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Die armen Reichen

Rudolf Stratz: Die armen Reichen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
booktitleLiebe um Barbara
titleDie armen Reichen
publisherGebrüder Paetel Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081125
projectid8021a834
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Achtes Kapitel

»Ja ... Katzerl ... so ist das alles gekommen!« sagte Leopold von Hafner am nächsten Tag zu Barbara. Er saß ihr in der Pension von Maurice Bürks gegenüber. Von der Seite beschien die Sonne durch die Fenstervorhänge seinen bildschönen, weichlichen, gutmütig lächelnden Graukopf. Er war wie immer jugendlich-auffallend, mit peinlicher und dabei doch scheinbar nachlässiger Eleganz gekleidet. Ein seiner Duft irgendeines der großen Menge noch unbekannten neuen Parfüms ging von ihm aus – in den Lackschuhen schimmerten unter den kokett geknüpften Schleifchen die genau zur Krawattenfarbe passenden Socken aus taubengrauer Seide – wenn die Welt unterging, erbat der schöne Poldi jedenfalls vorher noch eine Viertelstunde Zeit, um seine Toilette zu machen. Dann störte ihn nichts – auch nicht die Katastrophe in der Villa Burck. Aber sonst schuf ihm, der als Wiener Lebenskünstler immer für Verträglichkeit und Gehenlassen war, die ganze Sache doch viel Unbehagen.

Also Heinreichs waren wirklich heute morgen in ihre Garnison gereist, blindlings, in Todesangst um ihre Karriere – sie ganz verweint. Denn sie hatte, wie sie erklärte, die halbe Nacht von langen, entsetzlich langen Reihen blauer vierrädriger Wagen geträumt, die ihr Mann in einem Dorf mit Brrr! und Hüh! lenkte. Was Lizzie betraf, so war das ja eigentlich ein guter Kerl. Sie hatte heute früh doch noch geschwankt, ob sie nicht dableiben solle. Ihre Existenz in Wien, die heiligsten Güter standen auf dem Spiel. Sie hatte ihre Koffer gepackt und ihrem Mann befohlen, sich bereit zu halten. Am zwei Uhr ging ihr Zug. »Wir wollen ja gar nicht fort«, hatte sie dabei weinend gesagt. »Aber der Vater schickt einen ja heim wie die Schulkinder ...«

Die Hauptsache blieb, wie Otto Burck mit seiner Frau stand. Und da war Onkel Poldi verwundert.

»Sie war ja immer zuwider, deine Mutter ... verzeih, wenn ich das so sag' – aber ich bin ja auch kein heuriger Has mehr – ich darf schon einmal offen reden ... ich mag die grantigen Leut' in den Tod nicht leiden, und sie hat deinem Vater schon früher, wie ihr noch klein wart und das nicht so habt wissen können, das Leben sauer gemacht. Damals hat man eine Zeitlang gedacht, sie lassen sich scheiden. Nachher, da haben sie sich ja aneinander gewöhnt, 's ist ja auch das beste, man trägt halt sein Binkl im Leben ...«

Das konnte Leopold von Hafner leicht sagen. Ihn drückte nichts. Er war jugendfrisch und liebenswürdig und dabei ein genau so kluger Geschäftsmann wie vor dreißig Jahren. Nicht als ob gerade an ihm das Schicksal mit seinen Schlägen vorübergegangen wäre. Aber er besah die Gabe, sie nicht schwer zu empfinden. Er bot ihnen auch weniger Angriffsflächen als andere. Er stand ja ganz allein und war damit zufrieden. Für seine tote Frau ließ er gewissenhaft jedes Jahr eine Seelenmesse lesen und besuchte am Allerseelentag ihr Grab, um es neu zu schmücken. Aber sonst sprach er ganz freundlich gelassen von ihr. Ein sonniger Egoismus, der dem Nächsten nie weh tat, wappnete ihn gegen die Außenwelt. Anders war das bei Frau Konstanze Burck.

»Schau. Barbara – ich kann die selbstsüchtigen Leute nicht ausstehen!« sagte er. »Und deine Mutter ist's! Und hart dazu! ... Und leidenschaftlich! Mit der ist nicht leicht Kirschen essen! Das weiß ich. Aber daß sie jetzt wirklich Ernst macht – das hätt' ich doch nicht gedacht.«

»Ja, was tut sie denn?«

»Sie will auf einige Zeit verreisen! Sie bereitet schon alles vor. Schau, das Ganze ist bei deiner Mutter halt eine Kraftprobe! Sie will, daß dein Vater ›pater, peccavi‹ sagt – nein ... ›mater, peccavi‹ muß es da heißen. Aber bislang sitzt er still und muckst sich noch nicht.«

Ihr Onkel nahm seinen Panama – ein Prachtstück, das Hunderte von Mark gekostet und das er jeden Morgen vor dem Spiegel in einer neuen Form seinem klassischen Kopfe anschmiegte – und rüstete sich zum Gehen. »Warten wir halt ab«, sagte er tröstend. »Weißt, Barbara – ich denk' mir immer, die Menschen sind wie kleine Kinder! ... Da muß man über sie lachen und kommt am leichtesten mit ihnen aus, weil man ihnen nicht bös werden kann! Und unter den kleinen Kindern ist man selber das größte Kind, das muß man freilich wissen, sonst ist's gefehlt ...«

»Ach, Onkel Poldi – deine Weisheit ...«

»Die habt ihr mich gelehrt!« sagte Leopold von Hafner gutmütig und deutete dabei mit dem Zeigefinger auf Barbaras schönes Gesicht. »Die Mannsleute haben mich nie viel gekümmert. Die sind nur gut zum Geschäftemachen und Tarockspielen! ...«

Damit ging er. Und daß er mit seinen Unglücksbotschaften recht gehabt hatte, erkannte Barbara, als sie am späteren Nachmittag mit Robert und den Bürks auf der Lichtentaler Allee stand, um die Heimfahrt von den Rennen anzusehen. Das war lange nicht mehr so glanzvoll wie vor vielen Jahren, als noch keine Eisenbahn nach Iffezheim führte und die Automobile noch nicht erfunden waren. Aber immerhin rollten noch Wagen genug vorbei, strahlende junge Amerikanerinnen hoch oben auf dem Bock neben europäischen, das Gespann lenkenden Turfgrößen, unglaublich viel gelbliche, verkommene und degenerierte Gestalten des Auslands in ihnen – Spieler, Buchmacher, Pariser Halbwelt und ehrbare Deutsche – alles bunt hintereinander.

Und diesem ganzen Korso fuhr plötzlich, als eine Seltenheit, der sich alle Blicke zuwandten, eine Taxe entgegen, in der Richtung nach dem Bahnhof, oben auf dem flachen und umgitterten Dach mit Koffern beladen. Barbara schaute, als sie vorbeikam, hinein und erkannte ihre Mutter. Sie saß im Reisekleid, aufrecht, mit einem steinernen und harten Gesicht, neben Onkel Pauluscha, der sehr düster, aber gefaßt dreinblickte. So reisten sie zusammen nach Ostende, und Barbara durchschoß, ohne daß die draußen sie bemerkten, blitzschnell der Gedanke: So. Nun hab' ich meinen Vater wieder! Eine Hoffnung sagte ihr, daß er nun doch sicher zu ihr kommen oder ihr doch wenigstens schreiben werde. Aber der Abend verstrich und der nächste Vormittag, ohne daß er etwas von sich vernehmen ließ, und nun fand sie keine Ruhe mehr. Sie machte sich hastig zum Ausgehen fertig und eilte hinauf zu der Villa Burck.

Nie war ihr das Gedränge am Tennisplatz und auf den Promenaden so hinderlich gewesen wie auf diesem kurzen Weg. Aber endlich stand sie doch vor dem Elternhaus. Sie mußte daran denken, wie sie es vor wenigen Tagen zum letzten Male verlassen hatte, um mit zum Rennen zu fahren – damals alles voll von Menschen, am grünen Parkgeäst schon die bunten Ampeln für die italienische Nacht am Abend – und nun diese Stille – diese unheimliche Totenstille. Die Läden im Erdgeschoß waren herabgelassen, die Hühner aus dem Hof hinten emsig auf den Beeten pickend und scharrend – niemand da, der ihnen wehrte – und dabei das Haustor nicht einmal verschlossen. Sie konnte ungehindert aus der Sonnenhelle draußen in den halbdunklen Flur treten, und ihr erster unwillkürlicher Gedanke war dabei: O Gott – was mag hier jetzt alles gestohlen werden –!

Dann schüttelte sie das ab. Das waren alles nur Kleinigkeiten. Sie schöpfte noch einmal tief Atem und stieg dann leise, behutsam wie ein Dieb, die Treppe hinauf zum Arbeitszimmer ihres Vaters.

Auch da stand die Tür der Hitze wegen offen, und innen an seinem Tisch saß er und murmelte und rechnete vor sich hin. Er sah ganz aus wie sonst, als er ihr langsam den Blick zuwandte. Er schien auch gar nicht weiter erstaunt, sie vor sich zu sehen. Er fragte in einem ruhigen, eigentlich wenig freundlichen Ton: »Du bist's, Barbara ...?«

»Ja. Papa!«

Sie schwiegen. Sie faßte Wut und trat bis dicht vor ihn an den Tisch. Er hob den Kopf: »Was willst du denn hier?«

Und ohne ihre Antwort abzuwarten, setzte er ungeduldig hinzu: »Ich denke, hier paßt es dir nicht mehr! Du bist doch fort. Niemandem paßt es hier mehr. Alle sind fort. Also, was willst du denn noch hier?«

»Ich will zu dir, Papa!«

Sein gereizter Ton tat ihr weh. Ihre Stimme zitterte. Sie hatte einen anderen Empfang erhofft – viel mehr Rührung, Vorwürfe, alles durcheinander. Aber sie beherrschte sich und unterdrückte ihre Tränen. Sie fühlte, ihr Vater verstellte sich nur. Er sagte trocken: »Zu mir will niemand mehr. Also, warum suchst denn du mich auf einmal auf? Fahr du doch nach Paris! Da ist es viel lustiger als hier, in diesem Hause! Da wirst du dich auch amüsieren.«

»Papa ...«

Mehr konnte sie nicht sagen. Er schüttelte leise abwehrend den Kopf und sah sie forschend von unten, von seinem Sessel herauf, an. Es war ein Mißtrauen gegen alle Menschen in diesem Blick. Den konnte sie nicht mehr ertragen. Ihr Vater tat ihr so leid. Und plötzlich bemerkte sie: Es zuckte um seine Lippen – er konnte nicht mehr ganz an sich halten – er machte eine kleine Bewegung – mehr der Gedanke daran, die Arme auszubreiten, als daß er es wirklich tat – und sie beugte sich zu ihm nieder – es schien, er erwartete, daß sie vor ihm hinknien wolle, um ihn um Verzeihung zu bitten, und er wollte es hindern – aber sie tat es gar nicht. Sie setzte sich ihm einfach auf den Schoß und schlang ihre Arme um seinen Hals, halb lachend und halb weinend, und bedeckte seinen Graukopf und die gefurchten Wangen und den Hals und die Ohren und was sie traf mit zärtlichen Küssen, und drückte, da er ihr nicht wehrte, ihre Lippen immer leidenschaftlicher auf ihn, und der alte Herr saß still da und lächelte zufrieden – es lief wie Sonnenschein über die verwitterten Züge – und faltete die Hände im Schoß, und ließ es geduldig geschehen und sagte endlich: »Ja ... das Küssen hast du ja nun gelernt – in letzter Zeit – das sieht man ... aber nun höre auf. Barbara, es ist wirklich genug ... ich bin schon ganz erstickt ...«

Sie fügte sich. Aber zuvor hielt sie ihm nur den Mund hin. Erst sollte er ihr den Versöhnungskuß geben – und er tat es ... zuerst auf die Stirn, dann auf die Lippen – und nun glitt sie leichtfüßig von seinen Knien, und er stand auf, und es war ohne viel Worte alles geschehen und in Ordnung, und sie waren wieder Vater und Tochter.

In Otto Burck war eine Verwandlung vorgegangen. Er tat ein paar Schritte durch das Zimmer, um seiner inneren Erregung Meister zu werden. Barbara sah: Er war viel elastischer als sie gehofft. Eher verjüngt als gealtert. Und sein Auge war ganz klar, seine Miene gleichmütig. Es war, als seien die Schicksalsfügungen der letzten Zeit spurlos an ihm vorübergegangen oder hätten ihm noch gut getan.

»Du hast mir gefehlt, Barbara!« sagte er nachdrücklich, vor ihr stehen bleibend.

Und sie erwiderte heiter: »Da bin ich ja, Papa!«

»Ja, du hast mir gefehlt. Aber, die anderen ...« Er dämpfte seine Stimme und faßte sie vertraulich an einem Fältchen ihrer weißen Seidenbluse. »Barbara, soll ich dir einmal ein großes Geheimnis verraten, das mir in diesen Tagen klar geworden ist?«

»Ja, Papa!«

»Man soll nicht so feige sein! Man sollte nicht immer stillhalten. Wenn's dann dazu kommt, ist's gar nicht so schlimm. Aber wenn man immer nur lieb und gut ist und tut, was die anderen wollen ...«

»Ja, siehst du, Papa, deswegen bin ich ja auch ...«

Sie brach ab. Sie wollte das doch nicht vollenden, daß sie ja ohne jeden Gewissenskampf aus dem Hause weg und ihrem Kopf nachgegangen war. Ihr Vater legte ihr die Hand auf die Schulter und schaute ihr prüfend in das Gesicht und sagte endlich: »Ja, gewiß, du bist jung. Aber wer alt ist wie ich ... und trotzdem ...«

Er ging wieder lebhaft durch das Zimmer. Er sprach rasch. Er hielt sich sogar etwas gerader, als sonst seine müde Haltung war. Man merkte ihm an, wie froh er war, sich wieder mit einem Menschen zu unterhalten – dem einzigen, den er hatte–, auf den er gewartet hatte. Und er redete nicht mehr als Vater zur Tochter. Es war mehr etwas von einer ebenbürtigen Freundschaft in seinen Worten, die Kameradschaft zwischen den beiden einzigen, die von der ganzen Familie übrig geblieben waren und die wirklich zueinander gehörten.

»Also ich bin froh, daß es ein Ende hat, Barbara!« sagte er mit starker Stimme. »Froh bin ich! Und ich bedaure nur, daß es nicht schon früher eingetreten ist. Einmal mußte es ja doch – das sehe ich jetzt nachträglich ein. Eine Lüge kann doch keinen ewigen Bestand haben, und das war doch nur eine Lüge. Wer an der mithilft, dem geschieht es ganz recht, wenn er immer weiter darunter leidet. Hätt' ich gewußt, wie leicht das alles geht und wie leicht einem nachher zumut ist, ich hätte nicht so lange gezaudert. Aber ohne dich wäre ich nicht dazu gekommen! So unrecht du auch natürlich gehandelt hast – nein – nein – bitte – keine Widerrede ... Aber das Geschehene wollen wir nun nicht weiter sprechen – mir hat es doch gut getan. Es war mir ein Wegweiser. Man gehört doch schließlich sich selber ...«

Und ruhiger fügte er hinzu: »Nein – das ist falsch. Denen, die einem etwas sind, muß man gehören, aber keine dummen Komödien vor der Welt spielen – ich brauche nur dich, Barbara, sonst niemanden ...«

Er überwand sich und sagte dann gedrückt und unsicher und doch so, daß es wie etwas ganz Selbstverständliches herauskommen sollte: »Und jetzt ziehst du doch wieder herauf zu mir ...«

In einer Angst, sie könne ihn falsch verstehen, fügte er hastig hinzu: »Du sollst ganz frei sein, Barbara, natürlich, da befürchte nichts, da müssen wir noch sehen, wie sich das ... das alles ordnet ...«

»Eben. Papa. Es ist doch noch nichts entschieden. Es steht ja alles nur bei dir! ... Und vorher kann ich doch nicht gut unten von den Bürks fort ...«

Der alte Herr sah sie kummervoll an. Sie sagte schnell: »Vor allem, Papa, wenn du mir nicht mehr zürnst, dann, bitte, besuche mich. Es ist wegen der Leute ... daß man sieht: Es ist alles in Ordnung! Das bin ich doch auch Tante Yvonne schuldig – diese Aussicht!«

Ihr Vater sagte traurig: »Du bist eben auch wie die anderen! Jeder nutzt seinen Vorteil gegen mich aus! Alle halten sie gegen mich zusammen. Da hast du dich nun da unten verschanzt. Da soll ich dir nun einfach folgen ...«

»Aber so ist das doch nicht. Papa!«

»Doch!« Er wurde immer bitterer. »Immer soll ich den anderen nachlaufen. Wenn ich mir nur ein bißchen was anmerken lasse, daß mir an jemandem etwas liegt, dann kommt er doch gleich und macht seinen Vorteil geltend und will mich tyrannisieren. Aber damit hat es jetzt ein Ende. Barbara! Das merke dir wohl. Jetzt stehe ich für mich da und kümmere mich den Kuckuck um meinen Nebenmenschen ... verstanden?«

»Ja, Papa ...« Sie war sehr kleinlaut und betroffen.

Der alte Burck sagte nach einer Weile bedächtig und obenhin, so als fiele ihm eben etwas Geschäftliches ein: »So! Nun geh! Und halt – eh' ich's vergesse: sage doch Maurice Bürk, ich wolle ihn gern dieser Tage noch einmal wegen der Auflösung unserer Aktiengeschichte sprechen ...«

»Ich werd' es bestellen, Papa!« Sie wandte sich mit gesenktem Kopf zur Tür. Aber er rief ihr ungeduldig nach: »So warte doch! Richte Onkel Maurice aus, ich käme morgen nachmittag einmal zu ihm heran ... Er schläft ja wohl nach Tisch ... also zur Kaffeezeit ... Ich trinke schließlich eine Tasse mit ... um euch Gesellschaft zu leisten ... Warum siehst du mich denn so an? Was hast du denn zu lachen, du albernes Ding?«

»Ich bin ja ganz ernsthaft, Papa!« sagte Barbara und gab sich alle Mühe, ihren Jubel zu unterdrücken. »Also morgen nachmittag um vier ...«

»Ja ... ja ... Ich hab' jetzt zu tun. Barbara!« Otto Burck verabschiedete sich von seiner Tochter viel flüchtiger, als es nach der vorhergegangenen Versöhnung zu erwarten gewesen war. Er schob sie, als sie einen unbewachten Augenblick dazu benutzte, um ihm blitzschnell ein paar leidenschaftliche Küsse auf die Wangen zu pressen, beinahe ungeduldig über die Schwelle. Er schämte sich vor seinem Kind, daß er so schwach war und schon wieder nachgab und seiner Haltlosigkeit kaum dies durchsichtige Geschäftsmäntelchen umhing. Er konnte doch nicht anders. Er war bei sich noch froh, daß sie wenigstens nicht ahnte, wie er sich in diesen Tagen, wo er so ganz verlassen gewesen, nach ihr gesehnt und gebangt hatte.

Und wirklich sah er am nächsten Nachmittag bei dem alten Pariser und seiner Frau in dem großen hellen Himmel und fühlte sich eigentlich ganz wohl und behaglich auf dem geblümten Sofa, wo er den Ehrenplatz einnahm und die schöne Aussicht auf das grüne Oostal vor Augen hatte. Madame Bürk zügelte ihre unverwüstliche gallische Heiterkeit sorgfältig auf das schickliche Maß. Sie begegnete ihm mit einem zärtlichen Respekt, wie einem eben Genesenen. Ihr Mann hatte nichts von seiner sonstigen trockenen Ironie, sondern räusperte sich wiederholt so teilnahmsvoll, wie es dem alten verknöcherten Boulevardier nur möglich war. Freilich, eine leise Anspielung an sein Frankfurt ... an das vor vierzig Jahren ... die konnte er sich doch nicht versagen, einmal im Lauf des Gesprächs anklingen zu lassen – gewissermaßen als Rechtfertigung, warum Barbara da als sein Gast und sein Schützling mit an seinem Tische saß – und auf der anderen wirkte das gerade heute schwer in seiner jetzigen Stimmung – diese Erinnerung, wie er dereinst dem grauköpfigen Maurice Bürk da neben ihm, der ihm eben besorgt noch Sahne in die Tasse goß, in seinem Jugendeifer einen Strich durch sein Lebensglück gemacht. Es wäre ja nicht geworden ... aber man sollte nicht rechten und nicht richten ... es kam schließlich doch alles anders ... Und in diesem leisen, unbehaglichen Schuldbewußtsein, das durch die Jahrzehnte her wie eine Mahnung anwehte, schaute er mißfällig über den Tisch hinüber nach seiner Tochter, und die fragte erstaunt: »Was hast du denn, Papa? Warum siehst du mich denn so an?«

Sie saß allein drüben auf der anderen Seite. Es war auch kein zweiter Stuhl, kein zweites Gedeck neben ihr, und plötzlich wurde Otto Burck, nachdem man noch eine Weile eine gezwungene Unterhaltung über dies und jenes gefühlt, unwillig und klopfte mit dem Zeigefinger auf den Tisch und fragte ungeduldig: »Ja, wie ist das nun eigentlich?«

»Was denn, Papa?«

»Wo hast du ihn denn nun ...«

»Wen? Robert?«

»Ja, den Kaiser von China wohl nicht! Glaubst du denn, ich lasse mich hier zum Narren halten? Nun bring' ihn doch schon her ... weit weg wird er ja ohnedies nicht sein ...«

Er war sehr ärgerlich bei diesen Worten. Seine Tochter hörte sie gar nicht mehr. Sie war schon zur Tür hinaus und lief die Treppe hinunter in den allgemeinen, kleinen Empfangsraum, wo Robert Burck saß und sich die Zeit mit dem Durchblättern der unzähligen aufliegenden Prospekte und Broschüren über Sanatorien und Winterkurorte und Moor-, Licht- und Solbäder vertrieb, ohne eine Ahnung zu haben, was er las. Er trat gleich darauf wieder mit geröteten Wangen, noch ganz atemlos, mit Barbara in das Zimmer.

Sie sahen beide gut aus, wie sie da nebeneinander standen, zwei ungewöhnlich wohlgestaltete, frische, junge, zueinander passende Menschen. Aber Otto Burck schüttelte doch bei ihrem Anblick voll Sorge über seine eigene, immer zunehmende Schwäche ihnen gegenüber den Kopf und sagte auf Roberts ernste Begrüßung nur knapp und ohne ihm die Hand zu geben: »Also setze dich in Gottes Namen zu uns, wenn ihr's schon durchaus wollt – und trink mit uns Kaffee!« – Und ganz vergessend, daß er ja selber eigentlich in Geschäften gekommen, fügte er hinzu: »Aber das bitt' ich mir aus ... nichts von Geschäften zwischen uns ... hier nicht! Hier will ich jetzt endlich einmal meine Ruhe haben ...«

Gleich darauf fing er doch selber wieder davon an. Von seinen eigenen Angelegenheiten. Dort hatte es einen neuen Streik gegeben, auf einer seiner Zuckersiedereien. Große Unruhen. Und während er die sonst fatalistisch als etwas unabänderlich Gegebenes betrachtet hatte, sprach er heute von ihnen in einem müden und klagenden Ton. Aus dem klang heraus, daß man Mitleid mit ihm haben müsse, der allein, in seinen Jahren und mit seiner Gesundheit, diese Last auf den Schultern trug.

Sein Neffe ging auf das Thema ein und erzählte von seinen Erfahrungen und Erlebnissen in Polen – wie er zur Zeit des großen Nähgarnkampfes, als die Livelpooler alle verfügbare Ware der Welt vor Zollschluß in das Land warfen, dort gearbeitet hatte.

Die beiden Kaufleute, der alte und der junge, sprachen weiter vom Geschäft. Barbaras Vater hatte ja ohnedies nichts anderes in diesen Tagen im Kopf haben wollen, wo er, um seine Gedanken zu betäuben, vom Morgen bis zum Abend an seinem Schreibtisch gerechnet hatte. Jetzt war er noch ganz voll davon und redete mit noch mehr Eifer davon als sonst. Seine Züge belebten sich immer mehr, je länger er sich mit seinen Schöpfungen beschäftigte. Die standen fest und sicher! Denen konnte auch die Hingunst der Zeiten nichts anhaben.

Es gärte überall. Natürlich auch im Personal der Burckschen Raffinerien. Und im Gedanken daran, im Eifer des Gesprächs, sagte der alte Herr unwillkürlich: »Das wirst du noch selber merken. Robert, wenn du dich erst eingearbeitet hast, daß in der Arbeiterfrage die Hauptschwierigkeit steckt!« – und erst eine rasche Bewegung der beiden anderen ließ ihn jählings verstummen und brachte ihn zu der Erkenntnis, daß er unversehens seine geheimsten Gedanken verraten und den jungen Mann ihm gegenüber nicht nur als Schwiegersohn, sondern auch als künftigen Geschäftsleiter betrachtet hatte ...

Wo er doch so genau wußte, daß jener nicht nachgeben würde ... sondern er, Otto Burck – der es doch wahrhaftig nicht nötig hatte – und der es doch tat – Wort um Wort – und Zoll um Zoll.

Und wenn er, der Ehrenbürger und Millionär, sich auch nicht hatte träumen lassen, daß er sich je im Leben noch etwas von jemandem würde schenken lassen müssen, so blieb doch, als er nur hastig das Gespräch wieder ablenkte, ein warmer Schimmer in seinen Augen – eine Hoffnung, noch ein Heim auf seine alten Tage zu finden. Nicht, daß er etwa seinen Kindern zur Last fallen wollte! Das brauchten sie wahrhaftig nicht zu befürchten – das war nicht seine Art! Aber er hatte sie doch – er hatte nicht nur Millionen, sondern auch ein paar Menschen – und hatte eben durch sein Geld auch ein gewisses Recht, an ihrem Leben teilzunehmen. Er kam nach Polen zu ihnen und sah einmal nach den Geschäften, er traf sich mit ihnen irgendwo in Westeuropa, wenn sie den Winter im Ausland zubrachten – er wußte: Sein Platz an ihrem Herd war immer für ihn bereit, wenn er einmal ganz alt oder krank wurde. Alles ging schön und gut – alles ordnete sich ineinander – und es blieb immer nur der eine dunkle Punkt – das Skelett in der Familie, an das jeder im stillen dachte und von dem heute keiner sprach.

Und endlich sagte Otto Burck zu seinen Kindern, während er aufstand, um sich von den Bürks zu verabschieden: »Begleitet ihr mich noch hinauf in die Villa, ja? ... Wir wollen da noch einmal geschäftlich reden, Robert ...«

»Jawohl, Onkel!« Die beiden machten sich eilig fertig und nickten sich verstohlen mit glänzenden Augen zu. Jetzt sah man Land vor sich! Schon ganz in der Nähe! Wenn Otto Burck freiwillig die Verhandlungen noch einmal aufnahm, dann hatte er sich auch schon innerlich zum Nachgeben entschlossen. Und der sagte, während er sich ein paar gar nicht vorhandene Stäubchen vom Rockärmel entfernte und damit angelegentlich beschäftigt erschien: »Wir müssen diese ... diese fatale Geschichte da ... doch schließlich irgendwie ins reine bringen ... nicht wahr? ... Das kann doch nicht so in alle Ewigkeit weitergehen ...«

»Du tust ein gutes Werk. Onkel, wenn ...«

Der alte Herr wehrte ab und stieg zwischen den beiden bedächtig die Treppe hinab. »Es sollte sich ein Weg finden lassen«, murmelte er vor sich hin, scheinbar im Selbstgespräch und ohne sich um Roberts Worte zu kümmern. »Es ist schwer ... es ist ja furchtbar schwer! ... Barbara ... tu mir die einzige Liebe und schau mich nicht so an, als wärest du ein Schlachtopfer, und ich wollte dich umbringen! Ich bin doch kein Unmensch! Im Gegenteil: ich bin viel zu gut! Ich tu' wegen euch lauter Dinge, die ich gar nicht sollte. Ich mach' mir auch Vorwürfe genug! Das dürft ihr mir glauben!«

Und plötzlich wieder ganz zornig geworden, stieß er unten seinen Stock ein paarmal auf die Steinfliesen. »Ich werde geradezu zum Spott durch euch!« sagte er heftig. »Ich weiß es wohl. Und ihr auch. Aber zu unvernünftige Bedingungen darfst du mir nicht stellen, Robert! Das versprichst du mir von vornherein? ...«

»Gewiß. Onkel ...«

»Da werden wir uns ja also vertragen!« sagte der alte Burck trocken und seufzte, während er das Haustor öffnete. Aber man merkte ihm doch an, wie froh er innerlich war. Er konnte seine Sehnsucht nach Frieden nicht verhehlen. Er war dafür jetzt zu allen Opfern bereit. Und die beiden Jungen tauschten einen Blick, in dem aller Jubel lag, den sie noch nicht laut werden lassen durften. Nun hatten sie es durchgesetzt. Nun stand ihrem Glück bald nichts mehr im Wege. Und sie gaben sich hastig hinter Otto Burcks Rücken einen stürmischen Kuß und drückten sich die Hände, ehe sie sich anschickten, ihm ins Freie zu folgen.

Aber er machte ihnen nicht Platz. Er war auf einmal mitten auf der Torschwelle, die der Sonnenschein des Augustnachmittags golden überstrahlte, stehen geblieben. So verharrte er, ohne sich zu rühren, in einem plötzlichen Schrecken ...

And vor ihm. draußen auf der Straße, stand ein anderer alter Mann, der eben in das Haus hatte treten wollen, so daß sie unversehens aufeinander geprallt waren. Und auch er bewegte sich nicht mehr und ließ das Auge nicht mehr von seinem Gegenüber. Sie sprachen beide kein Wort ...

John Burke erschien heute, im hellen Tageslicht, Barbaras bangen Augen anders als an jenem Abend, wo sie ihn zuerst im Mondlicht und in der Traumstimmung ihrer Verlobung gesehen. Viel ärmlicher noch mit seinen abgetragenen, unordentlichen Kleidern, viel dürftiger und schmächtiger in den gebeugten Schultern, noch viel mehr ausgelaugt und ausgegilbt, unbedeutender in allem. Man hätte ohne weiteres glauben können, daß er hier von Haus zu Haus ging, um als ein Greis, der einst bessere Tage gesehen, sich milde Gaben zu erbitten. Nur sein ausdrucksvoller Kopf war geblieben wie früher. Er stand ganz still. Er grüßte den andern auch nicht und ebensowenig der ihn. Die beiden Brüder erkannten sich wohl – nach zwanzig Jahren –, aber sie kannten sich nicht mehr.

Und dann ging Otto Burck plötzlich mit einem Entschluß an John Burke vorbei, schweigend, den Blick geradeaus. Und jener trat stumm einen Schritt zur Seite, um ihm Platz zu machen, und sah ihm mit einem eigentümlichen Zucken auf dem graubärtigen, weißrunzligen Gesicht nach, wie er viel schneller als sonst seine gemessenere Art war, den Fahrdamm kreuzte und die heiße, leere Straße zur Lichtentaler Allee hinabeilte. Seine Tochter hatte kaum Zeit, ganz betäubt John Burkes Gruß zu erwidern. Sie durfte jetzt, nach dieser Begegnung, ihren Vater nicht allein lassen. Sie lief hinter ihm her, um ihn einzuholen, und blieb noch einmal mitten auf der Straße stehen und gab Robert hastig und verstört die Hand, und er versetzte, seine Aufregung nach Kräften bemeisternd, aber doch fast ebenso blaß geworden wie sie: »Sag deinem Vater, ich könnte nichts dafür! Er sei gegen meinen Willen hier! ...«

»Ja ...«

»Ich muß vor allem sehen, was ihn hergeführt hat!« Er blickte nach John Burke. Der wartete ruhig. Er holte sich jetzt sogar eine Zigarre heraus und zündete die an. Und Robert drückte noch einmal Barbaras Rechte. Dann trat er mit finsterem Blick zu seinem Vater zurück ...

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