Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

Die Bande des Schreckens

Edgar Wallace: Die Bande des Schreckens - Kapitel 42
Quellenangabe
pfad/wallacee/bandesch/bandesch.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Bande des Schreckens
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3442001609
created20111204
projectidb83c949a
Schließen

Navigation:

41

Sir Godley lehnte sich tiefer in den Wagen zurück und seufzte. Vor fünfundzwanzig oder dreißig Jahren hatten sie sich zum letztenmal gesehen! Die Aussprache würde nicht sehr erfreulich sein, aber er fühlte sich dazu verpflichtet. Er wollte dieses Kapitel seines Lebens ein- für allemal zum Abschluß bringen.

Schließlich hielt der Wagen vor dem düsteren Gefängnis von Holloway.

Sir Godley ging zu der Loge des Portiers und gab sich zu erkennen. Dann folgte er einer der Wärterinnen, die ihn zu dem Gefängnisgeistlichen führte. Es war ein nervöser junger Mann, der das Amt nur vorübergehend für kurze Zeit verwaltete.

»Sie ist in wunderbarer Verfassung«, sagte er. Zum erstenmal war er in einer wirklich ernsten Sache zugezogen worden, und er interessierte sich außerordentlich für den Fall der Miß Revelstoke. »Unter gewöhnlichen Umständen hätte ich ja auch keinen Antrag ans Ministerium gestellt, aber sie bestand so sehr darauf. Sie hat Ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen, und da Sie der Präsident der Bankiervereinigung sind –«

Godley war zu seiner größten Überraschung nach Monkfords Tod dazu gewählt worden.

»Ich verstehe vollkommen«, erwiderte er. »Wir wollen zu ihr gehen.«

»Die Unterhaltung wird privater Natur sein«, versicherte der Geistliche, »obgleich ich von Amts wegen zugegen sein muß.«

Miß Revelstoke war in einer geräumigen Zelle des Erdgeschosses untergebracht.

Die Wärterin schloß auf.

»Die Tür bleibt offen«, sagte der Kaplan. »Ich warte draußen.«

Es kostete Sir Godley doch einige Überwindung, die Schwelle zu überschreiten. Aber er nahm all seine Energie zusammen.

Die Frau lehnte mit dem Rücken an der Fensterwand. Sie war sehr gefaßt, und ihre dunklen Augen leuchteten. Gewöhnlich müssen die Gefangenen, die nach Holloway kommen, Gefängnistracht anlegen, aber sie trug noch immer das dunkle Kleid, in dem sie während des Prozesses erschienen war.

»Guten Tag, Godley – es ist sehr nett von dir, daß du gekommen bist.«

Er nickte leicht mit dem Kopf.

»Dein Junge ist allerdings sehr tüchtig. Vermutlich hat er die Begabung von seiner Mutter.«

Diese beabsichtigte Kränkung verletzte ihn nicht. Er erkannte nur, daß sich diese Frau nicht im mindesten geändert hatte. Sie trat immer noch so selbstbewußt und anmaßend auf wie früher.

»Ich hatte natürlich keine Ahnung, daß er Clays Neffe war. Den Namen hielt ich nur für eine zufällige Übereinstimmung. Hätte ich das gewußt, so hätte es wahrscheinlich für mich und auch für dich einen großen Unterschied gemacht.«

Wenn sie hoffte, ihn durch diese Äußerung zum Sprechen zu bringen, täuschte sie sich. Er nickte nur schweigend.

»Ich möchte dich bitten, daß du dich um Alice und Henry kümmerst«, sagte sie ruhig. »Alice interessiert mich allerdings nicht besonders, und sie kann sich auch selbst durchs Leben schlagen. Aber Henry ist schwach und man muß für ihn sorgen. Ich würde viel ruhiger sein, wenn ich wüßte, daß sich jemand seiner annimmt.«

»Nun gut, das will ich für dich tun«, entgegnete Sir Godley bereitwillig.

Sie sah ihn merkwürdig an.

»Du hast dich geändert, aber deine Stimme ist dieselbe. Ich würde sie immer wiedererkennen. Das Leben ist doch merkwürdig. Clay ist tot und die anderen auch. Und dein Junge hat das alles vollbracht. Wohin er auch ging, immer folgte ihm der Tod.«

Sie sprach ohne Erregung und Bitterkeit, und er wunderte sich über ihre Selbstbeherrschung.

»Die Polizeibeamten, mit denen ich gesprochen habe, nennen ihn nur den ›Long mit der glücklichen Hand‹, und ich glaube auch, daß ihm der Zufall viel geholfen hat. Godley, denkst du, ich nehme diese Strafe so leicht hin? Kommt dir das nicht sonderbar vor, da du doch weißt, ein wie umsichtiger Führer Clay war?«

»Ja, das habe ich bemerkt.«

Sie beobachtete ihn mit ihren dunklen Augen.

»Clay war wirklich ein wunderbarer Mann. Er hatte alle Möglichkeiten vorausgesehen. Er wäre auch niemals an den Galgen gekommen. Aber im Handgemenge mit deinem Sohn wurde sein Rock zerrissen, und die dummen Beamten auf der Polizeistation gaben ihm einen anderen.«

Er verstand nicht, was sie damit sagen wollte.

»Ich kann mich darauf besinnen, aber es wurden doch in den Taschen seines Rocks nur ein paar Papiere gefunden.«

Die Antwort schien sie zu belustigen.

»Vielleicht denkst du einmal darüber nach.«

In diesem Augenblick zeigte sich das ängstliche Gesicht des Gefängnisgeistlichen in der Türe. Er hatte die Uhr in der Hand. Offenbar war die Zeit der Unterredung abgelaufen.

»Bitte, bedenke einmal die Tatsachen. Clay würde noch leben – Cravel und Jackson Crayley würden leben. Und der arme Henry säße nicht im Irrenhaus, wenn nicht dein Sohn gewesen wäre.«

Er sah sie durchdringend an.

»Aber Monkford und die anderen, die er ermordet hat – würden die auch noch leben? Der Richter, der Rechtsanwalt, der Henker?« fragte er mit rauher Stimme. »Ich danke dem Schicksal, daß Arnold so tüchtig war, um Clay Shelton und seine Verbündeten zu erledigen. Wenn du glaubst, daß du mich täuschen kannst, täuschst du dich nur selbst, und wenn du Mitleid oder Mitgefühl in mir wecken willst, vergeudest du nur Zeit.«

Sie lächelte und nahm ein zusammengefaltetes Stück Papier vom Tisch auf.

»Wenn du das liest, wirst du meinen Standpunkt besser verstehen«, sagte sie.

Als er die Hand ausstreckte, um es zu nehmen, ließ sie es vorzeitig fallen, so daß es zu Boden flatterte. Er trat einen Schritt vor, um es aufzuheben.

Der Geistliche, der im selben Augenblick in die Tür trat, schrie laut auf und rettete dadurch Sir Godley das Leben. In ihrer erhobenen Hand blitzte eine Klinge, die sie mit aller Gewalt niederstieß. Bei dem Aufschrei neigte sich Sir Godley aber zur Seite, so daß er nur an der Schulter verletzt wurde. Im nächsten Augenblick packte er die Frau. Sie hatte die Stärke eines Mannes und stach noch zweimal mit dem Messer nach seinem Gesicht. Nur um Haaresbreite verfehlte sie ihn. Durch eine übermenschliche Anstrengung gelang es ihr schließlich, ihn abzuschütteln und zurückzustoßen. Sie riß einen Knopf von ihrem Rock ab und führte dann die Hand zum Mund.

Inzwischen waren viele Wärterinnen in die Zelle gekommen, und sie leistete keinen Widerstand mehr. Das Dolchmesser fiel auf den harten Flur. Der Griff bestand aus einem Schuhabsatz. Clay Shelton war in der Tat ein guter Führer, der alles vorausgesehen hatte. Während ihrer ganzen Gefangenschaft hatte sich die haarscharfe Klinge stets in ihrem Schuh befunden.

Bleich und verstört ging Sir Godley in das Büro des Anstaltsdirektors, der nach einiger Zeit besorgt und verärgert eintrat.

»Haben Sie der Frau etwas gegeben?« fragte er.

Sir Godley schaute ihn erstaunt an.

»Was sollte ich ihr denn gegeben haben?«

»Gift!«

»Nein, das habe ich nicht getan«, erklärte Sir Godley verwirrt. »Hat sie denn –?«

Der Direktor nickte.

»Sie ist tot. Ein Knopf an ihrem Rock fehlt. Wahrscheinlich hatte sie das Gift darin verborgen.«

Und nun verstand Sir Godley, warum der ausgewechselte Rock daran schuld war, daß Clay Shelton an den Galgen kam.

 << Kapitel 41  Kapitel 43 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.