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Die Bande des Schreckens

Edgar Wallace: Die Bande des Schreckens - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Bande des Schreckens
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3442001609
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projectidb83c949a
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18

Miß Revelstoke teilte Nora die schreckliche Neuigkeit mit, und das junge Mädchen war starr vor Schrecken.

»Aber das ist doch nicht möglich! Hat er denn –«

»Ich weiß es nicht, und der Doktor nimmt an, daß es Selbstmord ist. Aber warum der arme Monkford so etwas tun sollte, kann ich mir wahrhaftig nicht denken.« Sie war ungewöhnlich erregt und ging nervös im Zimmer auf und ab. »Schon seit einiger Zeit wurde er mit dem Tode bedroht, wie mir Crayley erzählte, aber ich habe das natürlich nicht geglaubt. Deswegen scheint auch der Detektiv im Hotel anwesend zu sein – Ihr Mr. Long. Wirklich ein guter Detektiv, das muß ich sagen!«

»Sie meinten doch vorhin, daß es Selbstmord wäre, Miß Revelstoke –«

»Nein, es war nicht Selbstmord. Simpkins sagt, daß man keine Waffe gefunden hat.«

»Aber wer soll ihn denn erschossen haben?«

»Fragen Sie doch nicht so einfältig, mein Kind«, erwiderte die alte Dame unwillig. »Er ist tot, und das genügt. Hoffentlich hat es nichts mit seiner Bank zu tun. Das wäre entsetzlich. Was ich Ihnen noch von Mr. Long sagen wollte – er scheint gerade keinen guten Ruf in Scotland Yard zu besitzen, soviel ich von Henry gehört habe, und diese Geschichte bricht ihm wahrscheinlich das Genick.«

Ihre Stimme klang haßerfüllt, und Nora sah die Frau betroffen an.

»Können Sie ihn nicht leiden?«

»Natürlich wird er der Bande des Schreckens wieder die Schuld geben. Diese Geschichte hat er doch nur erfunden, um seine vielen Fehlschläge zu decken. Ich wüßte nicht, warum ich ihn gern haben sollte. Nora, jede Frau hat irgendeinen Punkt in ihrer Vergangenheit, den sie totgeschwiegen wissen will. Durch einen Zufall hat Ihr Mr. Long eine alte Torheit von mir herausgebracht. Ich glaubte, die Sache wäre längst vergessen und begraben. Um was es sich handelt, möchte ich Ihnen nicht sagen. Sie würden sich dabei wahrscheinlich nur langweilen und mich für verrückt halten. Die Geschichte passierte in Kopenhagen, als ich noch ein ganz junges Mädchen war –« Sie atmete schwer. »Damit will ich es bewenden lassen. Nein, Mr. Long besitzt meine Sympathie keineswegs.«

Das Mädchen schwieg. Unter diesen Umständen wäre es töricht gewesen, einen Mann zu verteidigen, der ihrer Meinung nach nur seine Pflicht getan hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß Arnold Long sich etwas hätte zuschulden kommen lassen können.

»Ich habe gehört, daß in Ihrem Zimmer eine Explosion gewesen ist?« fragte Miß Revelstoke plötzlich.

Nora berichtete kurz, was sich ereignet hatte.

»Ich wußte von nichts, bis ich sah, daß Mr. Long meine Tür öffnen wollte. Eins der Mädchen sagte mir, sie hätte gehört, daß drei oder vier Schüsse gefallen wären. Als wir in das Zimmer kamen, fanden wir etwas Rauchendes vor dem Kamin. Es muß ein Stück Papier gewesen sein.«

»Was ist daraus geworden?«

Nora erzählte es ihr. Die Sache schien aber die ältere Dame kaum aufzuregen, denn sie erwähnte die Geschichte nicht weiter.

»Cravel ist wahrscheinlich ruiniert. Wenigstens ist diese Saison vollkommen verdorben. Nur die versessensten Golfspieler werden bleiben. Der Rest der Gäste reist wohl morgen ab. Einige sind schon fort. Übrigens sah ich Mr. Long eben in der Halle. Er fragte mich, ob er heraufkommen könnte, um mit Ihnen zu sprechen. Haben Sie etwas dagegen?«

Nora schüttelte den Kopf.

»Ich kann mir nicht denken, was Sie ihm sagen könnten«, erklärte Miß Revelstoke. »Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich Sie mit ihm allein lasse? Ich kann seine Gegenwart nicht vertragen.«

Kurz darauf erschien der Wetter. Er sah sehr müde und abgespannt aus, und Nora hatte großes Mitleid mit ihm.

Miß Revelstoke blieb im Gegensatz zu ihren eben geäußerten Worten ruhig im Zimmer.

»Mr. Long, haben Sie irgendeine Entdeckung gemacht?« fragte sie ihn verbindlich.

»Nein. Ich weiß nur, daß Monkford ermordet worden ist.«

»Aber wie ist denn das möglich? Der Hoteldirektor erklärte mir, daß sich niemand in dem Zimmer befand, als Sie hineingingen. Sie waren doch allein in der Nähe, als Monkford erschossen wurde. Stimmt das nicht?«

Der Wetter warf ihr einen schnellen Blick zu. »So? Mir ist das noch nicht aufgefallen«, erwiderte er ironisch.

»Aber andere werden es sicher bemerken. Mr. Cravel sagte mir, daß er im ersten Stock war, als er den Schuß hörte. Er eilte sofort hinauf und fand Sie an der Tür. Offenbar machten Sie den Versuch, in das Zimmer zu kommen. Ich möchte nur wissen, warum die Tür verschlossen war.«

»Ich habe mich auch darüber gewundert. Aber es bleibt eben eine Tatsache, daß sie verschlossen war.«

Miß Revelstoke zuckte die Schultern und lächelte sarkastisch.

»Offenbar war kein Schlüssel da. Mr. Cravel meinte, daß die Tür nicht von innen verschlossen sein konnte, sonst hätte er sie doch nicht mit seinem Paßschlüssel öffnen können. Aber vielleicht haben Sie den Schlüssel abgezogen?«

»Die Möglichkeit würde allerdings bestehen«, entgegnete der Detektiv eisig. »Aber dem widerspricht die Tatsache, daß der Schlüssel in Monkfords Tasche gefunden wurde.«

Miß Revelstoke runzelte die Stirne.

»Cravel hat mir aber doch gesagt, daß der Schlüssel unten im Empfangsbüro hing, und daß er auch jetzt noch dort hängt! Wenn Sie einen Schlüssel in Monkfords Tasche gefunden haben, so war das ein Duplikat, von dem Cravel nichts wußte.«

Wetter Long blickte rasch auf, und ein Lächeln spielte plötzlich um seinen Mund.

»Ach, so ist es!«

Sein Gesichtsausdruck hatte sich vollkommen verändert, und seine Augen glänzten.

»Also so verhielt sich die Sache! Natürlich! Daß ich das nicht vorher eingesehen habe!«

Sein verwandeltes Wesen machte Eindruck auf Miß Revelstoke. Ihr Gesicht wurde lang und länger, und ihre Züge verdüsterten sich.

»Was meinen Sie denn?« fragte sie schließlich.

»Sie haben mir zu einer teilweisen Lösung dieses Geheimnisses verholfen. Ich will Ihnen ein Geständnis machen. Ich log absichtlich, als ich Ihnen vorhin sagte, daß ich den Schlüssel in der Tasche des Toten gefunden hätte. Das war keineswegs der Fall. Aber solche Lügen sind für uns Kriegslisten, und sie reizen gewisse Leute auf, unsere Behauptungen zu widerlegen.«

Miß Revelstoke sagte nichts darauf, und er wandte sich an Nora.

»Ich wollte noch viele Fragen an Sie richten wegen der Explosion in Ihrem Zimmer. Aber das ist jetzt nicht mehr nötig, weil ich die Zusammenhänge einigermaßen durchschaue. Nur eins muß ich noch herausbringen, und zwar, wie der Täter nach dem Mord das Zimmer verlassen konnte.«

»Das scheint mir allerdings die wichtigste Frage zu sein«, entgegnete Miß Revelstoke mit einem bissigen Lächeln.

»Ja und nein. Vor allem möchte ich auch noch klären, warum Mr. Henry, dieser kluge Rechtsanwalt, um Viertel vor neun bei der Polizeistation in Staines vorgesprochen und den Verlust einer Armbanduhr gemeldet hat, die er in seinem Zimmer liegen ließ.«

Miß Revelstoke sah ihn mit großen Augen an, und sie lächelte nicht mehr.

»Sie sprechen direkt geheimnisvoll, Mr. Long –«

»Und noch geheimnisvoller ist es, daß Henry gerade in dem Augenblick auf die Polizeistation kam, in dem Monkford erschossen wurde. Ich habe noch niemals von einem besseren Alibi gehört.«

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