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Die Auferstandenen - Erster Band

Richard Voß: Die Auferstandenen - Erster Band - Kapitel 24
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typefiction
authorRichard Voß
titleDie Auferstandenen ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Die Heiligen mochten wissen, wie es zuging, daß das Mütterchen an alle diese Dinge denken mußte, während sie in ihrem sauberen, behaglichen Speisezimmer, an ihrem mit buntem Sonntagslinnen gedeckten Tische saß, das Wasser im Samowar kochen und Anuschka seufzen hörte, bald ihren Grischa ansah, wie der es sich schmecken ließ, bald Wera Iwanowna, wie die so ernsthaft, schön und sauber dasaß. Schließlich war alles recht gut gekommen, und wenn es noch besser käme – –

Das Mütterchen wurde immer aufgeregter, fing an zu scherzen und zu schwatzen, fragte Wera nach diesem und nach jenem, wo sie her sei, ob ihre Eltern noch lebten, wer ihre Eltern gewesen? Begierig horchte sie und wurde ganz zornig über die kargen Antworten, die sie bekam. Sie hielt es nicht länger am Tische aus, stand auf und ließ sich von Grischa hinüber ins Wohnzimmer führen.

Dort war es wunderhübsch! An den Fenstern die herrlichsten roten Vorhänge aus Wolle, an den Wänden die bunteste, lustigste Tapete, mit den buntesten lustigsten Bildern; das ganze Zimmer voller hübscher, bunter Sachen und Sächelchen, voller bunter gestickter Stühle, bunter gestickter Kissen, Fußschemel, Teppiche, Decken. Und alle die bunten bemalten Töpfe, Teller und Tassen; der bunte zärtliche Schäfer aus Meißener Porzellan; die bunten künstlichen Blumen; der bunte Stieglitz in seinem bunten Bauer. Mit einem Wort: ein prächtiges Zimmer!

Natalia und Wera mußten sich auf das Sofa setzen und Grischa aus dem Speisezimmer den Samowar herüberschaffen, denn ohne ihre sechs Gläser Tee, für die sie eine ganze Zitrone nötig hatte, tat es das Mütterchen nun einmal nicht. Auch bestand sie darauf, daß Anuschka eingemachte Himbeeren und Ingwerkuchen brächte. Freilich naschte niemand als das Mütterchen von diesen Süßigkeiten, die übrigens vortrefflich zubereitet waren. Während sie im vollsten Behagen war, bat sie Natalia Arkadiewna, ihr eine neue Fürchterlichkeit aus dem Sündenpfuhl zu berichten. Denn obgleich ihr davor grauste, hörte sie doch sehr gern davon reden, wie sie überhaupt als echte Altrussin Märchen und Geschichten leidenschaftlich liebte, besonders wenn sie recht, recht traurig waren und man dabei bitterlich weinen konnte. Andernfalls taugten die Geschichten nichts und sie ward ganz zornig darüber, daß man eine alte Frau mit solchem »dummen Zeug« quälte.

»Nun wohl, Mascha Manitschna, so will ich Ihnen etwas erzählen. – – Da ist die große Stadt, welche die »heilige« genannt wird und die aus Kirchen, Palästen und Hütten besteht. In den Kirchen und Palästen liegen unermeßliche Schätze: Gold, Perlen, Edelsteine. Die Popen und Adligen raffen zusammen, immer zusammen, mehr und mehr! Die Perlen und Edelsteine aber sind die Tränen des sterbenden, russischen Volkes, die Rubinen des Volkes Blut.«

»O, o!« stöhnte das Mütterchen und begann zu schluchzen.

Anuschka war derber geartet. Zum Entsetzen des Mütterchens, das solche bedenkliche Anzeichen nur zu wohl kannte, geriet ihr stattliches, über und über mit Handwerk und Stickerei bedecktes Haupt in heftiges Schwanken. Sie murrte: »Warum muß das russische Volk sterben? Solche Dummheit! Tränen und Blut? Gott wird barmherzig sein! 's ist ganz gesund, dick und fett! Und dann Tränen und Blut? Ja, Schnaps und Branntwein!«

Um Anuschka nicht noch mehr zu reizen, unterdrückte das Mütterchen ihre Rührung, wodurch ihr freilich das halbe Vergnügen genommen wurde.

Natalia Arkadiewna fuhr, ohne sich durch die Unterbrechung stören zu lassen, fort: »Und in den Palästen schimmern die Tränen, funkelt das Blut des sterbenden russischen Volkes auf den Schultern, auf den Stirnen und an den Armen der adligen russischen Damen als Diamanten und Rubinen. Und Tränen und Blut verwandeln sich in kostbare Weine und herrliche Speisen, in Teppiche, Seide und Samt.

So geht es zu in Rußland: das Volk weint und blutet, die Herren lachen und prassen.

Da geschieht es, daß Christus auf die Erde herabsteigt. Er zieht von Land zu Land, und sein Gesicht wird immer bleicher, sein Blick immer trüber, sein Herz immer trauriger. Wenn er aber nach Rußland kommt, blutet sein Herz. Er wandert von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte, und wenn er die letzte Hütte von Rußland erreicht, ist sein Herz zu einer einzigen klaffenden Wunde geworden, daraus sich ein Blutquell ergießt. Der flutet über Rußland und die ganze Erde. Und Christus spricht: Mit diesem Blute meines Herzens will ich der Welt eine neue Lehre geben, denn das Elend und der Jammer der Menschen ist so groß geworden, daß sie nicht mehr glauben können! Sie müssen daher etwas anderes werden als Christen, damit ihnen geholfen werde; denn der Himmel kümmert sich nicht um sie.

So geschah es, daß in Rußland die neue Lehre entstand und daß aus Christen Nihilisten wurden.

Christus selbst aber verkündete den Nihilismus dem Volke; deswegen wurde er vom Kaiser verfolgt, ergriffen und gefangen gesetzt. Vor dem Richter aber sprach er: Christus bin ich gewesen, aber Anarchist bin ich geworden. Nun richtet mich nach eurer Gerechtigkeit.

Und sie verurteilten Christus zum Tode.

Als man ihn zum Richtplatz führte, betete er laut, daß sein Wille geschehen möge. Wißt Ihr, welches sein Wille war, von dessen Erfüllung er einzig und allein für die leidende Menschheit die Rettung erwartete? Es soll nicht mehr geben Knecht und Herr, Arme und Reiche, Hungernde und Gesättigte.

Und wie der sterbende Gott gebetet, also wird es geschehen: Christus selbst wird die Teilung vornehmen, und dann wehe allen denen, von welchen er fordern muß.«

Das Mütterchen schluchzte laut auf.

Wer wird meine guten Honigfrüchte bekommen? mußte sie denken. Meine süßen Ingwerkuchen und die getrockneten Zuckererbsen? Gewiß Iwan Sergewitsch, der Trunkenbold, dem Zwiebel und Knoblauch eigentlich viel lieber sind. O Gott! O Gott! Wer wird sich in meine wunderschöne Wäsche teilen? Alles selbst gesponnen, gewebt und gebleicht. Gewiß die schmierige Tatjana Semeonowna und der abscheuliche Dimitri Iwanowitsch. Ach, meine schönen Tischtücher, meine feinen Hemden! Welches Glück, daß ich mir keine neuen habe machen lassen, und daß Anuschka neulich beim Bügeln eines verbrannt hat. Und wer wird auf meinem gestickten Stuhle sitzen und aus meinen hübschen Tassen trinken? O Gott! O Gott!

Und das Mütterchen brach in Tränen aus.

Anuschkas Entrüstung kannte keine Grenzen. Sie stemmte ihre kräftigen Arme in die Hüften, lachte kurz auf und stellte sich mitten ins Zimmer, mit einer Gebärde, die deutlich sagte: Sie sollen nur kommen! Kommt nur, meine Seelchen, meine Liebchen, meine Täubchen! Was? – Ihr wollt mir das Meine nehmen? He, wollt ihr?! Meinen prächtigen Powoynik, meine neuen Bastschuhe, meine seidenen Bänder?! Wißt ihr nicht, ihr Diebe, ihr Räuber, ihr Heiden, daß ich mir mein Eigentum sauer verdient habe? Na – kommt nur!

Sie war bitterböse auf das heftig weinende Mütterchen und Natalia Arkadiewna würdigte sie keines Blickes.

Auf den guten, fröhlichen Grischa hatte die nihilistische Legende sichtlich einen tiefen Eindruck gemacht. Er saß ganz in sich versunken, stieß von Zeit zu Zeit einen tiefen Seufzer aus und sah mit einer schuldbewußten Miene vor sich hin, als sitze er vor Gericht und dürfe auf keine Freisprechung hoffen.

Trotz Anuschkas feindseligem Verhalten konnte Natalia Arkadiewna mit der Wirkung ihrer Geschichte zufrieden sein.

»Wir wollen zu Bett gehen,« sagte sie und stand auf.

Sie hatte sogleich bemerkt, daß Wera mehr geängstigt und erschreckt als überzeugt sei, daß sie, um mit ihren eigenen Worten zu reden, wieder einmal nichts begriff. Natalia nahm sich vor, mit ihr darüber zu sprechen.

Als die Mädchen das Zimmer verlassen hatten, fuhr Grischa in die Höhe. Er hätte Wera so gern etwas gesagt von seinen Absichten, und daß er mit Natalia Arkadiewna ganz einverstanden sei. Das heißt, daß er einsah, daß er begriff – – Gott wird gnädig sein! Es war alles so schwer. Da war sein Mütterchen und Anuschka und – – einen Teil seines Landes hatte er seinen Bauern bereits gegeben. Vielleicht hätte es mehr sein können, aber – indessen – – Zum Abendbrot hatte es Tee, Grütze, Spiegeleier, Schnepfen und Barsche gegeben. Das war freilich viel, viel zu viel! Spiegeleier allein wären vollkommen genug gewesen; höchstens noch die Barsche. Gleich morgen wollte er mit Anuschka ein ernstes Wort reden. Auch war es sündhaft, Schnepfen zu essen, während das Volk seine Grütze ohne Rahm aß. Hätte sie nur ein einziges Mal nach ihm hinüber geblickt! Aber sie vermied es sichtlich, ihn anzusehen, sie zürnte ihm, und – – Da war sie bereits mit Natalia Arkadiewna zum Zimmer hinaus. Er hatte alle Mühe, sein weinendes Mütterchen zu beruhigen, und mußte den ganzen Ausbruch von Anuschkas Zorn über sich ergehen lassen. Beides tat er mit derselben schuldbewußten, betrübten Miene, die seinem frohen, hübschen Gesicht gar seltsam stand.

Natalia Arkadiewna schickte die Magd, die sie in ihre Kammer führen sollte, fort und stieg mit Wera die alte braune Holztreppe hinauf, zu der einzigen Gaststube des Hauses.

»Du hast meine Legende von Jesus Christus nicht verstanden?«

»Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sein würde, wenn auf der Welt alles geschieht, wie es in der Legende gesagt wird. Christus nimmt den Reichen ihren Überfluß und gibt davon den Armen, stürzt die Tyrannen und erhebt die Unterdrückten, teilt alles Land und setzt die Anarchie ein.

Was wird dann aus Christus?

Übrigens glauben die Nihilisten gar nicht an Christus. Auch darum kann ich deine Geschichte nicht verstehen.«

»Sie war ja nur ein Gleichnis,« erwiderte Natalia. »Schlafe wohl.«

Die Antwort auf Weras Frage, was aus Christus werden würde, nachdem er in Rußland die Anarchie eingesetzt, blieb sie wohlweislich schuldig.

Also es war nur ein Gleichnis, dachte Wera, die Augen schließend. Hoffentlich hat Grischa Michailitsch es auch so aufgefaßt. Er war ganz niedergedrückt. Aber darin hat Natalia vollkommen recht: er ist ein Prachtmensch! Anuschka hat mich nicht gern. Das tut mir leid. Aber das Mütterchen – – Darüber schlief sie ein. Und anstatt von Christus, dem Anarchisten, zu träumen, pflückte sie mit dem Mütterchen Levkojen und Narzissen, immer mehr und mehr, bis sie unter Blumen begraben war. Es ist doch schön, tot zu sein, dachte sie im Traum und fühlte sich wie im Himmel.

Unten im Hause gab's noch lange keine Ruhe. Zwar hatte das Mütterchen die Tränen allmählich getrocknet und sehr bald ihre Rührung vergessen.

Sie hatte schon ihre hübsche, bunte Nachtjacke an, als ihr plötzlich einfiel, noch allerlei Raritäten aus Urväterzeit hervorzukramen. Aus der Ecke der Truhe zog sie einen silbernen Schmuck hervor von altertümlicher, prächtiger Arbeit, mit Topasen und Türkisen besetzt. Das Mütterchen betrachtete ihn, putzte daran herum, wurde von neuem schrecklich gerührt, so daß die Tränen wieder zu fließen begannen.

Das Geschmeide war für die Braut ihres Grischa bestimmt. Ob sie bei der großen Teilung auch das hergeben mußte? Und wenn sie alles verloren, so daß sie Hungers sterben müßten, so bekam ihr Liebling, ihr Herzblatt, ihr Augapfel, ihr Grischa, keine Frau. Und gerade jetzt wußte sie eine für ihn.

Auch Anuschka ging nicht gleich zur Ruhe, auch sie hatte noch seltsame Einfälle. Sie ging in die Küche hinunter, jagte brummend und scheltend das Gesinde zu Bette, und tat nichts Geringeres, als bei verschlossenen Türen über den glühenden Kohlen einen bleiernen Löffel einzuschmelzen und Blei zu gießen. Ängstlich schaute sie in das leuchtende Wirrsal, jedes Stückchen aufmerksam prüfend. Aber da war nichts zu entdecken als ein formloses, flimmerndes Durcheinander, das ihr das Zusammenstürzen alles Bestehenden zu bedeuten schien. Die vielen Kügelchen und Zäpfchen waren wohl die Tränen und die Blutstropfen des »sterbenden« Volkes. Ihr Gesicht wurde immer trostloser. Schließlich warf sie sich die Schürze über den Kopf und brach in bitterliches Schluchzen aus. Also würde doch in Erfüllung gehen, was Natalia Arkadiewna heute prophezeit hatte, und ihr prächtiger Powoynik, ihre seidenen Bänder, ihre neuen Bastschuhe würden unwiderruflich unter die diebischen, schmutzigen, niederträchtigen Bauernweiber verteilt werden.

Auch Grischa konnte lange keinen Schlaf finden. Sich unruhig hin und her werfend, quälte er sich mit dem Gedanken, was sie wohl von ihm denken müsse, daß er Schnepfen, Barsche und Spiegeleier aß, während das Volk nichts hatte, als in aller Ewigkeit Grütze, Grütze ohne Rahm! Sie mußte ihn verachten. Unverwandt sah er ihre ernsten, traurigen, schönen Augen auf sich gerichtet, bis er endlich, ihren Namen murmelnd, einschlief.

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