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Die Auferstandenen - Erster Band

Richard Voß: Die Auferstandenen - Erster Band - Kapitel 13
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typefiction
authorRichard Voß
titleDie Auferstandenen ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
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Zwölftes Kapitel.

Später begleitete Sascha sie zu Natalia Arkadiewna, von der er mit Begeisterung sprach.

»Das ist eine Seele, die Vater und Mutter verlassen hat, um dem Volk anzugehören. So sollten alle sein; Anna Pawlowna ist auch so. Sie hat unsäglich viel Gutes an Natalia Arkadiewna getan und sie von der Straße in ihr Haus aufgenommen, wo doch schon die Polizei hinter ihr her war. Es ist wundervoll!«

Es kam Wera vor, als spräche er von Natalia Arkadiewna nur, um Anna Pawlowna rühmen zu können. Sie war Anfang und Ende aller seiner Gedanken; sie war es, ohne daß er sich dessen bewußt gewesen wäre.

Wera hörte stumm zu. übrigens glaubte sie der Ekstase Saschas mehr als Wladimirs Haß. Weshalb sollte Anna Pawlowna keine gute Nihilistin sein? Und ebenso Boris Alexeiwitsch. Weshalb wären beide sonst Nihilisten geworden?

»Natürlich müssen sie es ganz im geheimen sein,« erklärte ihr Sascha. »Denn solche Damen, wie Anna Pawlowna – du begreifst. Ihr Mann ist ein Magnat. Wenn sie in Petersburg ist, geht sie zu Hof. Du wirst einsehen – Sie hat es ungemein schwer, sie bringt der Sache die größten Opfer. Das sollten wir anerkennen. Und welche Summen sie für die Sache herschenkt. Es ist erstaunlich! Wir müßten ihr sehr dankbar sein. Doch wir sind undankbar, denn wir hegen Mißtrauen. Sie begibt sich der Sache wegen in Gefahr. Es ist außerordentlich! Wenn sie entdeckt würde! Aber sie ist so mutig, ein gewaltiges Weib!«

»Und Boris Alexeiwitsch?«

Sascha fuhr mit der unförmlichen Hand durch sein kurzes Haar und antwortete nicht. Wera wiederholte ihre Frage. Sie tat es in der Hoffnung, von Sascha über den Betreffenden Besseres zu hören, als sie von Wladimir gehört hatte.

»Und Boris Alexeiwitsch?«

»Er ist Anna Pawlownas Vetter. Anna Pawlowna bürgt für ihn; also ist er ganz sicher. Ist das ein hübscher, vornehmer Herr! Bei Anna Pawlowna ist er wie zu Hause. Er kann immer um sie sein, bis spät in die Nacht hinein. Er lacht und plaudert mit ihr, spielt und singt mit ihr, trinkt den Tee bei ihr. Es ist ganz erstaunlich! Sie liebt und schätzt ihn sehr, sie hat ihn uns zugeführt, einen solchen vornehmen Herrn! Du siehst, wie dankbar wir ihr sein müßten.«

Mißbilligend und zugleich traurig schüttelte er sein ehrliches Haupt und murmelte in tiefer Niedergeschlagenheit wieder und wieder: »Aber wir sind's nicht. Nein, wir sind's gar nicht!«

Auf der Straße blieben die Leute stehen und sahen Wera nach. Sie trug immer noch ihr ländliches Kostüm; eine Kleidung, die das Ernsthafte und Feierliche ihres Wesens noch auffälliger machte. Bei Anna Pawlownas Palast angekommen, gingen die beiden an der Eingangshalle vorüber, die Dienerschaftstreppe hinauf. Sascha war ganz stolz auf die herablassende Behandlung von Seiten eines ihnen begegnenden Lakaien. Er warf Wera einen Blick zu, der zu sagen schien: Bin ich nicht bei Anna Pawlowna wie zu Hause? Aber nachdem der Diener das Mädchen aus Eskowo von Kopf bis zu den Füßen gemustert hatte, ließ er beide stehen. Sascha versuchte, böse zu tun, aber Wera beruhigte ihn. Sie wollte zuerst Natalia Arkadiewna aufsuchen und dann mit Sascha zu Anna Pawlowna gehen.

Nach vielen Fragen und langen Zugängen fand Wera die junge Nihilistin im Hintergebäude, in einem dunklen, finstern Zimmer, das um nichts besser war, als das sogenannte Arbeitszimmer von Sascha und Wladimir. Natalia Arkadiewna war damit beschäftigt, Broschüren und Zeitungsblätter zu ordnen, die sie noch an dem nämlichen Tage unter das »Volk« verteilen wollte. Sie begrüßte ihren Besuch mit einem Lächeln, das den abgezehrten Zügen einen weichen, unendlich rührenden Ausdruck gab.

»Setze dich, wir wollen plaudern. Es geht mir heute viel besser. Ich kann den Tabakrauch nicht vertragen; aber ich werde mich daran gewöhnen. Ich freue mich, daß du gekommen bist. Du bist so schön und stark. Man wird gesund, wenn man dich nur ansieht. Ich will mich an deinem Anblick kräftigen. Aber du darfst nicht denken, daß ich schwach sei; ich sehe nur so aus. Der Mensch darf nicht zugeben, daß der Körper Gewalt über den Geist gewinnt. Es hängt alles vom Wollen ab. Ich will leben und ich werde leben, obgleich die Ärzte mich aufgegeben haben.«

»Sie sollten sich schonen,« bemerkte Wera zaghaft. »Ist dieses Zimmer nicht feucht?«

»Nenne mich du. Sind wir Frauen nicht alle gleich, die Zarin wie die Bettlerin? Jede Frau wird unterdrückt, jede Frau leidet. In der neuen Zeit, die hereinbrechen wird, hört das freilich auf, da leidet die Frau nicht mehr, sie handelt. Erst dann wird sie dem Manne gleichberechtigt sein. Solange die Frau das nicht ist, so lange bleibt der Mann unser Herr, unser Tyrann. Doch, um deine Frage zu beantworten: Dieses Zimmer ist allerdings etwas feucht; ich will indessen kein anderes bewohnen. Anna Pawlowna hatte die Güte, mir ein Gemach mit Brüsseler Teppichen und Pariser Möbeln anweisen zu lassen; da aber auch das Volk nichts weiß von Spitzenvorhängen und Damastfauteuils, lehnte ich dieses Anerbieten ab; und da das Volk in dunkeln, feuchten Gelassen lebt, bat ich, hier wohnen zu dürfen. Ich fühle mich in diesem Raume sehr wohl.«

Mit sichtlichem Behagen sah sie sich in ihrer traurigen Behausung um.

»Hast du Hunger?« fragte sie dann. »Ich koche mir mein Essen selbst und habe von gestern übrig behalten. Freilich ist es kalt.«

»Ich kann nicht essen. Wenn es dich nicht anstrengt oder ungeduldig macht, möchte ich dich bitten, mir etwas von dir zu erzählen. Ich bewundere dich so sehr.«

»Das darfst du ja nicht, damit würdest du mich beleidigen. Das Natürliche und Selbstverständliche ist niemals bewundernswert. Ich kann nichts dafür, daß ich so geworden bin. Das ist kein Verdienst von mir. Es lag in mir und ich mußte so werden. Sie haben dir gewiß gesagt, ich hätte eine Geschichte, wie sie es nennen. Davon weiß ich gar nichts. Ich war ein verwöhntes Kind, in Pracht aufgewachsen, von Dienstbarkeit und Schmeichelei umgeben. Alle meine Gedanken drehten sich um Putz und Näscherei. Als ich älter wurde, träumte ich von einem Leben voller Herrlichkeit. Ich sollte Hofdame der Großfürstin werden, ich sollte mich mit einem Manne verloben, der ein stadtkundiger Wüstling war, aber ein ungeheures Vermögen besaß. Mir war es recht. Da fiel mir ein Buch in die Hände – das erste russische Buch, »Raskolnikow« von Dostojewskij. Nach den ersten Seiten warf ich das Buch empört fort. Aber ich nahm es wieder auf, las weiter, las bis zu Ende. Darauf erkrankte ich heftig, wurde gesund, wurde schwermütig. Ich wollte mir das Leben nehmen. Eines Abends schlich ich mich heimlich fort zur Alexanderbrücke. Da drängte sich eine Volksmenge in meinen Weg, um einen Trupp verhafteter Nihilisten zu sehen, die zum Bahnhof transportiert wurden. Ich folgte der Menge, ich sah, wie die Nihilisten ausgeladen und in niedrige, schwarze Waggons getrieben wurden. Ich hörte die Hammerschläge, mit denen man ihre Ketten festschmiedete. Es waren auch Frauen darunter und Mädchen, nicht älter als ich. Ich kehrte nach Hause zurück, verschaffte mir heimlich nihilistische Schriften und Flugblätter und fühlte mich zum erstenmal in meinem Leben glücklich. Als ich meinen Dienst bei Hof antreten, als ich mich mit dem Fürsten verloben sollte, erklärte ich, daß ich – eine Nihilistin wäre. Und nun bin ich hier.«

Während Natalia Arkadiewna dies in dem einfachsten Tone erzählte, fuhr sie in ihrer Beschäftigung fort, die groben, mit großen Buchstaben bedeckten Blätter auf das sorgfältigste zusammenzulegen und zu ordnen. Dann fragte sie, ob Wera bereits Anna Pawlowna gesehen habe, und als das Mädchen verneinte, bemerkte sie: »Das ist eine eigentümliche Frau. Man sollte glauben, alles auf der Welt sei ihr gleichgültig. Ich meine immer, ihre Seele schläft. Ehe sie mich bei sich aufnahm, bedeutete für sie ein Nihilist nichts anderes als einen Begriff, den der größte russische Schriftsteller erfunden und unter die Leute gebracht hatte. Ich will auch nicht sagen, daß ich sie bekehrt habe. Man wird eben nicht klug aus ihr.«

»Sascha verehrt sie sehr.«

»Sascha ist ein guter, reiner Mensch.«

»Er macht mir Sorge.«

Natalia Arkadiewna erwiderte nichts. Plötzlich nahm sie ihre Brille ab und sagte, Wera mit ihren wunderbaren klaren, blauen Augen voll ansehend: »Und Wladimir Wassilitsch?«

»O, das ist ein wilder Geist.«

»Ein großer Geist,« verbesserte Natalia. »Von dem wird man in Rußland noch hören.«

»Er kann schrecklich sein.«

»Mit Sanftmut befreit man kein Volk. Wer dem Volke dienen will, darf vor nichts zurückschrecken; weder vor Leiden und Tod, noch vor Verbrechen.«

Wera dachte daran, daß auch sie vor nichts zurückscheuen wollte, daß auch sie ein Gelübde getan. Sie fragte Natalia, ob sie von Tania Nikolajewna gehört hätte.

»Nein. Wer ist das?«

»Wladimirs Verlobte.«

Natalia stieß einen leisen Schrei aus. Es war wie ein Krampf. Aber es ging schnell vorbei, sie erklärte es für einen Anfall ihres alten Leidens und fuhr sehr bald in ihrer Beschäftigung fort.

»Wo ist das Mädchen?«

»Sie kam mit uns.«

»Beschreibe sie mir. Sie muß sehr schön sein.«

»Sehr schön. Strahlende Augen, prächtiges Haar.«

»Goldblond, nicht wahr?«

»Goldblond. Woher weißt du das?«

»Ich denke es mir. Sie ist zart und sanft, mit einer leisen, lieblichen Stimme?«

»Ganz recht.«

»Und sie betet Wladimir an?«

»Sie betet Wladimir an; sie tut alles für ihn, alles, sogar ein Verbrechen, das aber für sie kein Verbrechen ist, da Wladimir Wassilitsch es befiehlt.«

»Ich möchte sie kennen lernen.«

»Sie wohnt mit mir in einer Kammer; nicht lange mehr, denn – –«

Und sie erzählte Natalia Arkadiewna den Vorgang vom Morgen, etwas verwirrt durch die leidenschaftliche Aufmerksamkeit, mit der ihre neue Freundin zuhörte.

»Wladimir Wassilitsch hat recht,« begann Natalia mit einer gewaltsamen Anstrengung zu sprechen. »Die Eheschließung vor dem Popen ist und bleibt eine konventionelle Sitte und jede konventionelle Sitte ist eine Tyrannei. Aber nun wird es Zeit, daß du zu Anna Pawlowna gehst. Diesen Nachmittag besuche ich dich und Tania Nikolajewna. Du kannst mich dann später begleiten und mir diese Bücher verteilen helfen.«

»Ich danke dir. Laß mich etwas tun.«

»Dazu wird genug Gelegenheit kommen.«

Wera ging, wurde aber von Natalia noch einmal zurückgerufen.

»Du wirst bei Anna Pawlowna ihren Vetter, Boris Alexeiwitsch, finden. Hüte dich vor ihm. Verderben und Fäulnis geht von ihm aus. Leute wie er sind Rußlands wahre ›toten Seelen‹, die über das Land den Geruch der Verwesung verbreiten. Wera Iwanowna, gelobe dir selbst, dir eher das Herz auszureißen, als es dir von einem dieser Würgegeister zermalmen zu lassen. Ich sehe dir an, du wirst den Kampf bestehen.«

Wera ging. Sie vernahm nicht mehr, mit welchem Jammer die junge Nihilistin den Namen Wladimir stöhnte; sie sah nicht mehr, wie die schwache Gestalt zusammenbrach und sich in wilden Krämpfen auf dem Boden wand.

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