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Die Atriden-Tetralogie

Gerhart Hauptmann: Die Atriden-Tetralogie - Kapitel 6
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleDie Atriden-Tetralogie
publisherVerlag Ullstein GmbH
year1971
isbn3549051437
editorHans-Egon Hass
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171130
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Vierter Akt

Versammlungsplatz am Strande des Euripos. Er wird im Hintergrund beherrscht von der Theore aus Tauris, einem schwarzen Schiff mit roten Segeln, das mit roten Drachen bemalt ist. In der Mitte des freien Planes erhebt sich eine Art Monument, aus Steinen gebildet: das natürliche Grabmal des gesteinigten Palamedes.

Die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel.

Im Segelschatten der Theore liegen Verhungernde und Kranke. Strolche lungern umher. Sie suchen nach Eßbarem auf der Erde oder glotzen und winken nach der Theore, von wo ihnen mitunter ein Bissen zufliegt.

Man hört tubaartige Töne: es sind Hörner der Herolde, die zur Volksversammlung rufen.

Erster Auftritt

Langsamen Schrittes im Gespräch kommen Kalchas, Odysseus und Achilleus.

Kalchas

Nun ist des Frevels Übermaß erreicht!
Er, dessen Leichnam dort gesteinigt ruht,
Verräter Palamed: ein Unschuldslamm
ist er, verglichen heut mit Agamemnon.

Odysseus

So ist's! Der feige Hund gab Fersengeld.
Was seine geile Habsucht angezettelt:
der Wahnsinn, der ganz Griechenland ergriff,
so meint er, ginge ihn nun nichts mehr an,
wo unterm Hohngelächter einer Welt
die ganze Macht von Hellas, jammervoll
zerbrochen, kläglich im Euripos stirbt.
Und darum ist es Zeit, 's ist endlich Zeit,
daß die Trompeten tönen und das Heer
zur Volksversammlung rufen. Dreizehn Tage
hat unser Fürst und Henker Agamemnon
sich nirgendwo im Lager mehr gezeigt.
Man sagt, er hab' in Argos sich verkrochen.
Auf nach Mykene also! Auf nach Argos,
in Waffen und mit aller unsrer Macht!
Er soll den Frevel an ganz Hellas büßen!

Kalchas

Das soll er! Jede Nachsicht ist verscherzt.
Der Tantalidenfluch hat ihn gefällt,
der nie gesühnte, nie zu sühnende.
Der Thron – er schien unnahbar – seiner Macht,
der freche Hochmut angemaßter Herrschaft,
ist nun von Dikes gnadenlosem Spruch
hinweggefegt.

Odysseus

Gibt es wohl größre Schmach
als, durch sich selbst besudelt, so wie er,
der allgerühmte Held und Völkerhirt,
im Unrat ehrlos und verachtet sterben?
Bleibt er am Leben, ist's zwiefacher Tod.

Kalchas

Ein Weg zur Sühne war ihm vorbereitet
durch mich – zur Sühne, sag' ich, und zum Sieg.
Er zögerte, er dachte ihn zu gehn
und ging ihn nicht. Er hat die hohen Götter
uns aufgewiegelt, hat die Himmelsjungfrau
zu Aulis frech und grauenvoll entweiht,
als er die heilige Hinde ihr gemordet.
Und nun verachtet er den Götterspruch
von Delphi, der den Weg zur Sühne uns
und so zum Siege weist. Es sagt der Spruch,
zu sühnen sei zunächst Helenens Tat
des Ehebruches. Und bevor sie nicht
durch schuldlos reines Blut hinweggewaschen,
ist der Gedanke unsres Zugs beschmutzt
im Sinn der Göttin. Schuldlos reines Blut
muß erst den Schandfleck tilgen, eh Gerechtigkeit,
eh Dike unsres Strafzugs Banner aufnimmt.

Achilleus

So ist es wahr, ist wirklich wahr, daß Delphi
bestimmt, man müsse Iphianassa opfern –
die Tochter Agamemnons, eine Jungfrau,
die schönste, heißt es, heut in Griechenland –,
wenn man der Göttin und Apollons Beistand
erringen wolle? O was ist der Krieg!
Was unausdenkbar schien im Friedenslicht,
des Ares blutige Brände machen's möglich.

Kalchas

Nicht möglich nur, nein, sie erzwingen es.
So furchtbar auch mich Graun und Schreck ergriff,
als ich das eherne Gebot vernahm
der gottbegeistert Schäumenden zu Delphi,
so drang Erkenntnis doch auch in mich ein,
mein Innres mit des Gottes heiligem Licht
hellsichtig überflutend. Höre mich,
Pelid' und meergeborner Griechenheld,
du Thetissohn: auch dein bedarf der Gott!
Und Agamemnon weiß durch mich davon.
Stirbt Iphigenie, heißt es, werde sie
dem Ersten der Hellenen angetraut
vorher zur Ehe für die Ewigkeit.
Und dafür, als der Erste unsres Volkes,
in gottgegebener Jugendkraft, giltst du.

Achilleus

O Kalchas, kaum gehorcht der Atem mir,
um das dir zu eröffnen, was dein Wort
aus meiner Seele tiefstem Dunkel hebt,
gleich einem Strahl Kronions! Schweigen würd' ich
trotzdem darüber; doch gebietet mir
ein Zwang, den nichts ersticken kann, zu reden.
Mag sein, ein andrer spricht aus mir als ich;
denn Träume sind sonst nicht Achills Geschäft.
Kurz, hört: da ich mich eurem Zug verschwor,
gehört ihm alles, was ich war und bin,
bis auf die Einbildungen meiner Nächte:
in ihnen sucht mich eine Jungfrau auf,
die mehr als menschlich ist, seit vielen Tagen.
Sie nennt mich ihren Gatten, legt die Hand,
die zarteste der Hände, auf mein Haupt
und läßt sie lieblich lächelnd ruhn darauf.
Bald nennt sie Tochter Agamemnons sich,
Persephoneia dann und – wunderlich
zu sagen – auch mitunter Hekate.
Einst wacht' ich auf vom Traum, so wie mir schien,
und sah die Jungfrau nach dem schwarzen Schiff
entschweben, das hier ruht. Oh, sie ist schön:
ja, wahrlich, schöner noch als Helena!
Und daß ich nichts verschweige vor dem Priester:
sie hat mir alle süße Gunst gewährt
wie einem Gatten. Einmal senkte sich
das holde Mädchen aus der vollen Scheibe
des Mondes, wie von Artemis entsandt,
zu mir herab und liebreich auf mein Lager.
Ihr wißt nun alles. Deutet's, wenn ihr könnt!

Kalchas

Was du geträumt, Pelid', erquickt mich tief.
Es gibt uns Hoffnung, daß sich irgendwie
das Rettungsopfer doch erfüllen wird,
vielleicht gewaltsam, ohne Agamemnon.
Denn wisse: keinen Traum hast du erlebt;
es war des andren Reiches Wirklichkeit,
das deiner, Göttersohn, in Zukunft wartet,
in dem du dann mit Iphigenien lebst.

Odysseus

Ruft die Achäer von dem Zug zurück,
damit sie friedlich ihren Acker bauen!
Den Friedensstörer aber steinigt, der
zu Argos schmählich im Verstecke hockt!
Man wird doch von den Göttern nichts erzwingen.
Mich brachten Träume auch dem Wahnsinn nah,
als man die Fahrt nach Ilion erzwang.
Die schwarze Zukunft ließ mich ganz verzweifeln.
Dem Schuldigen Tod! Doch Frieden übers Land!
Wen bringt man dort?

Menelaos in Fesseln wird von einer Volksmenge herangeführt.

Menelaos

Mich, König Menelaos!
In Fesseln: Augenweide nun für euch
Aufwiegler, Aufruhrstifter, die allein
der Zwietracht Göttin Eris Opfer schlachten!

Die Menge

's ist Menelaos, steinigt, steinigt ihn!

Menelaos

Ja, steinigt Hellas, steinigt Griechenland!
Und tut ihr's mir: Dank sei euch für die Wohltat!
Ihr Würger, würgt die Seele Griechenlands,
nachdem ihr sie in Fesseln habt gelegt
wie mich! Habt Dank!
Der Charonsgroschen brennt auf meiner Brust
voll Ungeduld, dem Fährmann sich zu schenken,
der durch den Jauchestrom zum Hades führt.
Im Land der Schatten ist die Seligkeit.
Einst war ein Reich, man hieß es Griechenland!
Es ist nicht mehr! Denn wo noch wären Griechen?
Ich sehe keinen um mich weit und breit.

Odysseus

nachdem er in Lachen ausgebrochen ist

So wärst nur du ein Grieche und dein Bruder,
der unser Banner wegwarf und zertrat?

Menelaos

Henker des Palamedes, greife lieber
nach Steinen! Was aus deinem Munde kommt,
ist giftiges Gespei, sind ekle Worte.
Greif einen Stein und schleudre: denn solange
Mordlust dich reitet, schweigst du, übler Maulheld!

Odysseus

Dein Wunsch sei mir Gebot. Sei des gewiß,
daß niemand dann auch dich noch krähen hört,
landkundiger Hahnrei.

Menelaos

Das Verbrechen andrer
hat mich dazu gemacht, sofern ich's bin,
landkundiger Lügner, der sich weibisch aufspielt
und Wahnsinn heuchelt, wenn er sich dem Dienst
am Vaterlande feig entziehen will.

Kalchas

Hört auf zu hadern!

Er befreit Menelaos von seinen Fesseln.

Denken wir darauf,
den Geist des Aufruhrs unter uns zu schlichten!

Menelaos

Es ist allein der Geist, den du erweckt,
o Sohn des Thestor, und des Sisyphos
ruchloser Sohn geschürt.

Er erkennt Achill

Du bist's, Achill.
Ich weiß von deines Vaters Ehrbarkeit;
denn Peleus ist mein Freund: so stell' ich mich
in deine Hut. Frag deine Göttin-Mutter,
ob sie den nackten Mord des Königskindes
Iphianassa billigt. Nimmermehr!
Sie weiß: was in den Göttern gütig ist,
ist gleichsam selbst die Güte der Kroniden.

Achilleus

Wer lebt, dem nicht vor Menschenopfern graust?

Ein Herold erscheint.

Herold

Der Aufruhr wächst. Der Ruf zur Volksversammlung
hat alles gleichermaßen aufgewühlt.
Das Kriegsvolk und die Sklaven durcheinander
sind von dem Ton der Hörner aufgepeitscht,
und gleichermaßen Kranke und Gesunde.
Ihr wütendes Geschrei heißt nicht mehr nur:
Dem Agamemnon Tod! nein: Tod den Fürsten!
Blutsauger, heißt es, seien sie des Volks –
und alle, nicht nur einer, müßten sterben.

Stimmen aus dem Volk.

Erste Stimme

Verbrennt die Schiffe! Werft die Steuerleute
den Hunden auf dem Hexenschiffe vor!

Zweite Stimme

Wo ist die spröde Tochter Agamemnons?
Man suche sie, man zerre sie hervor!
Wo immer diese eigensinnige Metze
versteckt sein mag: man wird sie finden; sucht!

Dritte Stimme

Werft ihrer Hunderte der Göttin hin,
daß sie den Hunger stillt, statt dieser einen.

Vierte Stimme

Den Opferschlächter Kalchas aber reißt
in Stücke und die Fürsten allesamt!
Wir hungern: und in wem der Hunger rast,
der schlingt das rohe Fleisch von Tier und Menschen.

Kalchas

Tritt vor, Ulyß! nein, besser du, Pelid':
die Menge kennt und liebt dich mehr als ihn.

Zum Volk

Hört ihn! Hier steht Achill; Gerechtigkeit
wird er euch schaffen.

Stimmen

Ja, Gerechtigkeit!

Kalchas

Er zieht mit seinem Heere nach Mykene,
bringt den Verbrecher Agamemnon euch
in Fesseln – und gebunden wie ein Lamm:
Iphianassa.

Stimmen

Ja, gebunden wie
ein Opfertier.

Kalchas

Und wenn dem Stoß des Messers
der Blutstrahl folgt, fällt Regen aus der Luft
und reichlich Nahrung, die euch alle sättigt:
der Gott zu Delphi hat es mir verbrieft.

Stimmen

Laßt keine Jungfrau leben, opfert alle
der heiligen Himmelsjungfrau Artemis!

Herold

Furchtbar im Lager wütet dieser Wahn:
wo sich ein Mägdlein irgend zeigt, es muß
sogleich den Tod erleiden.

Stimmen

Bringt das verfluchte Tantalidenkind
uns her; sonst sterbt statt seiner!

Es beginnen Steine zu fliegen.

Die Fürsten sind Verräter allesamt! –
Ja, sie belügen und betrügen uns! –
Gewalttat, Raub und Mord ist ihr Geschäft! –
Sie löschen ihren Durst mit unsrem Schweiß,
mit unsrem Blut! – Was ist uns Ilion?! –
Und dies ist Kalchas, ein goldgieriger Wicht,
ein Seher, der verborgene Schätze stiehlt
und in den Kellern seines Hauses auftürmt! –
Wir wollen keinen Krieg, wir wollen Brot! –
Der Pflug soll herrschen, blühen soll der Karst!
Auf, auf zur Heimat! – Sind wir Fische? Nein! –
Wir brauchen fetten Acker, nicht das Meer! –
Tod, Tod den Fürsten! – Schlagt die Fürsten tot! –

Es fliegen Steine.

Achilleus

zieht das Schwert

Nun, Freunde, heißt es, seiner Haut sich wehren!

Zweiter Auftritt

Ein gewaltiger Blitz und furchtbar prasselnder Donnerschlag aus heiterem Himmel zerreißt den Raum. Nach gellendem Aufschrei weiblicher Stimmen tritt Stille ein. Wie hingezaubert steht Talthybios, der Herold Agamemnons, eine gewaltige, glanzvolle, Ehrfurcht gebietende Erscheinung, auf dem Rednerstand. Er scheint zu strahlen, von dem Licht der untergehenden Sonne beleuchtet.

Stimmen

Duckt euch: dies war Kronions Stimme! Still!
Der Götter und der Menschen Vater hat
sein Wort gesprochen! – Und der Götterbote,
der flügelsohlige, steht leibhaftig vor uns.

Viele knien, andere werfen sich nieder, andere schreien und flüchten.

Talthybios

Nicht bin ich Bote des Allvaters Zeus,
vielmehr des Völkerhirten Agamemnon.
Allein, was ich euch zu berichten habe
als Herold, dessen Herold ward nun er,
Allvater Zeus, statt meiner! Mensch wie Gott:
wer möchte seine Stimme je verkennen?

Teils zu Achilleus, Odysseus und Kalchas, teils zum Volk gewendet

So wie die Ägis des großmächtigen Siegers
die Wahrheit donnernd niederlohen ließ:
ich als bestallter Herold kann nicht mehr,
als sie mit schlichten Worten offenbaren.
Doch wie Zeus' Adler selbst, aus kleinem Ei
befreit, den weiten Weltenraum durchbrausen
allüberall: nicht schwächer, glaubt es mir,
schätz' ich die Adlerflügel meiner Wahrheit.
Ein Mann, der reichste König Griechenlands –
auch ohne alles das, was hier geschieht,
der mächtigste in Hellas –, ist bereit,
sein Kind für dessen Wohlfahrt aufzuopfern.
Schon wandeln sie daher im heiligen Zug
von Tempeljungfraun, die Böotien
der Königstochter mitgab zur Begleitung.
Sie selber thront auf einem goldnen Karren,
den weiße Rinder ziehen: mehr Selenen,
der Himmelsjungfrau, als dem Opfer gleich.

Auf der schwarzen Theore entsteht Leben. Die Statue der Göttin Hekate wird an dem Deck aufgerichtet. Daran gelehnt, erscheint eine Priesterin, die Peitho nicht unähnlich sieht. Die Spitze eines feierlichen Zuges wird nun unter den Griechen sichtbar. Jünglinge eröffnen ihn, Fackelträger. Hinter ihnen, von weißen Rindern gezogen, ein goldener Wagen, auf dem Iphigenie verschleiert steht, gleichsam als Artemis: eine silberne Mondsichel an der Spange um ihre Stirn. Hinter Iphigenie steht Peitho. Sie wird von der Gestalt auf dem Schiff mit einem rätselhaften, unmenschlichen Ruf angeschrien, vielleicht auch begleitet von Hundegebell.

Peitho schlägt, zu Tode erschrocken, die Hände überm Kopf zusammen und stößt einen weinenden, gleichsam verzweifelten Schrei aus, etwa wie: Oh!!!

Plötzlich steht Agamemnon, in goldener Rüstung, Talthybios weit überstrahlend, auf dem erhöhten Rednerplatz. Nach kurzer Pause

Agamemnon

Hier, Hellas, nimm, was dein ist – nimm es hin!

Iphigenie befreit sich langsam von ihren Schleiern und zeigt sich dem Volk. Längere Zeit Totenstille.

Nun rede, heiliges Tantalidenkind!

Iphigenie

von Weinen unterbrochen

Ich will für Hellas auf dem Altar sterben!

Agamemnon

Habt ihr verstanden, was die Jungfrau sagt?

Schweigen.

Sie bietet selber sich der Gottheit dar.

Es beginnt ein ungeheurer Paroxysmus der Rührung und des Weinens. Man kniet nieder, stürzt nieder, kriecht zu Iphigenie heran, küßt ihre Hände. Achilleus, um den Zudrang zu hemmen, tritt vor sie. Auch Kalchas gibt Zeichen der Erschütterung.

Achilleus

Du bist es, die im Traume mich besucht,
Jungfrau! Erkennst du mich, so wie ich dich?

Stimmen

in maßlosem Enthusiasmus rufend

Heil, König Agamemnon! Heil! Heil! Heil!

Agamemnon

Ich dank' euch, meine Völker! Heilig ist
die Stunde, über alle Maßen groß:
Gottheit und Menschheit schmelzen ineinander.
Die Kraft der Wandlung überwältigt uns,
so euch wie mich: was wir vorhin gewesen,
das sind wir nicht mehr. Um uns mischen sich
des Hades und Olympos Götterlüfte;
wir trinken atmend sie in unser Blut
und damit heiligen Wahnsinn. Artemis,
erbarm dich unser und zerreiße nicht
mit deiner Göttergabe das Gefäß!
Gib uns der Menschheit wieder, wenn dein Fest
den grausen Todeshunger dir gestillt hat!
Da stehst du, Thestors Sohn und Seher: Kalchas!
Mit Fug nahm ich dein hohes Amt dir ab
durch das, was sich vom Grund der Zeiten her
in meines Hauses Götterblut vererbt.
In naher Zwiesprach' mit der Himmelsjungfrau
fiel endlich der Versöhnung süßes Wort.
Der Weg ist frei, und Iphigenie geht,
stirbt sie auch, so nur in das Leben ein,
ans Herz genommen von der ewigen Mutter!

Kalchas

ergreift mit einer Kniebeuge weinend die Hand Agamemnons und küßt sie

O König! Völkerhirte! Heiliger Mann!
Der Gott hat sichtbar dich berührt und sich
zu dir bekannt. Das Unrecht, das ich tat –
ich bin ein Nichts fortan – du magst mich strafen.

Agamemnon

Das Wort, dem dienend ich ergeben bin,
weiß nichts von Strafe, und es heißt: Versöhnung!
Auch du, Pelid', begrabe deinen Haß
und laß mein Seherwort nun in dir herrschen!
Hört: ihr mir Nahen und ihr andren auch,
wie ich belehrt ward! Mir begegnete
einsamen Schritts auf staubiger Straße Leto:
die Urnacht der Titanin hing um sie,
die ewig Irrende, als schwarzer Mantel.
Mit ihr hat der Kronide Artemis
gezeugt, eh Hera ihre Stelle einnahm
und sie verdrängte aus Allvaters Bett
und Haus. Sie sprach: »Atrid', nicht gräme dich,
weil meine Tochter deine innig liebt
und ihr das Brautbett rüstet. Sei gewiß,
daß sie unnahbar göttlich ihm entsteigt,
unsterblich und im Kreis der Seligen
als eine hohe Göttin einverleibt.
Glaub mir, ein jeder Mensch mit Götterblut
ist, wo er immer wandelt, auf dem Weg
nach dem Engpasse in die andre Welt,
die freilich der im tiefsten Grund verkennt,
der meint, daß sie von Kampf und Not befreit sei.«
Ein allgewaltiges Schluchzen war ringsum
erwacht, als die Titanin dieses sprach –
und sie verschwand
in jenes Nichts der Götter, die zu sehn
vermögen ohne Augen! ohne Ohren
zu hören! und zu sprechen ohne Mund!
Pelid', das Brautbett Iphigeniens
steht dir bereit! Du bist als Bräutigam
der Gottheit, die in Aulis' Tempel wohnt,
stumm ausersehn. Im heiligen Brauch geübt
als Knabe schon, da Cheiron dich erzog,
der gütige Kentaur, ist dir bekannt,
daß für das Irdische der Bund nicht gilt.
Des Himmels Jungfrau, Mutter, Königin
empfängt die Erdenjungfrau makellos
in bleicher Reine, stumm und ohne Herzschlag,
den keuschen Leib von keinem Mann berührt:
die reine Flamme aber löst sie auf
in Reinheit, und der heilige Sarkophag,
er ist allein das Brautbett ihrer Asche.

Achilleus

Was zwischen uns auch waltet, o Atrid',
es ist nicht mehr in diesem Augenblick!
Wenn Götter sich so nah erweisen wie
in dieser Stunde: was ist dann der Mensch
mehr als ein Stäubchen ihres ewigen Willens?!
Befiehl, o Priester-König! Was es sei,
das dein Gebot mir aufträgt, ist geschehn.

Iphigenie wird ohnmächtig, Achilleus fängt sie in seinen Armen auf.

Stimmen

Es ist zu viel für sie, bringt sie zur Ruh'!

Achilleus hat Iphigenie auf die Arme genommen und trägt sie wie ein Spielzeug gegen den Tempel hinan, von einer weinenden und jauchzenden Volksmenge begleitet.

Agamemnon

zurückgeblieben, spricht in einem neuen Ton mit erhobener Stimme weiter

Und nun, ihr Griechenstämme, hört mich an!
Ihr Dorer, Jonier und Aiolier,
ihr habt den Priester-König nun gesehn.
Hört jetzt, was Ares spricht – mit meiner Stimme –,
der große allgewaltige Herr des Kriegs:
Krieg! Krieg! den üppigen Dardanern Krieg!
Schon kräuselt sich die Welle, fegt ein Hauch
die Wasserbahn: auf, auf nach Ilion,
wo Alexandros mit Helenen geilt,
der Troas fette Triften vom Gebrüll
und brünstigen Gestampf der Rinder dröhnen!
Indes vor Durst und Hunger Hellas stirbt,
praßt Troja Tag und Nächte lang beim Gastmahl,
um dann im Bett der Wollust sich zu wälzen.
Nun wartet euer die Trojanerin,
das Gastmahl euer und die fette Trift,
damit ihr Haus und Altar in ihr gründet.
Hört, wie die Segel flattern: Wind kommt auf!
Bald kehren unsre hohlen Schiffe wieder,
mit Schätzen schwer befrachtet bis zum Rand.
O welch ein Jubel, wenn das Griechenschwert
vom schwarzen Phrygerblute wütend träuft,
vom geilen Blut des Paris euer Speer,
wenn ihr zu Haus und Herd ruhmreich zurückkehrt!

Stimmen

Auf in die Schiffe! Auf nach Ilion! –
Setzt alle Segel! Laßt die Ruderbänke
sich biegen unterm Ruderschlag der Fäuste!
Auf in den Kampf! – Auf in das Schlachtgewühl!
Die Anker lichtet! – Ilion ist unser! –

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