wurde!«

»Na, ich sehe schon, mein Herren, daß hier ein ganz großer Irrtum vorliegt. Weder von einem Massakre, noch von besonders bedeutenden Verlusten, noch gar von einer Niederlage bei Brienne kann die Rede sein. Wer überdies von einer Vernichtung der schlesischen Armee spricht, ist wahrscheinlich verrückt. Noch weiß man nicht genau, wie viel die Franzosen verloren haben, aber geringer als unser Verlust ist der ihrige wohl nicht gewesen. Kurzum, auf das Gefecht bei Brienne darf die schlesische Armee stolz sein.«

»Das freut mich zu hören. Das klingt besser, als es heute Morgen der geheime Staatsrat von N. erzählte.«

Noch eine Anzahl von Offizieren stimmte dem letzten Sprecher, einem älteren österreichischen Major, bei, und man trank freudig dem preußischen Kameraden zu.

In Langres wehte bald ein anderer Wind. Man hörte, daß es mit den Erzählungen des Rittmeisters seine Richtigkeit habe, man erfuhr, daß die Korps Gyulay und Kronprinz von Württemberg bereits mit Blüchers Armee vereinigt seien, daß Wrede nach rechts in die linke Flanke der Franzosen abmarschiert, Kaiser Alexander selbst aber mit dem Grenadierkorps von Rajewski zur Unterstützung Blüchers abgerückt sei, so daß eine neue Schlacht unter den günstigsten Verhältnissen bevorstehe.

Als fernere Unterstützungen rückten die preußisch-russischen Garden nach Colombey les deux Eglises. Ohne letztere standen also am 1. Februar 85 000, mit ihnen 138 000 Mann zur Verfügung. Diesen konnte Napoleon alles in allem nur etwa 48 000 Mann entgegenstellen, von denen ein großer Teil schlecht bewaffnete, mit Blusen bekleidete Rekruten waren.

O, wenn man jetzt nur einfach von drei Seiten mit Hurra drauf gegangen wäre! Es wäre schon hier der Macht des französischen Kaisers der Garaus gemacht, es wäre viel, viel Blut erspart worden! So weit gingen aber der Mut und die Tatkraft des Oberkommandos der Hauptarmee noch lange nicht.

Napoleon hatte gar keine Ahnung von dem gegen ihn heraufziehenden Wetter. Eine ganze Reihe von ihm ungünstigen Umständen trafen zusammen. Starker Nebel und Schneefall erschwerten die Erkundung der ihm zunächst stehenden feindlichen Kräfte. Dagegen erhielt er Meldungen vom Auftreten preußischer Kavallerie in seinem Rücken, was ihn veranlaßte, das Korps Mortier nach Arcis zu entsenden; als er dieses dann nach Troyes zurückrief, kam es zu spät, um bei la Rothière richtige Dienste leisten zu können. Dazu unterschätzte er die Verbündeten und zuletzt scheute er sich vor Frankreich, die erste große Unternehmung mit einem Rückzuge zu beginnen. Daher blieb er stehen und mußte es erfahren, in sehr nachteiliger Lage angegriffen zu werden.

Am 1. Februar morgens hatte Napoleon seine kleine etwa 40 000 Mann starke Armee – das Korps Mortier fehlte – in der Talebene bei la Rothière so aufgestellt, daß sich der rechte Flügel, das Korps Gérard bei Dienville an die Aube lehnte, die Mitte, das Korps Victor, la Rothière und Umgebung hielt und den linken Flügel im Dorfe la Giberie das Korps Marmont bildete. 3 Gardedivisionen unter Ney und die Kavallerie des Generals Grouchy standen in Reserve. Welch ein Unterschied gegen früher! Ruhmgekrönte Marschälle wie Ney, Victor, Marmont mußten jetzt Häufleins kommandieren, die früher ein Oberst führte.

Vormittags erfuhr Napoleon durch seine Kavallerie und durch einen Überläufer, daß Blücher noch auf den Höhen bei Trannes, südlich la Rothière, stehe, und daß die Bayern Wredes in seine linke Flanke marschierten. Jetzt erkannte er die Notwendigkeit eines Rückzuges und begann denselben mit den Gardedivisionen Neys. Allein es war zu spät. Blüchers Vorgehen zwang ihn, die Schlacht anzunehmen.

Teils wegen des schlechten Wetters, teils weil der Oberbefehlshaber noch nicht angekommen war, war Blücher bis Mittag ruhig auf seinen Höhen stehen geblieben. Endlich, etwa um halb zwölf Uhr, traf Schwarzenberg bei der Armee ein. Bald darauf erschienen der Kaiser von Rußland und der König von Preußen nebst dem Kronprinzen und dem jungen Prinzen Wilhelm von Preußen. Alles stand günstig. Dennoch hatte Schwarzenberg keine rechte Lust zum Angriff. Da tat er einen Schritt, der gewiß einzig in seiner Art dasteht. Der Oberbefehlshaber Fürst Schwarzenberg, welcher nahezu seine ganze Macht gegenüber einem fast dreifach unterlegenen Feind versammelt hatte, trat seine Machtbefugnis an einen Unterfeldherrn, an Blücher, ab. Mochte Schwarzenberg sich nicht für geeignet halten, die Schlacht zu leiten und in großherziger Aufopferung sich selbst überwunden haben, mochte es ihn verletzen, daß Kaiser Alexander ihm nicht so viel wie Blücher zutraute – wer weiß es? Jedenfalls mischte er sich nicht in die Befehlgebung, sondern betrachtete sich während der ganzen Schlacht als Zuschauer.

Noch ein weiterer Umstand kam den Verbündeten zu statten, insofern nämlich der bayerische General Graf Wrede sich nicht an den ihm früher zugegangenen Befehl Schwarzenbergs hielt, in der Flanke der Franzosen gegen Neuilly-St. Dizier zu manöverieren, vielmehr im richtigen Augenblick den linken Flügel der Franzosen direkt angriff.

Also der alte Marschall Vorwärts hatte den Oberbefehl über vier Korps und die russischen Kürassiere erhalten. Was er anordnen wird, das wußte jedermann.

»Vorwärts, von drei Seiten vorwärts, und drauf, bis der Feind zu Boden liegt!«

Die Mitte bildeten die Russen Sackens, gefolgt von der Division des Generals Olsuwiew und Reiterei in der Richtung auf la Rothière, rechts davon die Württemberger auf la Giberie und links Gyulays Österreicher auf Dienville. Die Grenadiere Rajewskis und die Kürassiere folgten als allgemeine Reserve.

»Herrgott, ist das ein Schneegestöber. Man sieht ja kaum den Kopf des eigenen Pferdes. Tut nichts. Nur vorwärts!« Endlich wurde es etwas heller. Aber der Boden war so weich, daß die Pferde mit den Geschützen nicht mehr vom Fleck kamen.

Der russische Artilleriegeneral Nikitin wußte Rat.

»Die Hälfte der Geschütze abspannen, deren Pferde vor die anderen Geschütze spannen, der Infanterie vorfahren, abprotzen und dann mit allen Pferden zurückjagen, um die übrigen Kanonen heranzuholen.«

Es wurde ausgeführt. Allein das hatte seinen großen Haken. Da stand nun die Hälfte der Artillerie des Sackenschen Korps, weit vor ihrer Infanterie, ohne jede Bedeckung und eröffnete das Feuer auf die Stellung der Franzosen. Bald erkannten diese die eigentümliche Lage ihrer Gegner. Die Kavallerie der Garde unter General Nansouty setzte sich in Bewegung. Die vollständig sich selbst überlassenen russischen Artilleristen richteten ihr Feuer auf diesen gefährlichen Feind.

Das war eine wahre Hölle, die hier los sprühte. Es schien, als ob die Verzweiflung den russischen Kanonieren die Kräfte verdoppelt hätte. Vor Qualm und Feuer sah man gar nichts mehr vom Feinde, die Rohre waren so heiß geworden, daß man sie kaum mehr anrühren konnte, von Zielen keine Rede mehr, von Feuerleitung noch weniger, aber es half, kein Franzose kam in die Batterien.

Mehrere Versuche, die Geschütze zu nehmen, mißlangen, schließlich brachte General Nikitin auch die andere Hälfte der Kanonen herbei, das Fußvolk kam anmarschiert und die gute Gelegenheit für die französische Kavallerie, sich verschiedener russischer Geschütze zu bemächtigen, war versäumt. Zuletzt wurde das Schneegestöber wieder so heftig, daß man gar nichts sah und sogar die Geschütze ihr Feuer einige Minuten einstellen mußten.

Als es sich wieder etwas aufhellte, entdeckte General Nansouty den Aufmarsch der russischen Infanterie. Waren ihm die Kanonen entgangen, so wollte er doch das feindliche Fußvolk durch einen flotten Angriff gründlich durcheinander werfen. Die Kavallerieregimenter des Generals Lanskoi warfen sich ihm entgegen.

Dem wuchtigen Stoße der französischen Kürassiere erlagen die leichten Husaren Lanskois. Von neuem schien der Aufmarsch der russischen Infanterie gefährdet. Da sausten die Reiter des Generals Waßiltschikow daher. In der Front und in der Seite hauten die Russen auf die französische Gardekavallerie ein. Bald war sie vollständig geworfen und wandte sich zur Flucht. Eine solche verführerische Gelegenheit konnten auch des Grafen Pahlen Kosaken nicht unbenützt vorbeigehen lassen. Flink waren sie auf ihren kleinen Kirgisenrossen neben und in dem wirren Haufen und stachen aus dem Sattel, was nicht russisch aussah. Es war vergeblich, daß General Nansouty seine letzten Reserven heranholte, daß General Grouchy seine Reiter-Regimenter einhauen ließ. Diese ganze französische Kavallerie verschwand vom Schlachtfelde bei la Rothière und wälzte sich in grenzenloser Verwirrung gegen Brienne zurück. 28 Geschütze waren als Trophäen in den Händen der Russen geblieben.

So war erreicht worden, daß die Infanterie der Mitte ihren Aufmarsch ungestört vollenden, die andere Hälfte der Geschütze ohne Gefahr herbeigebracht und der Angriff auf la Rothière selbst eröffnet werden konnte.

»Warum feuern denn die vorgeschickten Schützen nicht? Herr Adjutant, reiten Sie vor und fragen Sie, was denn los ist.«

Nach kurzer Zeit kam der Offizier zurück und berichtete: »Exzellenz, die Leute können nicht feuern, weil der auf den Pfannen liegende Schnee das Pulver durchnäßt und die Gewehre nicht losgehen.«

»So? Na um so besser. Da brauchen wir uns ja nicht mit langen Einleitungskämpfen aufzuhalten.«

Bald ließ General von Sacken das Zeichen zum allgemeinen Sturm geben. Nun brach es von allen Seiten auf la Rothière los. Der Gewalt eines solchen Sturmes war die schwache Division Duhesme nicht gewachsen. In wenigen Minuten wurde sie aus dem Dorfe hinausgeworfen, 8 Geschütze blieben in den Händen der Russen und mehrere Hundert tapfere Verteidiger mußten sich als Gefangene ergeben.

Während dieses Kampfes gingen die Österreicher Gyulays gegen das Städtchen Dienville vor. 10 Bataillone und 10 Geschütze überschritten die Aube, erstiegen das die ganze Umgegend überhöhende linke Ufer derselben und feuerten von oben herab gegen den Feind im Orte. 16 Bataillone griffen ihn in der Front an. Trotzdem gelang es nicht, das Städtchen zu erobern. Hier standen die 6000 Blusenmänner des Generals Gérard, schlecht bewaffnet und noch schlechter bekleidet, aber von hohem Mut beseelt und vorzüglich geführt. Der Kampf dehnte sich hier auf dem linken Flügel der Verbündeten bis in die Nacht aus.

Rechts von den Russen Sackens waren, wie wir hörten, die Württemberger unter ihrem Kronprinzen vorgegangen. Der Wald von Beaulieu bereitete ihnen einige Schwierigkeiten. Schließlich gelang es, das darin stehende feindliche Bataillon zu verjagen und die Höhen vor dem Dorfe la Giberie zu besetzen. Von seiner Kampfeslust getrieben ließ der Kronprinz nun auch letzteres, welches auf einer Höhe lag, angreifen, obwohl noch sehr wenig Truppen seines Korps zur Stelle waren. Deshalb gelang es auch anfangs nicht, Fortschritte zu machen. Als aber Verstärkungen eintrafen, wichen die dort stehenden drei französischen Bataillone zurück und die Württemberger besetzten das Dorf. Napoleon aber erkannte, daß durch den Verlust desselben die Verbindung zwischen den Korps von Victor und Marmont durchschnitten sei und schickte Unterstützungen vor. Mit anerkennenswerter Tapferkeit stürmten die Franzosen und gewannen die Hälfte von la Giberie wieder zurück. In der anderen hielten sich jedoch die Württemberger auf das zäheste und es entstand ein hartnäckiges Ortsgefecht.

Während der geschilderten Kämpfe war Graf Wrede seinem ersten Befehle gemäß rechts der Franzosen, also seitwärts ihres linken Flügels vormarschiert. Sobald er erkannt, daß der Feind bei den Dörfern La Chaise, Morvilliers und Chaumesnil stand, entwickelte er sein ganzes Korps gegen denselben. Nach Zurücklassung von etwa 20 000 Mann im Elsaß hatte er jetzt noch 25 000 Mann und zwar drei bayerische und eine österreichische Division zur Hand.

Als er mit so starken Kräften gegen das schwache Korps des Marschalls Marmont vorrückte, beschloß dieser seine viel zu weit ausgedehnten Truppen bei Chaumesnil zu vereinen. Wrede hatte dies kaum erspäht, als er sofort die Divisionen Spleny und Rechberg dagegen ansetzte, während die Division Hardegg gegen Petit-Morvilliers vorrückte. Da die bayerischen Gewehre ebensowenig losgingen, wie die russischen, so drehten ihre Träger die Waffe um und schlugen mit den Kolben auf die Franzosen ein, die schleunigst nach Grand Morvilliers ausrissen, aber doch nicht schnell genug, daß ihnen nicht die flinken Chevaulegers, welche sofort zur Hand waren, noch 6 Kanonen und einige hundert Gefangene abnehmen konnten. Es half nichts, daß sich die französische Kavallerie des Generals Doumerc zur Rettung ihrer Infanterie dazwischen warf. Die bayerischen Chevaulegers warfen auch diese. Nicht minder schlimm ging es der vor Chaumesnil stehenden französischen Brigade Joubert. Eiligst mußte sie weichen und nun stürmten die beiden bayerischen Divisionen Rechberg und Lamotte auf das Dorf selbst los.

Während also bis etwa vier Uhr nachmittags in der Mitte die Russen Sackens und auf dem rechten Flügel die Bayern Wredes entschiedene und große Vorteile erreicht hatten, mühten sich noch die Württemberger in la Giberie in hartnäckigem Kampfe ab und machten die Österreicher Gyulays verschiedene vergebliche Versuche, sich Dienvilles zu bemächtigen.

Napoleon erkannte aber, daß er Gefahr lief, seine Linie in der Mitte durchbrochen und von rechts aufgerollt zu sehen. Deshalb: » En avant ma garde!« Die Turmuhr von la Rothière schlug gerade ½5 Uhr, wegen des Schneefalls und der eintretenden Dämmerung sah man keine 50 Schritte vor sich, da erscholl es plötzlich von drei Seiten außerhalb des Ortes: » Vive l'empereur! vive l'empereur!« Obwohl die Russen ein verheerendes Feuer den neuen Angreifern entgegenwarfen, drangen diese doch in das Dorf, erreichten die Mitte desselben und fuhren hier sogar vier Geschütze auf. Es waren eben die Garden. Zugleich jagte französische Kavallerie herein und hätte beinahe den General von Sacken selbst gefangen. Die Sache stand ziemlich schief für die Russen, aber der alte Blücher war hieher geritten und sah nun diese Episode mit eigenen Augen. Er schickte einen Adjutanten zu dem hinter la Rothière in Reserve haltenden General von Olsuwiew.

»Sofort mit dem Bajonett angreifen und die französischen Garden aus la Rothière hinauswerfen!«

Dann stellte sich der greise Feldmarschall mitten im Dorfe im ärgsten Kampfe, trotz des feindlichen Kartätschfeuers auf, zeigte den ankommenden russischen Bataillonen, wo sie anstürmen sollten, und begeisterte sie durch sein hellschneidiges: » Pascholl! Pascholl!«

Die französischen Garden wichen noch lange nicht. Es entstand wieder ein ähnlich wütender Straßenkampf wie damals bei Möckern. Da zog Blücher noch den Rest des Grenadierkorps von Rajewski und eine Brigade vom Korps Gyulay heran. Das half. Mit solcher Gewalt wurden die Franzosen endlich aus dem Dorfe geworfen, daß es ihren Generalen erst weit rückwärts, jenseits der Aube, gelang, sie zum Stehen zu bringen und etwas zu sammeln.

Die Bayern hatten unterdessen das im Rücken der Verteidiger von la Giberie gelegene Chaumesnil erstürmt. Nun rückte Meunier an, um diesen maßgebenden Punkt wieder zu nehmen. Die Reste der Gardedivision Lagrange folgten ihm. Wie ihre Korpskameraden, so stürmten auch diese Garden mit vorzüglicher Tapferkeit vor. All ihre Anstrengungen waren vergebens, die Bayern wichen und wankten nicht. Ihre Chevaulegers brachen plötzlich vor und eroberten durch eine flotte Attacke mitten in die französische Stellung hinein fast des Feindes ganze Artillerie, nämlich 16 Geschütze. Jetzt rückte Wrede zum Gegenstoß vor. Umsonst stellten die Garden, Marschall Marmont und der Reitergeneral Grouchy ihnen entgegen, was sie nur hatten, die Bayern schlugen alles nieder. In entsetzlicher Verwirrung wurden die Franzosen gegen den Wald von Ajou geworfen. Dieselbe erhöhte sich noch, als jetzt, nachdem die Franzosen auch la Giberie geräumt, 12 württembergische Eskadrons und die Freischar des Prinzen Biron von Curland (1400 Russen und 600 Preußen) ebenfalls in den Knäuel einhieben. Napoleon selbst ließ eine starke Batterie bei dem genannten Walde zur Unterstützung seines linken Flügels auffahren. Auch dies war umsonst. Bis Brienne jagten die bayerischen und württembergischen Reiter dem über Hals und Kopf fliehenden Feinde nach. Erst die völlige Dunkelheit hielt sie auf. Der geschlagene Gegner befand sich in völliger Auflösung.

Auch aus la Rothière waren die russischen Reiter des Generals Waßiltschikow, die sich heute ja schon so sehr ausgezeichnet hatten, dem fliehenden Feinde gefolgt und hatten ebenfalls die gänzliche Auflösung auch der Mitte von Napoleons Armee bewirkt. Nur ihre geringe Zahl und die Dunkelheit verhinderten sie, den geschlagenen Gegner ganz zu vernichten.

Es war acht Uhr abends vorüber. Mit Ausnahme des Korps Gérard, das sich immer noch, und zwar bis gegen Mitternacht in Dienville gegen die Österreicher hielt und auch dann erst auf Napoleons Befehl abzog, waren die Franzosen in voller Flucht gegen Brienne.

Napoleon konnte seinen so sehr mitgenommenen Truppen keine Ruhe gewähren. Nachdem sie bei Brienne nur einigermaßen geordnet waren, ließ er sie noch in der Nacht aufbrechen und führte sie bis Lesmont und dort über die Aube. Erst jetzt durften sie, aber auch nur wenige Stunden ruhen. Dann wurde der Rückmarsch weiter fortgesetzt.

Ziemlich spät in der Nacht ließ Blücher den immer noch bei Trannes auf einer Höhe haltenden Monarchen den glücklichen Ausgang der Schlacht durch den Adjutanten von Nostitz melden. Hoch erfreut über die gute Botschaft umarmte Kaiser Alexander den Überbringer derselben und trug ihm auf: »Sagen Sie dem Feldmarschall, er habe heute allen seinen früheren Siegen die Krone aufgesetzt.«

Wie ganz anders klang dies, als man vor zwei Tagen vom alten Blücher, vom tollen Husaren, vom blinden Draufgeher sprach. Schwarzenberg bezwang sich, dem Adjutanten auch seine Glückwünsche für den Marschall aufzutragen.

Am nächsten Morgen ließen sich die Folgen der Schlacht bei la Rothière deutlich übersehen.

Man hatte etwas über 5000 Mann verloren. Dafür waren von den Russen Sackens 34, von den Bayern Wredes 22, von den Russen und Preußen des Prinzen Biron 7, von den Württembergern 6 und von den Österreichern Gyulays 4 Kanonen erobert worden, und über 3000 Gefangene befanden sich in den Händen der Verbündeten. Die Franzosen hatten ebenfalls an 5000 Tote und Verwundete eingebüßt.

Wiewohl die Armee Napoleons unter der Anführung des Kaisers selbst sich ganz vorzüglich geschlagen und einen heldenhaften Widerstand geleistet hatte, diese erste große Schlacht des Feldzuges von 1814 war doch für sie verloren gegangen, und auf dem Boden von Frankreich hatte Napoleon eine schwere Niederlage erlitten. Dadurch war dem ganzen Lande aufgedeckt, daß der Kaiser trotz seines Genies und trotz der ausgezeichneten Eigenschaften seiner Armee nicht imstande war, dem vereinten Angriff der Verbündeten zu widerstehen, daß es mit seiner Macht zu Ende gehe. Diese moralische Folge der Schlacht von la Rothière wirkte noch schädlicher für ihn als der physische Verlust an Menschen und Material in derselben.

Wer aber glaubte, daß der französische Kaiser nunmehr verzweifeln und sich tatlos trüben Gedanken hingeben würde, der täuschte sich sehr. Noch einmal raffte er sich auf, noch einmal zeigte sich sein gewaltiges Genie in der alten, die Welt in Erstaunen setzenden Größe, und von neuem wand er Siegesbänder um die französischen Fahnen. Aber es war nur ein letztes Aufflackern der erlöschenden Flamme seiner Macht, seine Uhr war abgelaufen, er mußte erliegen.

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