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Die Anweisung zum seligen Leben

Johann Gottlieb Fichte: Die Anweisung zum seligen Leben - Kapitel 16
Quellenangabe
typetractate
authorJohann Gottlieb Fichte
titleDie Anweisung zum seligen Leben
publisherDeutsche Bibliothek in Berlin
editorHeinrich Scholz
yearo.J.
firstpub1806
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141207
projectide9eb430d
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Elfte Vorlesung

Ehrwürdige Versammlung,

Der Gegenstand unserer Untersuchung ist, soweit er hier erschöpft werden sollte, durch unsere letzte Rede vollends erschöpft, und ich habe dem Ganzen nur noch die allgemeine Nutzanwendung hinzuzufügen; mich haltend, wie sich versteht, innerhalb der Grenzen, welche das freie und liberale Verhältnis, das diese Reden zwischen Ihnen, Ehrwürdige Versammlung, und mir geknüpft haben, und das heute zu Ende geht, und die wohlbegründete gute Sitte mir setzen.

Mein Wunsch war, mich Ihnen so innig als möglich mitzuteilen, Sie zu durchdringen und von Ihnen, meinem Sinne nach, durchdrungen zu werden. – Ich glaube auch wirklich, daß es mir gelungen ist, die Begriffe, welche hier zur Sprache gebracht werden sollten, mit einer wenigstens vorher nicht also erreichten Klarheit auszusprechen, sowie auch diese Begriffe in ihrem natürlichen Zusammenhange hinzustellen. Aber selbst bei der klärsten Darstellung der Begriffe und bei sehr richtiger Erfassung dieser Begriffe durch den Zuhörer kann noch immer eine große Kluft befestigt bleiben zwischen dem Geber und dem Empfänger, und es kann der Mitteilung an ihrer möglichen Innigkeit gar vieles abgehen; und man hat in diesem unserm Original: unsern. Zeitalter auf diesen Mangel als auf die eigentliche Regel, von der das Gegenteil nur die Ausnahme ist, zu rechnen.

Dieser Mangel an Innigkeit des Empfangens der dargebotenen Belehrung in unserm Zeitalter hat zwei Hauptgründe.

Zuvörderst nämlich gibt man sich nicht, wie man sollte, mit ganzem Gemüte, sondern etwa nur mit dem Verstande oder mit der Phantasie dem dargebotenen Unterrichte hin. Man betrachtet es im ersten Falle lediglich mit Wißbegier oder Neubegier, um zu sehen, wie sich das nun machen und gestalten möge, übrigens indifferent gegen den Inhalt, ob er nun so oder so ausfalle. Oder man belustigt im zweiten Falle sich bloß an der Reihe der Bilder, der Erscheinungen, der etwa gefallenden Worte und Redensarten, die vor unserer Phantasie vorbeigeführt werden, übrigens ebenso indifferent gegen den Inhalt. Man stellt es eben außer sich selbst und von sich selbst abgesondert vor sich hin und scheidet es ab von sich; statt, wie man sollte, es zu versuchen an seiner wahrhaftigen Liebe, und zu sehen, wie es dieser zusagen möge. Man setzt sodann leicht auch bei dem Geber dieselbe Stimmung voraus, glaubend, daß es ihm lediglich darum zu tun sei, spekulierend die Zeit auf eine Art, die nicht unangenehm sein möge, hinzubringen, seinen Scharfsinn und seine dialektische Kunst bewundern zu lassen, schöne Phrasen zu machen und dergleichen. Durch die Aufwerfung der Frage aber, sei es auch nur in seinem eigenen Herzen, ob wohl derselbe selbst liebend und lebendig ergriffen sein möge von dem, was er sagt, und durch die Voraussetzung, daß er auch wohl uns also zu ergreifen wünschte, wenn er es vermöchte, würden wir die Grenzen der individuellen Rechte zu überschreiten, demselben eine Schmach zuzufügen, vielleicht gar ihn zum Schwärmer umzuwandeln befürchten. Nun wird zwar, falls man die erwähnte Voraussetzung auch da nicht macht, wo man sie doch machen könnte und sollte, dem Geber kein Schaden zugefügt, indem dieser über dieses, hinter seinen wahren Gesinnungen weit zurückbleibende fremde Urteil sich leicht wird hinwegsetzen können; wohl aber wird dem Empfänger ein Schade zugefügt, denn diesem fällt die erteilte Belehrung allemal so aus, wie er sie nimmt, und sie erhält für ihn keine Beziehung auf das Leben, wenn nicht er selber diese Beziehung ihr gibt. Jene kalte und indifferente Beschauung durch den bloßen Verstand ist der Charakter der wissenschaftlichen Denkart, und alle wirkliche Entwickelung von Wissenschaft hebt an mit dieser Indifferenz für den Inhalt, indem die Richtigkeit der Form allein interessiert, bleibt auch bis zu ihrer vollständigen Erzeugung in dieser Indifferenz beruhend; wie sie aber vollendet hat, strömt sie zurück in das Leben, auf welches zuletzt doch alles sich bezieht. Unser Zweck bei den gegenwärtigen Vorlesungen war zu allernächst nicht wissenschaftlich, ohnerachtet nebenbei mancherlei Rücksichten auf wissenschaftliche Bedürfnisse meiner Zuhörer genommen wurden; sondern er war praktisch. Wir müssen daher heute, am Beschlusse stehend, allerdings bekennen, daß wir nichts dagegen haben dürften, falls jemand voraussetzte, daß es uns mit dem in diesen Vorlesungen Vorgetragenen ganzer und völliger Ernst gewesen sei, daß die aufgestellten Grundsätze bei uns auch mit vom Leben ausgegangen seien und in dasselbige zurückgriffen, daß wir allerdings gewünscht hätten, daß sie auch auf die Liebe und das Leben unserer Zuhörer einfließen möchten, und daß wir erst in dem Falle, daß dieses wirklich geschehen, unsern Zweck für vollkommen erreicht halten und glauben würden, daß die Mitteilung so innig gewesen sei, wie sie sein sollte.

Ein zweites Hindernis inniger Mitteilung in unserm Zeitalter ist die herrschende Maxime, keine Partei nehmen zu wollen und sich nicht zu entscheiden für oder wider; welche Denkart sich Skeptizismus nennt und auch noch andere vornehme Namen annimmt. Wir haben auch schon im Laufe dieser Vorlesungen über dieselbe gesprochen. Ihr Grund ist absoluter Mangel an Liebe, sogar an der allergewöhnlichsten zu sich selber – der tiefste Grad der oben beschriebenen Zerflossenheit des Geistes, da der Mensch nicht einmal über sein eigenes Schicksal sich zu kümmern vermag, oder auch wohl die wahrhaft brutale Meinung, daß Wahrheit kein Gut sei, und daß an der Erkenntnis derselben nichts liege. Um über diesen, keinesweges Scharfsinn, sondern den allerhöchsten Grad des Stumpfsinns verratenden Skeptizismus hinauszukommen, muß man aufs wenigste darüber mit sich einig werden, ob es überall Wahrheit gebe, ob sie erreichbar sei für den Menschen und ob sie ein Gut sei. Ich muß am Schlusse dieser Reden bekennen, daß, falls jemand heute sogar über die eben genannten Punkte noch nicht im reinen wäre, ja, sogar in dem Falle, daß er wenigstens über die hier vorgetragenen Resultate sich noch Bedenkzeit zur Entscheidung zwischen dem Ja oder Nein erbäte und etwa, übrigens die Fertigkeit des Vortrages billigend, ein Urteil über die Sache selber nicht zu haben bekennte, daß, sage ich, zwischen diesem und mir die Mitteilung und gegenseitige Wechselwirkung am allerflächsten ausgefallen wäre, und dieser nur eine Vermehrung seines stehenden Vorrats von möglichen Meinungen erhalten hätte, indes ich ihm etwas Vorzüglicheres zudachte. Mir ist – nicht so gewiß, wie die Sonne am Himmel oder dieses Gefühl meines eigenen Körpers, sondern unendlich gewisser, daß es Wahrheit und dem Menschen zugängliche und von ihm klar zu begreifende Wahrheit gebe; auch mag ich wohl überzeugt sein, daß auch ich an meinem Teile diese Wahrheit aus einem gewissen, mir eigentümlichen Punkte und in einem gewissen Grade der Klarheit ergriffen habe, denn außerdem würde ich ja wohl schweigen und es vermeiden, mündlich oder schriftlich zu lehren; endlich mag ich auch wohl davon überzeugt sein, daß dasjenige, was ich unter andern auch hier vorgetragen, jene ewige, unwandelbare, und alles ihr Gegenüberstehende zur Unwahrheit machende Wahrheit sei; denn außerdem würde ich ja nicht Das vorgetragen haben, sondern vielmehr das andere, welches ich für Wahrheit hielte. – Man hat seit langer Zeit, im größern lesenden und schreibenden Publikum, gereimt und reimlos, den Verdacht auf mich zu bringen gesucht, daß ich der zuletzt geäußerten sonderbaren Meinung zu sein scheine; ich habe vielfältig auf demselben Wege des Drucks bekannt und eingestanden; aber, der Buchstabe errötet nicht, scheint man zu denken und zu verharren in der guten Hoffnung von mir, daß ich schon noch einmal der Beschuldigung, die man zu diesem Zwecke immerfort wiederholt, mich schämen werde; ich habe drum einmal, angesichts einer zahlreichen und ehrwürdigen Versammlung, und derselben ins Auge schauend, die Wahrheit jener Anklage gegen mich mündlich eingestehen wollen. Auch ist es von jeher bei aller Mitteilung, und so auch bei der in diesen Reden an Sie, Ehrwürdige Versammlung, alles Ernstes mein Zweck und meine Absicht gewesen, das, was ich erkannt habe, den andern zuvörderst durch alle in meiner Gewalt stehende Mittel klar und verständlich zu machen, und, soviel an mir liegt, sie zum Verstehen zu zwingen; wo sodann – wie ich auch dessen sicher war – die Überzeugung von der Wahrheit und Richtigkeit des Vorgetragenen sich von selbst einfinden werde; also ist es allerdings von jeher und so auch jetzt mein Zweck gewesen, meine Überzeugung zu verbreiten, Proselyten zu machen, oder mit welchen Worten noch diejenigen, die sie hassen, jene Absicht, die ich sehr freimütig zugestehe, ausdrücken wollen. Jene mir gar oft und auf alle Weise empfohlne Bescheidenheit, zu sagen: sehen Sie da meine Meinung, und wie ich für meine Person die Sache ansehe, indem ich freilich noch überdies der Meinung bin, daß diese meine Meinung um nichts besser ist, als alle die übrigen Meinungen, welche gehegt worden sind seit dem Anfange der Welt, und noch werden gehegt werden bis an das Ende derselben, jene Bescheidenheit, sage ich, kann ich aus dem angeführten Grunde und überdies auch noch deswegen nicht an mich bringen, weil ich diese Bescheidenheit als die größte Unbescheidenheit erkenne und es für eine fürchterliche und des Abscheus würdige Arroganz halte, zu glauben, es wolle jemand wissen, wie wir für unsere Person ein Ding ansehen, und den Mund zur Lehre zu öffnen, solange man nur noch seines Meinens, keinesweges aber seines Wissens sich bewußt ist. Freilich muß ich hinterher, nachdem die Sache geschehen ist, mich darein ergeben, daß man mich nicht verstanden hat und eben deswegen auch nicht überzeugt worden ist, weil es kein äußeres logisches Zwangsmittel zum Verstehen gibt, sondern das Verständnis und die Überzeugung nur aus dem Innersten des Lebens heraus und seiner Liebe sich entwickeln; aber schon im voraus in das Nichtverständnis mich ergeben und schon während der Mitteilung als auf etwas, das da erfolgen solle, darauf zu rechnen, dieses kann ich nicht; und ich habe es nie und auch bei diesen Vorlesungen nicht getan.

Die jetzt genannten Hinderungen einer innigeren und fruchtbareren Mitteilung über ernsthafte Gegenstände werden immerfort frisch erhalten und erneuert, selbst bei denen, die wohl Lust und Kraft hätten, sich darüber zu erheben, durch die täglichen Umgebungen, welche man im Zeitalter antrifft. – Sie werden, E. V., sowie meine Meinung nur deutlicher heraustreten wird, finden, daß ich bisher dieser Dinge weder geradezu erwähnt, noch indirekt auf sie hingedeutet habe; jetzt aber habe ich, sehr reifen Überlegungen und Erwägungen zufolge, mich entschlossen, zum Beschlusse jene Umgebungen in ihrer Existenz anzuerkennen, sie aus ihrem Prinzip zu würdigen und durch diese tiefere Ansicht Sie, soviel ich und soviel überhaupt eine fremde Kraft dies vermag, auf die Zukunft dagegen auszurüsten.

Es soll mich davon nicht abhalten der mir sehr wohl bekannte, fast allgemeine Haß gegen das, was man Polemik nennt; denn dieser Haß geht selbst aus jener Umgebung hervor, mit welcher ich den Streit aufnehme und ist eins ihrer vornehmsten Bestandteile. Wo er nicht etwas noch Nichtswürdigeres ist, wovon tiefer unten, da ist er aufs mindeste die krankhafte Abneigung von aller schärferen Auseinandersetzung, zu der jede Kontroverse allerdings nötigt; und die unüberwindliche Liebe zu der ehemals sattsam beschriebenen Verworrenheit und Verflossenheit aller Gegensätze.

Ebensowenig soll mich davon abhalten die gar häufig sich vernehmen lassende Vermahnung, man müsse über dergleichen Dinge sich hinwegsetzen und sie verachten. Es ist nicht zu erwarten, daß in unserm Zeitalter irgendein Mann von klarer Erkenntnis und Charakter es an Verachtung werde fehlen lassen gegen die Voraussetzung, er könne für seine Person durch Urteile aus jenen Umgebungen heraus beleidigt und herabgesetzt werden; und jene Ermahner selbst mögen wohl nicht bedenken, welche Fülle von Verachtung sie selber durch die Meinung, sie erst müßten uns an die schuldige Verachtung erinnern, verdienen und oft auf der Stelle erhalten.

Es soll mich davon nicht abhalten die gewöhnliche Voraussetzung, daß man lediglich darum widerspreche, streite und polemisiere, um eine persönliche Leidenschaftlichkeit zu befriedigen und wiederum wehe zu tun dem, der uns etwa wehe getan habe; durch welche Voraussetzung eben schwache und von einer festen Wahrheit und ihrem Werte nichts wissende Menschen sogar einen ehrenvollen Grund zu erhalten glauben, um die ohnedies aus ihrer Behaglichkeit sie aufstörende Polemik mit Fuge zu hassen und zu verachten. Denn daß jemand glaube, nur aus irgendeinem persönlichen Interesse könne man sich gegen etwas setzen, beweiset nichts mehr, als daß dieser, für seine Person, es lediglich aus diesem Grunde könne, und daß, wenn er einmal polemisieren sollte, allerdings nur persönliche Gehässigkeit die Triebfeder davon sein würde; und hier nehmen wir denn den oben erteilten Rat, dergleichen Dinge zu verachten, gern an; denn daß ein solcher ohne weiteren Beweis uns als seinesgleichen festsetze, ist eine Beschimpfung, die nur mit Verachtung erwidert werden kann, und von jedem rechtlichen Menschen es wird.

Auch soll mich davon nicht abhalten, daß man sagt, es sind nur wenige, die also sagen oder denken; denn diese Behauptung ist eben eine Unwahrheit, mit der die tadelnswürdige Furchtsamkeit der Bessern sich etwas aufbindet. Milde gerechnet denken neunundneunzig Hundertteile in den gebildeten Ständen in Deutschland also; und in den höchsten Zirkeln, welche den Ton angeben, ist es am ärgsten; und eben darum kann auch das angezeigte Verhältnis demnächst sich noch nicht vermindern, sondern es wird sich vermehren; und wenn es auch nur wenige Sprecher der Partei gibt und solche, die den Geist derselben gedruckt aussagen, so kommt dies lediglich daher, weil allenthalben die Sprecher die wenigern sind; was aber nicht drucken läßt, das liest und erquickt sich in der geheimsten Stille seines Gemüts an dem getroffenen Abdrucke seiner wahren Gesinnung. Daß das letztere in der Tat sich also verhalte und wir durch die Beschuldigung dem Publikum gar nicht unrecht tun, gehet, so sorgfältig auch dasselbe über seine Äußerungen wachen mag, solange es seine Fassung behält, dennoch sodann unwidersprechlich hervor, sobald es in Leidenschaft gebracht wird; welches allemal erfolgt, wenn man einen seiner Sprecher und Vormünder antastet. Sie stehen sodann alle auf, Mann für Mann, und vereinigen sich gegen den gemeinschaftlichen Feind, als ob jeder einzelne in seinem teuersten Besitztume sich angegriffen glaubte.

Wie man daher auch mit allen einzelnen uns bekanntgewordenen Personen dieser Partei fertig werden und über sie hinwegkommen möge, so soll man doch über die Sache selber mit der bloßen Verachtung sich nicht hinwegsetzen, indem es die Sache der entschiedenen Majorität, ja beinahe der allgemeinen Einstimmigkeit ist und noch lange es bleiben wird. Auch sieht diese sorgfältige Vermeidung einer Berührung mit jenen Dingen und der Vorwand, man sei dazu zu vornehm, der Feigheit nicht unähnlich, und es scheint, als ob man doch in jenen Winkeln sich zu beflecken befürchtete; da ja vielmehr das kräftige Sonnenlicht jeder Höhle Finsternis muß zerstreuen können, ohne drum die Finsternis in sich aufzunehmen. Die Augen der Blinden in diesen Höhlen kann es freilich nicht eröffnen, wohl aber kann es den Sehenden zeigen, wie es in diesen Höhlen aussieht.

In frühern Vorlesungen Vgl. die ganze zweite Vorlesung über die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters (W W VII 16 ff.), namentlich gegen den Schluß, S. 26 ff. –Von der Religion heißt es dort (S. 31), daß sie, wenn überhaupt noch vorhanden, diesem Zeitalter eine bloße Glückseligkeitslehre ist, bestimmt, uns zu erinnern, daß man mäßig genießen müsse, um recht lange und recht vieles zu genießen; ein Gott wird ihm nur dazu da sein müssen, damit er unser Wohlsein besorge, und bloß unsere Bedürftigkeit wird es sein, die ihn ins Dasein gerufen und ihn zu dem Entschlüsse gebracht, existieren zu wollen. Was es von dem übersinnlichen Inhalte eines etwa vorhandenen Religionssystems allenfalls noch beibehalten will, wird diese Schonung ganz allein dem Bedürfnisse eines Zaums für den ungezügelten Pöbel, dessen der Gebildete nicht bedarf, und dem Mangel eines zweckmäßigen Ergänzungsmittels der Polizei und des gerichtlichen Beweises verdanken. haben wir gezeigt, und auch in diesen von Zeit zu Zeit berührt, daß die herrschende Denkart des Zeitalters die Begriffe von Ehre und Schande geradezu umkehre und das wahrhaft Entehrende sich zum Ruhme, die Ehre hingegen sich zur Schande anrechne. So ist, wie jedem, der nur ruhig gehört hat, unmittelbar eingeleuchtet haben muß, der oben erwähnte Skeptizismus, den unter der Benennung des Scharfsinns das Zeitalter sich zur Ehre anzurechnen pflegt, offenbarer Stumpfsinn, Flachheit und Schwäche des Verstandes. Ganz besonders aber und vorzüglich gilt diese totale Verkehrtheit des Zeitalters in Beziehung auf Religion. Ich müßte durchaus alle meine Worte an Ihnen verloren haben, wenn ich Ihnen nicht wenigstens so viel einleuchtend gemacht hätte, daß alle Irreligiosität auf der Oberfläche der Dinge und in dem leeren Scheine befangen bleibt und eben darum einen Mangel an Kraft und Energie des Geistes voraussetzt, somit notwendig Schwäche des Kopfes sowohl, als des Charakters verrät; dagegen die Religion, als sich erhebend über den Schein und eindringend in das Wesen der Dinge, notwendig den glücklichsten Gebrauch der Geisteskräfte, den höchsten Tiefsinn und Scharfsinn und die davon unabtrennliche höchste Stärke des Charakters entdeckt; daß daher, nach den Prinzipien aller Urteile über Ehre, der Irreligiose geringgeschätzt und verachtet, der Religiose aber hochgeachtet werden müßte. – Die herrschende Denkart des Zeitalters kehrt das um. Nichts bringt bei der Majorität desselben unmittelbarer und sicherer Schande, als wenn man sich auf einem religiösen Gedanken oder einer solchen Empfindung ergreifen läßt; nichts kann, was daraus folgt, sicherer Ehre bringen, als wenn man von dergleichen Gedanken und Empfindungen sich frei hält. Was bei dieser Gesinnung dem Zeitalter einige Beschönigung zu geben scheint, ist dies, daß es die Religion nur als Superstition zu denken vermag, und daß es ein Recht zu haben glaubt, diese Superstition als etwas, worüber es hinweg sei, und, da sie und die Religion Eins seien, alle Religion zu verachten. Hierin spielt nun dem Zeitalter sein Unverstand und seine unermeßliche Ignoranz, die aus diesem Unverstande stammt, zwei schlimme Streiche auf einmal. Denn zuvörderst ist es gar nicht wahr, daß das Zeitalter über die Superstition hinweg sei; das Zeitalter ist, wie man bei jeder Gelegenheit mit Augen sehen kann, innerlich noch davon angefüllt, denn es erschrickt und erzittert bei jeder kräftigen Berührung der Wurzeln des Aberglaubens; sodann aber, und was die Hauptsache ist, ist die Superstition selbst der absolute Gegensatz zur Religion, sie ist auch nur Irreligiosität, nur in einer andern Form; sie ist die schwermütige Irreligiosität, dagegen dasjenige, was das Zeitalter gern an sich brächte, wenn es könnte, nur als Befreiung von jener Schwermütigkeit – die leichtsinnige Irreligiosität sein würde. Nun läßt sich zwar wohl einsehen, wie einem in der letzten Stimmung ein wenig wohler in seinem Mute sein könne, als in der ersten; und kann man auch diese kleine Verbesserung ihres Zustandes den Menschen gönnen; wie aber durch diese Veränderung in der außerwesentlichen Form die im Wesen bleibende Irreligiosität verständig und achtungswürdig werde, wird nie ein Verständiger begreifen.

Also die Majorität des Zeitalters verachtet unbedingt die Religion. – Wie macht sie es denn nun möglich, diese Verachtung zur Tat und Äußerung zu bringen? Greift sie die Religion an mit Vernunftgründen? Wie könnte sie, da sie von der Religion schlechthin gar nichts weiß? Oder etwa mit Spotte? Wie könnte sie, da der Spott schlechthin irgendeinen Begriff von dem Verspotteten voraussetzt, dergleichen diese doch durchaus nicht haben? Nein, sie sagen bloß wörtlich wieder, daß da und da das und das gesagt sei, was etwa auf die Religion sich beziehen könnte; und ohne weiter von dem ihrigen etwas hinzuzutun, lachen sie eben, und jeder Höfliche lacht zur Gesellschaft mit; keinesweges, als ob der erste oder irgendeiner seiner Nachfolger innerlich in seinem Gemüte von einer lächerlichen Vorstellung, welches ja ohne einen Begriff durchaus unmöglich ist, wirklich angeregt sei, sondern lediglich zufolge des allgemeinen Paktum; und so lacht bald die ganze Gesellschaft, ohne daß irgendein einzelner eines Grundes zum Lachen sich bewußt ist; jeder aber denkt, sein Nachbar möge wohl einen solchen Grund haben.

Um an der Gegenwart selber, ja unmittelbar an dem, was wir hier treiben, die Illustration weiter fortzusetzen! – Die Erzählung, wie ich überhaupt darauf gebracht worden, in dieser Stadt populäre philosophische Vorlesungen für ein gemischtes Publikum zu halten, würde zu weit führen. Dies aber einmal gesetzt, begreift jeder, der einige Kenntnisse von der Sache hat, daß, wenn der bloß szientifische Zweck beiseite gesetzt wird, für ein gemischtes Publikum von der Philosophie nichts allgemein Interessantes und allgemein Verständliches übrig bleibt, als die Religion; daß dies, religiöse Gesinnungen zu wecken, der eigentliche und wahre Zweck dieser Vorträge sei, hatte ich nun am Schlusse meiner Vorlesungen vom vorigen Winter, welche nunmehr auch zum Nachlesen, und zum Nachlesen für diesen Zweck, gedruckt sind, bestimmt ausgesprochen Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, 17. Vorlesung, W W VII 244 ff.; ebenso wie ich die Erläuterung hinzugefügt hatte, daß jene Vorlesungen nur eine Vorbereitung dieses Geschäfts seien, daß wir in ihnen nur das Hauptsächlichste von der Sphäre der Verstandes-Religion durchmessen hätten, die ganze Sphäre der Vernunft-Religion aber unberührt geblieben sei. Es war von mir zu erwarten, daß, falls ich diese Unterhaltungen jemals wieder aufnähme, ich sie da aufnehmen würde, wo ich sie hatte fallen lassen. – Ich mußte ferner einen Gegenstand für populäre Vorlesungen auf eine populäre Weise bezeichnen; ich fand, die Benennung: Anweisung zu einem seligen Leben würde diese Vorlesungen erschöpfend charakterisieren. Ich glaube auch noch bis heute, daß ich darin nicht fehlgegriffen habe; und Sie selbst, E. V., können, nachdem Sie selbst die Abhandlung bis zu Ende gehört haben, entscheiden, ob Sie eine Anweisung zum seligen Leben gehört haben, und ob Sie etwas anderes gehört haben, als eine solche Anweisung. Und so geschah es denn, daß eine solche Anweisung durch die öffentlichen Zeitungen angekündigt wurde Anzeige in der Spenerschen Zeitung vom 7. Januar 1806.; so wie ich dies, noch bis diesen Augenblick, ganz schicklich und natürlich finde.

Gar nicht unerwartet aber würde mir gewesen sein, und ebenso natürlich würde ich gefunden haben, daß einer Majorität, wie der beschriebenen, meine Ankündigung und mein gutes Unternehmen als unübertrefflich komisch erschienen wäre, und daß sie darin eine reiche Quelle des Lachens für sich entdeckt hätten. Ganz natürlich würde ich gefunden haben, wenn Zeitungsherausgeber und Redaktoren fliegender Blätter in meinem Hörsaale stehende Referenten angestellt hätten, um die hier ergiebig fließende Quelle des Lächerlichen auch in ihre Blätter zu leiten, und um sie zur Aufheiterung ihrer Leser zu gebrauchen! – »Anweisung zu einem seligen Leben!« Wir wissen zwar freilich nicht, was der Mann durch Leben, und durch seliges Leben verstehen möge, aber es ist doch immer eine sonderbare Zusammensetzung von Worten, die, also verbunden, an unser Ohr noch nicht getroffen sind; es läßt sich leicht absehen, daß dabei nichts als Dinge herauskommen werden, von denen ein wohlgezogener Mann in guter Gesellschaft nicht gern spricht; und auf alle Fälle – hätte denn der Mann nicht voraussehen können, daß wir über ihn lachen würden? Da er nun, falls er ein vernünftiger Mensch wäre, dies um jeden Preis müßte vermeiden wollen, so ist seine Ungeschicktheit klar; wir wollen vorläufig lachen, zufolge des allgemeinen Paktum; vielleicht, daß während dieses Lachens noch einem unter uns ein eigner Einfall und Zusatz kommt, der dieses Lachen begründe.

Es wäre nicht unmöglich, daß ein solcher Einfall käme. Z. B. Könnte man nicht sagen: »Wie selig ist doch der Mann selber zu preisen, der andern Anweisung zum seligen Leben geben will!« Auf den ersten Blick scheint nun die Wendung schon witziger; aber nehmen wir uns die Geduld, einen zweiten Blick auf sie zu werfen. Den Fall wirklich gesetzt, daß der, von dem die Rede, bei der klaren Einsicht seiner Grundsätze sich ganz wohl und ruhig befände, so hätte man ihm wohl dadurch, daß man ihm so etwas nachsagt, eine rechte Schmach zugefügt? – »Ja, aber so etwas von sich selber zu sagen, ist das nicht ein unverschämtes Selbstlob?« – Geradezu von sich gesagt haben wird man es ohne Zweifel nicht; denn ein gesetzter Mensch dürfte wohl außer ihm selbst noch andere Gegenstände haben, von denen er reden könnte, falls er reden will. Wenn aber in der Behauptung, es gebe eine gewisse Denkart, die Frieden und Ruhe über das Leben verbreite, und in dem Versprechen, man wolle diese Denkart andern bekannt machen, die Voraussetzung notwendig liegt, man habe diese Denkart selbst und habe, da sie nicht anders könne, denn Frieden geben, durch sie Frieden und Ruhe gewonnen, und man vernünftigerweise das erste gar nicht sagen kann, ohne das zweite stillschweigend anzuerkennen: so muß man freilich folgen lassen, was da folgt. Und wäre denn das eine so große Unverschämtheit, die ein unauslöschbares Ridiküle gäbe, wenn man es, durch den Zusammenhang dazu genötigt, hätte merken lassen, daß man sich für keinen Stümper und für keinen schlechten und elenden Menschen halte?

Allerdings, E. V., ist gerade dies die einzige Unverschämtheit und das einzige Ridiküle bei der Majorität, von der wir reden; und wir liefern durch das soeben Gesagte den innigsten Geist ihres Lebens zutage. Aller Verkehr unter den Menschen soll nach dem, dieser Majorität vielleicht selbst verborgnen, dennoch aber allen ihren Urteilen zugrunde liegenden Prinzip sich gründen auf die stillschweigende Voraussetzung, daß wir alle auf dieselbe Weise arme Sünder sind; wer die andern außer sich für etwas Besseres nimmt, der ist ein Tor; wer sich selbst ihnen für etwas Besseres gibt, der ist ein anmaßender Geck: beide werden verlacht. – Arme Sünder in Kunst und Wissenschaft; – wir können und wissen freilich alle nichts, jeder will jedoch auch gern ein Wort mitsprechen: das sollen wir gegenseitig einander demütig bekennen und verstatten, und reden und reden lassen; wer es aber anders nimmt und im Ernste tut, als ob er etwas wüßte oder vermöchte, handelt gegen das Paktum und ist anmaßend. Arme Sünder im Leben: – der letzte Zweck von unser aller Regungen und Bewegungen ist der, unsere äußerlichen Umstände zu verbessern; wer weiß das nicht? Freilich erfordert die vertragsmäßige Lebensart, daß man das dem andern nicht geradezu unter die Augen sage, wie denn auch dieser nicht verbunden ist, es mit lauten Worten zu gestehen, sondern hiebei gewisse Vorwände vertragsmäßig verstattet sind; aber stillschweigend voraussetzen muß es jeder lassen, und wer gegen die stillschweigende Voraussetzung sich setzt, ist anmaßend, und ein Heuchler obendrein.

Aus dem aufgestellten Prinzip stammt die bekannte Klage gegen die wenigen Bessern in der Nation, welche Klage man allenthalben hören und allenthalben gedruckt lesen kann, die Klage: wie, der Mann will uns mit dem Schönen und Edlen unterhalten! Wie wenig kennt er uns! Gebe er in geschmacklosen Späßen uns das treue Gegenbild unsers eignen frivolen und trivialen Lebens; denn das gefällt uns, und dann ist er unser Mann und kennt auch sein Zeitalter. Wir sehen selbst freilich wohl ein, daß jenes, was wir nicht mögen, vortrefflich, und das, was uns gefällt, schlecht und elend ist; aber dennoch mögen wir nur das letzte, denn – so einmal sind wir. – Aus diesem Prinzip stammen alle die Vorwürfe von Arroganz und Unbescheidenheit, welche die Schriftsteller einander in offenem Drucke und die Weltleute einander in Worten machen, und die ganze Fülle des stehenden und ausgeprägten Witzes, der sich im öffentlichen Umlaufe findet. Ich mache mich, wenn die Probe angestellt werden sollte, anheischig, den ganzen Schatz von Spott in der Welt – höchstens den tausendsten Teil davon ausgenommen – entweder auf das Prinzip: er weiß noch nicht, daß die Menschen arme Sünder sind, oder auf das, er glaubt besser zu sein, als wir andern alle, oder auf beide zugleich zurückzuführen. In der Regel sind beide Prinzipien vereinigt. So lag, im Sinne jener Majorität, das Ridiküle einer Anweisung zum seligen Leben nicht bloß darin, daß ich glaubte, eine solche Anweisung geben zu können, sondern auch darin, daß ich voraussetzte, Zuhörer, und in der zweiten Stunde wiederkommende Zuhörer, für eine solche Anweisung zu finden, und, falls ich sie dennoch fände, darin, daß diese glaubten, es sei hier etwas für sie zu holen.

In jener Voraussetzung der gleichen Sündhaftigkeit aller lebt nun jene Majorität immerfort; dieselbe Voraussetzung mutet sie immer jedwedem an; und wer dagegen verstößt, über den lacht sie, wenn man sie bei guter Laune läßt, oder erboset sich gegen ihn, wenn man sie in den Harnisch bringt; welches unter andern auch durch dergleichen tiefere Untersuchungen ihres wahren Wesens, wie die gegenwärtige war, zu geschehen pflegt. Durch diese Voraussetzung nun wird sie eben schlecht, profan, irreligiös, und dies immer mehr, je länger sie darin verharrt. Ganz umgekehrt hält der gute und rechte Mensch, obwohl er seine Mängel erkennt und an der Verbesserung derselben unablässig arbeitet, sich nicht für radikal schlecht und für einen substantiellen Sünder; denn wer sich in seinem Wesen als solchen anerkennt, mithin sich darein ergibt, der ist es eben deswegen, und bleibt es. Neben dem, was ihm fehlt, anerkennt der gute Mensch auch, was er hat, und muß es anerkennen, denn das eben soll er ja brauchen. Daß er dabei nicht sich selbst die Ehre gebe, versteht sich; denn wer noch ein Selbst hat, an dem ist sicher gar nichts Gutes. Ebensowenig setzt er, wie er auch etwa theoretisch von seiner Umgebung denken möge, in seinem wirklichen Verkehr mit den Menschen, diese als schlecht und als arme Sünder voraus, sondern er setzt sie als gut voraus. Mit der Sündhaftigkeit in ihnen hat er nichts zu tun, und an diese wendet er sich gar nicht, sondern er wendet sich an das in ihnen dennoch gewiß verborgene Gute. Auf alles das, was in ihnen nicht sein soll, rechnet er gar nicht und verfährt, als ob es gar nicht da wäre; dagegen rechnet er festiglich auf dasjenige, was nach den obwaltenden Umständen in ihnen sein soll, als auf etwas, das da eben sein muß, das vorausgesetzt und unter keiner Bedingung ihnen erlassen wird. Falls er z. B. lehrte, will er von der Zerstreutheit nicht verstanden sein, sondern nur von der Aufmerksamkeit; denn die Zerstreutheit soll nicht sein, und es kommt zuletzt weit mehr darauf an, daß man aufmerken lerne, als daß man gewisse Sätze lerne. Die Scheu vor gewissen Wahrheiten will er gar nicht schonen und zahm machen, sondern er will ihr trotzen; denn diese Scheu soll nicht sein, und wer die Wahrheit nicht ertragen kann, der soll sie von ihm nicht erhalten; die Festigkeit des Charakters dürfte zuletzt noch mehr wert sein, als irgendeine positive Wahrheit, und man dürfte ohne die erstere etwas der letztem Ähnliches wohl überhaupt nicht an sich bringen können. – Aber will er denn nicht gefallen und wirken? Allerdings; aber nur durch das Rechte und in den Wegen der göttlichen Ordnung; auf andre Weise will er schlechthin nicht weder wirken noch gefallen. Es ist eine gar gutmütige Voraussetzung jener Majorität, daß mancher sonst rechtliche Mann – sei es in Kunst, in Lehre oder in Leben – ihnen gern gefallen wolle, daß er dies nur nicht recht anzustellen wisse, weil er sie, diese tiefen Charaktere, nicht recht kenne, daß sie also es ihm sagen müßten, wie sie es gern hätten. Wie wäre es, wenn er sie unendlich tiefer durchschaute, als sie selbst es je vermögen werden, aber von dieser seiner Erkenntnis für sein Handeln mit ihnen Notiz nehmen nur nicht wollte, weil er sich eben nichts daraus macht, ihnen zu Willen zu leben und es ihnen nicht recht machen will, ehe nicht sie selber erst ihm recht geworden sind?

Und so habe ich Ihnen denn, E. V., neben der Schilderung der gewöhnlichen Umgebung im Zeitalter, zugleich das Mittel angegeben, sich über dieselbe gründlich hinwegzusetzen und sich von ihr auszuscheiden. Man schäme sich nur nicht, weise zu sein; sei man es auch allein in einer Welt von Toren. Was ihren Spott anbelangt, so habe man nur den Mut, nicht sogleich mitzulachen, sondern einen Augenblick ernsthaft zu bleiben und das Ding ins Auge zu fassen: um das Lachen kommt man darum nicht; der rechte Witz liegt bei solcher Gelegenheit im Hintergrunde, und dieser ist für uns; und soweit der gute Mensch den schlechten überhaupt überwiegt, so weit überwiegt auch sein Witz den des schlechten. Was ihre Liebe und ihren Beifall betrifft, so habe man nur den Mut, entschieden darauf Verzicht zu tun, denn man wird ohnedies, ohne selbst schlecht zu werden, denselben nimmermehr erhalten; und dieses allein ist's, was selbst die Bessern in unsern Tagen so lähmt und schwächt und die gegenseitige Anerkennung derselben und ihre Vereinigung so hindert, daß sie es nicht aufgeben wollen, zwei unvereinbare Dinge, ihr eignes Rechttun und den Beifall der Gemeinheit, zu vereinigen, und sich nicht entschließen mögen, das Schlechte als schlecht zu erkennen. Hat man nur einmal über diese Hoffnung und dieses Bedürfnis sich hinweggesetzt, so hat man nichts weiter zu befürchten; das Leben geht seinen ordentlichen Gang fort; und jene können wohl hassen, aber sie können wenig schaden; auch vermindert sich, nachdem auch sie, von ihrer Seite, die Hoffnung aufgeben müssen, uns zu ihresgleichen zu machen, um vieles ihr böser Wille, und sie werden geneigter, uns zu verbrauchen, wie wir sind; und das Äußerste gesetzt, ist Ein guter Mensch, wenn er nur konsequent ist und entschlossen, stärker denn hundert schlechte.

Und so glaube ich denn alles gesagt zu haben, was ich hier sagen wollte, und beschließe hiermit diese Vorlesungen; nicht unbedingt wünschend Ihren Beifall, E. V., sondern, falls er mir zuteil werden sollte, ihn also wünschend, daß er Sie und mich ehren möge.

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