Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

Die Bande des Schreckens

Edgar Wallace: Die Bande des Schreckens - Kapitel 41
Quellenangabe
pfad/wallacee/bandesch/bandesch.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Bande des Schreckens
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3442001609
created20111204
projectidb83c949a
Schließen

Navigation:

40

Miß Revelstoke hatte einen aufregenden Vormittag hinter sich.

Ihre finanzielle Lage war im Augenblick nicht glänzend, und sie mußte ihre Börsenpapiere mit Verlust verkaufen. Auch Prozesse schwebten gegen sie. Der Tod Joshua Monkfords hatte unvorhergesehene Folgen für sie. Die Bank hatte festgestellt, daß sie ihr Konto um eine bedeutende Summe überzogen hatte, und da sie es nicht abgleichen konnte, ging man auf dem Klageweg gegen sie vor.

Vor allem war sie erstaunt, daß ihr Telephon nicht richtig funktionierte. Sie hatte dreimal versucht, mit Heartsease in Verbindung zu kommen, und jedesmal war die Nummer besetzt gewesen. Ebensowenig Erfolg hatte sie, als sie sich mit ihrem Rechtsanwalt verbinden ließ. Die schriftliche Mitteilung, die sie durch eins ihrer Mädchen an Mr. Henry schickte, wurde nicht abgeliefert, aber davon erfuhr sie vorläufig nichts.

Sie besaß ein unfehlbares Mittel, sich in kritischen Stunden zu zerstreuen, und auch heute arbeitete sie wieder an einer Stickerei. Als ein Auto vor dem Hause hielt, schaute sie zu dem Fenster hinaus. Wetter Long und zwei andere Polizeibeamte stiegen aus.

Das Mädchen eilte gerade den Gang entlang, um die Tür zu öffnen, als Miß Revelstoke sie davon abhielt.

»Ich mache selbst auf. Gehen Sie nur wieder.«

Sie wartete, bis das Mädchen außer Sicht war, und durchschnitt dann mit einer kleinen Schere die Klingelleitung, die von der Haustür zur Dienstbotenstube führte. Rasch griff sie nach Mantel, Hut und Tasche und ging durch ihr Arbeitszimmer auf den hinteren Hof. Sie öffnete die Tür der Garage, setzte sich ans Steuer ihres Wagens und fuhr davon. In der Nähe der Station Ladbroke Grove hielt sie an, eilte die Treppe hinauf und kaufte eine Fahrkarte nach Liverpool Street. Eine Viertelstunde später verließ der Schnellzug nach Clacton-on-Sea den Bahnhof, und in einem Wagenabteil erster Klasse saß eine Frau, die äußerlich einen vollkommen ruhigen Eindruck machte.

Sie blieb allein und veränderte mit Hilfe eines kleinen Reisenecessaires ihr Aussehen vollständig.

Clacton-on-Sea ist ein beliebter Ausflugsort, der zu dieser Jahreszeit von Fremden überlaufen ist. Dreimal die Woche kommen Vergnügungsdampfer von Tilbury, und man kann für geringen Preis nach Ostende fahren, sich kurze Zeit dort aufhalten und an einem der nächsten Tage zurückkehren. Der Dampfer ging eine Stunde nach Miß Revelstokes Ankunft, und es gelang ihr, an Bord zu kommen.

Von den Touristen wurde kein Paß verlangt. Und selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, hätte Miß Revelstoke sich ausweisen können, ohne in Verlegenheit zu kommen.

Sie ging durch die belebten Straßen Ostendes und machte in mehreren Läden Einkäufe. Obwohl sie schwarze Hüte haßte, erstand sie einen, ebenso einen altmodischen, schwarzen Mantel und gewöhnliche Schuhe und Unterwäsche. Eine goldumrandete Brille und eine schwere Handtasche vervollständigten ihre Aussteuer. Sie zog sich in einem kleinen Hotel um und wusch ihre Haare mit Sodawasser. Selbst Wetter Long hätte sie jetzt nicht wiedererkannt.

Ihre Kleider packte sie in ein Bündel zusammen, zahlte ihre Rechnung und ging zum Bahnhof.

Am selben Abend noch erreichte sie Brüssel und übernachtete in einem drittklassigen Hotel. Dem Portier sagte sie, daß sie eine Wallonin sei und ihren Sohn in Ostflandern besuchen wolle. Für eine Wallonin sprach sie allerdings ein etwas zu gutes Französisch, aber der Portier zweifelte keinen Augenblick an ihren Aussagen, da sie ihm nur ein geringes Trinkgeld gab und sich nicht in einem Wagen zum Bahnhof bringen ließ.

Von dort aus fuhr sie nach Lüttich und mietete in einem guten Stadtteil ein Zimmer. Sie verbrachte ihre Zeit damit, die englischen Zeitungen durchzulesen, die sie sich unterwegs gekauft hatte.

Cravel war tot; Alice und Henry waren verhaftet. Am meisten tat es ihr um Henry leid, denn sie liebte ihn, und ihr Kummer stieg noch, als sie las, daß er vor Gericht nicht erscheinen konnte, weil er nach Meinung der Ärzte den Verstand verloren hatte. –

So verging ein Monat. Der Prozeß wurde von Woche zu Woche vertagt. Dann erfuhr Miß Revelstoke aus den Zeitungen, daß der Staatsanwalt die Klage gegen Alice zurückgezogen hatte. Das Mädchen hatte sie nie leiden mögen, denn sie war immer eine Freundin von Jackson Crayley gewesen.

Madame Pontière, wie sie sich jetzt nannte, schien sich in Lüttich vollkommen heimisch zu fühlen. Sie hatte sich einen Ausweis von der Polizei verschafft, und nichts schien ihren Frieden zu stören. Die Zeitungen berichteten, daß sie verschwunden sei, und daß man annähme, sie sei nach Amerika gegangen.

Aber als sie eines Morgens aus der Kirche trat und das Gebetbuch in der Hand hielt, stand plötzlich ein bekannter Mann vor ihr und zog den Hut.

»Also hier leben Sie, Miß Revelstoke?« fragte er höflich.

Sie folgte dem Wetter zur Polizeistation, ohne ein Wort zu sagen, aber er hatte das Gefühl, daß sie ihn am liebsten ermordet hätte.

Die Auslieferungsverhandlungen zogen sich noch einige Zeit hin, aber schließlich wurde Miß Revelstoke nach England gebracht und zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt.

An demselben Tag, an dem Mr. Henry in ein Irrenhaus überwiesen wurde, trat der Wetter in das Büro seines Vorgesetzten und überreichte ihm ein Schriftstück.

Colonel Macfarlane las es sorgfältig durch.

»Es tut mir wirklich sehr leid«, sagte er dann. »Gerade jetzt, wo Sie zur Beförderung vorgeschlagen worden sind! Sie würden es in der Polizei weit bringen. Aber wenn Sie tatsächlich gehen wollen, kann ich Sie natürlich nicht halten. Und ich glaube auch, daß Sie recht haben, wenn Sie sich mit anderen und schöneren Dingen beschäftigen als mit der Aufklärung von Verbrechen. Wann wollen Sie denn den Dienst quittieren?«

»Sofort, wenn es möglich ist.«

Der Colonel legte den Brief zu den Schriftstücken, die dringend zu erledigen waren.

»Ich will sehen, was ich für Sie tun kann. Es wird vielleicht noch ein oder zwei Tage dauern. Aber warum haben Sie es denn so eilig?«

Der Wetter beantwortete diese Frage nur oberflächlich.

Er kam in dem Hause seines Vaters an, als gerade Sir Godleys Wagen vor dem Tor hielt, und Nora Sanders ausstieg. Sie hatte sich auf dem Lande erholt und wußte nicht, wie der Prozeß geendet hatte. Als sie es später vom Wetter erfuhr, schauderte sie.

»Es ist entsetzlich«, sagte sie leise. »Und doch bin ich in gewisser Weise traurig darüber.«

»Ich glaube, ich hätte mehr Grund dazu«, meinte Sir Godley, während er sich eine Zigarre anzündete.

»Warum solltest du denn traurig sein?« fragte sie überrascht.

Der alte Herr zögerte.

»Erzähle ihr ruhig alles«, sagte Arnold.

»Weil –«

Er blies gerade das Streichholz aus, als das Telephon klingelte. Er nahm den Hörer, und seine Stirne legte sich in Falten, während er lauschte.

»Das ist wirklich ungewöhnlich«, sagte er zu dem Gefängnisgeistlichen, der mit ihm sprach. »Aber gut, ich werde kommen.«

Er legte den Hörer nieder und sah seinen Sohn an.

»Sie möchte mich sprechen«, erklärte er kurz. »Und ich glaube, es ist besser; daß ich zu ihr fahre.«

Damit verließ er das Zimmer.

 << Kapitel 40  Kapitel 42 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.