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Die Ansiedler in Kanada

Frederick Marryat: Die Ansiedler in Kanada - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleDie Ansiedler in Kanada
publisherA. H. Payne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel

Der Frühling kam herbei, der Schnee verschwand nach und nach, das Eis wurde von den Stromschnellen mit fortgerissen, und der blaue See lag wieder offen da. Das Vieh wurde hinausgetrieben, um das Gras abzuweiden, das man im Vorjahr auf der Prärie stehen ließ, und die Männer waren alle beschäftigt, die Aussaat vorzubereiten. Sobald der Schnee geschmolzen war, gingen Malachi, Martin und Alfred, ohne mit Mrs. Campbell darüber zu sprechen, in den Wald hinaus und suchten nach der Leiche des armen Percival, doch ohne Erfolg. Sie mußten daher annehmen, daß der Knabe weitergewandert und an einer Stelle gestorben sei, die sie nicht zu entdecken vermochten, oder daß die Wölfe seine Überreste aus dem Schnee gescharrt und verzehrt hätten. Es war nirgends auch nur eine Spur von ihm zu entdecken, und so wurden die Nachforschungen nach einigen Tagen eingestellt.

Die Wiederkehr des Frühlings übte auch insofern eine günstige Wirkung auf die Gemüter der Familie aus, als mit ihr eine solche Fülle von Arbeit an alle herantrat, daß sie keinen Augenblick ungenützt vorübergehen lassen durften. Sie hatten jetzt so viele Acres Ackerland, daß sie kaum alle vorbereitende Arbeit bewältigen konnten, und es daher ein Glück war, daß Alfred sich soweit erholt hatte, um an den Anstrengungen teilnehmen zu können. Malachi, John und sogar Mr. Campbell halfen, und endlich wurde die Aufgabe gelöst. In dieser Zeit erhielten sie auch Mitteilung vom Fort und Briefe aus Quebec, Montreal und England. Ein Schreiben aus Montreal benachrichtigte Mr. Campbell, daß dem Vertrage gemäß der Ingenieur im Laufe des Monats mit den Maschinen auf dem Wasserwege eintreffen und die Wassermühle sobald wie möglich erbauen würde. Auch aus England traf ein Brief ein, der große Freude bereitete; er war an Alfred von Hauptmann Sinclair gerichtet und enthielt die Mitteilung, daß er alle Geschäfte mit seinem Vormund besorgt habe und zurückkehren wolle. Er hoffe, bei Beginn des Frühlings in der Festung zu sein, da er das nächste Schiff benutzen wolle. Er sprach seine Freude über seine Rückkehr aus und bat, Emma zu sagen, daß er keine englische Gattin gefunden habe, wie sie es ihm prophezeite, vielmehr mit ebenso heilem Herzen heimkommen werde, wie er fortgegangen.

Sehr bald darauf erhielt die Familie Besuch von Oberst Forster und einigen Offizieren der Festung, wobei ersterer Mr. Campbell wieder eine Abteilung Soldaten anbot, um bei dem Bau der Wassermühle zu helfen, was dankbar angenommen wurde.

»Wir waren Ihretwegen im vergangenen Herbst, als die Wälder in Flammen standen, sehr besorgt, Mr. Campbell«, sagte der Oberst. »Aber ich sehe, daß der Brand sehr vorteilhaft für Sie war. Sie haben jetzt einen großen Landstrich mit Korn besät, und hätten Sie die nötigen Kräfte besessen, so könnten Sie noch mehr bestellen, da alles Land im Nordwesten durch das Feuer gelichtet ist.«

»Ja«, entgegnete Mr. Campbell, »aber mein Besitztum zieht sich, wie Sie wissen, am Ufer hin, und soweit es sich von dort bis ins Innere erstreckt, haben wir es besät.«

»Dann würde ich Ihnen empfehlen, nach Quebec zu schreiben und zu beantragen, daß man Ihnen das angrenzende Land zu beiden Seiten des Flusses verleiht, etwa in gleicher Ausdehnung wie Ihr jetziges Eigentum.«

»Wenn ich das täte, so wäre ich nicht imstande, das Land zu bebauen.«

»Nein, mit ihren gegenwärtigen Kräften nicht, das gebe ich zu, aber es gibt viele Auswanderer, die froh über die Arbeit wären und sich unter günstigen Bedingungen gern hier niederlassen würden.«

»Das würde eine sehr große Ausgabe sein«, sagte Mr. Campbell.

»Das freilich; aber der Gewinn würde Sie entschädigen. Die Truppen des Forts würden Ihnen alles Mehl abnehmen, und wenn sie noch so viel hätten.«

»Ich spüre gegenwärtig keine Neigung, auf weiter hinaus Pläne zu machen«, erwiderte Mr. Campbell, »sondern möchte erst sehen, wie dieses Jahr ausfällt, stellt es sich heraus, daß ich vom Glück begünstigt werde, so kann ich mich dann entscheiden.«

»Natürlich dürfen Sie nur mit Vorsicht handeln. Sie können sich an ihren Agenten in Quebec wenden, um von ihm zu erfahren, unter welchen Bedingungen sie etwa die nötigen Leute bekommen würden. Doch können Sie auch einen anderen Weg einschlagen. Sie überlassen den Leuten das Land zum Beackern und Besäen und erhalten einen bestimmten Anteil an Korn von ihnen als Pacht. Das ist sehr sicher, und all Ihr Land würde allmählich an Kultur gewinnen; außerdem hätten Sie den Vorteil, Nachbarn um sich zu haben. Sie könnten einen Ihrer Söhne nach Montreal schicken, um das alles abzumachen.«

»Ich werde jedenfalls an meinen Agenten schreiben und Erkundigungen einziehen«, versetzte Mr. Campbell. »Haben Sie indessen vielen Dank für den Vorschlag; ich besitze noch einige hundert Pfund auf der Bank, über die ich nötigenfalls verfügen kann.«

Etwa drei Wochen nach dieser Unterredung traf das Boot mit dem Ingenieur und den Maschinen für die Mehl- und Sagemühle ein, und nun gab die Ansiedlung wieder einen sehr lebhaften Schauplatz ab, auf dem sich die vom Fort abgeschickten Soldaten tummelten. Der Ingenieur war ein sehr angenehmer, junger Engländer, der in Kanada seinen Beruf ausübte und in der Kolonie als einer der Tüchtigsten in seinem Fach galt. Er hatte den Standort der Mühle bald ausgewählt, und nun ertönten von neuem die Äxte in den Wäldern, als nach seiner Weisung die Bäume gefällt und zerhauen wurden. Alfred war beständig mit dem Ingenieur zusammen, da er mit ihm die Arbeiten der Leute beaufsichtigte, und war schnell befreundet mit ihm. Übrigens stand der junge Mann bald auf so gutem Fuß mit allen Familienmitgliedern, daß diese ihn als einen der ihrigen ansahen, um so mehr, als er höchst unterhaltend und sehr wohlerzogen war. Mr. Campbell fand, daß Mr. Emmerson, dies war sein Name, ihm jede Auskunft in bezug auf die nach Kanada gekommenen Auswanderer erteilen konnte, da er beständig im Lande herumreiste und viel mit ihnen in Berührung kam.

»Sie haben viel Glück gehabt mit Ihrem Kauf«, sagte er zu Mr. Campbell; »das Land ist ausgezeichnet. An dem Fluß besitzen Sie eine gute Wasserkraft und durch den See einen bequemen Verkehrsweg. Fünfzig Jahre später wird dies Eigentum eine hohe Summe wert sein.«

»Ich möchte gern einige Auswanderer gewinnen, die sich hier niederlassen wollen«, bemerkte Mr. Campbell; »es würde sehr zu unserer Sicherheit und Behaglichkeit beitragen; auch besitze ich nicht die genügenden Arbeitskräfte, um das im letzten Herbst durch das Feuer gelichtete Land zu bebauen. Geschieht das aber nicht binnen kurzem, so wird alles wieder Wald sein.«

»Augenblicklich ist alles voller Himbeeren, die überdies sehr schön sind, nicht wahr, Mr. Emmerson?« sagte Emma.

»Ja, Miß, ganz vortrefflich«, erwiderte er; »Sie werden bemerken, daß die Himbeersträucher hier überall aufschießen, wo Bäume niedergeschlagen sind und der Boden nicht sogleich für die Saat vorbereitet wurde.«

»Wirklich, das wußte ich nicht.«

»Es ist aber trotzdem der Fall. Nach den Himbeeren sprießen die jungen Schößlinge des Hartholzes auf und wachsen, wie Mr. Campbell bereits sagte, bald wieder zum Walde empor.«

»Ich glaube nicht, daß es Sie viel Mühe kosten wird, Auswanderer hierherzubekommen, Mr. Campbell. Die Schwierigkeit wird nur darin bestehen, sie zum Bleiben zu überreden. Das Ziel derer, die in dieses Land kommen, ist immer, eigenen Grundbesitz zu erlangen und unabhängig zu werden. Viele haben aber nicht die Mittel weiterzugehen und müssen zeitweilig ihre Zuflucht dazu nehmen, als Arbeiter zu dienen; sobald diese aber soviel erworben haben, um selbst etwas kaufen zu können, werden sie Sie verlassen.«

»Das finde ich sehr natürlich; aber ich habe daran gedacht, einen größeren Landesanteil zu erwerben, als ich jetzt besitze, und ich wünsche daher sehr, mit einigen Auswanderern ein Abkommen treffen zu können. Der Oberst meint, ich könne dies tun, indem ich ihnen die Aussaat liefere und meinerseits Korn dafür als Pacht bekomme.«

»Das würde kein dauerndes Abkommen sein«, erwiderte Mr. Emmerson. »Wieviel Land denken Sie noch zu kaufen?«

»Sechshundert Acres.«

»Gut, Sir; ich glaube, die Interessen beider Parteien würden sich begegnen, wenn Sie folgende Bedingungen vorschlügen: Sie teilen das Land in Posten von einhundert Acres und lassen die fünfzig Acres, die an Ihr Gebiet grenzen, für sich bebauen, durch Leute, denen sie das Recht geben, die anderen fünfzig Acres, sobald sie die Mittel dazu besitzen, als Eigentum zu erwerben. Dadurch erhalten Sie dreihundert Acres wertvollsten Landes zu Ihrer jetzigen Farm hinzu und haben seßhafte Nachbarn, sobald sie imstande sind, die anderen fünfzig Acres zu kaufen.«

»Ich halte das für ein sehr gutes Abkommen, Mr. Emmerson, und würde meinerseits mit Freuden einwilligen.«

»Gut, Sir, ich werde den Sommer über reichlich Gelegenheit haben, Auswanderern diesen Vorschlag zu machen, und wenn ich Leute finde, die mir als Nachbarn für Sie geeignet scheinen, so werde ich Sie benachrichtigen.«

»Und in dieser Erwartung werde ich die Abtretung eines weiteren Geländes beantragen«, sagte Mr. Campbell, »denn, um in dieser Einsamkeit nur Nachbarn zu haben, würde ich ihnen das Land beinahe zum Geschenk machen.«

»Ich vermute, Sie werden in wenigen Jahren genug Nachbarn haben, ohne zu solchem Mittel greifen zu brauchen«, versetzte Mr. Emmerson, »aber wenn Sie Ihr jetziges Vorhaben ausführen, so können sie besser für Sie ausgewählt werden, und Sie können Bedingungen stellen, durch die Unannehmlichkeiten vermieden werden.«

Die Arbeiten an der Mühle schritten schnell vorwärts; dieselbe war bereits vor der Heuernte fertig. Alfred war sehr achtsam und verfolgte, wie auch Martin, alles mit größter Aufmerksamkeit, um die Maschinen verstehen zu lernen, die indessen sehr einfach waren. Mr. Emmerson probte die Mühle und fand, daß sie ihrem Zweck gut entsprach. Er erklärte Alfred alle Einzelheiten und setzte die Mühle in Tätigkeit, damit jener sie völlig beherrschen lerne. Da Mr. Emmerson erst vierzehn Tage, nachdem sein Werk beendigt war, eine Gelegenheit zur Rückfahrt nach Montreal finden konnte, so ließen Alfred und Martin die Mühle während dieser Zeit arbeiten und empfanden große Genugtuung, daß sie keiner weiteren Unterweisung mehr bedurften. Die Soldaten konnten auf Mr. Campbells Bitte bis zur Heuernte bleiben, und sobald diese eingebracht war, wurden sie bezahlt und kehrten zum Fort zurück.

Hauptmann Sinclair, dessen Ankunft man nach seinem Briefe schon früher zu erwarten hatte, kam gerade, als die Soldaten die Farm verlassen hatten. Er wurde aufs wärmste empfangen. Er hatte der Familie sehr viel zu erzählen und brachte allen schöne Geschenke mit, von denen er natürlich die für den armen Percival zurückbehielt. Emma und Mary waren entzückt, ihn wieder als Begleiter zu haben, und unternahmen wie früher Spaziergänge mit ihm. Nach Verlauf von vierzehn Tagen, die sehr schnell dahinschwanden, lief sein Urlaub ab, und er war genötigt, zum Fort zurückzukehren. Ehe er jedoch fortging, bat er Mr. und Mrs. Campbell um eine Unterredung, worin er ihnen seine Stellung und seine Vermögensverhältnisse genau darlegte und sie um die Genehmigung bat, sich um Mary bewerben zu dürfen. Mr. und Mrs. Campbell, denen die Aufmerksamkeiten nicht entgangen waren, die er ihr gewidmet hatte, zögerten nicht, ihre Befriedigung über seine Bitte auszusprechen und wünschten ihm den besten Erfolg; nachdem dies geschehen war, ließen sie ihn seine Bewerbung selbst anbringen, was Hauptmann Sinclair noch am nämlichen Abend tat. Mary Percival war ein liebenswürdiges und gradsinniges Mädchen, das sogleich eine Entscheidung traf. Da sie Hauptmann Sinclair schon lange zugetan war, so leugnete sie dies nicht, und sein Erfolg machte ihn überglücklich.

»Ich habe offen mit ihnen gesprochen, Hauptmann Sinclair«, sagte Mary, »und ich habe nicht geleugnet, daß Sie meine Zuneigung besitzen; doch muß ich Sie jetzt bitten, mich wissen zu lassen, welche Zukunftspläne Sie haben.«

»Das zu tun, was Sie von mir wünschen.«

»Ich besitze kein Recht, Ihnen einen Rat zu erteilen, und habe nicht den Wunsch, Sie zu überreden. Ich habe mir meinen eigenen Pfad der Pflicht vorgeschrieben, und von dem kann ich nicht abweichen.«

»Und worin besteht der?«

»Es ist der, daß ich unter den gegenwärtigen Umständen nicht daran denken darf, Onkel und Tante zu verlassen. Ich bin von ihnen erzogen und gebildet worden, ich habe als eine Waise ihr Glück geteilt. Daher habe ich eine tiefe Schuld der Dankbarkeit an sie zu entrichten und kann in eine Rückkehr nach England nicht willigen, um dort alle Vorzüge zu genießen, die ihre Mittel uns gewähren würden, während sie in ihrer gegenwärtigen einfachen Lage bleiben. – Meine Ansicht mag sich später den Umständen nach ändern, aber jetzt denke ich so.«

»Aber ich bin gewillt, hier bei Ihnen zu bleiben und Ihr Glück zu teilen, wird Sie das nicht befriedigen?«

»Nein, sicherlich nicht, denn das hieße Ihnen gestatten, gegen sich selbst ungerecht zu sein. Ich vermute, Sie hegen doch nicht die Absicht, Ihren Beruf zu verlassen?«

»Ich hatte dieselbe nicht; aber trotzdem, wenn ich zwischen Ihnen und dem Dienst wählen muß, so werde ich nicht zögern.«

»Ich hoffe, Sie werden nicht zögern, sondern sich entschließen, fürs erste an ihrem Beruf festzuhalten, Hauptmann Sinclair. Es wird nicht für Sie taugen, Ihre guten Aussichten und die Hoffnung auf Beförderung aufzugeben, sei es auch einer Frau halber, wie ich es bin«, fuhr Mary lächelnd fort; »auch dürfen Sie nicht daran denken, eines blassen Mädchens wegen ein Hinterwäldler zu werden.«

»Aber, was soll ich denn tun, wenn Sie Ihren Onkel und Ihre Tante nicht verlassen wollen?«

»Warten, Hauptmann Sinclair! Seien Sie zufrieden, daß Sie meine Neigung besitzen, und warten Sie geduldig, bis Umstände eintreten, die es mir gestatten, Ihre Liebe zu belohnen, ohne mich der Undankbarkeit gegen die schuldig zu machen, die so vieles Gutes an mir getan haben. Unter solchen Bedingungen nehme ich Ihren Antrag gern an; doch müssen Sie Ihre Pflicht gegen sich selbst erfüllen, während ich die meinige gegen meine Verwandten abtrage.«

»Ich glaube, Sie haben recht, Mary«, versetzte Hauptmann Sinclair, »nur sehe ich keine bestimmte Hoffnung für unsere Vereinigung. Könnten Sie mir irgendeine Aussicht eröffnen, die mich tröstet?«

»Wir sind beide noch sehr jung, Hauptmann Sinclair«, bemerkte Mary, »in ein bis zwei Jahren können Onkel und Tante weniger einsam und in behaglicheren Verhältnissen als gegenwärtig sein. In ein bis zwei Jahren kann der Krieg endigen, und Sie können sich auf ehrenwerte Weise mit Ihrem Halbsold zurückziehen. Es gibt so viele Wechselfälle, die unerwartet über uns kommen, daß man unmöglich vorhersagen kann, was geschehen mag. Und tritt nach längerem Warten keine dieser günstigen Wendungen ein, so haben Sie noch eine andere Aussicht zu Ihren Gunsten.«

»Und die wäre, Mary?«

»Daß ich vielleicht selbst des Wartens überdrüssig werde«, versetzte Mary lächelnd.

»Auf diese Wendung hin will ich in Hoffnung leben«, erwiderte Hauptmann Sinclair. »Wenn Sie mich nur belohnen wollen, sobald Sie meinen, daß mein treuer Gehorsam es wert ist.«

»Das soll gewiß geschehen«, erwiderte Mary, »aber jetzt wollen wir heimkehren.«

Hauptmann Sinclair reiste am folgenden Tage ab, ganz zufrieden mit Marys Beschluß.

Wie Henry vorhergesagt hatte, war die ganze Familie den Herbst über vollauf beschäftigt. Der Viehstand hatte sich sehr vergrößert, sie besaßen eine große Anzahl Kälber und Kühe, und die Schafe hatten auch viele Lämmer gebracht. Ein großer Teil des Viehs wurde jetzt in den Busch getrieben, um das Futter auf den Prärien zu sparen. Nur die Schafe, die Lämmer besaßen, die Milchkühe und die jungen Kälber wurden zurückbehalten. Hierdurch gewannen sie mehr Muße, sich mit der Kornernte zu befassen, die jetzt bereit stand, und es bedurfte der vereinigten Anstrengungen aller, vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang, um das Getreide hereinzuschaffen, da eine große Fläche Kornlandes zu räumen war. Doch alles wurde glücklich eingeerntet und in guter Ordnung aufgespeichert. Dann gab es wieder Arbeit in Fülle mit dem Ausdreschen des Weizens, der hierauf sogleich zu Wagen nach der Mühle gebracht und gemahlen wurde; denn Mr. Campbell hatte sich verpflichtet, noch vor Einbruch des Winters eine bestimmte Menge Mehl für das Fort zu liefern. Gelegentlich erhielten sie Besuche von Hauptmann Sinclair, dem Obersten und einigen anderen Offizieren, da sie mit der Zeit mit vielen derselben bekannt geworden waren. Hauptmann Sinclair hatte seine Verlobung mit Mary Percival dem Obersten mitgeteilt, und letzterer erlaubte ihm daher, die Farm so oft zu besuchen, als es sich mit seiner Dienstpflicht vertrug. Da die übrigen Offiziere, die zur Familie Campbell kamen, bald merkten, wie sehr Hauptmann Sinclair Marys Gesellschaft in Anspruch nahm, so waren sie beflissen, Emma ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden, die mit ihnen und über sie lachte und ihnen während der Dauer ihres Besuchs gewöhnlich etwas zu tun gab, damit ihre Zuvorkommenheit zugleich dem ganzen Haushalt zugute kommen sollte. Unter der Bedingung, daß Emma sie begleitete, waren sie zufrieden, den Fischerkahn zu besteigen und stundenlang zu fischen; es wurden alle Seefische, die in diesem Jahre gefangen wurden, durch die Offiziere herbeigeschafft. Es waren unter ihnen einige sehr unterhaltende junge Leute, weshalb sie immer gern empfangen wurden, denn sie trugen viel zur Geselligkeit in der Farm bei. Ehe der Winter begann, war das Mehl fertig und wurde mit dem vom Oberst verlangten Rindvieh zum Fort geschickt. Augenscheinlich hatte der Oberst recht, indem er behauptete, daß das abgeschlossene Übereinkommen für beide Teile vorteilhaft sein würde. Anstatt, daß Mr. Campbell Gelder zusetzte, um Zahlungen zu leisten, erhielt er in diesem Jahr zum erstenmal von der Regierung einen Wechsel, der auf eine beträchtliche Summe für das an die Truppen gelieferte Mehl und Vieh lautete; und Mrs. Campbells Einnahme für Hühner und Schweinefleisch, womit sie die Garnison versorgt hatte, war auch keineswegs zu verachten. So hatte es Mr. Campbell der Güte anderer, seinen eigenen Anstrengungen und der klugen Verwendung seines kleinen Kapitals zu verdanken, daß er voraussichtlich nach wenigen Jahren ein wohlhabender und unabhängiger Mann sein würde.

Sobald die Ernte vorüber war, begannen Malachi und John, die beim Ausdreschen des Korns nichts nützen konnten, wieder Jagdausflüge zu machen und kehrten selten ohne Wild heim. Von den Indianern hatte Malachi bei diesen Streifzügen nichts gesehen, und keine Spur deutete darauf hin, daß sie in der Nachbarschaft gewesen waren. Nach dieser Richtung war daher alle Unruhe geschwunden; aber dennoch bereitete sich die Familie auf den kommenden Winter mit allerlei Vorsichtsmaßregeln vor, die die Erfahrungen der verflossenen Jahre ihnen ratsam erscheinen ließen.

Während des indianischen Sommers empfingen sie auch Briefe aus England, die ihnen Nachrichten über die Freunde brachten, mit denen sie vertraut gewesen waren. Ein Schreiben aus Quebec setzte Mr. Campbell in Kenntnis, daß sein Gesuch um weitere Landverleihung bewilligt sei; ein zweites von Mr. Emmerson aus Montreal benachrichtigte ihn, daß zwei Ansiedlerfamilien von sehr guten Charaktereigenschaften zu Beginn des nächsten Frühjahrs auf der Farm eintreffen würden, falls Mr. Campbell die von ihnen gestellten Bedingungen annehme.

Diese Mitteilung war höchst erfreulich für Mr. Campbell, und da die Bedingungen mit geringfügigen Abänderungen dieselben waren, die er vorgeschlagen hatte, so teilte er Mr. Emmerson sofort seine Einwilligung mit und bat ihn, den Vertrag abzuschließen. Zur gleichen Zeit, als der Oberst die genannten Briefe übermittelte, schrieb er an Mr. Campbell, daß das Innere der Festung einer großen Anzahl Bohlen zur Ausbesserung bedürfe und er ermächtigt sei, dieselben zu bestimmtem Preise von ihm zu entnehmen, falls er dieselben zu diesen Bedingungen liefern und zum kommenden Frühjahr bereithalten könne. Dies war ein neues Freundschaftszeichen von seiten des Kommandanten, da durch dieses Anerbieten die Sägemühle Arbeit für den Winter erhielt. Während dieser Zeit, in der der Schnee den Erdboden bedeckte, konnte das gefällte Holz mit Leichtigkeit zur Sägemühle gezogen werden. Mr. Campbell antwortete, daß er mit Dank den Vorschlag des Obersten annähme und die Bohlen zu der Zeit, wo der See wieder offen wäre, fertig halten wolle.

Endlich begann der Winter mit seinem gewöhnlichen Schneefall. Hauptmann Sinclair verabschiedete sich für lange Zeit, zum großen Kummer der ganzen Familie, die mit Innigkeit an ihm hing. Es wurde bestimmt, daß Malachi und John in diesem Winter die einzigen sein sollten, die zur Jagd auszogen, da Henry ausreichende Beschäftigung in den Scheunen fand und Martins und Alfreds Zeit sowohl durch das Fällen der Bäume und Heranziehen des Holzes zur Sägemühle, wie auch durch die Arbeit in der Mühle selbst völlig in Anspruch genommen wurde. So traf man die Einrichtungen außerhalb des Hauses, und da man die Dienste des armen Percival entbehren mußte, und auch die Obliegenheiten im Hause sich gemehrt hatten, so sahen sich Mrs. Campbell und die jungen Mädchen genötigt, Mr. Campbells Hilfe in Anspruch zu nehmen, so oft er im Garten zu entbehren war, in dem er für gewöhnlich Beschäftigung fand. So verstrich ein Teil des Winters in Ruhe und Sicherheit, doch in voller Tätigkeit, und da es so viel zu schaffen und zu versorgen gab, schwand die Zeit sehr schnell dahin. – Eines Tages, im Monat Februar, als der Schnee den Erdboden sehr hoch deckte, kam Malachi nach der Mühle zu Alfred, der allein damit beschäftigt war, den jetzt in voller Tätigkeit befindlichen Sägebetrieb zu leiten, denn Martin richtete, etwa hundert Meter entfernt, das Holz zum Sägen zu.

»Es freut mich, daß ich Sie allein finde, Sir«, sagte Malachi, »denn ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu erzählen, und es wäre mir nicht lieb, wenn sonst jemand etwas davon erführe.«

»Was ist es, Malachi?« fragte Alfred.

»Nun, Sir, als ich gestern auf der Jagd war, ging ich zu der Stelle, wo ich in der vergangenen Woche zwei Hirschhäute hingelegt hatte, um sie jetzt mit nach Hause zu nehmen, und da fand ich, daß mittels einiger Dornen ein Brief darangesteckt war.«

»Ein Brief, Malachi?«

»Ja, Sir, ein indianischer Brief. Hier ist er!«

Malachi brachte nun ein Stück Birkenrinde zum Vorschein, auf dem verschiedene Zeichen und Figuren zu sehen waren.

»Nun«, sagte Alfred, »es mag wohl ein Brief sein; aber ich muß gestehen, für mich ist das ganz unverständlich. Ich sehe wirklich nicht ein, warum Ihr den als Geheimnis zu behalten wünscht. Sagt es mir.«

»Ach, Sir, ich könnte einen von Ihren Briefen nicht halb so gut lesen wie diesen hier, der eine Nachricht von größter Wichtigkeit enthält. Es ist die indianische Art zu schreiben, und ich weiß auch, von wem der Brief kommt. Eine gute Tat ist nie verloren, sagt man, und ich freue mich, auch bei den Indianern Dankbarkeit zu entdecken.«

»Ihr macht mich ganz ungeduldig, Malachi, die Bedeutung zu erfahren; sagt mir, von wem glaubt Ihr denn, daß der Brief kommt?«

»Nun, Sir, sehen Sie dieses Zeichen hier?« fragte Malachi, indem er auf das am untersten Ende des Rindenstücks befindliche Zeichen wies.

»Ja, es ist ein Fuß, nicht wahr?«

»Richtig, Sir. Nun wissen Sie doch, von wem es herrührt?«

»Das kann ich nicht behaupten.«

»Erinnern Sie sich, daß wir vor zwei Wintern die Indianerin aufhoben und nach Hause trugen, der Ihr Vater den verrenkten Fuß heilte?«

»Gewiß, kommt der Brief von ihr?«

»Ja, Sir, und Sie entsinnen sich auch, daß sie sagte, sie gehöre zu der Bande der bösen Schlange.«

»Das weiß ich sehr gut, aber jetzt, Malachi, lest mir den Brief sogleich vor; denn ich bin sehr begierig zu wissen, was sie uns mitzuteilen haben mag.«

»Das will ich tun, Mr. Alfred. Jetzt sehen Sie, da ist die Sonne etwas über die Hälfte hinaus sichtbar, was bei ihnen die untergehende, nicht aber die aufgehende Sonne bedeutet; mit der untergehenden Sonne aber ist der Westen gemeint.«

»Sehr wohl, das ist mir nun klar.«

»Hier sind zwölf Wigwams, die bedeuten zwölf Reisetage eines Kriegers, die bei den Indianern auf je fünfzehn Meilen etwa bemessen werden. Wieviel macht fünfzehn mal zwölf, Sir?«

»Einhundertachtzig, Malachi.«

»Nun, Sir, das drückt aus, sie sind so ungefähr einhundertachtzig Meilen entfernt. Jetzt stellt die erste Gestalt einen Häuptling dar, denn es befindet sich am Kopf desselben eine Adlerfeder, und die Schlange davor ist sein Totem, die böse Schlange. Die anderen sechs Gestalten zeigen die Kopfzahl seiner Bande an. Auch sehen Sie, daß der Häuptling und der erste von den sechsen eine Büchse tragen, womit uns mitgeteilt wird, daß sie nur zwei Büchsen besitzen.«

»Sehr wahr, aber was ist das für eine kleine Gestalt, die dem Häuptling folgt, mit den Armen auf dem Rücken?«

»Das ist das Geheimnis des Briefes, Sir; ohne die wäre er nichts wert. Sie sehen, daß die kleine Gestalt ein Paar Schneeschuhe trägt.«

»Ja, das sehe ich.«

»Nun, jene kleine Gestalt ist Ihr Bruder Percival, den wir für tot hielten.«

»Gütiger Himmel! Ist es möglich?« rief Alfred. »So ist er am Leben?«

»Daran ist kein Zweifel, Sir«, entgegnete Malachi, »und jetzt will ich den ganzen Brief zusammenfassen. Ihr Bruder Percival ist von der bösen Schlange und ihrer Bande fortgeführt und von ihnen bis zu einem Platz gebracht worden, der einhundertachtzig Meilen gen Westen liegt, und diese Kunde kommt von der Indianerin, die zu dem Trupp gehört und deren Leben durch Ihre Güte gerettet wurde. Ich glaube nicht, Mr. Alfred, daß irgendeine weiße Person einen deutlicheren und zweckentsprechenderen Brief hätte schreiben können.«

»Da stimme ich Euch bei, Malachi, aber die Neuigkeit hat mich so überwältigt, daß ich kaum weiß, was ich sage; Percival am Leben! Wir werden ihn wieder heimbringen, und wenn wir tausend Meilen gehen und zweitausend Indianer bekämpfen müßten. Oh, wie glücklich wird dies meine Mutter machen! Aber, was müssen wir nun tun, Malachi? Sagt es mir, ich bitte Euch.«

»Wir können nichts tun, Sir«, versetzte Malachi.

»Nichts tun, Malachi?« wiederholte Alfred voll Erstaunen.

»Nein, Sir, wenigstens jetzt nicht. Wir haben die Kunde, daß der Knabe am Leben ist, wenigstens ist dies anzunehmen; doch wissen die Indianer natürlich nicht, daß wir diese Nachricht erhalten haben. Wüßten sie es, so würde die Frau sogleich getötet werden. Nun, Sir, müssen wir uns selbst in erster Linie die Frage stellen, warum sie den Knaben mitgenommen haben, denn was für einen Nutzen könnte es haben, einen so kleinen Burschen ohne einen bestimmten Grund fortzuführen?«

»Die nämliche Frage wollte ich Euch vorlegen, Malachi.«

»Dann, Sir, werde ich sie nach meinem besten Wissen und Dafürhalten beantworten. Es ist das: die böse Schlange kam nach der Ansiedlung und sah Ihren Pulver- und Kugelvorrat und all das andere. Sie würde uns letzten Winter angegriffen haben, wenn sie Gelegenheit und Aussicht auf Erfolg gehabt hätte. Einer von ihrem Trupp wurde getötet, das bewies ihr, daß wir aufpaßten; jener Versuch mißlang also. Nun glückte es ihr jedoch, den Knaben aufzugreifen, der hinter uns zurückgeblieben war, und sie führte ihn mit sich, in der Absicht, einen Gewinn damit zu erzielen, wenn sie ihn uns zurückgibt. Das ist meine Überzeugung.«

»Ich zweifle nicht, daß Ihr in allem recht habt«, sagte Alfred nach einer Pause. »Gut, so müssen wir aus der Not eine Tugend machen und ihm geben, was er fordert.«

»Nicht so, Sir; täten wir dies, so ermutigten wir ihn, aufs neue zu stehlen.«

»Was sollen wir denn tun?«

»Ihn bestrafen, wenn wir können; doch unter allen Umständen müssen wir zunächst abwarten und nichts unternehmen. Verlassen Sie sich darauf, wir werden von ihm eine Benachrichtigung bekommen, daß der Knabe in seinem Besitz ist und uns unter gewissen Bedingungen zurückgegeben werden soll – vielleicht in diesem Frühjahr. Dann würde es Zeit sein, zu überlegen, was geschehen soll.«

»Ich glaube, Ihr habt recht, Malachi.«

»Ich hoffe, ihn noch zu überlisten, Sir«, versetzte Malachi; »doch, wir werden ja sehen.«

»Gut – aber sollen wir die Sache noch irgend jemand mitteilen, Malachi, oder sie geheimhalten?«

»Nun, Sir, ich habe gedacht, wir wollen nur Martin und die Erdbeere in unser Geheimnis einweihen. Ich möchte es ihnen mitteilen, weil sie beinahe selbst Indianer sind, vielleicht kommen sie auch mit jemand von der Bande zusammen. Daß sie darüber sprechen sollten, ist nicht zu befürchten. Martin versteht dergleichen, und was die Erdbeere anbetrifft, so ist sie so schweigsam, als wenn sie es gar nicht wüßte.«

»Ich glaube, Ihr habt recht; doch welche Freude würde es meinen Eltern bereiten.«

»Ja, Sir, und der ganzen übrigen Familie auch, daran ist nicht zu zweifeln. Wenigstens die ersten Stunden hindurch, nachdem Sie es ihnen erzählt haben; aber was für Schmerz würde es ihnen daraus monatelang verursachen. Überlegen Sie nur, wie Ihr Vater und besonders Ihre Mutter sich während der ganzen Zeit aufreiben und abhärmen würden, und in welchen Zustand der Unruhe sie gerieten – sie würden nicht essen und nicht schlafen; nein, Sir, es wäre eine Grausamkeit, wollte man es ihnen erzählen, und es darf auch nicht geschehen. Bis zum Frühling können wir nichts tun und müssen warten, bis der Bote zu uns kommt.«

»Ihr habt recht, Malachi; so macht Martin und seiner Frau die Mitteilung – und ich werde das Geheimnis so treu wie sie bewahren.«

»Es ist ein wichtiger Punkt, daß wir erfahren haben, in welcher Gegend der Junge ist«, bemerkte Malachi, »denn wenn es nötig ist, daß einige von uns ausziehen, um ihn zu holen, so wissen wir, welche Richtung wir einschlagen müssen. Ein zweiter wichtiger Punkt ist, daß wir die Stärke des Feindes kennen, da wir nun wissen, welche Streitmacht wir mitnehmen müssen, für den Fall, daß wir genötigt sind, uns den Jungen durch Gewalt oder List zu erobern. Durch den Brief haben wir das alles erfahren, was uns kein Bote sagen würde, den die böse Schlange uns schickt. Dieser hoffe ich noch, den Kopf zu zerbeulen, ehe ich mit ihr abgeschlossen habe.«

»Wenn ich sie treffe, so muß einer von uns beiden fallen«, bemerkte Alfred.

»Kein Zweifel, Sir, kein Zweifel«, versetzte Malachi, »aber wir können den Knaben auf andere, und zwar viel bessere Art zurückerhalten. Jeder Mensch, er mag gut oder schlecht sein, hat nur ein Leben, und das hat ihm Gott gegeben. Seinen Mitmenschen steht es nicht zu, es ihm zu nehmen, es sei denn, daß die Notwendigkeit es verlangt. Ich hoffe, den Knaben ohne Blutvergießen zu bekommen.«

»Ich bin entschlossen, ihn unter jeder Bedingung zurückzuholen, Malachi. Wenn dies, wie Ihr sagt, ohne Blutvergießen geschehen kann, um so besser. Aber haben will ich ihn, und wenn ich hundert Indianer töten müßte.«

»Das ist recht, Sir, das ist recht; aber lassen Sie dies erst unsere letzte Zuflucht sein; denken Sie daran, daß der Indianer nach Pulver und Kugeln und nicht nach dem Leben des Knaben trachtet. Denken Sie ferner daran: wenn wir nicht so unvorsichtig gewesen wären, ihn durch den Anblick dessen, was er so sehr schätzt, zu versuchen, so hätte er uns niemals solche Not gemacht.«

»Das ist wahr; gut denn, Malachi, es soll alles so geschehen, wie Ihr es vorgeschlagen.«

Das Gespräch war zu Ende. Alfred und alle, die im Besitze des Geheimnisses waren, ließen niemals die leiseste Andeutung davon fallen.

Der Winter verging ohne irgend welche Störung. Ehe der Schnee verschwand, war alles Korn zur Aussaat in Bereitschaft, die Bohlen waren geschnitten, und aller Weizen, der nicht als Korn gebraucht wurde, war gemahlen und in Mehltonnen untergebracht worden, um damit dem weiteren Verlangen vom Fort aus Genüge leisten zu können. So endigte der dritte Winter in Kanada. –

Man war im April; Malachi und John waren unter dem Beistand der Erdbeere einige Tage sehr beschäftigt gewesen, denn es war die Zeit, wo die Ahornbäume angezapft werden mußten, um aus dem Saft Ahornzucker zu bereiten. Mrs. Campbell hatte den Wunsch geäußert, auf diese Weise mit einem so viel gebrauchten Nahrungsmittel versehen zu werden, das sie sonst nur durch die nach Montreal gehenden Boote bekommen konnte. Am Abend, als Malachi und John wie gewöhnlich beschäftigt waren, aus dem Holz der Balsamfichte kleine Tröge zu schnitzen, deren sie schon eine große Anzahl verfertigt hatten, fragte Mrs. Campbell, wie der Zucker gewonnen würde.

»Sehr leicht, Madam, wir zapfen die Bäume an.«

»Ja, das sagtet Ihr schon; aber, wie macht Ihr das? Erklärt mir das ganze Verfahren.«

»Nun, Madam, wir wählen solche Ahornbäume aus, deren Stämme unten etwa einen Fuß breit sind, da diese am meisten Zucker enthalten. Dann bohren wir etwa zwei Fuß von der Erde entfernt ein Loch in den Stamm, und in das Loch setzen wir eine hohle Röhre gerade so, als wenn Sie einen Hahn in ein Faß setzen. Nun läuft der Saft in einen dieser Tröge, die wir ausgehöhlt haben.«

»Gut, und was tut Ihr dann?«

»Wir sammeln den Saft jeden Morgen, bis wir genug haben, um die kupfernen Kessel zu füllen, und dann kochen wir ihn ein.«

»Welche Kessel wollt Ihr denn dazu gebrauchen?«

»Es sind zwei große Kessel im Vorratshause, die noch nicht gebraucht sind und unserem Zweck sehr gut entsprechen. Wir werden sie in den Wald mitnehmen und den Saft hineingießen, den wir dann einkochen, sobald wir genug haben. Sie müssen an dem Tag, wo wir kochen, zu uns hinauskommen; wir können dann im Walde ein Fest veranstalten.«

»Von Herzen gern«, versetzte Mrs. Campbell. »Wieviel Flüssigkeit erhaltet Ihr von einem Baum?«

»Etwa zwei oder drei Gallonen«, erwiderte Malachi, »manchmal mehr, manchmal weniger. Nachdem wir die Bäume angezapft und unsere Röhren hineingesetzt haben, gibt es vierzehn Tage lang für uns nichts dabei zu tun. Die Erdbeere kann auf alles aufpassen und wird uns sagen, wenn es soweit ist.«

»Zapft Ihr die Bäume jedes Jahr an?«

»Ja, Madam, ein guter Baum kann fünfzehn bis zwanzig Jahre aushalten; endlich aber wird er doch dadurch vernichtet.«

»Das vermutete ich auch; denn Ihr nehmt den Bäumen doch zuviel Saft.«

»Gewiß, Madam, aber in unseren Wäldern ist kein Mangel an Zuckerahorn.«

»Ihr verspracht uns auch Honig, Malachi«, sagte Emma, »noch haben wir aber keinen gesehen. Könnt Ihr keinen bekommen?«

»Wir hatten letzten Herbst keine Zeit, Honig zu suchen, wollen aber sehen, was sich in diesem Herbst tun läßt. Wenn John und ich im Walde sind, werden wir höchstwahrscheinlich einen Honigbaum finden, ohne deshalb sehr weit zu gehen. Ich wollte mich ohnehin schon umsehen, auch wenn Sie nichts davon erwähnt hätten.«

»Ich weiß einen«, sagte Martin; »vor vierzehn Tagen zeichnete ich ihn mir; aber seitdem habe ich nicht wieder daran gedacht. Seit die Mühle in Betrieb ist, habe ich wenig Zeit für anderes gehabt. Die Sache ist eben, daß wir alle gerade jetzt sehr viel zu tun haben.«

»Das ist sehr wahr«, versetzte Henry lachend. »Ich wünschte, ich könnte erst das Ende meiner Arbeit in der Scheune absehen; ich zweifle, ob ich im nächsten Winter imstande sein werde, mit meiner Büchse auszugehen.«

»Nein, Sir, die Wälder müssen Sie mir und John überlassen«, versetzte Malachi. »Sie sollen an Wild nicht Mangel leiden. – Brauchen Sie den Schlitten morgen, Mr. Alfred?«

Malachi meinte einen kleinen Schlitten, den sie im Winter gemacht hatten, und der ihnen jetzt sehr nützlich war, indem sie darauf mit Hilfe eines Pferdes Gegenstände befördern konnten. Er wurde von Alfred dazu benutzt, das Mehl, sobald es in der Mühle gemahlen war, in Säcken nach dem Vorratshaus zu schaffen.

»Ich kann mich einen Tag ohne ihn behelfen. Wozu wollt Ihr ihn benutzen?«

»Um allen Honig nach Hause zu fahren«, sagte Emma lachend.

»Nein, Miß, um die Kessel in den Wald zu bringen«, versetzte Malachi, »damit sie für den Saft bereitstehen. Sobald wir die Bäume angezapft haben, wollen wir uns nach Honig umsehen.«

»Hast du deine Häute mit dem Boot nach Montreal geschickt?« fragte Mr. Campbell.

»Ja, Vater«, entgegnete Alfred. »Mr. Emmerson hat die Besorgung derselben übernommen und versprach, sie an den Agenten abzuliefern; aber wir haben in diesem Jahr nicht so viele, wie im vergangenen. John hat von uns allen das größte Paket.«

»Ja, er übertrifft mich in diesem Jahre«, sagte Malachi, »es gelingt ihm immer, den ersten Schuß zu bekommen. Ich wußte es wohl, daß ich aus dem Jungen einen Jäger machen würde. Er könnte jetzt schon allein auf die Jagd gehen und würde es ebensogut machen wie ich.«

Am nächsten Morgen ging Malachi in den Wald, nahm die Kessel und alle Tröge mit auf den Schlitten und war den Tag über damit beschäftigt, die Bäume anzubohren und die Röhren in die Löcher zu setzen. Die Erdbeere und John begleiteten ihn, und bei Sonnenuntergang war ihre Arbeit fertig.

Am anderen Tage gingen sie wieder hinaus; doch nahmen Malachi und John ihre Äxte mit, die letzterer schon recht gut zu handhaben verstand. Zuerst begaben sie sich zu dem Baum, den Martin entdeckt hatte; denn dieser hatte ihnen beschrieben, wo er zu finden sei. Sie hieben ihn nieder, machten aber keinen Versuch, den Honig zu nehmen, bis zum Abend, wo sie ein Feuer anzündeten und die Bienen dadurch vertrieben, daß sie Blätter in die Glut warfen, wodurch ein starker Rauch entstand. Dann öffneten sie den Baum und gewannen etwa zwei Eimer voll Honig, die sie gerade nach Hause brachten, als die übrige Familie im Begriff war, zu Bett zu gehen. Als sie am folgenden Morgen zu dem Honigbaum zurückkehrten, fanden sie einen Bären vor, der emsig an den Überresten der Honigscheiben leckte. Das Tier machte sich aber aus dem Staube, ehe sie zum Schuß kommen konnten.

Jeden Morgen sammelte die Erdbeere allen Saft, der aus den Bäumen geflossen war, und goß ihn in die Kessel, die Malachi so aufgestellt hatte, daß ein Feuer darunter angebracht werden konnte. Malachi und John setzten ihre Forschungen fort und fanden noch drei Bienenstöcke, die sie sich bezeichneten, um sie bis zur vorgerückten Jahreszeit, in der sie den Honig mit Muße nehmen konnten, stehenzulassen. Nach vierzehn Tagen war so viel Flüssigkeit beisammen, daß beide Kessel sowie verschiedene Eimer bis zum Rand gefüllt waren. Daher wurde jetzt das Feuer unter den Kesseln angefacht und Mrs. Campbell und den Mädchen gemeldet, daß sie am nächsten Tage in den Wald kommen müßten, um das Verfahren mitanzusehen; am Nachmittag sollte die Flüssigkeit in Kühlfässer kommen, wozu man einige der großen Waschzuber benutzen wollte, die zu diesem Zweck gereinigt worden waren. Da dieser Tag ein Fest im Walde sein sollte, so wurde kaltes Mittagessen in einen großen Korb gepackt und Henrys Obhut übergeben. Mr. Campbell schloß sich der Gesellschaft an, und alle brachen nach dem etwa zwei Meilen entfernten Platz auf. Bei ihrer Ankunft musterten sie die Bäume und die Tröge, in die der Saft zuerst lief, sowie den Kochapparat, in dem die Flüssigkeit jetzt auf dem Feuer siedete; auch richteten sie an Malachi allerhand Fragen, um nötigenfalls den Zucker selbst bereiten zu können. Hierauf wurde das erste Kühlfaß mit der kochenden Flüssigkeit gefüllt, damit sie sehen konnten, wie sich beim Erkalten derselben der Zucker kristallisiere. Dann setzten sie sich unter einen großen Baum und hielten ihr Mittagsmahl. Der Baum war etwas entfernt von den Kesseln, da auf dem offenen Platz, wo Malachi sie aufgestellt hatte, kein Schatten war; der Nachmittag verging allen sehr angenehm, indem die Familie Campbell Malachis und Martins Erzählungen von ihren Waldabenteuern lauschte. Während sie noch beim Mittagessen saßen, waren Nero und die anderen Hunde, die sie begleitet hatten, an eine etwa hundert Meter entfernte Stelle gelaufen, wo sie vor einem großen Loch emsig kratzten und bellten.

»Was wittern die Hunde?« fragte Alfred.

»Gerade das, was die Erdbeere sich wünscht und was ich für sie holen soll«, versetzte Malachi, »wir wollen es morgen ausgraben.«

»Was ist es denn, Erdbeere?« fragte Mary.

Die Erdbeere deutete auf ihre Mokassins und legte ihren Finger auf die Stachelschweinstacheln, mit denen sie verziert waren.

»Ich weiß den Namen nicht«, sagte sie leise.

»Ein Stachelschwein, meinst du«, erwiderte Mary. »Das Tier, von dem jene Stacheln kommen?«

»Ja«, antwortete die Erdbeere.

»Ist denn dort ein Stachelschwein?« fragte Mrs. Campbell.

»Ja, Madam, ganz sicher, die Hunde wissen das sehr wohl, sonst würden sie nicht solchen Lärm machen. Wenn Sie wollen, werde ich Schaufeln holen und es ausgraben.«

»Tut das bitte; ich möchte gern sehen, wie es gefangen wird«, sagte Emma; »das wird unser Abendvergnügen sein.«

Martin stand auf, um die Schaufeln zu holen. Während seiner Abwesenheit räumte man die Reste fort und packte die Geräte wieder in den Korb. Dann verfügten sie sich alle an die Stelle, wo die Hunde noch immer bellten und kratzten.

Es währte über eine Stunde, ehe sie das Stachelschwein ausgraben konnten, und als es endlich aus dem Loch herausfuhr, konnten sie sich des Lachens nicht erwehren über die Art, wie einige der Hunde von den Stacheln des Tieres, das kein anderes Verteidigungsmittel gebrauchte, getroffen wurden. Die Hunde liefen zurück, rieben sich mit der Pfote die Schnauze und gingen dann von neuem vor. Nero war jedoch so klug, es in anderer Weise anzugreifen; er versuchte es umzuwerfen, so daß er es an seinem Bauch packen konnte, und hätte es wohl auf diese Weise bald getötet, wenn Martin dem armen Tier nicht durch einen Hieb über die Nase ein schnelles Ende bereitet hätte. Hierauf stürzten die Hunde darauf zu, während es den Umstehenden Vergnügen machte, die besten Stacheln für die Erdbeere auszuwählen. Dann begaben sie sich zurück, um nach dem in den Kühlfässern gewonnenen Zucker zu sehen.

Als sie sich dem Platze näherten, rief Emma laut: »Da ist ein Bär beim Fasse, seht ihn nur!«

Malachi und John hatten ihre Büchsen in Bereitschaft, während Mrs. Campbell und Mary sehr erschrocken waren, da sich das Tier keine hundert Meter von ihnen entfernt befand.

»Fürchten Sie sich nicht, Madam«, sagte Malachi, »das Tier ist nur erpicht auf den Zucker, den es beinahe ebenso liebt wie den Honig.«

»Ich zweifle nicht, daß dies dieselbe Bestie ist, die Sie neulich bei den Honigscheiben sahen«, sagte Martin.

»Wir wollen hier stehenbleiben und ihn beobachten. Zwar können wir einige Pfund Zucker verlieren, aber ich vermute, es wird Sie zum Lachen bringen.«

»Ich finde wirklich nichts Lächerliches an einem so schrecklichen Vieh«, bemerkte Mrs. Campbell.

»Seien Sie ganz unbesorgt, Madam«, sagte Martin. »Malachi und John haben beide ihre Büchsen.«

»Nun denn, so will ich mich auf sie verlassen«, erwiderte Mrs. Campbell, »aber trotzdem würde ich lieber zu Hause sein. Was für ein großes Vieh das ist!«

»Ja, Madam, es ist ein sehr großes Tier, das ist gewiß; aber um diese Jahreszeit sind die Bären nicht sehr fett. Sehen Sie einmal, wie er an dem Saft riecht; jetzt fängt er an, mit der Zunge zu lecken. Er wird sich daran nicht genügen lassen, ich sagte Ihnen das schon.«

Die Augen der ganzen, teilweise sehr erschrockenen Gesellschaft hafteten an dem Bären, der an der Probe Gefallen zu finden schien und jetzt daran ging, sich reichlicher damit zu versehen.

Er setzte deshalb seine Tatzen in den Inhalt des Fasses, doch, obwohl sich die Oberfläche der Flüssigkeit abgekühlt hatte, war der innere Teil noch siedend heiß. Kaum hatte er daher seine Tatzen für einen Augenblick hineingesteckt, als er sie mit lautem Gebrüll wieder herauszog, sich auf die Hinterbeine setzte und die verbrannten Pfoten in die Luft hielt.

»Das sagte ich«, bemerkte Malachi aus vollem Halse lachend, »er hat es heißer gefunden, als er erwartete.«

John, Alfred und Martin brachen bei diesem Anblick ebenfalls in Lachen aus, und sogar Mrs. Campbell und die beiden Mädchen konnten nicht umhin, sich darüber zu belustigen.

»Er wird es noch einmal versuchen«, sagte Martin.

»Ja, das wird er«, versetzte Malachi. »John, halte deine Büchse bereit, denn das Vieh hat uns gesehen.«

»Was, er wird doch nicht hierherkommen?« fragte Mrs. Campbell.

»Ja, Madam, das wird er höchstwahrscheinlich tun, wenn er böse ist; aber Sie brauchen sich nicht zu fürchten.«

»Aber ich fürchte mich doch, Malachi«, sagte Mary.

»Dann sollten Sie lieber mit Mr. Campbell etwa fünfzig Meter zurückgehen, wo Sie alles ohne Gefahr mit ansehen können. Jetzt geht er wieder darauf zu, ich wußte es wohl.«

Martin, der, sobald sie den Bären entdeckt hatten, alle Hunde zusammengelockt und mit einem Lederstreifen festgebunden hatte, ging mit Mr. und Mrs. Campbell und den jungen Mädchen zurück.

»Sie brauchen sich nicht zu fürchten, Madam«, sagte Martin, »die Büchsen werden ihr Ziel nicht verfehlen, und sollte es sein, so können wir noch die Hunde auf ihn loslassen; Nero, denke ich, würde ihn mit Hilfe der anderen schon unterkriegen. Legt euch nieder, still! Nero, beiseite, Hunde, legt euch nieder! Sehen Sie nur die Erdbeere an, die fürchtet sich nicht, ihr Lachen klingt wie ein Silberglöckchen.«

In der Zwischenzeit hatte sich der Bär wieder mit dem Kühler befaßt und sich wie vorher verbrannt. Diesmal wurde er noch böser, er stieß ein neues Gebrüll aus, und als ob er glaube, daß ihm von der ihn beobachtenden Gesellschaft ein Streich gespielt worden sei, eilte er in schnellem Trabe geradeswegs auf sie zu.

»Jetzt, John«, sagte Malachi, »schicke ihm deine Kugel auf die rechte Stelle, gerade zwischen die Augen.«

John kniete vor Malachi nieder, der seine Büchse in Bereitschaft hatte. Zu Mrs. Campbells großem Schrecken ließ er den Bären bis auf zwanzig Schritt an sich herankommen; erst dann schoß er, und das Tier fiel ohne Kampf tot nieder.

»Ein guter Schuß und gut beigebracht«, sagte Malachi, auf den Bären zugehend. »Laßt die Hunde los, Martin, damit sie den Körper zerreißen können, das wird ihnen Spaß machen.«

Martin tat es, und die Hunde durften während einiger Minuten an dem toten Tiere reißen und zerren; dann wurden sie wieder zurückgerufen.

»Nun, Madam, ist John nicht ein kaltblütiger Schütze?« fragte Malachi. »Hätte der älteste Jäger es besser machen können?«

»Mein lieber John, du hast mich so in Angst versetzt«, sagte Mrs. Campbell. »Warum ließest du das Tier so nahe an dich herankommen?«

»Weil ich es totschießen und nicht nur verwunden wollte«, versetzte John.

»Sicherlich«, entgegnete Malachi, »es ist gefährlicher, wenn man einen Bären nur verwundet, als wenn man ihn unbehelligt läßt.«

»Nun, Malachi, Ihr habt wirklich aus John einen Jäger gemacht«, sagte Mr. Campbell. »Ich hätte so viel Mut und Geistesgegenwart bei einem so jungen Burschen nicht vermutet.«

John wurde von der ganzen Gesellschaft sehr gelobt; Malachi aber sagte:

»Die Haut gehört natürlich John.«

»Taugt das Fleisch um diese Zeit zum Essen?« fragte Mrs. Campbell.

»Nicht besonders, Madam«, versetzte Malachi, »denn der Bär hat den Winter über all sein Fett verloren; aber wir wollen die Beine zu Schinken abschneiden, und wenn sie mit dem anderen Fleisch zusammen gepökelt und geräuchert sind, werden Sie erkennen, daß Bärenschinken immerhin ein Gericht ist, von dem man sagen kann, daß es schmeckt. Komm, John, wo ist dein Messer? Martin, sei du uns zur Hand, indes Mr. Campbell und die Damen nach Hause gehen.« –

Es war in der ersten Woche des Juni, als Malachi eines Tages im Walde einen Indianer auf sich zukommen sah. Es war ein Jüngling von etwa zwanzig bis einundzwanzig Jahren, groß und schlank gewachsen; er trug einen Bogen, Pfeile und sein Tomahawk bei sich, hatte aber keine Büchse. Malachi saß gerade auf dem Stamm, eines gestürzten Baumes, etwa zwei Meilen vom Hause entfernt. Er war mit seiner Büchse ohne besondere Absicht ausgegangen; vielleicht, daß ihn der Wunsch leitete, den Indianern eine Gelegenheit zu bieten, mit ihm allein zu sprechen. Denn er erwartete, daß diese den Farmern in nächster Zeit eine Mitteilung zugehen lassen würden. Der Indianer kam zu Malachi heran und setzte sich neben ihn, ohne ein Wort zu sagen.

»Ist mein Sohn vom Westen her?« fragte Malachi nach kurzem Stillschweigen in indianischer Sprache.

»Die junge Otter ist vom Westen«, erwiderte der Indianer. »Die alten Leute haben ihm von dem grauen Dachs erzählt, der das Leben einer Schlange gelebt hat und schon mit den Vätern derer, die jetzt alt sind, auf der Jagd war. Wohnt mein Vater bei dem weißen Manne?«

»Er wohnt bei dem weißen Mann«, versetzte Malachi; »er hat kein Indianerblut in seinen Adern.«

»Hat der weiße Mann viele Leute in seiner Wohnung?« fragte der Indianer.

»Ja, viele junge Leute und viele Büchsen«, versetzte Malachi.

Der Indianer setzte das Gespräch nicht fort, und einige Minuten herrschte Stillschweigen. Malachi war überzeugt, daß der junge Indianer ausgeschickt war, um ihn anzudeuten, daß Percival am Leben und in Gefangenschaft sei; er entschloß sich daher, geduldig zu warten, bis jener den Gegenstand berührte.

»Tötet die Kälte den weißen Mann nicht?« fragte der Indianer endlich.

»Nein, der weiße Mann kann das Eis im Winter ebenso gut vertragen wie ein Indianer. Er jagt auch ebenso gut und bringt viel Wild nach Hause.«

»Sind alle, die mit ihm hergekommen sind, jetzt in der Wohnung des weißen Mannes?«

»Nein, nicht alle; ein weißes Kind schlief im Schnee ein und ist jetzt im Geisterreiche«, erwiderte Malachi.

Von neuem trat in der Unterhaltung eine Pause von mehreren Minuten ein. Endlich sagte der Indianer:

»Ein kleiner Vogel sang mir etwas ins Ohr, das lautete: Des weißen Mannes Kind ist nicht tot, es wanderte im Walde herum und verirrte sich, und der Indianer fand es und nahm es mit zu seinem Wigwam im fernen Westen.«

»Hat der kleine Vogel der jungen Otter nicht etwas vorgelogen?« versetzte Malachi.

»Nein, der kleine Vogel sang, was wahr ist«, erwiderte der Indianer. »Der Knabe ist am Leben und in der Wohnung des Indianers.«

»Es gibt viele weiße Männer in der Gegend, die Kinder haben«, versetzte Malachi, »und Kinder verirren sich oft. Der kleine Vogel kann von dem Kinde eines anderen weißen Mannes gesungen haben.«

»Der weiße Knabe hatte eine Büchse in der Hand und Schneeschuhe an den Füßen.«

»Das haben alle, die im Winter auf die Jagd gehen«, antwortete Malachi.

»Aber der weiße Knabe wurde in der Nähe der Wohnung des weißen Mannes gefunden.«

»Warum wurde der Knabe dann dem weißen Manne nicht von den Indianern, die ihn auffanden, zurückgebracht?«

»Sie gingen zu ihren Wigwams und konnten nicht seitwärts abbiegen; außerdem fürchteten sie sich, nach Sonnenuntergang der Wohnung des weißen Mannes nahe zu kommen. Wie mein Vater sagt, hat er ja viele junge Leute und viele Büchsen.«

»Aber der weiße Mann erhebt seine Büchse nicht gegen den Indianer, gleichviel ob er bei Tage oder bei Nacht kommt«, versetzte Malachi. »Nachts tötet er nur den Wolf, der auf Raub schleicht, wenn er in die Nähe seiner Wohnung kommt.«

Der Indianer hielt wieder inne und schwieg. Er erfuhr durch Malachis Worte, daß die Wolfshaut entdeckt worden war, mit der jener Indianer sich verhüllt hatte, der zu den Palisaden kroch und von John angeschossen wurde. Malachi nahm nach einer Weile die Unterhaltung wieder auf.

»Gehört die junge Otter zu einem Stamm in der Nähe?«

»Die Wohnungen unseres Stammes liegen von hier zwölf Tagereisen nach Westen zu«, versetzte der Indianer.

»Ist der Häuptling der Bande der jungen Otter ein großer Krieger?«

»Das ist er«, versetzte der Indianer.

»Ja«, versetzte Malachi, »die böse Schlange ist ein großer Krieger. Schickt er mir die junge Otter, mir zu erzählen, daß der weiße Knabe am Leben sei und sich in seinem Wigwam befinde?«

Der Indianer schwieg wieder. Er bemerkte, daß Malachi wußte, von wem und weshalb er kam. Endlich sagte er:

»Es ist viele Monate her, seit die böse Schlange den weißen Knaben zu sich genommen und ihn mit Wildbret ernährt hat. Viele Monate ist er auf die Jagd gegangen, um ihm Mahlzeiten zu verschaffen, und der weiße Knabe liebt die böse Schlange wie einen Vater, und die böse Schlange liebt den Knaben wie einen Sohn. Er will ihn an Kindes Statt annehmen, und der weiße Knabe wird der Häuptling des Stammes werden. Er wird den weißen Mann vergessen und eine Rothaut wie der Indianer werden.«

»Der Knabe ist von dem weißen Manne schon vergessen, der ihn schon lange zu den Toten zählte«, versetzte Malachi.

»Der weiße Mann hat kein Gedächtnis«, erwiderte der Indianer, »wenn er seinen Sohn vergißt, aber das ist nicht wahr. Er würde dem viele Geschenke geben, der ihm den Knaben zurückbrächte.«

»Und was für Geschenke könnte er bieten?« entgegnete Malachi. »Der weiße Mann ist arm und jagt im Walde, wie es der Indianer tut. Was hätte der weiße Mann zu geben, wonach es den Indianer gelüsten könnte? Er hat keinen Branntwein.«

»Der weiße Mann hat Pulver und Blei und Büchsen«, versetzte der Indianer, »mehr als er gebrauchen kann, in seinem Vorratshause eingeschlossen.«

»Und wird die böse Schlange den weißen Knaben zurückbringen, wenn ihm der weiße Mann Pulver, Blei und Büchsen gibt?« fragte Malachi.

»Er wird die weite Reise machen und den Knaben mitbringen«, erwiderte der Indianer, »zuvor aber laßt den weißen Mann sagen, was für Geschenke er geben will.«

»Es soll mit ihm gesprochen werden, und seine Antwort wird hergebracht werden, aber die junge Otter darf nicht nach der Wohnung des weißen Mannes kommen. Eine Rothaut ist vor den Büchsen der jungen Männer nicht sicher. Wenn der Mond voll ist, werde ich die junge Otter nach Sonnenuntergang auf der östlichen Seite der langen Prärie treffen. Ist's so gut?«

»Gut«, wiederholte der Indianer, der nun aufstand, sich umwandte und in den Wald zurückkehrte.

Als Malachi nach Hause kam, benutzte er die erste Gelegenheit, um Alfred mitzuteilen, was geschehen war. Nach kurzem Gespräch kamen sie darin überein, Hauptmann Sinclair, der an diesem Morgen von der Festung gekommen war, zum Vertrauten in dieser Angelegenheit zu machen und mit ihm zu überlegen, welche Schritte man tun mußte. Hauptmann Sinclair war im höchsten Grade überrascht und zugleich erfreut, als er hörte, daß Percival noch am Leben sei, und ging mit innigem Anteil auf den Gegenstand ein.

»Die große Frage ist die, ob es nicht besser wäre, die Bedingungen dieses Schurken zu erfüllen«, bemerkte Hauptmann Sinclair. »Was sind einige Pfund Pulver oder eine Büchse im Vergleich zu der Glückseligkeit, die durch Percivals Rückkehr seinen Eltern bereitet würde, die ihn so lange für tot beweint haben?«

»Es ist nicht das«, entgegnete Malachi. »Ich weiß wohl, daß Mr. Campbell sein ganzes Vorratszimmer hergeben würde, um den Knaben wiederzuerhalten, aber wir haben zu überlegen, welche Folgen dies nach sich ziehen könnte. So viel steht fest, daß die böse Schlange mit einem unbedeutenden Geschenk nicht zufrieden ist; sie wird viele Büchsen verlangen, vielleicht mehr, als wir auf der Farm besitzen, und Pulver und Kugeln im gleichen Verhältnis. Denn dieser Indianer ist mit vielen Weißen in Berührung gekommen, besonders, als die Franzosen hier waren, und er weiß, wie gering wir diese Dinge schätzen und wie sehr wir unsere Kinder lieben. Aber, Sir, in erster Linie steht, daß Sie ihn und seine Gefährten mit Waffen versehen, die sie zu irgendeiner Zeit gegen uns gebrauchen und dadurch furchtbar für uns werden können, und in zweiter Linie ermutigen Sie sie, einen neuen Versuch zu machen, um ähnliche Geschenke zu erlangen, denn er wird nach dieser Richtung nicht faul sein. Bedenken Sie, Sir, daß wir aller Wahrscheinlichkeit nach einen von seiner Bande getötet haben, als derselbe in der Wolfshaut erschien und um das Haus herumschlich. Das wird man bei ihnen nie vergessen, sondern es vielmehr rächen, sobald es geschehen kann. Geben wir ihm nun Waffen und Munition, Sir, so legen wir die Werkzeuge zur Rache in seine Hände, und es sollte mich nicht wundern, wenn wir eines Tages von ihm und seiner Bande angegriffen und vielleicht mit Hilfe dieser Büchsen, die Sie ihm geben wollen, überwältigt würden.«

»Es liegt viel Wahrheit und gesunde Vernunft in dem, was Ihr sagt, Malachi – wirklich, ich meine, es gibt beinahe den Ausschlag über diesen Punkt. Wir dürfen nicht in seine Bedingungen willigen. Was aber können wir tun, um den Knaben wiederzuerhalten?«

»Das ist die Frage, die mich in Verlegenheit setzt«, entgegnete Alfred, »denn ich pflichte Malachi völlig bei, daß wir Waffen und Munition nicht geben dürfen, und zweifle, ob er etwas anderes annehmen würde.«

»Nein, Sir, das tut er nicht, verlassen Sie sich darauf«, erwiderte Malachi. »Ich denke, es gibt nur einen Weg, der uns Erfolg verspricht.«

»Welchen Plan habt Ihr denn, Malachi?«

»Die böse Schlange mit ihrer Bande umlauerte uns, und, wären wir nicht zu stark gewesen, so hätten sie uns angegriffen und alle ermordet, das ist klar. Da sie dies nicht zu tun wagten, raubte der Häuptling Percival und hält ihn fest, um ihn nur zu dem von ihm bestimmten Preise zurückzugeben. Nun, Sir, ist die junge Otter bei mir gewesen und versprach wiederzukommen. Wir haben uns dem Indianer gegenüber nicht zu sicherem Geleite verpflichtet und müssen ihm daher, wenn er wiederkehrt, einen Hinterhalt legen und ihn gefangennehmen. Dazu, Sir, brauchen wir aber den Beistand des Obersten, denn er muß auf dem Fort festgehalten werden, da wir ihn auf der Farm nicht gut unterbringen können. Erstens wäre es dann unmöglich, das Geheimnis vor Mr. und Mrs. Campbell zu bewahren, und zweitens müßten wir dann jede Nacht auf einen Angriff zu seiner Befreiung gefaßt sein. Weiß der Oberst aber den ganzen Sachverhalt und willigt er ein, uns beizustehen, so könnten wir den Indianerburschen einfangen und so lange als Geisel für Master Percival festhalten, bis wir mit der bösen Schlange ein Übereinkommen getroffen haben.«

»Euer Plan gefällt mir sehr gut, Malachi«, versetzte Hauptmann Sinclair. »Wenn Sie, Alfred, mir beistimmen, so will ich den Oberst, sowie ich heute abend zurückkehre, mit allem bekanntmachen und hören, ob er einwilligt, daß wir einen derartigen Schritt tun. Wann trefft Ihr den Indianer, Malachi?«

»In drei Tagen, das ist am Sonnabend. Es wird Vollmond sein, und ich treffe ihn des Abends am Ende der Prärie, die der Festung zunächst liegt, so daß es keine Schwierigkeit haben wird, unser Vorhaben auszuführen, ohne daß Mr. und Mrs. Campbell das geringste davon merken.«

»Ich denke, wir können nichts Besseres tun, als was Ihr vorschlagt«, sagte Alfred.

»Sei es denn so«, sagte Hauptmann Sinclair. »Ich werde morgen wieder hier sein; nein, nicht morgen, sondern übermorgen, das wird besser sein. Dann bringe ich Euch die Antwort des Obersten und treffe die nötigen Vorkehrungen.«

»Das ist alles gut, Sir«, versetzte Malachi, »und nun ist die Hauptsache die, daß wir unser Geheimnis bewahren; darum, Hauptmann Sinclair, sollten Sie lieber zu den jungen Damen zurückkehren, denn Miß Mary muß denken, daß es nur etwas von großer Wichtigkeit sein kann, was Sie so lange von ihr fernhält.«

Malachi lächelte, als er mit diesem Hinweis schloß.

»Ihr habt schon recht mit Eurer Bemerkung, Malachi«, sagte Alfred lachend. »Kommen Sie, Sinclair.«

Hauptmann Sinclair schied am Abend und ging zum Fort zurück. Er kam zur festgesetzten Zeit wieder und teilte ihnen mit, daß der Oberst ihren Plan, den jungen Indianer als Geisel festzuhalten, völlig billige und ihn in der Festung bewahren wolle, sobald er ihm gebracht würde.

»Nun, brauchen wir sonst noch Beistand aus der Festung? Um einen Indianerburschen gefangenzunehmen, doch sicherlich nicht; wenigstens sagte ich dies dem Obersten«, fuhr Hauptmann Sinclair fort.

»Nein, Sir, wir brauchen keine Hilfe, wie Sie sagen. Ich stehe ihm allein schon meinen Mann, wenn nichts weiter verlangt würde; aber nicht Kraft allein ist erforderlich. Er ist so klein und geschmeidig wie ein Aal und ebenso schwer festzuhalten, dessen bin ich sicher. Wenn wir unsere Büchsen gebrauchen wollten, würde es keine Schwierigkeit machen, aber ihn so festzuhalten, könnte einem oder zweien von uns Mühe kosten, und windet er sich einmal los, so wird er für jeden von uns zu flink sein.«

»Gut also, Malachi, wie sollen wir denn verfahren?«

»Nun, Sir, ich muß mit ihm zusammentreffen, und Sie, Mr. Alfred und Martin, verbergen sich in einiger Entfernung und schleichen sich allmählich in unsere Nähe. Martin soll seine Lederriemen bereit halten, und wenn Sie über ihn herfallen, so muß er ihn sogleich binden. Martin ist an die Indianer gewöhnt und versteht mit ihnen umzugehen.«

»Gut, wenn Ihr denkt, daß wir drei nicht mit ihm fertig werden, so kann Martin mit dabei sein.«

»Es ist nicht der Kräfte halber, Sir«, versetzte Malachi, »aber er schlüpft uns durch die Finger, wenn er nicht in einer halben Minute gebunden wird. Jetzt wollen wir gleich einmal dorthin gehen, wo ich ihn treffen will, und den Platz in Augenschein nehmen; dann werde ich Ihnen zeigen, wo Sie stehen müssen; denn morgen darf man uns in der Richtung zusammen nicht sehen. Er könnte da herumlungern und Verdacht schöpfen.«

Sie gingen nun an das Ende der dem Fort zunächst gelegenen Wiese, die etwa eine Meile vom Hause entfernt war. Als Malachi seinen Standort gewählt und den beiden jungen Männern die Stelle bezeichnet hatte, wo sie sich verbergen sollten, kehrten sie zum Hause zurück, nachdem Alfred noch verabredet hatte, wann und wo Martin und er Hauptmann Sinclair treffen wollten. Der nächste Tag verging, und als die Sonne hinter dem See verschwand, begab sich Malachi an das Ende der Prärie. Er war noch keine zehn Minuten dort, als der junge Indianer vor ihm stand. Er war, wie damals, mit seinem Tomahawk, Bogen und Pfeil bewaffnet, Malachi aber war absichtlich ohne Büchse erschienen.

Sobald Malachi den Indianer bemerkte, setzte er sich nieder, wie es gewöhnlich Sitte ist bei denen, die ein Gespräch führen wollen; die junge Otter folgte seinem Beispiel.

»Hat mein Vater mit dem weißen Mann gesprochen?« fragte der Indianer nach kurzem Schweigen.

»Der weiße Mann grämt sich um den Verlust seines Knaben, und seine Squaw weint«, entgegnete Malachi. »Die böse Schlange soll den Knaben nach der Wohnung des weißen Mannes bringen und sie wird Geschenke erhalten.«

»Wird der weiße Mann freigebig sein?« fuhr der Indianer fort.

»Er hat Pulver und Blei, Büchsen und Tabak. Werden solche Geschenke der bösen Schlange gefallen?«

»Die böse Schlange hatte einen Traum«, versetzte der Indianer, »und erzählte mir den Traum. Sie träumte, daß der weiße Knabe in die Arme seiner Mutter gelegt wurde, die vor Freude weinte, und der weiße Mann seine Vorräte auftat und der bösen Schlange zehn Büchsen und zwei Fässer mit Pulver und soviel Blei gab, wie vier Männer nur fortschleppen könnten.«

»Das war ein guter Traum«, erwiderte Malachi, »und er wird wahr werden, wenn der weiße Knabe in die Arme seiner Mutter zurückkehrt.«

»Die böse Schlange hatte noch einen Traum. Sie träumte, daß der weiße Mann sein Kind bekam und die böse Schlange aus der Tür seiner Wohnung stieß.«

»Das war schlecht«, versetzte Malachi. »Sieh mich an, mein Sohn, sag' mal, hast du je gehört, daß der graue Dachs eine Lüge sprach?« und Malachi erfaßte, indem er sprach, den Arm des Indianers.

Dies war das verabredete Zeichen zwischen Malachi und den Versteckten, die jetzt vordrangen und den Indianer ergriffen.

Die junge Otter sprang empor, und trotz aller Anstrengungen, sie zu halten, wäre sie sicherlich entwischt, denn sie hatte ihren Tomahawk gezogen und war im Begriff, ihn um ihren Kopf zu schwingen, hätte Martin nicht schon einen der Hirschriemen um ihre Füße gelegt, wodurch sie wieder zu Boden gerissen wurde. Nun fesselten sie ihr die Arme auf dem Rücken mit einem zweiten Riemen, während ein dritter um ihre Knöchel geschlungen und Alfred in die Hand gegeben wurde.

»Ihr hattet recht, Malachi«, sagte Hauptmann Sinclair, »es bleibt mir nur noch unklar, wie es dem Burschen gelang, sich unseren Armen zu entwinden. Aber sicherlich wäre er auf und davon gewesen und hätte uns zuvor wahrscheinlich noch die Schädel gespalten.«

»Ich kenne die Natur der Indianer, Sir«, erwiderte Malachi; »sie sind nie sicher, selbst wenn sie gebunden sind, sobald die Fesseln ihnen nicht bis auf die Knochen einschneiden. Aber jetzt haben Sie ihn fest genug, Sir, und je eher Sie zur Festung kommen, desto besser. Haben Sie Ihre Büchsen im Gebüsch?«

»Ja«, entgegnete Martin, »Ihr findet sie hinter der großen Eiche.«

»Ich werde sie holen, obwohl ich nicht gerade glaube, daß wir einen Befreiungsversuch zu befürchten haben.«

»Wir brauchen ihn nicht weit zu führen«, sagte Hauptmann Sinclair, »denn da Ihr und Alfred nicht so lange fortbleiben dürft, um Fragen herbeizuführen, habe ich eine Anzahl Soldaten nebst einem Korporal etwa eine halbe Meile von hier im Gebüsch verborgen. Aber, Malachi, es wäre wohl gut, den Indianer wissen zu lassen, daß wir ihn nur als Geisel festhalten und ihn ausliefern werden, sobald der Knabe zurückgeschickt wird.«

Malachi redete den Indianer in seiner Sprache an und sagte ihm, was Hauptmann Sinclair wünschte.

»Sagt ihm, daß mehrere Indianerinnen sich in der Nähe der Festung aufhalten, die jede Botschaft übernehmen, die er der bösen Schlange schicken will.«

Die junge Otter gab keine Antwort auf alles, was Malachi ihr sagte, sondern blickte höchst ungeduldig um sich.

»Machen Sie sich fort, so schnell Sie können«, sagte Malachi, »denn, verlassen Sie sich darauf, die böse Schlange wollte nach meinem Gespräch mit dem Indianerburschen mit ihm zusammentreffen. Ich sehe das an seinem forschenden Auge; er scheint sich nach Hilfe umzuschauen. Ich werde mit Ihnen gehen, um mit Alfred und Martin zurückzukehren, denn ich habe keine Büchse.«

»Ihr könnt die meinige nehmen, Malachi, sobald wir die Soldaten erreichen.«

Dies geschah nach wenigen Minuten. Hauptmann Sinclair übernahm dann den Indianer und brach mit seiner Mannschaft nach der Festung auf. Malachi, Alfred und Martin kehrten nach dem Hause zurück, und ehe sie die Prärie betraten, entdeckte Martin die hohe Gestalt eines Indianers, der in geringer Entfernung im Schatten der Bäume stand.

»Ja, ich war davon überzeugt«, sagte Malachi. »Es war gut, daß ich nicht ohne Sie zurückging. Es ist nur zu wahr: ein Mann ohne Büchse ist in den Wäldern kein Mann.«

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