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Die armen Reichen

Rudolf Stratz: Die armen Reichen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorRudolph Stratz
booktitleLiebe um Barbara
titleDie armen Reichen
publisherGebrüder Paetel Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081125
projectid8021a834
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Siebentes Kapitel

Am nächsten Tag begannen die Iffezheimer Rennen, und die Frühstückstafel im Burckschen Hause zählte fast dreißig Personen. Die Verwandten waren alle da – selbst die Rhenus, Augustus und seine Frau, hatten sich, nachdem man doch wenigstens nun jenem unmöglichen Vetter den Stuhl vor die Tür gesetzt, entschlossen, der Form wegen zu erscheinen. Ein Vierteldutzend Offiziere aus dem Heinreichschen Regiment waren zum Rennen gekommen und hatten im Hause des Schwiegervaters ihres Kameraden ihre Aufwartung gemacht. Onkel Poldi und sein Neffe Franzi hatten Wiener Freunde mit ihren Frauen mitgebracht – es war ein Stimmengewirr und Gelächter. Frau Konstanze Burck saß tiefbefriedigt, mit majestätischer Herablassung, mitten darin – sie war nie lauter und leutseliger, als wenn recht viele »vons« und Uniformen sich um sie scharten. Sie sah dabei von der Seite mit mißtrauischem Erstaunen auf Barbara, die wider Erwarten auch erschienen war und sich von den beiden Leutnants, zwischen denen sie ihren Platz hatte, mit einer ihr sonst ganz fremden Geduld den Hof machen und von den Pferden und den Rennen erzählen ließ. Von dem anderen Ende der Tafel her schaute ihr Vater auf sie. Er tat es verstohlen. Sie sollte es nicht merken. Aber zuweilen trafen sich doch ihre Blicke, und dann war in seinem Auge etwas unsicheres, als habe er ein schlechtes Gewissen. Seine angeborene Freundlichkeit und Milde rangen in ihm gegen die Festigkeit des nun einmal gefaßten Entschlusses. Der reute ihn nicht, der war notwendig, aber er tat seinem Nächsten so ungern weh. Und gar noch solchen, die er so besonders liebhatte, wie seine jüngste Tochter.

Als er nun sah, wie sie heute unbefangen unter Menschen erschien und plauderte und sogar ein paarmal lachte, glitt auch über sein stilles Gesicht ein freundlicher Schimmer. Er hob sein Glas und nickte Barbara aufmunternd und väterlich zu. Vielleicht wandte sich nun alles noch zum Guten.

Er glaubte ja selbst nicht recht daran. Das ging ihm zu rasch. Aber er saß nun doch zufriedener als bisher an der Spitze des langen Tisches, ein kleiner, müder, alter Herr, der sich unter den eleganten jungen Frauen, den Offizieren, den Leuten der großen Welt aus London und Wien und Paris wie ein Fremder ausnahm. Er gehörte hier nicht recht hinein. Er war nur der Hausherr. Und wenn er sich das so im stillen überlegte, so war das eigentlich immer so gewesen. Er hatte gearbeitet, und die anderen hatten gelacht und es sich wohl sein lassen, so wie sie jetzt in zwei langen Reihen da saßen und schmausten und durcheinander sprachen und sich um ihn nicht mehr kümmerten, als die Höflichkeit gebot. Und bei dem Gedanken daran glitt auch über sein Gesicht ein Lächeln ... aber es war ein melancholisches ... und war gleich wieder weg. Er gab dem Diener einen Wink, es da drüben, bei Herrn von Heinreich, nicht an Champagner fehlen zu lassen.

Und als sie alle draußen auf dem Rennplatz waren, merkte er zu seiner Überraschung, daß Barbara immer heiterer wurde. Sie stand mit den anderen vorn an dem Gitter, das den ersten Platz von dem Rennklub schied, und lächelte, gleich ihren Verwandten, verstohlen über die stumme Begeisterung, mit der Frau Konstanze Burck hinüber in dies Allerheiligste sah und die Damen und Herren, die dort gingen und standen, anstarrte, gleich als sei da durch einen glücklichen Zufall die sonst unnahbare Welt des Gothaer Almanachs zur Schau gestellt und man könne sie für seine zwanzig Mark Eintrittsgeld nach Herzenslust hinter ihrem Zaune mustern. Nur daß sie von keinem wußte, wer es war, verdroß sie. Sie brannte vor Neugierde, es zu erfahren. Aber es sagte es ihr niemand. Sie mußte sich mit einer stummen unpersönlichen Andacht begnügen, während ihre Töchter und Nichten nur Augen für die Kleider um sie hatten und sie flüsternd, oft mit einem Gemisch von Neid und Bewunderung, wenn wieder irgendeine Dollarprinzessin vorbeirauschte, miteinander verglichen, und die Herren so taten, als ob sie etwas von Pferden verständen und sich brennend dafür interessierten.

Barbara machte sich. Ihr Vater entsann sich, daß sie noch im vorigen Jahr so herausfordernd unliebenswürdig, wie sie nur, wenn sie wollte, sein konnte, fortwährend darüber hatte spötteln und mäkeln müssen, daß ihre Verwandten, die doch nicht im Sattel, sondern auf dem Kontorbock zu Hause seien, hier nun auf einmal so aufgeregt täten, weil ein französisches Pferd ein bißchen flinker lief als ein deutsches – und das ändere doch weiß Gott an den Kursen nichts ... Aber diesmal war sie ganz umgewandelt, und als der Rittmeister von Heinreich im Verein mit ein paar anderen blauberockten Pferdekennern den Vorschlag machte, zur Erhöhung der Spannung eine kleine Wette anzulegen, und die Zehnmarkscheine einsammelte, knöpfte auch sie ihr winziges Portemonnaie auf und erklärte: ja ... aber nur auf einen Schimmel. – Die Schimmel gewännen nach ihrer Erfahrung immer! Oder wo ein roter Jockey drauf säße ... Die Herren lachten über den Ansinn, und sie selber lachte mit. Aber sie blickte dabei zerstreut irgendwohin in die Ferne, wo über der glühenden Rheinebene, da die Schwarzwaldberge, dort die Vogesen, blauten. Und ihr Vater konnte, wie er auch auf dem Rennplatz Umschau hielt, Robert Burck nicht finden! Am Ende war er wirklich abgereist! Bei der bloßen Hoffnung darauf, daß es wieder Ruhe und Frieden geben könnte, fiel Otto Burck ein Stein vom Herzen. Er legte seiner Tochter, während eben ein Rennen zu Ende gelaufen wurde, und alles auf die Bahn starrte, leise die Hand auf den Arm und sagte freundlich: »Barbara ...«

»Ja, Papa?«

»Du bist mir wohl recht böse?«

»Nein, Papa ...«

Seine Stimme hatte so besorgt und zärtlich gedämpft geklungen, auf seinem Gesicht war solch ein freundlicher und, ohne daß er es wollte, fast schuldbewußter Zug, daß sie, auch in einem ganz weichen und ruhigen Ton, hinzusetzte: »Du tust eben, was du tun mußt, Papa ...«

»Nicht wahr ... das siehst du doch ein ... ich will doch lediglich dein Bestes, Barbara ...« Sie nickte nur.

»Du willst es natürlich, Papa ...«, sagte sie dann langsam und schaute wieder vor sich hin, ganz in die Weite. Sie war nun wieder sehr ernst geworden.

»Und es wird auch so kommen, Barbara ... glaub mir ... hoffe nur auf die Zeit ...«

Er bekam keine Antwort.

»Und hoffe doch auch ein wenig auf mich!« fuhr er bittend fort. »Schau, ich bin doch alt, ich hab' viel erlebt. Ich kann manches besser beurteilen als du. Schließlich wirst du es mir noch danken ...«

Sie lächelte nur sonderbar. Sie widersprach ihm nicht. Es schien ihr nicht der Mühe wert. Und nach einer Weile setzte er scheu hinzu: »Ich mein' es ja so gut. Du hast vielleicht die letzten Nächte schlecht geschlafen, aber ich weiß Gott auch, mein Kind. Ich hab' dich ja so lieb, Barbara, viel, viel lieber als die anderen – das kannst du mir glauben ... Es ist mir so schrecklich, daß ich dir Kummer zufügen muß ... und du mir ... und Mama ist dann noch oft ganz unnütz grausam und reizt einen – das wissen wir beide ja ... aber ich hoffe immer noch, es löst sich alles, wie es nun einmal soll ...«

»Das hoffe ich auch, Papa ...«

»... und es kommt das Vergessen, Barbara ... und es kommt die Ruhe. Und es fängt ein neues Leben an. Wir wollen geduldig sein und warten. Komm, gib mir die Hand«, er faßte ihre Rechte, »... und sag mir, daß du mich noch ein bißchen lieb hast! Es quält mich so, Barbara ...«

»Ja, Papa.«

»Und daß du noch Vertrauen zu mir hast und es mir bewahrst ... auch wenn ich dir jetzt so hart erscheine ...«

Sie hielt plötzlich ihren weißen Schirm vor das Gesicht. Die Sonne brannte dabei von der anderen Seite. Er beugte den Kopf und schaute plötzlich unter den Spitzenrand. Nun merkte er, daß sie weinte. Dicke Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie wandte sich ab. Niemand sollte es sehen. Alle Augen waren auf dem grünen Rasen, wo eben ein Rudel Pferde mit ihrer Last von fast auf dem Halse der Tiere kauernden, wie besessen mit Sporen und Peitsche fuchtelnden buntseidenen Zwergen in den Entscheidungslauf einbog und gleich darauf allgemeines Stimmengewirr, das Gleiten der Nummern an den Pfählen und gedämpfte Musik aus der Ferne das Ende der kurzen Hetzjagd verkündete.

Jetzt schoben und drängten sich die Menschen unruhig durcheinander. Onkel Pauluscha, der beim Finish begeistert mitgeschrien, weil er irrtümlicherweise die von ihm gewetteten Farben in der Front zu erblicken vermeinte, zerriß wütend sein Ticket in kleine Stücke, warf sie zu Boden und trampelte rachsüchtig noch ein paarmal darauf herum, um dann zu erklären, daß er ein Feind all dieser Auswüchse des Rennens sei. Otto Burck, der nun doch nicht mehr ungestört mit Barbara reden konnte, trat zu seiner Frau und sagte in der unklaren, aber freudigen Stimmung, die ihn nun noch mehr als früher das Beste hoffen ließ, leise zu ihr: »Gott sei Dank ... Robert ist gar nicht da ...« Sie erwiderte so scharf und laut, daß ihre Tochter es hören mußte. »Ich wüßte auch wirklich nicht, was Angestellte hier zu suchen hätten ... zwanzig Mark den Platz ...!« Nun hob Barbara ihren Schirm wieder und legte ihn über die Schulter. Das Wasser in ihren Augen war versiegt. Sie lächelte so teilnahmlos vor sich hin, als sei gar nichts vorgefallen. Otto Burck seufzte nur, während seine Frau das unterbrochene Gespräch mit dem neuen Regimentskommandeur ihres Schwiegersohnes wieder anknüpfte und dem eleganten Herrn, der sich ihr hatte vorstellen lassen, klagte, daß doch die wirklich gute Gesellschaft selbst in Baden-Baden schließlich recht spärlich vertreten sei. Es sei doch recht traurig, daß der Adel mehr und mehr nach Wiesbaden ziehe ...

Es waren im ganzen sechs Rennen, und es war immer dasselbe Bild. Die vorüberflitzenden bunten Farbenflecke der Jockeis, das Händeklatschen, die Zurufe auf deutsch und französisch und englisch, die den Sieger empfingen, die abenteuerlichen, zum Glück meist polnischen Flüche des Onkels Pauluscha, der sich nach jedem Laufe hoch und teuer vermaß, sich nun aber nicht weiter von den Totalisatorschaltern rupfen zu lassen – das alles klang Barbara an den Ohren vorbei und wirrte vor ihren Augen, ohne daß sie es recht verstand. Sie war allmählich wieder ganz still und viel blasser geworden. So stand sie da und schaute halb wie im Traum in all das Gesumme und Gewoge eines buntscheckigen, durcheinander wimmelnden Ameisenhaufens, als der ihr die Rennbahn und das vielgeschäftige Treiben darauf erschien. Sie fuhr plötzlich zusammen und atmete wie von einer schweren Last befreit auf, als ihr Madame Maurice Bürk mit einem verstohlenen Zwinkern in ihrem weißgepuderten, lustigen Gamingesicht den Vorschlag machte, vor dem Schlußrennen mit ihr und ihren beiden Schwestern in die Stadt zurückzufahren. Es sei schon, um die Kleider zu schonen. Nachher staube es wieder so entsetzlich.

So suchten sie hinter der Tribüne ihren Wagen, stiegen ein und rollten durch die Rheinebene dahin, über die die Abendsonne in langen, schrägen Glutstrahlen flimmerte. Es war seltsam, wie man sich auf einmal mitten aus der geputzten, in allen Sprachen schwatzenden Menschenmenge heraus auf der beinahe leeren, vom Staube schneeweißen Landstraße, auf der nur zuweilen ein heimkehrender Wagen sie überholte, zwischen Obstbäumen und weiten Feldern mit gebückt auf ihnen werkenden Landleuten befand, und tiefe Stille das Geschrei und die Musik und das Totalisatorgeklapper des Rennplatzes ablöste. Barbara schloß die Augen und schwieg, den roten Schein des sinkenden Sonnenballs als ein angenehmes, purpurnes Dämmern vor den gesenkten Lidern, und kümmerte sich wenig darum, was die Schwestern inzwischen auf französisch mit Madame Bürk sprachen und hier an Wunderwerken der Wiener Schneiderkunst, dort an Visionen aus Pariser Ateliers, die sie draußen gesehen, gegeneinander ins Feld führten. Die Pferde und die Rennen erwähnten sie jetzt, wo sie unter sich waren, überhaupt mit keiner Silbe mehr. Diese Verstellung war Sache der Herren.

Erst als man Baden erreicht hatte, schaute sie wieder auf. Sie fuhren durch die Stadt, in das Villenviertel im jenseitigen Tal der Oos, um zunächst Madame Maurice Bürk in ihrer Pension abzusetzen.

Die Pferde standen vor dem Hause still. Barbara sprang zuerst heraus und begleitete die kleine, rundliche Französin, wo jene die Klingel zog und merkwürdig rasch und scheu in dem Flur verschwand. Dann rief sie: »So! ... Nun fahren Sie weiter nach der Villa Burck hinauf!«

»Ja, so steig aber doch erst ein!« sagte Lizzie verwundert.

Zu ihrem Erstaunen antwortete Barbara auf englisch: »Nein, fahrt nur allein!«

»Ja, und du?«

»Ich bleibe hier!«

»Wo denn?«

»Nun, hier! Bei Tante Yvonne!«

Die Schwestern tauschten einen ratlosen Blick. Sie begriffen noch nicht recht. Barbara wiederholte: »Ich wohne von jetzt ab bei Tante Yvonne und gehe, sowie ihre Kur zu Ende ist in acht Tagen, mit ihr nach Paris und bleibe dort bei ihr. Also nun fahrt heim und grüßt Papa schön von mir und sagt ihm, es ginge nicht anders, und ich hatte gestern schon mit Tante Yvonne alles verabredet. Und oben in das Haus zurück käme ich erst wieder als Roberts Frau – wenn er mich dann noch haben will. Die Bürks begleiten mich nach London. Dort heiraten wir. Das dauert in England nur ein paar Wochen! Und nun adieu – einstweilen!«

Damit trat sie in das Haus und schloß die Tür. Die beiden Schwestern eilten hinter ihr her. Ihr zweistimmiges: »Barbara! ... Barbara ...!« verhallte hinter einer schlanken, weißen Gestalt, die rasch und ohne sich noch einmal umzuschauen, die Treppe hinaufschlüpfte. Als die beiden klingelten und Einlaß begehrten, erschien in dem Empfangsraum, in den sie ein Diener führte, nicht ihre Schwester und auch nicht Madame Bürk, sondern nur deren Mann, der seiner Kränklichkeit halber nicht mit zu den Rennen hinausgefahren war. Der alte Pariser hatte, während er sich, die Havanna zwischen den Fingern, den Nichten näherte, seinen trockenen und ironisch-stillvergnügten Ausdruck. »Ja? Das haben wir gut gemacht, nicht wahr?« sagte er stolz. Es schien, als ob er von den beiden noch ein Lob für den geglückten Streich erwartete.

Lizzie von Hafner unterdrückte ihre Wut über den alten Sünder und sagte atemlos: »Ja, Onkel Maurice, was denkt ihr euch denn nun eigentlich?«

»Je nun – man tut, was man kann ...«

»Und was Papa dazu sagen wird ...«

»Dem geschieht ganz recht. Grüßt ihn von mir! Und er soll einmal an Frankfurt denken!«

Immer, wenn die Rede auf Frankfurt kam, bemächtigte sich des vertrockneten Ritters der Ehrenlegion eine stille Rührung. Und so sagte er auch jetzt, sonderbar lächelnd: »Er soll sich an die Zeit erinnern, wie er nach Frankfurt gekommen ist – damals – auf der Durchreise nach Paris – das ist nun vierzig Jahre her –, und ich war damals im Bankhaus Rhenus & Co. Volontär ...«

»Gott, Onkel, was sind das für alte Geschichten ...«

Maurice Bürk nickte melancholisch. »Gewiß sind sie alt! Man glaubt gar nicht mehr daran. Aber es war doch einmal so. Und es war auch gerade im Sommer. Alles schön grün und warm ... und ... ich hab' sie wirklich heiraten wollen. Kinder. Ich hab's ehrlich gemeint ...«

»Wen denn?«

Der Pariser machte eine Handbewegung in die Ferne. »Gleichviel, wen! Und euer Vater, kaum zwei Jahre älter als ich, aber er hat von Ehrbarkeit getrieft ... und das täte man doch nicht und so heiratete man doch nicht ... so unter seinem Stande! Und er hat mich glücklich bei den Verwandten angezeigt. Da war ein einziges Geschrei: ›Um Gottes willen, das Moritzche macht Dummheiten in Frankfurt, tut ihn weg, nach Paris, daß er solide wird‹ ... ja ... da war es nun aus!«

Der alte Pariser war aufgestanden und tat einen bedächtigen Zug aus seiner Havanna. Dann sagte er ganz gemütlich, aber doch ein wenig bissig: »Euer Vater hat damals zwei auseinander gebracht ... gegen meinen Willen. Jetzt bring' ich ihm zwei zusammen, gegen seinen Willen. Es gleicht sich alles mal wieder aus ... enfin ... assez de cela, mes petites ... Geht heim! Sonst denkt man, ihr seid auch durchgebrannt. Die Barbara bekommt ihr heute doch nicht mehr zu sehen. Die steht drüben bei uns am Fenster und wartet auf jemand ganz anderen ...« Damit begleitete er die beiden jungen Frauen höflich bis hinaus zu ihrem Wagen und half ihnen hinein und schloß den Schlag. Sie waren so verstört, daß sie das alles ohne Widerrede geschehen ließen, und fuhren eilig hinauf zu der Villa Burck. Dort oben saß Otto Burck, der Hausherr, in ungewöhnlich heiterer Laune zwischen seinen Gästen im Garten. Es war schon dunkel geworden – Wolkendunst am Himmel, der sich von der Rheinebene regendrohend herüberspann, verdeckte die Sterne –, aber im Park schaukelten und leuchteten überall wie bunte Glühwürmchen die vielfarbigen Laternen der italienischen Nacht, die der Gärtner auf Geheiß der Hausfrau vorbereitet hatte. Und jetzt ließ der Mann hinter einem Gebüsch her Raketen steigen, daß die Damen in die Hände klatschten und unbekannte Stimmen draußen: »Ah« machten und die Herren lachend die Bowle zudeckten, aus Furcht, daß eine der Raketen in sie fallen möge. Und schließlich kam der Hauptpunkt. Grünes bengalisches Licht flammte auf und übergoß mit geisterhafter Helle den Garten und die Villa dahinter, die Charakterköpfe der alten Burcks, die jungen Frauengesichter, die flimmernden Uniformen – und Otto Burck faltete froh die Hände und sprach: »C'est un vrai festin de Balthasar ...«, worunter er sich selber nichts Rechtes mehr dachte. Er hatte die Redensart vor vierzig Jahren aus Paris, aus einer längst verschollenen Operette mitgebracht.

Und im Glanz des bengalischen Feuers sah er endlich seine Töchter durch die Gartentür kommen. Man hatte sich schon gewundert, wo sie blieben. Aber es waren nur zwei. Barbara fehlte. Und sie sahen so bleich aus. Das kam doch nicht allein von dem künstlichen grünen Licht?

Und sie wollten auch nicht recht mit der Sprache heraus. Sie konnten ihren Eltern doch nur unter vier Augen das Unheil melden, und die beiden saßen ganz hinten im Pavillon zwischen ihren Gästen, und Otto Burck merkte, daß da etwas nicht in Ordnung war. Er wurde plötzlich unruhig und beklommen und hörte kaum mehr, was der elegante Oberst, der Regimentskommandeur seines Schwiegersohnes, erzählte. Er hatte eine Angst vor neuen Aufregungen. Er konnte sich ja nicht denken, welche – aber er wurde innerlich schon ganz leidenschaftlich und gereizt, daß man ihm nie und nimmer seine Ruhe ließ. Er blickte fast unverwandt nach dem Gartengitter, und auch seine Frau saß wie auf Kohlen. Und ohne daß man eigentlich merkte, woher das kam, erlahmte allmählich das Gespräch. Eine gewisse Unruhe ging von dem Hausherrn und der Hausfrau und ihren Töchtern auf die anderen über. Man war in einer unbehaglichen Spannung. Man wartete ... ohne zu wissen, auf was.

Und eben als solch eine allgemeine Stockung in der Unterhaltung eingetreten war, stand plötzlich ein Mensch mit einem Köfferchen in der Hand mitten im Garten. Es war der Diener aus Maurice Bürks Pension. Er hatte in der Dunkelheit den Hintereingang verfehlt und fand nun nicht recht weiter. Lizzie erkannte ihn und trat auf ihn zu. Er gab ihr ein Zettelchen. Aber sie konnte es in der Erregung nicht lesen. Und nun schaute ihr schon Frau Konstanze Burck, die den Entschluß gefaßt und sich den Weg frei gemacht hatte, über die Schulter und entzifferte es, erst halblaut, dann murmelnd ... es war nur eine Liste von etwas Wäsche und anderen Gegenständen, deren Zusendung durch den Boten sich Barbara von ihrer Schwester für diese Nacht erbat – und sie stutzte und begriff jählings, und als ihr nun Lizzie verstört zuraunte: »Sie ist fort« – wiederholte sie das in lautem Entsetzen und noch lauter Frau von Heinreichs bang gezischeltes: »Sie will in London Robert heiraten!«, so daß alles aufsprang und Otto Burck in Eile den Diener wegschickte und, selbst ganz blaß geworden, zu ihr hintrat: »Sei doch still! ... Um Gottes willen ... sei doch still.«

Aber nun hatte sie die Fassung verloren. Nun kümmerte sie nichts mehr, auch nicht die Anwesenheit der Gäste. Die Baden-Badener Kulturtünche fiel. Sie schrie abermals: »Sie ist fort! ... Sie will ihn heiraten ... Und ihr laßt's geschehen ... Otto ... und du stehst da ...«

»So sei doch still!« Er beschwor sie immer wieder, mit einem ratlosen Blick auf die Eingeladenen.

Aber sie war wie von Sinnen: »Sie ist fort! ... Einfach fort! ... Läuft aus dem Hause wie eine Schlampe! ... Und schämt sich nicht einmal! Das erlebt man an seinen Kindern! So wird einem die Liebe und Treue gelohnt. Nun sind wir so weit, Otto! Und nun wird man mit den Fingern auf uns weisen. Man wird ...«

»Jetzt mäßigst du dich ... auf der Stelle!« Ihr Mann konnte kaum mehr seine Fassung bewahren. Er zitterte an allen Gliedern.

Aber sie hörte gar nicht auf ihn. Sie rief dem Diener nach, der sie gar nicht mehr hörte: »Hier wird nichts gegeben ... nichts ... nichts! ... Sagen Sie dem Fräulein ... sie könnte bleiben, wo sie wollte ... das kümmere hier niemanden mehr ... und möge sich hier nicht mehr sehen lassen ... das riete ich ihr ... zu ihrem eigenen Besten ...«

»Ich habe zu reden!« unterbrach sie Otto Burck. Er hatte die Fäuste geballt. Aber sie redete sich in immer blindere Wut hinein.

»Also das ist das letzte! ... Aus ist's! ... Mögen sie in Gottesnamen betteln gehen, wenn sie's so freut ... sie samt ihrem sauberen Angestellten ... dieser Mensch! ...Aber sie sind einander würdig ... sie verdienen einander ... sie ihn ... und er diese ... diese Person ...«

»Du sprichst von meinem Kind!« schrie plötzlich Otto Burck mit einem Ton, daß alles zusammenfuhr. Sein Gesicht hatte sich dunkelrot gefärbt. Seine Frau prallte ein paar Schritte von ihm zurück, mitten in dem Ausbruch ihrer Leidenschaft, in dem sie endlich einmal ganz sie selbst war, mit den Instinkten der Unbildung, dem Temperament der reich gewordenen deutsch-polnischen Familie, aus der sie stammte. Sie wich immer mehr nach hinten. Aber er ging ihr nach und schrie immer lauter. Er hatte jetzt auch jede Fassung verloren. Um die Gäste scherten sie sich beide nicht mehr. Die Töchter schluchzten laut und krampfhaft. Das ganze Haus Burck verlor plötzlich den Untergrund. Es schwankte und stürzte wie ein Haufen Kartenblätter zusammen.

Frau Konstanze Burck zog sich immer weiter vor ihrem Gatten zurück, gegen das Haus zu. Es war seltsam zu sehen – diese große, starke Frau, die dem viel kleinerem Manne nicht standzuhalten wagte, aus Angst, er könne ihr etwas antun, wie er ihr da folgte, mit den Fäusten fuchtelnd, ganz verwandelt von einem Zorn und fortwährend, ohne daß irgend jemand dagegen sprach, wiederholend: »Du sprichst von meinem Kind ... du sprichst von meinem Kind ...«

Seine Stimme überschlug sich schließlich. Er mußte Atem schöpfen. Diesen Augenblick benutzte Frau Konstanze Burck, um sich zur Wehr zu setzen: »Es ist doch auch mein Kind! Was willst du denn eigentlich?«

Aber da erschrak sie. Nun brach er los. Alles bisher war nichts dagegen gewesen. Weder sie noch sonst jemand aus der Familie hätte dem stillen, alten Herrn das zugetraut. Er kannte sich selbst nicht mehr. Es war, als schrie aus ihm ein ganz Fremder seine Worte. Aber die Worte waren Wahrheit. Endlich! Nur jetzt heraus mit allem ... mit allem, was durch Jahre und Jahrzehnte stillgelegen und geschlafen hatte ...

»Nein. Es ist nicht dein Kind!« Er schüttelte die beiden Schwiegersöhne, die ihn beruhigen wollten, von sich und gab dem schwächlichen Franzl Hafner einen kräftigen Stoß. »Kinder hat man nur, wenn man sie lieb hat. Sonst sind das fremde Kinder und bleiben einem fremd und gehen ihre Wege! So hast du's gemacht. Die Lieblosigkeit selber warst du ... immer ... überall ... gegen alle ... dadurch hast du das Haus so leer und öde gemacht. Jeder ist gerne daraus herausgegangen ... da die Anna ... die Lizzie ... Glaubst du, denen liegt etwas an uns? Gar nichts liegt ihnen daran!« Er wehrte mit der Hand das verzweifelte Geschluchze der beiden jungen Frauen ab. »Ach ... laßt nur ... ich kenn' euch doch ... Wenn der Alte nur Geld herausrückt, weiter hat er keinen Zweck ...«

Und wieder wandte er sich an seine Frau, die ganz fahl geworden war und mit halboffenem Mund und herabhängenden Armen in ungläubigem Schrecken sich nicht mehr rührte. »Was die Kinder hätten empfinden können, das hast du immer getötet mit deiner Lieblosigkeit! Mich auch! Ich bin ein alter, müder Mann geworden vor der Zeit, durch dich! ... Nun hab' ich noch die Barbara gehabt, nun hast du mir auch die aus dem Hause getrieben ...«

»Hab' ich sie denn gehen heißen!« ächzte Frau Konstanze Burck. Er schrie: »Ja ... du! Wo ich schonend mit ihr war, da warst du hart ... Man hätte Mitleid mit ihr haben müssen, statt dessen hast du sie bis aufs Blut gereizt. Jedes Wort von dir war ein Nadelstich ... und eine Dummheit und eine Taktlosigkeit dazu ... ja ... dafür kannst du freilich nicht ... so bist du nun einmal ... so verdirbst du mir alles im Leben ... so hast du mir immer alles verdorben ... jetzt auch dies letzte ... jetzt steh' ich glücklich ganz allein mit all meinen Sorgen und Geschäften da ...« Plötzlich schloß er mit einem jähen Gedankengang und sagte, sich umschauend, gedämpfter: »Ich möchte wirklich wissen, warum ich dich geheiratet hab'! Es wäre viel besser gewesen, ich hätte es nicht getan!«

Draußen, unter den Ohrenzeugen auf der Straße, lachte jemand. Das reizte ihn, und er fuhr seinen Schwager Pauluscha, der düster und majestätisch vor ihn trat, an: »Du sei nur still, du Bajazzo! Warum dich der liebe Gott überhaupt geschaffen hat, das ist ihm allein bekannt ...« »Ja. und das sagst du mir so einfach ins Gesicht?« Onkel Pauluscha wich erschüttert zurück.

»Ich hab' es dir schon lange sagen wollen!« meinte der alte Herr. Er hatte jetzt seine Haltung wiedergefunden. »Seit wir uns kennen, hab' ich dir's sagen wollen! Du warst mir immer ein Greuel. Aber ich habe geschwiegen und Rücksicht genommen ... stets ... auf jeden ... und mir tut jeder weh, wie's ihm gerade paßt. Na ... nun ... nun hab' ich reinen Tisch gemacht – in Gottesnamen auch mit dir ...«

Frau Konstanze Burck war inzwischen längst in das Haus geflohen und hatte sich in ihrem Zimmer eingeriegelt. Von dort hörte man ihre Weinkrämpfe. Das Mädchen lief nach dem Arzt. Auf der Straße überholte sie die letzten Gäste, die sich still beiseite geschlagen hatten. Nur ein junger Offizier erkannte sie und fragte: »Sagen Sie mal, Kindchen: Geht das bei den Herrschaften immer so zu?« Er verstummte sofort wieder auf einen warnenden Blick seines schweigsamen und in übelster Laune befindlichen Kommandeurs. Der Rittermeister von Heinreich war mit seinem Schwager und ihren beiden Frauen in das Haus getreten. Dort standen sie in dem taghell erleuchteten, für zwanzig, dreißig Personen gerichteten großen Saal mitten unter dem Kronleuchter und berieten sich mit bleichen Gesichtern. Otto Burck fand sich nun, allmählich wieder ganz zu sich gekommen, auf einmal allein in dem weiten Garten, auf dem Kiesplatz mit den leeren, unordentlich durcheinander geschobenen Stühlen, dem verlassenen, mit halbvollen Bowlengläsern besetzten Rundtisch, auf dessen Kanten noch ein paar in der Eile des Aufbruchs weggelegte Zigarren glimmten. Auch die dunklen Menschengruppen auf der Straße hatten sich, als es nichts mehr zu hören und zu sehen gab, verloren. Es war ganz still. Nur die Hunde bellten da und dort aus fernen Villen durch die Nacht, und gedämpfte Musik tönte von dem Konversationshaus. Plötzlich erfaßte Otto Burck in dieser Vereinsamung ein Gefühl von unbestimmter Angst. Er ging, langsam und bedächtig, mit abgemessenen Schritten wie sonst, in die Villa hinein und stieg zu seinem Arbeitsgemach empor. Nun lag der Garten völlig menschenleer, voll und hell von den vielfarbigen, papierenen Festlampen, die überall schaukelten und glühten. Dann kam der Gärtner, behutsam und leise, um die Herrschaft drinnen nicht zu stören, und blies eine nach der anderen aus, und die italienische Nacht hatte ihr Ende, und alles wurde finster.

Drinnen saß der Hausherr am Schreibtisch. Er hatte sich auf einmal in den Kopf gesetzt, daß er jetzt arbeiten müsse – jetzt gerade! – und kramte eigensinnig in den Stößen von Geschäftspapieren, die vor ihm lagen. Er fuhr sich aufseufzend mit der Hand über die Stirne, und alle Buchstaben und Zahlen tanzten ihm vor den Augen. Er gab sich wieder einen Ruck und murmelte halb geistesabwesend: »Wo sind nur die Wechsel? ... Wo sind Sie nur?« Dann ließ er schließlich alles sinken und starrte, die Hände im Schoß, vor sich hin, in den verschleierten Glanz der Lampe, als ein müder Mann ...

So fand ihn seine älteste Tochter, als sie zu ihm hineinkam. Frau von Heinreich war außer sich. Sie zitterte bis in die Fingerspitzen. Ihr Mann war lieber gar nicht mitgekommen. Der ging unten mit langen Schritten auf und ab, daß die Sporen klirrten und das Parkett krachte, und hatte nur geäußert: »Das ist unmöglich! Diese Indianertänze der Schwiegereltern vor versammelten Gästen! – und draußen der Beifall des Volkes am Zaun! ... Man habe ja förmlich mit dem Teller einsammeln können am Schluß der Vorstellung ... Kinder und Soldaten die Hälfte! Damit müsse Schluß gemacht werden, was ihn betreffe – unter allen Umständen ...!«

Und die elegante, tränenüberströmte junge Offiziersfrau überhäufte jetzt ihren Vater mit Vorwürfen: »Papa – wodurch hab' ich das verdient – diese blutige Blamage? Wo ich alles daran gesetzt hab', aber auch alles, um mir eine Position im Regiment zu schaffen – du weißt nicht, was man da auch manchmal herunterschlucken muß als Bürgerliche – ich sag' euch auch nicht alles –, und ich hab's erreicht und alle sind nett zu mir und zu euch, und der neue Oberst, vor dem wir soviel Angst gehabt haben, kommt selbst zu dir – nein – da müßt ihr einem die ganze Geschichte verderben ... Als ob ihr's euch ausgerechnet hättet, aber auch gleich alles in Stücke zu schlagen ... so wie wenn unser Bursche mit dem Porzellan die Treppe heruntersegelt, daß es nur so klirrt. Was sollen die Herren im Regiment denn um Gottes willen glauben, wo ich herkomm'! ... Aber nun ist's zu spät! Nun ist das Unglück fertig ... Wie sollen wir uns denn jetzt noch halten ...? Wenn wir nun in nächster Zeit eines schönen Morgens in einem Dorf aufwachen, dann wundere dich nicht! Und dann muß Werner natürlich seinen Abschied nehmen, und dann mußt du ...«

Sie wollte fortfahren: »... und dann mußt du uns doch ein Gut kaufen, was du nie hast tun wollen« – aber sie hielt an sich. Sie fühlte: dazu war jetzt doch nicht die Zeit.

Um so schonungsloser war nun wieder Lizzie, die ihr gefolgt war, in ihrem Zorn. Sie lösten sich darin ab. Gerade heut' diese Szene! Vor ihren Wiener Bekannten. Sie könne sich dort ja gar nicht mehr sehen lassen. Und das alles wegen der Barbara ... dem dummen Fratz.

»Ihr schließt euch doch sonst immer ein, eh' ihr euch zankt«, endete sie weinend. »Es braucht's doch nicht jeder gleich zu wissen ... aber bis ins Hotel drüben haben sie's gehört und gefragt, was bei uns los ist ... Jesus, Maria und Joseph – mir klingen noch die Ohren. Solch einen Schrecken hab' ich mein Lebzeit noch nicht gehabt.«

Und Frau von Heinreich setzte, nun etwas gesammelter, hinzu: »Papa ... Werner und ich sind da derselben Meinung. Wir müssen morgen früh in die Garnison zurück! Lieber auf den Urlaub verzichten! Aber wir dürfen jetzt dem Oberst nicht von der Seite gehen! Wir müssen ihm Aufklärungen zu geben suchen ... und den anderen auch ... denn wenn sich das noch ein paar Wochen in unserer Abwesenheit herumspricht ... retten wir eben, was zu retten ist ... viel wird's ja nicht mehr helfen ...«

Und nun hatte auch Frau von Hafner durch das Beispiel der Schwester ihren vollen Trotz gewonnen und erklärte: »Und ich fahr' mit dem Franzi heim nach Wien! Das wird eine Freude geben, die Schandmäuler stopfen – eins nach dem anderen – und wenn's letzte zu ist, tut sich's erste wieder auf ... aber die Anna hat ganz recht. Wir können dir da nicht helfen ... Wir müssen fort ...«

Zu ihrem Erstaunen stand ihr Vater, der die ganze Zeit geschwiegen und trübe vor sich hingeschaut hatte, plötzlich ruhig auf, ging zur Tür und öffnete die. »So!« sagte er. »Ich warte nicht erst lange, bis ihr geht! Ich schicke euch heim!«

Und während die beiden jungen Frauen sich verständnislos ansahen, fügte er mit einer gelassenen Stimme, durch die nur ein leichtes, unterdrücktes Beben klang, hinzu: »Macht nur, daß ihr wegkommt! Geht nur zu euren Männern! In euer Haus! Erzieht dort eure Kinder, statt eurem alten Vater Verhaltungsmaßregeln zu geben! Wenn ich euch einmal wieder sehen will, werde ich es euch sagen lassen ...«

»Aber, Papa ...« Anna von Heinreich war von neuem erschrocken. Und ebenso Lizzie. So hatten sie ihren Vater noch nie gesehen. Er war ganz verwandelt diesen Abend – und sah sie so sonderbar an, vom Schreibtisch her, während sie, die feuchten Taschentücher ratlos in den Händen knüllend, beisammen in der Mitte des Zimmers standen.

»Also Kinder ... gute Reise!« sagte er trocken und nahm weiter von ihrer Anwesenheit keine Notiz, sondern vertiefte sich in die Rimesse, die er glücklich gefunden und prüfte aufmerksam den Namenszug auf der Rückseite des Papierstreifens. Die beiden Weltdamen schlichen schließlich scheu aus dem Zimmer.

Da atmete Otto Burck auf und trat an das Fenster und schaute in das Dunkel hinaus. Und sann darüber nach, wie wenig doch im Grunde dazu gehörte, um solch einen Kreis von Menschen, die in Jahrzehnten durch Verwandtschaft und Geschäft verbunden und aufeinander angewiesen waren, zu sprengen. Der innere Zusammenhang fehlte. Eigentlich waren sie sich doch immer fremd geblieben. Es war nie ein rechtes, wahres Familienleben gewesen. Es zerriß jetzt noch nachträglich, nach Jahrzehnten, wie ein Spinnweb durch ein paar laute Worte. Nun war er frei und allein.

Ganz allein. Und in der tiefen, jählings hereingebrochenen Einsamkeit, die Otto Burck plötzlich umgab, dachte er an seine Jüngste und sehnte sich nach ihr.

Sie war ihm immer die Liebste gewesen. Nun war sie doch von ihm weg. Und das war das beste Mittel, Otto Burck zu etwas zu zwingen. Je weniger Liebe man ihm erwies, desto mehr brachte er aus sich hervor, damit das Gleichmaß wiederhergestellt werde. Und so bangte er sich jetzt, wo plötzlich sein ganzes Haus unheimlich lichterhell und ausgestorben dalag, gerade nach seiner Barbara, die alle Schuld daran trug – mit einer unwilligen Zärtlichkeit, deren er sich selber schämte und in die sich schon eine leise Reue mischte.

Barbara hatte ihn in dieser Stunde ganz aus dem Sinn verloren und alle oben in der Villa Burck, von deren Katastrophen sie noch nichts ahnte. Sie saß im Salon der Tante Yvonne, Hand in Hand mit Robert. Es konnte keine angenehmere Hüterin ihres Beisammenseins geben als Madame Maurice Bürk, die kein Wort von dem verstand, was sie sich auf deutsch zuflüsterten und zulachten, und zudem, um ihren französischen Roman bequemer durchblättern zu können, ihren Sessel so gedreht hatte, daß sie jenen den Rücken zuwandte und nicht sah, wenn sie sich küßten. Noch weniger hörte sie es. Sie war wie von einer plötzlichen Taubheit befallen, und auf ihrem lustigen Gamingesicht, dessen dunkles Schnurrbärtchen deutlich durch die dichte weiße Puderschicht schimmerte, lag ein Ausdruck mütterlichen Wohlwollens und tiefster Selbstzufriedenheit.

Ihr Mann hatte vom Diener die abendliche Magenverpackung bekommen und lag, in ein weißes Laken gewickelt, in stoischer Ruhe nebenan und blies sich die krabbelnden Fliegen von der Nasenspitze weg. Er dachte in der träumerischen Frankfurter Duselstimmung, die ihn heute nicht mehr verließ, an einst ... an die Jugend ... und wie alles gekommen war ... und wie es hätte kommen können, vor vierzig Jahren ... enfin ... tout passe – er war zum Philosophen geworden in seinem langen Boulevardleben, und schließlich schnarchte er friedlich.

Drinnen tuschelten Robert und Barbara weiter und sprachen von ihrer Zukunft. Er sagte: »Es wird einem ja weiß Gott nicht leicht, auf das zu verzichten, was dein Vater geboten hat. Es ist ja nicht das persönliche Wohlleben – oder die Eitelkeit, daß man nun auf einmal der große Mann ist – aber die Möglichkeit, so recht aus dem vollen zu wirtschaften, zu zeigen, was in einem steckt – es zuckt mir vor Ungeduld bis in die Fingerspitzen – nun – das hat nicht sein sollen, und es gab da auch natürlich gar kein überlegen – ein netter Handel das, seinen alten Vater um dreißig Silberlinge zu verschachern – aber freilich ...« Er zog ein Bündel Depeschen aus der Tasche. »Da schau, darauf verwendet Papa den Hundertmarkschein, den ich ihm bei der Abreise gegeben hab' ... Er ist großmütig und läßt die Post etwas verdienen. Jeden Tag kommen ein paar Telegramme. Ich antworte schon gar nicht mehr.«

Er reichte ihr die Blätter. »Da lies! Ist das nicht zum Verzweifeln? Immer wieder die Frage: Wie lange soll ich noch warten? Wann wird eure Verlobung endlich öffentlich bekanntgegeben? Wann habe ich den Rückhalt an deinem künftigen Schwiegervater? – Ja – großer Gott – ich kann ihm doch nicht antworten: Der einzige Grund, weswegen das alles nicht geschieht, das bist ja eben du! Du bist der Stein des Anstoßes! Dann geht er ganz rücksichtslos gegen deinen Vater vor ...«

Sie waren beide verstummt. Diese schwarze Wolke über ihnen paßte so gar nicht zu ihrer glücklichen Stimmung. Die verdüsterte sie ihnen ganz unnütz. Und plötzlich weiteten sich Barbaras Augen, und sie schaute ungläubig hinaus auf die Straße, und sein Blick folgte ihr.

Der nasse Bürgersteig war ganz menschenleer. Nur dort, neben der Laterne, stand jemand, und der Regen tröpfelte auf seinen aufgespannten Schirm. Der kleine alte Herr, der sich da unbemerkt glaubte – das war Otto Burck. Seine Stiefel waren schmutzig, seine Kleider feucht, der Wind blies um die Straßenecke und ließ die Laterne über ihm flackern. Oben flüsterte Barbara erschrocken: »Ach Gott! ... Der arme Papa! ...«

»So laufe doch hinunter ... rede mit ihm ... hol ihn!«

»Ach Gott ... bis ich erst dem Diener klingle ... bis der mir das Haustor aufschließt ... da ist er schon weg!« Sie griff nach der Fensterklinke und drehte sie auf, die Scheibe klirrte unter ihrer hastigen Bewegung. Otto Burck hörte es. Er erschrak. Er sah sich entdeckt. Und während sie den Oberkörper hinausbog, um nach ihm zu rufen, trat er schnell, scheu, wie ein Schatten, um die Ecke und verschwand, und es war nichts mehr auf der Straße als Mondschein und Regengeplätscher, und ganz in der Ferne verloren sich eilige Schritte.

Barbara wiederholte schuldbewußt: »Ach Gott ... der arme Papa!« Sie trocknete sich die herausbrechenden Tränen.

Robert aber tröstete sie. »Er kommt ja wieder!«

»Glaubst du?«

»Wenn er jetzt schon den Weg bis da unten hin gefunden hat, dann findet er ihn auch bis in das Zimmer und zu dir! Er hat dich ja viel zu lieb. Das ist ja auch wahrhaftig kein Wunder. Das geht allen so!«

Und bei diesem Ausblick erfaßte sie plötzlich beide ein Übermut des Glücks und der Hoffnungsfreudigkeit. Sie lachten und jubelten halblaut, ohne mehr daran zu denken, mit wie traurigem Gesicht der alte Burck in die Nacht hinausgeflohen war, sie umschlangen und küßten einander, bis Madame Bürk verschlafen auffuhr und dann sich räusperte und nach der Uhr sah.

Das hieß: »Junger Mann – es geht auf elf!« – Und ihr Neffe bat um die Erlaubnis, nur noch, ehe er sich empfehle, eine Depesche an seinen Vater zu Papier zu bringen, die er dann unterwegs am Nachtschalter der Post aufgeben wollte. Er und Barbara tauschten einen Blick. Jetzt hatte man schon sicheren Boden unter den Füßen. Es war nicht mehr ganz eine fromme Lüge, was man John Burke telegraphieren mußte, um ihn hinzuhalten. Robert schrieb: »Otto Burck hat unserer Verlobung grundsätzlich zugestimmt. Die Differenz ist nur noch über einen einzigen Punkt. Auch der muß sich klären. Habe Geduld und warte!«

»So!« Er stand auf und steckte das Blatt in die Tasche. Die beiden küßten sich zum letzten Male – Tante Yvonne war geräuschlos im Nebenzimmer verschwunden – und waren einen Augenblick ernst bei dem Gedanken an die ewige Not, die von da drüben, von London her, drohte. Aber dann mußten sie wieder über das närrische Zeug lachen, mit dem all die anderen Leute auf Erden sich plagten, und umarmten sich stürmisch, und sie winkte ihm durch das offene Fenster noch ein »Gute Nacht!« auf die Straße hinaus nach.

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