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Die Bande des Schreckens

Edgar Wallace: Die Bande des Schreckens - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorEdgar Wallace
titleDie Bande des Schreckens
publisherWilhelm Goldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
isbn3442001609
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9

Mit großen, kräftigen Ruderschlägen trieb er das Fahrzeug stromaufwärts, und das Ufer mit seinen Wiesen und malerischen Baumgruppen glitt an ihnen vorüber. »Es gehört schon sehr viel Umsicht und Energie dazu, ein Doppelleben zu führen«, meinte er nachdenklich. »Aber Shelton ist in mindestens sechs verschiedenen Masken aufgetaucht.«

»War er eigentlich verheiratet?« fragte sie interessiert.

»Das haben wir nie genau feststellen können, aber wahrscheinlich hatte er keine Familie.«

Plötzlich fiel ihr ein, daß unter Sheltons Todestag noch ein weiteres Datum eingeschnitten war, und zwar der 1. August 1924. Und heute hatten sie erst den 23. Juli!

»Was soll denn am 1. August geschehen?«

»Darum handelt es sich ja gerade«, entgegnete er bedrückt. »Außer mir weiß niemand etwas Genaues über die Bande des Schreckens, und ich weiß auch nur sehr wenig. Ab und zu ahnt man ihre Tätigkeit, sieht ihre Verbrechen. Der alte Shelton hat die Banken um eine Million Pfund betrogen, aber seine verschiedenen Existenzen haben viel Geld gekostet und schließlich wieder alles verschlungen. Auch möglich, daß er Geld bei den Rennen verloren hat. Die meisten Verbrecher haben ja irgendeine kostspielige Passion. Die Leute, die er zur Ausführung seiner Pläne brauchte, haben auch viel gekostet. Aber immerhin, eine Million Pfund ist eine große Summe. Die Bande des Schreckens stand immer hinter ihm. Mr. Monkford hatte einen Bruder, der seine Ferien an der Adria verbrachte. Eine Woche nach Sheltons Tod ertrank dieser Mann. Man fand ihn eines Morgens tot in seinem Badeanzug am Ufer auf. Mr. Monkford glaubte an einen Unglücksfall, und in gewisser Weise war es das auch, denn sie hatten den falschen Monkford gefaßt.«

»War es denn wirklich ein Mord?« fragte sie mit stockender Stimme.

Der Wetter nickte.

»Sie fahren wohl mit dem Sechsuhrfünfzigzug nach London zurück?« sagte er dann plötzlich. »Den benütze ich auch. Aber ich muß Ihnen von vornherein sagen, daß ich dritter Klasse fahre. Ich bin Demokrat.«

Er ruderte eine Weile schweigend weiter.

»Die Bande des Schreckens«, sagte er nach einiger Zeit halb zu sich selbst. »Irgend etwas ist im Gange, aber ich weiß nicht, was es ist. Haben Sie eigentlich unseren Nachbar schon gesehen? Nein? Den müssen Sie kennenlernen, er gehört zu den Sehenswürdigkeiten von Marlow. Übrigens war er auch in der Bank, als ich Shelton verhaftete.«

Kurz darauf wichen die Sträucher und Baumgruppen vom Ufer zurück, und Nora sah erstaunt auf einen wunderbar gepflegten Garten. Im Hintergrund erhob sich das Wohnhaus. Es war der schönste Park, den sie jemals gesehen hatte. Der Rasen schimmerte smaragdgrün, und überall standen Bosketts von farbenprächtigen Blumen.

In einer offenen Laube saß ein Herr in einem Deckstuhl. Als das kleine Boot am Steg anlegte, erhob er sich langsam. Er war lang und hager, hatte ein ovales, etwas ausdrucksloses Gesicht und trug ein Monokel. Mit müdem Blick beobachtete er die beiden Ankömmlinge.

»Hallo, Long«, sagte er gedehnt, als sie näher kamen, und reichte dem Detektiv die Hand.

»Darf ich Sie vorstellen? Mr. Crayley – Miß Sanders.«

»Wie geht es Ihnen? Nehmen Sie doch Platz.« Die Hand, die er Nora gab, war so weich und schlaff, daß sie kaum einem lebenden Menschen zu gehören schien.

»Miß Sanders interessiert sich für Ihren herrlichen Garten und hätte ihn gern einmal näher betrachtet.«

»Die Blütenpracht ist wirklich wundervoll«, sagte sie begeistert.

»Ja«, entgegnete er gleichgültig. »Gar nicht übel. Ich habe eben einen guten Obergärtner, das ist alles. Zeigen Sie doch bitte der Dame, was es hier zu sehen gibt ... und pflücken Sie sich ruhig soviel Blumen, wie Sie wollen.«

Schon bevor sie fortgingen, sank er wieder in seinen Sessel und nahm die Zeitung auf.

»Was halten Sie von ihm?« fragte Long, als sie außer Hörweite waren.

»Er scheint sehr müde zu sein«, erwiderte sie zögernd.

Er lachte.

»Der ist schon seit seiner Geburt so. Ein ziemlich unbedeutender Mensch. Es war wirklich ein merkwürdiger Zufall, daß er ausgerechnet damals in der Bank sein mußte, als ich Shelton verhaftete. Er half mir dabei, aber Shelton stieß ihn sofort zur Seite. Crayley gehört nun einmal zu den Menschen, die man beiseiteschiebt. Im allgemeinen hält er sich nur während der Saison hier auf. Entweder ist er gerade von Deauville zurück, oder er ist gerade im Begriff, nach Aix zu fahren. Gehen Sie eigentlich zur Golfwoche nach Heartsease?«

»Ja«, sagte sie etwas erstaunt.

Als sie zu Mr. Crayley zurückkehrten, sprach er gerade mit einer Dame, die anscheinend eine Verabredung mit ihm traf. Sie ruderte gleich darauf fort, aber Nora erhaschte noch einen Blick von ihr und konstatierte, daß sie sehr hübsch und auffallend gut gekleidet war.

»Ich danke Ihnen sehr für Ihre Freundlichkeit, daß ich Ihren Garten ansehen durfte«, sagte sie.

Crayley reichte ihr wieder seine leblose Hand.

»Kommen Sie nächstens einmal wieder«, entgegnete er gelangweilt.

Als die beiden zu Monkfords Haus zurückkehrten, sahen sie, daß er oben auf der Terrasse auf- und abging.

»Ich sehe Miß Revelstoke nächste Woche in Little Heartsease«, sagte er zu Nora. »Bestellen Sie ihr meinen besten Dank und sagen Sie ihr, daß sie doch auch Golf lernen sollte. Es ist nie zu spät.«

Er ließ sie mit seinem Wagen zur Station bringen. Unterwegs fragte Long alle möglichen Dinge. Wie lange sie schon beruflich tätig sei, und was sie zu tun hätte. Sie mußte ihm eingestehen, daß sie schon mehrfach die Stellung hatte wechseln müssen, da sie keine hervorragende Stenotypistin war. Allerdings beherrschte sie drei fremde Sprachen.

»Auch Dänisch?« fragte er.

»Nein. Nur Deutsch, Französisch, Italienisch und ein wenig Spanisch.«

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