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Die Befreiungskriege 1813 bis 1815

Carl Tanera: Die Befreiungskriege 1813 bis 1815 - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
authorCarl Tanera
titleDie Befreiungskriege 1813 bis 1815
publisherZweiter, unveränderter Abdruck Fünftes bis neuntes Tausend
printrunC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorK. Frhr. v. Lupin Oberstleutnant
year1913
illustratorErnst Zimmer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160616
projectid80a45084
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12.
Nach Frankreich

Brienne
(Siehe Karte 3)

Der »verwundete Löwe« war in Paris angekommen. Was er mit über den Rhein gebracht, jene 70 000 zu Tod ermatteten, großenteils am Nervenfieber erkrankten Soldaten, die bemitleidenswerten Reste der gewaltigen Massen, welche in Schlesien, Böhmen, Preußen und auf den Gefilden Sachsens den wuchtigen Schlägen der Verbündeten erlegen, bildeten keine Armee mehr und zogen, als sie den schützenden Fluß hinter sich hatten, in verschiedenen Richtungen auseinander. Sie erstrebten vorläufig nichts als Ruhe, Erholung, Heilung. Wäre man ihnen unmittelbar gefolgt – kein Widerstand hätte den Einmarsch der verbündeten Monarchen in Paris aufgehalten, die Hauptstadt Frankreichs wäre wahrscheinlich ohne jedes größere Opfer an Menschenleben in die Hände der Sieger gefallen.

Diplomatische Bedenken, Unentschlossenheit, aber auch die Rücksicht auf den ebenfalls ziemlich mitgenommenen Zustand der eigenen Truppen verzögerten die notwendigen energischen Schritte und die Folge waren die blutigen Tage von Brienne, la Rothière, Bar-sur-Aube, Craonne, Arcis-sur-Aube, Fère Champenoise usw. Nur Blücher und Gneisenau erkannten dies vorher; aber sie drangen nicht durch.

Napoleon dagegen hatte nichts von seiner Tatkraft, ja nicht einmal von seinem Selbstbewußtsein verloren. Darin allein fehlte er, daß er alle Monarchen und Feldherrn der Verbündeten über einen Kamm schor und alle für schwach hielt, daß er die Kriegslust Kaiser Alexanders von Rußland nicht bedachte, vor allem aber, daß er den Kampfesmut, Eifer und die hohen Fähigkeiten Blüchers und Gneisenaus unterschätzte und die hervorragende Kriegstüchtigkeit der Preußen nicht in Rechnung zog.

Er glaubte fest daran, daß er bis zum Frühjahre, jedenfalls aber bis zum März Zeit habe, sich für den neuen Feldzug gehörig rüsten und vorbereiten zu können. Mit einem ihm sehr schädlichen Lärm setzte er beim Senate eine neue Aushebung von 300 000 Mann durch und brachte dadurch den Verbündeten die Überzeugung bei, daß es ihm mit allen Anerbietungen nicht um einen dauernden Frieden, sondern nur um Zeitgewinn zu tun sei. Trotz oder vielleicht gerade wegen seines so gewaltigen Feldherrngenies sah er nicht ein, daß der »Löwe« sehr schwer, ja sogar zu Tode getroffen war.

In Frankfurt am Main hatten sich allmählich die Monarchen von Rußland, Österreich, Preußen, Bayern, Württemberg und von verschiedenen kleineren Staaten versammelt und endlich nach langem Hin- und Herreden sich zur Eröffnung eines neuen Feldzuges am 1. Januar 1814 entschlossen.

Von neuem machte man gewaltige Anstrengungen zur Vergrößerung und Ausrüstung der Armeen. Schon im November 1813 standen 200 000 Mann der Verbündeten am Rhein, General von Bülow zog mit 30 000 nach den Niederlanden, denen weitere 30 000 unter Wintzingerode folgten und 70 000 drangen unter dem Herzog von Wellington von den Pyrenäen her in Frankreich ein. Außerdem betrug die österreichische Macht unter Bellegarde in Italien 50 000 Mann.

Nun wurden aus den Truppen der früheren Rheinbund- und anderer kleiner deutscher Staaten acht neue Armeekorps gebildet und hierdurch und durch Ergänzungen die Armeen auf eine gewaltige Höhe gebracht. Ende Dezember erreichte die Zahl:

der Hauptarmee unter Schwarzenberg 187 000 Mann
der schlesischen Armee unter Blücher 110 000 Mann
der Truppen Bülows in Holland 36 000 Mann.

Ferner standen sehr bedeutende Kräfte hinter diesen Feldarmeen in Reserve oder belagerten, wie z. B. die frühere Nordarmee, die noch in feindlichem Besitz befindlichen Festungen oder waren erst in der Bildung begriffen. Mit diesen Truppen sowie mit den in Italien und Spanien stehenden darf man mehr als 800 000 Streiter rechnen, welche zum Kampfe gegen Frankreich aufgebracht worden waren.

Demgegenüber hatte Napoleon anfangs Januar 1814 etwa 220 000 Mann Feldtruppen auf den Kriegsschauplätzen in Holland, an der spanischen Grenze und am Rhein, im Innern des Reiches und in den Festungen sowie etwa 250 000 Nationalgarden in den festen Plätzen verteilt zur Verfügung.

Während man sich längs des Rheines auf seiten der Verbündeten mit Rüstungen abgab und nur eine schwache Belagerung von Mainz durchführte, war General von Bülow mit seinem Korps aus Hannover abmarschiert, um gegen die Yssel vorzugehen. Kaum befand sich General von Bülow außerhalb der hemmenden Machtsphäre Bernadottes, so beschloß er, auf eigene Faust ganz Holland zu erobern und führte dies auch bis auf wenige Punkte durch, noch ehe sich die großen Heere in Bewegung gesetzt hatten.

Napoleon war über das Mißgeschick, welches seine in Holland stehenden Truppen traf, natürlich sehr aufgebracht. Er rief den zuerst dort kommandierenden General Molitor zurück und ersetzte ihn durch den von früher her in sehr gutem Rufe stehenden General Decaën. Als derselbe aber die Festungen Breda, Willemstadt, Gertruydenburg und die Stadt Neuß verloren, wurde auch er abberufen, und nunmehr drang Bülow nur um so entschiedener vor.

Der alte Marschall Vorwärts, der tolle Husar, wie ihn Fürst Metternich nannte, oder der wilde Draufgeher nach Schwarzenbergscher Ansicht, zeigte der Welt, daß er ein Feldherr war, der die Vorbereitungen zum Kriege ebenso gut verstand wie die Heeresführung. Zu ersterer gehört möglichst lange Geheimhaltung sämtlicher Absichten und Pläne. Hier war es von der allergrößten Wichtigkeit, den Gegner nichts davon merken zu lassen, daß man schon am 1. Januar 1814 an die Wiedereröffnung der Feindseligkeiten denke. Blücher wußte genau, daß die meisten seiner Worte durch französisch gesinnte Aufpasser Napoleon überbracht würden. Deshalb wetterte er wegen der langen Winterruhe, wegen des Aufschubes der Wiedereröffnung der Feindseligkeiten bis zum Frühjahr usw. los und zwar so laut, daß es eine ganze Menge von Franzosenfreunden wirklich vernahmen und wortgetreu dem Kaiser melden ließen. Noch mehr. Der alte Marschall schien sich endlich entschlossen zu haben, die Winterruhe selbst auszunützen, indem er sich der Jagd und allen nur möglichen Vergnügungen hingab. Am 16. Dezember feierte er in Wiesbaden seinen 71. Geburtstag mit besonderer Festlichkeit. Schließlich aber führte er noch ein Stückchen auf, das auch vorzüglichen Erfolg hatte. Er verlegte nämlich am 29. Dezember sein Hauptquartier von Höchst nach Frankfurt am Main, um, wie er sich äußerte, für den kommenden Winter ein besseres Quartier zu haben, verteilte seine rückwärts gelegenen Truppen im nassauischen Ländchen, um ihnen ebenfalls reichere Winterquartiere zu schaffen und ließ eine ganze Reihe ihm unliebe frühere französische Beamte in Frankfurt usw. aufgreifen und an die französische Besatzung von Mainz abliefern. Daß dieselben dort erzählten, wie sich die schlesische Armee bequem, und zwar auf die Dauer berechnet, einquartiert habe, und daß dies Napoleon sofort durch Eilkuriere überbracht wurde, ist selbstverständlich.

Napoleon traf ein neuer Schlag. Sein eigener Schwager, König Murat von Italien, fiel von ihm ab, rückte in den damals zu Frankreich gehörigen Kirchenstaat ein und schloß mit Österreich und England einen Schutz- und Trutzvertrag. Nach so vielem Unglück gewann die Meinung, daß nunmehr die Rolle Napoleons ausgespielt sei, selbst in Frankreich immer mehr Boden. Selbst der Verrat umgab den Kaiser und trotzdem erlahmte sein eiserner Charakter nicht, trotzdem leuchtete sein Genie als Staatsoberhaupt und als Feldherr von neuem auf. Daß er die Rüstungen nicht eifriger betrieb, lag vor allem daran, daß er, wie bemerkt, getäuscht worden war und vor Ende März keine Feindseligkeiten erwartete. Deshalb wollte er auch die äußersten Maßregeln wie die Aufstachelung des so empfindlichen französischen Nationalgefühls durch eine Massenbewaffnung und Massenerhebung, dann die Verzichtleistung auf eine Reihe von Vorrechten der Krone und anderes mehr noch nicht anwenden oder hielt sie noch nicht für nötig. In der Neujahrsrede ließ er sich unter anderen zu den selbstbewußten Worten hinreißen: »Ich allein bin der wahre Repräsentant der Nation. Wer von euch vermöchte es wohl, eine solche Last auf sich zu nehmen? Der Thron ist nur ein Stück Holz, mit Sammet überzogen. Nur der, welcher ihn inne hat, gibt ihm die Bedeutung. Ich, ich allein bin der wahre Repräsentant der Nation, denn sie hat mich mit vier Millionen Stimmen gewählt ... Frankreich bedarf meiner mehr, als ich Frankreichs.«

Durch solches Auftreten gelang es dem Kaiser nicht, die so sehr notwendige Anspannung aller Kräfte zu erreichen. Aber auch dies hätte nicht seine schließliche schwere Niederlage nach kaum dreieinhalb Monaten bewirkt. Der Hauptfehler seinerseits lag darin, daß er die Verbündeten und ihre Kriegslust unterschätzte und daher von den Ereignissen überrascht wurde, ehe er imstande war, ihnen mit ausreichender Kraft zu begegnen. –

Am 29. Dezember 1813 marschierte plötzlich der alte, hagere Ratsdiener von Caub, einem kleinen auf dem rechten Rheinufer zwischen Bingen und Coblenz gelegenen Städtchen, durch die Straßen seiner Heimat und rief mit den Tönen einer riesigen Handglocke seine neugierigen Mitbürger an die Fenster und Türen der Häuser.

»Auf Befehl des Bürgermeisters und Magistrats hiesiger Stadt haben sich alle Bürger und Ortsansässigen sofort mit einem mindestens acht Tage ausreichenden Lebensmittelvorrat zu versehen. Des weiteren hat aller Verkehr mit dem jenseitigen Rheinufer sofort aufzuhören und es ist bei strengster Strafe verboten, Personen, wer sie auch seien, überzuführen.«

»Was gibt es denn? Was ist denn los?«

»Weeß nit.«

Die guten Bürger von Caub waren darob nicht wenig erstaunt und verproviantierten sich. Am 30. Dezember gegen Abend wuchs ihr Erstaunen noch mehr, denn durch das enge Tal vom Dorfe Weißel herunter marschierten preußische Truppen ganz still ohne Trommelklang in die Stadt und quartierten sich daselbst ein. Am 31. folgten andere und Oberstleutnant von Klüx übernahm das Kommando in der Stadt. Wie, das sollten die Herren Cauber bald merken.

»In der Stadt hat die größtmöglichste Ruhe zu herrschen, das Verlassen derselben ist verboten. Nach der Rheinseite zu darf kein Fenster erleuchtet sein, in der ganzen Stadt kein Licht auf den Straßen angezündet werden, das sonst in der Neujahrsnacht übliche Schreien, Schießen und Lärmen ist strengstens verboten, Patrouillen werden die Befolgung dieser Befehle überwachen.«

Nachmittags dreidreiviertel Uhr kam der alle acht Tage nach Wiesbaden entsendete Bote fast atemlos in die Stadt gerannt und erzählte, daß alle Straßen von Wiesbaden her mit Truppen und Kanonen und Fahrzeugen bedeckt seien, daß der alte Feldmarschall Blücher an der Spitze reite und jeden Augenblick in Caub ankommen müsse.

»Unmöglich! Der Marschall ist ja erst nach Frankfurt gezogen.«

Ehe das würdige Oberhaupt der Stadt sich von seiner Überraschung erholte, kam ein Adjutant angeritten.

»Sie sind der Bürgermeister?«

»Jawohl, Herr Offizier.«

»Besorgen Sie sofort Quartier für Seine Exzellenz den Generalfeldmarschall von Blücher und seinen Stab.«

Um sechs Uhr abends rief ein Befehl des Stadtkommandanten Klüx alle Schiffer von Caub in die reformierte Kirche. Dort hielt der protestantische Geistliche Ahles eine erhebende Ansprache, in der er die Schiffer zu einer patriotischen Tat und zum Gehorsam gegen den Stadtkommandanten aufforderte. Nun sprach dieser. »Heute nacht beginnt die schlesische Armee ihren Übergang über den Rhein. Ihr sollt dazu mitwirken, indem ihr diejenigen Truppen, die den Brückenbau decken müssen, auf Kähnen überfahrt.« Dann erklärte er den Plan genauer, verließ die Kirche und – sperrte diese von außen rasselnd zu. So konnte nichts verraten werden. Gegen Mitternacht rasselten die Kirchentürschlüssel wieder und es öffnete sich das Tor. Die Schiffer wurden sektionsweise herausgeholt, sahen sich von preußischen Soldaten umgeben und folgten deren Führern nach dem Rhein. Dort standen Boote bereit, diese wurden bestiegen und nun ging's los.

In und bei Caub aber wurde es lebendig. Kein lautes Kommando ertönte; aber trotzdem fuhr ein Geschütz neben dem andern in größter Ordnung auf, protzte ab und richtete den ehernen Mund hinüber gegen die Seite der Welschen. Dann begann der Brückenbau über den Rhein. Unterdessen standen der alte Marschall, sein Gefolge und viele Offiziere sowie bereit gehaltene Truppenabteilungen an dem Ufer und lauschten.

In den Kähnen befanden sich außer den Schiffern 200 brandenburgische Füsiliere unter Führung des Major Graf Brandenburg und des Hauptmanns von Arnauld. Strengstes Stillschweigen während der Fahrt wurde gewahrt. Die Schiffer erkannten, daß es sich um eine patriotische Tat handle und setzten eine Ehre darein, hier mit all ihrer Kraft mitzuwirken. Da hebt sich ein schwarzer Streif von dem ebenfalls schwarzen Nachthimmel ab. Leise flüstert es: »Sind wir da?« Leise antwortet es: »Nein. Das ist erst die Pfalzinsel. Noch acht bis zehn Minuten.«

Jetzt aufs neue ein hoher, schwarzer Streifen am Horizont.

Es war das feindliche Ufer. Wohl schlugen die Herzen schneller, wohl faßte man Degen und Flinte fester, allein Furcht beschlich keinen. Nun war freilich befohlen worden, das Ufer so still als möglich zu ersteigen. Allein die Freude, als die ersten das gegnerische Ufer zu betreten und die alte im vergangenen Jahre so vielfach bewährte Tapferkeit riß die Füsiliere hin, sie warteten gar nicht, bis sie alle trockenen Fußes aussteigen konnten, sprangen in das eiskalte Wasser, wateten an das Ufer und mit Hurra ging's hinauf auf ein nahes erleuchtetes Wachthaus zu. Da – piff, paff, puff; einige französische Kugeln gingen über die Anstürmenden hinweg. Neues Hurra der Preußen und die vollständig überraschten feindlichen Douaniers rissen aus.

Rasch wurden Patrouillen entsendet, eine Stellung beim Wachthause bezogen und die Boote unter Bewachung zurückgeschickt. Jubelnd stürzten neue Füsiliere in die zurückgekehrten Boote. Stillschweigen war ja nicht mehr nötig. Zum zweitenmal fuhr man hinüber, zum dritten-, vierten-, fünftenmal und so fort die ganze Nacht, den kommenden Tag und noch am 2. Januar. Die Brücke bis zur Insel der Pfalz ward schnell beendet. Über den jenseitigen breiteren Arm aber machte sie mehr Schwierigkeiten.

Der alte Marschall hatte die zweite Hälfte des Brückenbaues von der mitten im Strome gelegenen Pfalz aus geleitet, und unter seinen Augen vollzog sich nun der Übergang der Truppen. Am 2. Januar marschierten die Reste des Yorckschen Korps, die schweren Batterien und die Trains hinüber, am 3. folgte das russische Korps Langeron. Die Brigaden Hünerbein und Steinmetz, einige Eskadrons und Geschütze, sowie die Brigade Horn waren schon auf Schiffen und Fähren übergesetzt worden.

Die Franzosen entsandten am 1. Januar einige Hundert Mann und ein Geschütz aus Bacharach. Mit geringer Mühe wurden diese von der Brigade Hünerbein geworfen und die Stadt Bacharach selbst besetzt. Eine andere Abteilung drang nach Ober-Wesel vor. Überall begrüßte man Yorcks Preußen als Befreier vom französischen Joche.

Das russische Korps des Generals von Sacken führte den Übergang ebenfalls am 1. Januar 1814 bei Mannheim aus. Die nötige Schiffbrücke wurde auf dem Neckar zusammengestellt und in den Rhein gefahren. Gegenüber der Neckarmündung befand sich aber ein von 7 Offizieren und 300 Franzosen besetztes und mit 6 Geschützen ausgerüstetes Werk. Unter den Augen des soeben angekommenen Königs von Preußen setzten die Russen dreimal vergebens zur Erstürmung der Wälle an. Endlich nach einem Verluste von mehr als 300 Toten und Verwundeten eroberten sie das Werk und der Übergang auf der nun rasch aufgefahrenen Brücke konnte am 1. Januar abends sechs Uhr stattfinden.

Am meisten Glück hatte das russische Korps des Grafen von St. Priest, welches den Rhein auch in der Neujahrsnacht – bei Lahnstein und unterhalb Koblenz überschritt und die hier stehende französische Division Durutte vollständig überraschte. Mit einem Verluste von 500 Gefangenen, 7 Kanonen und 1100 Kranken suchte diese eiligst ihr Heil in der Flucht. St. Priest marschierte darauf mit seinen Russen in Koblenz ein. Auf dem Castorplatz fand er ein von den Franzosen zu Ehren Napoleons Sieg über Rußland und seines Einzugs in Moskau errichtetes Denkmal. Unter die französische Inschrift ließ er setzen: »Gesehen und genehmigt durch den russischen Kommandanten von Koblenz, Generalleutnant Grafen von St. Priest, 1. Januar 1814.«

Es befand sich also nunmehr die ganze schlesische Armee auf dem linken Rheinufer.

Die Hauptarmee unter Fürst Schwarzenberg hatte den Rhein schon zwischen dem 20. und 22. Dezember mit 7 Armeekorps und 2 leichten Divisionen unweit Basel überschritten. Der Strom war hier von den Franzosen nicht beobachtet, so daß Schwarzenberg ganz ungehindert in die neutrale Schweiz, mit der zuvor eine Verständigung getroffen war, einmarschieren konnte. Von da aus wandte er sich durch den Jura gegen das mittlere Frankreich und hatte nur mit den Schwierigkeiten des Gebirges, aber fast gar nicht mit dem Feinde zu kämpfen.

Nachdem man bei den Verbündeten von Gneisenau vorgeschlagene Pläne, welche alle in der möglichst schnellen Einnahme von Paris gipfelten, als zu kühn abgelehnt hatte, war man zu dem Entschlusse gekommen, in der weiten Linie von Zuyder-See in Holland bis zur Rhone bei Genf, also auf einem Bogen von etwa 800 Kilometern, an verschiedenen Stellen gleichzeitig in Frankreich einzumarschieren. Am 15. Januar sollte die Vereinigung der schlesischen Armee in der Gegend von Metz, die der Hauptarmee auf der Hochebene von Langres erfolgen und beide dann miteinander in Verbindung treten. Wenn bis dahin Napoleon nicht angegriffen habe, oder wenn er durch eine Schlacht gezwungen sei, sich zurückzuziehen, so könne man hierauf vereint gegen Paris vordringen.

Es ist leicht erkennbar, daß die Aufgabe der beiden Armeen nach dem Kriegsplane eine sehr verschiedenartig schwierige sein mußte.

Während die Massen Schwarzenbergs keine irgend bedeutenden Festungen und keine nennenswerten Kräfte des Feindes vor sich fanden, hatte Blücher die so sehr gefürchtete dreifache Vaubansche Festungslinie vor sich und war gezwungen, jene Flüsse, welche die Hauptarmee an den Quellen umging, an deren unterem Lauf zu überschreiten, nämlich die Saar, Meurthe, Mosel, Maas usw. Ferner ließ Schwarzenberg keinen Feind, Blücher aber das stark besetzte Mainz hinter sich und außerdem mußte letzterer erwarten, auf den Marschall Marmont mit seinem etwa 20 000 starken Korps sowie auf das fast gleichstarke Korps des Marschalls Ney zu stoßen.

Trotz solcher Schwierigkeiten setzte sich übrigens die schlesische Armee sofort gegen die Saar in Bewegung unter Zurücklassung des größten Teiles des Korps von Langeron zur Beobachtung von Mainz und des Korps des Grafen St. Priest an der Mosel, während das Yorcksche Korps abgezweigt wurde, um Handstreiche gegen die Festungen Metz, Thionville, Luxemburg und Saarlouis zu versuchen, die aber mißlangen. So blieben dem Marschall Blücher schließlich nur etwa 28 000 Mann, nämlich das Sackensche Korps und die Infanterie-Division des Generals von Olsuwiew vom Langeronschen Korps übrig. Mit dieser kleinen Streitmacht setzte er den Vormarsch gegen Nancy fort und traf am 17. Januar dort ein.

Leider entsprach die Hauptarmee unter Fürst Schwarzenberg diesem Beispiele, das ihr der »Marschall Vorwärts« gab, keineswegs. Zwar wurden Graf Wrede mit etwa 50 000 Bayern und Österreichern sowie der Kronprinz von Württemberg mit ungefähr 15 000 Württembergern in das Elsaß entsendet, um die Festungen Hüningen, Belfort, Neu-Breisach und Schlettstadt zu beschießen, und es gelang diesem Heere auch, eine Abteilung des Neyschen Korps zurückzuwerfen. Dagegen marschierte die große über 50 000 Mann starke Armeereserve selbst, bei der sich auch die verbündeten Monarchen und der Oberbefehlshaber Fürst Schwarzenberg befanden, in zwei Säulen langsam vor, so daß erst am 17. und 18. die Massen der Hauptarmee bei Langres ankamen, welches der Feind nach kurzem Scharmützel angesichts der Übermacht der Verbündeten preisgab.

Schwarzenberg ließ seine Armee weite Ortsunterkunft beziehen und es entstand hier ein vollständiger Stillstand der Kriegsunternehmungen, der bis zum 28. Januar dauerte. Den Marschall Blücher dagegen duldete es nicht länger untätig in Nancy. Aber er fühlte sich zu schwach, allein gegenüber den 40 000 Mann der Marschälle Marmont und Ney vorwärts zu gehen. Er beschloß daher sich mit der Hauptarmee zu vereinigen, indem er sich vor die letztere schob. Am 20. ließ er Toul wegnehmen, dann setzte er sich in Marsch, warf in zwei kleinen Gefechten bei St. Aubin am 22. und bei Ligny am 23. Januar die feindlichen Arrieregarden zurück und erschien am 27. in Brienne an der Aube, wo er wieder Ortsunterkunft bezog. Die schlesische Armee war dadurch also die große Vorhut der bei Langres lagernden Hauptarmee geworden und setzte sich somit kühn dem ersten Stoße Napoleons aus, welcher am 25. Januar in Châlons-sur-Marne angekommen war, um den Feldzug zu eröffnen.

Während der französische Kaiser mit unvergleichlichem Mute sich bereit machte, mit seiner durch alle Anstrengungen nur auf etwa 50 000 bis 60 000 Mann gekommenen Armee den Verbündeten, deren Stärke er zum mindesten auf 200 000 bis 250 000 Mann schätzen mußte, angriffsweise entgegenzugehen, ließen sich im großen Hauptquartier immer lautere Stimmen für Abschluß eines Friedens vernehmen und fanden immer willigeres Gehör. Fürst Metternich hatte alle möglichen politischen Bedenken gegen den Vormarsch. Das Schlimmste aber war, daß auch der Generaladjutant und erste Vertraute des Königs von Preußen, General von dem Knesebeck, in übertriebener Vorsicht für den Abschluß eines Friedens wirkte und seine Ansichten in einer Denkschrift seinem Könige vorlegte. Diese stimmte mit der Meinung der österreichischen Strategen vollständig überein und deshalb herrschte also bis zum 28. Januar eine überaus kriegsüberdrüssige Stimmung. Zum guten Glück wurden Friedensvorschläge durch den Angriff des französischen Kaisers am 27. Januar überholt und nun bekam die Kriegspartei auch beim Hauptquartier Oberwasser. Die Berichte Blüchers und Gneisenaus bewirkten, daß Kaiser Alexander erklärte, auf alle Fälle gegen Paris marschieren und im Notfall allein den Krieg weiter führen zu wollen. König Friedrich Wilhelm, die Treue allen Bedenken voranstellend, schloß sich ihm an.

Nun konnten Kaiser Franz von Österreich, Fürst Metternich und die Diplomaten Englands und der kleineren Staaten es doch nicht auf das äußerste ankommen lassen, mußten auch wieder mittun und die Einmütigkeit der Verbündeten für Fortsetzung des Krieges war gerettet.

Dem Feldmarschall Blücher wurde eine bedeutende Verstärkung durch das Korps des Feldmarschall-Leutnants Graf Gyulay und das des Kronprinzen von Württemberg zugeteilt. Diese Korps konnten die schlesische Armee aber erst am 2. oder 3. Februar erreichen.

Vorher warf sich jedoch Napoleon mit etwa 55 000 Mann auf den Feind, den er als den gefährlichsten erkannt hatte und daher zuerst überwältigen wollte – nämlich auf Blücher. Dieser stand mit kaum 30 000 Mann bei Brienne und in der Umgegend der Stadt. Rechts rückwärts befand sich Yorck. Zur Verbindung mit diesem hielt ein Teil der Russen des Sackenschen Korps unter General Lanskoi bei St. Dizier.

Gegen letztere gingen die französischen Reiter des Generals Milhaud am 27. Januar bei Tagesanbruch vor. Sie sollten den Anmarsch der Division Duhesme verdecken. Die Russen wurden vollständig überrascht und in der Richtung gegen Joinville d. h. südöstlich, statt wie sie wollten südwestlich, gegen Brienne, wo die schlesische Armee stand, zurückgeworfen.

Napoleon erkannte jedoch, daß er trotz seines Erfolges gegen die kleine russische Abteilung doch einen Luftstoß gemacht hatte und wandte sich nun in drei Kolonnen gegen die Aube, gegen Blücher, der sich immer noch gegen Châlons sicherte. Nur eine preußische Schwadron war als Seitendeckung in der Richtung gegen St. Dizier entsendet. Von dieser liefen erst in der Nacht zum 29. und am Morgen dieses Tages die Meldungen über das Anrücken der französischen Armee ein. Blücher erfuhr dadurch, daß es Napoleon auf ihn abgesehen habe. »Der Bonaparte,« meinte er, »hat ja hier in Brienne auf der Kriegsschule studiert und da kann er nun gleich sein Examen machen. Wir wollen ihm hoffentlich zeigen, daß wir ebenfalls was Ordentliches gelernt haben, Gott straf mir.« Er zog seine geringen Kräfte bei Brienne zusammen und bereitete sich vor, den anrückenden Feind würdig zu empfangen.

Mit Ausnahme der erwähnten einen preußischen Schwadron hatte er bei Brienne nur Russen und zwar das Korps von Sacken, die Infanterie-Division Olsuwiew und die am Morgen des 29. zufällig eingetroffenen Kosaken des Grafen Pahlen unter seinem Befehl. Auf die Hauptarmee, besonders auf die beiden ihm unterstellten Korps des Kronprinzen von Württemberg und Gyulays hätte sich Blücher noch leicht zurückziehen können, wenn ihm auch die Verbindung mit Yorck durch den kühnen Marsch Napoleons abgeschnitten war. Allein dies wollte er nicht, um den Fürsten Schwarzenberg zu zwingen, eine Vorwärtsbewegung zu machen und ihm zu Hilfe zu eilen. Deshalb hielt er stand, obwohl er wußte, daß sich seine Armee gegen die Napoleons bedeutend in der Minderzahl befinden werde.

Ungünstigerweise befand sich der größte Teil des Sackenschen Korps nordwestlich Brienne bei Lesmont. Dieser mußte rasch herangezogen werden, damit er nicht durch die aus Nordosten anrückenden Franzosen abgeschnitten werde. Starker Nebel verzögerte ihren Marsch. Während desselben brachen die Franzosen vor. Bald entstand ein heftiges Feuergefecht gegen die vor Brienne stehenden Russen, und gleichzeitig trat eine starke Artillerie gegen die Stadt und die Stellung der Verteidiger ins Feuer. Noch ein energischer Vorstoß und die noch nicht nach Brienne gelangten Teile des Sackenschen Korps waren abgeschnitten. Dies wurde verhindert durch das schneidige Anreiten der Pahlenschen Kosaken, der preußischen Schwadron und einiger anderer Abteilungen.

So trat einige Zeit lang ein Hinhalten des Gefechtes ein. Dem Alten wurde die Sache zu langweilig, er ging in das Schloß und ließ das Mittagessen auftragen. Während desselben schlugen französische Vollkugeln durch das Dach. Einer jener Gäste, welcher, wie Müffling sagt, »als freiwillige Vaterlandsverteidiger vom Soldatenhandwerk nicht Profession machten,« erbleichte. Da fuhr ihn der alte Blücher lachend an: »Ei Mann, was haben Sie denn? Gehört das Schloß Ihnen oder mich? Nein. Wir können also ruhig sein. Das Ding ist solid gebaut und was die Reparaturkosten betrifft, so brauchen wir beide sie ja nicht zu bezahlen.« – Immer stärkere Massen vom Korps Victor aber traten bei den Franzosen in den Kampf ein und gingen nun mit Übermacht gegen die Russen Olsuwiews vor, so daß trotz deren zäher Verteidigung gegen dreieinviertel Uhr nachmittags der nordöstliche Teil von Brienne in die Hände der Franzosen fiel. Der noch nicht durchmarschierte Nachtrab Sackens geriet wirklich in Gefahr, abgeschnitten zu werden. Der Aufforderung des Marschalls folgend, gingen die Russen sofort zu einem neuen Sturme vor, warfen die Franzosen mit dem Bajonett aus der Stadt, eroberten zwei vorher verlorene Geschütze zurück und der Nachtrab Sackens war gerettet.

Es war vier Uhr nachmittag geworden, als bei den Franzosen die Reste des Korps des Marschalls Victor und das ganze Korps Ney eintrafen. Napoleon befahl, nunmehr Brienne von drei Seiten anzugreifen. Blücher erkannte die anrückenden Massen. Die Gefahr war sehr dringend, aber der alte Held wußte zu helfen. »Sofort zu den Generalen Waßiltschikow, Pahlen, Lanskoi – derselbe war wieder eingetroffen – und Tscherbatof reiten, ich lasse befehlen, mit der gesamten Kavallerie den linken Flügel der Franzosen rücksichtslos über den Haufen zu werfen.«

Im Nu war die feindliche Division Duhesme überrannt und zersprengt, und alle Geschütze derselben erobert, wovon aber nur acht in Sicherheit gebracht werden konnten. Sogar die von Ney vorgezogenen Gardedivisionen wankten und mußten weichen, und das französische Artilleriefeuer hörte auf. Dieser schon bei eintretender Dunkelheit ausgeführte Reiterangriff schien den Kampf zugunsten der Russen zu enden.

Blücher ritt mit seinem Stabe wieder in das Schloß zurück, stieg vom Pferde und wollte es sich bequem machen.

Plötzlich ganz nahe bei dem Marschall: » Vive l'empereur«; Schüsse fielen, der Kommandeur der Stabswache war gefallen, Franzosen drangen auf die Wache ein und überwältigten sie, Blücher und Gneisenau schienen verloren. Mit Mühe gelangten sie zu ihren Pferden und in die Sättel.

»Durch die Gärten können wir entkommen, wenn wir riskieren, die Treppe hinabzureiten.« So rief der Adjutant Graf Nostitz Blücher zu.

Der Alte dagegen zog seinen Säbel und wollte auf die Feinde einhauen. Da fiel ihm Gneisenau in den Zügel und rief: »Wollen Sie denn absolut haben, daß die Franzosen den Triumph erleben, Sie als Gefangenen in Paris eingebracht zu sehen?« Das half. Er wandte sein Pferd und ritt, gefolgt von seinem Stabe, die sechzig steinernen Stufen der großen Treppe hinab und entkam zu dem Korps Sackens. Blücher wurde wütend. »Der Kerl soll doch nicht in Brienne schlafen!« rief er und ließ von Olsuwiew und Sacken die Stadt trotz der eingetretenen Dunkelheit noch einmal angreifen. Es entstand ein äußerst blutiger Straßen- und Häuserkampf. Um Mitternacht befand sich Brienne wieder in russischen Händen, aber es war nur noch ein Gluthaufen.

Nun schickte Ney die Divisionen Decouz und Meunier vor. Neue wütende Kämpfe bis früh drei Uhr. Jetzt erkannte Blücher, daß er gegen die französische Übermacht nicht mehr standhalten könne und befahl den Rückzug gegen Trannes.

So endete das erste heftige Zusammentreffen in diesem Feldzuge. Über 3000 Mann waren auf beiden Seiten gefallen, Blücher zog sich zwar vor der überlegenen Armee Napoleons zurück, diese war jedoch ebenfalls sehr ermattet und – »der Bonaparte hat doch nicht in Brienne geschlafen«.

siehe Bildunterschrift

Übergang über den Rhein bei Caub in der Neujahrsnacht 1814

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