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Die Anweisung zum seligen Leben

Johann Gottlieb Fichte: Die Anweisung zum seligen Leben - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
authorJohann Gottlieb Fichte
titleDie Anweisung zum seligen Leben
publisherDeutsche Bibliothek in Berlin
editorHeinrich Scholz
yearo.J.
firstpub1806
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141207
projectide9eb430d
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Zweite Vorlesung

Ehrwürdige Versammlung,

Strenge Ordnung und Methode wird in das Ganze der Vorträge, welche ich hier vor Ihnen zu halten gedenke, ohne alle weitere besondere Sorgfalt ganz von selber kommen, sobald wir nur den Eingang in sie gefunden haben und den Fuß auf ihrem Gebiete festgesetzt haben werden. Jetzt haben wir es noch mit dem zuletzt erwähnten Geschäfte zu tun; und hierbei ist es die Hauptsache, uns eine noch klarere und noch freiere Einsicht in das Wesentliche, was in der vorigen Stunde aufgestellt wurde, zu erwerben. Wir werden darum von der nächstkünftigen Vorlesung an dasselbe, damals Gesagte nochmals sagen; lediglich ausgehend aus einem anderen Standpunkte, und darum uns bedienend anderer Ausdrücke.

Für heute aber ersuche ich Sie, auf folgende Vorerinnerungen mit mir einzugehen.

Eine klare Einsicht wollen wir in uns hervorbringen, sagte ich; die Klarheit aber ist nur in der Tiefe zu finden, auf der Oberfläche liegt nie etwas anderes als Dunkelheit und Verwirrung. Wer Sie daher einladet zu klarer Erkenntnis, der ladet Sie allerdings ein, mit ihm in die Tiefe herabzusteigen. Und so will ich denn auch gar nicht leugnen, sondern es sogleich im Beginnen laut bekennen, daß ich schon in der vorigen Stunde die tiefsten Gründe und Elemente aller Erkenntnis, über welche hinaus es keine Erkenntnis giebt, vor Ihnen berührt habe, und daß ich dieselben Elemente – in der Schulsprache die tiefste Metaphysik und Ontologie – in der nächsten Stunde auf andere Weise, und zwar auf eine populäre Weise auseinanderzusetzen mir vorgenommen.

Gegen ein solches Vorhaben pflegt man nun gewöhnlich einzuwenden entweder, es sei unmöglich, jene Erkenntnisse populär vorzutragen, oder auch, es sei unratsam; und das letztere sagen zuweilen Philosophen, welche ihre Erkenntnisse gern zu Mysterien machten; und ich muß vor allen Dingen auf diese Einwendungen antworten, damit ich nicht, außer meinem Kampfe mit der Schwierigkeit der Sache selbst, noch überdies mit Ihrer Ungeneigtheit für die Sache zu kämpfen bekomme.

Was nun zuvörderst die Möglichkeit anbetrifft, so weiß ich in der Tat nicht, ob es irgendeinem Philosophen oder ob insbesondere mir es jemals gelungen ist oder jemals gelingen wird, solche, welche die Philosophie systematisch studieren nicht wollen oder nicht können, auf dem Wege des populären Vortrages zum Verständnisse ihrer Grundwahrheiten zu erheben. Dagegen aber weiß ich und erkenne ich mit absoluter Evidenz folgende zwei Wahrheiten. Die erste: so jemand nicht zur Einsicht jener Elemente aller Erkenntnis, deren künstliche und systematische Entwickelung allein, keineswegs aber ihr Inhalt, ein Eigentum der wissenschaftlichen Philosophie geworden, – so jemand, sage ich, nicht zur Einsicht jener Elemente aller Erkenntnis kommt, so kommt derselbe auch nicht zum Denken und zur wahren innern Selbständigkeit des Geistes, sondern er bleibt anheimgegeben dem Meinen, und ist alle die Tage seines Lebens hindurch gar kein eigner Verstand, sondern nur ein Anhang zu fremdem Verstande; es mangelt ihm immerfort ein geistiges Sinnorgan, und zwar das edelste, welches der Geist hat. Daß daher die Behauptung: es sei weder möglich noch ratsam, diejenigen, welche die Philosophie nicht systematisch zu studieren vermöchten, auf einem andern Wege zur Einsicht in das Wesen der geistigen Welt zu erheben, gleichbedeutend sein würde mit der folgenden: es sei unmöglich, daß jemand, der nicht schulmäßig studiere, je zum Denken komme und zur Selbständigkeit des Geistes, indem die Schule allein und nichts außer ihr die Erzeugerin und Gebärerin des Geistes sei; oder, falls es ja möglich wäre, so wäre es nicht ratsam, die Ungelehrten je geistig frei zu machen, sondern diese müßten stets unter der Vormundschaft der vermeinten Philosophen und ein Anhang zu ihrem souveränen Verstande bleiben. – Übrigens wird gleich zu Anfang der nächstkünftigen Vorlesung der hier in Anregung gebrachte Unterschied zwischen eigentlichem Denken und bloßem Meinen völlig ins reine und klare kommen.

Zweitens weiß und erkenne ich mit derselben Evidenz folgendes: daß man nur durch das eigentliche, reine und wahre Denken und schlechthin durch kein anderes Organ die Gottheit und das aus ihr fließende selige Leben ergreifen und an sich bringen könne; daß daher die angeführte Behauptung der Unmöglichkeit, die tiefere Wahrheit populär vorzutragen, auch gleichbedeutend ist mit der folgenden: nur durch systematisches Studium der Philosophie könne man sich zur Religion und zu ihren Segnungen erheben, und jeder, der nicht Philosoph sei, müsse ewig ausgeschlossen bleiben von Gott und seinem Reiche. Alles, Ehrwürdige Versammlung, kommt bei diesem Beweise darauf an, daß der wahre Gott und die wahre Religion nur durch reines Denken ergriffen werde, bei welchem Beweise diese unsere Vorträge gar oft verweilen und ihn von allen Seiten zu führen suchen werden. – Nicht darin besteht die Religion, worin die gemeine Denkart sie setzt, daß man glaube, dafür halte und sich gefallen lasse, weil man nicht den Mut hat, es zu leugnen, auf Hörensagen und fremde Versicherung hin, es sei ein Gott; denn dies ist eine abergläubische Superstition, durch welche höchstens eine mangelhafte Polizei ergänzt wird, das Innere des Menschen aber so schlecht bleibt als vorher, oft sogar noch schlechter wird, weil er diesen Gott sich bildet nach seinem Bilde und ihn verarbeitet zu einer neuen Stütze seines Verderbens. Sondern darin besteht die Religion, daß man in seiner eigenen Person, und nicht in einer fremden, mit seinem eigenen geistigen Auge, und nicht durch ein fremdes, Gott unmittelbar anschaue, habe und besitze Die Idee des Selberhabens, Selberfühlens, Selbstbesitzens ist der helle Strahl, der die Religionsphilosophie des deutschen Idealismus mit dem Urgedanken der Reformation und – dem Grundgefühl der Mystik verbindet. Unter den neueren protestantischen Theologen ist es namentlich Wilhelm Herrmann in Marburg, der diesen Gedanken, übrigens unter schärfster Abweisung aller Mystik und Metaphysik, wieder und wieder mit leidenschaftlicher Schärfe und unerbittlichem Nachdruck ausgeprägt hat. Jede Auffassung der Religion als einer Aneignung fremder Anschauungen und Gedanken, und wären es selbst die Gedanken Jesu, erscheint diesem Theologen als unsittlicher Aberglaube. »Wo die Aneignung einer Tatsache nicht einfach aus ihrem Gesehenwerden folgt, sondern daneben durch eine besondere Anstrengung geleistet werden soll, ist sie unwahr.« (Die Lage und Aufgabe der ev. Dogmatik in der Gegenwart, Zeitschrift f. Theol. und Kirche, 1907, S. 13.) »Der Mensch, der Gedanken, von denen seine Seele nichts weiß, doch für sich in Anspruch nimmt, beweist damit nicht innere Lebendigkeit und gewinnt sie nicht auf diese Weise, sondern unterdrückt sie. Der wirklich christliche Glaube aber bedeutet gar nichts anderes als innere Lebendigkeit.« (S. 19 f.) Religion ist ein »Lebendigwerden des Menschen innerhalb alles dessen, was ihm als ein zweifelloses Element seiner eigenen Existenz bewußt ist«. (S. 227.). Dies aber ist nur durch das reine und selbständige Denken möglich; denn nur durch dieses wird man eine eigene Person, und dieses allein ist das Auge, dem Gott sichtbar werden kann. Das reine Denken ist selbst das göttliche Dasein, und umgekehrt: das göttliche Dasein in seiner Unmittelbarkeit ist nichts anderes, denn das reine Denken.

Auch ist, die Sache historisch genommen, die Voraussetzung, daß schlechthin alle Menschen ohne Ausnahme zur Erkenntnis Gottes kommen können, sowie das Bestreben, alle zu dieser Erkenntnis zu erheben, die Voraussetzung und das Bestreben des Christentums; und da das Christentum das entwickelnde Prinzip und der eigentliche Charakter der neuen Zeit ist, ist jene Voraussetzung und jenes Bestreben der eigentliche Geist der Zeit des Neuen Testaments. Nun bedeutet: alle Menschen ohne Ausnahme erheben zur Erkenntnis Gottes, oder, die tiefsten Elemente und Gründe der Erkenntnis auf einem andern Wege, als dem systematischen, an die Menschen bringen, ganz und genau dasselbe. Es ist darum klar, daß jeder, der nicht zurückkehren will in die alte Zeit des Heidentums, die Möglichkeit sowohl als die unerläßliche Pflicht zugeben muß, die tiefsten Gründe der Erkenntnis auf einem gemeinfaßlichen Wege an die Menschen zu bringen.

Aber, – daß ich endlich diese Argumentation für die Möglichkeit einer populären Darstellung der allertiefsten Wahrheiten mit dem entscheidendsten Beweise beschließe, dem faktischen: ist denn wohl dieselbe Erkenntnis, welche wir durch diese Vorträge in denen, die sie noch nicht haben, zu entwickeln, in andern, die sie schon besitzen, zu verstärken und zu verklären uns vorgenommen haben, auch vor unserer Zeit in der Welt irgendwo vorhanden gewesen, oder geben wir vor, etwas ganz Neues und bis jetzt nirgends Dagewesenes einzuführen? Das letztere wollen wir von uns durchaus nicht gesagt wissen, sondern wir behaupten, daß diese Erkenntnis in aller der Lauterkeit und Reinheit, welche auch wir auf keine Weise zu übertreffen vermögen, vom Ursprunge des Christentums an in jedem Zeitalter, wenn auch von der herrschenden Kirche größtenteils verkannt und verfolgt, dennoch hier und da im Verborgenen gewaltet und sich fortgepflanzt habe. Wiederum nehmen wir von der andern Seite gar keinen Anstand zu behaupten, daß der Weg einer konsequent systematischen und wissenschaftlich klaren Ableitung, auf welchem wir unseres Ortes zu derselben Erkenntnis gekommen, zwar nicht in Absicht der Versuche, wohl aber in Absicht des Gelingens vorher nie in der Welt gewesen und, nächst der Leitung des Geistes unsers großen Vorgängers Dieser Vorgänger ist Kant., größtenteils unser eigenes Werk sei. Ist also die wissenschaftlich philosophische Einsicht nie vorhanden gewesen, auf welchem Wege ist denn Christus, oder, falls bei diesem jemand einen wunderbaren und übernatürlichen Ursprung annimmt, den ich hier nicht bestreiten will, – auf welchem Wege sind denn Christi Apostel, auf welchem Wege sind denn alle folgenden, die bis auf unsere Zeiten hinab zu dieser Erkenntnis kamen, zu ihr gekommen? Unter den ersten wie unter den letzten sind sehr ungelehrte, der Philosophie ganz unkundige oder auch abgeneigte Personen; die wenigen unter ihnen, welche auf das Philosophieren sich einließen und deren Philosophie wir kennen, philosophieren also, daß der Kenner leicht bemerkt, daß ihre Philosophie es nicht sei, der sie ihre Einsicht verdanken. Sie erhielten es nicht auf dem Wege der Philosophie, heißt: sie erhielten es auf einem populären Wege. Warum sollte denn nun das, was ehemals in einer ununterbrochenen Folge von fast zwei Jahrtausenden möglich gewesen, nicht noch heute möglich sein? Warum dasjenige, was mit sehr unvollkommenen Hilfsmitteln, als noch nirgends allseitige Klarheit in der Welt sich befand, möglich war, nicht mehr möglich sein, nachdem die Hilfsmittel vervollkommnet sind und, wenigstens in der Philosophie, die umfassende Klarheit angetroffen wird? Warum dasjenige, was möglich war, als der religiöse Glaube und der natürliche Verstand dennoch immer auf eine gewisse Weise im Streite waren, nun gerade unmöglich werden, nachdem beide ausgesöhnt sind und aufgegangen ineinander und freundschaftlich anstrebend dasselbe eine Ziel?

Was aus dieser ganzen Betrachtung am entschiedensten folgt, ist die Pflicht für jeden, der von jener hohen Erkenntnis ergriffen ist, alle seine Kräfte anzustrengen, um dieselbe womöglich zu teilen mit dem ganzen verbrüderten Geschlechte, jedem einzelnen sie mitteilend in derjenigen Form, in der er derselben am empfänglichsten ist, nie bei sich fragend, noch hin und her zweifelnd, ob es auch wohl gelingen werde, sondern arbeitend, als ob es gelingen müßte, und nach jeder vollendeten Arbeit mit neuer und frischer Kraft anhebend, als ob nichts gelungen wäre: – von der andern Seite die Pflicht für jeden, der diese Kenntnis noch nicht besitzt, oder der sie nicht in der gehörigen Klarheit, Freiheit und als immer gegenwärtiges Eigentum besitzt, sich der ihm dargebotenen Belehrung ganz und ohne Rückhalt hinzugeben, als ob sie eigentlich für ihn sei und ihm gehöre und er sie verstehen müsse, keinesweges aber fürchtend und zagend: ach, werde ich es auch wohl verstehen, oder: verstehe ich es auch recht? Recht verstehen, in dem Sinne der völligen Durchdringung, will viel sagen: in diesem Sinne vermag diese Vorträge nur derjenige zu verstehen, der sie ebensowohl auch selbst hätte halten können. Auch verstanden aber und nicht unrecht verstanden hat sie jeder, der, durch dieselben ergriffen, über die gemeine Ansicht der Welt hinweggehoben und zu erhabenen Gesinnungen und Entschlüssen begeistert worden ist. Die gegenseitige Verbindlichkeit zu den beiden genannten Pflichten sei die Grundlage der Art von Vertrag, den wir zu Anfange dieser Vorlesungen miteinander errichten, ehrwürdige Versammlung. Ich werde unermüdet sinnen auf neue Formeln, Wendungen und Zusammenstellungen, gleich als ob es unmöglich wäre, sich Ihnen verständlich zu machen; gehen Sie dagegen, d.i. diejenigen unter Ihnen, welche allhier Belehrung suchen – denn den übrigen gegenüber bescheide ich mich gern der Ratgebung – gehen Sie dagegen mit dem Mute an die Sache, als ob Sie mich auf das halbe Wort verstehen müßten; und auf diese Weise glaube ich, daß wir wohl zusammenkommen werden.

Die ganze, soeben vollendete Betrachtung über die Möglichkeit und Notwendigkeit eines gemeinfaßlichen Vortrages der tiefsten Elemente der Erkenntnis wird eine neue Deutlichkeit und überzeugende Kraft erhalten, wenn man den eigentlichen Unterscheidungscharakter des populären Vortrags vom wissenschaftlichen näher erwägt: eine Unterscheidung, welche, meines Wissens, auch so gut als unbekannt und auch insbesondere denen, die so fertig von der Möglichkeit und Unmöglichkeit des Popularisierens sprechen, verborgen ist. Der wissenschaftliche Vortrag nämlich hebt die Wahrheit aus dem von allen Seiten und in allen Bestimmungen ihr entgegengesetzten Irrtume heraus und zeigt durch die Vernichtung dieser ihr gegenüberstehenden Ansichten, als irrig und im richtigen Denken unmöglich, die Wahrheit als das nach Abzug jener allein übrig bleibende und darum einzig mögliche Richtige; und in dieser Aussonderung der Gegensätze und dieser Ausläuterung der Wahrheit aus dem verworrenen Chaos, in welchem Wahrheit und Irrtum durcheinander liegen, besteht das eigentlich charakteristische Wesen des wissenschaftlichen Vortrags. Dieser Vortrag läßt die Wahrheit vor unsern Augen aus einer Welt voll Irrtum werden und sich erzeugen. Nun ist es offenbar, daß der Philosoph, schon vor diesem seinem Beweise vorher, und um denselben auch nur entwerfen und anheben zu können, somit unabhängig von seinem künstlichen Beweise, die Wahrheit schon haben und besitzen müsse. Wie aber konnte er in den Besitz derselben kommen, außer von dem natürlichen Wahrheitssinne geführt, welcher, nur mit einer höhern Kraft als bei seinen übrigen Zeitgenossen, bei ihm heraustritt; somit, auf welchem andern Wege erlangt er sie zuerst, außer auf dem kunstlosen und populären Wege? An diesen natürlichen Wahrheitssinn nun, der, wie hier sich findet, sogar der Ausgangspunkt selbst der wissenschaftlichen Philosophie ist, wendet der populäre Vortrag sich unmittelbar, ohne noch etwas anderes zu Hilfe zu ziehen; rein und einfach aussprechend die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, wie sie in sich, keineswegs wie sie dem Irrtume gegenüber ist; und rechnet auf die freiwillige Beistimmung jenes Wahrheitssinnes. Beweisen kann dieser Vortrag nicht; wohl aber muß er verstanden werden; denn nur das Verständnis ist das Organ, womit man den Inhalt desselben empfängt, und ohne dieses ist er gar nicht an uns gelangt. Der wissenschaftliche Vortrag rechnet auf Befangenheit im Irrtume und auf eine kranke und verbildete geistige Natur; der populäre Vortrag setzt Unbefangenheit und eine an sich gesunde, nur nicht hinlänglich ausgebildete geistige Natur voraus. Wie könnte nun nach diesem allen der Philosoph zweifeln, daß der natürliche Wahrheitssinn hinlänglich sei, um zur Erkenntnis der Wahrheit zu leiten, da er selbst zuerst durch kein anderes Mittel außer diesem zu dieser Erkenntnis gekommen ist?

Ohnerachtet nun die Erfassung der tiefsten Vernunfterkenntnisse durch das Mittel einer populären Darstellung möglich ist, ohnerachtet ferner diese Erfassung ein notwendiger Zweck der Menschheit ist, nach dessen Erreichung hin aus allen Kräften gearbeitet werden soll: so müssen wir dennoch bekennen, daß gerade in unserm Zeitalter einem solchen Vorhaben größere Hindernisse sich entgegenstellen, als in irgendeinem der vorhergehenden. Zuvörderst verstößt schon die bloße Form dieser höhern Wahrheit – diese entschloßne, ihrer selbst sichere und schlechthin nichts an sich ändern lassende Form auf eine doppelte Weise gegen die Bescheidenheit, welche dieses Zeitalter zwar nicht hat, aber ihm gegenüber jedem, der es unternimmt, mit ihm zu handeln, anmutet. Wohl ist es nicht zu leugnen, daß diese Erkenntnis wahr sein will, und allein wahr und nur in dieser allseitigen Bestimmtheit, in der sie sich ausspricht, wahr, und daß schlechthin alles ihr Gegenüberstehende ohne Ausnahme oder Milderung falsch sein soll; daß sie daher ohne Schonung zu unterjochen begehrt allen guten Willen und alle Freiheit des Wahnes, und durchaus verschmäht, mit irgend etwas außer ihr sich in einen Vertrag einzulassen. Durch diese Strenge finden die Menschen dieser Tage sich beleidigt, als geschähe ihnen die größte Beeinträchtigung; sie wollen doch auch befragt und höflich darum begrüßt sein, wenn sie etwas gelten lassen sollen, und auch ihrerseits ihre Bedingungen machen, und es soll doch auch einiger Spielraum übrig bleiben für ihre Kunststücke. Bei andern verdirbt es diese Form dadurch, daß sie anmutet, Partei zu nehmen, für oder wider, und sich zu entscheiden auf der Stelle, für das Ja oder Nein. Denn diese haben nicht Eile, Bescheid zu wissen über dasjenige, was allein des Wissens wert ist, und mögen sich gern ihre Stimmen offen behalten, wenn es etwa einmal noch ganz anders käme; auch ist es sehr bequem, seinen Mangel an Verstande mit dem vornehm tönenden Namen des Skeptizismus zu bedecken und da, wo es uns in der Tat an dem Vermögen gefehlt hat, das Vorliegende zu fassen, die Menschen glauben zu lassen, es sei bloß der übergroße Scharfsinn, der uns unerhörte und allen anderen Menschen unerschwingliche Zweifelsgründe herbeiliefere.

Sodann stellt in diesem Zeitalter unserm Vorhaben sich entgegen das ungeheuer paradoxe, ungewöhnliche und fast unerhörte Aussehen unserer Ansichten, indem dieselben gerade das zur Lüge machen, was dem Zeitalter bisher für die teuersten Heiligtümer seiner Kultur und seiner Aufklärung gegolten hat. Nicht, als ob unsere Lehre an sich neu wäre und paradox. Unter den Griechen ist Plato auf diesem Wege. Der Johanneische Christus sagt ganz dasselbe, was wir lehren und beweisen, und sagt es sogar in derselben Bezeichnung, deren wir uns hier bedienen; und selbst in diesen Jahrzehnten, unter unserer Nation, haben es unsere beiden größten Dichter in den mannigfaltigsten Wendungen und Einkleidungen gesagt. Aber der Johanneische Christus ist überschrien durch seine weniger geistreichen Anhänger; Dichter aber vollends wollen, meint man, gar nichts sagen, sondern nur schöne Worte und Klänge hervorbringen.

Daß nun diese uralte und auch später, von Zeitalter zu Zeitalter, erneuerte Lehre diesem Zeitalter so ganz neu und unerhört erscheint, kommt daher: seit der Wiederherstellung der Wissenschaften im neuen Europa und besonders, seitdem durch die Kirchenreformation dem Geiste auch die Prüfung der höchsten und religiösen Wahrheit freigegeben wurde, bildete sich allmählich eine Philosophie, die den Versuch machte, ob nicht das ihr unverständliche Buch der Natur und der Erkenntnis einen Sinn bekommen möchte, wenn sie es verkehrt läse; wodurch nun freilich alles ohne Ausnahme aus seiner natürlichen Lage auf den Kopf gestellt wurde. Diese Philosophie bemächtigte sich, so wie alle geltende Philosophie es notwendig tut, aller Quellen des öffentlichen Unterrichts, der Katechismen und aller Schulbücher, der öffentlichen religiösen Vorträge, der gelesenen Schriften. Unser aller jugendliche Bildung fällt in diese Epoche. Es ist daher gar kein Wunder, wenn, nachdem die Unnatur uns zur Natur geworden, die Natur uns erscheint als Unnatur; und wenn, nachdem wir alle Dinge zuerst auf dem Kopfe stehend erblickt haben, wir glauben, die in ihre rechte Lage gerückten Dinge ständen verkehrt. Dies ist nun ein Irrtum, der mit der Zeit wohl wegfallen wird; denn wir, die wir den Tod aus dem Leben ableiten und den Körper aus dem Geiste, nicht aber umgekehrt, wie die Modernen, wir sind die eigentlichen Nachfolger der Alten, nur daß wir klar einsehen, was für sie dunkel blieb; die vorher erwähnte Philosophie aber ist eigentlich gar kein Fortschritt in der Zeit, sondern nur ein possenhaftes Zwischenspiel, als ein kleiner Anhang zur völligen Barbarei.

Endlich werden diejenigen, welche, sich selber überlassen, allenfalls noch die erwähnten beiden Hindernisse überwänden, durch mancherlei gehässige und boshafte Einreden von den Fanatikern der Verkehrtheit zurückgeschreckt. Zwar dürfte man sich wundern, wie die Verkehrtheit, nicht zufrieden, in sich selber und in ihrer eigenen Person verkehrt zu sein, auch noch einen fanatischen Eifer für die Aufrechterhaltung und Verbreitung der Verkehrtheit außerhalb ihrer Person hervorbringen könne. Doch läßt auch dies sich wohl erklären; und zwar verhält es sich damit also. Als diese in die Jahre der Selbstbesinnung und Selbstkenntnis gekommen waren und ihr Inneres durchforscht hatten, und nichts in demselben gefunden als den Trieb des persönlich sinnlichen Wohlseins, auch nicht den mindesten Trieb hatten, noch etwas anderes in sich zu finden oder sich zu erwerben, haben sie um sich geblickt auf die andern Wesen ihrer Gattung und zu beobachten geglaubt, daß auch in diesen nichts Höheres anzutreffen sei, als derselbe Trieb des persönlichen, sinnlichen Wohlseins. Hierauf haben sie bei sich festgesetzt, daß darin das eigentliche Wesen der Menschheit bestehe, und haben dieses Wesen der Menschheit mit unablässigem Fleiße in sich zur möglichsten Kunstfertigkeit ausgebildet; wodurch sie in ihren Augen zu höchst vorzüglichen und ausgezeichneten Menschen werden mußten, indem sie ja in demjenigen, worin allein der Wert der Menschheit besteht, der Virtuosität sich bewußt sind. So haben sie ein Leben hindurch gedacht und gehandelt. Wenn sie nun aber in dem erwähnten Obersatze ihres Syllogismus sich geirrt hätten, und wenn in andern ihrer Gattung sich allerdings noch etwas anderes und, auf diesen Fall, ein unleugbar Höheres und Göttlicheres zeigte, denn der bloße Trieb des persönlich sinnlichen Wohlseins: so wären ja sie für ihre Person, die sich bisher für vorzügliche Menschen hielten, Subjekte niederer Art, und statt, daß sie sich bisher über alles achteten, müßten sie sich von nun an verachten und wegwerfen. Sie können nicht anders, als jene sie beschämende Überzeugung von einem Höheren im Menschen und alle Erscheinungen, die diese Überzeugung bestätigen wollen, wütend anzufeinden; sie müssen alles mögliche tun, um diese Erscheinungen von sich abzuhalten und sie zu unterdrücken; sie kämpfen für ihr Leben, für die feinste und innigste Wurzel ihres Lebens, für die Möglichkeit, sich selber zu ertragen. Aller Fanatismus und alle wütende Äußerung desselben ist, vom Anfange der Welt an bis auf diesen Tag, ausgegangen von dem Prinzip: wenn die Gegner recht hätten, so wäre ich ja ein armseliger Mensch. Vermag dieser Fanatismus zu Feuer und Schwert zu gelangen, so greift er den verhaßten Feind an mit Feuer und Schwert; sind diese ihm unzugänglich, so bleibt ihm die Zunge, welche, wenn sie auch den Feind nicht tötet, doch sehr oft seine Tätigkeit und Wirksamkeit nach außen kräftig zu lähmen vermag. Eins der gebräuchlichsten und beliebtesten Kunststücke mit dieser Zunge ist dieses, daß sie der, nur ihnen verhaßten Sache einen allgemein verhaßten Namen beilegen, um dadurch sie zu verschreien und verdächtig zu machen. Der stehende Schatz dieser Kunstgriffe und dieser Benennungen ist unerschöpflich und wird immerfort bereichert, und es würde vergeblich sein, hierbei einige Vollständigkeit anzustreben. Nur einer der gewöhnlichsten verhaßten Benennungen will ich hier gedenken: der, daß man sagt, diese Lehre sei Mystizismus.

Bemerken Sie hierbei, zuvörderst in Absicht der Form jener Beschuldigung, daß, falls etwa ein Unbefangener darauf antworten würde: nun wohl, laßt uns annehmen, es sei Mystizismus, und der Mystizismus sei eine irrige und gefährliche Lehre, so mag er darum doch immer seine Sache vortragen, und wir wollen ihn anhören; ist er irrig und gefährlich, so wird das bei der Gelegenheit wohl an den Tag kommen: jene, der kategorischen Entscheidung gemäß, mit welcher sie dadurch uns abgewiesen zu haben glauben, darauf antworten müßten: da ist nichts mehr anzuhören; schon vorlängst, wohl seit anderthalb Menschenleben, ist der Mystizismus durch die einmütigen Beschlüsse aller unsrer Rezensionskonzilien als Ketzerei dekretiert und mit dem Banne belegt.

Sodann, um von der Form der Beschuldigung zu ihrem Inhalte zu kommen: was ist er denn nun selbst, dieser Mystizismus, dessen sie unsere Lehre beschuldigen? Zwar werden wir von ihnen nie eine bestimmte Antwort erhalten; denn so, wie sie nirgends einen klaren Begriff haben, sondern nur auf weitschallende Worte sinnen, so mangelt es ihnen auch hier am Begriffe: wir werden uns selbst helfen müssen. Es gibt nämlich allerdings eine Ansicht des Geistigen und Heiligen, welche, so richtig sie auch in der Hauptsache, dennoch mit einem bösen Gebrechen behaftet ist, und dadurch verunreinigt und bösartig gemacht wird. Ich habe in meinen vorjährigen Vorträgen im Vorbeigehen diese Ansicht geschildert, und es wird vielleicht auch in den diesjährigen eine Stelle sich finden, wo ich darauf zurückkommen muß Die Abfertigung, auf die sich Fichte hier bezieht, steht in der achten Vorlesung über die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters (W W VII 113 ff.) Hiernach ist Mystizismus im weitesten, tadelnswerten Sinne jede Art von diktatorisch-willkürlicher Heiligsprechung des Unbegreiflichen als solchen. Unter diesen Begriff fallen nach Fichte drei Erscheinungen. Erstens der heidnisch-jüdische, durch Paulus und den Paulinismus auch ins Christentum verpflanzte Aberglaube an ein willkürlich verfahrendes, nie zu erratendes, aber immer zu fürchtendes höchstes Wesen, das unter dem Titel »Gott« umworben und umschmeichelt wird. Zweitens der blinde Dogmen- und Buchstabenglaube des kirchlich-versteinerten Protestantismus. Drittens – die Schellingsche Naturphilosophie und gleichsam physiologische Mystik, die mit der echt-religiösen zwar durch den gleichen Ausgangspunkt, nämlich den Willen zur Erhebung über die Sinnenwelt, verbunden ist, sich dann aber durch die absolute Willkür und hoffnungslose Verworrenheit ihrer durch physiologische Reizmittel vergifteten Phantasie von ihrer edelgeborenen Schwester trennt und als Bastarderscheinung dokumentiert.
Schelling, in seiner scharfen Erwiderung, die, bei aller persönlichen Gereiztheit und skrupellosen Gegnerschaft, heute noch lehrreich und lesenswert ist, hat Fichten den Mystizismus zurückgegeben, indem er dessen Idealismus, der das Göttliche nur im reinen Gedanken, nicht mit der spekulativen Naturphilosophie in der Naturwelt entdecken will, als Hochmut und wahnsinnigen Dünkel, an anderer Stelle, noch empfindlicher für Fichte, den niedersächsischen Bauernsohn, als groben Bauernstolz bezeichnet. (Darlegung des wahren Verhältnisses der Naturphilosophie zu der verbesserten Fichteschen Lehre 1806. W W I 7 S. 36 und 47.) »Schwärmer und Schwärmgeister«, heißt es dort weiter (S. 44), »nennen Doktor Luther und seine Zeitgenossen Menschen, die eine gewisse Verbindung und Folge von Sätzen, die bloß in ihrer Eigenheit gegründet sind und nur durch ihre Subjektivität zusammengehalten werden, aber weder in ihnen selbst, noch an sich einen objektiven Grund und Zusammenhang haben, durch ihre bloße Subjektivität geltend machen wollen.« Der denkbar schärfste und giftigste Treffer gegen den – halb verstandenen Fichte; halb nämlich, und zwar wohl absichtlich halb in bezug auf die unterstrichenen Worte, die Fichte als unerhörte Verfälschung seiner redlichsten Bestrebungen verworfen haben würde. Das Ganze ein dunkles und schmerzliches Kapitel zur Psychologie der großen Männer.
. Diese, zum Teil sehr verkehrte Ansicht durch die Benennung des Mystizismus von der wahrhaft religiösen Ansicht zu unterscheiden, ist zweckmäßig; ich für meine Person pflege diese Unterscheidung, des erwähnten Namens mich bedienend, zu machen; von diesem Mystizismus ist meine Lehre sehr entfernt und demselben sehr abgeneigt Vgl. die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, achte Vorlesung (W W VII 120 f.): Die Lehre von einem durchaus nicht willkürlich handelnden Gotte, in dessen höherer Kraft wir alle leben ..., welche unverständige Menschen sattsam geschlagen zu haben glauben, wenn sie sie Mystizismus nennen: diese Lehre ist keineswegs Schwärmerei; denn sie geht auf das Handeln, und zwar auf den innigsten Geist, welcher alles unser Handeln beleben und treiben soll. Schwärmerei würde sie werden nur dadurch, wenn das Vorgeben hinzugefügt würde, daß diese Ansicht aus einem gewissen inneren geheimnisvollen Lichte quelle, welches nicht allen Menschen zugänglich, sondern nur wenigen Auserwählten erteilt sei, – in welchem Vorgeben der eigentliche Mystizismus besteht: denn dieses Vorgeben verrät eine eigenliebige Betrachtung des eigenen Werts und einen Hochmut auf sinnliche Individualität.. So, sage ich, nehme ich die Sache. Was aber wollen die Fanatiker? – Die erwähnte Unterscheidung ist vor ihren Augen, sowie vor den Augen derjenigen Philosophie, der sie folgen, völlig verborgen; laut der erwähnten einmütigen Beschlüsse ihrer Rezensionen, ihrer Abhandlungen, ihrer belustigenden Werke, aller ihrer Äußerungen ohne Ausnahme, welche nachsehen kann, wer es vermag, und die übrigen mir indessen aufs Wort glauben können – laut dieser einmütigen Beschlüsse ist es stets und immer – die wahre Religion, die Erfassung Gottes im Geiste und in der Wahrheit, die sie Mystizismus nennen, und welche in der Tat unter dieser Benennung ihr Bannstrahl trifft. Ihre Warnung auch vor dieser Lehre, als Mystizismus, heißt demnach mit einiger Umschreibung auch hier nichts anderes, als folgendes: dort wird man euch sagen von dem Dasein eines schlechthin in keinen äußern Sinn fallenden, sondern nur durch das reine Denken zu erfassenden Geistigen; ihr wäret verlorene Leute, wenn ihr euch dessen überreden ließet; denn es existiert durchaus nichts, als das, was man mit Händen greifet, und man hat um nichts anderes sich Sorge zu machen; alles andere sind bloße Abstraktionen von dem mit Händen zu Greifenden, die durchaus keinen Gehalt haben, und welche diese Schwärmer mit der greiflichen Realität verwechseln. Man wird euch sagen von der Realität der innern Selbständigkeit und der Schöpferkraft des Gedankens; ihr seid für das wirkliche Leben verdorben, wenn ihr das glaubt; denn es existiert nichts, denn zuvörderst der Bauch, und sodann das, was ihn trägt und ihm die Speise zuführt; und die aus ihm aufsteigenden Dünste sind es, welche jene Schwärmer Ideen nennen. Wir geben die ganze Beschuldigung zu und gestehen nicht ohne freudiges und erhebendes Gefühl, daß, in diesem Sinne des Worts, unsere Lehre allerdings Mystizismus ist. Mit jenen haben wir dadurch keinen neuen Streit bekommen, sondern befinden uns in dem uralten, nie aufzulösenden oder zu vermittelnden Streite, daß sie sagen, alle Religion – es sei denn etwa die oben erwähnte abergläubische Superstition – ist etwas höchst Verwerfliches und Verderbliches und muß mit der Wurzel ausgerottet werden von der Erde, und dabei bleibt es; wir aber sagen: die wahre Religion ist etwas höchst Beseligendes und dasjenige, was allein dem Menschen hienieden und in alle Ewigkeit Dasein, Wert und Würde gibt, und es muß aus allen Kräften gearbeitet werden, daß, wo möglich, diese Religion an alle Menschen gelange; dies sehen wir ein mit absoluter Evidenz, und es bleibt daher auch dabei.

Daß jene inzwischen es mehr lieben zu sagen: das ist Mystizismus, als, wie sie sollten, zu sagen: das ist Religion, hat neben noch andern, hieher nicht gehörenden Gründen besonders noch folgende Gründe. Sie wollen durch diese Benennung ganz unvermerkt die Furcht einflößen, daß durch diese Ansicht teils Intoleranz, Verfolgungssucht, Insubordination und bürgerliche Unruhen würden herbeigeführt werden, und daß, mit einem Worte, diese Denkart gefährlich sei für den Staat; teils aber, und vorzüglich, wollen sie die, welche auf dergleichen Betrachtungen, wie die gegenwärtigen, sich einlassen sollten, besorgt machen für die Fortdauer ihres gesunden Verstandes und ihnen zu verstehen geben, daß sie auf diesem Wege wohl dahin kommen könnten, Geister am hellen Tage zu sehen – welches ein besonders großes Unglück sein würde. Was das erste anbelangt, die Gefahr für den Staat, so vergreifen sie sich in der Benennung dessen, von welchem Gefahr zu befürchten sei, und sie rechnen ohne Zweifel sehr sicher darauf, daß niemand sich finden werde, der die Verwechselung aufdecke; denn niemals hat weder das, was sie Mystizismus nennen, die wahre Religion, noch auch das, was wir also nennen, verfolgt, Intoleranz gezeigt, bürgerliche Unruhen angerichtet. Durch die ganze Kirchen-, Ketzer- und Verfolgungsgeschichte hindurch stehen die Verfolgten jedesmal auf dem verhältnismäßig höhern und die Verfolger auf dem niedern Standpunkte; die letztern fechtend, so wie wir oben es angegeben, für ihr Leben. Nein! intolerant, verfolgungssüchtig, Unruhen erregend im Staate ist allein diejenige Gabe, welche sie selbst besitzen, der Fanatismus der Verkehrtheit; und wenn es sonst ratsam wäre, so möchte ich wünschen, daß die Gefesselten noch heute losgelassen würden, damit man sähe, was sie begönnen. Was das zweite betrifft, die Erhaltung des gesunden Verstandes, so hängt diese zunächst von der körperlichen Organisation ab, und gegen deren Einflüsse schützt notorisch selbst die allertiefste Plattheit und die allerniedrigste Gemeinheit des Geistes keinesweges; – daß man sich also nicht in die Arme dieser zu werfen braucht, um der gefürchteten Gefahr zu entgehen. So viel mir bekannt ist und, seitdem ich lebe, bekannt worden, sind sogar diejenigen, welche in den Betrachtungen, von denen hier die Rede ist, leben und in ihnen ihr ununterbrochenes Tagewerk treiben, jenen Zerstreuungen keinesweges ausgesetzt, sehen keine Gespenster und sind an Leib und Seele so gesund als andere. Daß sie im Leben zuweilen nicht tun, was die meisten andern an ihrer Stelle getan haben würden, oder tun, was die meisten andern an derselben Stelle unterlassen haben würden, kommt keinesweges daher, weil es ihnen an Scharfsinn gefehlt hätte, die erste Handelnsmöglichkeit oder die Folgen der zweiten zu sehen, wie derjenige, der in ihrer Stelle das Gewußte sicher getan hätte, nicht umhin kann zu glauben, sondern – aus andern Gründen. – Mag es doch immer kränkliche geistige Naturen geben, welche, sobald sie über ihre Haushaltungsbücher oder, was sie sonst Reelles treiben, hinauskommen, sogleich in den Zustand der Irren geraten; bleiben diese bei ihren Haushaltungsbüchern! – nur wünschte ich nicht, daß von ihnen, die doch hoffentlich die kleinere Zahl und sicher die niedere Art sind, die allgemeine Regel entlehnt, noch, dieweil es Schwache und Kranke unter den Menschen gibt, das ganze Menschengeschlecht als schwach und krank behandelt würde. Daß man sich auch der Taubstummen und der Blindgebornen annimmt und einen Weg sich ausgesonnen hat, um an sie Unterricht zu bringen, ist alles Dankes wert – von den Taubstummen nämlich und den Blindgebornen. Wenn man aber diese Weise des Unterrichts zum allgemeinen Unterrichte, auch für die Gesundgebornen, machen wollte, weil neben ihnen doch immer auch Taubstumme und Blindgeborene vorhanden sein könnten, und man dann sicher wäre, für alle gesorgt zu haben; wenn der Hörende ohne alle Achtung für sein Gehör ebenso mühsam reden und die Worte auf den Lippen erkennen lernen sollte, als der Taubstumme, und der Sehende ohne alle Achtung für sein Sehen die Buchstaben durch Betastung lesen, so würde dies gar wenig Dank verdienen von den Gesunden; ohnerachtet diese Einrichtung freilich sogleich getroffen werden würde, sobald die Einrichtung des öffentlichen Unterrichts von dem Gutachten der Taubstummen und Blindgeborenen abhängig gemacht würde.

Dies waren die vorläufigen Erinnerungen und Betrachtungen, welche ich Ihnen heute mitzuteilen für ratsam erachtete. Über acht Tage werde ich die Grundlage dieser Vorträge, welche zugleich die Grundlage der ganzen Erkenntnis enthält, Ihnen von einer neuen Seite und in einem neuen Lichte darzustellen suchen, wozu ich Sie ehrerbietig einlade.

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