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Die Ansiedler in Kanada

Frederick Marryat: Die Ansiedler in Kanada - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleDie Ansiedler in Kanada
publisherA. H. Payne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel

»Wie heiter und prächtig jetzt alles aussieht«, bemerkte Emma eines Morgens zu Mary, wenige Tage nach der Hochzeitsfeier. »Man kann sich kaum vorstellen, daß diese Landschaft in einigen Monaten nichts ist als eine traurige, weiße Schnee- und Eiswüste, in der unser Ohr keine anderen Töne vernimmt, als das Heulen des Sturmes und der Wölfe.«

»Zwei sehr angenehme Beigaben«, erwiderte Mary, »aber was du da aussprichst, ging auch mir in demselben Augenblick durch den Sinn.«

Das Bild war wirklich heiter und belebt. Auf der Prärie diesseits des Flusses wogte das hohe Gras, vom frischen Sommerwind bewegt, während jenseits Kühe, Pferde und Schafe ringsumher auf der Weide grasten. Der See im Hintergrund lag still und unbewegt; die Vögel sangen und zwitscherten fröhlich im Walde; in der Nähe des Hauses tummelten sich auf dem lichtgrünen Rasen die auf verschiedene Weise beschäftigten, weißgekleideten Soldaten; gelbe Kornähren schwankten zwischen den dunklen Baumstümpfen des gelichteten Waldes, und kerzengerade stieg aus dem Schornstein des Wohnhauses eine Rauchsäule zum Himmel auf. Das Grunzen der Schweine, das Gackern der Hühner und das gelegentliche Blöken der Kälber, von dem Brüllen der Rinder beantwortet, verlieh dem Bild Leben und Bewegung. In geringer Entfernung vom Ufer schwamm das Fischerboot auf dem ruhigen Gewässer, denn John und Malachi waren beim Fischfang. Die Hunde lagen alle neben den Palisaden, mit Ausnahme Neros, der wie gewöhnlich seine jungen Herrinnen begleitete. Unter dem Schatten eines großen Baumes, in der Nähe des Hauses, saßen Mrs. Campbell und Percival, erstere mit Lesen beschäftigt, während letzterer seine Aufgaben beendigte.

»Dies Bild gleicht jetzt wenig einer Wildnis, nicht wahr, Mary?«

»Nein, liebe Schwester. Es ist sehr verschieden von dem, was wir bei unserer Ankunft sahen; dennoch wünschte ich, wir hätten Nachbarn.«

»Ich auch; irgendeine Gesellschaft ist besser als gar keine.«

»Darin stimme ich dir zwar nicht bei, indessen meine ich, wir würden selbst ungebildete Leute gern um uns haben, wenn sie nur rechtschaffen wären.«

»Das wollte ich eigentlich sagen, Mary; doch laß uns hineingehen und das neue Stück für die Gitarre üben, das uns Henry aus Montreal mitgebracht hat, denn wir versprachen es ihm. Aber da kommt Alfred, um sein Faulenzertum bei uns zu verbringen.«

»Faulenzertum, Emma, das meinst du doch gewiß nicht. Er ist selten unbeschäftigt.«

»Manche Leute sind mit Nichtstun sehr beschäftigt.«

»Ja, und manche Leute sagen, was sie selbst nicht glauben. Höre, Alfred, Emma nennt dich soeben einen faulen Menschen.«

»Das zu werden, ist jedenfalls wenig Aussicht vorhanden«, versetzte Alfred, indem er seinen Hut abnahm und sich damit Kühlung zufächelte. »Vater verspricht mir genug zu tun zu geben. Was denkt ihr wohl, was er heute morgen vor dem Frühstück zu mir sagte?«

»Ich vermute, er sagte dir, du könntest ebensogut wieder zur See gehen wie hierbleiben«, versetzte Emma lachend.

»Nein, gewiß nicht; ich wünschte, es wäre so! Vielmehr hat er mir etwas angeboten, wodurch deine Prophezeiung sich erfüllen würde, meine boshafte Base. Er hat mir vorgeschlagen, Müller zu werden.«

Emma klatschte in die Hände und lachte.

»Wie meinst du das?« fragte Mary.

»Nun, er setzte mir auseinander, daß die Mühle etwa zweihundertundfünfzig Pfund kosten würde und er gedacht habe, es würde ratsam sein, wenn ich meinen Halbsold, den ich sonst nicht gebrauchte, zur Erbauung der Mühle anwendete. Zugleich erbot er sich, mir die für diesen Zweck erforderliche Summe vorzustrecken, die ich ihm, sobald ich mein Gehalt erhielte, zurückzahlen könne. Er meinte, ich hätte auf diese Weise eine Versorgung, die am Ende zur Unabhängigkeit führen möchte.«

»Sagte ich dir nicht, daß du ein Müller werden würdest«, entgegnete Emma lachend. »Armer Alfred!«

»Aber, was erwidertest du, Alfred?« fragte Mary.

»Ich sagte ja, vermutlich deshalb, weil ich nicht gern nein sagen wollte.«

»Du tatest vollkommen recht, Alfred«, entgegnete Mary. »Es kann dir ja nicht zum Schaden gereichen, wenn du ein Eigentum besitzt, und hättest du dich geweigert, so wäre dein Vater dadurch verletzt worden. Wenn dein Geld auf die Mühle angelegt ist, kann Onkel mehr für die Farm verwenden, und im übrigen ist doch noch nicht zu folgern, daß du für zeitlebens Müller bleiben sollst.«

»Das möchte ich auch nicht hoffen«, versetzte Alfred. »Sobald Emma dem langen schwarzen Herrn begegnet, von dem wir neulich sprachen, werde ich ihr die Mühle als Heiratsgut einhändigen.«

»Besten Dank, Vetter«, erwiderte Emma. »Ich werde dich an dein Versprechen erinnern. Jetzt aber müssen Mary und ich hineingehen, um die Soldaten durch unsere Musik in Erstaunen zu setzen; darum auf Wiedersehen, Müller Campbell.«

Die Soldaten waren nun über drei Monate bei der Arbeit, und ein großer Teil des Waldes war abgeholzt und gelichtet worden. Mit dem, was Alfred, Henry und Martin schon im vorigen Jahr urbar gemacht hatten, besaß Mr. Campbell jetzt über vierzig Acres Ackerland. Auch die Latten zu dem Schlangenzaune waren geschnitten, und letzterer umgab bereits nahezu das ganze Prärie- und Getreidefeld, als die Zeit kam, wo das Gras geschnitten und das Heu eingeerntet werden mußte. Kaum war dies beendet, als auch das Korn für die Sense reif war und in einer Scheune untergebracht wurde, die man in der Nähe der Schafhürde sowie der von Malachi, Martin und seiner Frau bewohnten Hütte errichtet hatte. Sechs Wochen hindurch gab es viele Unruhe und schwere Arbeit, aber das Wetter war schön, und alles wurde trocken hereingebracht. Nun waren die Dienste der Soldaten nicht länger erforderlich, und nachdem Mr. Campbell seine Abrechnung mit ihnen gehalten hatte, kehrten sie zum Fort zurück.

»Wer sollte meinen«, sagte Henry zu Alfred, während er sein Auge über die Gebäude, die Getreide- und Heuhaufen und die mit Vieh besetzte Prärie schweifen ließ, »wer sollte meinen, daß wir erst seit so kurzer Zeit hier sind?«

»Viele Hände machen die Arbeit leicht«, erwiderte Alfred, »mittels der Hilfe aus der Festung haben wir geschafft, was uns sechs Jahre gekostet hätte, wären wir nur auf unsere eigenen Kräfte angewiesen gewesen. Vaters Geld ist gut angelegt worden und wird reichen Gewinn bringen. Hast du Oberst Forsters Vorschlag in bezug auf den Viehstand der Festung gehört?«

»Nein, worin besteht der?«

»Der Oberst schrieb gestern an Vater und teilte ihm mit, daß er alle jetzt im Fort befindlichen Ochsen zu sehr mäßigen Preisen verkaufen wolle, da er nur die für den Unterhalt der Offiziere der Garnison erforderlichen Kühe füttern könne.«

»Was sollen wir denn aber mit den Ochsen beginnen, selbst, wenn wir den Winter über genug Futter für sie hätten?«

»Sie wieder an die Festung verkaufen für den Bedarf der Truppen«, erwiderte Henry, »und dabei guten Nutzen haben. Der Kommandant sagt, daß dies für die Regierung schließlich billiger käme, als wenn sie genötigt wäre, die Tiere zu füttern.«

»Das ist es, daran zweifle ich nicht, jetzt, wo sie nichts für sie zum Füttern haben; sie verließen sich früher hauptsächlich auf das Heu unserer Prärie, und hätten sie nicht eine solche Menge im Vorrat gehabt, so würden sie das Vieh schon im vorigen Winter nicht haben füttern können. Vater wird darauf eingehen, das weiß ich; es wäre ja auch töricht, wenn er es nicht täte, denn die meisten Ochsen müssen bei Anbruch des Winters getötet werden und kosten also nur unnützes Futter.«

»Wir sind sehr glücklich daran, daß wir solche Freunde gefunden haben«, entgegnete Alfred. »Alle diese Hilfe hätte man anderen Ansiedlern wahrscheinlich nicht angedeihen lassen.«

»Ganz sicher nicht; aber siehst du, Alfred, deiner Verbindung mit Kapitän Lumley verdanken wir zumeist diese Vorteile, wenigstens sagen die Eltern dies, und ich bin darin ganz ihrer Meinung. Kapitän Lumleys Einfluß auf den Gouverneur hat überall das Interesse für uns geweckt.«

»Ich meine, wir müssen auch zugeben, daß die eigentümliche Lage unserer Familie viel dazu beigetragen hat. Es ist nicht häufig, daß man hier Ansiedlern von höherer Bildung begegnet, natürlich muß eine derartige Familie bei allen edeldenkenden Gemütern Teilnahme finden.«

»Sehr richtig, Alfred«, versetzte Henry, »doch sieh, da steht die Mutter und wartet auf uns, damit wir mit ihr zum Essen hineingehen.«

»Ja, und die Erdbeere ist bei ihr. Was für ein hübsches kleines Geschöpf sie doch ist.«

»Ja, und wie schnell sie vertraut geworden ist. Sie hat ihre indianischen Gewohnheiten beinahe aufgegeben und nimmt allmählich die englischen Sitten an. Martin scheint sie sehr zu lieben.«

»Er hat auch alle Ursache dazu. Eine Frau, die immer ein freundliches Lächeln zeigt, ist ein Schatz. Komm, laß uns hineingehen.«

Wieder waren vierzehn Tage vergangen, als sich ein Vorfall zutrug, der einiges Unbehagen hervorrief. Mr. Campbell war mit Martin und Alfred beschäftigt, das Vorratszimmer aufzuräumen und die Waren zu ordnen. Sie hatten viele Kisten und Pakete aufgemacht, um den Inhalt zu mustern und zu lüften. Sie waren sehr eifrig bei ihrer Arbeit, als Mr. Campbell zu seiner großen Überraschung einen Indianer neben sich stehen sah, der aufmerksam die verschiedenen Stöße Decken, sowie die Behältnisse mit Pulver, Kugeln und anderen Dingen betrachtete, die ringsumher geöffnet waren.

»Ah, wer ist das?« fragte Mr. Campbell, bestürzt zurückfahrend. Bei diesem Ausruf Mr. Campbells drehten sich Martin und Alfred, die mit dem Rücken gegen den Indianer gestanden hatten, um und erblickten ihn nun ebenfalls. Es war ein ältlicher Mann, von hoher, kräftiger Gestalt, mit langen Gamaschen und einem Tierfellrock bekleidet. Auf dem Kopf trug er eine kriegerische Adlerfeder, die mit einem Stirnband befestigt war, um den Hals hatte er eine Anzahl kupferner und messingener Münzen und anderen Tand. Sein Gesicht war nicht bemalt, nur um die Augen waren zwei schwarze Kreise gezogen. An seinem kahlgeschorenen Kopf hing hinten eine lange Skalplocke herab. In seinem Gürtel steckte ein Tomahawk und ein Messer, während er eine Büchse im Arm trug. Martin näherte sich dem Indianer und betrachtete ihn aufmerksam.

»Ich kenne seinen Stamm«, sagte er, »aber nicht seinen Namen; er ist jedoch ein Häuptling und ein Krieger.«

Darauf redete Martin den Indianer in seiner Sprache an, worauf dieser nur mit einem »Uff« antwortete.

»Er will seinen Namen nicht nennen«, bemerkte Martin, »und führt daher nichts Gutes im Schilde. Mr. Alfred, holt doch gleich Malachi her, der wird ihn sicherlich kennen.«

Alfred ging ins Haus, um Malachi zu rufen. Inzwischen blieb der Indianer regungslos stehen und heftete seine Augen unverwandt auf die verschiedenen Gegenstände, die seinen Blicken ausgesetzt waren.

»Es ist mir unklar«, bemerkte Martin, »wie er hereingekommen sein mag; aber freilich sind weder Malachi noch ich in letzter Zeit hinausgekommen.«

Gerade hatte er diese Bemerkung gemacht, als Alfred mit Malachi zurückkehrte. Letzterer betrachtete den Indianer und sprach mit ihm.

Jetzt antwortete der Indianer in seinem Dialekt.

»Ich kannte ihn, Sir«, sagte Malachi, »schon in dem Augenblick, wo ich seinen Rücken sah. Er hat keine guten Absichten, und es ist schade, daß er gerade jetzt gekommen ist und dies alles gesehen hat. Das ist eine starke Versuchung für ihn.«

»Nun, wer ist es denn?« fragte Mr. Campbell.

»Die böse Schlange«, erwiderte Malachi. »Ich hatte keine Ahnung, daß er sich in dieser Gegend noch vor der Indianerversammlung, die erst einen Monat später stattfindet, zeigen würde; zu der Zeit wollte ich auf ihn aufpassen.«

»Aber, was haben wir von ihm zu fürchten?«

»Nun, das wird sich herausstellen. Ich kann nur sagen, daß er seine Augen auf das geworfen hat, was ihm von höherem Wert dünkt als alles Gold der Welt.«

»Von einem einzelnen können wir aber nicht viel zu fürchten haben«, bemerkte Alfred.

»Seine Bande ist nicht weit entfernt«, sagte Malachi. »Er hat seine Begleiter, wenn auch nicht viele, die mit ihm ziehen; sie sind aber ebenso schlimm wie er selbst. Wir müssen auf der Hut sein.«

Malachi redete nun eine Weile auf den Indianer ein, dessen einzige Antwort wieder nur »Uff« war.

»Ich habe ihm gesagt, daß all das Pulver und die Kugeln, die er vor sich steht, für unsere Büchsen bestimmt sind, deren wir mehr besäßen, als er mit seinem ganzen Stamm. Das wird zwar nicht viel Gutes bewirken, doch ist es immerhin besser, ihn wissen zu lassen, daß wir vorbereitet sind. Er ist ganz verdutzt über soviel Munition, das steht fest. Schlimm, daß er es überhaupt sah.«

»Sollen wir ihm etwas davon geben?« fragte Mr. Campbell.

»Nein, nein, Sir, er würde es nur zu dem Versuch verwenden, auch das übrige an sich zu bringen. Das beste ist, wir schließen die Tür, dann wird er gehen.«

Sie taten, wie Malachi geheißen, und nachdem der Indianer noch kurze Zeit verweilt, drehte er sich um und ging fort.

»Er ist ein wahrer Teufel«, bemerkte Malachi, während er seinen Rückzug beobachtete, »haben Sie aber keine Furcht, ich werde ihn schon auf mich nehmen. Bei alledem wünschte ich aber, er hätte diese Munition nicht gesehen.«

»Jedenfalls tun wir wohl besser, zu Hause von seinem Erscheinen nichts zu sagen«, meinte Mr. Campbell. »Es wäre nur ein Schrecken für die Frauen und führte zu nichts.«

»Das ist wahr, Sir. Ich werde es nur der Erdbeere erzählen«, sagte Martin; »sie ist eine Indianerin und wird sich nun auch auf die Lauer legen.«

»Das könnt Ihr ja; aber sorgt dafür, daß sie gegen Mrs. Campbell und die Mädchen nichts davon erwähnt, Martin.«

»Keine Sorge, Sir«, versetzte Malachi. »Ich werde das Tun und Treiben dieses Indianers beobachten. Morgen gehe ich in die Wälder und folge seiner Spur. Es ist mir lieb, daß er mich hier sah, denn mich fürchtet er, das weiß ich.«

Zufällig war der Indianer weder beim Kommen noch Gehen von Mrs. Campbell oder jemand anderem im Hause gesehen worden, und als Mr. Campbell und die übrigen zurückkehrten, merkten sie, daß niemand ahnte, was für einen Besuch sie gehabt hatten. Das Geheimnis blieb bewahrt, wenn es auch den Mitwissern einige Tage hindurch viel Unruhe bereitete. Endlich begann Mr. Campbells Besorgnis allmählich zu schwinden. Malachi war mit John ausgezogen und hatte entdeckt, daß alle Indianer in ihre Nähe gekommen waren, um zur Beratung zusammenzutreffen, und daß sich viele andere Trupps in den Wäldern aufhielten. Obwohl der Besuch der bösen Schlange durch Zufall veranlaßt sein mochte, war Malachi doch überzeugt, daß alle Aussicht zu einem zweiten Besuche von seiner Seite vorhanden war, falls er eine genügende Anzahl Gefährten finden würde, um durch Gewalt die von ihm erblickten und heißbegehrten Gegenstände zu erlangen.

Mr. Campbell nahm den Vorschlag des Festungs-Kommandanten an und kaufte von ihm zu mäßigem Preise achtzehn Ochsen. Das Vieh wurde zur Weide in den Busch getrieben, damit sie von dem Teil der Prärie, von dem die Kühe sich bisher genährt hatten, noch die Nachmahd ernten konnten. Der Sommer schwand schnell dahin, denn es fehlte keinem an Beschäftigung. Jeden Tag fischten sie im See, und was nicht gleich verzehrt wurde, salzten sie für den Wintervorrat ein. Martin brachte jetzt einen großen Teil seiner Zeit im Walde zu, um nach dem Vieh zu sehen; gelegentlich begleitete ihn Malachi, der jedoch häufiger mit John auf die Jagd ging, von wo sie immer mit Beute zurückkehrten. Sie brachten eine gute Anzahl Bärenfelle heim und bisweilen auch Bärenfleisch, das zwar von Malachi und Martin gegessen wurde, bei den übrigen aber wenig Beifall fand. Sobald die Nachmahd eingeerntet war, gab es nicht mehr viel zu tun. Henry nebst Mr. Campbell und Percival genügten, um das junge Vieh zu besorgen, und sobald das Laub sich zu färben begann, wurden die Rinder hereingetrieben und weideten nun wieder auf der Prärie. Alles ging regelmäßig fort, ein Tag war das getreue Abbild des anderen. Alfred und Henry droschen das Korn in der offenen Scheune, die von den Soldaten innerhalb der Schafhürde aufgerichtet war. Dort schichteten sie das Stroh zum Winterfutter für die Kühe auf, während Hafer und Weizen in die Vorratskammer gebracht wurden. – Martins Frau konnte jetzt das Englisch verstehen und sprach es ein wenig. Sie erwies sich als sehr nützlich, indem sie Mrs. Campbell und ihren Nichten im Hause half und auch die Haustiere besorgte. Sie hatten eine große Anzahl Küchlein aufgezogen, von denen viele für den Oberst und die Offiziere in der Festung bestimmt waren. Ihre Schweine hatten sich auch außerordentlich vermehrt; viele waren gemästet worden und standen bereit zum Schlachten und Einsalzen. Die Zeit für dieses Geschäft war jetzt gekommen, und das Einpökeln des Fleisches nahm die Frauen sehr in Anspruch. Auch war eine kleine Vorrichtung zum Räuchern des Specks und der Schinken gemacht worden. So sah sich die Familie jetzt von Bequemlichkeit und Fülle umgeben.

Der Herbst war schon vorgeschritten und selten wurde der Kreislauf ihrer täglichen Pflichten unterbrochen. Nur aus der Festung traf hin und wieder dieser und jener von den Offizieren oder auch der Kommandant selbst zum Besuch ein.

Die Indianer hatten ihre Beratung abgehalten, doch in Gegenwart eines englischen Bevollmächtigten; die Decken nebst den anderen Gegenständen, die den Häuptlingen zur Verteilung geschickt wurden, erzielten die gute Wirkung, allen Groll zu beseitigen. Zwar hielten die böse Schlange und einige andere heftige Reden, aber sie wurden überstimmt. Die Friedenspfeife war überreicht und geraucht worden, und es schien somit für diese Gegend alle Gefahr vorüber zu sein. Malachi war auch zur Versammlung gegangen und freundlich empfangen worden. Man hatte ihm auch zu sprechen gestattet, und seine Worte waren nicht ohne Wirkung geblieben.

So trug alles den Anschein von gedeihlichem Frieden. Der indianische Sommer hatte begonnen, während dessen Dauer die Luft von einer Art Nebel erfüllt ist.

Eines Morgens gingen Mary und Emma, die zufällig zuerst aufgestanden waren, noch vor Tageslicht hinaus, um die Kühe zu melken, als sie gewahr wurden, daß der Nebel dichter als gewöhnlich war. Man hatte die Stürme bereits erwartet, die sich in diesem Jahre sehr verspäteten, und Mary sagte, daß sie ihr Eintreten jetzt voraussähe, da der Himmel alle Anzeichen eines Sturmes an sich trage. Kurz, nachdem sie hinausgegangen waren und ihre Eimer aufgenommen hatten, kam die Erdbeere von ihrer Wohnung ihnen entgegen und deutete auf den Nebel in der Luft. Sie drehte sich herum, als wollte sie den Wind auffangen, und hob eine Weile die Nase hoch. Endlich sagte sie: »Großes Feuer in den Wäldern.«

Bald kamen Alfred und die übrigen auch herbei. Nachdem Emma sie ein wenig wegen ihres späten Erscheinens geneckt hatte, fiel auch ihnen das ungewöhnliche Aussehen des Himmels auf, und Martin bestätigte die Aussage der Erdbeere, daß Feuer in den Wäldern sei. Malachi und John waren am Abend vorher nicht von ihrem Jagdausflug heimgekehrt, erschienen aber bald nach Tagesanbruch. Sie hatten das Feuer in der Entfernung gesehen und berichteten, daß es sich in nördlicher Richtung viele Meilen weit erstrecke, so daß sie sich dadurch genötigt sahen, die Jagd aufzugeben und nach Hause zu gehen. Den Tag über war wenig oder kein Wind vorhanden, aber der Dunst und Feuergeruch steigerten sich zusehends.

Zur Nacht erhob sich der Wind und wuchs bald zum Sturm an, der von Nordosten, also aus der Richtung kam, in der man das Feuer gesehen hatte. Malachi und Martin standen mehrmals in der Nacht auf, denn sie wußten, daß Gefahr war, wenn der Wind von jener Seite her ohne Regen andauerte. Noch war das Feuer beträchtlich von ihnen entfernt. Am Morgen aber wurde der Wind beinahe orkanähnlich, und noch vor zwölf Uhr mittags kam der Qualm auf sie herab, um in dichten grauen Massen über den See hin abzuziehen.

»Glaubt Ihr, daß dieses Feuer uns gefährden kann, Martin«, fragte Alfred.

»Nun, Sir, das hängt von den Umständen ab; wenn der Wind in der gleichen Richtung und Stärke wie jetzt noch vierundzwanzig Stunden andauert, kommt das Feuer gerade auf uns los.«

»Wir haben aber doch so viel gelichtetes Land zwischen uns und den Wäldern, daß ich das Haus für sicher halten möchte.«

»Ich weiß nicht, Sir. Sie haben nie, wie ich, einen meilenlangen Waldbrand gesehen, sonst würden Sie anders urteilen. Wir können nur in zwei Fällen verschont bleiben, der eine ist, daß wir mit dem Sturme Regenströme bekommen, der andere, daß der Wind um einige Striche umschlägt; letzteres würde der beste Ausweg für uns sein.«

Aber der Wind wich nicht ab, und kein Regen strömte hernieder, und ehe der Abend hereinbrach, war das Feuer bis auf zwei Meilen zu ihnen herangekommen. Entferntes Krachen erschütterte die Luft, Hitze und Rauch wurden immer drückender, und unsere Ansiedler befanden sich in großer Angst.

Als die Sonne unterging, wurde der Sturm sogar noch heftiger; die Flammen waren jetzt deutlich zu sehen, und die ganze Luft war mit Funken erfüllt. Das Feuer näherte sich ihnen mit unwiderstehlicher Wut, und bald war die Luft so drückend, daß sie kaum atmen konnten. Das Rindvieh jagte mit in die Höhe gerichteten Schwänzen, vor Angst brüllend, zum See hinab, wo die Tiere aneinandergedrängt, bis zu den Knien im Wasser, stehenblieben.

»Ach, Malachi«, rief Mr. Campbell, »dies ist schrecklich. Was sollen wir tun?«

»Vertrauen Sie auf Gott, Sir, etwas anderes können wir nicht tun«, versetzte Malachi.

Die Flammen waren jetzt nur noch wenig entfernt vom Waldesrand; in hohen Feuersäulen ragten sie in die Lüfte, um dann wieder, vom Wind niedergeschlagen, durch die Zweige zu brechen und hier und da die Stämme großer Bäume anzusengen, während sich auf die Prärie eine Flut von Funken und glühender Asche ergoß, die im Verein mit den erstickenden Rauchwolken ein längeres Verweilen dort unmöglich machte.

»Sie müssen alle an den See gehen und den Fischerkahn besteigen«, rief Malachi. »Keinen Augenblick dürfen Sie zögern; Sie werden ersticken, wenn Sie hierbleiben. Mr. Alfred, Sie und Martin rudern so weit in den See hinein, wie nötig ist, um vom Rauch befreit atmen zu können. Schnell, es ist keine Zeit zu verlieren, denn der Sturm erhebt sich noch stärker als zuvor.«

Es war in der Tat keine Zeit zu verlieren. Mr. Campbell nahm seine Frau an den Arm, und Henry führte die Mädchen, denn der Rauch war so dick, daß sie den Weg nicht sehen konnten. Percival und die Erdbeere folgten, während Alfred und Martin vorausgeeilt waren, um den Kahn in Bereitschaft zu setzen. In wenigen Minuten befanden sich alle im Boot und stießen vom Ufer ab. Der Kahn war zwar fast überfüllt, doch, da er flach gebaut war, trug er die Ladung ganz gut. Sie ruderten auf den See hinaus, bis sie sich in einer weniger drückenden Luft befanden. Nicht ein Wort wurde gesprochen, bevor Martin und Alfred das Rudern eingestellt hatten.

»Aber, wo sind der alte Malachi und John?« fragte Mrs. Campbell, die jetzt entdeckte, daß diese nicht im Boot waren.

»Oh, haben Sie ihretwegen keine Angst, Madam«, erwiderte Martin. »Malachi blieb zurück, um zu sehen, ob er etwas nützen könnte. Er weiß sich und John schon zu hüten.«

»Dies ist eine schreckliche Heimsuchung«, sagte Mrs. Campbell nach einer Pause. »Seht, der ganze Wald ist jetzt ein Feuer bis zur Lichtung hinab. Das Haus muß niederbrennen, und wir können nichts retten.«

»Es ist Gottes Wille, mein teures Weib, und wenn wir unseres bescheidenen Wohlstandes beraubt werden sollten, so dürfen wir doch nicht murren, sondern müssen uns mit Ergebung darein schicken. Danken wir dem Himmel, daß er uns das Leben erhält.«

Von neuem entstand Stillschweigen, das endlich durch Emma gebrochen wurde.

»Jetzt steht der Kuhstall in Brand; ich sehe die Flammen aus dem Dach herausschlagen.«

Mrs. Campbell drückte schweigend die Hand ihres Gatten, die in der ihrigen ruhte. Es war der Beginn der Zerstörung ihrer ganzen Habe – alle ihre Mühen und Anstrengungen waren vergeblich gewesen. – Der Winter nahte und sie würden kein Obdach haben – was sollte aus ihnen werden!

Dies alles zog an ihrem Geiste vorüber, ohne daß ein Wort über ihre Lippen kam.

In diesem Augenblick schlugen die Feuerflammen in gerader Richtung zum Himmel empor. Martin bemerkte es und sprang auf.

»Der Wind legt sich«, sagte Alfred.

»Ja«, versetzte Martin und fuhr fort, seine Hand ausgestreckt zu halten. »Ich fühlte einen Regentropfen. Ja, der Regen kommt; noch eine Viertelstunde, und wir sind gerettet.«

Martins Beobachtung war richtig. Der Wind hatte sich für kurze Zeit gelegt, und man konnte die Regentropfen spüren. Während dieser Pause, die drei bis vier Minuten andauerte, brannte der Kuhstall lichterloh, aber Funken und glühende Asche wurden nicht mehr auf die Prärie hinabgeschleudert. Dann drehte sich plötzlich der Wind nach Südost und trieb solche Regenströme hernieder, daß man kaum aus den Augen sehen konnte. Die Windstöße waren so heftig, daß selbst der Kahn sich auf die Seite legte; aber Alfred wandte die Spitze mit kräftigem Ruck herum und brachte ihn vor den Wind.

Der Sturm blies jetzt aus der Richtung, in die er umgesprungen war, ebenso stark wie zuvor. Der See wurde bewegt, er deckte sich mit weißem Schaum, und ehe das Boot das Ufer erreichte, was in wenigen Minuten geschah, kam das Wasser über die Seitenwände, und sie gerieten in Gefahr, zu versinken. Alfred erteilte allen die Weisung, still sitzen zu bleiben, hob die Ruder in die Luft, und in rasender Geschwindigkeit trieb das Fahrzeug durch die Wellen, bis es auf den Strand lief. Martin und Alfred sprangen ins Wasser und zogen das Boot weiter auf das Land, ehe die übrigen ausstiegen. Der Regen fiel immer noch in Strömen herab, und alle waren bis auf die Haut durchnäßt. Als sie landeten, kamen ihnen Malachi und John entgegen.

»Es ist alles vorüber, und alles ist gerettet«, rief Malachi, »es hing freilich am seidenen Faden, das ist gewiß; aber alles ist unversehrt, außer dem Kuhstall; doch der ist leicht wieder herzustellen. Sie sollten nur alle so schnell wie möglich nach Hause und zu Bett gehen.«

»Glaubt Ihr, daß jetzt alles sicher ist, Malachi?« fragte Mr. Campbell.

»Ja, Sir, es ist nichts mehr zu fürchten; das Feuer ist nicht über den Fluß gekommen, und wäre es geschehen, so würde es der Regen, von dem wir erst den Anfang haben, bald auslöschen. Aber es war uns nahe genug, das ist gewiß.«

Die Familie kehrte ins Haus zurück; sie legten ihre nassen Kleider ab und gingen zu Bett.

Am nächsten Morgen erhoben sich alle frühzeitig, denn sie trugen Verlangen, den durch das Feuer verursachten Schaden in Augenschein zu nehmen. Der Kuhstall jenseits des Flusses hatte ernstlich gelitten. Die Mauern standen noch, aber das Dach war abgebrannt. Auf der Seite des Flusses, wo das Haus stand, waren das Staket und manche Teile der Gebäude angekohlt, und wäre nicht der plötzliche Wechsel des Windes und der Regen eingetreten, so wäre alles in kurzer Zeit vernichtet gewesen. Die Prärie war mit Asche bedeckt, das Gras verbrannt und verdorrt. Von dem Wald jenseits des Stromes war ein großer Teil niedergebrannt, nur einige der größten Bäume waren stehengeblieben und streckten ihre geschwärzten, blatt- und zweiglosen Äste zum Himmel empor; neue Triebe und junges Grün konnten sie nie wieder hervorbringen. Es war ein schwermütiges, ödes Bild, dessen Wirkung noch verstärkt wurde durch den dichten Regen, der noch immer ohne Unterbrechung herabströmte.

Als sie die Landschaft betrachteten, gesellten sich Malachi und Martin zu ihnen.

»Das Vieh ist alles da«, sagte Martin, »ich habe es überzählt, und nicht ein Stück fehlt. Außer an dem Kuhstall ist kein Schaden geschehen, im Gegenteil, das Feuer hat sich uns als ein guter Freund gezeigt.«

»Wieso, Martin?« fragte Mr. Campbell.

»Weil es viele Acres Land gelichtet und uns dadurch viele Arbeit erspart hat. Auf der anderen Seite des Flusses ist jetzt alles frei, und nächstes Frühjahr können wir zwischen den Stümpfen Korn haben; im Herbst nachdem wir die Ernte eingebracht haben, schneiden wir es und brennen dann die Bäume nieder, die noch stehen. Auch in der Prärie hat es viel Gutes getan, denn nächsten Sommer wird es schönes Gras geben.«

»Wie müssen wir dem Himmel für seine Gnade danken«, sagte Mr. Campbell, »eine Zeitlang glaubten wir gestern abend schon, wir sollten von allem entblößt werden.«

»Ja, Sir«, bemerkte Malachi; »was Sie zugrunde zu richten drohte, ist zu Ihrem Vorteil ausgeschlagen. Nächstes Jahr werden Sie alles grün und frisch wie zuvor sehen, und, wie Martin sagt, haben Sie dem Feuer zu danken, daß es Ihnen mehr Land gelichtet hat, als ein ganzes Regiment Soldaten in zwei bis drei Jahren vermocht hätte.«

»Wir müssen aber tüchtig arbeiten, um das Korn nächsten Frühling hineinzubekommen, sonst wächst uns das Unterholz so schnell auf, daß es in wenigen Jahren wieder ein dichter Wald ist.«

»Ich habe noch gar nicht daran gedacht, zu fragen, wie das zugegangen sein mag, daß der Wald in Brand geriet«, sagte Mary.

»Nun, Miß«, versetzte Malachi, »im Herbst, wenn alles so trocken wie Zunder ist, geschieht nichts leichter. Die Indianer zünden ein Feuer an und geben sich nicht die Mühe, es auszulöschen; das ist die gewöhnliche Veranlassung; aber es ist Wind erforderlich, um es zu verbreiten.«

Das Dach des Kuhstalles war durch Alfred und Martin bald wieder hergestellt, und der indianische Sommer verging ohne weiteres Abenteuer.

Am Tage nach dem Feuer traf ein Eilbote von der Festung ein, um sich nach dem Ergehen der Familie zu erkundigen, und der Oberst wie die Offiziere waren hoch erfreut durch die Kunde, daß sie so geringen Schaden erlitten hatten, denn sie fürchteten, es sei ihnen alles abgebrannt, und hatten bereits Vorkehrungen im Fort getroffen, um sie dort aufzunehmen.

Nach und nach wurde das Wetter kalt, so daß man heizen mußte, und einen Monat nach dem Brande begann der Winter.

Von neuem war die Erde hoch mit Schnee bedeckt. Das Rindvieh hatte innerhalb der Palisaden, um den Kuhstall herum, seine Streu erhalten; die Schafe wurden in den Stall getrieben und die Pferde in einem Teil der Scheune untergebracht. Man hatte alles in Sicherheit gebracht und jede Vorkehr für den langen Winter getroffen. Obwohl bereits Schneefall stattgefunden hatte, war der strenge Frost noch nicht eingetreten.

Dies geschah erst vierzehn Tage später, und nun wurden, auf Wunsch des Obersten, sechs Ochsen für den Bedarf der Festung geschlachtet, die auf einem Schlitten dorthin geschafft wurden. Dies war die letzte Verpflichtung, die sie zu erfüllen hatten, und Alfred sagte hierauf den Offizieren des Forts Lebewohl, da er sie nicht eher wiederzusehen erwartete, als bis der Winter vorüber war.

Da sie bereits einen Winter durchgemacht hatten, waren sie auf den zweiten völlig vorbereitet, und weil Malachi, die Erdbeere und John jetzt regelrechte Hausgenossen waren, da sie keinen besonderen Tisch führten, so hatten alle ein stärkeres Gefühl von Sicherheit und fanden das Leben nicht so eintönig und traurig, wie im Jahre vorher. Überdies war jetzt alles an seinem Platz, und sie hatten mehr zu versorgen – zwei Umstände, die sehr dazu beitrugen, die Langeweile zu verringern. Die Jäger zogen wie gewöhnlich aus, nur blieb Henry oder auch gelegentlich Alfred zu Hause, um das Vieh zu versorgen, sowie andere Dienste zu verrichten, die durch die Vergrößerung des Gehöftes notwendig wurden. Die neuen Bücher, die Henry aus Montreal mitgebracht hatte, und die man auf allgemeinem Beschluß für die Winterabende beiseitegelegt hatte, wurden jetzt eine Quelle großen Vergnügens, da Mr. Campbell jeden Abend aus ihnen vorlas. So verging die Zeit schnell. Weihnachten kam herbei, ehe sie sich dessen versahen.

Für Mrs. Campbell war es eine große Beruhigung, daß sie jetzt John immer zu Hause hatte, außer, wenn er auf der Jagd war. Da hatte sie aber längst jede Besorgnis abgestreift, weil sie in Malachi volles Vertrauen setzte. Neuerdings gingen Malachi und John auch selten allein fort, denn der alte Mann schien jetzt gern in Gesellschaft anderer zu sein, und seine menschenfeindliche Stimmung war völlig verschwunden. Er brachte seine Abende inmitten der um das Küchenfeuer versammelten Familie zu und liebte auch weit mehr als früher, seine eigene Stimme zu vernehmen. John schwärmte nicht so sehr für diese Abendunterhaltungen. Er fragte nichts nach den Büchern, wie überhaupt nach solcher Unterhaltung. Sein Vergnügen bestand darin, mit der Erdbeere in einem Winkel am Feuer zu sitzen und Mokassins zu machen oder Stachelschweinborsten zu verarbeiten. Mochten dann die anderen reden oder lesen, ihm war es gleich, er sagte nie ein Wort und schien dem, was verhandelt wurde, nicht die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Sein Vater versuchte gelegentlich, ihm etwas zum Lernen aufzugeben, aber es war nutzlos. Stundenlang konnte er bei einem Buch sitzen; doch seine Gedanken weilten ganz anderswo. Mr. Campbell gab daher den Versuch für jetzt auf+, indem er hoffte, John werde später die Vorteile einer guten Erziehung besser begreifen und aufmerksamer sein. – John saß aber nicht immer beim Küchenfeuer. Die Wölfe zeigten sich in größerer Anzahl als im vergangenen Winter, sie wurden durch die innerhalb der Palisaden befindlichen Schafe angelockt und heulten nun jede Nacht unaufhörlich. Das Heulen eines Wolfes genügte aber, daß John seine Büchse ergriff und das Haus verließ; stundenlang konnte er im Schnee stehen, bis ein Wolf so in seine Nähe kam, daß er schießen konnte. Mehrere Bestien hatte er bereits getötet, als sich ein Vorfall ereignete, der große Unruhe verursachte.

John war eines Abends wieder draußen, kauerte innerhalb der Palisaden und wartete auf Wölfe. Es war eine helle, sternklare Nacht, wenn auch ohne Mondschein, und deutlich sah er, wie eins der Tiere beinahe auf seinem Bauch bis dicht an die Tür der Palisade herankroch, die das Haus umgab. Dies überraschte ihn, da die Tiere gewöhnlich nur um die Palisade herumschlichen, die den Schafstall umzäunte, oder sich dicht beim Schweinestall aufhielten, der auf der entgegengesetzten Seite der Eingangspforte lag. John hob seine Büchse und schoß, worauf zu seinem Erstaunen der Wolf auf seinen Hinterbeinen in die Luft zu springen schien, dann niederfiel und fortrollte. Der Schlüssel zur Palisadenpforte wurde immer im Hause verwahrt; John entschloß sich, ihn zu holen. Als er ins Zimmer trat, fragte Malachi:

»Hast du das Tier getötet, mein Junge?«

»Weiß nicht!« versetzte John, »ich will den Schlüssel holen, um nachzusehen.«

»Ich liebe es nicht, daß die Pforte in der Nacht geöffnet wird, John«, sagte Mr. Campbell; »warum kannst du es nicht, wie gewöhnlich, bis morgen liegenlassen – das ist immer noch früh genug.«

»Ich weiß nicht, ob es ein Wolf war«, versetzte John.

»Was sonst, Junge«, fragte Malachi, »sage es mir.«

»Ich glaube, es war ein Indianer«, erwiderte John, der nun den Vorgang erklärte.

»Na, mich sollt's nicht wundern«, entgegnete Malachi; »keinesfalls darf aber die Pforte heute abend geöffnet werden, denn war es ein Indianer, auf den du geschossen hast, so sind auch noch mehr von der Sorte da; darum müssen wir alles fest geschlossen halten, John, und morgen sehen, was da war.«

Mrs. Campbell und die Mädchen waren über dies Ereignis sehr bestürzt und wurden nur mit Mühe überredet, sich zu Bett zu begeben.

»Wir wollen für jeden Fall die Nacht über Wache halten«, sagte Malachi, sobald Mrs. Campbell und ihre Nichten das Zimmer verlassen hatten. »Der Junge hat recht, daran zweifle ich nicht. Es wird die böse Schlange mit ihren Genossen sein, die hierher gekommen sind, um zu rauben. Hat der Knabe aber den Indianer getroffen, was ich glauben möchte, so werden sie sich aus dem Staube machen; dennoch wird es gut sein, daß wir auf unserer Hut sind. Martin kann hier wachen, und ich will es im Schafstall tun.«

»Ich werde hier wachen«, sagte Alfred, »laßt Martin mit Euch und seiner Frau nach Hause gehen.«

»Ich will mit dir wachen«, erklärte John.

»Ja, das ist vielleicht noch besser«, sagte Malachi. »Zwei Büchsen sind besser als eine, und wenn Hilfe nötig ist, kann der eine danach geschickt werden.«

»Aber was glaubt Ihr, daß sie unternehmen können, Malachi?« fragte Mr. Campbell. »Über die Palisaden können sie doch nicht klettern.«

»Nicht gut, Sir, ich glaube auch nicht, daß sie den Versuch machen würden, es sei denn, sie besäßen eine größere Streitmacht, was sicher nicht der Fall ist. Nein, Sir, sie würden eher versuchen, das Haus anzustecken, wenn sie könnten, aber das geht nicht so leicht. Eins steht fest, daß nämlich die böse Schlange alles versuchen wird, um das, was sie im Vorratshause sah, an sich zu bringen.«

»Daran zweifle ich auch nicht«, sagte Alfred; »aber er wird sehen, daß die Sache nicht so leicht ist.«

»Sie haben soeben erkundet – das wird die Wahrheit sein, und wenn John einem von ihnen zu einem Stückchen Blei verholfen hat, so tut das sein Gutes, denn es zeigt ihnen, daß wir auf dem Sprunge stehen, und sie werden sich schon vorsehen müssen, wenn sie ein andermal ungefährdet in die Nähe des Hauses kommen wollen.«

Nachdem man das Gespräch noch einige Minuten fortgesetzt hatte, zogen sich Mr. Campbell, Henry und Percival zurück und überließen den anderen die Wache. Alfred begleitete Malachi und die Seinigen nach ihrer Wohnung, um zu sehen, ob beim Schafstall alles in Richtigkeit war, und kehrte dann ins Haus zurück.

Die Nacht verlief ohne weitere Störung. Am Morgen kamen Malachi und Martin bei Tagesanbruch in das Haus, öffneten mit John und Alfred die Palisadentür und gingen hinaus, um den Fleck näher zu betrachten, nach dem John gezielt hatte.

»Ja, Sir«, sagte Malachi, »es war ein Indianer, daran ist kein Zweifel. Hier sind die Eindrücke, die er mit seinen Knien in den Schnee gemacht hat, während er hier herumkroch; John hat ihn getroffen, denn da ist Blut. Laßt uns die Spur verfolgen. Seht, Sir, er ist stark getroffen, denn je weiter wir diesen Weg gehen, desto mehr Blut. Ha! Hier liegt die Wolfshaut, mit der er bedeckt war; dann ist er tot oder nahe daran, und sie haben ihn fortgetragen. Wäre er bei Besinnung gewesen, so hätte er sich niemals von der Haut getrennt.«

»Ja«, bemerkte Martin, »seine Wunde war tödlich, das ist gewiß.«

Sie folgten der Fährte, bis sie den Wald erreichten, und als sie dort an den Spuren im Schnee erkannten, daß der verletzte Mann fortgetragen worden war, kehrten sie nach dem Hause zurück, wo sie die übrigen Familienmitglieder bereits angekleidet in der Küche vorfanden. Alfred zeigte ihnen die Wolfshaut und setzte sie von ihrer Entdeckung in Kenntnis.

»Es macht mir Kummer, daß Blut vergossen worden ist«, bemerkte Mrs. Campbell, »ich wünschte, es wäre nicht geschehen. Ich habe gehört, daß die Indianer bei solcher Gelegenheit unversöhnlich sind.«

»Freilich, Madam, sind sie sehr rachsüchtig, das ist gewiß, aber zugleich setzen sie sich nicht gern großer Gefahr aus. Dies wird ihnen eine Lehre sein. Ich wünschte nur, es wäre die böse Schlange selbst gewesen, mit der ein Ende gemacht wurde, denn in dem Falle brauchten wir der Indianer wegen keine Unruhe und Angst mehr zu haben.«

»Vielleicht ist es so«, sagte Alfred.

»Nein, Sir, das ist nicht wahrscheinlich; es war einer von seinen Gefährten; ich kenne die indianischen Gewohnheiten zu gut.«

Es verging einige Zeit, ehe die Aufregung schwand, die dieses Ereignis bei Mrs. Campbell und ihren Nichten hervorgerufen hatte; auch Mr. Campbell dachte viel daran und äußerte gelegentlich seine Besorgnis. Die Männer zogen wie sonst zur Jagd aus, aber die Zurückbleibenden fühlten sich ihretwegen jedesmal in Sorge, bis sie vom Walde heimkehrten. Die Zeit jedoch und der Umstand, daß sie nichts weiter von den Indianern hörten, belebte ihren Mut allmählich wieder, und als der Winter zur Hälfte vorüber war, dachten sie nicht mehr viel daran. Wirklich war es auch Malachi gelungen, von einer Indianerbande, die er in der Nähe eines kleinen Sees beim Biberfang traf, auszukundschaften, daß sich die böse Schlange nicht mehr in diesem Teil des Landes aufhielt, sondern seit Beginn des neuen Jahres mit seinem Trupp weiter nach Westen gezogen war. Es befriedigte alle, zu hören, daß der Feind nach jenem Versuch, die Wirtschaftsgebäude zu erforschen, die Gegend sofort verlassen hatte.

Die Jagdausflüge wurden daher in alter Weise fortgesetzt und waren auch notwendig, um für so viele Proviant zu schaffen. Percival wünschte immer sehnlichst, die Jäger begleiten zu dürfen. Es ärgerte ihn sehr, daß er immer zu Hause bleiben mußte, um alle niedrige Arbeit zu tun, wie Schweine füttern und Messer putzen, während sein jüngerer Bruder den Beruf eines Mannes versah. Gegen Percivals wiederholte Bitten erhob seine Mutter beständig Einwände. Alfred nahm seine Partei und bat für ihn. Als auch Mr. Campbell Alfred zustimmte, gab Mrs. Campbell zögernd ihre Einwilligung, daß er gelegentlich mitgehen könne.

»Warum hast du soviel dagegen, Tante, daß Percival die Jäger begleitet?« fragte Mary. »Es muß eine rechte Geduldsprobe für ihn sein, immer zu Hause festgehalten zu werden.«

»Ich fühle die Wahrheit dessen, was du sagst, liebe Mary«, erwiderte Mrs. Campbell, »und ich versichere dir, daß mein Wunsch, ihn bei mir zu behalten, nicht auf Selbstsucht beruht; vielmehr sagt mir eine unbestimmte Angst, die ich nicht überwinden kann, daß ihm irgend etwas zustoßen wird, und gegen die Besorgnis einer Mutter läßt sich nicht streiten.«

»Du warst ganz ebenso unruhig, liebe Tante, als John zuerst auszog und schwebtest seinetwegen in beständiger Furcht, während du jetzt ganz ruhig um ihn bist.«

»Das ist sehr wahr«, sagte Mrs. Campbell, »vielleicht ist es eine Schwäche von mir. Doch ich sehe, der arme Junge hat lange Zeit darunter geseufzt, daß wir ihn immer zu Hause behielten; denn nichts ist verdrießlicher für einen so lebhaften und mutigen Knaben, wie er es ist. Ich habe daher meine Einwilligung gegeben, weil ich es für meine Pflicht hielt; meine Besorgnis bleibt aber, und wir wollen lieber nicht mehr darüber sprechen, meine lieben Mädchen.«

Am nächsten Tage zog die Jagdgesellschaft aus, und Percival durfte sie zu seinem größten Entzücken begleiten. Da sie einen weiten Weg vor sich hatten, so brachen sie schon vor Tagesanbruch auf, zumal Mr. Campbell sie gebeten hatte, nicht zu spät heimzukehren.

Die Jäger hatten einige Meilen zurückgelegt, bevor sie die Stelle erreichten, wo sie nach Malachis Ansicht auf Hochwild, das sie hauptsächlich suchten, stoßen würden. Es war eine Lichtung im Walde, und der Schnee war in großen Massen zusammengetrieben, aber hier und da lag am Rande der Hügel das Gras beinahe frei, so daß das Wild imstande war, durch Scharren mit den Füßen etwas Futter zu bekommen. – Als sie anlangten, waren alle ziemlich nahe beieinander, nur Percival und Henry waren etwa eine Viertelmeile zurückgeblieben, da ersterer an den Gebrauch der Schneeschuhe nicht gewöhnt war, und daher nicht so schnell wie die übrigen vorwärts kam. Malachi und seine Begleiter machten halt, bis Henry und Percival herangekommen waren, und nachdem sie ein wenig Atem geschöpft hatten, sagte der alte Jäger:

»Sie werden hier eine große Anzahl Hirsche beisammen sehen, Master Percival; aber da Sie vom Weidwerk nichts verstehen und uns alles verderben könnten, so merken Sie genau, was ich sage. Die Tiere haben nicht nur ein sehr scharfes Gehör und Gesicht, sondern noch einen weit schärferen Geruch, und können einen Menschen in der Entfernung einer Meile wittern, wenn der Wind ihnen von dort zuweht; Sie sehen daher, daß der Versuch, in ihre Nähe zu kommen, nutzlos wäre, wenn wir nicht ohne Geräusch und ohne gesehen zu werden, uns von der Seite nähern, auf der der Wind uns nicht verrät. Jetzt kommt der Wind aus Osten, und da wir uns südlich befinden, müssen wir durch die Wälder nach Westen gehen, ehe wir die Lichtung betreten, und Sie, Master Percival, müssen alles tun, was wir tun, hinter uns bleiben und unsere Bewegungen beobachten. Kommen wir an einen Hügel, so dürfen Sie nicht hinauflaufen, da Sie sonst gesehen werden – die Tiere könnten ja auf der anderen Seite nur zwanzig Schritte entfernt sein – Sie müssen sich vielmehr ducken, wie Sie es von uns sehen werden. Haben wir aber das Wild gefunden, so werde ich Sie auf einen Platz stellen, von dem Sie so gut Ihre Schüsse abfeuern sollen wie wir. Verstehen Sie, Master Percival?«

»Ja, und ich werde hinter Euch bleiben, wie Ihr mir sagt.«

»Gut denn, so wollen wir jetzt wieder in das Dickicht zurücktreten, bis wir auf die Leeseite kommen. Dann wollen wir sehen, ob Sie einen Jäger abgeben oder nicht.«

Die ganze Gesellschaft folgte Malachis Weisung; über eine Stunde gingen sie hinter den dicksten Stämmen durch den Wald, um von den Tieren nicht erblickt zu werden. Endlich kamen sie an die von Malachi bezeichnete Stelle und nahmen nun ihren Weg in östlicher Richtung, dem freieren Platz entgegen, wo sie das Wild zu finden hofften.

Als sie den offenen Grund erreichten, bewegten sie sich zur Erde geduckt weiter, wobei Malachi und Martin die ersten waren. Hielten sie sich in den Vertiefungen auch alle beisammen, so waren es Malachi und Martin, die, sobald sie an eine Höhe gelangten, zuerst hinaufkletterten, auf die andere Seite blickten und dann den übrigen Zeichen gaben nachzukommen. Dies hatte sich schon drei bis vier Meilen weit beständig wiederholt, als Martin, der seinen Kopf eben über eine Erhebung gestreckt hatte, den unten Stehenden ein Zeichen gab, daß das Wild in Sicht sei. Nachdem er wenige Augenblicke Umschau gehalten, kam er herab und teilte ihnen mit, daß etwa einhundert Meter von ihnen entfernt, zwölf oder dreizehn Hirsche auf einer anderen Anhöhe ständen und den Schnee fortscharrten; sie schienen aber unruhig und ängstlich zu sein, als wenn sie eine Ahnung hätten, daß ihnen Gefahr drohe.

Darauf kroch auch Malachi hinaus, um seine Beobachtungen anzustellen.

»Es ist sicher«, sagte er zurückkehrend, »daß sie durch etwas erschreckt sind; es ist, als wären sie schon gejagt worden, und doch ist das nicht anzunehmen. Wir müssen warten, bis sie sich ein wenig beruhigt haben, und zu entdecken suchen, ob eine andere Gesellschaft ihnen schon nachgestellt hat.«

Sie warteten etwa zehn Minuten, bis die Tiere ruhiger schienen, und änderten dann hinter dem Hügel ihre Stellung, so daß sie bis auf fünfundzwanzig Meter in ihre Nähe gelangten. Dann sagte Malachi jedem einzelnen, auf welches Tier er zielen sollte, und alle feuerten beinahe gleichzeitig. Drei Hirsche fielen, zwei waren verwundet, die übrige Herde floh in Windeseile. Nun erhoben sich die Jäger hinter der Anhöhe und liefen zu ihrer Beute. Alfred hatte auf einen schönen Bock geschossen, der etwas entfernt von dem Rudel stand; augenscheinlich war das Tier schwer getroffen, und Alfred hatte sich das Dickicht gemerkt, hinter dem es verschwunden war. Der zweite verwundete Hirsch war sicherlich nur leicht verletzt, und es war wenig Aussicht, ihn zu bekommen, da er mit der übrigen Herde fortgelaufen war. Alle eilten zunächst nach der Stelle, wo die toten Tiere lagen, und sobald sie ihre Büchsen von neuem geladen hatten, begaben sich Martin und Alfred auf die Fährte des schwerverwundeten Hirsches. Sie hatten sich, der Spur folgend, etwa fünfzig Meter weit ihren Weg durch das Dickicht erzwungen, als sie durch das laute Geheul eines wilden Tieres erschreckt wurden. Alfred, der voran war, gewahrte, daß ein Panther den Hirsch erbeutet hatte und über dem toten Tier lag. Alfred erhob seine Büchse und schoß; das Tier, obgleich schwer getroffen, sprang auf ihn zu und packte ihn an der Schulter. Alfred war im Begriff, unter der Last der Bestie und der Gewalt des Schmerzes zusammenzubrechen, als er von Martin aufgefangen wurde, der dem Tier seine Büchsenkugel vorher durch den Kopf gejagt hatte, so daß es tot niederstürzte.

»Sind Sie sehr verletzt, Sir?« fragte Martin.

»Nein, nicht bedeutend«, entgegnete Alfred, »wenigstens glaube ich es nicht; aber meine Schulter ist arg zugerichtet, und ich blute tüchtig.«

Jetzt kamen auch Malachi und die übrigen herbei und sahen, was geschehen war. Alfred war niedergesunken und saß neben den beiden toten Tieren auf der Erde.

»Ein Panther«, rief Malachi, »einen solchen hätte ich so weit westlich nicht zu sehen vermutet. Sind Sie verwundet, Mr. Alfred?«

»Ja, ein wenig«, entgegnete Alfred mit schwacher Stimme.

Ohne etwas zu sagen, streiften Malachi und Martin Alfreds Jagdrock ab und entdeckten nun, daß er von den Zähnen der Bestie eine sehr schlimme Wunde auf der Schulter bekommen hatte und auch seine Seite von den Tatzen des Tieres aufgerissen war.

»John, lauf' nach etwas Wasser«, sagte Malachi. »Du findest es sicher in den Vertiefungen.«

John und Percival eilten beide fort, um Wasser zu holen, während Malachi, Martin und Henry Alfreds Hemd in Streifen rissen und die Wunde verbanden, um den starken Blutstrom zu hemmen. Als dies geschehen war, und er von dem Wasser getrunken hatte; das John ihm in seinem Hute brachte, fühlte er sich etwas belebt.

»Ich will noch eine Weile sitzenbleiben«, sagte er »und dann wollen wir so schnell wie möglich nach Hause gehen. Martin, seht nach den Hirschen, und wenn Ihr fertig seid, werde ich aufstehen. Was für ein fürchterlich schweres Vieh das war; ich hätte ihm keinen Augenblick länger standhalten können und besaß kein Jagdmesser.«

»Es ist eine schreckliche Bestie«, versetzte Malachi. »Ich weiß nicht, ob ich je eine größere sah. Diese Tiere sind zu stark, als daß ein Mann sie bezwingen könnte, und man sollte es nie auf eigene Hand versuchen, denn sie sind schwer umzulegen.«

»Wo hat denn meine Kugel das Tier getroffen?« fragte Alfred.

»Hier, Sir, unter der Schulter, an einer guten Stelle. Sie muß dem Herzen ganz nahe gekommen sein; aber wenn man diese Bestien nicht gerade durch den Kopf oder mitten durchs Herz schießt, so machen sie allemal noch ihren Todessprung. Das ist eine häßliche Wunde da an Ihrer Schulter, und sie wird Ihnen vermutlich für fünf bis sechs Wochen das Jagen verbieten. Aber immerhin ist's, gut, daß es nichts Schlimmeres ist.«

»Jetzt fühle ich mich ganz stark«, erwiderte Alfred.

»Noch zehn Minuten, Sir; laßt John und mich erst die Haut abziehen, die müssen wir haben, um sie zu zeigen, und wenn alles Wildbret deshalb verderben sollte. Mr. Henry, sagt Martin, er solle nur die besten Stücke nehmen, und die Felle zurücklassen, denn wir werden nicht viel tragen können. Und mahnt ihn zur Eile, denn es ist für Mr. Alfred nicht zuträglich, daß er hier sitzt, bis seine Arme steif werden. Wir haben bis nach Hause noch viele Meilen.«

Nach Verlauf von zehn Minuten hatten Malachi und John den Panther abgezogen, und Martin erschien mit den Keulen zweier Hirsche, die sie, wie er sagte, gut tragen könnten. Hierauf machten sich alle auf den Heimweg.

Alfred war noch nicht weit gekommen, als er große Schmerzen fühlte; das Gehen auf den Schneeschuhen erforderte so starke Bewegungen, daß sich die Wunden wieder öffneten und von neuem bluteten; doch Malachi lieh ihm seinen Beistand; und nachdem er ihm nochmals Wasser verschafft hatte, setzten sie ihren Weg fort.

Nach einiger Zeit wurden die Wunden brennender; und Alfred schien immer mehr von Schmerzen gequält zu werden. Trotzdem gingen sie, so schnell sie konnten, vorwärts, und bei Einbruch der Dunkelheit waren sie nicht mehr weit vom Hause. Alfred schleppte sich aber nur noch mit großer Mühe fort. Er war schon so schwach geworden, daß Martin John aufforderte, das Wild niederzulegen und vor ihnen nach Hause zu eilen, um sich von Mr. Campbell Branntwein zur Stärkung für Alfred zu erbitten, der sich infolge des Blutverlustes und zunehmender Schwäche kaum mehr rühren konnte. Da sie nur eine Meile vom Hause entfernt waren, langte John bald dort an und machte seine Bestellung in Gegenwart seiner Mutter und seiner Basen, die bei dieser Kunde in große Bestürzung gerieten. Mr. Campbell ging wegen des Branntweins in sein Zimmer, und sobald er ihn herbeibrachte, griff Emma nach ihrem Hut und erklärte, daß sie John begleiten wolle.

Mr. und Mrs. Campbell blieb keine Zeit, etwas dagegen zu sagen, denn in einem Augenblick war Emma aus der Tür, von John auf dem Fuße gefolgt. Emma vergaß indessen ganz, daß sie keine Schneeschuhe hatte, und ehe noch der halbe Weg zurückgelegt war, fühlte sie sich so ermüdet, als wäre sie meilenweit gegangen. Mit jedem Schritt, den sie vorwärts tat, sank sie tiefer in den Schnee; trotzdem erreichte sie endlich die Jäger. Alfred lag bewußtlos auf dem Schnee, und die anderen machten eine Tragbahre von Baumzweigen, um ihn auf diese Weise nach Hause zu bringen. Ein wenig Branntwein, den man Alfred einflößte, brachte ihn wieder zum Bewußtsein, und als er die Augen öffnete, sah er Emma, die sich über ihn beugte.

»Liebe Emma, wie freundlich von dir«, sagte er und versuchte, sich aufzurichten.

»Rühre dich nicht, Alfred; sie werden gleich eine Tragbahre fertig haben, und dann wirst du nach Hause gebracht. Es ist nicht mehr weit.«

»Ich bin wieder ganz stark, Emma«, versetzte Alfred.

»Aber du darfst hier nicht in der Kälte bleiben. Sieh nur, es schneit wieder.«

»Ich muß hierbleiben, bis sie bereit sind, dich zu tragen, Alfred; denn ich wage nicht, allein zurückzugehen.«

Inzwischen war die Tragbahre fertig geworden, und Alfred wurde daraufgelegt. Malachi, Henry, Martin und John nahmen sie auf.

»Wo ist Percival?« fragte Emma.

»Er ist ein Endchen zurückgeblieben«, erwiderte John. »Die Schneeschuhe drückten ihn, und er konnte nicht so schnell gehen. Er wird im Augenblick hier sein.«

Sie trugen Alfred ins Haus, wo Mr. und Mrs. Campbell und Mary in großer Angst an der Tür warteten. Die arme Emma war ganz ermattet und ging gleich in ihr Zimmer. Alfred wurde auf sein Bett gelegt, und sein Vater untersuchte seine Wunden, die er für sehr gefährlich hielt, da das Fleisch stark zerfetzt war. Mr. Campbell legte Verbände an, worauf sie Alfred der Ruhe überließen, deren er sehr bedurfte.

Alfreds Zustand nahm die Gedanken und Aufmerksamkeit aller so in Anspruch, daß während der ersten Stunde alles andere vergessen wurde. So kam es, daß erst, als sie sich zum Abendbrot niedersetzen wollten, Mr. Campbell fragte: »Aber, wo ist denn Percival?«

»Percival? Ist er nicht hier?« lautete die Gegenfrage aller, die bei der Jagd gewesen waren.

»Percival nicht hier?« rief Mrs. Campbell aufspringend.

»Wo ist das Kind?«

»Er war hinter uns«, sagte John; »er setzte sich nieder, um seine Schneeschuhe zu vertauschen; die Bänder drückten ihn.«

Malachi und Martin liefen voller Bestürzung hinaus; sie erkannten die Gefahr, denn der Schnee fiel jetzt in so dichten Flocken herab, daß man nichts sehen konnte.

»Der Knabe ist sicherlich verloren«, sagte Malachi zu Martin; »wenn er bis zum Eintritt dieses Schneefalls zurückgeblieben ist, wird er nie seinen Weg finden, sondern so lange umherwandern, bis er umkommt.«

»Ja«, sagte Martin, »es ist nur wenig Hoffnung für ihn. Ich würde meinen rechten Arm dafür hergeben, wenn dies nicht geschehen wäre.«

»Ein Unglück kommt selten allein«, versetzte Malachi. »Was können wir tun? Madam Campbell wird außer sich sein, denn sie liebt den Jungen über alle Maßen.«

»Unser Ausgehen ist nutzlos«, bemerkte Martin, »wir würden ihn doch nicht finden und uns nur selbst verirren; aber wir wollen doch lieber ins Haus zurückkehren und sagen, daß wir den Versuch machen wollen. Jedenfalls können wir bis zum Waldesrand gehen und dort hin und wieder rufen; denn, wenn der Junge noch auf seinen Beinen ist, so wird ihn das zu uns leiten.«

»Ja«, versetzte Malachi, »wir können auch eine Kienfackel anzünden; das möchte vielleicht von Nutzen sein. Gut denn, gehen wir hinein und sagen wir ihnen, daß wir nach dem Knaben suchen wollen. Solange Madam weiß, daß wir nach ihm forschen, wird sie die Hoffnung nicht verlieren und ihren Mut so lange aufrecht halten, bis sie auf seinen Verlust besser vorbereitet ist.«

Sie gingen hinein, wo sie Mrs. Campbell, von ihrem Gatten und Mary gehalten, bitterlich weinend vorfanden. Sie meldeten, daß sie ausgehen wollten, um den Knaben zu suchen. Darauf nahmen sie mehrere Kienfackeln, zündeten eine derselben an und brachen nach dem Waldesrand auf, wo sie mit der Leuchte zwei Stunden blieben und in den Pausen ihre Rufe ertönen ließen. Doch der Schnee fiel so dicht, und die Kälte war bei dem starken Nordwind so streng, daß sie nicht länger verweilen konnten. Indessen kehrten sie nicht gleich ins Haus zurück, sondern gingen erst in ihre Wohnung, um sich bis Tagesanbruch dort auszuruhen. Dann zogen sie von neuem aus; der Schneesturm hatte aufgehört und der Morgen war klar und hell. Sie gingen auf dem gestern zurückgelegten Wege drei bis vier Meilen in den Wald hinein, aber der stellenweise mehrere Fuß hohe, frisch gefallene Schnee hatte alle Spuren vom vergangenen Tage verdeckt. Sie kamen bis dahin, wo Percival zuletzt von John gesehen wurde, der ihnen die Stelle genau beschrieben hatte. Dort spähten sie nach allen Seiten umher und umkreisten den Platz wieder und wieder, in der Hoffnung, vielleicht die Mündung von Percivals Büchse aus dem Schnee hervorragen zu sehen; aber es war nichts zu entdecken, und nach vier- bis fünfstündigem Suchen kehrten sie nach Hause zurück. Sie fanden nur Mr. Campbell und Henry in der Küche, denn Mrs. Campbell war in solchem Zustand der Unruhe und Angst, daß sie sich auf ihr Zimmer hatte begeben müssen, wo Mary sie bediente. Mr. Campbell sah aus den Mienen der Eintretenden, daß sie keine befriedigende Nachricht brachten. Malachi schüttelte traurig den Kopf und setzte sich nieder.

»Glaubt Ihr, daß mein armer Junge verloren ist, Malachi?« fragte Mr. Campbell.

»Ich fürchte es, Sir; er muß sich hingesetzt haben, um auszuruhen, und ist, von Müdigkeit überwältigt, vermutlich eingeschlafen. Nun ist er vom Schnee begraben worden und wird nicht wieder erwachen.«

Mr. Campbell bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen und rief nach einer Weile:

»Seine arme Mutter!«

Einige Minuten darauf erhob er sich und ging in Mrs. Campbells Zimmer.

»Was ist mit meinem lieben, lieben Percival?« fragte Mrs. Campbell.

»Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen«, entgegnete Mr. Campbell. »Dein Kind ist glücklich!«

Mrs. Campbell weinte bitterlich, und nachdem sie auf diese Weise ihren Gefühlen Erleichterung verschafft hatte, wurde sie allmählich ruhiger.

Überdies lösten andere Sorgen die eine ab. Emma, die sich so unvernünftig der eisigen Nachtluft ausgesetzt hatte, wurde von einer Erkältung angegriffen, der ein heftiges Fieber folgte. Auch Alfred befand sich in einem gefährlichen Zustand, so daß Mr. Campbell Brand befürchtete. So nahmen diese beiden ihre ganzen Kräfte in Anspruch, so daß sie keine Zeit fanden, Percivals Verlust zu beweinen.

Erst gegen Ende des Winters genasen die beiden Kranken, und bald ertönte wieder Emmas heiteres Lachen. Alfred mußte noch länger still in seinem Stuhle sitzen – aber auch bei ihm kehrte die gute Laune zurück. Mrs. Campbell begann, sich langsam über Percivals Verlust zu trösten.

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