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Die Bande des Schreckens

Edgar Wallace: Die Bande des Schreckens - Kapitel 24
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Bande des Schreckens
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3442001609
created20111204
projectidb83c949a
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23

»Ich habe mich entschlossen, die Erledigung meiner Angelegenheiten den Rechtsanwälten meines Vaters zu übergeben«, sagte sie ohne weitere Einleitung. »Ich habe ihnen bereits geschrieben.«

»So?« fragte Miß Revelstoke, die nur kurz von ihrer Stickerei aufgesehen hatte. »Das ist allerdings sehr unangenehm. Ich dachte, Sie würden in diesem Fall meinem Rat folgen. Aber da Sie den entscheidenden Schritt schon getan haben, läßt sich wohl nichts mehr ändern. Sagen Sie, bitte, Jennings, daß ich das Auto in einer halben Stunde brauche.«

Miß Revelstoke hatte die Mitteilung sehr ruhig hingenommen, aber Nora kannte sie zu gut, um sich täuschen zu lassen. Sie wußte, daß die alte Dame wütend über sie war, obwohl die Hand der Frau, die die Nadel führte, nicht im mindesten zitterte, und obwohl ihre Stimme so ruhig wie immer klang. Aber die beiden roten Flecken auf ihren Wangen verrieten ihre Erregung.

Nora sah von ihrem Zimmer aus, wie der Wagen fortfuhr, und ging wieder nach unten. Sie fühlte sich erleichtert, da sie im Moment von der Gegenwart der alten Dame befreit war.

Ihre Stellung hier wurde allmählich unhaltbar. Schon auf dem Rückweg von dem Kaufhaus hatte sie sich das klargemacht. Und doch fand sie keinen vernünftigen Grund dafür, das Haus von Miß Revelstoke zu verlassen. Es kam ihr zum Bewußtsein, daß sie ihr doch in vieler Hinsicht recht dankbar sein mußte. Miß Revelstoke hatte sie immer menschenfreundlich und liebenswürdig behandelt und niemals unangenehme Forderungen an sie gestellt.

Erst kurz vor sechs kehrte sie zurück. Ihr Ärger schien während der Spazierfahrt verflogen zu sein, denn sie war in der besten Stimmung.

»Ich war bei Mr. Henry«, erzählte sie Nora. »Er ist natürlich ein wenig betreten, aber er versteht Ihre Ansicht, und er glaubt, daß Sie im großen und ganzen richtig gehandelt haben. Vielleicht sind Sie so liebenswürdig und schreiben ihm einen Brief. Darin können Sie ihm ja auch den Namen Ihrer Rechtsanwälte mitteilen. Vergessen Sie es nicht, er hat mich dringend darum gebeten.«

Nora erinnerte sich plötzlich mit Schrecken daran, daß sie den Namen vergessen hatte. Miß Revelstoke bemerkte ihre Verwirrung, drang jedoch nicht weiter in sie.

»Glücklicherweise hat Mr. Henry noch nicht viel unternommen. Mit Mr. Monkfords Rechtsanwälten hat er sich allerdings schon in Verbindung gesetzt, und die sind natürlich auch etwas enttäuscht. Das Testament wird aber jedenfalls nicht angefochten werden, diese beruhigende Mitteilung kann ich Ihnen machen. Monkford hatte keine Verwandten, und in einem früheren Testament hatte er fast sein ganzes Vermögen wohltätigen Zwecken zugewiesen.«

Sie erhob sich und lächelte.

»Ich komme mir jetzt gegen Sie mit Ihrem kolossalen Reichtum recht unbedeutend vor. Gestern waren Sie noch meine Sekretärin, zwar sehr hübsch, aber – verzeihen Sie, daß ich es sage – doch nicht von großer Bedeutung. Und heute darf ich es kaum wagen, Ihnen einen Auftrag zu geben.«

Nora atmete erleichtert auf, als Miß Revelstoke sie so freundlich behandelte.

»Sie haben mir aber doch schon verschiedene gegeben«, erwiderte sie vergnügt.

»Dann will ich Ihnen noch einen weiteren geben. Telephonieren Sie an Henry, daß ich meine Meinung geändert habe und mit ihm zu Abend speisen werde. Ich habe übrigens den etwas unangenehmen Mr. Crayley in der Stadt getroffen. Er fragte mich, ob er mich heute abend besuchen könnte. Er wollte mir etwas Wichtiges und Interessantes erzählen. Würden Sie so liebenswürdig sein und ihn empfangen, wenn er kommen sollte? Versuchen Sie, ihn so schnell als möglich los zu werden. Sagen Sie, daß ich unerwarteterweise nach auswärts gerufen wurde. Ich kann tatsächlich die langweilige Unterhaltung mit ihm nicht vertragen!«

Nora aß allein und in Muße zu Abend und dachte dabei über die Ereignisse des Tages nach.

Als die Uhr auf dem Kamin acht schlug, trat das Dienstmädchen herein.

»Ein Herr wünscht Sie zu sprechen, Miß.«

»Mr. Crayley?«

»Nein, ein fremder Herr. Ich habe ihn noch nicht gesehen.«

Nora eilte in das Wohnzimmer und fand einen Mann dort, den auch sie nicht kannte. Er sah wie ein besserer Handwerker aus.

»Sind Sie Miß Sanders?« fragte er in einem offiziellen Ton.

»Ja«, entgegnete sie erstaunt.

»Inspektor Long schickt mich. Ich bin Sergeant Smith von der Kriminalabteilung.«

»Ein Detektiv?«

»Ja.« Er warf einen Seitenblick auf das silberne Tablett und die Kaffeekanne. »Ich will solange warten, bis Sie Kaffee getrunken haben. Ich habe Zeit.«

Sie zögerte und schaute auf die Uhr. Mr. Crayley konnte jeden Augenblick kommen, und die Anwesenheit eines Detektivs von Scotland Yard würde etwas peinlich sein. Der Mann schien ihre Gedanken zu erraten.

»Wenn Besuch kommt, gehe ich ins Nebenzimmer.«

»Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten?« fragte sie, während sie schon eingoß.

Er schüttelte den Kopf.

»Nein, danke schön, Miß.«

Sie stellte die Tasse vor sich hin, nahm Zucker und Milch und wartete, daß er beginnen sollte.

»Der Inspektor hat mir den Auftrag gegeben, Sie nach Scotland Yard zu bringen. Er muß Sie in einer dringenden Angelegenheit heute abend noch sprechen.«

»Ich kann aber das Haus nicht verlassen. Es kommt noch ein Freund von Miß Revelstoke.«

Er lächelte.

»Wegen Mr. Crayleys brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, der kommt heute abend nicht«, erklärte er zu ihrer Überraschung. »Er ist bei Mr. Long.«

Sie sah ihn nur verwundert an.

»Ja, er hatte einige Fragen an ihn zu stellen. Sonst ist nichts Besonderes, Miß. Und Sie sollen seine Aussage in einem Punkt bestätigen. Haben Sie die beiden Schriftstücke, die Sie für Mr. Henry unterzeichnen sollten?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Soviel ich weiß, liegen sie in Miß Revelstokes Arbeitszimmer.«

Sie ging hinaus, um die Dokumente zu holen, fand sie auf dem Schreibtisch unter einem Briefbeschwerer und kehrte gleich darauf zurück.

»Braucht Mr. Long die Papiere?«

»Er hätte sie gern gesehen. Lange bleiben Sie nicht fort, höchstens eine Stunde. Wenn Sie Ihren Kaffee getrunken haben, wollen wir gehen.«

Sie trank ihre Tasse aus und erhob sich.

»Ich bin in einem Augenblick fertig«, sagte sie.

Zwei Schritte machte sie zur Tür hin, dann wurde es ihr dunkel vor den Augen. Der Mann fing sie in seinen Armen auf, als sie bewußtlos umsank.

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