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Die Anweisung zum seligen Leben

Johann Gottlieb Fichte: Die Anweisung zum seligen Leben - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
authorJohann Gottlieb Fichte
titleDie Anweisung zum seligen Leben
publisherDeutsche Bibliothek in Berlin
editorHeinrich Scholz
yearo.J.
firstpub1806
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141207
projectide9eb430d
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Neunte Vorlesung

Ehrwürdige Versammlung,

Folgendes waren die Resultate unserer letzten Vorlesung und der Punkt, wo wir stehen blieben: solange der Mensch noch etwas für sich selbst sein will, kann das wahre Sein und Leben in ihm sich nicht entwickeln, und er bleibt eben darum auch der Seligkeit unzugänglich – denn alles eigene Sein ist nur Nichtsein und Beschränkung des wahren Seins – und eben darum, entweder auf dem ersten Standpunkte der Sinnlichkeit, die ihr Glück von den Objekten erwartet, lauter Unseligkeit, da durchaus kein Objekt den Menschen befriedigen kann, oder auf dem zweiten der bloß formalen Gesetzmäßigkeit, zwar keine Unseligkeit, aber auch ebensowenig Seligkeit, sondern reine Apathie, uninteressierte Kälte und absolute Unempfänglichkeit für allen Genuß des Lebens. Wie hingegen der Mensch durch die höchste Freiheit seine eigene Freiheit und Selbständigkeit aufgibt und verliert, wird er des einigen wahren, des göttlichen Seins und aller Seligkeit, die in demselben enthalten ist, teilhaftig. Wir gaben zuerst an, um von der entgegengesetzten sinnlichen Denkart uns rein auszuscheiden und diese von nun an liegen zu lassen, wie ein solcher zum wahren Leben Gekommener das äußere und sinnliche Leben betrachte, und fanden, daß er sein ganzes persönliches Dasein und alle äußere Ereignisse mit demselben ansehe lediglich als Mittel für das in ihm sich erfüllende göttliche Werk; und zwar alle, so wie sie sind, als notwendig die besten und zweckmäßigsten Mittel; daher er denn auch über die objektive Beschaffenheit jener Ereignisse durchaus keine Stimme oder Auswahl haben wolle, sondern alles nur nehme, so wie es sich vorfinde. Dagegen behielten wir die Beschreibung des eigentlichen und innern Lebens eines solchen Menschen der heutigen Rede vor, welche Beschreibung wir jetzt beginnen.

Schon früher habe ich geäußert, daß der dritte Standpunkt des geistigen Lebens, welcher ohne Zweifel zunächst es ist, bei dem wir angekommen sind, der der höhern und eigentlichen Moralität, von dem zweiten, dem der bloß formalen Gesetzmäßigkeit, dadurch sich unterscheide, daß die erstere eine völlig neue und wahrhaft übersinnliche Welt erschaffe und in der sinnlichen, als ihrer Sphäre, herausarbeite; dagegen das Gesetz des Stoizismus lediglich Gesetz einer Ordnung in der sinnlichen Welt sei. Diese Behauptung ist es, welche ich zunächst tiefer zu begründen, und durch diese Begründung zu erklären und näher zu bestimmen habe.

Die ganze, lediglich durch unsere Liebe und unsern Affekt für ein bestimmtes Dasein innerhalb der Objekte gesetzte Sinnenwelt wird auf diesem Standpunkte bloß und lediglich Mittel; aber doch ohne Zweifel nicht Mittel für nichts, unter welcher Voraussetzung, da außer ihr nichts da wäre, sie nicht Mittel würde, sondern als das einzige und absolute Dasein ewig fort Zweck bliebe, sondern sie wird ohne Zweifel Mittel für ein wirkliches, wahres und reales Sein. Was ist das für ein Sein? Wir wissen es aus dem Obigen. Es ist das innere Sein Gottes selber, wie es durch sich selbst und in sich selbst schlechthin ist, unmittelbar, rein und aus der ersten Hand, ohne durch irgendeine in der Selbständigkeit des Ich liegende und eben darum beschränkende Form bestimmt, und dadurch verhüllt und getrübt zu sein; nur noch in der unzerstörbaren Form der Unendlichkeit gebrochen. Da, wie schon in der vorigen Stunde sehr scharf ausgesprochen wurde, dieses Sein nur durch das absolut in sich gegründete göttliche Wesen von der einen, und durch die im wirklichen Dasein nie aufzulösende oder zu endende Form der Unendlichkeit von der andern Seite bestimmt ist, so ist klar, daß durchaus nicht mittelbar und aus einem andern, und so a priori, eingesehen werden könne, wie dieses Sein ausfallen werde, sondern daß es nur unmittelbar erfaßt und erlebt und nur auf der Tat seines lebendigen Ausströmens aus dem Sein in das Dasein ergriffen werden könne; daß somit die eigentliche Erkenntnis dieser neuen und übersinnlichen Welt nicht durch eine Beschreibung und Charakteristik an diejenigen gebracht werden könne, die nicht selber darin leben. Der von Gott Begeisterte wird uns offenbaren, wie sie ist, und sie ist, wie er es offenbaret, deswegen, weil er es offenbart; ohne innere Offenbarung aber kann niemand darüber sprechen.

Im allgemeinen aber und durch ein äußeres und nur negatives Kennzeichen läßt diese göttliche Welt sich sehr wohl charakterisieren; und dies zwar auf folgende Weise. Alles Sein führt seinen Affekt bei sich und seine Liebe; und so auch das in der Form der Unendlichkeit heraustretende unmittelbare göttliche Sein. Nun ist dies, so wie es ist, nicht durch irgendein anderes und um irgendeines anderen willen, sondern durch sich selbst und um sein selbst willen; und wenn es eintritt und geliebt wird, wird es notwendig rein und lediglich um sein selbst willen geliebt, und gefällt durch sich selbst, keinesweges aber um eines anderen willen und so nur als Mittel für dieses andre, als seinen Zweck. Und so hätten wir denn das gesuchte äußere Kriterium der göttlichen Welt, wodurch sie von der sinnlichen Welt durchaus ausgeschieden wird, gefunden. Was schlechthin durch sich selber, und zwar in dem höchsten, allen andern Grad des Gefallens unendlich überwiegenden Grade gefällt, ist Erscheinung des unmittelbaren göttlichen Wesens in der Wirklichkeit. Als das in jedem bestimmten Momente und unter den gegebnen Zeitbedingungen Allervollkommenste kann man es auch beschreiben; wenn nur dabei nicht an eine, durch einen logischen Begriff gesetzte Vollkommenheit, die nicht mehr enthält, als die Ordnung und die Vollständigkeit des Mannigfaltigen, sondern an eine, durch einen unmittelbaren, auf ein bestimmtes Sein gehenden Affekt, gesetzte Vollkommenheit gedacht wird.

So weit geht die mögliche Charakteristik der neuen, durch höhere Moralität innerhalb der Sinnenwelt zu erschaffenden Welt. Sollten Sie, E. V., über diesen Punkt noch eine größere Deutlichkeit von mir fordern, so würden Sie damit keinesweges eine deutlichere Charakteristik fordern, welcher, so wie sie eben gegeben worden, nichts zugesetzt werden kann, sondern Sie würden nur Beispiele fordern. Gern will ich, in diesen, gewöhnlichen Augen verborgenen Regionen mich befindend, auch dieses Begehren befriedigen; einschärfend jedoch, daß es nur einzelne Beispiele sind, was ich anführe, welche das allein durch Charakteristik zu Erschöpfende und von uns wirklich Erschöpfte keinesweges durch sich erschöpfen können, und welche selber nur vermittelst der Charakteristik richtig gefaßt werden.

Ich sage: Gottes inneres und absolutes Wesen tritt heraus als Schönheit; es tritt heraus als vollendete Herrschaft des Menschen über die ganze Natur; es tritt heraus als der vollkommne Staat und Staatenverhältnis; es tritt heraus als Wissenschaft: kurz, es tritt heraus in demjenigen, was ich die Ideen im strengen und eigentlichen Sinne nenne, und worüber ich sowohl in den im vorigen Winter allhier gehaltenen Vorlesungen, als in andern, welche vor einiger Zeit im Drucke erschienen sind, mannigfaltige Nachweisung gegeben habe Dgl. die Definition der Idee in der vierten Vorlesung über die »Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters« (W W VII 55): Die Idee ist ein selbständiger, in sich lebendiger und die Materie belebender Gedanke.. Um hier an der niedrigsten Form der Idee, über welche man noch am allerersten deutlich zu werden hoffen darf, an der Schönheit Hier tritt die Geringschätzung des Ästhetischen, ein charakteristischer Zug der Fichteschen Spekulation, klar und unwidersprechlich hervor. So hätte Schelling nie schreiben können., meinen Grundgedanken zu erläutern: da reden sie wohl von Verschönerung der umgebenden Welt oder von Naturschönheiten u. dergl., als ob – wenn es nämlich die Absicht gewesen wäre, daß man diese Worte streng nähme; – als ob das Schöne jemals an dem Vergänglichen und Irdischen sich vorfinden oder auf dasselbe übergetragen werden könnte. Aber die Urquelle der Schönheit ist allein in Gott, und sie tritt heraus in dem Gemüte der von ihm Begeisterten. Denken Sie sich z. B. eine heilige Frau, welche, emporgehoben in die Wolken; eingeholt von den himmlischen Heerscharen, die entzückt in ihr Anschauen versinken, umgeben von allem Glanze des Himmels, dessen höchste Zierde und Wonne sie selbst wird, welche – allein unter allen – nichts zu bemerken vermag von dem, was um sie vorgeht, völlig aufgegangen und verflossen in die Eine Empfindung: ich bin des Herren Magd, mir geschehe immerfort, wie er will; und gestalten Sie diese Eine Empfindung, in dieser Umgebung, zu einem menschlichen Leibe, so haben Sie ohne Zweifel die Schönheit in einer bestimmten Gestalt. Was ist es nun, das diese Gestalt schön macht? Sind es ihre Gliedmaßen und Teile? Ist es nicht vielmehr ganz allein die Eine Empfindung, welche durch alle diese Gliedmaßen ausgegossen ist? Die Gestalt ist hinzugekommen, lediglich, weil nur an ihr und durch ihr Medium der Gedanke sichtbar wird; und mit Strichen und Farben ist sie aufgetragen auf die Fläche, weil er nur also mitteilbar wird für andere. Vielleicht hätte dieser Gedanke auch im harten und gefühllosen Steine oder in jeder andern Materie ausgedrückt werden können. Würde denn dadurch der Stein schön geworden sein? Der Stein bleibt ewig Stein und ist eines solchen Prädikats durchaus unempfänglich; aber die Seele des Künstlers war schön, als er sein Werk empfing, und die Seele jedes verständigen Beschauers wird schön werden, der es ihm nachempfängt; der Stein aber bleibt immerfort nur das das äußere Auge Begrenzende während jener inneren geistigen Entwickelung.

Dieses ideale Sein nun überhaupt und der erschaffende Affekt desselben tritt als bloße Naturerscheinung heraus, als Talent für Kunst, für Regierung, für Wissenschaft usw. Es versteht sich von selber und ist auch jedem, der nur einige Erfahrung in Dingen dieser Art hat, durch diese eigene Erfahrung sattsam bekannt, daß, da der natürliche Affekt für solche Schöpfungen des Talents der Grundaffekt von dem Leben des Talents ist, in welchem sein ganzes übriges Leben aufgeht, daß, sage ich, das wirkliche Talent sich gar nicht zu reizen und zu treiben braucht, durch irgendeinen kategorischen Imperativ, zum Fleiße in seiner Kunst oder in seiner Wissenschaft, sondern daß ganz von selber alle seine Kräfte sich auf diesen seinen Gegenstand richten; ferner, daß ihm, so gewiß er Talent hat, sein Geschäft auch immer gut von statten geht, und die Produkte seiner Arbeit ihm wohlgefallen, und so er immer, innerlich und äußerlich, vom Lieblichen und Wohlgefälligen umfangen wird; daß er endlich mit dieser seiner Tätigkeit nichts außer derselben sucht, noch dafür haben will: indem ganz im Gegenteile er um keinen Preis in der Welt unterlassen würde, was er allein tun mag, oder es anders machen würde, denn also, wie es ihm als recht erscheint und ihm wohl gefallen kann; und daß er demnach seinen wahren und ihn ausfüllenden Lebensgenuß nur in solchem Tun, rein und lediglich als Tun und um des Tuns willen, findet; und was er von der Welt etwa noch außerdem mitnimmt, ihn nicht ausfülle, sondern er es nur deswegen mitnehme, um, von demselben erneuert und gestärkt, wieder in sein wahres Element zurückzukehren. Und so erhebt schon das bloße natürliche Talent, so wie über die schimpfliche Bedürftigkeit des Sinnlichen, ebenso über die genußlose Apathie des Stoikers weit hinweg, und versetzt seinen Besitzer in eine ununterbrochene Reihe höchstseliger Momente, für die er nur seiner selbst bedarf, und welche ohne alle lästige Anstrengung oder Mühe ganz von selber aus seinem Leben hervorblühen. Der Genuß einer einzigen mit Glück in der Kunst oder in der Wissenschaft verlebten Stunde überwiegt bei weitem ein ganzes Leben voll sinnlicher Genüsse; und schon vor dieser Seligkeit Bilde würde der sinnliche Mensch, falls es an ihn sich bringen ließe, in Neid und in Sehnsucht vergehen.

Immer wird, in der soeben vollendeten Betrachtung, ein natürliches Talent als die eigentliche Quelle und Wurzel des geistigen Lebensgenusses, sowie der Verschmähung des sinnlichen vorausgesetzt; und an diesem einzelnen Beispiele höherer Moralität und der Seligkeit aus ihr habe ich Sie nur erst heraufführen wollen zum Allgemeinen. Dieses Talent, ohnerachtet sein Objekt an sich wahrhaft übersinnlich und der reine Ausdruck der Gottheit ist, wie wir besonders am Beispiele des Schönen gezeigt, will dennoch und muß wollen, daß dieses geistige Objekt eine gewisse Hülle und tragende Gestalt in der Sinnenwelt erhalte; das Talent will also, in gewissem Sinne, allerdings auch eine bestimmte Gestalt seiner Welt und seiner Umgebung, was wir in der vorigen Rede an der Sinnlichkeit unbedingt verurteilt und verdammt haben; und würde nun der Selbstgenuß des Talents von der zufälligen Realisation oder Nicht-Realisation jenes angestrebten äußeren Objekts abhängig, so wäre es um die Ruhe und den Frieden selbst des Talents geschehen; und die höhere Moralität wäre allem Elende der niedern Sinnlichkeit preisgegeben. Was nun insbesondre das Talent betrifft, so gelingt ihm, so gewiß es Talent ist, der Ausdruck und die Darstellung seiner Idee in dem angemessenen Medium allemal sicher; die begehrte Gestalt und Umgebung kann darum nie außen bleiben; sodann aber ist der eigentliche Sitz seines Genusses unmittelbar nur die Tätigkeit, mit der es jene Gestalt hervorbringt, und die Gestalt macht ihm nur mittelbar Freude, weil nur in ihr die Tätigkeit erscheint: welches man besonders daraus abnehmen kann, daß das wahre Talent nie lange verweilt bei dem, was ihm gelungen ist, noch im wollüstigen Genusse desselben, und seiner selbst in ihm, beruhet, sondern unaufhaltsam forteilt zu neuen Entwickelungen. Im allgemeinen aber, abgesehen vom besonderen Talente und gesehen auf alles mögliche Leben, in dem das göttliche Sein rein heraustritt, stelle ich folgendes als Grundsatz auf: solange die Freude an dem Tun sich noch mit dem Begehren des äußern Produkts dieses Tuns vermischt, ist selbst der höher moralische Mensch in sich selber noch nicht vollkommen im reinen und klaren; und sodann ist in der göttlichen Ökonomie das äußere Mißlingen seines Tuns das Mittel, um ihn in sich selbst hineinzutreiben und ihn auf den noch höhern Standpunkt der eigentlichen Religiosität, d. i. des Verständnisses, was das eigentlich sei, das er liebe und anstrebe, herauf zu erheben. Verstehen Sie dieses im ganzen und nach seinem Zusammenhange also:

1. Das in der vorigen Rede deutlich genug abgeleitete und beschriebene Eine freie Ich, welches als Reflexion auch ewig Eins bleibt, wird als Objekt, d. i. als die lediglich in der Erscheinung vorkommende, reflektierende Substanz, gespalten: nach dem ersten Anblicke in eine Unendlichkeit; aus einem für diese Vorlesungen zu tief liegenden Grunde aber in ein zu vollendendes System – von Ichen oder Individuen. (Diese Spaltung ist ein Teil aus der zu mehrern Malen sattsam beschriebnen Spaltung der objektiven Welt in der Form der Unendlichkeit, gehört somit zur absoluten, durch die Gottheit selbst nicht aufzuhebenden Grund-Form des Daseins: wie in ihr ursprünglich das Sein sich brach, so bleibt es gebrochen in alle Ewigkeit; es kann daher kein durch diese Spaltung gesetztes, d. h. kein wirklich gewordnes Individuum jemals untergehen; welches nur im Vorbeigehen erinnert wird gegen diejenigen unter unsern Zeitgenossen, welche, bei halber Philosophie und ganzer Verworrenheit, sich für aufgeklärt halten, wenn sie die Fortdauer der hier wirklichen Individuen in höhern Sphären leugnen.) Durch diese, für Fichtes Unsterblichkeitslehre wichtige Bemerkung wird den sittlichen Individuen, und nur ihnen – denn in ihnen allein lebt das Göttliche – eine Fortdauer, und zwar eine individuelle Fortdauer nach dem Tode zugesprochen. – Ebenso in den »Grundzügen« (W W VII 25): Die Personen dauern in alle Ewigkeit fort, wie sie hier existieren, als notwendige Erscheinungen der irdischen Ansicht – das heißt wohl: als unwiederholbare und darum unersetzliche Exponenten des Göttlichen. – Vgl. im übrigen Anm. 2. In sie, diese in der Grundform begründeten Original: begründete. Individuen, ist das ganze göttliche Sein, zu unendlicher Fort-Entwickelung aus ihnen selber in der Zeit, gespalten, und an sie, nach der absoluten und im göttlichen Wesen selbst gegründeten Regel einer solchen Verteilung, gleichsam ausgeteilt; indes nun ferner jedes einzelne dieser Individuen, als eine Spaltung des Einen, durch seine eigne Form bestimmten Ich, notwendig diese letztere Form ganz trägt, d. h. laut unsrer vorigen Rede frei und selbständig ist in Beziehung auf die fünf Standpunkte. Jedes Individuum hat daher in seiner freien, durch die Gottheit selbst nicht aufzuhebenden Gewalt die Möglichkeit der Ansicht und des Genusses aus jenen fünf Standpunkten seines, dasselbe als reales Individuum charakterisierenden Anteils an dem absoluten Sein. So hat jedes Individuum zuvörderst seinen bestimmten Anteil an dem sinnlichen Leben und seiner Liebe; welches Leben ihm als das absolute und als letzter Zweck erscheinen wird, solange die im wirklichen Gebrauche befindliche Freiheit darin aufgeht. Wird es sich aber, vielleicht durch die Sphäre der Gesetzmäßigkeit hindurch, zur höhern Moralität erheben, so wird ihm jenes sinnliche Leben zum bloßen Mittel werden, und es wird seiner Liebe sein Anteil an dem höhern, übersinnlichen und unmittelbar göttlichen Leben aufgehen. Jeder, ohne Ausnahme, erhält notwendig durch seinen bloßen Eintritt in die Wirklichkeit seinen Anteil an diesem übersinnlichen Sein; denn außerdem wäre er gar kein Resultat der gesetzmäßigen Spaltung des absoluten Seins, ohne welches gar keine Wirklichkeit ist, und er wäre gar nicht wirklich geworden; nur kann gleichfalls jedem ohne Ausnahme dieses sein übersinnliches Sein verdeckt bleiben, weil er sein sinnliches Sein und seine objektive Selbständigkeit nicht aufgeben mag. Jeder ohne Ausnahme, sage ich, erhält seinen ihm ausschließend eigenen und schlechthin keinem andern Individuum außer ihm also zukommenden Anteil am übersinnlichen Sein, welcher Anteil nun in ihm in alle Ewigkeit fort sich also entwickelt – erscheinend als ein fortgesetztes Handeln – wie er schlechthin in keinem andern sich entwickeln kann; was man kurz den individuellen Charakter seiner höheren Bestimmung nennen könnte. Nicht etwa, daß das göttliche Wesen an sich sich zerteilte; in allen ohne Ausnahme ist gesetzt und kann auch, wenn sie sich nur freimachen, wirklich erscheinen das Eine und unveränderliche göttliche Wesen, wie es in sich selber ist; nur erscheint dieses Wesen in jedem in einer andern und ihm allein eigentümlichen Gestalt. (Das Sein, wie oben, gesetzt = A und die Form = B, so scheidet das in B absolut eingetretene A absolut in seinem Eintreten, nicht nach seinem Wesen, sondern nach seiner absoluten Reflexionsgestalt sich in ( b+b+b8) = ein System von Individuen; und jedes nb hat in sich 1. das ganze und unteilbare A, 2. das ganze und unteilbare B, 3. Sein b, das da gleich ist dem Reste aller übrigen Gestaltungen des A durch ( b+b+b8).

2. Diesen seinen eigentümlichen Anteil am übersinnlichen Sein kann nun keiner sich erdenken oder aus einer andern Wahrheit durch Schlüsse ableiten, oder von einem andern Individuum sich bekannt machen lassen, indem dieser Anteil durchaus keinem andern Individuum bekannt zu sein vermag, sondern er muß ihn unmittelbar in sich selber finden; auch wird er dies notwendig ganz von selbst, sobald er nur allen eignen Willen und alle eignen Zwecke aufgegeben und rein sich vernichtet hat. Es ist darum zuvörderst klar, daß über dies, nur jedem in sich selbst aufgehen Könnende nicht im allgemeinen gesprochen werden kann und ich hierüber notwendig abbrechen muß. Wozu könnte auch hier das Sprechen dienen, selbst wenn es möglich wäre? Wem wirklich also seine eigentümliche höhere Bestimmung aufgegangen ist, der weiß es, wie sie ihm erscheint; und er kann nach der Analogie schließen, wie es im allgemeinen mit andern sich verhält, falls auch ihnen ihre höhere Bestimmung klar werde. Wem sie nicht aufgegangen ist, dem ist hierüber keine Kunde beizubringen; und es dienet zu nichts, mit dem Blinden von Farben zu reden.

Geht sie ihm auf, so ergreift sie ihn mit unaussprechlicher Liebe und mit dem reinsten Wohlgefallen; sie, diese seine ihm eigentümliche Bestimmung ergreift ihn ganz und eignet sich an alles sein Leben. Und so ist es denn der allererste Akt der höhern Moralität, welcher auch unausbleiblich, wenn nur der eigne Wille aufgegeben ist, sich findet, daß der Mensch seine ihm eigentümliche Bestimmung ergreife und durchaus nichts anderes sein wolle, als dasjenige, was er, und nur Er sein kann, was er, und nur Er, zufolge seiner höhern Natur, d. i. des Göttlichen in ihm, sein soll: kurz, daß er eben gar nichts wolle, als das, was er, recht im Grunde, wirklich will. Wie könnte denn ein solcher jemals mit Unlust etwas tun, da er nimmermehr etwas anderes tut, als dasjenige, woran er die höchste Lust hat? Was ich oben von dem natürlichen Talente sagte, gilt noch weit mehr von der durch vollendete Freiheit erzeugten Tugend; denn diese Tugend ist die höchste Genialität; sie ist unmittelbar das Walten des Genius, d. h. derjenigen Gestalt, welche das göttliche Wesen in unserer Individualität angenommen. Dagegen ist das Streben, etwas anderes sein zu wollen, als das, wozu man bestimmt ist, so erhaben und groß auch dieses andere erscheinen möge, die höchste Unmoralität, und aller der Zwang, den man sich dabei antut, und alle die Unlust, die man darüber erduldet, sind selbst Empörungen gegen die uns warnende göttliche Ordnung und Auflehnungen unsers Willens gegen den seinigen. Was ist es denn, das diesen durch unsre Natur uns nicht aufgegebenen Zweck gesetzt hat, außer der eigne Wille, die eigne Wahl, die eigne, sich selbst die Ehre gebende Weisheit? Wir sind also weit davon entfernt, den eignen Willen aufgegeben zu haben. Auch ist dieses Bestreben notwendig die Quelle des höchsten Unglücks. Wir müssen in dieser Lage uns immerfort zwingen, nötigen, treiben, uns selbst verleugnen; denn wir werden nie gern tun, was wir im Grunde nicht wollen können; auch wird uns die Ausführung nie gelingen, denn wir können gar nicht tun dasjenige, dem unsre Natur sich versagt. Dies ist die Werkheiligkeit aus eigner Wahl, vor der z. B. das Christentum warnt. Es könnte einer Berge versetzen und seinen Leib brennen lassen, ohne daß es ihm das mindeste hülfe, wenn dies nicht seine Liebe wäre, d. h. wenn es nicht sein eigentümliches geistiges Sein wäre, das notwendig seinen Affekt bei sich führt. – Wolle sein – es versteht sich im Übersinnlichen, denn im Sinnlichen gibt es überhaupt kein Glück – wolle sein, was du sein sollst, was du sein kannst, und was du eben darum sein willst, ist das Grundgesetz der höhern Moralität sowohl, als des seligen Lebens.

3. Diese höhere Bestimmung des Menschen nun, welche derselbe, wie gesagt, mit ganzer und ungeteilter Liebe umfaßt, geht zunächst freilich auf sein eigenes Handeln, vermittelst desselben aber zweitens auch auf einen gewissen Erfolg in der Sinnenwelt. Solange der Mensch die eigentliche Wurzel und den einigen Grundpunkt seines Daseins noch nicht kennt, werden die genannten zwei Stücke, sein eigentliches inneres Sein und der äußere Erfolg desselben, sich ihm vermischen. Es gelinge ihm etwas nicht und der angestrebte äußere Erfolg bleibe außen, welches zwar niemals an ihm selber liegen wird – denn er will nur, was er kann – sondern an der äußern Umgebung, die seiner Einwirkung nicht empfänglich ist: so wird durch dieses Mißlingen seine Liebe, die noch einen gemischten Gegenstand hat, nicht befriedigt und eben dadurch seine Seligkeit getrübt und gestört werden. Dies treibt ihn tiefer in sich selber hinein, sich vollkommen klar zu machen, was es eigentlich sei, das er anstrebe, was dagegen er in der Tat und Wahrheit nicht anstrebe, sondern ihm gleichgültig sei. Er wird in dieser Selbstprüfung finden dasselbe, was wir oben deutlich ausgesprochen haben, gesetzt auch, er spräche es nicht mit denselben Worten aus: es sei die Entwickelung des göttlichen Seins und Lebens in ihm, diesem bestimmten Individuum, die er zunächst und eigentlich anstrebe; und hierdurch wird denn sein ganzes Sein und seine eigentliche Liebe ihm vollkommen klar werden und er von dem dritten Standpunkte der höhern Moralität, in welchem wir ihn bisher festgehalten haben, sich erheben in den vierten Dieser vierte Standpunkt ist in der genetischen Beschreibung des seligen Lebens der letzte und höchste. Eine gesonderte Beschreibung des fünften, die man nach S. 82 f. erwarten müßte, findet nicht statt (vgl. die Bemerkung auf S. 112) – zum deutlichen Beweise, daß beide im Leben zusammenfallen oder vielmehr der vierte Standpunkt der unbewußten Religiosität nur unter der Form des fünften lebendig wird. – Vgl. Anm. 25. der Religiosität. Dieses göttliche Leben, wie es lediglich in ihm und seiner Individualität sich entwickeln kann und soll, entwickelt sich immerfort, ohne Hindernis und Anstoß; dies allein ist es, was er eigentlich will; sein Wille geschieht daher immerfort, und es ist schlechthin unmöglich, daß etwas gegen denselben erfolge. Nun begehrt freilich dieses sein eigenes inwendiges Leben immerfort, auch auszuströmen in die Umgebungen und diese nach sich zu gestalten; und nur in diesem Streben nach außen zeigt es sich als wahrhaftiges inneres Leben, keinesweges als bloß tote Andacht; aber der Erfolg dieses Strebens nach außen hängt nicht von seinem isolierten individuellen Leben allein ab, sondern von der allgemeinen Freiheit der übrigen Individuen außer ihm: diese Freiheit kann Gott selbst nicht vernichten wollen; drum kann auch der ihm ergebene und über ihn ins klare gekommene Mensch nicht wollen, daß sie vernichtet werde. Er wünscht daher allerdings den äußeren Erfolg und arbeitet unablässig und mit aller Kraft, weil er das gar nicht lassen kann und weil dieses sein eigenstes inneres Leben ist, an der Beförderung desselben; aber er will ihn nicht unbedingt und schlechthin, und es stört drum auch seinen Frieden und seine Seligkeit keinen Augenblick, wenn derselbe dennoch außen bleibt; seine Liebe und seine Seligkeit kehrt zurück in sein eigenes Leben, wo sie immer und ohne Ausnahme sich befriedigt findet. – Soviel im allgemeinen. Übrigens bedarf die soeben berührte Materie einer weitern Auseinandersetzung, die wir der künftigen Rede vorbehalten, um in der heutigen noch zu der, allgemeine Klarheit über das Ganze verbreitenden Schlußfolge zu kommen. – Nämlich:

4. Alles, was dieser moralisch-religiöse Mensch will und unablässig treibt, hat ihm nun keinesweges an und für sich Wert, – wie es denn auch an sich keinen hat und nicht an sich das Vollkommenste, sondern nur das in diesem Zeit-Momente Vollkommenste ist, das in der künftigen Zeit durch ein noch Vollkommeneres verdrängt wird, – sondern es hat für ihn darum Wert, weil es die unmittelbare Erscheinung Gottes ist, die er in ihm, diesem bestimmten Individuum, annimmt. Nun ist ursprünglich Gott auch in jedem andern Individuum außer ihm gleichfalls in einer eigentümlichen Gestalt, ohnerachtet er in den mehrern, durch ihren eignen Willen und aus Mangel an höchster Freiheit, verdeckt bleibt, und so weder ihnen selbst, noch in ihrem Handeln anderen wirklich erscheint. In dieser Lage ist nun der Moralisch-Religiöse – von seiner Seite freilich eingekehrt in seinen Anteil am wahren Sein, von den Seiten anderer Individuen von den zu ihm gehörigen Bestandteilen des Seins abgeschnitten und getrennt, und es bleibt in ihm ein wehmütiges Streben und Sehnen, sich zu vereinigen und zusammenzuströmen mit den zu ihm gehörenden Hälften: nicht zwar, daß dieses Sehnen seine Seligkeit störe; denn dies ist das fortdauernde Los seiner Endlichkeit und seiner Unterwürfigkeit unter Gott, welche letztere selbst mit Liebe zu umfassen ein Teil seiner Seligkeit ist.

Wodurch nun würde jenes verborgene innere Sein, wenn es in dem Handeln der andern Individuen herausträte, Wert erhalten für den vorausgesetzten religiösen Menschen? Offenbar nicht durch sich selbst, wie auch sein eigenes Wesen ihm dadurch nicht Wert hat, sondern weil es ist die Erscheinung Gottes in diesen Individuen. Ferner, wodurch wird er wollen, daß diese Erscheinung für diese Individuen selbst Wert erhalte? Offenbar nur dadurch, daß es von ihnen als die Erscheinung Gottes in ihnen anerkannt werde. Endlich, wodurch wird er wollen, daß sein eigenes Tun und Treiben für jene Individuen Wert erhalte? Offenbar nur dadurch, daß sie es für die Erscheinung Gottes in ihm erkennen.

Und so haben wir denn nunmehr einen allgemeinen äußern Charakter des moralisch-religiösen Willens, inwiefern derselbe aus seinem innern, ewig in sich verborgenen Leben herausgeht nach außen. Zuvörderst ist der Gegenstand dieses Willens ewig nur die Geisterwelt der vernünftigen Individuen; denn die sinnliche Welt der Objekte ist ihm längst zur bloßen Sphäre herabgesunken. Sein positiver Wille aber an diese Geisterwelt ist der, daß in jedes Individuum Handeln rein diejenige Gestalt erscheine, welche das göttliche Wesen in ihm angenommen, und daß jeder einzelne in aller übrigen Handeln Gott erkenne, wie er außer ihm erscheint, und alle übrigen in dieses einzelnen Handeln gleichfalls Gott, wie er außer ihnen erscheint; daß daher immer und ewig fort, in aller Erscheinung, Gott ganz heraustrete, und daß er allein lebe und walte und nichts außer ihm; und allgegenwärtig und nach allen Richtungen hin ewig nur Er erscheine dem Auge des Endlichen.

Also, wie das Christentum es als Gebet ausspricht: es komme dein Reich; eben der Weltzustand, da du allein noch bist und lebest und regierest dadurch, daß dein Wille geschehe auf Erden, in der Wirklichkeit, vermittelst der von dir selbst nicht aufzuhebenden Freiheit, so wie er ewig fort geschieht und gar nichts anderes geschehen kann im Himmel, in der Idee, in der Welt, wie sie an sich und ohne Beziehung auf die Freiheit ist. –

Z. B. Da bejammern sie nun, daß des Elendes in der Welt so viel ist und gehen mit an sich lobenswertem Eifer daran, desselben etwas weniger zu machen! Ach! das dem Blicke zunächst sich entdeckende Elend ist leider nicht das wahre Elend; da die Sachen einmal stehen, wie sie stehen, ist das Elend noch das allerbeste von allem, das in der Welt ist, und da es trotz allem Elende doch nicht besser wird in der Welt, möchte man fast glauben, daß des Elendes noch nicht genug in ihr sei: daß das Bild Gottes, die Menschheit, besudelt ist und erniedriget und in den Staub getreten, das ist das wahre Elend in der Welt, welches den Religiösen mit heiliger Indignation erfüllt. – Du linderst vielleicht, soweit deine Hand reicht, Menschenleiden mit Aufopferung deiner eigenen liebsten Genüsse. Aber begegnet dir dies etwa nur darum, weil dir die Natur ein so zartes und mit der übrigen Menschheit so harmonisch gestimmtes Nervensystem gab, daß jeder erblickte Schmerz schmerzlicher in diesen Nerven widertönt, so mag man dieser deiner zarten Organisation Dank bringen; in der Geisterwelt geschieht deiner Tat keine Erwähnung. Hättest du die gleiche Tat getan mit heiligem Unwillen, daß der Sohn der Ewigkeit, in welchem sicher auch ein Göttliches wohnt, durch solche Nichtigkeiten geplagt werden und von der Gesellschaft so verlassen daliegen solle, mit dem Wunsche, daß ihm einmal eine frohe Stunde zuteil werde, in der er fröhlich und dankbar aufblicke zum Himmel, mit dem Zwecke, daß in deiner Hand ihm die rettende Hand der Gottheit erscheine, und daß er inne werde, der Arm Gottes sei noch nicht verkürzt, und er habe noch allenthalben Werkzeuge und Diener genug, und daß in ihm Glaube, Liebe und Hoffnung aufgehen möchten; wäre daher der eigentliche Gegenstand, dem du aufhelfen wolltest, nicht sein Äußeres, das immer ohne Wert bleibt, sondern sein Inneres: so wäre die gleiche Tat mit moralisch-religiösem Sinne getan.

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