Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Richard Voß >

Die Auferstandenen - Erster Band

Richard Voß: Die Auferstandenen - Erster Band - Kapitel 35
Quellenangabe
pfad/vossr/auferst1/auferst1.xml
typefiction
authorRichard Voß
titleDie Auferstandenen ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100126
projectid8692aefb
Schließen

Navigation:

Vierunddreißigstes Kapitel.

Am nächsten Tag brachte Wladimir Wera zur Prinzessin. Er hatte ihr strenge Instruktionen erteilt und war ihres Gehorsams gewiß. Denn mehr und mehr begriff die Nihilistin, daß sie der Sache am meisten durch ihre blinde Unterwerfung dienen könnte, daß diese Unterwerfung alles sei, was man von ihr erwarte, alles, was sie zu tun vermochte. Sie bemühte sich, ihr rebellisches Gewissen durch allerlei Vorspiegelungen einzuschläfern, sich vorzureden, daß sie ein störrisches Gemüt hätte, und daß es lediglich an ihrer Unwissenheit läge, wenn sie nicht voller Glauben und Überzeugung war.

Auch wurde ihre Seele von ganz anderen Stürmen durchtobt, mehr und mehr bemächtigte sich ihrer Phantasie die Vorstellung eines geretteten Boris Alexeiwitsch. Mit Schaudern hatte sie seine Beichte angehört. Sie war zu rein, um sich von dem Leben und den Lastern eines solchen Mannes eine Vorstellung machen zu können. Aber mit der Intuition der Frau erkannte sie bei seinen leidenschaftlichen Ergüssen, daß es Verhältnisse gäbe, von deren Dasein sie keine Ahnung hatte. Ihre Instinkte warnten sie vor dem Wüstling, aber sie fühlte sich trotzdem von dem Wunsche durchdrungen, diesen Mann dem Volke zuzuführen. Mit seiner glühendsten Beredsamkeit hatte er ihr versichert, daß er sich schuldig fühlte, daß er seine Rettung nur in ihr sähe. Und sie glaubte ihm; weshalb hätte er sie täuschen sollen? Mit der Heftigkeit einer religiösen Schwärmerin ergriff sie die Aufgabe, an dieser verlorenen Seele ein Wunder zu tun.

In solchem Zustande überlieferte sie sich vollständig dem Willen Wladimirs, dessen Anschauungen über die Frauen dabei einen Triumph feierten. Von dem Augenblick an, da Wera ihm mit Boris Alexeiwitsch entgegengetreten, glaubte er sein Spiel gewonnen. Die verführte Wera würde ein ganz anderes Werkzeug abgeben, als diese unbefleckte Reinheit. Um die Menschen nach Gutdünken verwenden zu können, mußte man mit ihren Leidenschaften rechnen. Dasselbe Exempel mit demselben günstigen Ergebnis hoffte Wladimir mit Anna Pawlowna und Sascha aufzustellen, ahnungslos, wie Zufall und Verhältnisse seine Plane begünstigten.

Die Prinzessin empfing Wera sehr freundlich, ließ ihr ein Zimmer in der Nähe ihres Schlafgemachs anweisen und gab ihr, um einem etwaigen Verdacht der Polizei und Dienerschaft vorzubeugen, eine bestimmte Beschäftigung in ihrem Haushalte. Ihre nihilistischen Sympathien noch stärker zu beweisen, organisierte sie in Veras Zimmer eine wöchentliche Zusammenkunft des Komitees, der auch Natalia Arkadiewna, Boris Alexeiwitsch und Sascha beiwohnen sollten.

Wera suchte sogleich Natalia Arkadiewna auf, die wieder sehr leidend war, aber nichts von Ruhe wissen wollte.

»Dafür werde ich später Zeit genug haben; plagt mich nicht mit eurer Sorgfalt, Das Volk kommt durch Elend und Krankheit scharenweise um, ohne daß man sich darum kümmert. Ich will keinen Arzt haben. Gerade jetzt bin ich so glücklich, denn endlich, endlich soll es zu großen Ereignissen kommen. Wenn ich sie nur erlebe! Und dann noch eins: ich möchte dich so gern für die Sache erziehen. Du hast die besten Anlagen, aber du bist noch nicht entwickelt. Also zum Auskundschaftsdienst hat Wladimir dich bestimmt? Ich hätte ihm nicht zugetraut, daß er deine innerste Natur so verkennen könnte. Doch wer weiß, vielleicht ist es eine gute Schule für dich, übrigens finde ich dich verändert; ist dir etwas geschehen?«

Wera begegnete dem forschenden Blick, der auf sie fiel, ruhig und offen.

»Boris Alexeiwitsch ist zu mir gekommen.«

»Schon?«

»Gestern.«

»Ich erwartete es; nur nicht so bald.«

»Du verkennst ihn.«

»Wäre das bei Boris Alexeiwitsch möglich? Aber ich sage dir, du steckst noch voller Einbildungen, du wirst noch vieles lernen müssen. Das kannst du allerdings nicht bald genug. Was wollte er von dir?«

»Ich sollte ihm helfen.«

»Du – ihm? Worin sollst du ihm helfen?«

»Daß er aus vollem Herzen einer der Unseren würde. Er hat so gute Absichten.«

»Du hast ihm natürlich alles zugesagt?«

»Konnte ich anders? Bedenke doch!«

»Er fängt es fein an. Sei versichert, er kennt dich, er weiß, wo du zu fassen bist.«

»Du zürnst mir?«

»Ich bedaure dich.«

»Warum?«

»Er wird seine Absicht nicht erreichen, aber du wirst dabei zugrunde gehen. Es ist schade um dich; doch ist dir nicht zu helfen. Würdest du mir wenigstens folgen und nach Dawidkowo gehen.«

»Um unter den Leuten von Grischa Michailitsch Agitation gegen ihren Herrn zu machen!«

»Um die Agitation zu verhindern. Wenn er seinen Bauern nicht mehr Land gibt – – «

»Das wird er nicht. Er mußte es mir versprechen, es nicht zu tun.«

»Dann hat er dir sein Unglück versprochen. Die Revolution unter seinen Bauern ist nicht mehr aufzuhalten.«

»Die Undankbaren! Er ist so gütig gegen sie.«

»Güte ist gewöhnlich Schwäche. Da du so viel über ihn vermagst, solltest du ihn veranlassen, sein Versprechen zurückzunehmen.«

»Nimmermehr.«

»Wie du willst. Schließlich, was kommt auf den einen an? Er wird ein Beispiel abgeben und dadurch auf andere wirken.«

»Was glaubst du, daß ihm geschehen könnte?«

Aber Natalia Arkadiewna antwortete nicht.

Es ist ganz gut so, dachte sie. Wir müssen Exempel statuieren. Wenn Grischa von seinen Bauern erschlagen werden sollte, würde das ein solches Entsetzen verbreiten, daß Hunderte von Landwirten ihren Leuten freiwillig ihr Land abtreten. Wie gut, daß ich Wera mitnahm. Diesen Grischa wird sie lieben, aber der andere wird sein Spiel mit ihr treiben. Auch das kann uns nützlich sein. Doch daraus Nutzen zu ziehen ist Wladimirs Sache.

»Hast du schon gehört, daß mein Vater nach Moskau kommt?«

»Der geheime Staatsrat Arkad Danilitsch Niklakow?«

»Er hat den Auftrag, die nihilistischen Verbindungen aufzuspüren.«

»Wirst du ihn sehen?«

»Ich werde zu ihm gehen und ihn warnen.«

»Vor wem?«

»Vor den Nihilisten.«

»Sie werden gegen deinen Vater nichts im Schilde führen.«

»Wie unverständig du sprichst. Sie müssen das! Der Staatsrat Niklalow ist ihr Feind. Nenn er uns entdecken und angeben will, mag er mit seiner Tochter den Anfang machen. Er liebt mich übrigens sehr.«

»Ach, wie schrecklich.«

»Ich kann ihm nicht helfen.«

»Was können die Unsern ihm antun?«

»Ihn zum Tode verurteilen, wenn er – – «

»Nun, wenn er?«

»Seine Pflicht tut und etwas Verdächtiges findet. Es muß aber um jeden Preis verhindert werden, daß er eine Entdeckung macht, da sonst die Reise des Zaren hierher unterbliebe, ein Umstand, der alle unsere Pläne zerstören würde. Ich muß also irgend etwas aussinnen, das ihn verhindert, in Moskau Entdeckungen zu machen, was bei dem Charakter meines Vaters sehr schwer sein wird; denn er ist ebenso klug und furchtlos, wie umsichtig und pflichttreu.«

»Wie willst du das also anfangen?«

»Ich werde gewiß etwas finden. Kann ich dabei auf deine Hilfe rechnen?«

»Ja.«

»Ich danke dir. Jetzt lasse mich allein.«

Es wird doch schwer fallen, dachte sie, als Wera gegangen war. Er ist ein eiserner Charakter. Aber es muß versucht werden. Ihm zu schreiben, daß er getötet wird, sobald er etwas gefunden, nützt nichts. Das einzige ist, mich so stark zu kompromittieren, daß eine Anzeige seinerseits meine Transportation nach Sibirien zur Folge hätte, oder noch Schlimmeres. Er muß für mich zittern, so zittern, daß er seine Pflicht verletzt. Denn er liebt mich noch immer. Ich glaube, da kommt Wladimir Wassilitsch.

Sie erblaßte und schloß die Augen; kaum, daß sie sich aufrecht halten konnte. Aber sie faßte sich schnell, und als Wladimir Wassilitsch die Tür öffnete, trat sie ihm in ihrer gewöhnlichen gelassenen Weise entgegen: »Gut, daß Sie kommen; ich habe allerlei mit Ihnen zu besprechen. Wie geht es Ihrer Frau?«

Sie legte auf das letzte Wort einen besonderen Nachdruck. Wladimir Wassilitsch merkte die Absicht, ohne ihr besonders dankbar dafür zu sein.

»Tania Nikolajewna ist wohl. Übrigens wird auch sie ihre Tätigkeit angewiesen erhalten.«

»Wozu wollen Sie Tania Nikolajewna verwenden? Dieses holde, zarte Wesen! Wie können Sie das über Ihr Herz bringen? Auch würden Sie es sicher bereuen. Nein, nein, sie muß damit verschont bleiben.«

Ei, sieh doch! dachte Wladimir, Daß ich Tania liebe, erträgt sie; aber ich soll sie nur zum Tändeln und Kosen haben. Meine Taten mit mir zu teilen, gönnt sie ihr nicht. Sie möchte sie allein begehen mit mir. Was für Frauen es gibt!

Dann sagte er: »Tania Nikolajewna darf nicht untätig bleiben; sie will es auch nicht. Jeder, der zu uns gehört, muß seiner Fähigkeit und seinem Können gemäß von uns verwendet werden. Nun wird Tania Nikolajewna allerdings nicht viel leisten können; aber mit dem, was sie zu tun vermag, muß gerechnet werden. Sie wird übrigens ihre Pflicht erfüllen.«

»Darf ich fragen, was Sie Ihrer Frau auftragen werden?«

»Ich habe allerlei Pläne. Hörten Sie sie einmal singen?«

»Nein.«

»Das ist schade. Sie soll Ihnen vorsingen; Sie verstehen etwas davon. Tania Nikolajewna hat eine überaus liebliche Stimme; russische Volkslieder singt sie, daß man dabei weinen möchte. Ich bin überzeugt, sie kann mit ihrem Gesange einen jeden bezaubern. Vielleicht läßt sich dieses Talent ausnützen. Ich kann es ihr nicht ersparen, ihre Fähigkeiten und Kräfte für die Sache zu verwerten.«

Und auch mir kann ich es nicht ersparen, hätte Wladimir hinzusetzen können. Denn sein Vorsatz kostete ihn große Überwindung. Von Tag zu Tag gewann das süße Glück, das er in der Liebe der holden Tania fand, mehr Gewalt über ihn. Vergebens war er bemüht, sich gegen den starken Einfluß zu wehren, sich dem Liebesbann, der auf ihm lag, zu entziehen. Er ertappte sich immer wieder auf Gedanken, die nicht bei der »Sache«, sondern bei Tania waren, auf Vorstellungen, in denen er sich mit ganz anderen Dingen als mit Terrorismus und Agitation beschäftigte. Er hatte Augenblicke der Schwäche, der Sehnsucht, der Leidenschaft. Dann überhäufte er sich selbst mit Vorwürfen und faßte die besten Vorsätze, jede Regung, die nicht der Sache gehörte, in sich zu ersticken. Wenn Tania sich direkt an der Agitation beteiligte, würde das, so hoffte er, ihn von ihr abziehen; außerdem war sie, als sein Weib, es der Sache schuldig.

Natalia Arkadiewna wagte nicht, das begonnene Gespräch fortzusetzen. Zum erstenmal flößte der Mann, den sie heimlich anbetete, ihr ein Gefühl ein, darein sich bei aller Bewunderung etwas wie Schrecken mischte, Schrecken vor der allerletzten Konsequenz, die aus dem anarchistischen Prinzip sich entwickelte: du sollst nichts für dich selbst besitzen, auch nicht dein Weib!

Wladimir Wassilitsch war ein Fanatiker seines Prinzips, der auch vor der allerletzten Folgerung nicht zurückschrecken würde. Und Rußland wimmelte von solchen Geistern.

 

Ende des ersten Bandes.

 << Kapitel 34 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.