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Die Anweisung zum seligen Leben

Johann Gottlieb Fichte: Die Anweisung zum seligen Leben - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
authorJohann Gottlieb Fichte
titleDie Anweisung zum seligen Leben
publisherDeutsche Bibliothek in Berlin
editorHeinrich Scholz
yearo.J.
firstpub1806
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141207
projectide9eb430d
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Sechste Vorlesung

Ehrwürdige Versammlung,

Unsre gesamte Lehre, als die Grundlage alles dessen, was wir hier noch sagen können, und überhaupt alles desjenigen, was wir jemals sagen können, ist nun deutlich und bestimmt aufgestellt und läßt sich in einem Blicke übersehen. – Es gibt durchaus kein Sein und kein Leben außer dem unmittelbaren göttlichen Leben. Dieses Sein wird in dem Bewußtsein nach den eignen, unaustilgbaren und in dem Wesen desselben gegründeten Gesetzen dieses Bewußtseins auf mannigfaltige Weise verhüllt und getrübt; frei aber von jenen Verhüllungen, und nur noch durch die Form der Unendlichkeit modifiziert, tritt es wieder heraus in dem Leben und Handeln des gottergebenen Menschen. In diesem Handeln handelt nicht der Mensch; sondern Gott selber in seinem ursprünglichen innern Sein und Wesen ist es, der in ihm handelt und durch den Menschen sein Werk wirket.

Ich sagte in einer der ersten und einleitenden Vorlesungen Siehe S. 13 und S. 27.: diese Lehre, so neu und unerhört sie auch dem Zeitalter erscheinen möge, sei darum doch so alt als die Welt, und sie sei insbesondre die Lehre des Christentums, wie dies in seiner echtesten und reinsten Urkunde, in dem Evangelium Johannis, noch bis diesen Augenblick vor unsern Augen liegt; und diese Lehre werde daselbst sogar mit denselben Bildern und Ausdrücken vorgetragen, deren auch wir uns bedienen. Es dürfte in mancherlei Rücksichten gut sein, diese Behauptung zu erhärten, und wir wollen die heutige Stunde diesem Geschäfte widmen. – Es versteht sich wohl, auch ohne unsre ausdrückliche Erinnerung, daß wir durch den Erweis dieser Übereinstimmung unsrer Lehre mit dem Christentume keinesweges erst die Wahrheit dieser unsrer Lehre zu beweisen oder ihr eine äußere Stütze unterzulegen gedenken. Sie muß schon in dem Vorhergehenden sich selber bewiesen und als absolut evident eingeleuchtet haben, und sie bedarf keiner weitern Stütze. Und ebenso muß das Christentum, eben als übereinstimmend mit der Vernunft, und als reiner und vollendeter Ausdruck dieser Vernunft, außer welcher es keine Wahrheit gibt, sich selbst beweisen, wenn es auf irgendeine Gültigkeit Anspruch machen will. Die Zurückführung in die Fessel der blinden Autorität erwarten Sie nicht vom Philosophen.

Daß ich insbesondre den Evangelisten Johannes allein als Lehrer des echten Christentums gelten lasse, dafür habe ich in den Vorlesungen des vorigen Winters Vgl. die 7. und 13. Vorlesung der Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters (W W VII 96 ff. und 190 f.). – Fichte ist wohl der erste gewesen, der, wie später Lagarde u. a., in seltsamer Verkennung des historischen Tatbestandes, Paulus und den Paulinismus für den großen Verderber des Christentums, des Johanneischen Christentums der menschenfreundlichen Gottesliebe, genannt hat. Paulus mit seiner Rechtfertigungsdogmatik und seinem eifrigen Judengott, Paulus, dieser ewig besorgte Grübler, der trotz aller Weisungen des Meisters das Räsonnieren nicht lassen kann, Paulus, der erste Kirchenchrist, hat »den Grund zur Auflösung des Christentums gelegt«, (a. a. O. S. 100.) – Gegen das Unkritische dieser Auffassung, die durch jede Zeile des wirklichen Paulus widerlegt wird, hat schon Schleiermacher in seiner berühmten Besprechung des Werkes scharf und nachdrücklichst protestiert. (Leben in Briefen IV 1863, S. 642.) ausführlicher den Grund angegeben, daß der Apostel Paulus und seine Partei, als die Urheber des entgegengesetzten christlichen Systems, halbe Juden geblieben und den Grundirrtum des Juden- sowohl als Heidentums Dieser Grundirrtum ist, wie S. 91 gezeigt wird, das Schöpfungsdogma mit seiner (angeblichen) Voraussetzung der Idee eines willkürlich-veränderlichen Gottes., den wir tiefer unten werden berühren müssen, ruhig stehen gelassen. Für jetzo möge folgendes hinreichen. – Nur mit Johannes kann der Philosoph zusammenkommen; denn dieser allein hat Achtung für die Vernunft und beruft sich auf den Beweis, den der Philosoph allein gelten läßt, den innern. »So jemand will den Willen tun des, der mich gesandt hat, der wird inne werden, daß diese Lehre von Gott sei.« Dieser Wille Gottes aber ist nach dem Johannes der, daß man Gott, und den er gesandt hat, Jesum Christum, recht erkenne. Die andern Verkündiger des Christentums aber bauen auf die äußere Beweisführung durch Wunder, welche, für uns wenigstens, nichts beweiset Glaube an Wunder, sagt Fichte in der Staatslehre von 1813 (W W IV 554), an Wunder im gewöhnlichen Sinne, d. i. an ein ursprüngliches Eingreifen des Geistigen in die Sinnenwelt, ebenso wie an Erscheinungen, und überhaupt an eine magische Einwirkung des übersinnlichen auf das Sinnliche, ist grober, heidnischer Aberglaube, unwürdig des christlichen Vaters im Himmel, und hebt die Reinheit des Glaubens an ihn auf.. Ferner enthält auch unter den Evangelisten Johannes allein das, was wir suchen und wollen, eine Religionslehre: dagegen das Beste, was die übrigen geben, ohne Ergänzung und Deutung durch den Johannes, doch nicht mehr ist als Moral, welche bei uns nur einen sehr untergeordneten Wert hat. – Wie es sich mit der Behauptung, daß Johannes die übrigen Evangelien vor sich gehabt und das von ihnen übergegangene nur habe nachtragen wollen, verhalten möge, wollen wir hier nicht untersuchen; nach unserem Erachten wäre sodann der Nachtrag das Beste, und die Vorgänger hätten gerade das, worauf es eigentlich ankommt, übergangen.

Was mein Prinzip der Auslegung dieses, sowie aller christlichen Schriftsteller betrifft, so ist es das folgende: sie also zu verstehen, als ob sie wirklich etwas hätten sagen wollen, und, soweit ihre Worte das erlauben, das Rechte und Wahre gesagt hätten, – ein Prinzip, das der Billigkeit gemäß zu sein scheint. Ganz abgeneigt aber sind wir dem hermeneutischen Prinzip einer gewissen Partei, nach welchem sie die ernstesten und unumwundensten Äußerungen dieser Schriftsteller für bloße Bilder und Metaphern halten und so lange an und von ihnen herunter erklären, bis eine Plattheit und Trivialität herauskommt, wie diese Erklärer sie auch wohl selber hätten erfinden und vorbringen können. Andere Mittel der Erklärung, als die in ihnen selbst liegenden, scheinen mir bei diesen Schriftstellern, und ganz besonders beim Johannes, nicht stattzufinden. Wo, wie bei den klassischen Profan-Skribenten, mehrere Zeitgenossen untereinander und diese wieder mit einem ihnen vorhergehenden und ihnen folgenden Gelehrten-Publikum verglichen werden können, da finden diese äußern Hilfsmittel statt. Das Christentum aber, und ganz besonders Johannes, stehen isoliert, als eine wunderbare und rätselhafte Zeiterscheinung, ohne Vorgang und ohne eigentliche Folge da.

An dem von uns aufzustellenden Inhalte der Johanneischen Lehre wird sorgfältig zu unterscheiden sein, was in derselben an sich, absolut und für alle Zeiten gültig, wahr ist, von demjenigen, was nur für Johannes und des von ihm aufgestellten Jesus Standpunkt, und für ihre Zeit und Ansicht wahr gewesen. Auch das letztere werden wir getreu aufstellen; denn eine andere Erklärungsweise ist unredlich und überdies verwirrend.

Was im Evangelium Johannis zu allererst unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen muß, ist der dogmatische Eingang desselben in der Hälfte des ersten Kapitels; gleichsam die Vorrede. Halten Sie diese Vorrede ja nicht für ein eigenes und willkürliches Philosophem des Verfassers, gleichsam für eine räsonnierende Verbrämung seiner Geschichtserzählung, von der man, rein an die Tatsachen sich haltend, der eigenen Absicht des Verfassers nach denken könne, wie man wolle; so wie einige diesen Eingang anzusehen scheinen. Es ist vielmehr derselbe in Beziehung auf das ganze Evangelium zu denken und nur im Zusammenhange mit demselben zu begreifen. Der Verfasser führt, durch das ganze Evangelium durch, Jesum ein als auf eine gewisse Weise, die wir unten angeben werden, von sich redend; und es ist ohne allen Zweifel Johannes' Überzeugung, daß Jesus gerade also und nicht anders gesprochen habe, und daß er ihn also reden – gehört habe; und sein ernster Wille, daß wir ihm dies glauben sollen In dieser Schätzung des Johannesevangeliums, von der die heutige kritische Forschung in der Mehrzahl ihrer Vertreter zurückgekommen ist, trifft Fichte mit Schleiermacher zusammen.. Nun erklärt die Vorrede die Möglichkeit, wie Jesus also von sich habe denken und reden können, wie er von sich redet; es ist daher notwendig die Voraussetzung Johannis, daß nicht bloß er, dieser Johannes, für seine Person und seiner geringen Meinung nach, Jesum also ansehen und sich erklären wolle, sondern daß Jesus sich selber gleichfalls also gedacht und angesehen habe, wie er ihn schildert. Die Vorrede ist anzusehen als der Auszug und der allgemeine Standpunkt aller Reden Jesu; sie hat darum, der Absicht des Verfassers nach, die gleiche Autorität, wie Jesu unmittelbare Reden. Auch die Vorrede ist, nach Johannes' Ansicht, nicht des Johannes, sondern Jesu Lehre; und zwar der Geist und die innigste Wurzel von Jesu ganzer Lehre.

Nachdem wir diesen, nicht unbedeutenden Punkt ins reine gebracht haben, gehen wir durch folgende Vorerinnerung zur Sache.

Aus Unkunde der im bisherigen von uns aufgestellten Lehre entsteht die Annahme einer Schöpfung, als der absolute Grundirrtum aller falschen Metaphysik und Religionslehre und insbesondere als das Urprinzip des Juden- und Heidentums. Die absolute Einheit und Unveränderlichkeit des göttlichen Wesens in sich selber anzuerkennen genötigt, wiederum auch das selbständige und wahrhafte Dasein endlicher Dinge nicht aufgeben wollend, ließen sie die letzten durch einen Akt absoluter Willkür aus dem ersten hervorgehen: wodurch ihnen zuvörderst der Begriff der Gottheit im Grunde verdarb und mit einer Willkür ausgestattet wurde, die durch ihr ganzes religiöses System hindurch ging, sodann die Vernunft auf immer verkehrt und das Denken in ein träumendes Phantasieren verwandelt wurde; denn eine Schöpfung läßt sich gar nicht ordentlich denken – das was man wirklich denken heißt – und es hat noch nie irgendein Mensch sie also gedacht. Insbesondere ist in Beziehung auf die Religionslehre das Setzen einer Schöpfung das erste Kriterium der Falschheit; das Ableugnen einer solchen Schöpfung, falls eine solche durch vorhergegangene Religionslehre gesetzt sein sollte, das erste Kriterium der Wahrheit dieser Religionslehre. Das Christentum, und insbesondere der gründliche Kenner desselben, von welchem wir hier sprechen, Johannes, befand sich in dem letzten Falle; die vorhandene jüdische Religion hatte eine solche Schöpfung gesetzt. Im Anfange – schuf Gott, heben diese heiligen Bücher der Religion an; nein, – im direkten Widerspruche, und anhebend mit demselben Worte, und statt des zweiten, falschen, an derselben Stelle das rechte setzend, um den Widerspruch herauszuheben, – nein, sagt Johannes: im Anfange, in demselben Anfange, wovon auch dort gesprochen wird, d. h. ursprünglich und vor aller Zeit, schuf Gott nicht und es bedurfte keiner Schöpfung, sondern es – war schon; es war das Wort – und durch dieses erst sind alle Dinge gemacht.

Im Anfange war das Wort, der Logos im Urtexte; was auch hätte übersetzt werden können: die Vernunft, oder, wie im Buche der Weisheit Vgl. namentlich das siebente Kapitel. beinahe derselbe Begriff bezeichnet wird: die Weisheit; was aber unsers Erachtens durch den Ausdruck: Wort, der auch in der allerältesten lateinischen Übersetzung, ohne Zweifel auf Veranlassung einer Tradition der Johanneischen Schüler, also vorkommt, am treffendsten übersetzt ist. Was ist nun, der Absicht des Schriftstellers nach, dieser Logos oder dieses Wort? Vernünfteln wir doch ja nicht über den Ausdruck, sondern sehen wir lieber unbefangen hin, was Johannes von diesem Worte aussagt; die dem Subjekte beigelegten Prädikate, besonders wenn sie diesem Subjekte ausschließend beigelegt werden, pflegen ja das Subjekt selbst zu bestimmen. Es war im Anfange, sagt er, es war bei Gott; Gott selbst war es; es war im Anfange bei Gott. Kann deutlicher ausgesprochen werden dasselbe, was wir früher so ausgesprochen haben: nachdem, außer Gottes innerm und in sich verborgenen Sein, das wir zu denken vermögen, er auch noch überdies da ist, was wir bloß faktisch erfassen können, so ist er notwendig durch sein inneres und absolutes Wesen da, und sein nur durch uns von seinem Sein unterschiedenes Dasein ist an sich und in ihm davon nicht unterschieden; sondern dieses Dasein ist ursprünglich, vor aller Zeit und ohne alle Zeit, bei dem Sein und selber das Sein: das Wort im Anfange – das Wort bei Gott – das Wort im Anfange bei Gott – Gott selbst das Wort und das Wort selbst Gott. Konnte schneidender und herausspringender der Grund dieser Behauptung angegeben werden: in Gott und aus Gott wird nichts, entsteht nichts; in ihm ist ewig nur das Ist, und was da sein soll, muß ursprünglich bei ihm sein und muß er selbst sein. Weg mit jenem verwirrendem Phantasma, hätte der Evangelist hinzusetzen können, wenn er viele Worte hätte machen wollen, – weg mit jenem Phantasma eines Werdens aus Gott, dessen, was in ihm nicht ist und nicht ewig und notwendig war, einer Emanation, bei welcher er nicht dabei ist, sondern sein Werk verläßt, einer Ausstoßung und Trennung von ihm, die uns in das öde Nichts wirft und ihn zu einem willkürlichen und feindseligen Oberherrn von uns macht.

Dieses bei Gott Sein nun, nach unserm Ausdrucke dieses Dasein, wird ferner charakterisiert als Logos oder Wort. Wie könnte deutlicher ausgesprochen werden, daß es die sich selbst klare und verständliche Offenbarung und Manifestation, sein geistiger Ausdruck sei, daß, wie wir dasselbe aussprachen, das unmittelbare Dasein Gottes notwendig Bewußtsein, teils seiner selbst, teils Gottes sei; wofür wir den strengen Beweis geführt haben?

Ist nun erst dies klar, so ist nicht die mindeste Dunkelheit mehr in der Behauptung V. 3, »daß alle Dinge durch dasselbige Wort gemacht sind, und ohne dasselbige nichts gemacht ist, was gemacht ist usw.« – und es ist dieser Satz ganz gleich geltend mit dem von uns aufgestellten, daß die Welt und alle Dinge lediglich im Begriffe, in Johannes' Worte, und als begriffene und bewußte, als Gottes Sich-Aussprechen seiner selbst, da sind; und daß der Begriff oder das Wort ganz allein der Schöpfer der Welt überhaupt und durch die in seinem Wesen liegenden Spaltungen der Schöpfer der mannigfaltigen und unendlichen Dinge der Welt sei.

In Summa: ich würde diese drei Verse in meiner Sprache also ausdrücken. Ebenso ursprünglich, als Gottes inneres Sein, ist sein Dasein, und das letztere ist vom ersten unzertrennlich und ist selber ganz gleich dem ersten; und dieses göttliche Dasein ist in seiner eigenen Materie notwendig Wissen; und in diesem Wissen allein ist eine Welt und alle Dinge, welche in der Welt sich vorfinden, wirklich geworden Vgl. die weiteren Umformungen dieser Verse S. 127 und 164..

Ebenso klar werden nun auch die beiden folgenden Verse. In ihm, diesem unmittelbaren göttlichen Dasein, war das Leben, der tiefste Grund alles lebendigen, substantiellen, ewig aber dem Blicke verborgen bleibenden Daseins; und dieses Leben ward im wirklichen Menschen Licht, bewußte Reflexion; und dieses Eine ewige Urlicht schien ewig fort in den Finsternissen der niedern und unklaren Grade des geistigen Lebens, trug dieselben unerblickt und erhielt sie im Dasein, ohne daß die Finsternisse es begriffen.

So weit, als wir jetzt den Eingang des Johanneischen Evangeliums erklärt, geht sein absolut Wahres und ewig Gültiges. Von da hebt an das nur für die Zeit Jesu und der Stiftung des Christentums und für den notwendigen Standpunkt Jesu und seiner Apostel Gültige: der historische, keineswegs metaphysische Satz nämlich, daß jenes absolut unmittelbare Dasein Gottes, das ewige Wissen oder Wort, rein und lauter, wie es in sich selber ist, ohne alle Beimischung von Unklarheit oder Finsternis und ohne alle individuelle Beschränkung, in demjenigen Jesus von Nazareth, der zu der und der bestimmten Zeit im jüdischen Lande lehrend auftrat und dessen merkwürdigste Äußerungen hier aufgezeichnet seien, in einem persönlich sinnlichen und menschlichen Dasein sich dargestellt, und in ihm, wie der Evangelist vortrefflich sich ausdrückt, Fleisch geworden An diesem Punkte tritt Fichte in schroffsten Gegensatz zu Schleiermacher, der die ganze Kraft seiner Intuition und grandiosen Dialektik darangesetzt hat, um zu zeigen, daß und in welchem Sinne der christliche Glaube in Jesus von Nazareth die individualisierte Idee, oder, wie Schleiermacher sich ausdrückt, das geschichtlich gewordene Urbild absoluter Gottbestimmtheit und Gottbegabung verehren dürfe. (Glaubenslehre § 93.) – Fichtes negative Haltung gründet sich auf das folgenschwere, in dieser Klarheit und Schärfe zuerst von ihm formulierte geschichtsphilosophische Axiom von der Unmöglichkeit adäquater und verbindlicher Ideenmanifestationen in großen historischen Persönlichkeiten. »Die Idee ist nicht ein individueller Zierat, da das Individuum als solches überhaupt nicht in der Idee liegt, sondern sie strebt, auszuströmen in das ganze Menschengeschlecht, dieses neu zu beleben und nach sich umzubilden.« (Erlanger Vorlesungen über das Wesen des Gelehrten 1806; Reclam S. 92.) Eine kräftige Ahnung von dem, was die personalistische Geschichtsphilosophie diesem Impersonalismus entgegen hält, hat freilich auch Fichte gehabt, wenn er in denselben Vorlesungen (S. 83) erklärt: Die ursprüngliche göttliche Idee von einem bestimmten Standpunkte in der Zeit läßt größtenteils sich nicht eher angeben, als bis der von Gott begeisterte Mensch kommt und sie ausführt. – Noch deutlicher tritt diese Ahnung hervor in der 16. Vorlesung der »Grundzüge«. Den Ausgangspunkt bildet hier die wichtige Frage nach der Erziehung zur Religion. Wer soll diese Erziehung übernehmen? Fichte antwortet mit starker Betonung: nicht der Staat, sondern »einzelne Individuen, welche, bisher einseitig von irgendeinem Punkte der Religion angezogen, erwärmt und begeistert wurden, und die Gabe besaßen, ihre Begeisterung mitzuteilen«. (W W VII 237.) Als Beispiele nennt er selbst die Reformatoren und pietistischen Erweckungsprediger. – Aber diese Erkenntnisse und Beobachtungen waren offenbar nicht stark genug in ihm, um die Fehler und Übertreibungen des idealistischen Impersonalismus wirksam und durchgreifend zu korrigieren. Sein letztes Wort ist der (unklar gedachte, weil auf dem verworfenen Begriff des Individuums fußende) Gattungsgedanke und die Loslösung der Idee von der Person. – Vgl. die weitere Ausführung dieses Gedankens in der »Beilage«, am Schluß des Werkes.
Die Fichtesche Religionsphilosophie des metaphysischen Antipersonalismus ist auf Hegel übergegangen und durch diesen an David Friedrich Strauß gekommen, der ihr, im Schlußabschnitt seines ersten kritischen Lebens Jesu (II 1836, S. 734), die klassisch-prägnante Fassung gegeben hat. Nach Strauß es ist nicht die Art der Idee, in ein Exemplar ihre ganze Fülle auszuschütten und gegen alle anderen zu geizen; sondern in einer Mannigfaltigkeit von Exemplaren, die sich gegenseitig ergänzen, im Wechsel sich sehender und wieder aufhebender Individuen, liebt sie ihren Reichtum auszubreiten.
Demgemäß ist, ganz wie bei Fichte, das eigentliche und wahrhaft philosophische Subjekt der christologischen Prädikate nicht sowohl der historische Jesus, als vielmehr die Gesamterscheinung der auf- und vorwärtsstrebenden Menschheit. Sie ist der eigentliche Christus – das Kind der sichtbaren Mutter und des unsichtbaren Vaters: des Geistes und der Natur; sie ist der Wundertäter: sofern im Verlauf der Menschengeschichte der Geist sich immer vollständiger der Natur bemächtigt; sie ist der Unsündliche: sofern der Gang ihrer Entwicklung ein tadelloser ist; sie ist der Sterbende, Auferstehende und gen Himmel Fahrende: sofern ihr aus der Negation ihrer Natürlichkeit immer höheres geistiges Leben, aus der Aufhebung ihrer Endlichkeit als persönlichen, nationalen und weltlichen Geistes ihre Einigkeit mit dem unendlichen Geiste des Himmels hervorgeht, (a. a. O. S. 735.)
Das Geheimnis der Christologie, so könnte man unter leichter Abwandlung eines bekannten Feuerbachschen Wortes sagen, ist – die Anthropologie. Die pathetische Selbstverhimmelung der Menschheit, die es, zu inniger Erquickung aller Jetztzeit-Prediger, so herrlich weit gebracht hat, ist das letzte, dumpfe Ergebnis der metaphysischen Christologie, die Fichte so stolz ins Werk gesetzt hat. Wo bleibt das Fichtesche Werdeheimweh, die Sehnsucht über sich selbst hinaus, die er selber so klar und tief als die Wurzel aller lebendigen Religion erfaßt hat? Doch wohl in der Anschauung einer Erscheinung, die absolut nur einmal ist, und durch ihre völlige Singularität in denen, die ihrer gewiß geworden sind, das Gefühl des eigenen Vollendetseins, und damit der religiösen Erschlaffung, unmöglich macht! Fichte hat gänzlich übersehen, daß der christliche Glaube unter dem historischen Jesus die geschichtliche Erscheinung mit Einschluß aller an sie geketteten; fortzeugend neugeborenen Kraft- und Glaubenswirkungen versteht, m. a. W., daß Christus für ihn nicht nur Weg; sondern Wahrheit und Leben ist.
. Mit der Verschiedenheit sowohl, als der Übereinstimmung dieser beiden Standpunkte, des absolut und ewig wahren und des bloß aus dem zeitigen Gesichtspunkte Jesu und seiner Apostel wahren, verhält es sich also. Aus dem ersten Standpunkte wird zu allen Zeiten, in jedem ohne Ausnahme, der seine Einheit mit Gott lebendig einsieht, und der wirklich und in der Tat sein ganzes individuelles Leben an das göttliche Leben in ihm hingibt, das ewige Wort ohne Rückhalt und Abbruch ganz auf dieselbe Weise, wie in Jesu Christo, Fleisch, ein persönlich sinnliches und menschliches Dasein. – Diese also ausgesprochene Wahrheit, welche da redet lediglich von der Möglichkeit des Seins, ohne alle Beziehung auf das Mittel des wirklichen Werdens, leugnet nun weder Johannes, noch der von ihm redend eingeführte Jesus; sondern sie schärfen dieselbe vielmehr, wie wir tiefer unten S. 102. sehen werden, allenthalben auf das nachdrücklichste ein. Der dem Christentum ausschließend eigene und nur für die Schüler desselben geltende Standpunkt sieht auf das Mittel des Werdens und lehrt hierüber also: Jesus von Nazareth sei eben schlechthin von und durch sich, durch sein bloßes Dasein, Natur, Instinkt, ohne besonnene Kunst, ohne Anweisung, die vollkommne sinnliche Darstellung des ewigen Wortes, so wie es vor ihm schlechthin niemand gewesen; alle diejenigen aber, welche seine Jünger würden, seien es eben darum, weil sie seiner bedürften, noch nicht, sondern sollten es erst durch ihn werden. – Das soeben klar Ausgesprochne ist das charakteristische Dogma des Christentums als einer Zeiterscheinung, einer zeitigen Anstalt zu religiöser Bildung der Menschen, welches Dogma ganz ohne Zweifel Jesus und seine Apostel geglaubt haben: rein, lauter und in einem hohen Sinne im Evangelium Johannis, welchem Johannes Jesus von Nazareth freilich auch der Christus, der verheißene Beseliger der Menschheit ist, nur daß ihm dieser Christus wieder für das Fleisch gewordne Wort gilt; vermischt mit jüdischen Träumen von einem Sohne Davids und einem Aufheber eines alten Bundes und Abschließer eines neuen bei Paulus und den übrigen. Allenthalben, und ganz besonders beim Johannes, ist Jesus der erstgeborne und Einige unmittelbar geborne Sohn des Vaters, keinesweges als Emanation oder des etwas – welche vernunftwidrige Träume erst später entstanden sind – sondern in dem oben erklärten Sinne, in ewiger Einheit und Gleichheit des Wesens; und alle andern können erst in ihm und durch die Verwandlung in sein Wesen mittelbar Kinder Gottes werden. Dies lassen Sie uns zuvörderst anerkennen; denn außerdem würden wir teils unredlich deuten, teils das Christentum gar nicht verstehen, sondern durch dasselbe verworren werden. Sodann lassen Sie uns, gesetzt auch, wir wollten für unsere Person von jener Ansicht keinen Gebrauch machen, was einem jeden freistehen muß, dieselbe wenigstens richtig nehmen und beurteilen. Und so erinnere ich denn in dieser Rücksicht: 1. Allerdings ist die Einsicht in die absolute Einheit des menschlichen Daseins mit dem göttlichen die tiefste Erkenntnis, welche der Mensch erschwingen kann Auf dieser Erkenntnis beruht nach Fichte die Absolutheit des Christentums. Breit ausgeführt und auf religionsgeschichtlicher Basis entwickelt ist dieser Gedanke in Hegels Religionsphilosophie (herausgegeben von Ph. Marheineke II2 1840, S. 191 ff.). Das Christentum ist die absolute Religion, weil es den Grundiert aller Religion, die »Vorstellung von der Einheit der göttlichen und menschlichen Natur«, die Idee der absoluten Identität des göttlichen und des menschlichen Geistes, zu vollendeter Klarheit entwickelt hat. In Hegels eigenster Sprache geredet: Die Substanz ist im Christentum endgültig als Subjekt erkannt. (a. a. O. S. 208 und 194.). Sie ist vor Jesu nirgends vorhanden gewesen; sie ist ja auch seit seiner Zeit, man möchte sagen bis auf diesen Tag, wenigstens in der profanen Erkenntnis, wieder so gut als ausgerottet und verloren. Jesus aber hat sie offenbar gehabt; wie wir, sobald wir nur selbst sie haben, wäre es auch nur im Evangelium Johannis, unwidersprechlich finden werden. – Wie kam nun Jesus zu dieser Einsicht? Daß jemand hinterher, nachdem die Wahrheit schon entdeckt ist, sie nacherfinde, ist kein so großes Wunder; wie aber der erste, von Jahrtausenden vor ihm und von Jahrtausenden nach ihm durch den Alleinbesitz dieser Einsicht geschieden, zu ihr gekommen sei, dies ist ein ungeheures Wunder. Und so ist denn in der Tat wahr, was der erste Teil des christlichen Dogma behauptet, daß Jesus von Nazareth der – auf eine ganz vorzügliche, durchaus keinem Individuum außer ihm zukommende Weise – eingeborne und erstgeborne Sohn Gottes ist, und daß alle Zeiten, die nur fähig sind, ihn zu verstehen, ihn dafür werden erkennen müssen. 2. Ob es nun schon wahr ist, daß jetzt ein jeder in den Schriften seiner Apostel diese Lehre wiederfinden und für sich selbst und durch eigne Überzeugung sie für wahr anerkennen kann; ob es gleich, wie wir ferner behaupten, wahr ist, daß der Philosoph – so viel er weiß – ganz unabhängig vom Christentume dieselben Wahrheiten findet, und sie in einer Konsequenz und in einer allseitigen Klarheit überblickt, in der sie vom Christentume aus an uns wenigstens nicht überliefert sind: so bleibt es doch ewig wahr, daß wir mit unsrer ganzen Zeit und mit allen unsern philosophischen Untersuchungen auf den Boden des Christentums niedergestellt sind und von ihm ausgegangen; daß dieses Christentum auf die mannigfaltigste Weise in unsre ganze Bildung eingegriffen habe, und daß wir insgesamt schlechthin nichts von alledem sein würden, was wir sind, wenn nicht dieses mächtige Prinzip in der Zeit vorhergegangen wäre. Wir können keinen Teil unsers durch die frühern Begebenheiten uns angeerbten Seins aufheben; und mit Untersuchungen, was da sein würde, wenn nicht wäre, was da ist, gibt kein Verständiger sich ab. Und so bleibt denn auch der zweite Teil des christlichen Dogma, daß alle diejenigen, die seit Jesu zur Vereinigung mit Gott gekommen, nur durch ihn und vermittelst seiner dazu gekommen, gleichfalls unwidersprechlich wahr. Und so bestätiget es sich denn auf alle Weise, daß bis an das Ende der Tage vor diesem Jesus von Nazareth wohl alle Verständigen sich tief beugen und alle, je mehr sie nur selbst sind, desto demütiger die überschwengliche Herrlichkeit dieser großen Erscheinung anerkennen werden.

Soviel, um diese für ihre Zeit gültige Ansicht des Christentums gegen unrichtiges und unbilliges Urteil da, wo sie natürlich sich vorfindet, zu schützen, keinesweges aber etwa, um diese Ansicht jemandem aufzudrängen Original: aufzudringen., der entweder seine Aufmerksamkeit nach jener historischen Seite gar nicht hingerichtet hätte, oder der, selbst wenn er sie dahin richtete, das, was wir da zu finden glauben, eben nicht entdecken könnte. Keinesweges nämlich haben wir durch das Gesagte uns zur Partei jener Christianer schlagen wollen, für welche die Sache nur durch ihren Namen Wert zu haben scheint. Nur das Metaphysische, keinesweges aber das Historische macht selig; das letztere macht nur verständig Historisch nämlich ist, wie die »Beilage« S. 193 erklärt, nur das Tatsächliche an den Dingen, was sich nicht weiter erklären läßt; metaphysisch dagegen dasjenige, was aus einem höheren und allgemeineren Gesetze notwendig folgt und aus demselben abgeleitet werden kann. – Fichte hätte demnach auch sagen können: Das Apriorische allein macht selig, das Empirische macht nur verständig. – Auch das Empirische höherer Ordnung, welches die Religion allein im Sinne hat, wenn sie von Offenbarung spricht? Auch das Ergreifend-Überwältigende, das kein Verstand der Verständigen erdenkt, kein Wille der Willigen hervorzubringen vermag? Auch der Friede Gottes, von dem einer, der es wissen konnte und dem wir Vertrauen schenken dürfen, mit ewig gültigem Grunde gesagt hat, daß er höher sei, denn alle Vernunft? – Fichtes Absicht ist groß und gut: er will das Lebendige in der Religion; aber er will es durch Mittel, die dieses Leben in Frage stellen, ja, streng genommen, töten. Denn wenn das Apriorische allein beseligt, so schafft der Mensch sich seinen Gott, wie wir es heute wieder erleben. Und dagegen hat, im Namen der Religion, niemand nachdrücklicher protestiert, als Fichte selbst. Siehe S. 13 und 136 dieser Vorlesungen.
Das Fichtesche Dilemma hat Hegel bekanntlich aufgenommen; aber er hat dabei nicht, wie Fichte, das Historische einfach ausgestoßen, sondern er hat es »metaphysiziert«, d. i. zum durchgehenden Ausdruck spekulativer Wahrheiten umzubilden versucht. Die Religionsphilosophie hat nach Hegel die Aufgabe, die absolute Entstehungsweise des Dogmas aus der Tiefe des Geistes zu entwickeln; sie ist auf ihrem Höhepunkte spekulative Theologie (I 42).
. Ist nur jemand wirklich mit Gott vereinigt und in ihn eingekehrt, so ist es ganz gleichgültig, auf welchem Wege er dazu gekommen; und es wäre eine sehr unnütze und verkehrte Beschäftigung, anstatt in der Sache zu leben, nur immer das Andenken des Weges sich zu wiederholen. Falls Jesus in die Welt zurückkehren könnte, so ist es zu erwarten, daß er vollkommen zufrieden sein würde, wenn er nur wirklich das Christentum in den Gemütern der Menschen herrschend fände, ob man nun sein Verdienst dabei preisete oder es überginge; und dies ist in der Tat das Allergeringste, was von so einem Manne, der schon damals, als er lebte, nicht seine Ehre suchte, sondern die Ehre des, der ihn gesandt hatte, sich erwarten ließe.

Nachdem wir an der Unterscheidung der beiden beschriebenen Standpunkte den Schlüssel haben zu allen Äußerungen des Johanneischen Jesus, und das sichere Mittel, das in einer Zeitform Ausgesprochne auf reine und absolute Wahrheit zurückzuführen, fassen wir den Inhalt dieser Äußerungen in die Beantwortung der beiden Fragen zusammen: zuvörderst, was sagt Jesus über sich selbst in Absicht seines Verhältnisses zur Gottheit? Sodann Original: sodenn., was sagt er über seine Anhänger und Lehrlinge in Absicht des Verhältnisses derselben zu ihm, und sodann, vermittelst seiner, zur Gottheit?

Kap. 1, 18. »Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborne Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat es verkündiget.« – Wie wir gesagt haben: in sich ist das göttliche Wesen verborgen; nur in der Form des Wissens tritt es heraus, und zwar ganz, wie es in sich ist.

Kap. 5, 19. »Der Sohn kann nichts von ihm selber tun, denn was er siehet den Vater tun; denn was derselbige tut, das tut gleich auch der Sohn.« Aufgegangen ist seine Selbständigkeit in dem Leben Gottes, wie wir uns ausgedrückt haben.

Kap. 10, 28. »Ich gebe meinen Schafen das ewige Leben, und niemand kann sie aus meiner Hand reißen.« V. 29. »Der Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer denn alles, und niemand kann sie aus meines Vaters Hand reißen.« – Wer ist es denn nun, der sie hält und trägt, Jesus oder der Vater? Die Antwort gibt V. 30. »Ich und der Vater sind Eins.« – Einerlei gesagt in beiden identischen Sätzen. – Sein Leben ist das meinige, das meinige das seinige; mein Werk sein Werk, und umgekehrt. Gerade also, wie wir in der vorigen Stunde uns ausgedrückt haben.

Soviel von den deutlichsten und zwingendsten Stellen. Auf diese Weise lehrt über diesen Punkt einmütig und gleichlautend das ganze Evangelium. Jesus redet nie anders von sich.

Ferner, wie redet er von seinen Anhängern und deren Verhältnisse zu sich? Die beständige Voraussetzung ist, daß diese in ihrem dermaligen Zustande gar nicht das rechte Dasein hätten, sondern, wie er Kap. 3 gegen Nikodemus sich äußert, ein so völlig anderes und ihrem bisherigen Dasein entgegengesetztes Dasein erhalten müßten, als ob an ihrer Stelle ein ganz neuer Mensch geboren würde; oder, wo er am eindringendsten sich ausspricht: daß sie eigentlich gar nicht existierten, noch lebten, sondern im Tode und Grabe sich befänden, und daß Er erst das Leben ihnen erteilen müsse.

Hören Sie darüber folgende entscheidende Stellen:

Kap. 6, 53. »Werdet ihr nicht essen mein Fleisch und trinken mein Blut (dieser Ausdruck wird tiefer unten erklärt werden), so habt ihr kein Leben in euch.« Nur durch dieses Essen meines Fleisches und Trinken meines Blutes kommt welches in euch; und ohne dies ist keines.

Und Kap. 5, 24. »Wer mein Wort höret, der hat das ewige Leben und ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.« V. 25. »Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, daß die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören, und die sie hören werden, die werden leben.« – Die Toten! Wer sind diese Toten? Etwa die, die am jüngsten Tage in den Gräbern liegen werden? Eine rohsinnliche Deutung – im biblischen Ausdrucke eine Deutung nach dem Fleische, nicht nach dem Geiste. Die Stunde war ja schon damals. Diejenigen waren diese Toten, welche seine Stimme noch nicht gehört hatten und eben darum tot waren.

Und was für ein Leben ist dies, das Jesus den Seinigen zu geben verspricht?

Kap. 8, 51. »So jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich« – keinesweges, wie geistlose Ausleger dies nehmen: er wird wohl einmal sterben, nur nicht auf ewig, sondern er wird am jüngsten Tage wieder auferweckt werden; sondern er wird nun und nimmermehr sterben: – wie es denn auch die Juden wirklich verstunden und durch die Berufung auf Abrahams erfolgten Tod Jesus widerlegen wollten, und er ihre Auslegung billigt, indem er andeutet, daß Abraham, der Jesu Tag gesehen, in seine Lehre, ohne Zweifel durch Melchisedek, eingeweiht worden, auch wirklich nicht gestorben sei.

Oder noch einleuchtender Kap. 11, 23. – »Dein Bruder soll auferstehen.« Martha, die den Kopf eben auch mit jüdischen Grillen angefüllt hatte, sagte, ich weiß wohl, daß er auferstehen wird in der Auferstehung am jüngsten Tage. – Nein, sagt Jesus, »Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich gläubet, der wird leben, ob er gleich stürbe. Und wer da lebet und gläubet an mich, der wird nimmermehr sterben.« Die Vereinigung mit mir gibt die Vereinigung mit dem ewigen Gott und seinem Leben, und die Gewißheit derselben; also, daß man in jedem Momente die ganze Ewigkeit ganz hat und besitzt und den täuschenden Phänomenen einer Geburt und eines Sterbens in der Zeit durchaus keinen Glauben beimißt, daher auch keiner Auferweckung, als der Rettung von einem Tode, den man nicht glaubt, weiter bedarf.

Und woher hat Jesus diese, seine Anhänger auf alle Ewigkeit belebende Kraft? Aus seiner absoluten Identität mit Gott – Kap. 5, 26. »Wie der Vater hat das Leben in ihm selber, also hat er dem Sohne gegeben, das Leben zu haben in ihm selber.«

Ferner, auf welche Weise werden die Anhänger Jesu dieser Identität ihres Lebens mit dem göttlichen Leben teilhaftig? – Jesus sagt dies in den mannigfaltigsten Wendungen, von denen ich hier nur die allerstärkste und deutlichste und, gerade um ihrer absoluten Klarheit willen, den Zeitgenossen sowohl, als auch den Nachkommen bis auf diesen Tag allerunverständlichste und anstößigste anführen will. – Kap. 6, 53-55. – »Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Menschensohns und trinken sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der hat das ewige Leben. Mein Fleisch ist die rechte Speise, und mein Blut ist der rechte Trank.« Was heißt dies? – Er erklärt es selber V. 56. »Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der bleibet in mir und ich in ihm«; und umgekehrt, wer in mir bleibet und ich in ihm, der hat gegessen mein Fleisch usw. Sein Fleisch essen und sein Blut trinken, heißt: ganz und durchaus er selber werden und in seine Person, ohne Abbruch oder Rückhalt, sich verwandeln, ihn in seiner Persönlichkeit nur wiederholen, – transsubstantiiert werden mit ihm Dieser mystisch-spekulative Gedanke, auf der Basis johanneischer Abendmahlssymbolik, ist uralt und geht bis auf Ignatius von Antiochien (um 100 n. Chr.) zurück. Ignatius sieht die Vollendung des Christen bereits in der Figur des Christopherus (Epheserbrief IX 2). Durchgesetzt hat sich diese Vorstellung, daß in jedem Christen (allerdings durch die Taufe) Christus geistig noch einmal geboren werde, namentlich durch das »Gastmahl« des Methodius von Olympus (um 300), eines origenistisch geschulten Origenesgegners. Die Hauptstelle ist conv. VIII 8. Vgl. Loofs, Dogmengeschichte 4 1906, S. 228. – Unter den Mystikern der neueren Zeit hat Angelus Silesius diesen Gedanken am eindrucksvollsten ausgesprochen. Im Cherubinischen Wandersmann I 61:
Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren,
Und nicht in dir: du bleibst noch ewiglich verloren.
– so wie Er das zu Fleisch und Blut gewordne ewige Wort ist, ebenso zu seinem Fleische und Blute, und, was nun daraus folgt und dasselbe ist, zu dem zu Fleisch und Blut gewordnen ewigen Worte selber werden; denken durchaus und ganz, wie er, und so, als ob er selber dächte, und nicht wir; leben durchaus und ganz, wie er, und so, als ob er selber lebte in unsrer Stelle. So gewiß Sie nur, Ehrwürdige Versammlung, jetzt nicht meine eignen Worte herabziehen und herunterdeuten zu dem beschränkten Sinne, daß man Jesum als unerreichbares Muster nur nachahmen solle, stückweise und aus der Ferne, so wie die menschliche Schwäche es erlaube In der Ablehnung dieses rationalistischen Ideals stimmt Fichte wieder mit Schleiermacher zusammen. Aber zwischen der äußeren Nachahmung, die freilich minderwertig bleibt, weil sie sich an das Zufällige klammert, und dem anspruchsvollen Gefühl der absoluten Lebenseinheit steht die innere Nachbildung des Lebens Jesu, die Schleiermacher gefordert hat und ein größerer vor ihm, wenn er von der Identität der Gesinnung spricht. Diese paulinische Gesinnungseinheit ist die wahrhaft protestantische Nachfolge Jesu., sondern dieselben so nehmen, wie ich sie ausgesprochen habe, daß man Er selber ganz werden müsse, so leuchtet Ihnen ein, daß Jesus nicht füglich anders sich ausdrücken konnte, und daß er sich vortrefflich aussprach. Jesus war weit entfernt davon, sich als unerreichbares Ideal hinzustellen, wozu erst die Dürftigkeit der Folgezeit ihn gemacht hat; auch nahmen ihn seine Apostel nicht so, unter andern auch nicht Paulus, der da sagt: ich lebe gar nicht mehr, sondern in mir lebt Jesus Christus. Sondern Jesus wollte durch seine Anhänger ganz und ungeteilt in seinem Charakter wiederholt werden, so wie er selber war; und zwar forderte er dieses absolut und als unerläßliche Bedingung: esset ihr nicht mein Fleisch usw., so bekommt ihr überhaupt kein Leben in euch, sondern ihr bleibet liegen in den Gräbern, in denen ich euch angetroffen habe.

Nur dieses Eine forderte er, nicht mehreres und nicht weniger. Keinesweges gedachte er sich zu begnügen mit dem bloßen historischen Glauben, daß er das Fleisch gewordene ewige Wort und der Christus sei, für welchen er sich gab. Allerdings fordert er, auch bei Johannes, als vorläufige Bedingung, lediglich damit man ihn nur anhöre und auf seine Reden eingehe, Glauben, d. h. die vorläufige Voraussetzung der Möglichkeit, daß er wohl dieser Christus sein könne, und verschmäht es auch gar nicht, diese Voraussetzung durch frappante und wunderbare Taten, die er vollbringt, zu bestärken und zu erleichtern. Aber der endliche und entscheidende Beweis, der durch die vorläufige Voraussetzung oder den Glauben erst möglich gemacht werden soll, ist der, daß jemand nur wirklich den Willen tue des, der Jesus gesandt hat, d. h. daß er in dem erklärten Sinne sein Fleisch und sein Blut esse, wodurch er denn innewerden werde, daß diese Lehre von Gott sei und daß er nicht von sich selber rede. Ebensowenig ist die Rede von einem Glauben an sein stellvertretendes Verdienst. Jesus ist bei Johannes zwar ein Lamm Gottes, das der Welt Sünde wegträgt, keinesweges aber ein solches, das sie mit seinem Blute einem erzürnten Gotte abbüßt. Er trägt sie weg; nach seiner Lehre existiert der Mensch außer Gott und Ihm gar nicht, sondern er ist tot und begraben; er tritt gar nicht ein in das geistige Reich Gottes; wie könnte doch der arme, nichtseiende, in diesem Reiche etwas verwirren und die göttlichen Plane stören? Wer aber in Jesum und dadurch in Gott sich verwandelt, der lebet nun gar nicht mehr, sondern in ihm lebet Gott: aber wie könnte Gott gegen sich selbst sündigen? Den ganzen Wahn demnach von Sünde Der Wahn von Sünde!! Es ist vielleicht die empfindlichste religiöse Schranke des ganzen Fichteschen Idealismus, daß er kein Herz hat, keine Empfindung für die ergreifendste Vorschule der Religion, die Seelennot und Seelenangst eines im tiefsten erschütterten Gewissens. Wie andere Pantheisten erklärt auch er, stumpf gegen die ungeheure Tragik so vieler bester Lebensläufe: der Mensch kann mit der Gottheit sich nie entzweien, und inwiefern er sich mit derselben entzweit wähnt, ist er ein Nichts, das eben darum auch nicht sündigen kann, sondern um dessen Stirn sich bloß der drückende Wahn von Sünde legt, um ihn zum wahren Gotte zu führen. (Grundzüge, W W VII 190.) – übrigens ist es zum wenigsten konsequent gedacht, wenn Fichte aus seiner Religion mit dem Wahn der Sünde auch das Gespenst der Reue streicht. (Anweisung S. 172.) und die Scheu vor einer Gottheit, die durch Menschen sich beleidigt finden könnte, hat er weggetragen und ausgetilgt. Endlich, so nun jemand auf diese Weise den Charakter Jesu in dem seinigen wiederholt, was ist denn nach der Lehre Jesu der Erfolg? – So ruft Jesus in Gegenwart seiner Jünger gegen seinen Vater aus! Kap. 17, 20. »Ich bitte nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden, auf daß sie alle Eines seien; gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir, daß auch sie in uns Eines seien« – in uns – Eines seien. Jetzt, nach der Vollendung, ist aller Unterschied aufgehoben; die ganze Gemeine, der Erstgeborne, zugleich mit den zuerst und mit den später Nachgebornen, fallen wieder zusammen in den einen gemeinschaftlichen Lebensquell Aller, die Gottheit. Und so fällt denn, wie wir oben behaupteten, das Christentum, seinen Zweck als erreicht setzend, wieder zusammen mit der absoluten Wahrheit, und behauptet selbst, daß jedermann zur Einheit mit Gott kommen und das Dasein desselben selber, oder das ewige Wort, in seiner Persönlichkeit werden könne und solle.

Und so ist denn erwiesen, daß die Lehre des Christentums mit unsrer in den bisherigen Reden Ihnen vorgetragnen und zu Anfange der heutigen in einen einzigen Überblick zusammengefaßten Lehre sogar in dem Bildersystem von Leben und Tod und allem, was daraus fließet, genau übereinstimme.

Hören Sie noch zum Beschlusse dasselbe, womit ich meine letzte Vorlesung beschloß, mit den Worten desselben Johannes.

So fasset er, ohne Zweifel in Beziehung auf sein Evangelium, das praktische Resultat desselben Ep. 1, Kap. 1 zusammen. »Das da von Anfang war, das wir gehöret haben, das wir gesehen haben mit unsern Augen, das wir beschauet haben, und unsere Hände betastet haben vom Wort des Lebens.« – Bemerken Sie, wie sehr es ihm darum zu tun ist, in seinem Evangelium nicht als seine eignen Gedanken vortragend, sondern als bloßer Zeuge von gehabten Wahrnehmungen zu erscheinen! – »Das verkündigen wir euch, auf daß auch ihr – ganz im Geiste und auf dem Grunde der zuletzt angeführten Worte Jesu – mit uns Gemeinschaft habet; und unsere (die unsere, der Apostel, so wie die eurige, der Neubekehrten) Gemeinschaft sei mit dem Vater und mit seinem Sohne, Jesu Christo. – – So wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in Finsternis (so wir mit Gott vereinigt zu sein glauben, ohne daß in unserm Leben das göttliche Wirken herausbricht), so lügen wir (und sind nur Phantasten und Schwärmer). So wir aber im Lichte wandeln, so wie Er im Lichte ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander; und das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes (keinesweges sein, im metaphysischen Sinne, zur Abbüßung unsrer Sünde vergossenes Blut, sondern sein in uns eingetretenes Geblüt und Gemüt, sein Leben in uns) macht uns rein von aller Sünde,« und hebt uns weit weg über die Möglichkeit zu sündigen.

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