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Die Befreiungskriege 1813 bis 1815

Carl Tanera: Die Befreiungskriege 1813 bis 1815 - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
authorCarl Tanera
titleDie Befreiungskriege 1813 bis 1815
publisherZweiter, unveränderter Abdruck Fünftes bis neuntes Tausend
printrunC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck
editorK. Frhr. v. Lupin Oberstleutnant
year1913
illustratorErnst Zimmer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160616
projectid80a45084
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9.
Der 18. Oktober

» Stoi!«

Die drei Reiter parierten auf diesen Anruf des russischen Kosakenpostens ihre Pferde und blieben ruhig auf dem freien Felde zwischen dem Vorwerk Heiterer Blick und dem Städtchen Taucha stehen.

»Wer seid Ihr?« rief der russische Leutnant in französischer Sprache.

» Pas Français. Saxons. Wir verstehen fast kein Französisch.«

»Ah, Sachses!«

»Ja. Sachsen.«

»Was wollen?«

»Nicht mehr mit den Franzosen wollen wir gehen. Wie oft haben wir uns mit größter Aufopferung für sie geschlagen, und dennoch wurden wir Sachsen von Napoleon auf das bitterste gekränkt und schwer beleidigt. Es widerstrebt uns aber auch, daß wir mit den Franzosen gegen die eigenen Landsleute kämpfen müssen, und es schmerzt uns, daß wir helfen sollen, die Befreiung Deutschlands von der Herrschaft der Franzosen aufzuhalten.«

Der russische Offizier verstand zwar nicht alle Worte, die der Sachse gesprochen hatte. Allein er begriff doch, von was die Rede war und was die Sachsen wollten. Er reichte ihnen die Hand und rief ihnen zu: »Folgen!« Dann erklärte er seinen Kosaken den seltsamen Vorgang. Dieselben drängten sich denn auch herbei, um den neuen Waffengefährten die Hände zu schütteln, um ihnen von ihrem Tabak anzubieten, kurz um mit ihnen Kameradschaft zu schließen.

In bester Stimmung kam der Trupp bei der russischen Feldwache an. Von dort wurden die Sachsen zu dem nächsten preußischen Korps, zu dem von Yorck, geschickt. So wie diese drei Husaren dachte in Wahrheit die große Mehrzahl der Sachsen im Heere Napoleons.

Napoleon erkannte, daß sein Verbleiben bei Leipzig nicht mehr lange möglich sei und deshalb traf er schon in aller Frühe Anordnungen für den demnächstigen Rückzug. Er schickte die Trains auf Leipzig zurück und ließ in der Gegend von Probstheyda eine große Zahl der nicht mehr fortzubringenden Munitionswagen verbrennen.

In der Nacht zum 18. Oktober hatte er fast nicht geschlafen. Schon vor fünf Uhr morgens suchte er den in Reudnitz einquartierten Marschall Ney auf. Er fand ihn und dessen Adjutanten eingeschlummert und ließ sie wecken. Wenige Minuten später fuhren der Kaiser und sein Marschall durch Leipzig nach Lindenau. In der Stadt schloß sich Marschall Bertrand an, dessen Korps noch in Lindenau stand. Auf der Fahrt erteilte Napoleon letzterem die nötigen Befehle, um mit seinem Korps den Rückmarsch der Armee und zwar auf Weißenfels zu beginnen. Dann besah der Kaiser das Gelände auf dem linken Elsterufer, kehrte hierauf wieder durch Leipzig zurück und befand sich schon früh acht Uhr vorwärts der Stadt bei Stötteritz.

Die Stellung der französischen Armee war näher gegen Leipzig herangezogen. Die einzelnen Korps hatten aber das gleiche Verhältnis zueinander bewahrt wie am 16. Der rechte Flügel, Poniatowski, dem Napoleon als Anerkennung der Tapferkeit seiner Polen den Marschallstab geschickt hatte, lehnte sich wieder an die Pleisse und zwar bei Connewitz und Lösnig. Links neben diesem kam Augereau in Dölitz, Dösen und bis Probstheyda. Hier Victor und hinter ihm die alte und die junge Garde sowie zwei Reiterkorps. Dies alles unter dem Oberbefehl Murats. Dann bei Zuckelhausen, Holzhausen und Steinberg das Korps Macdonald, hinter diesem, zwischen Probstheyda und Stötteritz, das Korps Lauriston. Noch weiter links bei Zweinaundorf, Mölkau, Paunsdorf, Schönfeld, dann an der Parthe dicht um Leipzig bis zur Elster unter Neys Oberbefehl die Korps Reynier, Souham und Marmont. – Als Bertrand abmarschieren sollte, löste eine Division junge Garde sein Korps bei Lindenau ab.

In dieser ungefähr 15 Kilometer langen, sich um Leipzig biegenden Linie standen etwa 128 000 Franzosen bereit, um den Angriff von etwa 270 000 Verbündeten abzuweisen.

Für letztere hatte Fürst Schwarzenberg befohlen:

Drei Angriffskolonnen sollten auf dem rechten Pleisseufer gegen den rechten französischen Flügel vorgehen. Hart am Flusse, also auf dem linken Flügel der Verbündeten, der Erbprinz von Hessen-Homburg mit 40 000 Österreichern auf Connewitz, rechts davon Barclay mit 55 000 Russen und Preußen auf Probstheyda, neben diesen 50 000 Österreicher, Polen, Russen und Preußen unter Bennigsen über Holzhausen auf Stötteritz.

Es marschierten hier also 145 000 Verbündete gegen die 85 000 Franzosen Murats und Macdonalds an.

Zwischen Holzhausen und der Parthe erwartete man das Vorgehen der durch Langerons Russen auf 100 000 Mann verstärkten Nordarmee des Kronprinzen von Schweden und im Norden stand der Angriff der auf 25 000 Mann geminderten Armee Blüchers auf den linken französischen Flügel in sicherer Aussicht.

Außerdem befanden sich noch 20 000 Österreicher unter Gyulai auf dem linken Elsterufer vor Lindenau.

Am Morgen des 18. Oktober beleuchtete, seit vielen Tagen wieder zum erstenmal, eine helle und heitere Herbstsonne das ganze Gelände, auf welchem wenige Stunden später eine der gewaltigsten Schlachten aller Zeiten entbrennen sollte. Wo man hinblickte, Truppen, nichts als Truppen. Um ganz Leipzig herum schien ein Wall von Kriegern aufgestellt. Der Kaiser von Rußland war einer der ersten auf dem Schlachtfelde. Kurz nach ihm traf der König von Preußen ein. Sie wußten, daß die Überlegenheit ihrer Armeen den Sieg unbedingt an ihre Fahnen fesseln mußte. Allein sie erkannten, daß es noch schwere Kämpfe, blutige Opfer erfordern werde, um zu diesem Ziele zu gelangen.

Schon früh drei Uhr war der zu Bennigsens Armee gehörige Graf Platow mit seinem Kosakenkorps aufgebrochen und von Zweenfurt über Hirschfeld gegen die Parthe vorgetrabt, um die Verbindung mit der Nordarmee zu gewinnen. Bei Engelsdorf und Paunsdorf standen dicht hinter ihren Truppen französische Trains.

» Voilà les cosaques! Sauve qui peut!«

Hei, wie rissen diese cantiniers, fouriers, soldats du train etc. etc. nach Leipzig zu aus, kaum daß die langen Lanzen der Russen im Morgennebel auftauchten. Einige Kernflüche rasch entsendeter Offiziere stellten allmählich die Ordnung wieder her.

Diese Panik hatte auch der unterdessen auf dem Kolmberg eingetroffene österreichische General von Klenau beobachtet und deshalb den sofortigen Angriff auf Liebertwolkwitz, Zuckelhausen und Holzhausen befohlen. Zietens Preußen schlossen sich links an und folgten den auf Liebertwolkwitz weichenden Franzosen gegen Zuckelhausen. Ferner drangen rechts dieser Truppen die österreichische Division Bubna und die Russen des Generals von Stroganow auf Paunsdorf und Zweinaundorf vor. Bald waren auf beiden Seiten große Linien von Artillerie aufgefahren und donnerten gegeneinander los.

Die gewaltige Völkerschlacht hatte begonnen!

In hartem, schwerem Ringen, in wiederholtem Angreifen und Abwehren, in überaus blutigen Nahekämpfen wurden nach und nach die genannten Orte den Franzosen entrissen und schließlich hatten die Truppen Bennigsens das ganze Gelände zwischen Paunsdorf und Zuckelhausen in ihrer Macht. Allein zum Festhalten einer so ausgedehnten Strecke fehlte bis zum Eintreffen der Nordarmee jede Reserve. Das erkannten die Franzosen auch und versuchten durch neue kräftige Vorstöße den dünnen Ring, der sie umklammerte, zu sprengen. All ihr Mühen scheiterte jedoch an der zähen, todesmutigen Verteidigung der 12. russischen Division. Napoleon selbst war es, der den Macdonaldschen Truppen den Befehl erteilte, sich in die Gegend von Stötteritz zurückzuziehen. Nur das Korps Lauriston näherte sich Probstheyda, um in den unterdessen sich dort entwickelnden Kampf einzugreifen.

Sehen wir uns nunmehr nach den anderen Kolonnen um.

Zunächst nach den Truppen Bennigsens erschienen die Massen des Erbprinzen von Hessen-Homburg auf dem Schlachtfelde.

Schneidig rückten die Österreicher, immer den linken Flügel an die Pleisse gelehnt, über Markkleeberg auf Dösen und Dölitz an, warfen die Vortruppen Poniatowskis und Augereaus zurück und nahmen die genannten Orte ein.

Von hier aus versuchten sie unter dem Schutze ihrer mächtigen Artillerie einen großen Angriff gegen die französische Hauptstellung. Wirklich gelang es Schützen der Division Wimpfen, in die Schäferei Meusdorf einzudringen. Plötzlich schob sich von rechts her eine starke französische Kolonne vor und warf die Österreicher wieder aus Meusdorf hinaus. Französische Reiterregimenter stürmten auf die Flanke einer österreichischen Batterie los. Die Batterie war in größter Gefahr. Das sah Hauptmann Schüler vom 7. preußischen Reserveregiment.

»Herrgott, Kinder, die nehmen ja die Geschütze. Das dürfen wir nicht leiden. Nun wollen wir Infanteristen einmal die Kavallerie angreifen. Zur Attacke Gewehr rechts – fällt das Gewehr – hurra, hurra!«

Die beiden braven preußischen Kompanien liefen mit lautem Geschrei auf die feindlichen Reiter los und lenkten dadurch deren Aufmerksamkeit von der bedrohten Batterie ab. Vor dem Feinde kommandierte Hauptmann Schüler: »Bataillon halt! Legt an – Feuer!« Zwei Salven vertrieben die Franzosen, die österreichische Batterie war gerettet.

Nun begann ein zweistündiger harter Kampf gegen die französische Hauptstellung. Er kostete viel Blut. Auch der Erbprinz wurde schwer verwundet. Colloredo übernahm an seiner Stelle den Befehl. Bis Connewitz, sogar bis in die Nähe der Tabakmühle südöstlich Stötteritz, wo Napoleon selbst seinen Standpunkt genommen hatte, drangen die Österreicher vor. Nun aber schickte der große Schlachtenkünstler die junge Garde Oudinots seinem bedrängten rechten Flügel zu Hilfe. Da mußten die Angreifer weichen. Nichts half es, daß Schwarzenberg schleunigst eine Brigade von Gyulays Truppen heranzog, nicht viel, daß alle Reserven eingriffen und sogar eine russische Garde- und eine russische Kürassierdivision herangeholt werden. Obwohl es gelang, das Gefecht zum Stehen zu bringen und das aufgegebene Dorf Dösen wieder zu nehmen, so blieb Dölitz doch verloren und alle neuen Versuche, wieder Vorteile zu erlangen, scheiterten an der zähen Tapferkeit der Polen Poniatowskis und der Franzosen Augereaus und Oudinots. Deutlich genug machte sich auf diesem Teile des Schlachtfeldes der direkte Einfluß des Kaisers Napoleon bemerkbar. Hier fühlte man am stärksten den großen Fehler, welchen Barclay durch seinen zu späten Aufbruch begangen hatte.

Erst kurz vor 10 Uhr eröffnete dessen Hauptkolonne das Feuer. Fürst Gortschakow trieb die französischen Vortruppen über Wachau und Liebertwolkwitz zurück. Nun marschierten die russischen und preußischen Massen heran, um den Sturm gegen die Stellung bei Probstheyda mit genügenden Kräften zu unternehmen. Während dieser Zeit dröhnte der Geschützdonner auf beiden Seiten mit fürchterlicher Kraft und ein Hagel von Granaten überschüttete das ganze Gelände. Der Sturm auf die feindliche Hauptstellung begann. Man stieß vor Probstheyda auf unerwartet harten Widerstand. Bennigsens Regimenter waren des weiten Marsches wegen noch etwas zurück, weshalb man beschloß, sich einige Zeit abwartend zu verhalten. Erst gegen 2 Uhr begann der allgemeine Sturm auf Probstheyda von neuem. Ein ganz furchtbares Artilleriefeuer suchte den Angreifern vorzuarbeiten. Dann brachen die preußischen Brigaden Prinz August und Pirch los. Hinter ihnen folgten die Russen des Prinzen von Württemberg.

Granaten sausten den Tapfern entgegen und rissen ganze Reihen nieder. Das hielt die Überlebenden aber nicht auf; sie drangen weiter vor. Nun kamen Kartätschen. Was tut's?

»Vorwärts, mit Gott für König und Vaterland!«

siehe Bildunterschrift

2. Das Schlachtfeld von Leipzig (15.-18. Oktober 1813)

So kamen sie heran und drangen in den östlichen Teil von Probstheyda ein. Allein die Franzosen des Marschalls Viktor wußten, daß ihnen der Schlüssel der ganzen Stellung anvertraut war. Ihre Reserven rückten an, und was ihre große Tapferkeit nicht vermochte, brachte schließlich ihre hier zusammengekommene Übermacht zuwege, die Preußen mußten weichen. Prinz August, ein Mann von außerordentlichem Heldenmute, setzte alles daran, seine Truppen zum Stehen zu bringen und erreichte nicht nur dies, sondern sogar ihr erneutes Vorgehen mit der ebenfalls zum zweitenmale anstürmenden Brigade Pirch auf Probstheyda. Wieder ward das Dorf genommen. Eine neue Division Victors rückte an. Lagen vorher die Toten zerstreut auf den Straßen, jetzt häuften sie sich, denn keiner wollte nachgeben. Zum zweiten Male aber erlagen die Preußen der augenblicklichen französischen Übermacht. Nun setzten des Prinzen von Württemberg Russen an. Sie marschieren heran, sie eilen vor, sie stürmen drauf, sie erreichen den Dorfrand, sie dringen ein, hurra, das Dorf gehört ihnen. Ja, soweit waren die Preußen auch gekommen, und zwar zweimal. Jetzt aber begann das alte Lied. Napoleon selbst schickte Hilfe, » vive l'empereur« erscholl es vor dem Orte, » vive l'empereur« dicht bei demselben und jetzt » vive l'empereur« in seinen Straßen, und, was von den Russen noch lebte, mußte hinaus und über Berge von Leichen sich den Rückweg bahnen. Zum dritten Male war Probstheyda erobert und wieder verloren worden, es blieb am 18. Oktober in französischem Besitz.

Die bei der Kolonne Barclays sich befindenden Monarchen und der Oberbefehlshaber Fürst Schwarzenberg erkannten, daß hier keine Vorteile mehr zu erringen waren.

Die böhmische Armee hatte also auch heute, den 18., keinen Erfolg gegenüber dem rechten französischen Flügel erreichen können. Wenn es auch Bennigsen gelungen war, das feindliche Zentrum zurückzudrängen, so wurde dafür die linke Angriffssäule der Verbündeten etwa um 1000, jene Barclays um 800 Schritt zurückgetrieben. Dies war dadurch möglich gewesen, daß die Franzosen all ihre Kräfte ins Feuer geführt hatten, während bei den Verbündeten die zahlreichen weit zurückgehaltenen Reserven gar nicht zum Schuß kommen konnten.

Sehen wir uns nun auf dem nördlichen Teile des Schlachtfeldes um. Noch ehe die Nordarmee des Kronprinzen von Schweden herankam, hatte sich dort ein wichtiges Ereignis vollzogen.

In der Gegend um das Vorwerk »Heiterer Blick« standen die zum französischen Korps Reynier gehörigen Sachsen. Wie es mit deren Stimmung beschaffen war, haben dem Leser die drei Husaren, welche in der Nacht Patrouille reiten sollten, verraten. Dennoch feuerten die sächsischen Batterien munter der auf der Wurzener Straße gegen Paunsdorf anrückenden österreichischen Division Bubna entgegen, und die Infanteriebrigaden Brause und Ryssel standen breit, dem Feinde entgegenzugehen. In diesem Augenblick sprengte Leutnant von Ziegler von der leichten Kavalleriebrigade daher.

»Major von Fabrice läßt den Herrn der Infanterie mitteilen, daß die Reiterbrigade beabsichtigt, zum Feinde überzugehen.«

Der Funke war in das Pulverfaß gefallen, die Folgen blieben nicht aus. Sofort erklärten sich die beiden Infanteriebrigadiers zum gleichen Schritte bereit. Der Divisionsgeneral von Zeschau wollte aber nichts von einem solchen Vorhaben wissen.

»Niemals werde ich ohne ausdrücklichen Befehl des Königs etwas tun, was meiner Pflicht entgegen ist.« Durch ein Handbillet des Königs wurde er darin bestärkt.

Unterdessen waren nicht nur Bubnas Österreicher, sondern auch Langerons Russen gegen die Stellung des französischen Korps Reynier, speziell gegen die der Sachsen vorgerückt. Zwischen den beiderseitigen Reitereien hatte es schon Zusammenstöße gegeben. Plötzlich hielten die Sachsen, steckten den Säbel in die Scheide, riefen Hurra und einzelne Offiziere trabten auf die Russen zu.

Staunend empfing man sie. Ihr Anführer ritt dem ihn in würdiger Haltung empfangenden General von Langeron entgegen.

»Exzellenz, lange haben wir den Augenblick erharrt, uns aus der unnatürlichen Lage herauszureißen, die uns zwang, gegen unser eigenes Volk zu kämpfen. Jetzt ist es uns erst gelungen. Wir bitten aber, nicht in dieser Schlacht kämpfen zu müssen.«

Man schickte ihn zu Blücher. Dieser redete freundlich mit ihm und seinen Offizieren, gewährte ihre Bitte und wies ihnen eine Stellung hinter Yorcks Korps an. Dort wurden sie mit jubelndem Hurra empfangen. Alle waren ergriffen, als hier Major von Holleben, einer der Tapfern des preußischen Leibregiments und sein Bruder, der sächsische Husarenoffizier, sich in die Arme fielen.

Dieses Beispiel wirkte so anregend auf die bei dem Vorwerk Heiterer Blick stehende württembergische Reiterbrigade des Generals von Normann, daß auch sie auf die ihr gegenüberstehenden Kosaken zuritt und sich dem Hetman Graf von Platow übergab.

Dies waren nur die Vorspiele zum Übergang der ganzen sächsischen Division bei Paunsdorf, trotz der entgegengesetzten Bemühungen des Generals von Zeschau, trotz der von den nächsten französischen Batterien nachgesendeten Kartätschen.

Niemand ist darüber im Zweifel, daß es kaum eine schwierigere Lage für Offiziere und Soldaten geben kann als die, in der sich die Sachsen bei Leipzig befanden. Die Vergangenheit, ihre militärische Ehre, sogar der Befehl ihres freilich in seinen Entschlüssen nicht freien Königs verlangten ihr Ausharren bei den Franzosen, das deutsche Bewußtsein und die Liebe zu ihrem Vaterlande aber brachten ihre Neigungen zu den Verbündeten.

Auf die Franzosen machte dies Ereignis einen tiefen Eindruck. Napoleon, den man schleunigst benachrichtigt hatte, sandte umgehend die Reiterei der Garde sowie andere Verstärkungen und begab sich selbst an Ort und Stelle. Paunsdorf, welches die Österreicher schon besetzt hatten, wurde von den Franzosen wiedererobert und blieb vorläufig in ihren Händen, da General von Bubna die Massen der Nordarmee anrücken sah, diesen nun den weiteren Kampf überließ und sich selbst damit beschäftigte, die Übergegangenen in Sicherheit zu bringen.

Unterdessen war General von Bülow mit seinen Preußen herangekommen. Dem Kronprinzen von Schweden hatten alle Verzögerungen nichts mehr geholfen. Blüchers und Bülows Einfluß glich jede Unsicherheit sofort aus und dadurch wurde es erreicht, daß wenigstens von vier Uhr nachmittags an die Truppen der Nordarmee in den Kampf miteingreifen konnten, so daß das Netz um den Feind auf dem ganzen rechten Pleisse- und Elsterufer geschlossen war.

Es ist gerecht, bei dieser Gelegenheit anzuführen, daß der Kronprinz nunmehr, wo er doch nicht mehr ausweichen konnte, mit Umsicht den Kampf leitete und sich mit hervorragendem Mute wiederholt dem französischen Geschütz- und Gewehrfeuer aussetzte.

Bülow hatte kaum die feindliche Stellung erkundet, so befahl er: »Die Artillerie vor! Den Angriff meiner Bataillone vorbereiten!« 76 Geschütze protzten ab und bald prasselte ein alles zerschmetternder Eisenhagel auf die von den Franzosen noch besetzten Orte Stünz und Sellerhausen los. Aber so tapfere Gegner wie die Truppen eines Napoleon ließen sich nicht verblüffen. Sie schossen wieder, und zwar nicht schlecht.

Nun schickte Bülow seine Infanterie vor. Die preußische Brigade Krafft warf sich auf Stünz, die Brigade Hessen-Homburg auf Sellerhausen. Im ersten Anlaufe wurden die Dörfer genommen, obwohl nicht ohne starke Verluste.

Solches Beispiel eiferte die Österreicher des Generals von Bubna derartig an, daß sie ebenfalls von neuem vorgingen, sich auf Melkau warfen und auch dieses Dorf im Sturme nahmen.

Mit unvergleichlichem Kampfesmut wollten die Preußen noch weiter vordringen. General Borstell setzte seine Bataillone an, um hinter den weichenden Franzosen her bis nach Leipzig zu stürmen. Der Kronprinz von Schweden aber verhinderte seine Absicht.

Die Franzosen waren nun hier auf Leipzig selbst und die dicht dabei liegenden Vororte Reudnitz, Volkmarsdorf, Anger und Crottendorf zurückgedrängt und brachten in diesen Stellungen die Nacht zu.

Rechts der geschilderten Ereignisse war das russische Korps Langerons gegen Schönfeld vorgegangen. Der Marschall Ney erkannte, daß der Verlust dieses Dorfes die ganze französische Stellung nördlich Leipzig gefährde. Deshalb ließ er den an und für sich sehr wohl zur Verteidigung geeigneten Ort durch Truppen von Marmont und Souham stark besetzen.

Um drei Uhr begann hier der Angriff der Russen und bald entwickelte sich an dieser Stelle der hartnäckigste und blutigste Kampf des ganzen Tages. Trotz eines verheerenden Feuers drangen die Russen vor. Aber neue französische Truppen rückten an. »Weichen, nein. Das geschieht nicht!« So die beispiellos tapferen Staroskol-Musketiere. Da wurde fast das ganze Regiment vernichtet. Kaum hatten sich die Reste dieser Angreifer bei Abt Naundorf wieder gesammelt, so führte der verwundete General Kapzewitsch drei neue Bataillone heran und unternahm einen zweiten Sturm. Zum zweiten Male nahmen sie das Dorf, zum zweiten Male rückten französische Reserven an, zum zweiten Male wurden die Russen geworfen.

Jetzt drangen die Regimenter Nascheburg, Jakutzk und Alt-Ingermanland vor. Zugleich stürmten vom Korps St. Priest die Regimenter Riasan, Belosersk, Polotzk und Geletz heran. Weiter griffen von der Seite die Regimenter Brest und Willmanstrand ein. Das war ein Kampf!

Inzwischen war Schönfeld selbst in Brand geraten. Niemand konnte löschen. Die armen Bewohner flüchteten nach der Kirche. Da stürzten ihnen aus dieser ihre Bekannten und Verwandten entgegen: »Zurück! Um des Himmelswillen zurück! Der Turm brennt und muß jeden Augenblick einstürzen.« Es gab ein Gedränge; plötzlich ein Krachen, Poltern, eine Wolke von dichtem Staub, von Qualm und Rauch, Todesschreie und Stöhnen – der Turm war eingestürzt und hatte viele erschlagen. Es war so dunkel geworden, daß man die Sonne nicht mehr sah. Dazu das wütende Geschrei der Kämpfer, das Knattern des Gewehrfeuers, das Einfallen der Granaten, das Geheul der fliehenden Menschen und Tiere, die Hilfeschreie der Verschütteten – es war entsetzlich, grausig.

So ging es in Schönfeld gegen Abend zu. General von Langeron hatte schließlich alle seine Reserven eingesetzt. Aber auch Ney tat sein Äußerstes. Etwa 25 000 Russen und fast ebensoviel Franzosen rangen hier um den Sieg. Schließlich mußten die Russen doch nochmals weichen. An 4000 der Ihrigen blieben in und um Schönfeld liegen. Aber auch die Franzosen hatten entsetzlich gelitten. Als russische Kolonnen zum vierten Sturme vorgingen, gaben die Franzosen das Dorf auf. In Reudnitz stießen sie mit aller Kraft die Russen nochmals zurück. Bei diesen fing die Munition zu mangeln an, und es kam ihnen sehr gelegen, daß der schwedische Oberst Cardell mit zwanzig Geschützen erschien, so daß sie sich nun unter seinem Schutze bei Schönfeld sammeln konnten. Erst bei völliger Dunkelheit endete hier die Blutarbeit des Langeronschen Korps.

Ganz im Norden drang Blücher, dem ja nur noch 25 000 Mann zur Verfügung standen, gegen die Verschanzungen vor dem Halleschen Tore an. Voraus das Korps Sackens, dahinter das nach der Schlacht von Möckern in zwei schwache Brigaden zusammengestellte Korps Yorcks. Mit so wenig Truppen konnte Blücher heute nichts Großes leisten. Mit ziemlich leichter Mühe nahmen Sackens Regimenter die erwähnten Verschanzungen. Weiter vor kamen sie aber nicht mehr. Ein Vorziehen des Yorckschen Korps hätte es ermöglicht, noch heute hier in Leipzig einzudringen. Allein Blücher wollte dasselbe schonen und sah mit Recht voraus, daß Napoleon ihn allein doch nicht in der Stadt lassen, sondern seine schwache Armee wieder aus Leipzig hinauswerfen werde. Das Rosenthal blieb in Händen der Franzosen und der Kampf wogte bis zur Dunkelheit unentschieden hin und her. Leider geriet das dort befindliche Lazarett in Brand und kamen etwa dreihundert Schwerverwundete in den Flammen um.

Auf dem linken Elsterufer stand immer noch Feldzeugmeister Gyulay mit etwa 20 000 Mann gegen den Marschall Bertrand. Als es bei der böhmischen Hauptarmee rückwärts ging, ließ ja, wie wir gehört, Schwarzenberg eine Brigade Gyulays auf das rechte Ufer abrücken. Dies veranlaßte letzteren, nun noch weniger angriffsweise gegen die Franzosen in Lindenau zu verfahren. Gegen zehn Uhr trat aber Bertrand den ihm von Napoleon befohlenen Marsch gegen Weißenfels an. Natürlich mußte er die ihm in Klein- und Groß-Zschocher entgegenstehenden Österreicher vorher vertreiben. Und das gelang ihm nur zu leicht. Die Österreicher begingen sogar den großen Fehler, die zum Verbrennen vorbereitete Brücke bei Schleußig zu früh anzuzünden. Dadurch konnten die Jäger des Obersten Lutz nicht mehr über den Fluß und mußten sich in der Stärke von 18 Offizieren und 696 Mann nach äußerst tapferer Gegenwehr ergeben. Nun war der Weg nach Weißenfels frei und Gyulay wagte nicht mehr, den Marsch der Franzosen zu stören.

So verlief die gewaltige vierte Schlacht auf den Gefilden um Leipzig. An diesem Tage allein sind hier etwa 250 000 Kanonenschüsse und Millionen Schüsse des kleinen Gewehrs gefallen. Da schmelzen die einzelnen Schläge in ein ununterbrochenes Rollen zusammen, die Erde erbebt meilenweit und im wahrsten Sinne des Wortes kann der Mitkämpfer kaum das eigene Wort verstehen. An den heißesten Stellen befinden sich die Streiter in einer grenzenlosen Aufregung und gleich darauf erfaßt sie eine solche Erschöpfung, daß sie für alles, selbst den fast sicheren Tod gleichgültig werden.

Der Erfolg der schweren und blutigen Kämpfe des 18. Oktobers war also dieser:

Auf seinem rechten Flügel bei Connewitz, Lößnig und Probstheyda hatte Napoleon alle Angriffe der böhmischen Armee abgeschlagen und diese sogar eine Strecke zurückgedrängt. Das war ihm aber nur durch Aufbieten aller Kräfte möglich geworden, während den Verbündeten für den weiteren Kampf noch viele unberührte Reserven zur Verfügung standen.

In der Mitte waren die von den Franzosen besetzt gewesenen Dörfer Zuckelhausen, Holzhausen, Zweinaundorf, Melkau, Stünz, Paunsdorf, Sellerhausen und Schönfeld an die Verbündeten verloren gegangen und im Norden standen letztere hart vor Leipzig. Dagegen waren die Österreicher auf dem linken Elsterufer geworfen worden, der Marsch zur Saale stand frei und dadurch war der Rückzug der Franzosen gegen Westen gesichert.

Mit bewunderungswürdiger körperlicher und geistiger Tatkraft hatte der große Schlachtenmeister den gewaltigen Völkerkampf geleitet. Als er den Anmarsch der Nordarmee erfuhr und nun die eiserne Notwendigkeit seines Rückzugs erkannte, schickte er den Herzog von Bassano zum Könige von Sachsen, um ihm zu raten, schnell mit den Verbündeten in Unterhandlung zu treten. Ein edler Zug, indem er den König nicht noch mehr in sein eigenes Geschick mitverwickeln wollte.

Es dunkelte schon. Aber erst allmählich erstarb der Donner des Geschützfeuers, das Knattern der Gewehrsalven. An der Tabaksmühle nordwestlich Probstheyda bei der flackernden Beleuchtung eines Biwakfeuers saß der Kaiser auf einem Schemel und gab dem Major-General Berthier Aufträge wegen des Rückzuges. Ringsum tiefes Schweigen. Da sank der unermüdliche Mann endlich überwältigt von den fast übermenschlichen Anstrengungen der letzten Tage in leichten Schlummer. Nur eine Viertelstunde schlummerte der Kaiser. Da erwachte er, sah sich verwundert um, faßte sich aber schnell, erhob sich und erteilte mit gewohnter Kälte und Schärfe einige Befehle. Nach acht Uhr ritt er nach Leipzig, um im Hotel de Prusse Quartier zu beziehen. Aber auch dort ruhte er noch nicht, sondern arbeitete mit dem Herzog von Bassano, mit Berthier und Caulincourt bis tief in die Nacht. Außerdem standen von früh zwei Uhr an seine Pferde für alle Fälle gesattelt bereit.

Bei den Verbündeten hatte Fürst Schwarzenberg gegen sechs Uhr abends alle Heerführer auf den Hügel berufen, von dem aus die Monarchen die Schlacht beobachtet hatten. Derselbe lag vorwärts Liebertwolkwitz. Die Sonne war noch nicht ganz untergegangen. Ihre Strahlen vergoldeten die Fenster von Leipzig und glitzerten auf den Rüstungen und Waffen der Krieger, der Kampf tobte noch in voller Wut. Im Hintergrunde marschierten die Massen der Reserven heran und von Norden her kam ein Ordonnanzoffizier nach dem andern angejagt und jeder brachte neue Siegesnachrichten von den Truppen der schlesischen und der Nordarmee. Nun sprengten auch die berufenen Heerführer heran, zu denen Schwarzenberg sprach:

»Napoleon wird wohl morgen die Schlacht erneuern. Deshalb halte ich es für angezeigt, wieder wie heute mit fünf großen Angriffssäulen gegen Leipzig vorzugehen, die Kräfte des Feindes abzustoßen, ihn immer näher gegen die Stadt zu pressen und diese schließlich mit stürmender Hand zu erobern.«

Kaiser Alexander meinte, »Napoleon wird sich nicht vor Leipzig abschlachten lassen. Sein Rückzug in dieser Nacht ist fast gewiß. Lassen wir doch das preußisch-russische noch nicht im Feuer gestandene Garde- und Grenadierkorps bei Pegau über die Elster gehen und dem Feinde bei seinem Rückzug in die Flanke fallen.« –

Man fürchtete aber den verwundeten Löwen noch zu sehr, es blieb bei den Anordnungen Schwarzenbergs und man ließ Napoleon mit dem größten Teile seines Heeres entwischen.

Blücher allein handelte auf Grund seiner besseren Einsicht. Er befahl noch abends sieben Uhr, daß das Yorcksche Korps gegen Halle abmarschiere, um den Rückzug des Gegners möglichst zu beunruhigen.

Kaiser Alexander und der alte Marschall »Vorwärts« hatten ihren Gegner richtig beurteilt. Schon seit dem Nachmittage folgten die Trains und Bagagen dem vorausgegangenen Korps Bertrand nach. Zwei Divisionen junger Garde sicherten den Marsch gegen die Österreicher Gyulays, die übrigens gar keine Miene machten, den Rückzug des Feindes zu stören. Hatte schon in den letzten Tagen in Leipzig ein starkes Durcheinander geherrscht, so entstand heute allenthalben ein vollständiges Wirrwarr. Von drei Seiten drängten die Trains und Verwundeten sämtlicher französischer Korps in die Stadt und in dieser zu dem Tore gegen Lindenau; über die dortige einzige Brücke mußten sie alle wieder hinaus. Daß es dabei unaufhörlich Stockungen und Hindernisse gab, versteht sich von selbst. Und die unzähligen Verwundeten! In noch größerem Maße als gestern und in den vergangenen Tagen fand jene unheimliche Wanderung armer zerschossener Opfer des blutigen Kampfes nach Leipzig statt. Dazu kam, sobald es dunkel wurde, der Durchmarsch der Armee.

Den Marsch durch die Stadt führten zuerst die Korps von Victor und Augereau, dann die Reste der fünf Reiterkorps, dann die Garden aus. Die übrigen Korps zogen sich in die Vorstädte von Leipzig, unterhielten aber überall die Wachtfeuer, um ihren Abmarsch möglichst lange zu verbergen. Sie erreichten vollständig ihren Zweck, denn bei der schlesischen und Nordarmee konnte man nichts entdecken, weil ja hier die Franzosen die Nacht über in ihren Stellungen blieben, und bei der böhmischen Armee sah man nichts, weil man nicht erkundete.

Das Gesamtergebnis des verflossenen Tages war also die Notwendigkeit des französischen Rückzuges und für die Verbündeten die Gewißheit, daß ihnen der schließliche vollständige Sieg nicht mehr streitig gemacht werden konnte.

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