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Die Bande des Schreckens

Edgar Wallace: Die Bande des Schreckens - Kapitel 40
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Bande des Schreckens
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3442001609
created20111204
projectidb83c949a
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39

Nur ein paar Pflasterstreifen klebten auf seiner Stirne. Sonst verriet nichts, daß er einen Unfall gehabt hatte.

»Sie sind ein schlechter Leichenhauswärter, Cravel«, begann er. »Mein Kollege von Berkshire hat sich heute morgen ein wenig mit Ihnen unterhalten, was? Ein liebenswürdiger Herr, aber er hat zu wenig Phantasie. Was sagen Sie denn zu seinem Vorschlag, daß Sie Kronzeuge werden sollen?«

Cravel fand schließlich seine Stimme wieder.

»Woher kommen Sie denn?«

»Mein liebes Baby, von irgendwoher. Wenn Sie es genau wissen wollen, werde ich es Ihnen sagen – aus Zimmer Nr. 3. Ich hätte auch dort sterben können, aber ein guter Samariter hat sich meiner angenommen.«

»Wo ist Nora?«

»Ach, Sie meinen Miß Sanders? Sie ist auf dem Weg nach London. Wie wenig intelligent Sie doch in letzter Zeit sind, Cravel. Weshalb hat Sie wohl der Inspektor so lange verhört? Während dieser Zeit haben wir Miß Sanders aus dem Hause geschafft! Mein Freund hat sich Ihren Hauptschlüssel heute morgen in aller Frühe angeeignet, und ich habe die Gelegenheit ausgenützt, während der Inspektor das Erdgeschoß mit Ihnen durchsuchte. Ich bin sehr froh, daß Sie mich nicht überrascht haben, sonst hätte der Henker nichts mehr zu tun gehabt. Ich hätte Ihnen tatsächlich den Schädel eingeschlagen oder Ihnen das Genick umgedreht. Sie wissen wahrscheinlich, warum ich gekommen bin?«

»Ich kann es vermuten.«

Cravel war jetzt sehr ruhig und gefaßt. Er fürchtete sich nicht mehr, da er der greifbaren Gefahr gegenüberstand.

»Ich will Ihnen noch eine letzte Chance geben – versprechen kann ich Ihnen allerdings nichts. Ich möchte wissen, wie Monkford ermordet wurde. Wenn Sie nicht direkt der Täter sind, haben Sie immer noch eine geringe Möglichkeit, zu entkommen.«

»Sie meinen, wenn ich als Kronzeuge auftrete«, erwiderte Cravel ironisch. »Sie kennen mich doch so gut – glauben Sie wirklich, daß ich meine Freunde verraten würde?« Er überlegte einen Augenblick. »Sie hatten also den Hauptschlüssel! Ich habe ihn erst vermißt, als mich der verdammte Inspektor hinunterschickte, um den Schlüssel zu Zimmer Nr. 3 zu holen.«

»Und während Sie unten waren, habe ich die Tür von Nr. 3 von innen geöffnet und mich dem erstaunten Inspektor vorgestellt. Sie entsinnen sich, daß er allein in das Zimmer ging, um es zu durchsuchen? Das tat er, weil er wußte, daß sich dort drei Leute versteckten. Ich hatte dann auch Gelegenheit, mich mit ihm über die weiteren Maßnahmen zu verständigen.«

»Wo ist meine Schwester?« fragte Cravel plötzlich.

»Sie ist mit einem meiner Freunde fortgegangen.«

»Ist sie verhaftet?« fragte er schnell.

Der Wetter nickte.

»Ich glaube, daß sie davonkommt, aber sie wird auch die einzige sein. Jackson Crayley wäre wahrscheinlich auch davongekommen, aber Sie haben ihn ja schon vorher gerichtet. Das war eine große Schurkerei, Cravel.«

Der Hotelbesitzer senkte den Blick, aber plötzlich sah er wieder auf.

»Sie wollen wissen, wie Monkford getötet wurde? Unter diesen Umständen ist es wohl das beste, daß ich es Ihnen sage.«

»Haben Sie ihn erschossen?«

»Nein.«

»Hat es einer der anderen getan?«

»Nein, er hat sich selbst erschossen.«

Der Wetter lächelte ungläubig.

»Es wurde doch aber keine Waffe gefunden.«

»Die Waffe war schon vorhanden«, sagte Cravel. »Sie wußten bloß nichts davon, als Sie sie in der Hand hatten. Wollen Sie wissen, wie es vor sich ging?«

Der Wetter zeigte auf die Tür und Cravel ging hinaus.

»Kann ich einmal meinen Schlüssel haben?« fragte er und öffnete die Tür zu dem Mordzimmer, nachdem er ihn erhalten hatte.

Cravel sah böse lächelnd auf das gähnende Loch im Fußboden.

»Bitte, gehen Sie nicht zu nahe heran. Heute morgen hätten wir beinahe schon einen Unfall gehabt.«

Wetter Long wußte den Galgenhumor des Mannes zu würdigen.

»Die ganze Sache war sehr einfach und genial ausgedacht«, begann Cravel, »aber wie alle genialen –«

Plötzlich brach er ab und horchte.

»Mein Telephon läutet – kann ich einen Augenblick hinuntergehen?«

Der Wetter nickte. Cravel hatte keine Möglichkeit, zu entkommen. Der vordere und der hintere Ausgang wurden scharf von Polizisten bewacht. Long sah sich in dem Zimmer um, das so traurige Erinnerungen in ihm wachrief. Das Bett stand noch an der anderen Seite der gähnenden Öffnung – die Falle hatten sie sehr geschickt gestellt.

Er hörte, wie Cravel die Treppe heraufeilte, und ging ihm bis zur Tür entgegen.

»Der Anruf galt Ihnen«, sagte Cravel ein wenig außer Atem. »Ich habe zu diesem Apparat durchgesteckt.«

Das Telephon befand sich noch an seinem alten Platz. Cravel nahm den Hörer ab und reichte ihn Long.

»Es meldet sich niemand. Die Leitung scheint keinen Strom zu haben.«

»Das ist manchmal so. Drücken Sie nur ein paarmal den Haken herunter.«

Der Wetter hatte den Finger schon darauf gelegt, als er plötzlich instinktiv Gefahr vermutete.

Aber es war zu spät; der Hebel war bereits heruntergedrückt. Der Wetter bückte sich schnell, ohne selbst zu wissen, warum er das tat.

Im nächsten Moment erfolgte eine Explosion, und er ließ den Apparat auf den Boden fallen. Dann wandte er sich um. Cravel stand aufgerichtet an der gegenüberliegenden Wand. Blut lief über sein Gesicht, und in der Mitte seiner Stirne zeigte sich ein kleiner roter Fleck. Dann schwankte er plötzlich und stürzte zu Boden. Er war tot!

Der Wetter eilte zur Treppe und rief den Posten herauf, der unten stand. Sie hoben Cravel auf und legten ihn auf das Bett. Long fühlte seinen Puls – er schlug nicht mehr. Er riß das Hemd auf – das Herz stand still.

»Wie ist das bloß geschehen?« fragte der Polizist bestürzt.

Arnold Long antwortete nicht. Er nahm das Telephon auf, untersuchte die Schalldose und entdeckte in der Mitte die Mündung eines Laufs. Er schraubte den Apparat auseinander, und nun enthüllte sich ihm das Geheimnis. Dieses Instrument war tatsächlich eine Menschenfalle mit einer eingebauten kleinen Pistole. Der Schuß wurde durch elektrischen Strom ausgelöst, wenn man den Hebel herunterdrückte.

Dann fiel Long ein, daß er das Telephon kurz nach Monkfords Tod gesehen und auch selbst benützt hatte. Jetzt wurde ihm auch klar, warum man die Feuerwerkskörper in Noras Zimmer geworfen hatte. Cravel wollte dadurch nur seine Aufmerksamkeit ablenken. In der Zwischenzeit hatte er diesen Apparat gegen einen anderen ausgetauscht. –

Bei der Polizeistation machte er auf seinem Wege zur Stadt halt, um Alice Cravel mitzuteilen, was sich ereignet hatte. Zu seiner Erleichterung nahm sie die Nachricht mit größter Ruhe auf.

»Ich bin froh darüber«, sagte sie. »Es ist besser, daß er auf diese Weise aus dem Leben schied. Er muß direkt hinter Ihnen gestanden haben. Sie sind mit genauer Not dem Tode entgangen, Mr. Long.«

»Wußten Sie, daß er diese Falle für mich gelegt hatte?«

»Nein. Ich fürchtete, er würde etwas ganz anderes tun.« –

Gegen Mittag kam der Wetter wieder in seiner Wohnung an.

»Der Diener Sir Godleys hat dauernd angeläutet«, berichtete ihm sein Diener. »Ich soll Ihnen mitteilen, daß Ihr Vater nach Hause zurückgekehrt ist.«

»Allerdings eine überraschende Nachricht«, meinte der Inspektor ironisch.

Er hatte noch viel zu tun. Colonel Macfarlane störte er beim Mittagessen, um sich verschiedene Unterschriften von ihm zu verschaffen. Um halb vier erschien er mit Sergeant Rouch in Mr. Henrys Büro.

Der Rechtsanwalt brach zusammen, als er den Wetter erblickte, denn er war nicht so stark wie Cravel und besaß nicht dessen eiserne Nerven. Er hatte noch nichts davon gehört, daß der Mordplan gegen den Wetter mißlungen war.

Zitternd saß er in seinem Stuhl und konnte sich weder bewegen noch sprechen.

»Es tut mir leid, daß ich Sie störe«, begann Long. »Sie dachten natürlich, daß ich bereits zu meinen Vätern versammelt wäre. Aber da Sie mich kennen, Mr. Henry, werden Sie wohl wissen, warum ich jetzt komme. Ich verhafte Sie unter der Anklage der Mittäterschaft am Mord an Joshua Monkford, begangen am ersten August dieses Jahres. Ich muß Sie darauf aufmerksam machen und warnen, daß alles, was Sie sagen, bei dem Prozeß gegen Sie ausgenützt wird.«

Henry konnte noch nicht sprechen. Er starrte ins Leere. Erst als der Wetter auf ihn zutrat, ihn am Arm packte und aufrichtete, kam er wieder zu sich.

»Wo ist – wo ist Cravel?« fragte er heiser.

»Tot.«

Henry starrte ihn an, als ob er ihn nicht verstünde. Dann begann er plötzlich unheimlich zu lachen.

»Das ist aber merkwürdig – Cravel ist tot? Wirklich merkwürdig!«

Er schüttelte den Kopf und lachte blöde, als ihn die Polizisten zu dem Auto führten, das vor der Tür wartete.

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