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Die Anweisung zum seligen Leben

Johann Gottlieb Fichte: Die Anweisung zum seligen Leben - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
authorJohann Gottlieb Fichte
titleDie Anweisung zum seligen Leben
publisherDeutsche Bibliothek in Berlin
editorHeinrich Scholz
yearo.J.
firstpub1806
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141207
projectide9eb430d
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Erste Vorlesung

Ehrwürdige Versammlung,

Die Vorlesungen, welche ich hiermit eröffne, haben sich angekündigt als die Anweisung zu einem seligen Leben. Uns fügend der gemeinen und gewöhnlichen Ansicht, welche man nicht berichtigen kann, ohne fürs erste an dieselbe anzuknüpfen, konnten wir nicht umhin, uns also auszudrücken; ohnerachtet, der wahren Ansicht nach, in dem Ausdrucke: seliges Leben etwas Überflüssiges liegt. Nämlich: das Leben ist notwendig selig, denn es ist die Seligkeit; der Gedanke eines unseligen Lebens hingegen enthält einen Widerspruch. Unselig ist nur der Tod. Ich hätte darum, streng mich ausdrückend, die Vorlesungen, welche zu halten ich mir vorgesetzt hatte, nennen sollen die Anweisung zum Leben oder die Lebenslehre Eine solche Lebenslehre hat auch der in seiner Bedeutung merkwürdig unterschätzte Philosoph der »Gottinnigkeit« und des Panentheismus, Karl Christian Friedrich Krause (1781-1832) verfaßt. Er hat sie mündlich, in Vorlesungen, vorgetragen, die 1828 und 1829 in Göttingen gehalten und 1843 von seinem treuesten Schüler Karl Hermann von Leonhardi aus seinem Nachlaß herausgegeben worden sind. Eine zweite, berichtigte und hin und her verkürzte Ausgabe ist 1904 erschienen, herausgegeben von Paul Hohlfeldt und August Wünsche, unter dem Titel: Lebenlehre oder Philosophie der Geschichte zur Begründung der Lebenkunstwissenschaft. – Religion ist nach Krause das selige Leben, die Kraft und Freude, der Rhythmus und die Friedensstimmung der absoluten Gottinnigkeit, und dieser Zustand ist dann erreicht, »wann und soweit das endliche Vernunftwesen sich als in, unter und durch Gott und als in Einheit mit dem Leben Gottes weiß und fühlt«. (S. 88 ff. und S. 75 der zweiten Auflage.) – oder auch, den Begriff von der andern Seite genommen, die Anweisung zur Seligkeit oder die Seligkeitslehre. Daß inzwischen bei weitem nicht alles, was da als lebendig erscheint, selig ist, beruht darauf, daß dieses Unselige in der Tat und Wahrheit auch nicht lebet, sondern nach seinen mehrsten Bestandteilen in den Tod versenket ist und in das Nichtsein.

Das Leben ist selber die Seligkeit, sagte ich. Anders kann es nicht sein; denn das Leben ist Liebe, und die ganze Form und Kraft des Lebens besteht in der Liebe und entsteht aus der Liebe. – Ich habe durch das soeben Gesagte einen der tiefsten Sätze der Erkenntnis ausgesprochen, der jedoch, meines Erachtens, jeder nur wahrhaft zusammengefaßten und angestrengten Aufmerksamkeit auf der Stelle klar und einleuchtend werden kann. Die Liebe teilet das an sich tote Sein gleichsam in ein zweimaliges Sein, dasselbe vor sich selbst hinstellend, und macht es dadurch zu einem Ich oder Selbst, das sich anschaut und von sich weiß; in welcher Ichheit die Wurzel alles Lebens ruhet. Wiederum vereinigt und verbindet innigst die Liebe das geteilte Ich, das ohne Liebe nur kalt und ohne alles Interesse sich anschauen würde. Diese letztere Einheit, in der dadurch nicht aufgehobenen, sondern ewig bleibenden Zweiheit, ist nun eben das Leben; wie jedem, der die aufgegebenen Begriffe nur scharf denken und aneinander halten will, auf der Stelle einleuchten muß. Nun ist die Liebe ferner Zufriedenheit mit sich selbst, Freude an sich selbst; Genuß ihrer selbst; und also Seligkeit; und so ist klar, daß Leben, Liebe und Seligkeit schlechthin Eins sind und dasselbe.

Nicht alles, was als lebendig erscheine, sei lebendig in der Tat und Wahrheit, sagte ich ferner. Es gehet daraus hervor, daß, meines Erachtens, das Leben aus einem doppelten Gesichtspunkte angesehen werden kann und von mir angesehen wird; nämlich teils aus dem Gesichtspunkte der Wahrheit, teils aus dem des Scheins. Nun ist vor allem voraus klar, daß das letztere, bloß scheinbare Leben nicht einmal zu erscheinen vermöchte, sondern völlig und durchaus in dem Nichts bleiben würde, wenn es nicht doch auf irgendeine Weise von dem wahrhaftigen Sein gehalten und getragen würde, und wenn nicht, da nichts wahrhaftig da ist, als das Leben, das wahrhaftige Leben auf irgendeine Weise in das nur erscheinende Leben einträte und mit demselben sich vermischte. Es kann keinen reinen Tod geben, noch eine reine Unseligkeit; denn indem angenommen wird, daß es dergleichen gebe, wird ihnen das Dasein zugestanden; aber nur das wahrhaftige Sein und Leben vermag da zu sein. Darum ist alles unvollkommene Sein lediglich eine Vermischung des Toten mit dem Lebendigen. Auf welche Weise im allgemeinen diese Vermischung geschehe, und welches, sogar in den niedrigsten Stufen des Lebens, der unaustilgbare Stellvertreter des wahrhaftigen Lebens sei, werden wir bald tiefer unten angeben. – Sodann ist anzumerken, daß auch dieses nur scheinbaren Lebens jedesmaliger Sitz und Mittelpunkt die Liebe ist. Verstehen Sie mich also: der Schein kann auf mannigfaltige und ins Unendliche verschiedene Weisen sich gestalten; wie wir dieses bald näher ersehen werden. Diese verschiedenen Gestaltungen des erscheinenden Lebens insgesamt nun leben überhaupt, wenn man nach der Ansicht des Scheines redet; oder sie erscheinen als lebend überhaupt, wenn man sich strenge nach der Wahrheit ausdrückt. Wenn aber nun weiterhin die Frage entsteht: wodurch ist denn das allen gemeinsame Leben in den besonderen Gestaltungen desselben verschieden; und was ist es denn, das jedem Individuum den ausschließenden Charakter seines besondern Lebens gibt, so antworte ich darauf: es ist die Liebe dieses besondern und individuellen Lebens. – Offenbare mir, was du wahrhaftig liebst, was du mit deinem ganzen Sehnen suchest und anstrebest, wenn du den wahren Genuß deiner selbst zu finden hoffest – und du hast mir dadurch dein Leben gedeutet. Was du liebest, das lebest du. Diese angegebene Liebe eben ist dein Leben, und die Wurzel, der Sitz und der Mittelpunkt deines Lebens. Alle übrigen Regungen in dir sind Leben nur, inwiefern sie sich nach diesem einzigen Mittelpunkte hinrichten. Daß vielen Menschen es nicht leicht werden dürfte, auf die vorgelegte Frage zu antworten, indem sie gar nicht wissen, was sie lieben, beweiset nur, daß diese eigentlich nichts lieben und eben darum auch nicht leben, weil sie nicht lieben.

Soviel im allgemeinen über die Einerleiheit des Lebens, der Liebe und der Seligkeit. Jetzt zur scharfen Unterscheidung des wahrhaftigen Lebens von dem bloßen Scheinleben.

Sein, – Sein, sage ich, und Leben ist abermals Eins und dasselbige. Nur das Leben vermag selbständig, von sich und durch sich selber da zu sein; und wiederum das Leben, so gewiß es nur Leben ist, führt das Dasein bei sich. Gewöhnlich denkt man sich das Sein als ein stehendes, starres und totes; selbst die Philosophen, fast ohne Ausnahme, haben es also gedacht, sogar indem sie dasselbe als Absolutes aussprachen. Dies kommt lediglich daher, weil man keinen lebendigen, sondern nur einen toten Begriff zum Denken des Seins mit sich brachte. Nicht im Sein an und für sich liegt der Tod, sondern im ertötenden Blicke des toten Beschauers. Daß in diesem Irrtume der Grundquell aller übrigen Irrtümer liege und durch ihn die Welt der Wahrheit und das Geisterreich für immer dem Blicke sich verschließe, haben wir wenigstens denen, die es zu fassen fähig sind, an einem andern Orte In der »Bestimmung des Menschen« 1800. dargetan; hier ist die bloße historische Anführung jenes Satzes hinreichend.

Zum Gegensatze: so wie Sein und Leben Eins ist und dasselbe, ebenso ist Tod und Nichtsein Eins und dasselbe. Einen reinen Tod aber und reines Nichtsein gibt es nicht, wie schon oben erinnert worden. Wohl aber gibt es einen Schein, und dieser ist die Mischung des Lebens und des Todes, des Seins und des Nichtseins. Es folgt daraus, daß der Schein in Rücksicht desjenigen in ihm, was ihn zum Scheine macht und was in ihm dem wahrhaftigen Sein und Leben entgegengesetzt ist, Tod ist und Nichtsein.

Sodann und ferner: das Sein ist durchaus einfach, nicht mannigfaltig; es gibt nicht mehrere Sein, sondern nur Ein Sein. Dieser Satz, ebenso wie der vorige, enthält eine Einsicht, die gewöhnlich verkannt oder gar nicht gekannt wird, von deren einleuchtender Original: einleuchtenden. Richtigkeit sich aber jeder, der nur einen Augenblick ernsthaft über die Aufgabe nachdenken will, überzeugen kann. Wir haben hier weder die Zeit noch den Vorsatz, mit den Anwesenden diejenigen Vorbereitungen und gleichsam Einweihungen vorzunehmen, deren es für die Möglichkeit jenes ernsthaften Nachdenkens bei den meisten Menschen bedarf.

Wir wollen hier nur die Resultate dieser Prämissen gebrauchen und vortragen, welche Resultate wohl schon durch sich selbst sich dem natürlichen Wahrheitssinne empfehlen werden. In Absicht ihrer tiefern Prämissen müssen wir uns begnügen, dieselben nur deutlich, bestimmt und gegen allen Mißverstand gesichert auszusprechen. So ist denn nun in Absicht des zuletzt vorgetragnen Satzes unsere Meinung diese: nur das Sein ist, keinesweges aber ist noch etwas anderes, das kein Sein wäre und über das Sein hinausläge; welche letztere Annahme jedem, der nur unsere Worte versteht, als eine handgreifliche Ungereimtheit einleuchten muß: ohnerachtet gerade diese Ungereimtheit der gewöhnlichen Ansicht des Seins dunkel und unerkannt zugrunde liegt. Nach dieser gewöhnlichen Ansicht nämlich soll zu irgendeinem Etwas, das durch sich selber weder ist, noch sein kann, das Dasein, das wiederum das Dasein von Nichts ist, von außen her zugesetzt werden; und aus der Vereinigung dieser beiden Ungereimtheiten soll alles Wahre und Wirkliche entstehen. Dieser gewöhnlichen Meinung wird durch den ausgesprochenen Satz: nur das Sein, nur dasjenige, was durch und von sich selber ist, ist – widersprochen. Ferner sagen wir: dieses Sein ist einfach, sich selbst gleich, unwandelbar und unveränderlich; es ist in ihm kein Entstehen, noch Untergehen, kein Wandel und Spiel der Gestaltungen, sondern immer nur das gleiche ruhige Sein und Bestehen.

Die Richtigkeit dieser Behauptung läßt sich in kurzem dartun: was durch sich selbst ist, das ist eben und ist ganz, mit einem Male dastehend, ohne irgendeinen Abbruch, und ebensowenig kann ihm etwas zugefügt werden.

Und hierdurch haben wir uns denn den Weg zur Einsicht in den charakteristischen Unterschied des wahrhaftigen Lebens, welches Eins ist mit dem Sein, von dem bloßen Scheinleben, welches, inwiefern es bloßer Schein ist, Eins ist mit dem Nichtsein, gebahnt und eröffnet. Das Sein ist einfach, unveränderlich und bleibt ewig sich selbst gleich; darum ist auch das wahrhaftige Leben einfach, unveränderlich, ewig sich gleichbleibend. Der Schein ist ein unaufhörlicher Wechsel, ein stetes Schweben zwischen Werden und Vergehen; darum ist auch das bloße Scheinleben ein unaufhörlicher Wechsel, immerfort zwischen Werden und Vergehen schwebend und durch unaufhörliche Veränderungen hindurchgerissen. Der Mittelpunkt des Lebens ist allemal die Liebe. Das wahrhaftige Leben liebet das Eine, Unveränderliche und Ewige; das bloße Scheinleben versucht zu lieben, wenn nur geliebt zu werden fähig wäre und wenn seiner Liebe nur standhalten wollte – das Vergängliche in seiner Vergänglichkeit.

Jener geliebte Gegenstand des wahrhaftigen Lebens ist dasjenige, was wir mit der Benennung Gott meinen, oder wenigstens meinen sollten; der Gegenstand der Liebe des nur scheinbaren Lebens, das Veränderliche, ist dasjenige, was uns als Welt erscheint, und was wir also nennen. Das wahrhaftige Leben lebet also in Gott und liebet Gott; das nur scheinbare Leben lebet in der Welt und versucht es, die Welt zu lieben. Von welcher besondern Seite nun eben es die Welt erfasse, darauf kommt nichts an; das, was die gemeine Ansicht moralisches Verderben, Sünde und Laster heißt, mag wohl für die menschliche Gesellschaft schädlicher sein und verderblicher, als manches andere, was diese gemeine Ansicht gelten läßt und wohl sogar löblich findet: vor dem Blicke der Wahrheit aber ist alles Leben, welches seine Liebe auf das Zufällige richtet und in irgendeinem andern Gegenstande seinen Genuß sucht, außer in dem Ewigen und Unvergänglichen, lediglich darum und dadurch, daß es seinen Genuß in einem andern Gegenstande sucht, auf die gleiche Weise nichtig, elend und unselig.

Das wahrhaftige Leben lebet in dem Unveränderlichen; es ist daher weder eines Abbruches noch eines Zuwachses fähig, ebensowenig, als das Unveränderliche selber, in welchem es lebet, eines solchen Abbruches oder Zuwachses fähig ist. Es ist in jedem Augenblicke ganz – das höchste Leben, welches überhaupt möglich ist, – und bleibt notwendig in aller Ewigkeit, was es in jedem Augenblicke ist. Das Scheinleben lebet nur in dem Veränderlichen und bleibet darum in keinen zwei sich folgenden Augenblicken sich selber gleich; jeder künftige Moment verschlinget und verzehrt den vorhergegangenen; und so wird das Scheinleben zu einem ununterbrochenen Sterben, und lebt nur sterbend und im Sterben.

Das wahrhaftige Leben ist durch sich selber selig, haben wir gesagt, das Scheinleben ist notwendig elend und unselig. Die Möglichkeit alles Genusses, Freude, Seligkeit, oder mit welchem Worte Sie das allgemeine Bewußtsein des Wohlseins fassen wollen, gründet sich auf Liebe, Streben, Trieb. Vereinigt sein mit dem Geliebten und innigst mit ihm verschmolzen, ist Seligkeit; getrennt von ihm sein und ausgestoßen, indes man es doch nie lassen kann, sich sehnend nach ihm hinzuwenden, ist Unseligkeit.

Folgendes ist überhaupt das Verhältnis der Erscheinung, oder des Wirklichen und Endlichen, zum absoluten Sein, oder zum Unendlichen und Ewigen. Das schon oben Erwähnte, welches die Erscheinung tragen und im Dasein erhalten müsse, wenn sie auch nur als Erscheinung dasein solle, und welches wir bald näher zu charakterisieren versprachen, ist die Sehnsucht nach dem Ewigen. Dieser Trieb, mit dem Unvergänglichen vereinigt zu werden und zu verschmelzen, ist die innigste Wurzel alles endlichen Daseins und ist in keinem Zweige dieses Daseins ganz auszutilgen, falls nicht dieser Zweig versinken soll in völliges Nichtsein. Über dieser Sehnsucht nun, worauf alles endliche Dasein ruht, und von ihr aus kommt es entweder zum wahrhaftigen Leben, oder es kommt nicht dazu. Wo es zum Leben kommt und dasselbe durchbricht, wird jene geheime Sehnsucht gedeutet und verstanden als Liebe zu dem Ewigen: der Mensch erfährt, was er eigentlich wolle, liebe und bedürfe. Dieses Bedürfnis ist nun immer und unter jeder Bedingung zu befriedigen; unaufhörlich umgibt uns das Ewige und bietet sich uns dar, und wir haben nichts weiter zu tun, als dasselbe zu ergreifen. Einmal aber ergriffen, kann es nie wieder verloren werden. Der wahrhaftig Lebende hat es ergriffen und besitzt es nun immerfort, in jedem Momente seines Daseins ganz und ungeteilt, in aller seiner Fülle, und ist darum selig in der Vereinigung mit dem Geliebten, unerschütterlich fest überzeugt, daß er es in alle Ewigkeit also genießen werde, und dadurch gesichert gegen allen Zweifel, Besorgnis oder Furcht. Wo es zum wahrhaftigen Leben noch nicht gekommen ist, wird jene Sehnsucht nicht minder gefühlt; aber sie wird nicht verstanden. Glückselig, ruhig, von ihrem Zustande befriedigt möchten alle gern sein, aber worin sie diese Glückseligkeit finden werden, wissen sie nicht; was eigentlich sie lieben und anstreben, verstehen sie nicht. In dem, was ihren Sinnen unmittelbar entgegenkommt und sich ihnen darbietet, in der Welt, meinen sie, müsse es gefunden werden; indem für diejenige Geistesstimmung, in der sie sich nun einmal befinden, allerdings nichts anderes vorhanden ist, als die Welt. Mutig begeben sie sich auf diese Jagd der Glückseligkeit, innig sich aneignend und liebend sich hingebend dem ersten besten Gegenstande, der ihnen gefällt und der ihr Streben zu befriedigen verspricht. Aber sobald sie einkehren in sich selbst und sich fragen: bin ich nun glücklich? – wird es aus dem Innersten ihres Gemüts vernehmlich ihnen entgegentönen: o nein, du bist noch ebenso leer und bedürftig als vorher! Hierüber mit sich im reinen, meinen sie, daß sie nur in der Wahl des Gegenstandes gefehlt haben, und werfen sich in einen andern. Auch dieser wird sie ebensowenig befriedigen als der erste: kein Gegenstand wird sie befriedigen, der unter Sonne oder Mond ist. Wollten wir, daß irgendeiner sie befriedigte? Gerade das ja, daß nichts Endliches und Hinfälliges sie befriedigen kann, das ja gerade ist das einzige Band, wodurch sie noch mit dem Ewigen zusammenhängen und im Dasein verbleiben; fänden sie einmal ein endliches Objekt, das sie völlig zufriedenstellte, so wären sie eben dadurch unwiederbringlich ausgestoßen von der Gottheit und hingeworfen in den ewigen Tod des Nichtseins. So sehnen sie und ängstigen ihr Leben hin; in jeder Lage, in der sie sich befinden, denkend, wenn es nur anders mit ihnen werden möchte, so würde ihnen besser werden, und nachdem es anders geworden ist, sich doch nicht besser befindend; an jeder Stelle, an der sie stehen, meinend, wenn sie nur dort, auf der Anhöhe, die ihr Auge faßt, angelangt sein würden, würde ihre Beängstigung weichen; treu jedoch wiederfindend, auch auf der Anhöhe, ihren alten Kummer. Gehen sie etwa bei reifern Jahren, nachdem der frische Mut und die fröhliche Hoffnung der Jugend geschwunden sind, mit sich zu Rate; überblicken sie etwa ihr ganzes bisheriges Leben und wagen eine entscheidende Lehre daraus zu ziehen; wagen es etwa, sich zu gestehen, daß durchaus kein irdisches Gut zu befriedigen vermöge: was tun sie nun? Sie leisten vielleicht entschlossen Verzicht auf alle Glückseligkeit und allen Frieden, das denn doch fortdauernde, unaustilgbare Sehnen ertötend und abstumpfend, soviel sie vermögen; und nennen nun diese Dumpfheit die einzige wahre Weisheit, dieses Verzweifeln am Heile das einzige wahre Heil, und die vermeinte Erkenntnis, daß der Mensch gar nicht zur Glückseligkeit, sondern nur zu diesem Treiben im Nichts um das Nichts bestimmt sei, den wahren Verstand. Vielleicht auch leisten sie Verzicht auf Befriedigung nur für dieses irdische Leben, lassen sich aber dagegen eine gewisse, durch Tradition auf uns gekommene Anweisung auf eine Seligkeit jenseit des Grabes gefallen. In welcher bejammernswerten Täuschung befinden sie sich! Ganz gewiß zwar liegt die Seligkeit auch jenseit des Grabes für denjenigen, für welchen sie schon diesseit desselben begonnen hat, und in keiner andern Weise und Art, als sie diesseits in jedem Augenblicke beginnen kann; durch das bloße Sichbegrabenlassen aber kommt man nicht in die Seligkeit; und sie werden im künftigen Leben, und in der unendlichen Reihe aller künftigen Leben, die Seligkeit ebenso vergebens suchen, als sie dieselbe in dem gegenwärtigen Leben vergebens gesucht haben, wenn sie dieselbe in etwas anderem suchen, als in dem, was sie schon hier so nahe umgibt, daß es denselben in der ganzen Unendlichkeit nie näher gebracht werden kann, in dem Ewigen Derselbe Gedanke schon in der »Bestimmung des Menschen« 1800, Reclam S. 121: Nicht erst, nachdem ich aus dem Zusammenhange der irdischen Welt gerissen sein werde, werde ich den Eintritt in die überirdische erhalten; ich bin und lebe schon jetzt in ihr, weit wahrer, als in der irdischen; schon jetzt ist sie mein einziger fester Standpunkt, und das ewige Leben, das ich schon längst in Besitz genommen, ist der einige Grund, warum ich das irdische noch fortführen mag. Das, was sie Himmel nennen, liegt nicht jenseit des Grabes; es ist schon hier um unsere Natur verbreitet, und sein Licht geht in jedem reinen Herzen auf. – Noch kühner und radikaler heißt es in der 16. Vorlesung über die »Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters« 1806 (W W VII 235 f.): Die Religion erhebt ihren Geweihten absolut über die Zeit als solche, und über die Vergänglichkeit, und versetzt ihn unmittelbar in den Besitz der Einen Ewigkeit ... Jene Befürchtungen vom Untergange im Tode, und jene Bestrebungen, einen künstlichen Beweis für die Unsterblichkeit der Seele zu finden, liegen darum tief unter ihm. In jedem Momente hat und besitzt er das ewige Leben mit aller seiner Seligkeit, unmittelbar und ganz; und was er allgegenwärtig hat und fühlt, braucht er sich nicht erst anzuvernünfteln. Gibt es irgendeinen schlagenden Beweis, daß die Erkenntnis der wahren Religion unter den Menschen von jeher sehr selten gewesen, und daß sie insbesondere den herrschenden Systemen fremd sei, so ist es der, daß sie die ewige Seligkeit erst jenseits des Grabes setzen, und nicht ahnen, daß jeder, der nur will, auf der Stelle selig sein könne.
Die Verdrängung der kirchlich-religiösen Zukunftshoffnungen durch den (johanneischen) Gedanken eines bereits gegenwärtigen, durch keine Zukunft zu überbietenden Besitzes an Ewigkeitsgröße und Ewigkeitsrhythmus ist eine der wichtigsten und folgereichsten Umstimmungen des religiösen Lebensgefühls, die wir der Romantik verdanken. Schleiermacher ist der erste gewesen, der sie klar ausgesprochen hat. »Mitten in der Endlichkeit eins werden mit dem Unendlichen und ewig sein in einem (die zweite Auflage besser und deutlicher: jedem) Augenblick, das ist die Unsterblichkeit der Religion«, sagt er 1799 am Schluß der zweiten Rede über die Religion. Es ist wohl möglich und sogar sehr wahrscheinlich, daß Fichte durch diese Stelle mit inspiriert worden ist.
Schopenhauer hat diesen romantischen Begriff eines seligen Lebens in der Zeit von seinen pessimistischen Voraussetzungen aus kritisiert und nachdrücklich zurückgewiesen. Der Mensch, als empirisches Wesen betrachtet, ist das beklagenswerte Subjekt eines ewigen Kampfspiels zwischen Vernunft und Sinnlichkeit. Dieses Kampfspiel »macht unsere Existenz zu Mühe und Arbeit, zu einer schmerzvollen, und berechtigt uns zu der Hoffnung einer andern, die ohne Widerspruch sei: also ist kein seliges Leben vor dem Tode, wie Fichte will, möglich, und die Hoffnung eines besseren Lebens, die er tadelt, ist gegründet«. (W. von Gwinner, Schopenhauers Leben 3 1910 S. 73.)
. – Und so irret denn der arme Abkömmling der Ewigkeit, verstoßen aus seiner väterlichen Wohnung, immer umgeben von seinem himmlischen Erbteile, nach welchem seine schüchterne Hand zu greifen bloß sich fürchtet, unstet und flüchtig in der Wüste umher, allenthalben bemüht, sich anzubauen, zum Glück durch den baldigen Einsturz jeder seiner Hütten erinnert, daß er nirgends Ruhe finden wird, als in seines Vaters Hause.

So, E. V., ist das wahrhaftige Leben notwendig die Seligkeit selber und das Scheinleben notwendig unselig.

Und von nun an überlegen Sie mit mir folgendes. Ich sage: das Element, der Äther, – die substantielle Form, so jemand den letztern Ausdruck besser versteht, – das Element, der Äther, die substantielle Form des wahrhaftigen Lebens, ist der Gedanke. –

Zuvörderst dürfte wohl niemand geneigt sein, im Ernste und in der eigentlichen Bedeutung des Wortes, Leben und Seligkeit einem andern zuzuschreiben außer demjenigen, das seiner selber sich bewußt ist. Alles Leben setzt daher Selbstbewußtsein voraus, und das Selbstbewußtsein allein ist es, was das Leben zu ergreifen und es zu einem Gegenstande des Genusses zu machen vermag.

Sodann: das wahrhaftige Leben und die Seligkeit desselben besteht in der Vereinigung mit dem Unveränderlichen und Ewigen; das Ewige aber kann lediglich und allein durch den Gedanken ergriffen werden und ist, als solches, auf keine andere Weise uns zugänglich. Das Eine und Unveränderliche wird begriffen als der Erklärungsgrund unsrer selbst und der Welt; als Erklärungsgrund in doppelter Rücksicht: teils nämlich, daß in ihm gegründet sei, daß es überhaupt da sei und nicht im Nichtsein verblieben; teils, daß in ihm und seinem inneren, nur auf diese Weise begreiflichen und auf jede andere Weise schlechthin unbegreiflichen Wesen begründet sei, daß es also und auf keine andere Weise da sei, als es daseiend sich vorfindet. Und so besteht das wahrhaftige Leben und seine Seligkeit im Gedanken, d. h. in einer gewissen bestimmten Ansicht unserer selber und der Welt, als hervorgegangen aus dem innern und in sich verborgenen göttlichen Wesen; und auch eine Seligkeitslehre kann nichts anderes sein, denn eine Wissenslehre, indem es überhaupt gar keine andere Lehre gibt außer der Wissenslehre. Im Geiste, in der in sich selber gegründeten Lebendigkeit des Gedankens, ruhet das Leben; denn es ist außer dem Geiste gar nichts wahrhaftig da. Wahrhaftig leben, heißt wahrhaftig denken und die Wahrheit erkennen.

So ist es: lasse keiner sich irre machen durch die Schmähungen, welche in diesen letzten, ungöttlichen und geistlosen Zeiten über das, was sie Spekulation nannten, ergangen sind. Zum offenbar vorliegenden Wahrzeichen dieser Schmähungen sind sie nur von solchen hergekommen, welche von der Spekulation nichts wußten; keiner aber hat dieselbe geschmäht, der sie kannte. Nur an den höchsten Aufschwung des Denkens kommt die Gottheit, und sie ist mit keinem andern Sinne zu fassen: diesen Aufschwung des Denkens den Menschen verdächtig machen wollen, heißt, sie auf immer von Gott und dem Genusse der Seligkeit scheiden wollen.

Worin sollte denn das Leben und seine Seligkeit sonst sein Element haben, wenn es dieselbe nicht im Denken hätte? Etwa in gewissen Empfindungen und Gefühlen, in Rücksicht welcher es uns gar nichts verschlägt, ob es die gröbsten sinnlichen Genüsse seien oder die feinsten übersinnlichen Entzückungen? Wie könnte ein Gefühl, das, als Gefühl, in seinem Wesen vom Ohngefähr abhängt, seine ewige und unveränderliche Fortdauer verbürgen; und wie könnten wir, bei der Dunkelheit, welche aus eben demselben Grunde das Gefühl notwendig bei sich führt, diese unveränderliche Fortdauer innerlich anschauen und genießen? Nein: nur die sich selbst durchaus durchsichtige und ihr ganzes Innere frei besitzende Flamme der klaren Erkenntnis verbürgt, vermittelst dieser Klarheit, ihre unveränderliche Fortdauer Diese scharfe Gefühlskritik macht Fichte zu einem Antipoden Schleiermachers und unmittelbaren Vorläufer Hegels. In seiner Religionsphilosophie hat Hegel den Fichteschen Protest gegen die Gefühlsreligion und -theologie systematisch durchgeführt. »Es ist Erfahrung, daß das Gefühl den zufälligsten Inhalt hat; denn dieser kann der wahrhafteste und der schlechteste sein. Gott hat, wenn er im Gefühl ist, nichts vor dem Schlechtesten voraus; sondern es sproßt die königlichste Blume auf demselben Boden mit dem wucherndsten Unkraut auf.« (Religionsphilosophie, herausgegeben von Marheineke I 2 1840 S. 126.) »Das Gefühl ist ferner das, was der Mensch mit dem Tiere gemein hat, es ist die tierische, sinnliche Form. Wenn also das, was Recht, Sittlichkeit, Gott ist, im Gefühl aufgezeigt wird, so ist dies die schlechteste Weise, in der ein solcher Inhalt nachgewiesen werden kann. Gott ist wesentlich im Denken. Der Verdacht, daß er durch das Denken nur im Denken ist, muß uns schon dadurch aufsteigen, daß der Mensch nur Religion hat, nicht das Tier.« (S. 128.) – Es braucht heute nicht mehr bewiesen zu werden, daß dieses Intellektualisierungssystem, dem übrigens die ernsteste Absicht, das Objektive in der Religion zu retten und wirksam in Kraft zu sehen, als leuchtendes Gesinnungszeichen eingeprägt ist, in Wahrheit den Bankerott der Religion im zweiten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts vorbereitet hat, und daß der leidenschaftliche Protest gegen das Gefühl auf einer eigensinnigen Verwechselung desselben mit der Empfindung beruht. Die Empfindung ist sinnlich, das Gefühl, in seiner religiösen Funktion, ist durchaus geistig oder auch intellektuell: worüber Schleiermacher nicht den geringsten Zweifel gelassen hat..

Oder soll das selige Leben etwa in tugendhaften Taten und Handlungen bestehen? Was diese Profanen Tugend nennen, daß man sein Amt und seinen Beruf regelmäßig verwalte, einem jeden das Seinige lasse, wohl noch überdies dem Dürftigen etwas schenke: diese Tugend werden fernerhin, so wie bisher, die Gesetze erzwingen und das natürliche Mitleid dazu bewegen. Aber zu der wahrhaftigen Tugend, zu dem echt göttlichen, das Wahre und Gute in der Welt aus Nichts erschaffenden Handeln, wird sich nie einer erheben, der nicht im klaren Begriffe die Gottheit liebend umfaßt; wer sie aber also erfaßt, wird ohne allen seinen Dank und Wollen anders handeln gar nicht können, denn also.

Auch stellen wir an unsrer Behauptung keinesweges eine neue Lehre über das Geister-Reich auf, sondern dies ist die alte, von alter Zeit her also vorgetragene Lehre. So macht z. B. das Christentum den Glauben zur ausschließenden Bedingung des wahrhaftigen Lebens und der Seligkeit und verwirft alles ohne Ausnahme als nichtig und tot, was nicht aus diesem Glauben hervorgeht. Dieser Glaube aber ist ihm ganz dasselbe, was wir den Gedanken genannt haben: die einzig wahre Ansicht unsrer selbst und der Welt in dem unveränderlichen göttlichen Wesen. Nur nachdem dieser Glaube, d. h. das klare und lebendige Denken, aus der Welt verschwunden, hat man die Bedingung des seligen Lebens in die Tugend gesetzt und so auf wildem Holze edle Früchte gesucht.

Zu diesem, vorläufig im allgemeinen charakterisierten Leben ist nun hier insbesondere die Anweisung versprochen; ich habe mich anheischig gemacht, die Mittel und Wege anzugeben, wie man in dieses selige Leben hineinkomme und es an sich bringe. Diese Anweisung läßt sich nun in eine einzige Bemerkung zusammenfassen. Es ist nämlich dem Menschen keinesweges angemutet, sich das Ewige zu erschaffen, welches er auch niemals vermögen würde Diese für Fichtes spätere Philosophie grundlegende Überzeugung ist auch klar und körnig ausgesprochen in den Erlanger Vorlesungen über das Wesen des Gelehrten und seine Erscheinungen im Gebiete der Freiheit 1806. » Der natürliche Mensch vermag nicht durch eigene Kraft sich zum übernatürlichen zu erheben; er muß durch die Kraft des Übernatürlichen selbst dazu erhoben werden.« (Dritte Vorlesung; Reclam S. 86 f.) Ganz ähnlich sagt Schleiermacher in der zweiten Rede über die Religion in bezug auf den natürlichen Menschen, daß er sich das »Gefühl seiner Unendlichkeit und Gottähnlichkeit« »nur geraubt« habe (S. 52 der ersten Auflage) – womit dieses Gefühl doch wohl als erschlichen bezeichnet werden soll. Die Überzeugung, daß das erhebende Bewußtsein der Gottverwandtschaft eine durchgreifende Umgestaltung des Menschen durch das Göttliche über ihm zur Wurzel und Voraussetzung habe, m. a. W. das ehrfurchtsvolle Abhängigkeitsgefühl ist der charakteristische Grundton der religiösen Verfassung Schleiermachers und des späteren Fichte und das höchst bemerkenswerte Gegenspiel der selbstschöpferischen Prometheusphantasie, die den religionsphilosophischen Standpunkt Hegels und seiner modernen Nachläufer (Eduard von Hartmann, Arthur Drews u. a.) kennzeichnet.; dasselbe ist in ihm und umgibt ihn unaufhörlich: der Mensch soll nur das Hinfällige und Nichtige, mit welchem das wahrhaftige Leben nimmer sich zu vereinigen vermag, fahren lassen; worauf sogleich das Ewige mit aller seiner Seligkeit zu ihm kommen wird. Die Seligkeit erwerben können wir nicht; unser Elend aber abzuwerfen vermögen wir, worauf sogleich durch sich selber die Seligkeit an desselben Stelle treten wird. Seligkeit ist, wie wir gesehen haben, Ruhen und Beharren in dem Einen; Elend ist Zerstreutsein in dem Mannigfaltigen und Verschiedenen; sonach ist der Zustand des Seligwerdens die Zurückziehung unsrer Liebe aus dem Mannigfaltigen auf das Eine.

Das über das Mannigfaltige Zerstreute ist zerflossen und ausgegossen und umhergegossen, wie Wasser; ob der Lüsternheit, dieses und jenes und gar mancherlei zu lieben, liebt es nichts; und weil es allenthalben zu Hause sein möchte, ist es nirgends zu Hause. Diese Zerstreutheit ist unsere eigentliche Natur, und in ihr werden wir geboren. Aus diesem Grunde nun erscheint die Zurückziehung des Gemüts auf das Eine, welches Welche? S. 13 heißt es ausdrücklich, daß der Mensch sich das Ewige nicht erschaffen, also auch nicht »mit Anstrengung hervorbringen« kann. Wohl aber kann die geforderte Sammlung als »Anstrengung« bezeichnet werden, in demselben Sinne, in welchem Hegel später von der »Anstrengung des Begriffs« gesprochen hat. der natürlichen Ansicht nimmer kommt, sondern mit Anstrengung hervorgebracht werden muß, als Sammlung des Gemütes und Einkehr desselben in sich selber; und als Ernst, im Gegensatze des scherzenden Spiels, welches das Mannigfaltige des Lebens mit uns treibt, und als Tiefsinn im Gegensatze des leichten Sinns, der, indem er vieles zu fassen hat, nichts festiglich faßt. Dieser tiefsinnende Ernst, diese strenge Sammlung des Gemüts und Einkehr zu sich selber ist die einzige Bedingung, unter welcher das selige Leben an uns kommen kann; unter dieser Bedingung kommt es aber auch gewiß und unfehlbar an uns Die Art und Weise, wie hier die Religion oder die unmittelbare Vorbereitung auf sie als Sammlung beschrieben wird, erinnert nachdrücklich an Augustin. Der große Kirchenvater und Seelenkenner hat nicht nur in den Konfessionen die natürliche Zuständlichkeit des Menschen als Selbstzerstreuung und stückweises Zerfallen an die Welt beschrieben: er hat auch, in dem großen Werk vom Gottesstaat, ganz in Fichtes Sinne, die Religion als Sammlung aus der Zerflossenheit und Zerstreuung eines vielfältig geteilten und in Dumpfheit verkümmernden Lebens definiert. Religion ist wiedergewonnene Konzentration auf Gott und die göttlichen Dinge. Deus fons nostrae beatitudinis, omnis appetitionis finis – hunc eligentes vel potius religentes (amiseramus enim neglegentes) – hunc ergo religentes, unde et religio dicta perhibetur, ad eum dilectione tendimus, ut perveniendo guiescamus, ideo beati, quia illo fine perfecti (de civ. Dei X 3).
Der Tiefsinn, von welchem Fichte letztlich spricht, ist wohl ein Nachklang aus der berühmten Beschreibung, die der junge Schelling, im achten Briefe über Dogmatismus und Kritizismus 1795 (W W I 1 S. 318), gleichsam unter Fichtes Augen, vom Wesen der intellektuellen Anschauung entworfen hat. »Uns allen wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem Wechsel der Zeit in unser innerstes, von allem, was von außen her hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen, und da unter der Form der Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen. Diese Anschauung ist die innerste, eigenste Erfahrung, von welcher allein alles abhängt, was wir von einer übersinnlichen Welt wissen und glauben.« »Sie unterscheidet sich von jeder sinnlichen Anschauung dadurch, daß sie nur durch Freiheit hervorgebracht und jedem andern fremd und unbekannt ist, dessen Freiheit, von der eindringenden Macht der Objekte überwältigt, kaum zur Hervorbringung des Bewußtseins hinreicht. Doch gibt es auch für diejenigen, die diese Freiheit der Selbstanschauung nicht besitzen, wenigstens Annäherung zu ihr, mittelbare Erfahrungen, durch welche sie ihr Dasein ahnen läßt. Es gibt einen gewissen Tiefsinn, dessen man sich selbst nicht bewußt ist, den man vergebens sich zu entwickeln strebt
.

Allerdings ist es wahr, daß durch diese Zurückziehung unseres Gemüts von dem Sichtbaren die Gegenstände unserer bisherigen Liebe uns verbleichen und allmählich schwinden, so lange, bis wir sie in dem Äther der neuen Welt, die uns aufgeht, verschönert wieder erhalten; und daß unser ganzes altes Leben abstirbt, so lange, bis wir es als eine leichte Zugabe des neuen Lebens, das in uns beginnen wird, wiederbekommen. Doch ist dies das der Endlichkeit nie abzunehmende Schicksal; nur durch den Tod hindurch dringt sie zum Leben. Das Sterbliche muß sterben, und nichts befreit es von der Gewalt seines Wesens; es stirbt in dem Scheinleben immerfort; wo das wahre Leben beginnt, stirbt es, in dem Einen Tode, für immer und für alle die Tode in die Unendlichkeit hinaus, die im Scheinleben seiner erwarten.

Eine Anweisung zum seligen Leben habe ich zu erteilen versprochen! Aber in welchen Wendungen und unter welchen Bildern, Formeln und Begriffen soll man diese an dieses Zeitalter und in diese Umgebungen bringen! Die Bilder und Formeln der hergebrachten Religion, die dasselbe sagen, was allein auch wir sagen können, und welche es überdies mit derselben Bezeichnung sagen, mit welcher allein auch wir es sagen können, weil dies die passendste Bezeichnung ist, – diese Bilder und Formeln sind zuerst ausgeleert, sodann laut verhöhnt und zuletzt der stillschweigenden und höflichen Verachtung hingegeben worden. Die Begriffe und Schlußreihen des Philosophen sind, als verderblich für Land und Leute und als zerrüttend die gesunde Besinnung, angeklagt – vor einem Richterstuhle, wo weder Kläger noch Richter ans Licht tritt, was zu ertragen wäre: was schlimmer ist, – von denselben Begriffen und Schlußreihen wird jedem, der es glauben will, gesagt, er werde sie nimmer verstehen, zu dem Zwecke, damit er die Worte nicht in ihrem natürlichen Sinne, und so, wie sie vorliegen, nehme, sondern noch irgend etwas Besonderes und Verborgenes hinter ihnen suche; auf welche Weise denn auch das Mißverständnis und die Verwirrung sicher erfolgen wird.

Oder, falls etwa auch Eingang findende Formeln und Wendungen für eine solche Anweisung zu entdecken wären: wie sollte man die Begierde, auf dieselbe nur einzugehen, erwecken da, wo mit größerem Beifalle denn jemals die Verzweiflung am Heil als das einzig mögliche Heil, und die Einsicht, daß die Menschen nichts seien, als das Spiel eines mutwilligen und launigen Gottes, als die einzige Weisheit herumgeboten wird; und wo derjenige, der noch an Sein, Wahrheit, Feststehen und Seligkeit in diesen glaubt, als ein unreifer und mit der Welt durchaus nicht bekannter Knabe verspottet wird?

Verhalte dies sich inzwischen, wie es wolle: wir haben Vorrat am Mute; und für einen löblichen Zweck, sei es sogar vergebens, sich angestrengt zu haben, ist auch der Mühe wert. – Ich sehe vor mir, und hoffe auch ferner also zu sehen, Personen, denen die beste Bildung, welche unser Zeitalter zu geben vermag, zuteil wurde: zuerst des weiblichen Geschlechts, welchem Geschlechte die menschliche Einrichtung zunächst die Sorgfalt für die äußerlichen kleinen Bedürfnisse oder auch die Dekorationen des menschlichen Lebens anheimgab – eine Sorgfalt, welche mehr zerstreut und vom klaren und ernsten Nachdenken mehr abzieht, als irgend etwas anderes; indes ihnen zum Ersatze die vernünftige Natur ein heißeres Sehnen nach dem Ewigen und einen feineren Sinn dafür erteilte. Sodann sehe ich vor mir Geschäftsmänner, welche ihr Beruf durch das mannigfaltigste und verschiedenste Geringfügige alle die Tage ihres Lebens hindurchreißt, welches Geringfügige zwar freilich mit dem Ewigen und Unvergänglichen zusammenhängt, aber also, daß nicht jeder auf den ersten Blick das Glied des Zusammenhanges entdecken dürfte. Endlich sehe ich vor mir jüngere Gelehrte, in denen die Gestalt, welche das Ewige in ihnen zu ergreifen bestimmt ist, noch arbeitet an ihrer Ausbildung Den Kommentar zu diesen hohen Worten liefern die Erlanger Vorlesungen über das Wesen des Gelehrten und seine Erscheinungen im Gebiete der Freiheit, im Sommer 1805 gehalten und Anfang 1806, wenige Monate vor der Anweisung zum seligen Leben veröffentlicht. Hier erscheint der Gelehrte nicht etwa als Forscher, sondern als inspirierter Gottesdenker und Menschheitsbildner, Philosoph im höchsten, schöpferischen, gotterleuchteten, Fichteschen Sinne. In ihm ergreift die Idee sich selbst, um durch ihn die anderen zu ergreifen. »Sein Leben ist selbst das Leben der die Welt fortschaffenden und von Grund aus neu gestaltenden göttlichen Idee innerhalb der Welt.« (Reclam S. 129.) Er soll Gottes ewigen Ratschluß über die Welt von einer neuen, bisher völlig verborgenen Seite in Klarheit denken und so in Kraft setzen, daß er nie wieder ausgetilgt werden kann. In dieser erhabenen Funktion ist er Organ und Prophet des Ewigen in der Zeit, und diese hohe Bestimmung ist es, die ihn sich selber heilig und über alles ehrwürdig macht. (S. 100 ff.) – Vgl. M. Carriere: Fichtes Geistesentwicklung in den Reden über die Bestimmung des Gelehrten, Jena 1794, Erlangen 1805, Berlin 1811. In den Sitzungsberichten der philosophisch-philologischen Klasse der Münchener Akademie der Wissenschaften 1895 S. 287 ff.. Indem in Rücksicht der letztern ich mir vielleicht schmeicheln dürfte, daß einige meiner Winke einen Beitrag zu jener Ausbildung liefern könnten, mache ich in Absicht der beiden ersten Klassen weit bescheidenere Ansprüche. Ich ersuche sie bloß, von mir anzunehmen, was sie ohne Zweifel auch ohne meine Hilfe ebensowohl würden haben können, was aber mir nur mit leichterer Mühe zuteil wird.

Indes diese insgesamt durch die mannigfaltigen Gegenstände, über welchen sie ihr Denken hin und her bewegen müssen, zerstreut und zersplittert werden, geht der Philosoph in einsamer Stille und in ungestörter Sammlung des Gemütes allein nach dem Guten, Wahren und Schönen; und ihm wird zum Tagewerke, wohin jene nur zur Ruhe und Erquickung einkehren können. Dieses günstige Los fiel unter andern auch mir, und so trage ich denn Ihnen an, das gemein Verständliche, zum Guten und Schönen und Ewigen Führende, was bei meinen spekulativen Arbeiten abfallen wird, hier Ihnen mitzuteilen, so gut ich es habe und es mitzuteilen verstehe.

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