Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

Die Bande des Schreckens

Edgar Wallace: Die Bande des Schreckens - Kapitel 36
Quellenangabe
pfad/wallacee/bandesch/bandesch.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Bande des Schreckens
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3442001609
created20111204
projectidb83c949a
Schließen

Navigation:

35

Als der Wetter die gewundene Anfahrtstraße nach Heartsease entlangfuhr, überkam ihn aufs neue ein außergewöhnlich bedrückendes Gefühl. Er ahnte instinktiv die Gefahr, die ihm bevorstand.

Mr. Cravel erwartete ihn mit düsterem Gesicht an der Haustür. Trotz der frühen Morgenstunde war er tadellos gekleidet und bereits rasiert.

In der Halle stand auf einem kleinen Tablett eine dampfende Kaffeekanne.

»Ich dachte, Sie würden vielleicht nach der kalten Fahrt gern etwas Heißes trinken«, erklärte Cravel. »Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß der Kaffee weder vergiftet noch mit einem Schlafmittel versehen ist.«

Long zögerte.

»Vielleicht versucht Mr. Rouch erst einen Schluck?« fuhr Cravel fort.

Der Kaffee war wirklich gut und erfrischte den Wetter. Er trank begierig die Tasse leer.

»Ich freue mich, daß Sie Sergeant Rouch mitgebracht haben«, sagte Cravel unvermittelt.

»Warum denn?«

Cravel zuckte die Schultern.

»Wenn man unter dem Verdacht steht, alle möglichen entsetzlichen Verbrechen begangen zu haben, freut man sich, wenn ein Zeuge zugegen ist. Selbst wenn der Zeuge der Gegenpartei angehört. Ich habe Zimmer Nr. 7 heizen lassen. Es ist eins der Zimmer, die Monkford das letztemal bestellt hatte. Sie sind doch nicht nervös deshalb?«

»Warum haben Sie denn gerade das Zimmer heizen lassen?« fragte Long ruhig.

Mr. Cravel zuckte aufs neue die Schultern.

»Ich nehme nicht an, daß Sie morgens um fünf Uhr herkommen, um ein Zimmer für nächstes Jahr zu belegen«, erwiderte er trocken. »Ich erwarte im Gegenteil ein unangenehmes Verhör, und ich möchte doch wenigstens haben, daß es nicht in aller Öffentlichkeit stattfindet.«

Der Lift war nicht in Betrieb, und sie mußten die Treppe hinaufsteigen. Cravel trat zur Seite, als sie vor der Tür des Zimmers angekommen waren. Ein großes Holzfeuer brannte im Kamin, und der Wetter zog seinen Mantel aus. Dann sah er nachdenklich zu Rouch hinüber.

»Ich glaube, Sie warten besser unten, Sergeant.«

Rouch entfernte sich gehorsam.

»Ich habe augenblicklich kaum Dienstboten hier«, erklärte Cravel. »Nur die paar Leute, die das Hotel während des Winters in Gang halten. Aber wenn Sie noch irgend etwas wünschen, stehe ich Ihnen gern zur Verfügung.«

Cravel hatte seine Absicht, das Hotel umzubauen, bereits in die Tat umgesetzt. Der Wetter hatte schon bei der Anfahrt die Gerüste bemerkt.

»Mr. Cravel, ich muß noch einige Fragen an Sie richten. Aber ich warne Sie – Sie sind ziemlich am Ende mit Ihrem Spiel. Wo ist Miß Sanders?«

Cravel lächelte.

»Warum soll denn gerade ich das wissen? Ich bin in den letzten Tagen nicht von hier fortgekommen. Ich hörte nur zufällig von Miß Revelstoke, daß Nora Sanders entführt und später von Wetter Long, dem König aller Detektive, auf heldenhafte Art gerettet wurde!«

»Gestern abend wurde sie aus einem Krankenhaus geholt, und Ihr Freund, der Professor, ist dafür verantwortlich –«

»Ich verstehe Sie nicht. Wer ist denn mein Freund, der Professor?«

»Ich habe nicht die Absicht, mich mit Ihnen zu streiten. Ich will Nora Sanders finden, und Sie werden mir sagen, wo sie ist.«

Die beiden maßen sich mit harten Blicken. Aus Cravels Zügen sprach kaltblütige Entschlossenheit. Er zuckte mit keiner Wimper und lächelte sogar.

»Ich glaube schon, daß Sie ein wenig aufgeregt sind, Mr. Long. Und bevor Sie sich nicht beruhigt haben, hat es wohl keinen Zweck, mit Ihnen zu sprechen. Besonders da Ihnen die einzige Nachricht, die ich Ihnen geben kann, wahrscheinlich einen bösen Schrecken einjagen wird.«

»Was wäre das denn?«

Cravel ging zu dem Kamin hinüber und legte die Hände auf den Rücken.

»Es ist etwas Unangenehmes passiert«, sagte er langsam. »Ich muß Ihnen gestehen, daß ich ein wenig, allerdings nur sehr wenig, davon weiß. Miß Sanders ist nämlich sehr gut mit mir bekannt, ja, ich möchte sagen, sie ist meine Freundin. Vielleicht haben Sie das bis jetzt noch nicht gewußt. Aber ich besitze eine Anzahl Briefe von ihr, und sie hat mir ihr Vertrauen geschenkt. Sie scheint über die vielen Aufmerksamkeiten, die Sie ihr erweisen, nicht gerade sehr erfreut zu sein.«

Der Wetter nickte. Er wußte, daß Cravel nur sprach, um Zeit zu gewinnen und ihn zu reizen.

»Sie haben sich natürlich nicht gedacht, daß sie beleidigt sein könnte, und ich kann Ihnen deshalb auch keinen Vorwurf machen. Die menschliche Eitelkeit –«

»Sie sprechen mehr und mehr wie Clay Shelton«, unterbrach ihn Long.

Es leuchtete in Cravels Augen unheimlich auf. Der Wetter bemerkte es wohl und hörte auch, daß der Mann schwer atmete.

»Clay Shelton geht mich nichts an. Miß Sanders wollte Sie nicht kränken, aber Sie waren ihr gegenüber so hartnäckig, daß es ihr schließlich auf die Nerven fiel. Sie bat einen meiner Freunde, er möchte ihr helfen, Ihnen zu entkommen. Ihre Wachsamkeit und Ihre Fürsorge hat Miß Sanders bedrückt. Ich kenne die Einzelheiten nicht näher, aber ich habe erfahren, daß es meinem Freund gelungen ist, sie aus dem Krankenhaus zu bringen. Unglücklicherweise haben sie aber die unangenehmen und aufregenden Erlebnisse der letzten Tage so stark mitgenommen, daß sie auf dem Weg nach Heartsease –«

»Was, sie ist hier?«

Mr. Cravel nickte.

»Daß sie auf dem Wege nach Heartsease einen Zusammenbruch erlitt und trotz ärztlicher Hilfe starb«.

»Sie ist tot?« fragte Long und kniff die Augen zusammen. »Sie lügen, Cravel. Sie wollen mich nur nervös machen. Aber das können Sie nicht, und wenn sie tot ist –« er zog seine Browningpistole – »dann halte ich mein Versprechen, und nichts kann Sie retten.«

Cravel zuckte nur gleichgültig die Schultern.

»Es ist allerdings eine traurige Tatsache, aber ich dachte, Sie wüßten es schon. Meine Schwester ist gewöhnlich nicht so zurückhaltend.«

»Wußte sie das auch?« fragte der Wetter ruhig.

Cravel nickte.

»Wo ist Nora Sanders?«

Zu seiner größten Überraschung zeigte der Hotelbesitzer nach der Tür des Zimmers, in dem Monkford den Tod gefunden hatte.

»Wir haben sie dorthin gebracht. Ihr Freund, der Professor, ist bei ihr. Sie sind doch wirklich sehr klug, daß Sie direkt hierher kamen«, fügte er ironisch hinzu. »Sie haben tatsächlich den Instinkt eines Liebhabers.«

»Gehen Sie voraus«, erwiderte der Wetter kurz. Den Browning hielt er immer noch auf die Brust des anderen gerichtet. »Wir wollen einmal sehen, wie weit Sie den Scherz zu treiben wagen. Ich glaube allerdings, daß Ihnen die Sache schlecht bekommen wird, mein Freund.«

Cravel ging gelassen zu der Verbindungstür, die ins nächste Zimmer führte und öffnete sie.

»Gehen Sie hinein«, sagte der Wetter und folgte ihm.

Die Vorhänge waren halb zusammengezogen, und das graue Tageslicht erhellte den Raum nur wenig. Wie vom Schlag gerührt, blieb Long in der offenen Tür stehen.

Totenbleich lag Nora Sanders auf dem Bett, das an der Wand stand.

Er konnte sie nur anstarren, denn sein Gehirn versagte im Augenblick den Dienst.

Dann hatte Cravel also doch die Wahrheit gesagt! Sie war tot! Warum hätten sie das Mädchen sonst hierher gebracht?

Am Fuß des Bettes bewegte sich plötzlich eine merkwürdige Gestalt. Es war ein alter Mann, dem das unordentliche weiße Haar ins Gesicht fiel. Das Licht spiegelte sich in seinen Brillengläsern, als er den Wetter mit einem haßerfüllten Blick betrachtete.

»Keiner rührt sich«, sagte Long. »Treten Sie dorthin, Cravel. Sobald einer von Ihnen eine Pistole zieht, schieße ich sofort!«

Wieder schaute er zu der stillen Gestalt hinüber, die auf dem Bett lag. Nora – tot! Er konnte es unmöglich glauben. Plötzlich packte ihn kalte Wut.

»Sie Hund!« rief er.

Er ging auf das Bett zu, aber schon bei dem zweiten Schritt, den er auf dem Teppich tat, fühlte er, daß der Boden unter ihm nachgab. Er warf sich nach rückwärts, aber er hatte das Gleichgewicht schon verloren. Instinktiv streckte er die Arme aus, um sich an einer Kante festzuhalten, aber auch das gelang ihm nicht, und er stürzte in die Tiefe. Sein Kopf schlug heftig gegen einen Pfosten des Baugerüstes, und er verlor das Bewußtsein.

 << Kapitel 35  Kapitel 37 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.