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Die Auferstandenen - Erster Band

Richard Voß: Die Auferstandenen - Erster Band - Kapitel 17
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typefiction
authorRichard Voß
titleDie Auferstandenen ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
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Sechzehntes Kapitel.

Schweigend legten Wera und Sascha den Weg nach der Nowaja-Andronowka-Vorstadt zurück. Sie vermieden sich anzusehen; es war, als schämten sie sich voreinander.

Zu Hause fanden sie im Arbeitszimmer nur Colja vor; er hatte vom Mittagbrot Tschi mit Grütze für sie aufgehoben, welches Gericht er ihnen gewärmt auftrug: Tania Nikolajewna, das Täubchen, habe es selbst bereitet. Auf Weras Frage, wo sie sei? deutete er auf die Kammer: »'s ist eine bei ihr. Sie sitzen und küssen sich und weinen zusammen.«

Wladimir Wassilitsch kam aus der Druckerei, wo er hart gearbeitet zu haben schien; wenigstens sah er erschöpft aus. Er fragte sogleich nach der Aufnahme, die Wera bei Anna Pawlowna gefunden, was diese gesagt und welchen Eindruck sie auf Wera gemacht hätte. Weras lakonische Antworten schienen ihn sichtlich zu befriedigen; Saschas Einwürfe beachtete er gar nicht. Als sie erwähnte, daß Anna Pawlowna sie aufgefordert habe, bei ihr zu wohnen, äußerte er lebhafte Freude.

»Das trifft sich prächtig.«

»Ich sagte Anna Pawlowna, daß ich bei Tania bleiben müsse.«

»Welcher Unsinn! Tania Nikolajewna bedarf deiner nicht!«

»Aber – –«

»Du gehst gleich morgen zu Anna Pawlowna und sagst ihr: Du habest es dir anders überlegt. Doch sie wollte mich ja wohl heute noch sehen? So werde ich es ihr selbst sagen. Ich werde ihr sagen, daß du ihr sehr dankbar wärest und daß du morgen kommen würdest.«

»Wenn du es mir aufträgst – –«

»Natürlich trage ich es dir auf. Das hättest du dir sofort denken können. Was für einen schwachen Verstand ihr Frauenzimmer habt. Als ob sich nicht gleich übersehen ließe, welche Tragweite es für die Sache haben kann, wenn einer der Unseren in Anna Pawlownas Hause lebt.«

»Natalia Arkadiewna lebt dort.«

»Natalia Arkadiewna ist ein krankes Geschöpf, das jeden Tag sterben kann. Überdies bleibt sie immer eine von jenen und wird sie schwerlich an uns verraten. Du wirst das tun.«

»Was werde ich tun?«

Statt ihr zu antworten, fuhr Wladimir Sascha an: »He, Sascha! Steh nicht da und starr in die Luft. Geh in die Druckerei, du wirst dort Arbeit finden. Aber beeile dich und nimm Colja mit. Der Taugenichts ist stets müßig.«

So trieb er die beiden hinaus.

»Was werde ich tun?« fragte Wera, als sie mit Wladimir allein war, noch einmal.

»Aufpassen wirst du, bewachen, belauern wirst du sie, alle ihre Geheimnisse ausspähen. Dir werden sie trauen. Ich traue keinem von ihnen, denn alle spielen sie mit uns. Dafür wollen wir sie in den Händen halten, so fest, daß wir nur zuzudrücken brauchen und wir erwürgen sie. Ich werde dir für jeden Tag bestimmte Aufgaben erteilen, die du jeden Tag erfüllen wirst. Du hast mir an jedem Tag Rechenschaft abzulegen. Ich muß wissen, an wen Anna Pawlowna schreibt und von wem sie Briefe empfängt; ob sie einen Liebhaber hat, oder ob sie einen haben möchte. Und wen? Ich muß erfahren, mit wem ihr Mann in Petersburg in Verbindung steht, ob er viel bei Hofe verkehrt und wie man im Staatsrat über uns denkt. Das und noch mehr wünsche ich durch dich kennen zu lernen. Ich sehe, daß du mich begriffen hast.«

Sie hatte ihn begriffen, und sie sagte es ihm mit funkelnden Augen, mit bebenden Lippen: »Ich soll eine Schändlichkeit begehen?«

»Wie nennst du es?«

»Eine Schändlichkeit! Oder ist es etwas anderes?«

»Bist du nach Moskau gekommen, um mir Moral zu predigen?«

»Ich bin nach Moskau gekommen um Gutes zu tun?«

»Wer für die Befreiung des Volkes wirken will, darf die Mittel nicht scheuen. Wir brauchen nicht deine schönen Worte, sondern deine Taten. Wenn du uns nicht gehorsam sein willst, wenn du Furcht empfindest oder Gewissensbisse hast, so kehre gleich morgen wieder zurück, woher du gekommen bist. Wir haben uns dann in dir getäuscht und du gehörst nicht zu uns.«

Er sah die Wirkung seiner Worte und daß diese Drohung ihm Macht über sie gab. Sollte doch alles, was er von ihr zu tun verlangte, für das Volk geschehen! Ein Verbrechen war es, sich auch nur mit einem Gedanken gegen eine Sache, die für das Volk geschah, aufzulehnen, eine Sünde, auch nur mit einem Gedanken an der Gerechtigkeit dieser Sache zu zweifeln. Sie war ganz zerknirscht, ganz unglücklich über sich selbst.

»Willst du morgen zu Anna Pawlowna gehen oder nicht?«

»Ich will.«

»Du wirst dort täglich mit Boris Alexeiwitsch zusammentreffen. Das ist gerade, was ich wünsche. Es wird von dir abhängen, wie weit du dem Volke dienen willst.«

Doch das begriff sie nicht. Nun, sie würde es früher oder später begreifen. Dafür würde Boris Alexeiwitsch Sorge tragen. Für heute hatte er genug erreicht, weiter durfte er für's erste nicht gehen. Schade, daß Sascha ein solcher Bär war. Wie dumm und schädlich zuweilen die Tugend sein konnte. Pah, Tugend – –

Da vernahm er in der Kammer Tanias süße Stimme. Unwillkürlich lauschte er darauf.

»Wer ist bei ihr?«

»Natalia Arkadiewna.«

Es war Wera, als ob Wladimir errötete, doch wandte er sich sogleich ab, um seine Mütze zu suchen. »Diese Weiber!« hörte sie ihn murmeln. Er ging indessen nicht, sondern näherte sich wie zufällig der Kammertür, lauschte, vernahm aber nichts.

Die Stille nebenan regte ihn auf. Ohne anzuklopfen, öffnete er die Tür mit einem heftigen Ruck.

Die beiden Mädchen saßen eng aneinander geschmiegt auf dem Bette; selbst Wladimir machte der Kontrast zwischen ihnen betroffen. Die eine blühend, holdselig, ein Bild des lieblichsten Lebens, die andere einer Sterbenden gleich. Und von beiden wurde er so leidenschaftlich geliebt, daß er über die Seele einer jeden verfügen konnte, als wäre er der Gott, der sie geschaffen. Diese beiden Frauen so innig verbunden zu sehen, erweckte in ihm ein unangenehmes, peinigendes Gefühl; ihre Liebe belästigte ihn.

Bei seinem Eintritt fuhr Tania erschrocken auf, als fürchtete sie sich, gescholten zu werden. Natalia Arkadiewna erhob sich mühsam und sagte mit einem matten Lächeln: »Tania Nikolajewna und ich sind Freundinnen geworden, wir werden uns häufig besuchen und treu zusammenhalten. Was für eine schöne Lebensaufgabe haben Sie, Wladimir Wassilitsch, das russische Volk befreien zu helfen und dieses süße Geschöpf glücklich zu machen.«

Wladimir warf ihr einen düstern Blick zu und erwiderte: »Das klingt alles sehr schön; aber Sie wissen, daß ich die schönen Redensarten nicht leiden kann. Wir machen alle viel zu viel Worte und versäumen darüber das Notwendige. Anstatt hier zu sitzen und in Empfindungen zu schwelgen, sollten Sie unter das Volk gehen und Propaganda machen. Gefühle allein führen zu nichts. Solange wir diese nicht los geworden sind, solange werden wir zu nichts Großem fähig sein. Doch das wollt ihr Frauenzimmer niemals begreifen.

Natalia Arkadiewna küßte Tania und raunte ihr zu: »Er schilt unsere Liebe und liebt doch selbst; er liebt dich und möchte es gern vor sich selber verleugnen. Bete du, daß Gott, an den du glaubst, ihn nicht strafe an dieser seiner Liebe zu dir.« Und zu Wladimir gewendet, sagte sie: »Sie haben ganz recht, wir alle könnten viel mehr tun, jeder in seiner Weise. Aber unsere Zeit wird kommen. Wo ist Wera Iwanowna? Sie wollte mich begleiten.«

Wera stand schon mit ihrem Tuche bereit. Es war ein regnerischer Abend geworden, dunkle Wolken zogen auf. Der Wind erhob sich.

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