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Die Befreiungskriege 1813 bis 1815

Carl Tanera: Die Befreiungskriege 1813 bis 1815 - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
authorCarl Tanera
titleDie Befreiungskriege 1813 bis 1815
publisherZweiter, unveränderter Abdruck Fünftes bis neuntes Tausend
printrunC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorK. Frhr. v. Lupin Oberstleutnant
year1913
illustratorErnst Zimmer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160616
projectid80a45084
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10.
Der 19. Oktober. Der letzte Tag der Schlacht bei Leipzig

Unaufhörlich drang zu den Vorposten der Verbündeten in der Nacht vom 18. zum 19. Oktober lauter Lärm aus den noch von den Franzosen besetzten Stellungen herüber. Da aber die Monarchen, sowie das Hauptquartier der böhmischen Armee die Nacht in Rötha, d. h. etwa 15 Kilometer rückwärts des Schlachtfeldes zubrachten, so fehlte bei den Truppen die Aneiferung, energisch die Ursache dieses auffälligen Gebarens beim Feinde zu erforschen. Zudem bedeckte dichter Nebel die ganze Gegend, und so erfuhr man vorläufig vom Abmarsch der Franzosen noch nichts. Als endlich die Sonne durchbrach und ein prächtiger Herbstmorgen die ganze Landschaft klar und deutlich erkennen ließ, war man nicht wenig überrascht, von den langen feindlichen Schlachtlinien nichts mehr zu erblicken, sondern nur die Reste abziehender Kolonnen der Stadt Leipzig zueilen zu sehen. Die Verbündeten faßten nun den Entschluß, den Feind zu verfolgen.

Die böhmische Armee war in drei Angriffskolonnen neu geordnet in der Art, daß rechts die Russen unter Wittgenstein, in der Mitte die Preußen unter Kleist und links die Österreicher unter Colloredo gegen Leipzig anrückten.

Kurz vor den anrückenden Vortruppen der Verbündeten hatten die französischen Nachzügler Probstheyda verlassen und den letzten Rest des unglücklichen Dorfes in Brand gesteckt. Es war ihnen gleichgültig, daß in den wenigen bisher verschont gebliebenen Häusern noch Hunderte von Verwundeten fast ausschließlich der französischen Armee lagen und nun einem qualvollen Tode preisgegeben wurden. General von Kleist, dessen Korps hier anmarschierte gab sofort Befehl, zu retten, was noch zu retten sei, und nun schleppten preußische Musketiere die von ihren eigenen Landsleuten einem entsetzlichen Verderben überlassenen Franzosen mit persönlicher Lebensgefahr aus dem brennenden Dorfe.

Als eine Abordnung der Stadt Leipzig um Schonung zu bitten gekommen war, wurden die Feindseligkeiten auf eine halbe Stunde eingestellt, dann aber der Marsch fortgesetzt.

Während dieses Vorgehens trafen von allen Seiten Generale ein, um den Herrschern zu den erfochtenen Siegen Glück zu wünschen. Diese ergriffen ihrerseits die Gelegenheit, um schon jetzt so viel als möglich ihren Dank durch Beförderungen, Erhebungen in den Adelsstand und Verleihungen von Orden Ausdruck zu geben.

Am meisten waren die ganze schlesische Armee und sämtliche preußische Truppenteile erfreut, als sie erfuhren, daß der alte General von Blücher zum Feldmarschall befördert worden war.

Auch Fürst Schwarzenberg wurde mit den höchsten Ehren und Orden bedacht. Volle Anerkennung verdient seine Bescheidenheit, da er erwiderte: »Ich habe nur Geringes beigetragen, den Feldherrn und den Kriegsherren ist der Sieg zu danken.«

Noch war der letztere aber nicht vollständig erfochten. Während die böhmische Armee in der beschriebenen Weise gegen Leipzig anrückte, hatten die Armeen Bennigsens, des Kronprinzen von Schweden und Blüchers den Feind schon wieder angepackt und die vollständige Niederwerfung desselben vorbereitet.

Leipzig war damals von starken Mauern umgeben, durch welche vier mit Türmen versehene Tore nach außen führten. Auch ein Graben und vor demselben ein Wall und ein Glacis umgaben die innere Stadt. Um die Vorstädte, welche damals im Norden »Hallesche-«, im Osten »Grimmaische-«, im Süden »Peters-« und im Westen »Ranstädter-«Vorstadt hießen, zogen sich leichte, dünne Lehm- oder Ziegelmauern. Dieselben waren mit Schießscharten versehen und die Zugänge durch Barrikaden, spanische Reiter, Bäume, Wagen etc. versperrt.

Napoleon hatte dem Marschall Macdonald die Verteidigung übertragen und ihm zu dem seinigen noch die Korps von Lauriston, Poniatowski und Reynier zugeteilt. Er sollte die Stadt bis nach dem Abzug der Truppen Marmonts und Souhams halten, dann selbst folgen und hinter sich die Elsterbrücke sprengen lassen.

Von den Verbündeten der Nordarmee waren Bülows Preußen die ersten, welche sofort, als der niedergegangene Nebel einigen Überblick gewährte, den weichenden Franzosen nachfolgten. Voraus die Brigade des Prinzen von Hessen-Homburg, dahinter jene des Generals Borstell, griffen sie die Vororte Volkmarsdorf, Reudnitz, Anger und Crottendorf an. Die dortigen schwachen feindlichen Besatzungen wichen schnell zurück. Nun drangen die beiden preußischen Brigaden, denen bald die Brigade Krafft folgte, gegen das Grimmaische Tor vor, und es entstand an den Mauern ein gegenseitiges Hin- und Herschießen, das noch wenig Wert hatte.

Während rechts von Bülow die schlesische Armee vorging, erschienen nun links von ihm die Russen der Armee Bennigsens. Dieser ließ 60 Geschütze gegen die Südostecke der Stadt auffahren. Als der Kronprinz von Schweden diese Kanonensprache vernahm, befahl er auch den Angriff.

siehe Bildunterschrift

Fürst von Poniatowski, Marschall von Frankreich, auf der Flucht

Während die Artillerien beider Gegner sich ziemlich resultatlos beschossen, drangen die Musketiere und Landwehrleute des Prinzen von Hessen-Homburg mit neuem Eifer gegen das Grimmaische Tor vor, allen voraus das Königsberger Landwehr-Bataillon des Majors von Friccius.

Durch die Vorgärten war man im ersten Anlauf gekommen. Ebenso über das Glacis; dann folgte ein Graben! Wie der Blitz sausten die Landwehrmänner hier die Böschung hinunter und jenseits hinauf. Nun standen sie an der Mauer und an dem versperrten Tore. Aus dem vorgebauten Johannisfriedhofe und dem ebenfalls vorstehenden Wachthause eröffneten die Franzosen ein tödliches Flankenfeuer.

Was tun? – Vorwärts! – Unmöglich.

Zurück! – »Niemals, lieber sterben!«

Jetzt entdeckte der Adjutant des Prinzen von Hessen eine schwache Stelle in der Mauer und rief dies dem Major Friccius zu.

»Ein Gewehr her!« Mit gewaltigen Kolbenstößen gelang es dem Major, ein Loch in die Mauer zu stoßen. »Jetzt kann ich durch, Herr Major!« Diese Worte kamen aus dem Munde des kleinen Landwehrmanns Maluga und im Nu zwängte er sich durch die Öffnung. Sofort machte ihn ein Bajonettstich ins Gesicht kampfunfähig. Der Major folgte ihm, hierauf Hauptmann Motherby und Leutnant Stumpf, nun ihre Landwehrleute. Der überraschte Feind wich einige Schritte zurück und gab dann eine Salve auf die Eindringenden ab.

siehe Bildunterschrift

Der bayerische General Graf Wrede erstürmt in der Schlacht bei Hanau das Nürnberger Tor

Wie durch ein Wunder blieb der Major verschont. Hauptmann Motherby aber, durch den Kopf geschossen, sank tot dem Leutnant Stumpf, den er mit seinem Körper gedeckt hatte, in die Arme. Die braven Ostpreußen stürzten sich einzeln, wie sie gerade kamen, ihrem tapfern Major nach auf die wenigen Verteidiger des Tores und öffneten dasselbe. Die ersten Truppen der Verbündeten, die Preußen des Majors Friccius, standen in Leipzig. Es war ungefähr 11¼ Uhr vormittags.

Vorwärts ging es bis zum Postplatz. Dort stand eine ganze feindliche Brigade, welche die wenigen Preußen sofort angriff und zurückdrängte. Nun kamen aber das Bataillon Müllenhein und dann Gleißenberg an. Der Prinz von Hessen-Homburg hatte sie selbst herbeigeführt. Da warf ihn ein Schuß nieder.

»Kinder, haltet euch ferner brav!« So rief er, ehe man ihn forttrug.

Und sie tatens auch, die braven Ostpreußen. Allein sie waren gegen die stets zahlreicher werdenden Feinde viel zu schwach. Jetzt griffen aber General von Borstells Brigade rechts und einzelne russische Bataillone links in den Kampf ein. Außerdem erschien der schwedische Generalstabschef, General Adlerkreuz, und pflanzte zwei Geschütze in der Straße selbst auf. Zwei schwedische Kompanien drangen durch das Tor vor. Es gelang jedoch noch nicht gleich, den Widerstand des Gegners zu brechen. Als der Feind von neuem vorstieß, wichen zuerst die Schweden und dann auch die Russen zurück. Hier waren es die preußischen Grenadiere des Majors Romberg, welche diese rückwärtige Bewegung aufhielten.

Trotz des heftigsten Feuers stürmten diese Preußen vor. Die Grimmaer Vorstadt war bis zum Glacis erobert.

Nicht ohne schwere Opfer konnte dieser Erfolg errungen werden. Noch größere verlangte die Erstürmung der Halleschen Vorstadt im Norden. Dort hatten die Franzosen ein Vorwerk erbaut, mit Kanonen besetzt und der Division Durutte zur Verteidigung übergeben. Außerdem standen in dieser Vorstadt wieder die tapfern Polen Dombrowskis, und General Reynier selbst leitete die Verteidigung. Wiederholt setzten die Russen des Generals von Sacken zum Sturme an – immer vergeblich. Endlich kam das Korps Langerons an. Der alte Blücher selbst setzte sich an die Spitze der Sturmkolonne. Wie leuchtete sein blitzendes Auge, wie durchdringend klang seine helle, markige Stimme, als er fortwährend sein »Vorwärts, vorwärts« rief und den russischen Musketieren zeigte, wohin sie ihren Angriff zu richten hatten! Major Brigdanowitz mit seinen Ekatharinenburgern war hier der erste im Vorwerk. Er nahm dessen drei Kanonen und stürmte weiter durch das Tor in die Gerbergasse, bis er vor seinen Leuten schwer verwundet zusammenbrach. Diese hielten aber nicht ein und mit fürchterlichem Hurrageschrei ging es hinter den nun überall fliehenden Franzosen her. Schließlich wurden die Franzosen auf dem Fleischerplatz so zusammengedrängt, daß ein weiterer Widerstand nicht mehr möglich war und der Rest sich auf Gnade und Ungnade ergeben mußte. Nun war auch die Hallesche Vorstadt bis zum Glacis erobert.

Während dieser Kämpfe im Osten und Norden der Stadt hatte sich General von Bennigsen mit seinen Russen nach links gezogen, um Leipzig von Süden her anzugreifen, da die böhmische Armee immer noch zu weit zurück war. Etwa um zwölf Uhr kam seine Division Paskiewitsch vor dem äußersten Peterstore an. Die dortige Vorstadt sollte der Marschall Fürst Poniatowski mit seinen Polen verteidigen. Nach den schweren Verlusten der letzten Tage waren ihm aber nur noch etwa 2000 Mann geblieben. Nun rückten die Massen der russischen Reservearmee an. Dagegen konnte er doch nichts ausrichten und deshalb räumte er nach leichtem, für beide Teile wenig verlustreichem Gefechte die Vorstadt und zog sich auf das Glacis zurück. Den Russen fielen in derselben 56 Kanonen und an 300 Munitionswagen in die Hand. Auf dem Glacis aber stand eine Batterie der Polen, welche die Russen mit Kartätschen empfing. Obwohl deren Geschütze sofort in gleicher Weise antworteten, mußten sie doch die polnische Artillerie unter ziemlichen Verlusten mit Sturm nehmen. Ohne große Schwierigkeiten drangen die Russen nunmehr unaufhaltsam vor.

Wir müssen uns jetzt in die Stadt begeben und zwar zur Zeit, als die Angriffe der Verbündeten die ersten Erfolge in den Vorstädten erzielten.

Napoleon hatte seit frühestem Morgen den Rückzug seiner Armee geleitet. Nur bis zum vollständigen Abmarsch seiner Armee sollte die Stadt gehalten und darnach durch Sprengung der Elsterbrücke der Verfolgung des Feindes ein Ziel gesetzt werden.

Bis gegen neun Uhr – außen donnerten schon die Kanonen Bennigsens und Blüchers gegen die Mauern – blieb der Kaiser im Hotel de Prusse in der Vorstadt am Roßmarkt. Dann ritt er in die Stadt und besuchte in Begleitung des Königs von Neapel den unglücklichen König Friedrich August von Sachsen und dessen Familie. 9½ Uhr verließ er diesen so hart vom Geschicke getroffenen Monarchen und verabschiedete sich von den vor dem Hause stehenden sächsischen Garden mit den Worten: » Adieu, braves Saxons, gardez bien votre Roi.« Nun suchte er aus der Stadt und auf das linke Elsterufer zu gelangen, um von dort den weiteren Rückzug und den Kampf zu leiten. Es war keine leichte Aufgabe, sich durch das unentwirrbare Gedränge hindurchzuwinden. Endlich nach etwa anderthalb Stunden kam Napoleon bei Lindenau an. Bei der Lindenauer Mühle hielt er und suchte durch Offiziere Ordnung in den wirren Strom der Flüchtigen zu bringen.

Die Vorbereitungen zur Sprengung der Elsterbrücke waren dem Ingenieurgeneral Dulauloy übertragen worden. Dieser hatte einen Obersten mit der Ausführung betraut. Schließlich stand ein Korporal mit vier Sappeuren allein an der Brücke, um diese so entscheidend wichtige Handlung zu vollziehen.

»Wenn der Feind erscheint, um sich der Brücke zu bemächtigen, ist dieselbe zu sprengen.« So lautete der Befehl. Nun waren kurz vor ein Uhr russische Jäger vom Sackenschen Korps durch das Rosental bis in das Jakobsspital gedrungen, von wo sie auf einer Brücke über einen Elsterarm kamen. Dort sahen sie vor sich die große Elsterbrücke und den sich hinüberwälzenden Strom der französischen Flüchtlinge. Sofort feuerten sie darauf. Das sah der bei der Mine wartende Korporal, glaubte, der Feind sei schon mit Macht zum Sturm auf die Brücke bereit, zündete die Lunte an und – ein dumpfer mächtiger Schlag dröhnte durch die Luft, eine Feuer-, Rauch- und Staubwolke sprühte in die Höhe, Menschen, Wagen, Pferde, zerfetzte Gliedmaßen, Waffen usw. flogen umher und stürzten vermengt mit Steinen und Mörtelbrocken wieder zur Erde, die Brücke, der letzte Rettungsweg der noch in Leipzig stehenden Franzosen, war gesprengt. Ein französischer General wurde so zerrissen, daß eine Hälfte seines Körpers mit seinem Pferde in die Elster sank, die andere Hälfte in einen nahen Garten flog.

Nunmehr war allen noch in Leipzig kämpfenden Truppen, den Tausenden, welche mit hervorragender Todesverachtung sich dem Ansturme eines übermächtigen siegesbewußten Gegners entgegenstemmten, der Rückzug abgeschnitten. Es entstand eine allgemeine Entmutigung und die abgeschnittenen Abteilungen verzichteten auf weiteren Widerstand. Eine von den französischen Pionieren erbaute Brücke brach in dem Augenblick unter der Last der sich darüber wälzenden Menschenmenge zusammen, als pommersche Füsiliere und Musketiere sie erstürmen wollten. Wildes Kampfgeschrei herrschte anfangs auf und bei ihren Trümmern. Tausende der abgehetzten Franzosen mußten sich hier ergeben; Hunderte aber zogen den Tod im Wasser der Gefangenschaft vor oder versuchten schwimmend das andere Ufer und damit die Freiheit zu erlangen. Es gelang dies nur sehr wenigen.

»Dort kommen Reiter angesprengt! Welch schöner Mann jagt an ihrer Spitze! Aber wie bleich er ist!« Ein Geschoß hatte seinen Oberkörper durchbohrt, ihn, den jüngsten Marschall Frankreichs. Es war Fürst Poniatowski, der Stolz Polens. Im Richterschen Garten erreichte er das Ufer.

»Hier ist es, wo man mit Ehren unterliegen muß!« So rief er seiner Begleitung zu. Lebend fällt kein Poniatowski in die Hand der Feinde.

Durch den ersten Graben brachte ihn sein Pferd. Aber es war zu matt, den jenseitigen Uferrand zu erklettern. Der Marschall sprang aus dem Sattel und bestieg ein anderes ihm angebotenes Tier. Plötzlich versperrten ihm preußische Schützen den Weg. Von allen Seiten kamen jetzt diese auf ihn zu. Da besann er sich nicht mehr, gab dem Rosse beide Sporen, zwang es zu gewaltigem Satze in die Elster und verschwand in den Fluten. Mehrere ihn begleitende Offiziere ertranken auf gleiche Weise, der Rest wurde gefangen.

Besser erging es dem Marschall Macdonald. Sein Pferd tauchte mit ihm wieder auf und brachte ihn vollständig durchnäßt, aber sicher, an das jenseitige Ufer. Sein Stabschef, General Dumoutier, der ihm folgen wollte, dagegen ertrank ebenfalls.

Bis gegen drei Uhr hielt Napoleon bei der Lindenauer Mühle und ließ durch Plänkler die Verbündeten vom Überschreiten der Elster abhalten. Er wartete immer noch auf seine Marschälle Macdonald und Poniatowski. Endlich trat ersterer, triefend vom Wasser, vor seinen Kaiser. Kalt wie immer ließ sich dieser Bericht erstatten. Dann erteilte er ruhig die Befehle über den Rückzug der letzten Truppen. Macdonald zeigte mit der Hand in die Gegend des Richterschen Gartens und sprach halb leise, mehr zu sich selbst als für andere bestimmt: »Dort starb Poniatowski. Er war ein Held!«

Auch der Kaiser wandte das Auge dorthin. Aber er sprach nichts. Nach einigen Sekunden allgemeinen Stillschweigens drehte Napoleon sein Pferd nach rückwärts und ritt in langsamem Schritt auf die Straße nach Weißenfels.

Unterdessen neigte sich auch der Kampf in der inneren Stadt zum Ende. Niemand leistete mehr Widerstand. Die Überreste ganzer Brigaden standen ruhig mit Gewehr bei Fuß und warteten, bis sie entwaffnet würden. Allein dem preußischen Hauptmann Gail ergaben sich 5 Generale, über 120 Offiziere und 2000 Mannschaften.

Auf dem Marktplatz von Leipzig strömten nun die Sieger von allen Seiten zusammen. Schon bald nach zwölf Uhr kamen als die ersten Heerführer der Verbündeten der russische General von Bennigsen und der Kronprinz von Schweden in die Stadt. Beide versicherten den König von Sachsen ihres Schutzes und daraufhin erhielt letzterer eine russische Wache.

Gegen ein Uhr hielten der Kaiser von Rußland, der König von Preußen und Fürst Schwarzenberg ihren Einzug. Es war ein überwältigender Augenblick. Bald füllten sich die Straßen mit jubelnden, schreienden Menschen, Leute, die sich sonst ganz fremd waren, fielen sich gerührt in die Arme, niemand dachte an den herrschenden Mangel, an die große Gefahr, in welcher die an vielen Stellen brennende und mit Pulverwagen angefüllte Stadt immer noch schwebte, alles gab sich der grenzenlosen Freude hin über die endliche Befreiung aus der drückenden Hand des fränkischen Eroberers, über die Errettung aus so fürchterlicher Not und jauchzte und sah wieder froh in die Zukunft. Es war ein seltenes Schauspiel zu sehen, wie sich die siegreichen Truppen und die befreiten Bewohner von Leipzig laut ihrer Freude inmitten einer Stadt hingaben, in der mehr als 15 000 Tote und Verwundete in den Gebäuden und auf den offenen Straßen herumlagen und viele Tausende unglücklicher Gefangener zwischen und neben den jubelnden Siegern standen.

Neue brausende Freudenrufe erschallten, als jetzt der alte Blücher, der neue preußische Feldmarschall, der Marschall Vorwärts, auf dem Marktplatze eintraf. Er stieg vom Pferde, um die drei Monarchen – Kaiser Franz war unterdessen auch angekommen – zu begrüßen. Der Zar umarmte den Heldengreis mit den Worten: »Mein lieber General, Sie haben das Beste getan, Sie sind der Befreier Deutschlands.«

»Kaiserliche Majestät, erlauben Sie mich, hab bloß meine Schuldigkeit getan. Aber meine braven Truppen! Die haben mehr getan, viel mehr getan!«

So entgegnete der Mann, ohne den ein Sieg bei Leipzig wahrscheinlich nie erfochten worden wäre.

Während hier die Monarchen und Heerführer beisammen standen, wurden natürlich verschiedene Ansichten über die weitere Fortsetzung des Krieges laut. Darüber, daß man Napoleon samt seiner Armee über den Rhein jagen müsse, herrschte kein Zweifel. Dort aber, meinte der Kronprinz von Schweden, habe man stehen zu bleiben und Frieden zu schließen. Die Mehrzahl der Anwesenden stimmte dieser Meinung bei. Nicht so Gneisenau. »Der Krieg darf nur in Paris und mit dem Sturze Napoleons enden!« So rief er ohne Scheu über den ganzen Kreis und sofort reichte ihm Marschall Blücher die Hand und schüttelte ihm in seiner derbfreundlichen Art die Rechte.

Etwa um vier Uhr waren die letzten geschlossenen Abteilungen der Franzosen verschwunden. Nur bei Plagwitz stand ein etwa 5000 Mann starkes Reiterkorps und etwas Infanterie, welche zusammen die französische Arrieregarde bildeten.

Von einer eigentlichen Verfolgung war heute noch keine Rede. Yorcks Korps stand in Halle, hatte aber noch keine Nachricht von der Einnahme Leipzigs; die nachmittags entsendete preußische Reservekavallerie konnte nicht über die Elster kommen; Gyulay unternahm nichts, und die russischen Pioniere, welche oberhalb Leipzig vier Brücken bauen mußten, wurden erst am 20. mit dem Bau derselben fertig. Dennoch war der Schlag, den die französische Macht bei Leipzig erlitten hatte, ein entscheidender. Welch bedeutende Übermacht war nötig gewesen, den großen Schlachtenmeister und seine tapfere Armee zu erdrücken!

Die Verluste Die Verlustzahlen findet man selten übereinstimmend angegeben. Die Zustände gleich nach einer Schlacht erschweren die genaue Feststellung der Verluste, deren Zahl später, soweit möglich, berichtigt wird. beider Heere bei Leipzig waren ganz ungeheuere.

15 000 Mann waren bei den Franzosen tot, 15 000 Verwundete, 15 000 Unverwundete fielen in die Gewalt der Sieger. Außerdem ließ der Feind 27 Generale, 3000 Offiziere und etwa 20 000 Mann in den Lazaretten von Leipzig zurück. 300 Geschütze, 900 Munitions- und andere Armeefahrzeuge bildeten die Trophäen der Verbündeten.

Von französischen Heerführern waren tot: Marschall Fürst Poniatowski, die Divisionsgenerale Dumoustier, Vial, Rochambeau, Frederic und Delmas und verschiedene Brigadegenerale.

Verwundet waren die Marschälle Ney, Macdonald und Marmont, sowie viele Korps-, Divisions- und Brigadegenerale, gefangen die Korpsgenerale Reynier und Lauriston, 12 Divisions- und viele Brigadegenerale.

Bei den Verbündeten hatten verloren:

die Russen 864 Offiziere und 21 740 Mann
die Preußen 495 Offiziere und 15 934 Mann
die Österreicher 399 Offiziere und 8 000 Mann
die Schweden 3 Offiziere und 100 Mann

Summa 1761 Offiziere und 45 774 Mann.

Nach Abzug aller dieser Verluste und der übergegangenen Sachsen und Württemberger konnte Napoleon mit nicht ganz 100 000 Mann das linke Elsterufer erreicht haben, auf welches ihm die Verbündeten immer noch mit rund 250 000 Mann zu folgen vermochten. Es war also durchaus keine Möglichkeit mehr vorhanden, daß Napoleon sich auf dem rechten Rheinufer halten würde. Durch die Kämpfe bei Leipzig war die Befreiung Deutschlands vom französischen Joche tatsächlich erreicht worden.

Im ganzen Lande erkannte man dies auch und allenthalben wurde der große Sieg als Befreiungsfest gefeiert. Das ganze deutsche Volk gab sich der reinsten Freude hierüber hin und die Rheinbundstaaten, welche bisher noch gezaudert hatten, zögerten nicht mehr länger, sich von ihrem Zwingherrn Napoleon loszusagen und der deutsch-nationalen Sache anzuschließen. So hatte die Völkerschlacht eine Begeisterung geschaffen, die man bis dahin nicht geahnt hatte; was vorher nur einen Teil des Volkes, in erster Linie die Preußen durchglühte, ergriff jetzt alle deutschen Stämme, man fühlte sich wieder einig, das Volk der Deutschen war zu einer einzigen mächtigen Nation geworden.

Die Gegend aber, wo diese Riesenschlacht geschlagen worden war, fühlte es noch lange, lange nach, wie entsetzlich die Geißel der Kriegsfurie auf ihr gelastet. 29 Dörfer hatten teils durch Brand mehr oder weniger gelitten, teils waren sie ganz in Asche verwandelt worden. Vierzehn Tage gehörten dazu, um die Leichname von Menschen und Pferden auf dem Schlachtfelde zu begraben und die zahllosen Reste von Waffen, Fahrzeugen etc. etc. wegzuschaffen. Viele verwundete Freunde und Feinde, die leicht zu retten gewesen wären, starben aus Hunger und Mangel an Pflege. In der Stadt Leipzig, welche durch den Kampf selbst am wenigsten gelitten hatte, brach ein bösartiges Nervenfieber aus und forderte noch bis tief in den Winter hinein zahlreiche Opfer.

Aber alles dieses wurde verschmerzt und nur als Freudenfest wurde die Erinnerung an die große Völkerschlacht gefeiert und zwar viele Jahre, bis ein neuer gewaltiger Sieg der vereinten Deutschen über den gleichen Feind die Erinnerung an die Völkerschlacht zwar nicht verlöschte, aber doch zurückdrängte, bis spätere Geschlechter, würdig ihrer Väter, die Franzosen 1870 bei Sedan wieder gewaltig schlugen und dadurch der Herrschaft der Napoleoniden ein Ende bereiteten.

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