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Die Bande des Schreckens

Edgar Wallace: Die Bande des Schreckens - Kapitel 38
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Bande des Schreckens
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3442001609
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37

Langsam wandte er sich um. Er hörte kein Geräusch und sah nichts von dem Eindringling. Er bückte sich und betastete die Spur. Sie war noch feucht. Panischer Schrecken packte ihn, und er eilte die Treppe hinauf zu seinen Räumen. Vor der Tür stand ein Tablett. Es war das Frühstück, das in seiner Abwesenheit hingestellt worden war. Sein erster Gedanke galt Nora, aber sie lag noch genau so still und ruhig auf dem Bett, wie er sie verlassen hatte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und steckte sein Taschentuch zwischen Kragen und Hals. Dann ging er wieder hinaus, holte das Tablett, trank eine Tasse heißen Tees und fühlte sich etwas wohler. Es war natürlich die Fußspur der alten Köchin, die er eben gesehen hatte! Wenn Alice ihm doch nichts von dem fremden Wagen erzählt hätte! Sie hätte auch den Chauffeur nicht fragen sollen.

Er ärgerte sich über seine Schwäche. Sonst war er doch immer so stark gewesen. Und wenn alle schwach wurden, hatte er doch niemals den Mut verloren.

Aber diesmal gelang es ihm nicht, seine alte Ruhe zu finden.

Als er sich im Spiegel besah, starrte ihm ein aschfahles Gesicht entgegen. Das Mädchen mußte er unbedingt sofort wegbringen. Er schaute auf die Uhr. Es war noch zu früh, um die Leute zu rufen, die er dazu brauchte. Aber sobald als möglich mußte sie aus Heartsease verschwinden. Er ging wieder hinaus und schloß die Tür hinter sich zu. Die letzte Spritze, die er ihr gegeben hatte, würde sie noch eine Stunde bewußtlos halten. In der Zwischenzeit mußte er die Dienstboten fortschicken, die noch im Hotel waren. An den Fremden, dessen Fußspuren er gesehen hatte, durfte er nicht mehr denken, sonst konnte er keine klaren Pläne fassen.

Auf die Köchin kam es weiter nicht an. Sie war taub und blieb sowieso in der Küche, nachdem sie ihm das Frühstück gebracht hatte. Den einzigen Kellner schickte er mit einem nebensächlichen Auftrag nach London. Während des Winters war der Chauffeur zu gleicher Zeit auch Hausdiener. Selbst auf die Gefahr hin, sich verdächtig zu machen, schickte Cravel diesen Mann zu dem Haupttor, um die Tageskellner abzufangen, die im Ort schliefen. Er sollte ihnen sagen, daß sie heute nicht zu kommen brauchten.

All das erforderte Zeit. Schließlich ging er in sein Büro und telephonierte. Zu seiner Beruhigung antwortete ihm eine bekannte Stimme, und er führte fünf Minuten lang eine Unterhaltung in Dänisch.

»Ihr müßt sie eben fortschaffen«, sagte er zum Schluß. »Wie, das ist eure Sache... nein, ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Ich habe den Keller durchsucht, aber dort ist niemand. Schickt Billy sobald als möglich hierher. Wenn wir heute noch durchhalten, sind wir am Ziel.«

Er hing den Hörer an und ging zu seinen Räumen zurück. Am Telephon hatte er nichts von dem Unbekannten erwähnt, der in Heartsease eingedrungen war.

Die Tür zu dem Schlafzimmer, in dem Nora Sanders lag, war noch verschlossen, und er setzte sich hin, um eine Erklärung für das rätselhafte Verschwinden des Wetters zu finden. Der Mann konnte doch unmöglich entkommen sein. Er war drei Stockwerke tief gefallen, und wenn er sich auch nicht gerade das Genick gebrochen hatte, so mußte er doch schwer verletzt sein. Wie langsam doch die Zeit verging! Immer wieder sah er nach der Uhr.

Er konnte nicht hier oben bleiben, soviel war ihm klar. Es mußte jemand unten sein, wenn der Postbote kam, und er mußte unter allen Umständen ruhig werden, mochte es kosten, was es wollte. Wieder sah er nach Nora, und um seiner Sache ganz sicher zu sein, gab er ihr noch eine Spritze. Dann ging er nach unten, um die weitere Entwicklung abzuwarten.

Als er ins Freie trat, kam gerade ein großer Wagen die Fahrstraße entlang und hielt gleich darauf vor dem Eingang. Drei Herren stiegen aus.

»Ich bin Inspektor Claves von der Berkshire-Polizei«, sagte der eine. »Es ist heute morgen eine Beschwerde bei mir eingegangen, und ich bin von Scotland Yard beauftragt, das Hotel zu durchsuchen.«

Er zeigte ein Schriftstück vor, das von einem Friedensrichter des Orts unterzeichnet war.

Cravel stand wie vom Schlage gerührt.

»Das Hotel durchsuchen?« stöhnte er. »Was hat denn das zu bedeuten?«

»Ich weiß es nicht, Mr. Cravel, aber ich muß meine Pflicht tun, und ich hoffe, daß Sie mir keine Schwierigkeiten machen.«

Cravel schüttelte nur verstört den Kopf, als ihn die beiden anderen Beamten in die Mitte nahmen.

»Haben Sie augenblicklich Gäste hier?«

»Nein.«

Cravels Stimme klang brüchig und heiser, und er erkannte sie selbst kaum wieder. Die Polizei wollte das Hotel durchsuchen, und oben lag das Mädchen in seinem Schlafzimmer!

Sie gingen von Zimmer zu Zimmer und stiegen dann zum ersten Stock hinauf. In den Räumen, die Miß Revelstoke bewohnt hatte, zeigte sich nichts Verdächtiges. Der nächste Raum war verschlossen.

»Haben Sie einen Schlüssel dazu?«

»Der Hauptschlüssel ist in meinem Büro.«

»Holen Sie ihn«, erwiderte der Inspektor kurz.

Cravel ging in Begleitung eines Beamten nach unten, aber er konnte den Schlüssel, der sonst immer an einem kleinen Haken des Pultes hing, nicht finden. Schließlich nahm er aus dem Empfangsraum den Schlüssel von Zimmer Nr. 3 mit.

Es war ihm unmöglich, logisch und zusammenhängend zu denken. Er wußte nur, daß irgendeine böse Wendung die Pläne der Bande des Schreckens zum Scheitern brachte. Langsam und unerbittlich brach das Unglück herein.

Warum wurde das Hotel von der Polizei durchsucht? Wer hatte Anzeige gegen ihn erstattet?

Claves öffnete die Tür und ging hinein, während Cravel draußen warten mußte. Nach einer Weile kam er zurück.

»Was bedeuten denn all die Gerüste und das große Loch?« fragte er.

»Hier wird der neue Fahrstuhl eingebaut. Ich halte die Tür verschlossen, damit nicht einer der Dienstboten durch das Loch fallen kann.«

Er machte noch einige Angaben über die baulichen Veränderungen und deren Kosten. Die Beamten gingen zum nächsten Zimmer und stiegen dann die Treppe zur weiteren Etage hinauf. Cravel folgte ihnen willenlos. Vielleicht übersahen sie die Tür in dem Paneel. Es war ein dunkler Morgen, und das Schloß war sehr geschickt versteckt.

Verzweiflung packte ihn, als der Inspektor direkt auf die Geheimtür zuging.

»Da können Sie nicht hineingehen«, stieß er hervor. Das Sprechen fiel ihm schwer, und es wurde ihm klar, daß er sich durch sein aufgeregtes Wesen verriet.

»Ich habe – da ist ein Freund von mir ... er ist krank ...«

»Geben Sie mir den Schlüssel.«

»Ich sage Ihnen doch, daß ein Freund ...«

»Widersetzen Sie sich nicht. Sie haben doch nichts zu verstecken?«

Cravel schüttelte nur den Kopf und reichte Claves den Schlüssel wie im Traum. Der Inspektor öffnete die Tür und trat ein.

»Hier ist aber auch noch ein anderes Zimmer.«

Cravel biß die Zähne zusammen, als der Beamte ins Schlafzimmer ging. Gleich darauf kam der Inspektor wieder heraus.

»Es ist kein Mensch hier.«

Die Tür stand weit offen, und Cravel sah fassungslos auf das leere Bett. Nora Sanders war verschwunden!

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