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Die Bande des Schreckens

Edgar Wallace: Die Bande des Schreckens - Kapitel 28
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Bande des Schreckens
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3442001609
created20111204
projectidb83c949a
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27

Nora schrak zurück und starrte entsetzt auf die Türöffnung. Sie sah eine weiße Manschette, einen dunkelblauen Manschettenknopf und einen schwarzen Ärmel.

»Erschrecken Sie nicht.«

Der Fremde kam jetzt ganz zum Vorschein. Es war Jackson Crayley.

Sein ovales Gesicht war von Furchen durchzogen. Er trug Abendkleidung, und seine äußere Erscheinung stand in krassem Gegensatz zu diesem verstaubten, verlassenen Zimmer. Er hatte das Monokel ins Auge geklemmt und sah sich fast ängstlich im Raum um.

»Wo ist denn der Mann geblieben?« fragte er.

»Der ist fortgegangen«, erwiderte sie mit fester Stimme. »Mr. Crayley, warum bin ich in diesem Haus?«

Er rieb sich das Kinn, und sie glaubte zu bemerken, daß seine Hände zitterten. Aber bei dem ungewissen Licht der Kerze konnte sie sich auch täuschen.

»Ich weiß es nicht«, sagte er betreten. »Aber Sie sind hier sicher, Miß Sanders.«

Es entstand eine Pause, und er betrachtete Nora. Seine düsteren Züge hellten sich aber nicht auf, und es kam ihr zum Bewußtsein, daß er sich mehr fürchtete als sie. Von Zeit zu Zeit schaute er sich nervös um, und einmal zuckte er vor dem unruhigen Schatten zusammen, den die flackernde Kerze auf die Wand warf.

»Ist er wirklich fortgegangen? Verflucht unangenehm.« Er räusperte sich. »Ich fürchte, Sie befinden sich in einer sehr peinlichen Lage, Miß Nora.«

Er machte eine Pause, als ob er seine Gedanken sammeln wollte.

»Ich glaube, es ist selten jemand in einer so unangenehmen Lage gewesen wie Sie«, fügte er dann hinzu.

Nora mußte trotz aller Gefahr über seine Unbeholfenheit lächeln.

»Ich kann wirklich nicht glauben, daß es so schlimm steht, Mr. Crayley. Sie sind doch hier bei mir und können für mich sorgen.«

Er konnte sie nicht ansehen.

»Nehmen Sie doch, bitte, Platz.«

Mit einem seidenen Taschentuch wischte er den Staub von einem Stuhl.

»Ich muß mit Ihnen sprechen, aber ich fürchte, Sie halten mich für einen sehr schlechten Menschen, wenn ich Ihnen alles gesagt habe, was ich Ihnen sagen muß.«

Sie setzte sich und wunderte sich, was kommen sollte.

»Der einzige Weg, der Sie aus all Ihren Schwierigkeiten befreit, ist eine Heirat«, begann er plötzlich, »und wenn Sie schließlich einmal darüber nachdenken, ist doch ein netter Kerl ebenso gut wie ein anderer – ich meine als Ehemann ...«

»Ich verstehe Sie wirklich nicht, Mr. Crayley. Ich denke gar nicht daran, mich zu verheiraten, und wenn ich wirklich wählen sollte –«

»Sie haben vollkommen recht.« Er nickte, als ob er schon von vornherein gewußt hätte, was sie erwidern würde. »Wenn ich Sie bitte, mich zu heiraten, sind Sie natürlich sehr beleidigt.«

»Was, ich sollte Sie heiraten?« Sie war nicht im mindesten verletzt, nur sehr überrascht.

»Ja, darum handelt es sich«, entgegnete er verbissen. »Sie heiraten mich morgen, und dann ist alles in bester Ordnung. Sie müssen doch sowieso einen Menschen haben, der sich um Sie kümmert.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich könnte Sie niemals heiraten, Mr. Crayley«, sagte sie.

Der unglückliche Ausdruck seines Gesichts wirkte in diesem Augenblick fast komisch.

»Aber es wäre besser, wenn Sie es doch täten – tatsächlich, es wäre besser für Sie«, drängte er. »Ich will Ihnen die Wahrheit sagen, Nora. Ich habe ebensowenig den Wunsch, Sie zu heiraten, wie Sie mich heiraten wollen, aber ich wäre trotzdem sehr dankbar und erleichtert, wenn Sie sich zu diesem Schritt entschließen würden.«

Er hob die Hand mit dem Taschentuch, um sich die Stirne zu trocknen. Dann sah er sich wieder nach allen Seiten um und sprach ganz leise.

»Folgen Sie doch, bitte, meinem Rat«, sagte er aufgeregt. »Sie versprechen mir auf Ihr Ehrenwort, mich morgen zu heiraten. Ich sorge dann für Sie – das schwöre ich Ihnen. Wenn Sie es nicht tun –« Er tupfte sich wieder die Stirne ab – »dann weiß ich nicht, was passieren wird.«

In ihren Zügen verriet sich jetzt Bestürzung, und seine zusammenhanglosen Erklärungsversuche verwirrten sie nur immer mehr.

»Ich bin vollständig unschuldig an der Sache«, fuhr er fort. »Ich bin einfach eine Null! Ach, wie ich diese ganze verfluchte Geschichte hasse! Wenn ich doch nur davon loskommen und das Land verlassen könnte! In Italien war ich schon einmal nahe daran. Die Fahrkarte von Genua nach Amerika war in meiner Tasche, aber dann hatte ich doch nicht den Mut, meinen Plan auszuführen.« Sein Kopf sank auf die Brust. »Nein, ich hatte nicht den Mut«, murmelte er. »Was bin ich doch für ein feiger Mensch!«

Sie wartete einige Zeit, aber er sprach nicht weiter.

»Was das alles zu bedeuten hat, verstehe ich nicht, Mr. Crayley. Ich fühle, daß Sie freundlich zu mir sind, aber eine Heirat mit Ihnen ist mir unmöglich. Wollen Sie mir nicht helfen, von hier fortzukommen? Warum hat man mich denn eigentlich hierher gebracht?«

Plötzlich sah er sie wieder an und hob warnend den Finger.

»Bleiben Sie hier«, flüsterte er, ging leise zur Tür und versuchte, sie zu öffnen. Sie war aber geschlossen. Mit langen Schritten durchquerte er das Zimmer und verschwand in dem anderen Raum, aus dem er vorhin gekommen war und schloß hinter sich ab. Sie hörte leise Stimmen, konnte aber kein Wort verstehen, obgleich sie sich nahe an die Tür heranschlich. Soweit sie zu unterscheiden vermochte, sprachen drei Leute miteinander.

»Nein, das kann ich nicht tun! Das ist ganz unmöglich! Das tue ich nicht!« sagte Crayley plötzlich laut.

Ein anderer erwiderte ihm ärgerlich. Dann hörte Nora Schritte und schlich auf Zehenspitzen zu ihrem Stuhl zurück. Wenn sie nur durch eins der Fenster entkommen könnte! Der Fluß hatte keine Schrecken für sie, denn sie konnte schwimmen wie ein Fisch. Wenn sie vor Furcht nicht vollständig gelähmt gewesen wäre, hätte sie schon auf dem Wege hierher ins Wasser springen können.

Die Türklinke senkte sich langsam, und Crayley kam wieder ins Zimmer. Er sah noch furchtsamer und verstörter aus als vorher. Wieder gab er ein Zeichen, daß sie schweigen sollte und lauschte aufmerksam. Schließlich schien er davon überzeugt zu sein, daß die beiden anderen gegangen waren.

In seinem geisterhaft bleichen, eingefallenen Gesicht zeigte sich plötzlich ein energischer Zug, als ob er einen Entschluß gefaßt hätte.

»Nehmen Sie doch, bitte, wieder Platz«, sagte er und rückte auch für sich einen staubigen Stuhl an den Tisch. »Sie haben zwei Stunden Zeit, sich zu entscheiden, dann kommen die Beiden zurück.«

»Wer sind sie denn?«

»Sie gehören der Bande des Schreckens an, aber Sie kennen sie nicht.«

»Sind Sie auch in ihrer Gewalt?«

»Ja!« Das Sprechen schien ihn anzustrengen, denn er atmete schwer. »Wollen Sie mich heiraten, um Ihr Leben zu retten?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich möchte Sie nicht beleidigen –« begann sie.

»Sie beleidigen mich durchaus nicht«, erwiderte er mit heiserer Stimme. »Um Gottes willen, nehmen Sie auf meine Gefühle keine Rücksicht. Aber ich frage Sie noch einmal, wollen Sie mich heiraten, um Ihr Leben zu retten?«

Sie hörte seine Worte und schauderte.

»Ich würde Sie unter keinen Umständen heiraten.«

»Lieben Sie denn einen anderen Mann?«

»Ich glaube ja. Und ich hoffe, daß ich ihn eines Tages heiraten kann.«

Er sah sie einen Augenblick ernst und nachdenklich an, dann erhob er sich unerwartet und ging auf Zehenspitzen in das andere Zimmer. Nach fünf Minuten kam er mit einem Armeerevolver zurück. Er untersuchte die Kammer und fand, daß sie geladen war.

»Kommen Sie mit«, sagte er.

Sie folgte ihm in den nächsten Raum, ohne eine Frage zu stellen. Durch einen engen Gang kamen sie dann zu einer offenen Tür. Die abnehmende Mondsichel stand am Himmel. Sie sah einen Fußweg vor sich, der durch eine endlose Wiese zu führen schien, aber sie erreichten doch bald eine enge Straße, die parallel zu dem Hause lief.

»Warten Sie hier einen Moment«, sagte er, als sie an einer kleinen Gartenpforte anlangten.

Sie sah ihm nach, bis er in der Dunkelheit verschwand. Nach einiger Zeit rief er sie, und sie stolperte über die verwucherten Wege, bis sie zu einem Kiespfad kam.

Er stand gebückt am Ufer, und sie hörte das Rasseln einer Kette.

»Können Sie die Umrisse des Bootes sehen? Ich habe keine Taschenlaterne, und es wäre auch nicht gut, wenn wir jetzt Licht machten.«

Es war stockfinster unter den Büschen, aber sie tastete sich vorwärts, bis sie die Spitze des Bootes berührte. Vorsichtig stieg sie ein.

»Gehen Sie nach hinten«, flüsterte er ihr zu, und sie gehorchte.

Das Boot schaukelte leicht, dann bewegte es sich.

»Können Sie ein Ruder gebrauchen? Neben Ihrem Sitz liegt eins.«

Sie nickte, fand es und senkte es sofort ins Wasser. In wenigen Sekunden waren sie in der Mitte des Stromes.

»Flußabwärts«, sagte er ganz leise. »Und möglichst wenig Geräusch.«

Zu ihrer Rechten sah sie die dunklen Umrisse des Hauses. Eifrig ruderte sie und gab sich die größte Mühe, das Holz so lautlos als möglich zu bewegen. Eine Strecke lang sahen sie weder Häuser noch Boote am Ufer.

Ein kleines Motorboot fuhr den Strom hinunter, und sie kamen gerade noch zu rechter Zeit, um in die Schleuse einzufahren. Crayley sprach erst wieder, als sie sie verlassen hatten und nach Marlow zu ruderten.

»Gefahr besteht immer noch«, sagte er. »Wenn sie uns vermissen, verfolgen sie uns mit dem Motorboot. Es liegt in der Nähe der Temple-Schleuse –«

Im gleichen Augenblick schoß ein langes, weißes Boot vom Ufer zu ihrer rechten Seite auf das Wasser hinaus.

»Rudern Sie! Nach dem Ufer zu ... wir müssen laufen!«

Das weiße Boot kam aber mit ungeheurer Geschwindigkeit näher und erreichte sie, als sie noch fünf Meter vom Land entfernt waren. Jemand lehnte sich heraus und packte Nora am Arm, so daß sie laut aufschrie. Eine Sekunde später wurde sie trotz ihres Widerstrebens in das andere Fahrzeug gezogen. Ihre Füße schleiften durch das Wasser, und sie kämpfte verzweifelt, aber sie konnte gegen den starken Mann, der sie hielt, nichts ausrichten. In ihrer höchsten Not erinnerte sie sich an einen Jiu-Jitsugriff und schlug den Angreifer mit der flachen Hand unter das Kinn. Sein Kopf wurde nach hinten gestoßen, und er ließ sie einen Augenblick los. Sie fiel ins Wasser, tauchte unter dem Boot durch und schwamm zur Mitte des Stromes.

Als sie wieder an die Oberfläche kam, sah sie den Schein einer elektrischen Lampe, aber sie bemerkte auch die roten und grünen Lichter eines Fahrzeugs, das von Marlow heraufkam. Ein Motorboot! Mit lauter Stimme schrie sie um Hilfe, und als sich das Boot der Verbrecher ihr wieder näherte, schrie sie aufs neue. Sie tauchte und kam an der anderen Seite des Fahrzeugs wieder an die Oberfläche. Das weiße Boot machte eine Wendung, aber jetzt waren auch das grüne und rote Licht in unmittelbarer Nähe. Sie hörte die Rufe eines Mannes und sah den Lichtstrahl, den der Scheinwerfer des großen Motorbootes aussandte. Ein Schuß fiel – dann noch einer – sie hörte das Pfeifen der Kugeln.

Ein Geschoß schlug dicht bei ihr im Wasser ein, und der Gischt spritzte ihr ins Gesicht.

Sie befand sich jetzt im Kegel des Scheinwerfers, und eine Hand packte ihren Arm.

Mit einem Schrei suchte sie sich loszumachen, aber dann schaute sie auf und blickte in das Gesicht des Wetters.

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