Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Gottlieb Fichte >

Die Anweisung zum seligen Leben

Johann Gottlieb Fichte: Die Anweisung zum seligen Leben - Kapitel 17
Quellenangabe
typetractate
authorJohann Gottlieb Fichte
titleDie Anweisung zum seligen Leben
publisherDeutsche Bibliothek in Berlin
editorHeinrich Scholz
yearo.J.
firstpub1806
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141207
projectide9eb430d
Schließen

Navigation:

Beilage zu der sechsten Vorlesung.

Die Hauptlehre des Christentums als einer besondern Anstalt, Religion im Menschengeschlecht zu entwickeln, daß in Jesu zu allererst und auf eine keinem andern Menschen also zukommende Weise, das ewige Dasein Gottes eine menschliche Persönlichkeit angenommen habe, daß alle übrigen nur durch ihn und vermittelst der Wiederholung seines ganzen Charakters in sich zur Vereinigung mit Gott kommen könnten, sei ein bloß historischer, keineswegs aber ein metaphysischer Satz, heißt es im Texte (S. 94). Es ist vielleicht nicht überflüssig, die Unterscheidung, auf welche die erwähnte Äußerung sich gründet, hier noch klärer auseinanderzusetzen, da ich bei dem größeren Publikum, dem ich jetzt dieselbe im Drucke vorlege, nicht ebenso, wie bei der Mehrzahl meiner unmittelbaren Zuhörer, voraussetzen darf, daß ihnen aus meinen übrigen Lehren jene Unterscheidung geläufig sei.

Wo die Ausdrücke streng genommen werden, ist das Historische und das Metaphysische geradezu entgegengesetzt; und was nur wirklich historisch ist, ist gerade deswegen nicht metaphysisch, und umgekehrt. Historisch nämlich und das rein Historische an jeder möglichen Erscheinung ist dasjenige, was sich nur eben als bloßes und absolutes Faktum, rein für sich dastehend und abgerissen von allem übrigen, auffassen, keinesweges aber aus einem höhern Grunde erklären und ableiten läßt; metaphysisch dagegen und der metaphysische Bestandteil jeder besondern Erscheinung ist dasjenige, was aus einem höhern und allgemeinern Gesetze notwendig folgt und aus demselben abgeleitet werden kann, somit gar nicht lediglich als Faktum erfaßt wird und, der Strenge nach, nur durch Täuschung für ein solches gehalten wird, da es in Wahrheit gar nicht als Faktum, sondern zufolge des in uns waltenden Vernunftgesetzes also erfaßt wird. Der letztgenannte Bestandteil der Erscheinung geht niemals bis zu ihrer Wirklichkeit, und niemals geht die wirkliche Erscheinung in ihm vollständig auf; und es sind darum in aller wirklichen Erscheinung diese beiden Bestandteile unabtrennlich verknüpft.

Es ist das Grundgebrechen aller ihre Grenzen verkennenden, vermeintlichen Wissenschaft (des transzendenten Verstandesgebrauchs), wenn sie sich nicht begnügen will, das Faktum rein als Faktum zu nehmen, sondern es metaphysiziert. Da unter der Voraussetzung, dasjenige, was eine solche Metaphysik auf ein höheres Gesetz zurückzuführen sich bemüht, sei in der Tat lediglich faktisch und historisch, es ein solches, wenigstens im gegenwärtigen Leben uns zugängliches Gesetz nicht geben kann, so folgt daraus, daß die beschriebne Metaphysik, willkürlich voraussetzend, es finde hier eine Erklärung statt, welches ihr erster Fehler ist, sich noch überdies auf das Erdichten legen und durch eine willkürliche Hypothese die vorhandne Kluft ausfüllen müsse, welches ihr zweiter Fehler ist.

In Beziehung auf den vorliegenden Fall nimmt man das Urfaktum des Christentums historisch und rein als Faktum, wenn man nimmt, was am Tage liegt, daß Jesus gewußt habe, was er eben weiß, früher als irgendein andrer es gewußt hat, und gelehrt und gelebt habe, wie er hat – ohne noch weiter wissen zu wollen, wie dieses alles ihm möglich gewesen: was man denn auch, zufolge einleuchtender, nur hier nicht mitzuteilender Grundsätze, in diesem Leben nimmermehr erfahren wird. Durch, das Faktum überfliegenden, Verstandesgebrauch aber metaphysiziert wird dasselbe Faktum, wenn man es in seinem Grunde zu begreifen strebt und etwa zu diesem Behufe eine Hypothese, wie das Individuum Jesus, als Individuum, aus dem göttlichen Wesen hervorgegangen sei, aufstellet. – Als Individuum, habe ich gesagt; denn wie die ganze Menschheit aus dem göttlichen Wesen hervorgehe, läßt sich begreifen und hat durch die vorstehenden Vorlesungen begreiflich gemacht werden sollen und ist nach uns der Inhalt des Eingangs des Johanneischen Evangelium.

Nun kommt es uns insbesondre, die wir die Sache historisch nehmen, nicht darauf an, auf welche von den beiden Weisen irgend jemand den aufgestellten Satz nehmen wolle, sondern zunächst nur darauf, auf welche von den beiden Weisen Jesus selber und sein Apostel Johannes ihn genommen haben, und die übrigen befugt gewesen seien, ihn zu nehmen; und es ist allerdings der bedeutendste Bestandteil unsrer Behauptung, daß das Christentum selber, d. h. zunächst Jesus, jenen Satz durchaus nicht metaphysisch genommen habe. Wir bringen unsre Beweisführung auf folgende Sätze zurück.

1. Jesus von Nazareth hat die allerhöchste und den Grund aller andern Wahrheiten enthaltende Erkenntnis von der absoluten Identität der Menschheit mit der Gottheit, in Absicht des eigentlichen Realen an der erstem, ohne Zweifel besessen. – über diesen auch nur historischen Satz müßte zu allererst ein jeder, für den der folgende Beweis etwas beweisen soll, mit mir einverstanden sein; und ich ersuche mein Zeitalter, über diesen Punkt sich ja nicht zu übereilen. Meines Erachtens wird nicht leicht jemand, der nicht dieselbe Erkenntnis von der Einen Realität schon vorher auf einem andern Wege erhalten und sie in sich lebendig werden lassen, sie da finden, wo ich sie, auch erst hindurchgegangen durch jene Bedingung, gefunden habe. Hat aber jemand nur erst diese Bedingung erfüllt, und sich erst dadurch das Organ verschafft, mit welchem allein das Christentum aufgefaßt werden kann, so wird er nicht nur jene Grundwahrheit im Christentums klar wiederfinden, sondern es wird sich ihm auch über die übrigen, oft sehr sonderbar scheinenden Äußerungen derselben Schriften ein hoher und heiliger Sinn verbreiten.

2. Die Art und Weise dieser Erkenntnis in Jesu Christo, welche der zweite Punkt ist, auf den es ankommt, laßt sich am besten charakterisieren durch den Gegensatz mit der Art und Weise, auf welche der spekulative Philosoph zu derselben Erkenntnis kommt. Der letztere geht aus von der an sich der Religion fremden und für sie profanen Aufgabe seiner Wißbegier, das Dasein zu erklären. Diese Aufgabe findet er allenthalben, wo ein gelehrtes Publikum vorhanden ist, schon durch andere ausgesprochen vor sich und findet Mitarbeiter um die Auflösung unter seinen Vorgängern und Zeitgenossen. Ihm kann es nicht einfallen, um der bloßen, ihm klar gewordnen Aufgabe willen sich für etwas Besonderes und Ausgezeichnetes zu halten. Ferner spricht die Aufgabe, als Aufgabe, seinen eignen Fleiß und seine ihm klar bewußte persönliche Freiheit an; seiner Selbsttätigkeit gar klar sich bewußt, kann er sich ebensowenig für inspiriert halten.

Setzet endlich; daß die Lösung ihm gelinge und ihm auf die einzig rechte Weise, durch das Religionsprinzip, gelinge, so liegt sein Fund doch immer in einer Reihe von vorbereitenden Untersuchungen, und ist auf diese Weise für ihn ein natürliches Ereignis. Die Religion ist nur nebenbei und nicht rein und lediglich als Religion; sondern zugleich als das lösende Wort des Rätsels, welches die Aufgabe seines Lebens ausmachte, an ihn gekommen.

So verhielt es sich nicht mit Jesu. Er ist zuvörderst schlechthin nicht von irgendeiner spekulativen Frage, welche durch die, später und im Verlaufe der Erforschung jener Frage ihm gekommene Religions-Erkenntnis nur gelöst worden wäre, ausgegangen; denn – er erklärt durch sein Religions-Prinzip schlechthin nichts in der Welt und leitet nichts ab aus jenem Prinzip, sondern trägt ganz allein und ganz rein nur dies vor, als das einzige des Wissens Würdige, liegen lassend alles übrige als nicht wert der Rede. Sein Glaube und seine Überzeugung ließ es über das Dasein der endlichen Dinge auch nicht einmal zur Frage kommen. Kurz, sie sind eben gar nicht da für ihn, und allein in der Vereinigung mit Gott ist Realität. Wie dieses Nichtsein denn doch den Schein des Seins annehmen könne, von welcher Bedenklichkeit alle profane Spekulation ausgeht, wundert ihn nur nicht.

Ebensowenig hatte er seine Erkenntnis durch Lehre von außen und Tradition; denn bei der wahrhaft erhabenen Aufrichtigkeit und Offenheit, die aus allen seinen Äußerungen hervorleuchtet, – hier setze ich freilich abermals bei meinem Leser voraus, daß er durch seine eigne Verwandtschaft zu dieser Tugend und durch ein tieferes Studium der Lebensbeschreibung Jesu einen anschaulichen Begriff von jener Aufrichtigkeit sich verschaffe – hätte er in diesem Falle das gesagt und seine Jünger nach seinen eignen Quellen hingewiesen. – Daraus, daß er selbst auf eine richtigere Religions-Kenntnis vor Abraham hindeutet, und einer seiner Apostel bestimmt auf Melchisedek hinweiset, folgt nicht, daß Jesus durch unmittelbare Tradition mit jenem Systeme zusammengehangen habe; sondern er kann sehr füglich das ihm schon in ihm selber Aufgegangene beim Studium Moses nur wiedergefunden haben; indem auch aus einer Menge anderer Beispiele hervorgeht, daß er die Schriften des Alten Testaments unendlich tiefer erfaßte, als die Schriftgelehrten seiner Zeit und die Mehrzahl der unsrigen; indem auch er ausging, wie es scheint, von dem hermeneutischen Prinzip, daß Moses und die Propheten nicht nichts, sondern etwas hätten sagen wollen.

Jesus hatte seine Erkenntnis weder durch eigne Spekulation, noch durch Mitteilung von außen, heißt: er hatte sie eben schlechthin durch sein bloßes Dasein; sie war ihm Erstes und Absolutes, ohne irgendein anderes Glied, mit welchem sie zusammengehangen hätte; rein durch Inspiration, wie wir hinterher, und im Gegensatze mit unserer Erkenntnis, uns darüber ausdrücken, er selbst aber nicht einmal also sich ausdrücken konnte. – Und zwar, welche Erkenntnis hatte er auf diese Weise? Daß alles Sein nur in Gott gegründet sei, mithin, was da unmittelbar folgt, daß auch sein eignes Sein mit dieser und in dieser Erkenntnis in Gott gegründet sei und unmittelbar aus ihm hervorgehe. Was da unmittelbar folgt, sagte ich; denn für uns ist das letztere allerdings ein Schluß vom Allgemeinen aufs Besondre, weil wir insgesamt erst unser vorher vorhandenes persönliches Ich, als das hier vorkommende Besondere, an dem Allgemeinen vernichten müssen; keinesweges aber eben also – was als die Hauptsache ich zu bemerken bitte – bei Jesu. Da war kein zu vernichtendes geistiges, forschendes oder lernendes Selbst; denn erst in jener Erkenntnis war sein geistiges Selbst ihm aufgegangen. Sein Selbstbewußtsein war unmittelbar die reine und absolute Vernunftwahrheit selber; seiend und gediegen und bloßes Faktum des Bewußtseins, keinesweges, wie bei uns andern allen, genetisch, aus einem vorhergegangenen andern Zustande, und drum kein bloßes Faktum des Bewußtseins, sondern ein Schluß. In dem, was ich soeben bestimmt auszusprechen mich bemühte, dürfte wohl der eigentliche persönliche Charakter Jesu Christi, welcher, wie jede Individualität, nur einmal gesetzt sein kann in der Zeit und in derselben nie wiederholt werden, bestanden haben. Er war die zu einem unmittelbaren Selbstbewußtsein gewordene absolute Vernunft, oder, was dasselbe bedeutet, Religion.

3. In diesem absoluten Faktum ruhte nun Jesus und war in ihm aufgegangen; er konnte nie es anders denken, wissen oder sagen, als daß er eben wisse, daß es so sei, daß er es unmittelbar in Gott wisse, und daß er auch dies eben wisse, daß er es in Gott wisse. Ebensowenig konnte er seinen Jüngern eine andere Anweisung zur Seligkeit geben, außer die, daß sie werden müßten, wie Er; denn daß seine Weise da zu sein beselige, wußte er an sich selber; anders aber, außer an sich selbst und als seine Weise da zu sein, kannte er das beseligende Leben gar nicht, und konnte es drum auch nicht anders bezeichnen. Er kannte es ja auch nicht im allgemeinen Begriffe, wie der spekulierende Philosoph es kennet und es zu bezeichnen vermag; denn er schöpfte nicht aus dem Begriffe, sondern lediglich aus seinem Selbstbewußtsein. Er nahm es lediglich historisch; und wer es so nimmt, wie wir uns soeben darüber erklärt haben, der nimmt es, unsers Erachtens nach seinem Beispiele, auch nur historisch: es war zu der und der Zeit im jüdischen Lande ein solcher Mensch; und damit gut. – Wer aber nun noch ferner zu wissen begehrt, durch welche – entweder willkürliche Veranstaltung Gottes oder innere Notwendigkeit in Gott – ein solches Individuum möglich und wirklich geworden, der überfliegt das Faktum und begehrt zu metaphysizieren das nur Historische.

Für Jesus war eine solche Transzendenz schlechthin unmöglich; denn für diesen Behuf hätte er sich, in seiner Persönlichkeit, von Gott unterscheiden und sich abgesondert hinstellen und sich über sich selber, als ein merkwürdiges Phänomen, verwundern und sich die Aufgabe stellen müssen, das Rätsel der Möglichkeit eines solchen Individuum zu lösen. Aber es ist ja der allerhervorspringendste, immer auf dieselbe Weise wiederkommende Zug im Charakter des Johanneischen Jesus, daß er von einer solchen Absonderung seiner Person von seinem Vater gar nichts wissen will und andern, welche sie zu machen versuchen, sie ernstlich verweist; daß er immerfort annimmt, wer ihn sehe, sehe den Vater, und wer ihn höre, höre den Vater, und das sei alles Eins; und daß er ein Selbst an ihm, über dessen ungebührliche Erhebung der Mißverstand ihm Vorwürfe macht, unbedingt ableugnet und wegwirft. Ihm war nicht der Jesus Gott, denn einen selbständigen Jesus gab er nicht zu; wohl aber war Gott Jesus und erschien als Jesus. Von jener Selbstbeschauung aber und Verwunderung über sich selber war – ich will nicht sagen, ein Mann wie Jesus, in Beziehung auf welchen wohl die bloße Lossprechung hievon eine Lästerung sein dürfte – sondern der ganze Realismus des Altertums sehr weit entfernt; und das Talent, immer nach sich selber hinzusehen, wie es uns stehe, und sein Empfinden und das Empfinden seines Empfindens wieder zu empfinden und aus langer Weile sich selber und seine merkwürdige Persönlichkeit psychologisch zu erklären, war den Modernen vorbehalten; aus welchen eben darum so lange nichts Rechtes werden wird, bis sie sich begnügen, eben einfach und schlechtweg zu leben, ohne wiederum in allerlei Potenzierungen dieses Leben leben zu wollen, andern, die nichts Besseres zu tun haben, überlassend, dieses ihr Leben, wenn sie es der Mühe wert finden, zu bewundern und begreiflich zu machen.

 << Kapitel 16 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.