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Die Atriden-Tetralogie

Gerhart Hauptmann: Die Atriden-Tetralogie - Kapitel 5
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleDie Atriden-Tetralogie
publisherVerlag Ullstein GmbH
year1971
isbn3549051437
editorHans-Egon Hass
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171130
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Dritter Akt

Innerhalb der Burg von Mykene: Platz vor dem Palast. Morgen. Thestor und Peitho begegnen einander. Der Vater des Kalchas ist etwa fünfundsiebzig Jahre alt. Er ist vom Lande am Wanderstecken in die Burg gelangt.

Erster Auftritt

Thestor

Endlich ein Mensch! Nach dem, was ich erfuhr,
erscheint die Königsburg mir seltsam still.
Im Lande draußen traf mich das Gerücht,
ganz unerwartet sei die Königin,
sei Klytämnestra wieder heimgekehrt
mitsamt den Kindern. Peitho, du? Du bist's?

Peitho

Und du bist Thestor, bist des Kalchas Vater:
ein gutes Zeichen! Ich war drauf und dran,
dich draußen auf den Äckern zu besuchen.

Thestor

Du warst mit ihnen an der Aulisbucht,
mit Klytämnestra, mein' ich, und den Kindern.
Und sahst, so denk' ich, dort auch meinen Sohn.
Vor allem denn, erzähle mir von ihm!

Peitho

O laß mich, Vater, lieber von ihm schweigen!

Thestor

Nein, sprich, erzähle, was es immer sei!
Ich hatte von dem Sohne üble Träume.

Peitho

Auch ich – und ach, sie lassen mich nicht los.

Thestor

Man hört Unmenschliches! Gerüchte flattern
allüberall erschreckend durch die Luft.
Was treiben sie wohl eigentlich zu Aulis?

Peitho

Wenn du, o Thestor, von Gerüchten sagst,
so war's ein Säuseln; denn zu Aulis tobt
ein Sturm, den die Titanen aufgewühlt,
vor dem kein armes Menschenwerk noch standhält,
ja, selbst der Berg der Uranionen wankt.

Thestor

Das Gegenteil erfuhr ich für gewiß:
es rege sich kein noch so leichter Hauch
seit vielen Wochen über Land und See
um Aulis; Tod nur brüte in der Luft,
das Feld verbrennend, Mensch und Tier erstickend.

Peitho

Auch dies ist wahr. So viel Gestalten immer
ein mörderisches Unheil haben kann:
dort fehlet keine.

Thestor

Und mein Sohn? Mein Sohn?

Peitho

Wenn das Verhängnis eine Stimme hat,
so ist es seine. Seines Mundes Atem
allein hat Klytämnestra und die Kinder
in die Zyklopenburg zurückgefegt
wie Wind den Staub.

Thestor

Quäl mich mit Rätseln nicht!

Peitho

Ein frommer Wunsch in dieser fremden Welt,
die ganz nur Rätsel ist! Hast du gesehn
die schwarzen Dohlenschwärme wie Gewölk
die Burg umkreisen, seit die Königin
mit Iphianassa wieder sie bewohnt?
Was gilt's, sie sind gesandt von Hekate
drüben am Hügel. Krähenschwärme kommen
von Sparta, die am großen Heiligtum
der Himmelsjungfrau nisten, wie von jenen
gerufen. Geier fliegen hin und her
aus Horsten, scheint es, in Arkadien,
als irrten sie für Hekate auf Kundschaft.
Und etwas ist geschehn, ich sah es selbst
voll Grausen: schwarze Vögel drangen ein
in Iphianassas Kammer – als sie lag
und, von der Reise schwer ermüdet, schlief –
und stahlen ihr den Schleier vom Gesicht.

Thestor

Was tat das arme Kind, um ein so arges
Vorzeichen zu verdienen?

Peitho

Danach fragen
die Keren nicht!

Thestor

Und warum wolltest du
den schlichten Bauern, der ich bin, besuchen?

Peitho

Warum? Weil er des Kalchas Vater ist
und so der einzige vielleicht, der noch
vermag des Königskindes grausiges
Geschick zu wenden: ist es Kalchas doch,
der – einen Spruch von Loxias im Munde –
des süßen Mägdleins Opfertod verlangt.

Thestor

Ich habe nicht verstanden, was du sagst;
doch das geschah mir mehr bei deinem Wort:
es klang mir oft wie Wahnsinn – und auch jetzt.

Peitho

Gewöhne dich an ihn: der Wahnsinn herrscht!
Ganz Hellas ist sein fürchterlicher Herd;
auf ihm verbrennt zu Asche, was den Griechen
dem Unflat der Barbarenwelt enthob,
und köpflings stürzt er sich in ihren Blutsumpf:
das Zeichen zu dem Sturze gibt dein Sohn.

Thestor

Schweig! Warum kam ich her? 's ist Zeit zur Flucht.
Doch festgeschmiedet, Peitho, ist mein Fuß.
Dazu hat mir dein Wort, ein greller Blitz,
das Augenlicht geraubt. Schweig! Denn ich kann,
was ich ruchlose Lüge nennen muß,
nicht weiter hören. Oder mache mich
gesund und sag, daß ich dich mißverstand:
man falle nicht zurück in Barbarei
und schlachte wieder statt der Ferkel Kinder,
noch wage man den Opferstahl zu zücken
wider des mächtigen Völkerhirten Kind! –
Treib keinen Scherz mit mir, der tödlich sein kann!

Peitho

Tödlich zu scherzen ist der Götter Art,
nicht meine. Auch mein Herzschlag ringt nur schwer:
so hat der Götter Scherzen mich getroffen.
Doch was ich sprach, ist Wahrheit, und dein Sohn
ist jener schwarze Dämon, der sie ausspie.

Thestor

schlägt die Hände vor die Augen

Mein Traum, mein Traum! Mein fürchterlicher Traum!
Und was gedenkt die Königin zu tun?

Peitho

Sie ist zerrüttet. Seit das Löwentor
der Heimatstadt sich hinter ihr geschlossen,
irrt Klytämnestra schlaflos, gibt auf Fragen
nicht Antwort, schreit Befehle aus in Höfen,
Sälen und Kammern, die sie gleich vergißt.
Sie findet keine Ruh', obgleich der König
die Flucht mit Iphigenien ihr befahl,
und vor Verfolgung keine Sicherheit.
Seit heute morgen ist Aigisthos bei ihr,
Thyestes' Sohn, der Argolis verwaltet.
Mag sein, daß sie ein wenig stiller ward
durch ihn. Sie flüstern eifrig miteinander:
worum es dabei geht, das weiß ich nicht.
Doch jeder Ratschlag, den Aigisthos gibt,
ist meines Herrn und meiner Herrin Unglück.
Was brütet doch so lastend ob der Burg?
Die Luft ist faul, ein jeder Gegenstand,
die schönste Frucht flößt Widerwillen ein,
als hätten die Harpyien sie besudelt.

Thestor

Aus deinen Worten schließ' ich eines, Peitho:
daß unsres Herrschers heilige Gewalt
den Kindesmordgedanken niederschlug.
Und so sind er und Klytämnestra einig,
das Königskind gerettet, wie mir scheint.

Peitho

Wär's, wie du sagst! Die Zeichen, guter Vater
des schrecklichsten der Söhne, sprechen anders.
Was ich erlauschte von den Heimlichkeiten
Aigisths und Klytämnestras, war die Angst
vor König Agamemnons Wankelmut.
Ich teile diese Angst bei Tag und Nacht:
er wird erscheinen und das arme Kind
rauben und seinem Herrscherwahnsinn opfern.

Thestor

Niemals, solang ich bin und atme, nie:
niemals wird das Unmögliche geschehn!

Zweiter Auftritt

Klytämnestra und Aigisthos erscheinen. Thestor und Peitho haben sich hinter einem Mauervorsprung verborgen.

Klytemnästra

Aigisth, du weißt nun alles, was geschah.
Als er mit Lug und Trug nach Aulis uns gelockt,
um durch das Opfer Iphigeniens
den Aufruhr wider sich im Heer zu stillen,
kam ihm die Reue, und er stieß uns fort.
Wir sollten in der Heimat uns verbergen.
Das tat sein Wankelmut; derselbe nun
war's, der mit jagenden Gespannen ihn
dann im Kithairon uns ereilen ließ,
gewillt, nun dennoch Iphianassa mir
zu rauben und für Ilion zu opfern.
Doch wieder ward sein fester Wille weich:
er stieß sie von sich, tat's, trotzdem das Kind,
selbstmörderischen Wahnes blindes Opfer,
sich an ihn hing. Bewußtlos lud man es
auf mein Gefährte, und nun sind wir hier.
Doch glaube mir: noch ist der Kampf nicht aus,
der in der Brust des Agamemnon tobt.
Sosehr der Vater auch die Tochter liebt:
er liebt sie nicht wie ich, doch mehr als mich
ihn meine Tochter, und sie wird ihm folgen
bis in des Kalchas grauenvolles Schlachthaus.

Aigisthos

Ich hasse Agamemnon, und mit Grund,
du weißt es, Herrin: ohne deinen Schutz,
ich wäre heimatlos, gehetzt. Ein Bettler,
müßt' ich durch Hellas irren. Dein Gemahl –
Schmach, daß mit Recht er diesen Namen trägt! –
gönnt seinem Hund ein beßres Sein als mir.
Hohn ward mir, als ich warb um Iphianassa.
Und heute: wär' das arme Kind mein Weib,
als solches schon stünd' sie in sichrem Schutz,
und ohnedies durch mein erprobtes Schwert.
Den hätt' ich mögen sehn, der es gewagt,
nach ihr zu greifen mit der Faust des Schlächters!

Klytämnestra

Sie stand zu hoch für dich und steht zu hoch
für jeden Mann der Welt.

Aigisthos

Erinnre dich, als Tyndareus, dein Vater,
dich mir zur Gattin geben wollte, hieß es,
ich sei zu jung für dich; so sprachst auch du.
So werd' ich um das Meine stets betrogen.

Klytämnestra

Wer will sich setzen wider Agamemnon
und sein Titanenblut?

Aigisthos

Ich, wenn es sein muß!
Den Weg zum Orkus muß er gehn wie wir,
und Wege wüßt' ich, ihn hinabzustoßen
wie jeden sonst, der nicht unsterblich ist.

Klytämnestra

Schweig, Schrecklicher! Ich darf dein heimlich Lied
nicht hören, nicht dem Zauber unterliegen,
mit dem es eine Seele leicht verwirrt:
und nun erst recht nicht, nicht im Augenblick,
wo Agamemnon wie ein Raubtier rast
wider sein eignes Haus, sein eignes Blut.
Denn glaube mir, bevor der Tag vergeht,
wird er am Tore unsrer Burg erscheinen!

Dritter Auftritt

Mit fliegenden Haaren, wenig bekleidet, wie sie aus dem Bett gestiegen ist, kommt Iphigenie, außer sich vor Erregung.

Iphigenie

Der König kommt! Der Vater! Aufgeweckt
hat mich der Donner seiner Wagenräder
und seiner Rosse Hufschlag! Scharf und klar
hört' ich die Stimme des Eurymedon,
des Wagenlenkers.

Klytämnestra

Sie ist außer sich.
Zuviel drang auf sie ein. Bleib ruhig, Kind,
genieß der Ruhe, deren du bedarfst!
Und wo war Peitho, deren Pflicht es ist,
dein Lager und dich selber zu bewachen?

Peitho tritt vor und sucht Iphigenie zu beruhigen, sie umarmend.

Peitho

Hier bin ich, Herrin: strafe mich! Mein Kind,
du träumst!

Iphigenie

Nein, nein, der Vater kommt:
der Boden schüttert, seine Waffen klirren!

Klytämnestra

Zeus läßt den Grund erbeben, füllt die Luft
mit erznem Klirren seines Donners an.
Dein Vater ist kein Gott, mein armes Kind!

Iphigenie

Er ist ein Gott! Oh, glaubt mir doch: er naht!

Klytämnestra

Unselige, laß das Jammern! Was denn hat
dich heitres Mägdlein, das du jüngst noch warst,
als wir den heimatlichen Grund verließen,
so fürchterlich verwandelt, ja verderbt?

Aigisthos

Des Hauses böser Dämon ist's; was sonst?

Peitho

O Königin, sie träumt und spricht doch wahr:
nur wenig Stadien trennen Agamemnon
noch von Mykene. Laß mich mit ihr fliehn!
Aigisth mag uns begleiten, erst nach Sparta,
dann in die Täler des Taygetos.
Dort hab' ich Freunde, so entlegen hausend,
daß kein Verfolger dort uns je entdeckt.
Wenn des Kroniden Donner auch rumort,
furchtbarer ist die schwarze Schicksalswolke,
die deines Gatten grauses Werkzeug ist
und ohne Gnade ihn zugleich beherrscht.

Klytämnestra

reißt Iphigenie an sich

Sie darf nicht sterben, darf nicht sterben, nein!
Die Ägis schmettre ihren Strahl herab
und mache Burg und Stadt und uns zu Asche!
Nur das, was sie bedroht, darf nicht geschehn!

Peitho

Niemals, o Königin, solang ein Ausweg
noch irgend möglich ist! niemals, niemals!
Du kennst mich, hast dich meiner oft bedient,
um Fürchterliches von dir abzuwenden.
Noch gärt in meinem Blut die Zauberkraft
der Mutter, deren schwarzes Totenschiff
im toten Wasser unbeweglich ruht
zu Aulis, auf Gebot der Hekate.
Es ist ein düstres Warten über ihm,
vor dessen Endziel Kalchas selbst erbangt
und das in mir das Blut der Mutter ahnt.
Ein gläsern-starrer Blick dringt bis hierher
von dort: der Wille drin ist unabirrbar,
nie stimmt er ein in deines Kindes Tod!

Klytämnestra

Dein Zauber, Peitho, trog mir allzu oft.
Nun aber nimm das Mädchen fort ins Haus;
denn wahrlich, das Unglaubliche geschieht:
der von Erinnyen Gehetzte naht!

Die fast betäubte Iphigenie wird von Peitho ins Haus geführt.

Aigisthos

Wenn du mich brauchst zu irgendeiner Tat,
so rufe mich – sonst nicht –, ich bin bereit!

Er geht schnell ab, nachdem er die Hand ans Schwert gelegt hat.

Vierter Auftritt

Agamemnon erscheint, wie er vom Wagen gestiegen, in einem halb bewußtlosen Zustand, auch äußerlich zerrüttet. Er hat das Schwert gezogen.

Agamemnon

stößt auf Klytämnestra

Was willst du hier?

Klytämnestra

Das frag' ich dich! Und du?

Agamemnon

Vollenden, was vollendet werden muß.

Klytämnestra

Du meinst, des Atreushauses Untergang
samt dem der Tyndariden?

Agamemnon

Mein' ich das,
so ist's der Götterratschluß, der's erzwingt.

Klytämnestra

So spricht der Wahnsinn! Sage, wer du bist!

Agamemnon

Wenn du den Wahnsinn in mir recht erkannt,
so weißt du auch, ich bin vom Gott berührt
und sein ohnmächtiges Werkzeug. Wer bist du?

Klytämnestra

Nenn eine Löwin mich, so triffst du's gut:
gewillt, ihr Junges, gegen wen es sei,
mit Zähnen und mit Pranken zu verteidigen.

Agamemnon

Der Löwe schlägt den Büffel, schlägt den Stier.
Die Löwin legt sich vor ihm auf den Rücken.

Klytämnestra

Atride Agamemnon, wache auf!

Agamemnon

Laß ab! Dein leer Gewinsel weckt mich nicht.

Klytämnestra

Was willst du hier? Du richtest uns zugrunde.

Agamemnon

Was tut's, wenn unsres Hauses Untergang
das freche Troja mit zu Grabe reißt
und aus dem Schutte Hellas sich erhebt
zum Herrn der Welt!

Klytämnestra

Dies aber, meinst du, wird
die Gottheit dir für einen armen Heller
gewähren? Deiner Flotte tut's nicht not,
nicht ihrer Ruderknechte, Segel, Masten,
auch nicht der Winde, nicht der Heldenkraft?
Der Arm Achills, sein Schwert bedeutet nichts,
sein Speer, der nimmerfehlende? Nur auf
ein winzig Opferfeuer kommt es an,
worin ihr Göttern eine Mahlzeit rüstet.
diesmal ein schuldlos Mägdlein, da's die Jungfrau
nach dieser Speise dieses Mal gelüstet,
weil Zicklein ihr und Ferkel über sind?

Agamemnon

Lästre nicht weiter, ehrvergeßnes Weib,
die heilige Jungfrau, die zu Aulis herrscht
und Sieg wie Tod verwaltet!

Klytämnestra

Kalchas lügt!
Die Kore, die so mild vom Himmel blickt,
schützt die Gebärerin und deren Kinder.
Nein, eine Wölfin ist die Göttin nicht,
die das Geborne gierig in sich schlingt.

Agamemnon

Du weißt nicht, was ich weiß. In letzter Nacht
erschien sie mir im Traum. Die Göttin sprach:
»Es brennt in dir der Geist gerechter Rache.
Mit Schmach hat Helena dein Haus bedeckt,
die mit dem Phryger Alexandros floh;
die Schande trifft den Bruder und auch dich,
ihr beide seid erniedrigt vor ganz Hellas,
solange Ilion nicht in Trümmern liegt.
Es prunkt mit Gold und Hochmut, lacht voll Hohn,
sein greller Spott kreischt durch die ganze Welt!
In Staub mit Ilion, so denk' auch ich!«
So hat sich Artemis mir offenbart.
Und weiter noch: »Du hast die Hinde mir,
die tragende, erlegt. Die erste Wut
entriß mir einen Schwur bei Styx«, so sprach sie,
»durch deiner Tochter Tod die Tat zu rächen.
Es gibt, selbst für die Götter, kein Zurück;
drum hilft auch dir kein Sträuben. Deine Flotte
lief aus: gleich peitschten Stürme sie zurück.
Jetzt liegt sie im Euripos, festgewurzelt
gleichsam, und eh das große Opfer nicht
für Krieg und Sieg geschehn ist, bleibt sie tot.«

Klytämnestra

Atrid', komm zu dir! Deines Blutes Dämon,
der böse, nicht der gute, warf dich nieder.
Mit leeren Schatten plagst du dich herum,
wie's der Atriden Erbschaft, wenn sie wieder
einmal der alte Wahnwitz überfällt.

Thestor

hervortretend

Du kennst mich, König! Kalchas ist mein Sohn:
und hat er den Gedanken ausgeheckt,
dein Kind zu töten auf der Götter Altar,
sei er verflucht. Und, König, wisse denn,
ein solches Mordgerücht kam mir zu Ohren.
Und als ich unter rätselhaftem Zwang
zu Fuß mich auf dem Weg hierher befand,
ward ich von einem Landmann überholt,
der gleichsam Kadmos' Kuh am Stricke führte.
Sie war's, die trug der Göttin Artemis
Mondscheibe weiß und rund auf schwarzem Fell
an beiden Flanken überm vollen Euter.
Mit leisem Brüllen sah die Kuh mich an.
Denkt von mir, was ihr wollt: ihr stummer Blick,
ihr leiser Ton drang überirdisch in mich
und sprach: Sag Agamemnon, Artemis
hat mit dem Spruch aus Delphi nichts gemein
und so nicht mit dem Opfer seiner Tochter! –
Dann schwanden Tier und Bauer hin ins Nichts.

Agamemnon

Schweigt alle! Seit die Göttin selber mich
belehrt, ist jede Gegenrede Schaum.
Vergiß nicht, wer du bist und wer ich bin:
ein niedrer Bauer du – und ich der König
und auch der Hohepriester meines Lands,
seit Perseus die Zyklopenstadt erbaut.
Auch daran hat die Göttin mich gemahnt:
»Erst bist du Priester, und dann bist du König,
hernach erst Gatte«, sprach sie, »und zuletzt
dann Vater.« Laß die Narrheit deiner Kuh,
die man zum Stier geführt! Dein Zeichen ist
vom Schwachsinn eines Greises ausgeheckt.
Was ich erfuhr, ist heilige Offenbarung.

Klytämnestra

Unseliger, so steht dein Wille fest?

Agamemnon

Willst du, daß über mich und über Hellas
ein niederträchtiger Schurke triumphiert:
Odysseus, Sohn des Sisyphos und nicht
Sohn des Laertes? Er, von Anfang an,
hat gegen diesen Kriegszug sich gewehrt,
Wahnsinn geheuchelt, so als wäre er
vom Gott berührt, vom Gotte ausersehn,
den Rachezug nach Troja zu verbieten
und des Atridenhauses Reinigung.
Erzlügner, stellt Odysseus nun sich an,
als wünsch' er nichts so sehr wie Trojas Sturz.
In diesem Sinne kam der Spruch ihm recht,
der Iphianassas Opfertod verlangt.
Er meint, ich könne nimmer ihn erfüllen.
Und also: der zum ersten Male schon
der Flotte Ausfahrt scheitern machte, glaubt
die zweite Ausfahrt und jedwede neue
dadurch verhindert. Zum Verräter aber
am Griechenheer und Hellas hätte dann
Odysseus, der Verräter, mich gemacht.

Klytämnestra

Dem Himmel Dank, daß ein Odysseus lebt,
der menschlich fühlt und euren blinden Kriegszug
durchkreuzen will im letzten Augenblick!

Sie nähert sich Agamemnon zärtlich.

Geliebter, du bist hier! Ein Wink der Ewigen
ist's, der dich hergeführt. Komm zu dir: lege
von dir des Krieges schreckliches Gewand
und laß der Heimat Frieden dich umarmen!

Agamemnon

macht sich unsanft frei

Nimm deiner Arme Schlangen von mir, Weib!
Noch bin ich für die Würger nicht bereit,
die zwischen den Zyklopensteinen lauern:
sie sind ein Kerker mir im Augenblick
und – mehr als das – ein grauenvolles Grab.

Klytämnestra

Was übermannt dich, und was tat ich dir:
war ich dir untreu? hätte ich dein Haus
nicht treu und gut verwaltet, seinen Reichtum
vergeudet? hast du mich nicht stets gelobt?
Du hast gesagt, es sei ein seltnes Glück,
besäß' ein Mann ein solches Weib wie mich.
Gebar ich dir nicht Kinder, die du liebhast?
nicht Iphianassa, deren Schönheit du
den Ruhm von Hellas, ach wie oft, genannt?
Bin ich dir jetzt ein widerlich Gewürm,
das dich besudelt, wenn es dich berührt,
ja mit dem Tod bedroht? – Steigt auf den Söller,
ruft mit dem Horne den Altmännerrat,
auf daß er nüchtern unsren Zwist entscheide:
entscheide, wer von uns der Schuldige ist!

Man hört den Ruf eines Hornes ertönen.

Fünfter Auftritt

Iphigenie, mit aufgelöstem Haar, erscheint, als hätte sie sich aus Fesseln befreit.

Iphigenie

Vater, hier bin ich! Hier, hier bin ich, Vater!

Agamemnon

Und ich, dein Vater, Mädchen, bin bei dir!

Iphigenie

Man hält mich von dir fern. Aigisthos hat
das Fraungemach mit Wächtern rings umstellt.
Doch keiner hat gewagt mich zu berühren.

Klytämnestra

Dein Vater wird es wagen, glaub es mir!
Er liegt von Aulis her auf deiner Spur,
ein toller Hund, der zäh sein Wild verfolgt
und nie ermüdet, bis er es gerissen.

Iphigenie

Du rasest, Mutter, und dein Rasen irrt!
Doch was des Vaters Wille sei mit mir:
Gehorsam nur geziemet seiner Tochter.

Klytämnestra

Da, nimm sie hin, und deine Zähne –
du blindes Raubtier – grab in ihr Genick!
Denn jetzt: was wäre menschlich noch an dir?
Und du, bet an den Bluthund, wenn dein Auge
bricht, in der Brust dein letzter Schrei erstickt!

Agamemnon

Hast du gehört, was hier gesprochen ward,
Iphianassa?

Iphigenie

Ja, und alles ist
durchsichtig klar um mich im Augenblick.
Ich soll als Opfer sterben auf dem Altar
Achaias und für der Achäer Sieg:
das aber ist mein eigner Wille nun!

Agamemnon

Nun zweifl' ich selber, ob ich recht gehört.

Iphigenie

Du hörtest recht! Ich wußte nicht bisher,
was Wahrheit ist! Allmächtig hat sie sich
in mich herabgesenkt: o fleht zum Himmel,
daß nicht ihr heiliges Gefäß zerbricht
kläglich in Scherben! Solche Wahrheit fühlen
heißt sterben oder aber auferstehn
aus Menschenenge jauchzend in die Gottheit!

Als Peitho und Klytämnestra sich ihr erschrocken hilfreich nähern

Unreine Menschenglieder, wagt es nicht,
das Heilig-Reine auch nur zu berühren
und zu entweihen heiligen Opfersinn!
Kein Quell, aus dem die Götter trinken, ist
so rein, und von den zwölf Olympiern ist
keiner so hoch an Macht: sie stehn in Ohnmacht!

Während dieser verzückten Rede ist der Chor alter Männer eingetreten.

Agamemnon

tut die Hände vor die Augen

Still, Iphianassa: deiner Wahrheit Sturm
reißt mit den Wurzeln aus dem Boden mich
und schleudert Stamm und Wipfel auf die Erde.
Kläglich erschein' ich, Heilige, nun vor dir.
Umsonst hab' ich's versucht, mich aufzurichten
ins Eis des Weltenraumes mit dem Helmbusch.
Du zeigtest jählings meine Schwäche mir;
am Todesfroste schmelz' ich nun dahin.
Still, Iphianassa!

Klytämnestra

Rede, rede, rede
so fort, mein Kind, da es sein Herz erweicht
und Ohnmacht ihm gebiert zur Schreckenstat!

Aus dem Chor der alten Männer tritt ein hundertjähriger Weißbart als Führer und erhebt die Hand.

Führer

Nicht darum, hohe Königstochter, nein!
Tritt doch die Göttin selber unter uns
und kündigt Allerheiligstes durch dich.
Sie hat auch unsre Seelen klar gemacht
vom trüben Dunst. Was Helena verbrach
an Argolis und so an Griechenland,
verbrach sie an der Göttin Artemis
zuallermeist: und ihr Verbrechen ward
durch deins am heiligen Hain der Himmlischen,
o König, noch verstärkt. Erst heißt es uns,
dann Ilion versühnen.

Klytämnestra

Packt euch fort!
Wer hat euch eingelassen in die Burg?
Schwachköpfige Greise, wollt ihr die Behausung
besudeln, drin ihr lebt? den Napf mit Essen
bespein, den euch des Königs Mitleid reicht?
Hinaus mit euch!

Der Chor

Wir weichen nicht!

Klytämnestra

Hinaus!

Führer

Häuf neue Sünde, Herrin, nicht auf uns!
Stoß tiefer in den Fluch nicht unser Land!
Verschließe deine Ohren nicht und Augen!
Hör das Gekrächz der Unglücksvögel, das
Gebell der Wölfe nachts rings um die Burg,
der gelben Unglückshunde, deren Brandhauch
die Weizenähre auf dem Halm verbrennt!
Helenens, deiner Schwester, üble Tat,
sie schreit nach Sühnung! Was Verworfenheit
an eklem Unrat über uns gebracht,
kann Wasser nur aus reinster Quelle tilgen.
Wach auf, begreife das, o Königin;
denn Helena, bedenk, ist deine Schwester!

Klytämnestra

So wascht! Wir haben Quellen, haben Eimer:
wascht! wascht! Und ob ganz Argolis davonschwimmt.
Doch wascht nicht mit dem Blute meiner Tochter,
die rein und schuldlos an dem allem ist,
auf der kein Fehl, auch nicht der kleinste, lastet.

Führer

Die Fürstin ist so rein wie Artemis,
die Götterjungfrau, und darum ihr Opfer
vollkommne Sühnung für die Lästerung,
die deiner Schwester freche Tat verübt.

Iphigenie

mit Tanzbewegungen

Eia! Auch mir gebt einen Bräutigam:
ich will im Tod mich mit Achill vermählen,
wie Helena mit Alexandros tat,
für keiner Erdenspanne kurze Zeit,
nein, Himmelsjungfrau, für die Ewigkeit!

Peitho umarmt und beruhigt Iphigenie und führt sie hinweg. Der Chor tritt ab. Ebenso alle, außer Agamemnon und Klytämnestra.

Klytämnestra

Du trugst den Wahnsinn heim in unser Haus!
Nun freue dich, Gemahl: verderblich frißt
die schlimme Seuche um sich, wie du siehst.
Tu weiter, was du willst nun – fremder Mann!
Allein, von Stund an, Herr, vergiß es nicht:
du hattest einst ein Weib, doch nun nicht mehr,
du selber hast es umgebracht – es starb!
Sie geht schnell ab.

Agamemnon

Zyklopenmauern selbst zerbröckeln: mag
es sein! Schutt meines Lebens bleibe hinter mir!
Doch lockend wieder seh' ich Ilion
mit goldnen Türmen und Palästen schimmern.

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