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Die Ansiedler in Kanada

Frederick Marryat: Die Ansiedler in Kanada - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFrederick Marryat
titleDie Ansiedler in Kanada
publisherA. H. Payne Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel

Während der nächsten sechs Wochen wurde die Arbeit ohne Unterbrechung fortgesetzt: das Haus aus rechtwinkligen, gut aufeinander passenden Holzblöcken aufgerichtet, Türen und Fenster eingesetzt und das Dach von innen mit großen Stücken Birkenrinde ausgelegt. Das Haus enthielt einen großen Raum als Eßzimmer und Küche bestimmt, dessen Fußboden aus getrocknetem Lehm bestand, einen kleineren Raum als Wohnzimmer, und drei Schlafgemächer, die alle gedielt waren. Das größte der letzteren, das rings an den Wänden mit Schlafplätzchen versehen war, sollte den vier Söhnen gehören; außer diesen befinden sich darin noch zwei übrige Lagerstätten. Die andern beiden Schlafräume für die jungen Mädchen und für Mr. und Mrs. Campbell waren viel kleiner. Ehe das Haus halb fertig war, hatte man ein daranstoßendes großes Gebäude für die mitgebrachten Vorräte errichtet, dessen oberes Stockwerk einen roh gezimmerten Kornboden enthielt. Noch war das Innere des Hauses nicht fertig, als man bereits die Möbel hineinstellte und die Familienmitglieder darin schliefen; sie zogen dies den Zelten vor, da sie dort zu sehr durch Moskitos geplagt wurden. Ihre Vorräte waren jetzt vor der Witterung geschützt, und sie selbst hatten ein Dach über ihren Köpfen. Dies war die Hauptsache, die man erstrebt hatte. Die Zimmerleute hatten noch viel damit zu tun, das Innere des Hauses fertigzustellen; die übrigen Arbeiter spalteten Sprossen zu einem Zaun, oder wählten kleine Baumstämme zur Errichtung einer hohen Palisade aus, die das Gehöft umgeben sollte. Auch Martin Super war nicht untätig gewesen. Das Haus lag gerade da, wo der Buschwald an die Prärie stieß, und Martin hatte das gefällte Holz aufgestapelt und so für die Winterfeuerung gesorgt. Man entschied sich dafür, die vier vom Fort herbeigetriebenen Kühe den Winter über in Malachi Bones kleinem Gebäude auf der anderen Seite des Flusses einzustellen. Es war von einem hohen Schlangenzaun umgeben und bot genügenden Raum für sie. Der Kommandant hatte vorsorglich solche Kühe ausgesucht, die sich beim Melken recht ruhig verhielten, und Mary und Emma hatten ihre neuen Pflichten schon übernommen. Eine hübsche Brücke war über den Fluß geschlagen worden, und alle Morgen schritten die jungen Mädchen hinüber, in der Regel von Henry, Alfred oder Hauptmann Sinclair begleitet. Bald waren sie in ihrem neuen Berufe als Melkerinnen ganz erfahren. Alles begann ein vielversprechendes Aussehen zu bekommen. Henry und Mr. Campbell waren mit dem Umgraben ebenso schnell vorgeschritten, wie Martin und Alfred den Buschwald gelichtet hatten, und schon bezogen sie einiges aus dem Garten, das sie in dieser Jahreszeit hatten säen können.

Der Kommandant hielt einige Schweine für die Ansiedler zu dem Zeitpunkt bereit, wo sie imstande sein würden, dieselben unterzubringen. Er war selbst mehrmals herübergekommen, um mit seinem Rat zu dienen, wo derselbe von Nutzen sein konnte.

Als die Arbeit weiter vorgeschritten war, ging Martin, von Alfred oder Henry begleitet, täglich aus, um zu jagen. Mr. Campbell hatte in Quebec einen reichlichen Vorrat an Munition, wie auch die erforderlichen Büchsen gekauft, und nachdem diese ausgepackt waren, wurden die jungen Männer täglich vertrauter damit.

Bis jetzt hatten sie nicht oft nötig gehabt, ihre Zuflucht zu den mitgebrachten Fässern mit gepökeltem Schweinefleisch zu nehmen, da sie vom Fort aus mit Wild und gelegentlich auch mit frischem Rindfleisch versorgt worden waren, doch galt es immerhin, weiteren Proviant zu schaffen, um die Vorräte zu schonen.

Der Garten war gesäubert worden und die Schweineställe standen fertig da; doch der schwierigste Teil ihrer Arbeit sollte erst beginnen, nämlich die Lichtung jener Stelle des Waldes, der das Land zum Getreidebau abgeben sollte. Hierfür konnten sie die Hilfe der Garnison nicht mehr beanspruchen, da sie dieselbe durch die Güte des Kommandanten bereits länger genossen hatten, als sie erwarten durften. Es war Ende August. Die Baulichkeiten waren vollendet, die Palisade um das Wohnhaus und Vorratsgebäude war errichtet, und die Soldaten wurden jetzt in der Festung gebraucht.

Hauptmann Sinclair hatte bereits vom Kommandanten verschiedene Winke erhalten, daß er sich beeilen müsse und seine Anwesenheit nur noch auf einige Tage erstrecken dürfe.

Hauptmann Sinclair wäre gern noch länger geblieben, denn er durfte sich beinahe als Familienmitglied betrachten; doch konnte er keine Ausflüchte mehr machen. Er berichtete daher, daß er am 1. September zur Rückkehr bereit sei. Am Morgen dieses Tages trafen die Boote zur Abholung der Soldaten ein und brachten zugleich die versprochenen Schweine und Hühner mit. Den Tageslohn für die Soldaten, den Betrag für die Kühe und Schweine berichtigte Mr. Campbell an Hauptmann Sinclair durch einen auf sein Bankhaus in Quebec lautenden Wechsel. Hierauf verabschiedete sich der Hauptmann von seinen Freunden unter lebhaftem Bedauern von beiden Seiten. Von der ganzen Familie bis zum Ufer begleitet, schiffte er sich dann mit seinen Leuten ein und fuhr dem Fort entgegen.

Die Campbells blieben eine Weile am Ufer des Sees stehen und schauten den zurückweichenden Booten nach, bis diese um die Landspitze bogen und ihren Blicken entschwanden. Nur wenige Worte tauschten sie bei ihrer Rückkehr, denn es beschlich sie ein Gefühl von Einsamkeit, nachdem sie sich von so vielen ihrer Landsleute getrennt hatten. Auch Martin und John waren abwesend; letzterer fehlte seit zwei Tagen, und Martin wollte auskundschaften, wo Malachi Bone seinen neuen Standort genommen hatte. Zugleich sollte er Mr. Campbells Wünsche hinsichtlich der Besuche Johns aussprechen, die in letzter Zeit häufiger und länger stattgefunden hatten, als dem Vater lieb war.

Bald nach ihrer Rückkehr zum Hause rief Alfred: »Da kommen Martin und John. Seht einmal, John hat eine Flinte auf der Schulter! Die muß er mitgenommen haben, als er das letztemal verschwand.«

»Ich vermute, daß er sie jetzt schon zu gebrauchen versteht, Alfred«, sagte Mrs. Campbell.

»Ja, Madam«, versetzte Martin, der ins Zimmer getreten war; »er versteht sie gut zu gebrauchen, sie in acht zu nehmen und sich selbst dabei vorzusehen. Ich ließ sie ihn mitnehmen, um dies beobachten zu können. Auf unserem Rückwege hat er sie zweimal geladen und abgeschossen und dabei dies Murmeltier erlegt«, fuhr Martin fort, indem er das tote Tier auf den Fußboden warf. »Der alte Malachi hat es ihm beigebracht, und er hat die gute Unterweisung nicht vergessen.«

»Was für ein Tier ist das, Martin, taugt es zum Essen?«

»Nicht sehr, Sir; es ist ein Tier, das die Erde unterhöhlt und sehr schädlich für den Garten und den jungen Mais ist; deshalb schießen wir die Tiere, wenn wir sie antreffen.«

»Wie schade, daß es sich nicht essen läßt.«

»Oh, Sie können es essen, Sir, ist will nicht sagen, daß es dazu nicht taugt. Aber es gibt andere Dinge, die besser sind.«

»Dies genügt mir, Martin«, sagte Emma, »ich werde es nicht kosten, wenigstens jetzt nicht. Was ich später tun muß, steht dahin.«

»Ich sprach mit dem alten Bone, Sir, und er sagt, er sei einverstanden. Er wird John nie länger als einen Tag bei sich behalten, ohne ihn zuvor nach Hause zu schicken und die Erlaubnis einzuholen.«

»Das ist alles, was ich verlange, Martin.«

»Sie sind diese beiden Tage fortgewesen und waren gerade zurückgekehrt, als ich dort ankam. Das geschossene Wild lag noch im Walde.«

»Ich schoß einen Hirsch«, sagte John.

»Du hast einen Hirsch geschossen?« rief Alfred. »Was für ein nützlicher Bursche wirst du mit der Zeit werden!«

»Ja, Sir, der alte Malachi erzählte mir auch, daß der Junge einen Hirsch geschossen hat, den er morgen selbst herbringen will.«

»Das freut mich, denn ich möchte gern selbst mit ihm sprechen«, sagte Mr. Campbell. »Aber John, wie kamst du dazu, ohne meine Erlaubnis die Büchse mitzunehmen?«

John antwortete nicht.

»Antworte mir, John.«

»Kann ohne Gewehr nicht schießen«, versetzte John.

»Nein, das kannst du nicht; aber die Büchse gehört dir nicht.«

»Gib sie mir, und ich werde alle Braten zum Mittagessen schießen«, antwortete John.

»Ich denke, Vater, du solltest es ihm erlauben«, sagte Henry leise, »die Versuchung ist zu groß für ihn.«

»Du hast recht, Henry«, entgegnete Mr. Campbell ebenso. – »Nun, John, ich werde dir die Flinte geben, wenn du versprichst, jedesmal um Erlaubnis zu fragen, ehe du fortgehst, und nie später zurückzukommen, als du vorher gesagt hast.«

»Ich will Mama immer sagen, wenn ich fortgehe, und ich werde immer zurückkommen, wie ich es versprochen habe, wenn –«

»Nun? Wenn –«

»Wenn ich etwas geschossen habe«, versetzte John.

»Er meint, Sir, daß, wenn er einem Wild auf der Spur ist, er ihm folgen muß, auch wenn seine Erlaubnis vorüber ist; sobald er aber die Spur verloren oder das Wild geschossen hat, will er nach Hause kommen. Das ist echtes Jägergefühl, das dürfen Sie nicht unterdrücken.«

»Sehr wahr! Gut denn, John, denke an dein Versprechen.«

»Martin«, sagte Percival, »wann werdet Ihr mich die Büchse abfeuern lehren?«

»Oh, sehr bald; die Soldaten sind fort, und wenn du erst ein Ziel treffen kannst, sollst du mit Mr. Alfred und mir in den Wald gehen.«

»Und wann werden wir es lernen, Mary?« fragte Emma.

»Ich werde meine Basen unterweisen«, sagte Alfred, »und auch der lieben Mutter werde ich Unterricht erteilen.«

»Gut, wir werden es alle lernen«, entgegnete Mrs. Campbell.

»Was gibt es morgen zu tun, Martin?« fragte Alfred.

»Nun, Herr, es sind genug Bretter da zu einem Fischerkahn, und wenn Sie und Mr. Henry mir helfen, so könnten wir einen solchen in zwei bis drei Tagen fertig haben. Der See ist voller Fische, und es wäre schade, während des schönen Wetters keine zu fangen.«

»Ich habe eine Menge Angelschnüre im Vorratshause«, sagte Mr. Campbell.

»Master Percival wird bald das Fischen lernen«, sagte Martin, »und bringt uns dann ebenso viele wie Master John nach Hause.«

»Fische?« rief John verächtlich.

»Ja, Fische, Master John«, versetzte Martin, »ein guter Jäger ist auch immer ein guter Fischer und verachtet dieselben nicht, denn sie liefern ihm oft eine gute Mahlzeit, wenn er sonst mit leerem Magen schlafen gehen müßte.«

»Ach, ich werde mit Vergnügen Fische fangen«, rief Percival, »aber manchmal muß ich auch auf die Jagd gehen.«

»Ja, mein lieber Junge, und manchmal müssen wir auch zu Bett gehen; ich denke, es ist jetzt die höchste Zeit dazu, da wir morgen mit Tagesanbruch aufstehen müssen.«

Am folgenden Morgen gingen Mary und Emma aus, die Kühe zu melken, diesmal ohne Begleitung eines der jungen Männer, denn Henry und Alfred hatten zu tun und Hauptmann Sinclair war fort. Als sie über die Brücke schritten, bemerkte Mary zu ihrer Schwester:

»Keine Herren mehr, uns melkende Damen zu begleiten.«

»Nein«, versetzte Emma, »unser Amt verliert allen Reiz, und was sonst ein Vergnügen war, sinkt jetzt zur Pflicht herab.«

»Alfred und Henry arbeiten jetzt an dem Fischerboot«, sagte Mary.

»Ja«, erwiderte Emma, »aber ich glaube, Mary, du dachtest mehr an Hauptmann Sinclair als an unsere Vettern.«

»Das ist wahr, Emma, ich dachte an ihn«, versetzte Mary ernsthaft. »Du weißt nicht, wie sehr ich seine Abwesenheit empfinde.«

»Ich kann es mir denken. Werden wir ihn bald wiedersehen?«

»Ich weiß nicht, glaube aber, daß es vor drei bis vier Wochen sicherlich nicht geschieht. Wer nur in der Festung entbehrt werden kann, ist bei der Heuernte beschäftigt, und wenn er zu den Offizieren gehört, die mit den Leuten fortgeschickt sind, so ist er natürlich abwesend; hat man ihn aber in der Festung behalten, so ist er auch verpflichtet, dort zu bleiben. Ehe die Heuernte nicht vorüber, ist keine Aussicht vorhanden, ihn hier zu sehen.«

»Wohin gehen sie denn zur Heuernte, Mary?«

»Sie haben in der Nähe des Forts nur so viel Weideplatz, wie das Vieh den Sommer über nötig hat; daher müssen sie an die Ufer des Sees und zu den Inseln gehen, wo sich Strecken gelichteten Landes befinden. Dort schneiden die Soldaten das Gras, trocknen es zu Heu und sammeln es in ihren Booten, um es nach dem Fort zu bringen. Unsere Prärie war ihre beste Hilfe, doch die haben sie nun verloren.«

»Aber Oberst Forster hat Papa so viel Heu versprochen, wie wir den Winter über für unsere Kühe gebrauchen; wir hätten ja auch die Kühe gar nicht bei uns weiden lassen können, wenn er das nicht getan hätte. Verlaß dich darauf, Hauptmann Sinclair wird uns das Heu bringen, und dann werden wir ihn wiedersehen, Mary. Jetzt aber müssen wir hinter unseren Kühen herlaufen, denn es ist niemand da, der sie uns herbeitreibt. Wenn Alfred etwas Lebensart hätte, wäre er doch gekommen.«

»Und warum nicht Henry, Emma?« sagte Mary lächelnd.

»Ach, ich weiß nicht, Alfred kam mir zuerst in den Sinn.«

»Ich glaube wohl, daß dies der Fall war«, entgegnete Mary. »Jetzt sind wir quitt! Nun geh und melke deine Kühe.«

»Es ist alles sehr schön, Miß«, entgegnete Emma lachend; »aber warte nur, bis ich meine Büchse abfeuern kann, dann wirst du vorsichtiger mit deinen Reden sein.«

Bei ihrer Heimkehr fanden sie den alten Jäger vor, dem ein schöner Hirschbock zu Füßen lag. Mr. Campbell war mit den Knaben fortgegangen, da Martin seine Ansicht über die Größe des Fischerbootes zu hören wünschte.

»Wie geht es Euch, Malachi Bone?« fragte Mary. »Hat John den Hirsch geschossen?«

»Ja, und er schoß so gut wie ein alter Jäger, dabei kann der Junge die Flinte kaum bis zur Schulter heben. Wer von Ihnen heißt Mary?«

»Ich«, entgegnete Mary.

»Dann habe ich etwas für Sie«, sagte der alte Malachi und zog ein kleines, in dünne Borke eingewickeltes Päckchen aus seinem Wams, das er ihr einhändigte. »Es ist ein Geschenk von der Erdbeere.«

Mary schlug die Rinde auseinander und fand darin ein Paar Mokassins, die sehr hübsch mit den buntgefleckten Borsten des Stachelschweins verziert waren.

»O wie schön, wie freundlich von ihr. Sagt ihr, daß ich ihr danken lasse und sie sehr lieb habe. Wollt Ihr das tun?«

»Ja, ich will's ihr sagen. Wo ist der Junge?«

»Wer, John? Ich glaube, er ist am Fluß, Forellen zu fangen; er kommt zum Frühstück, und das ist gerade fertig. Komm, Emma, wir müssen die Milch hereintragen.«

Mr. Campbell kam mit den übrigen bald nach Hause.

Malachi Bone teilte ihm nun mit, daß er den von John getöteten Hirsch gebracht habe und sich ein Tönnchen Schießpulver und etwas Blei mitnehmen wolle. Er wünsche, Mr. Campbell möge berechnen, was er ihm für sein Besitztum schuldig zu sein glaube, und ihn den Betrag dafür in Waren mitnehmen lassen, wie er sie nötig habe.

»Warum fordert Ihr nicht den Preis, Malachi«, fragte Mr. Campbell.

»Wie kann ich einen Preis nennen? Man gab mir das Land, es kostete mich nichts. Das überlasse ich Ihnen und Martin Super, wie ich schon sagte.«

»Ihr setzt viel Vertrauen in mich, das muß ich sagen. Aber gut, Bone, ich will Euch nicht betrügen, nur fürchte ich, es wird lange Zeit hingehen, ehe Ihr die ganze Bezahlung habt, wenn Ihr dieselbe nur in Waren aus meiner Vorratskammer entnehmt.«

»Um so besser, Master, es wird dauern, bis ich sterbe, und was dann bleibt, soll dem Jungen hier zugute kommen«, versetzte der alte Jäger, indem er seine Hand auf Johns Kopf legte.

»Bone«, sagte Mr. Campbell, ich habe nichts dagegen, daß der Junge gelegentlich mit Euch geht, aber ich kann ihm nicht erlauben, immer bei Euch zu sein. Ich wünsche, daß, wenn er Euch besucht, er stets am nächsten Tage wieder nach Hause kommt.«

»Aber das ist nicht verständig, Master. Wir verfolgen das Wild. Wer weiß da, wo wir's finden, wie lange wir seinethalben auf der Lauer liegen und wohin seine Fährte führt? Sollen wir die Jagd aufgeben, wenn wir ihm auf den Fersen sind, bloß weil die Zeit um ist? Das geht nicht. Ich will aus dem Jungen einen Jäger machen, und er muß sich daran gewöhnen, draußen zu schlafen, wie an alles andere, was zum Jägerhandwerk gehört. Sie müßten ihn länger bei mir lassen, und kommt er wieder nach Hause, auch länger dort behalten, wenn es recht ist. Wenn Sie wünschen, daß er ein Mann wird, so ist es um so besser für ihn, je länger er bei mir bleibt. Er soll alle Indianerkünste kennenlernen und im Winter übers Jahr soll er Biber fangen und Ihnen die Häute bringen.«

»Ich meine, Sir«, bemerkte Martin, »es hat alles Hand und Fuß, was der alte Mann sagt.«

»Das denke ich auch«, sagte Alfred, »im Grunde ist's nicht anderes, als wenn er auf die Schule geschickt wird. Laß ihn gehen, Vater, und nach Hause kommen wie zu den Ferien.«

»Ich will immer zu euch kommen, wenn ich Zeit habe«, sagte John.

»Ich bin von dem, was John sagt, befriedigter, als ihr alle euch denken könnt«, sagte Mrs. Campbell. »John ist ein ehrlicher Junge und sagt nichts, was er nicht hält.«

»Nun, meine Liebe, wenn du keinen Einwand erhebst, will ich auch keinen mehr erheben.«

»Ich denke, ich werde durch Johns Liebe mehr erreichen als durch Zwang. Er sagt, er will immer zu uns kommen, wenn er Zeit hat, und ich glaube ihm. Ich habe daher nichts dagegen, daß er jedesmal bei Malachi Bone wenigstens eine Woche bleibt.«

»Aber sein Unterricht, meine Liebe –«

»Er wird jetzt doch nichts lernen, solange er diese Sucht nach dem Walde hat, wenn ich mich so ausdrücken darf. Vielleicht ist er in ein bis zwei Jahren gelehriger. Wir sind jetzt in den Wäldern und zum Naturstudium zurückgekehrt; die ersten und wichtigsten Kenntnisse sind hier aber, daß man lernt, seinen Lebensunterhalt zu gewinnen.«

»Gut, meine Liebe, ich halte deine Ansichten für durchaus richtig. John mag darum zu Malachi Bone in die Schule gehen und uns besuchen, so oft er kann – und nun erwarte ich von dir, daß du der Nimrod des Westens wirst.«

Der alte Malachi war sehr verwundert über den Schluß dieser Rede. Alfred bemerkte sein Erstaunen und brach darüber in lautes Gelächter aus. Dann sagte er: »Der Sinn von alledem ist, daß John Vaters Erlaubnis hat, mit Euch zu gehen, und Ihr einen Mann aus ihm machen sollt.«

»Der, welcher ihn geschaffen hat, muß einen Mann aus ihm machen«, entgegnete Bone. »Ich kann nur einen guten Jäger aus ihm machen, und das soll geschehen, wenn ich und er am Leben bleiben. Doch Master, wenn Martin mir jetzt das Pulver und Blei geben könnte, so möchte ich wieder fort. Geht der Junge mit?«

»Ja, wenn Ihr wollt«, versetzte Mrs. Campbell. »Komm, John, sage mir Lebewohl und denke an dein Versprechen.«

John sagte der ganzen Familie Lebewohl und trollte dann hinter seinem Lehrmeister her.

Im Verlauf der nächsten vierzehn Tage kamen alle Dinge an ihren Platz, und die Familie fühlte sich mehr und mehr behaglich.

Mrs. Campbell und Percival übernahmen des Morgens alle Arbeit im Hause und in dessen Nähe. Letzterer sorgte namentlich für die Schweine und Hühner und holte Wasser vom Fluß. Mary und Emma melkten die Kühe und halfen dann ihrer Mutter den Tag über beim Waschen und Nähen. Mr. Campbell unterrichtete Percival, arbeitete im Garten und half, soviel er konnte, gerade da, wo man seiner am meisten bedurfte. Doch war er in zu hohem Alter, um noch schwere Arbeit verrichten zu können. Alfred, Henry und Martin Super waren von früh bis spät beschäftigt, das Land urbar zu machen und das Holz zu fällen. Jeden zweiten Tag ging der eine oder der andere mit Martin in den Wald, um Mundvorrat zu beschaffen. Sie brachten Hirsche und Rehe, Truthühner und anderes Wildbret nach Hause, das nebst einem Stück gepökelten Schweinefleisches sowie den Fischen, die man fing, für den Bedarf der Familie ausreichte. Percival durfte jetzt die Jäger begleiten und verstand schon ein wenig, die Büchse zu gebrauchen.

Um fünfeinhalb Uhr früh standen alle auf und um siebeneinhalb Uhr versammelten sie sich zum Frühstück. Sie speisten um ein Uhr zu Mittag und hatten eine vereinigte Tee- und Abendmahlzeit um sieben Uhr, worauf sie sich in der neunten Stunde zu Bett begaben.

Ehe zwei Monate verstrichen waren, ging alles wie ein Uhrwerk. Ein Tag glich so sehr dem anderen, daß die Zeit unmerklich dahinschwand und sie sich wunderten, wenn der Sonntag schon wieder da war. Sie hatten jetzt Zeit, um alles auszupacken. Die Bücher, die Mrs. Campbell ausgesucht und mitgebracht hatte, waren auf Brettern im Wohnzimmer aufgestellt worden. Doch noch fanden sie zum Lesen keine Muße, denn sie waren in der Regel, noch ehe der Tag zu Ende war, so müde, daß sie sich nur nach ihren Betten sehnten. Die einzige Erholungszeit am ganzen Tage war die nach dem Abendbrot, wo sie sich alle in der Küche zusammenfanden und über die Vorgänge sprachen, die sich auf der Jagd oder daheim ereignet hatten. Es war jetzt Mitte Oktober, und der Winter, dem sie mit einer gewissen Furcht entgegenblickten, nahte schnell. John hatte Wort gehalten. Er war bisweilen drei oder vier Tage abwesend, doch kam er dann regelmäßig nach Hause, um ein bis zwei Tage dort zu bleiben. Alfred und Martin hatten den Fischerkahn längst fertiggemacht, und da er leicht und bequem zu handhaben war, fuhren Henry und Percival damit hinaus, und auch John trieb, wenn er daheim war, gern mit letzterem eine halbe Meile in den See hinein, um nach kurzer Zeit mit einer Anzahl großer Fische zurückzukehren. Mrs. Campbell hatte deren schon so viele eingesalzen, daß ein ganzes Faß zum Wintervorrat gefüllt werden konnte.

Eines Tages wurden sie durch Hauptmann Sinclairs Erscheinen angenehm überrascht. Er war vom Fort hergewandert, um ihnen zu melden, daß das Heu jetzt eingebracht sei und ihnen in den nächsten Tagen herübergeschickt werden würde; auch teilte er Mr. Campbell mit, daß ihm der Kommandant einen jungen Ochsen ablassen könne, falls er denselben wünsche. Dieses Anerbieten wurde mit Freuden angenommen, und nachdem sich Hauptmann Sinclair am Mittagessen beteiligt hatte, sah er sich zur Rückkehr nach dem Fort genötigt, da er am Abend Dienst hatte. Bevor er schied, hatte er jedoch, ohne daß die übrigen es bemerkten, ein Gespräch mit Martin Super, worauf er Alfred einlud, ihn zur Festung zu begleiten und bis zum nächsten Morgen dort zu bleiben. Alfred willigte ein, und zwei Stunden vor Dunkelheit brachen sie auf. Sobald sie auf der entgegengesetzten Seite des Flusses waren, gesellte sich auch Martin Super zu ihnen.

»Zwei verschiedene Gründe bewogen mich, an Sie die Bitte zu richten, mich zurückzubegleiten«, sagte Hauptmann Sinclair zu Alfred. »Erstens möchte ich, daß Sie den Weg zur Festung kennenlernen für den Fall, daß wir den Winter über eine Verbindung brauchen, und zweitens wünschte ich mit Ihnen und Martin Super über Mitteilungen zu sprechen, die man uns betreffs der Indianer gemacht hat. Ich kann nur Ihnen allein erzählen, was ich in Gegenwart Ihrer Mutter und Basen nicht sagen mochte, da es sie in Unruhe versetzen würde. Die Sache ist die, daß wir vor einiger Zeit die Nachricht empfingen, daß die Indianer mehrere Beratungen gehabt haben. Es scheint nicht, als wenn sie schon etwas Bestimmtes beschlossen hätten, doch steht fest, daß sie sich nicht allzu weit von der Festung in großer Anzahl versammelt haben. Es unterliegt keinem Zweifel, daß französische Sendlinge sie zum Angriff gegen uns aufreizen. Nach dem, was wir erfahren konnten, waren sie jedoch untereinander noch nicht einig, und werden daher aller Wahrscheinlichkeit nach vor dem nächsten Jahre nichts versuchen, denn der Herbst ist die Jahreszeit für ihre kriegerischen Unternehmungen. Trotzdem haben wir noch keine Sicherheit, denn es ist ein großer Unterschied zwischen einer Vereinigung aller Stämme gegen uns und einem gewöhnlichen indianischen Kriegszuge. Wir müssen daher auf unserer Hut sein, denn wir haben es mit einem verräterischen Feinde zu tun. Und nun zu dem, was Sie bei dieser Sache angeht. Wenn die Indianer das Fort angreifen, so sind Sie an Ihrem jetzigen Ort natürlich nicht sicher, ja, unglücklicherweise dürften Sie dort nicht einmal sicher sein, wenn wir selbst unbehelligt bleiben. Denn wenn die Indianer sich sammeln, so sind immer Banden von fünf bis zehn Mann dabei, die, nachdem sie einmal ihre Wohnstätten verlassen haben, nicht ohne Beute heimkehren wollen. Sie müssen daher auf der Hut vor den Besuchen dieser Leute sein. Es trifft sich glücklich für Sie, daß der alte Bone seine Wohnstätte um mehrere Meilen weiter nach Westen verlegt hat und Sie in so gutem Einvernehmen mit ihm stehen, denn es ist nicht wahrscheinlich, daß sich irgendein Indianertrupp Ihnen nähern kann, ohne daß Malachi ihm oder seiner Spur vorher begegnet.«

»Das ist wahr, Hauptmann«, bemerkte Martin, »ich werde selbst zu ihm gehen und ihn warnen.«

»Aber werden sie ihn nicht zunächst angreifen, ehe sie auf uns losgehen?« fragte Alfred.

»Weshalb sollten sie?« versetzte Sinclair. »Er ist beinahe so gut ein Indianer wie sie und ist den meisten von ihnen bekannt. Was würden sie außerdem gewinnen, wenn sie ihn angriffen? Diese Streifzügler, die Sie zu fürchten haben, gehen nur auf Beute aus und erwarten nicht, in seinem Wigwam etwas anderes zu finden als höchstens einige Pelze. Nein, sie wagen sich nicht in die Nähe seiner Büchse, wenn dadurch nichts zu gewinnen ist. Ich erwähne dies alles, Alfred, damit Sie vorbereitet sind und ein wachsames Auge haben. Es ist leicht möglich, daß nichts geschieht und der Winter ohne jede Gefahr vorübergeht, deshalb spreche ich nur mit Ihnen und Martin darüber. Ich halte die Wahrscheinlichkeit nicht für groß genug, um es zu rechtfertigen, daß die übrigen Glieder Ihrer Familie, zumal die Damen, damit beunruhigt werden. Wieweit Sie es für rätlich halten, das Vorgefallene Ihrem Vater und Henry mitzuteilen, mögen Sie selbst entscheiden. Wie ich schon sagte, glaube ich nicht, daß Sie einen allgemeinen Angriff zu befürchten brauchen. Es ist zu spät im Jahre, und wir wissen, daß die Verhandlungen abbrachen, ohne daß es zu einer Entscheidung kam. Sie haben nur die Anschläge kleiner Räuberbanden zu fürchten, und um ihnen erfolgreichen Widerstand zu leisten, sind Sie meiner Ansicht nach stark genug, sowohl, was die Personenzahl wie auch den Verteidigungszustand Ihrer Wohnung betrifft.«

»Schön, Hauptmann, ich will Sie jetzt verlassen«, sagte Martin, »und für diese Nacht zum alten Malachi hinübergehen; denn mir scheint, daß ein Angriff zwischen dem Blätterfall und dem ersten Schnee wahrscheinlicher ist als später. Je eher ich darum Malachi zum Aufpassen veranlasse, desto besser. Guten Abend, Sir.«

Hauptmann Sinclair und Alfred setzten ihren Weg zur Festung fort. Sie hatten große Freundschaft miteinander geschlossen und ihr gegenseitiger Verkehr war ganz ungezwungen.

»Sie haben keinen Begriff, Alfred«, sagte Hauptmann Sinclair, »wie viel die eigentümliche Lage Ihrer Familie meine Gedanken in Anspruch nimmt. Es scheint mir beinahe wie Wahnsinn von seiten Ihres Vaters, Ihre Mutter und Basen an einen solchen Ort zu bringen, wo sie solchen Entbehrungen und Gefahren ausgesetzt sind. Ich kann des Nachts kaum schlafen, wenn ich daran denke, was alles geschehen könnte.«

»Ich glaube«, erwiderte Alfred, »daß sich mein Vater wohl kaum entschlossen hätte, England zu verlassen, wenn er genau gewußt hätte, wie seine hiesige Lage sich gestalten würde. Aber keine Furcht, Sinclair, wir werden schon durchkommen! Und brauchen wir Hilfe, so rufen wir Sie und eine Abteilung Soldaten.«

»Das würde seine großen Schwierigkeiten haben, Alfred«, entgegnete Hauptmann Sinclair, »denn wäre die Gefahr eine solche, um an den Kommandanten die Bitte zu stellen, so geböte dieselbe Gefahr auch, die Stärke der Festung nicht zu schwächen. Nein, Sie müßten in das Fort flüchten und Ihre Farm der Gnade der Indianer preisgeben.«

»Das wäre in der Tat das Gescheitere von beiden«, versetzte Alfred, »jedenfalls könnten wir die Frauen zu Ihnen schicken. Doch noch sind die Indianer nicht da, und wir wollen hoffen, daß sie überhaupt nicht kommen.«

Nach einer halben Stunde erreichten sie das Fort, wo Alfred von Oberst Forster, dessen besonderer Liebling er war, freundlichst begrüßt wurde. Der Oberst hielt mit seiner Ansicht nicht zurück, daß sich Mr. Campbell mit seiner Familie in einer etwas gefahrvollen Lage befände, und beklagte, daß die Damen dem unterworfen seien. Er deutete an, daß, falls Mrs. Campbell und die beiden Miß Percival den Winter im Fort zubringen wollten, er Einrichtungen treffen würde, um es ihnen dort bequem zu machen. Alfred entgegnete, er wäre überzeugt, daß kein Anlaß seine Mutter und seine Basen dahin bringen würden, den Vater zu verlassen: sie hätten sein Glück geteilt und wollten auch im Unglück bei ihm aushalten.

»Gut, mein lieber Freund, ich will nicht mehr darauf dringen. Denken Sie aber daran, daß ich immer bereit bin, Ihnen Beistand zu schicken, wenn derselbe nötig ist.«

»Ich habe daran gedacht, Oberst Forster, ob Sie nicht einige Raketen besitzen, die Sie mir geben könnten. Da wir noch keine Pferde haben, möchten sie in gewissen Fällen von Nutzen sein. Bei der Entfernung zwischen uns und Ihnen würde eine in der Nacht abgeschossene Rakete sogleich gesehen werden. Ich verspreche Ihnen, daß wir nur in äußerster Not zu diesem Mittel greifen werden.«

»Es freut mich, daß Sie dies erwähnt haben, Alfred; Sie sollen ein Dutzend Raketen mitnehmen. Sie kehren morgen mit dem Boot zurück, das Ihnen das Heu bringt, nicht wahr?«

»Ja, ich werde die Gelegenheit benutzen, um meine Schuhe zu schonen, da wir keinen Schuhmacher in der Nähe haben. Vermutlich ist es das letzte Boot in diesem Herbst?«

»Ja«, entgegnete der Oberst, »der Frost wird nun bald anfangen. Nach vierzehn Tagen werden wir wahrscheinlich schon von heftigem Schneefall heimgesucht werden, der den Boden bis zum Frühjahr bedeckt. Aber hoffentlich werden wir doch gelegentlich von Ihnen hören?«

»Ja, sobald ich mich mit meinen Schneeschuhen fortbewegen kann, werde ich Sie besuchen«, erwiderte Alfred, »aber ich muß diese Kunst erst lernen.«

Am folgenden Morgen war der Himmel klar und der Tag schön. Die Sonne schien auf das dunkle, rotgesprenkelte Laub der Eichen und beleuchtete die durchsichtigen gelben Blätter der Ahornbäume. Schon vor einem Monat war in zwei oder drei Nächten leichter Frost eingetreten; jetzt aber durfte man sich des sogenannten indianischen Sommers erfreuen, nämlich der Wiederkehr des schönen und ziemlich warmen Wetters.

Die Soldaten trugen geschäftig das Heu in die Boote, und noch vor der Mittagsstunde verabschiedete sich Alfred von Oberst Forster und den übrigen Offizieren der Festung, um sich, von Hauptmann Sinclair begleitet, zu dem Seegestade zu begeben. Alles war fertig, und Alfred bestieg das Boot. Hauptmann Sinclair hatte Dienst und durfte ihm daher nicht zur Ansiedlung folgen.

»Ich werde nicht unterlassen, der Schildwache die nötigen Vorschriften bezüglich der Raketen zu geben, Alfred«, sagte Hauptmann Sinclair; »teilen Sie das Ihrer Mutter und Ihren Basen mit, und denken Sie daran, ihnen zu zeigen, wie dieselben durch den Lauf der Musketen abgeschossen werden. Leben Sie wohl, lieber Freund.«

»Leben Sie wohl«, wiederholte Alfred, als die Boote vom Ufer abstießen.

Nach Alfreds Rückkehr vom Fort vergingen mehrere Tage ohne einen bemerkenswerten Vorfall. Martin hatte Malachi Bone besucht und von ihm das Versprechen erhalten, daß er auf der Lauer liegen und, sobald er feindliche Maßregeln von seiten der Indianer gewahr werde, Nachricht geben und Hilfe leisten wolle. Er sagte zu Martin, daß er in wenigen Tagen erforschen würde, was sich zugetragen und was man zu erwarten habe. Als Martin mit dieser Botschaft wiederkam, war Alfred zufriedengestellt. Er erzählte außer seinem Bruder Henry niemand etwas von der Mitteilung, die Hauptmann Sinclair ihm gemacht hatte. Die Eintönigkeit ihres Lebens wurde bald durch die Ankunft eines Korporals aus dem Fort unterbrochen, der die ersten Postsachen überbrachte, die sie seit ihrer Ankunft erhielten. Briefe, ja, Briefe, nicht nur aus Quebec, sondern sogar aus England wurden verkündet. Das ganze Haus war in Aufruhr; alle drängten sich um Mr. Campbell, während er die Siegel des großen Pakets erbrach. Zuerst ein Päckchen englischer Zeitungen vom Gouverneur aus Quebec, dann ein Brief von Mr. Campbells Quebecer Agenten – der betraf Geschäftliches und konnte später in Muße gelesen werden. Nun kamen die Briefe aus England, zwei lange, wohlgefüllte Briefe von Miß Paterson an Mary und Emma; ein anderer von Mr. Harvey aus England, und ein großer, auf Kanzleipapier, mit dem Vermerk: »Im Dienste Sr. Majestät« an Mr. Alfred Campbell gerichtet: Jeder griff nach seinem Brief und ging beiseite. Mrs. Campbell beobachtete besorgt Alfreds Miene, der nach einem flüchtigen Blick auf das Schreiben ausrief:

»Ich habe die Bestätigung meines Ranges, liebe Mutter, ich bin Leutnant im Dienste Seiner Majestät. Hurra! Auch ist ein Brief von Kapitän Lumley beigeschlossen; ich kenne seine Handschrift.«

Alfred empfing die Glückwünsche der ganzen Familie, gab seiner Mutter das amtliche Schreiben und begann dann Kapitän Lumleys Brief durchzulesen. Nach kurzem Schweigen, währenddessen alle mit ihren Briefen beschäftigt waren, sagte Mr. Campbell:

»Ich habe euch auch eine gute Nachricht mitzuteilen. Mr. Harvey meldet mir, daß Mr. Douglas Campbell die Gewächs- und Treibhäuser so wohlbesetzt findet, daß er sich für verpflichtet hält, mir die Pflanzen zu bezahlen. Dieselben sind auf siebenhundert Pfund geschätzt worden, und er hat dieses Geld meinem Agenten eingehändigt. Das ist außerordentlich großmütig von Mr. Douglas! Da ich beim Antritt meines Besitzes doch Gewächse vorfand, habe ich nicht im mindesten geglaubt, zu einer Entschädigung für das Zurückgelassene berechtigt zu sein. Ich bin indessen zu arm, um aus Zartgefühl sein Anerbieten auszuschlagen, und werde ihm daher schreiben und mich für sein hochherziges Handeln bedanken.«

Alfred hatte Kapitän Lumleys Brief beendet, der ihn sehr nachdenklich stimmte. Der Grund hiervon war, daß seine Beförderung und die Bemerkungen in Kapitän Lumleys Brief den alten Kummer über seinen Dienstaustritt von neuem weckten und ihn ganz traurig machten. Erst als seine Basen ihre Briefe vorlasen, gewann er seine frohe Stimmung wieder.

Endlich waren alle Briefe gelesen, und nun wurden die Zeitungen verteilt. An diesem Tage wurde nicht mehr gearbeitet, und am Abend saßen alle um das Küchenfeuer und sprachen über die erhaltenen Nachrichten, lange über die Zeit hinaus, zu welcher sie sich gewöhnlich zur Ruhe begaben.

»Ich habe daran gedacht, liebe Emilie«, sagte Mr. Campbell am nächsten Morgen, »wie gelegen uns dieser Geldzuschuß kommt. Meine Mittel waren, wie du aus der Berechnung meines Agenten in Quebec gesehen hast, nahezu erschöpft, und doch müssen wir uns noch viele Dinge anschaffen. Wir brauchen im nächsten Jahr Pferde und müssen unsere Vorräte in jeder Weise verstärken; auch würde es sehr vorteilhaft sein, wenn wir noch ein bis zwei Dienstleute halten könnten, denn je eher wir den Boden lichten, desto eher sind wir unabhängig.«

»Ich teile deine Ansicht; außerdem bekommen wir jetzt Alfreds Halbsold, der uns sehr helfen wird. Ich mußte in dieser Nacht an den armen Jungen mehr als an alles andere denken, denn ich beobachtete ihn, während er Kapitän Lumleys Brief las, und verstand gut, warum er nachher eine Zeitlang so ernsthaft dreinschaute. Beinahe hätte ich Lust, ihn zu seinem Beruf zurückkehren zu lassen; es wäre zwar sehr schmerzlich, sich von ihm trennen zu müssen, aber das Opfer von seiner Seite ist doch ein sehr großes.«

»Es ist aber seine Pflicht«, versetzte Mr. Campbell, »und vor allen Dingen ist es jetzt notwendig, daß er bei uns bleibt. Wenn wir erst besser angesiedelt sind und seine Hilfe entbehren können, wollen wir über die Sache sprechen.«

Mary und Emma waren inzwischen wie gewöhnlich hinausgegangen, um die Kühe zu melken. Es war ein herrlicher, klarer Morgen; die stärkende Luft belebte die Sinne und an den vom Wind geschützten Stellen verbreitete der Sonnenschein angenehme Wärme. Es mochte wohl einer der letzten schönen Tage vor dem Eintritt des Winters sein. Nachdem die beiden Mädchen die Kühe gemolken und wieder hinausgetrieben hatten, riefen sie Juno, eine Fuchshündin, und kehrten zum Hause zurück.

Juno war eine der fünf Hunde, die Hauptmann Sinclair von den Offizieren des Forts bekommen hatte. Es waren noch zwei Dachshunde, namens Trim und Snob, vorhanden – ersterer war ein kleines Tier und hielt sich meist im Hause auf, letzterer ein mächtiger, sehr wilder Bulldachs, ferner eine sehr hübsche junge Bulldogge, namens Bully, und Sancho, ein alter Jagdhund. Nachts waren die Hunde angebunden, und zwar Juno am Wirtschaftsgebäude, Bully und Snob an der Haustür innerhalb der Verschanzung, Trim im Hause und der alte Sancho bei der Wohnung Malachi Bones, wo die Kühe über Nacht standen. Mr. Campbell fand es anfangs kostspielig, die Tiere zu ernähren, doch seit Martin mit seinen Begleitern so oft Wild nach Hause brachte, war immer ausreichend Futter für sie vorhanden. Übrigens waren es lauter bissige und sehr mutige Tiere, denn sie waren in der Festung aufgezogen und zum Jagen jeglichen Wildes abgerichtet worden.

Das Wetter wurde jetzt immer kälter, und während der letzten beiden Tage war die Sonne nicht zum Vorschein gekommen; der Himmel zeigte ein gleichförmig düsteres, ernstes Grau, und alles verriet, daß der Winter dicht vor der Tür stand. Als Martin, der auf der Jagd gewesen war, nach Hause kam, mahnte er, sich auf einen plötzlichen Witterungswechsel vorzubereiten – eine Voraussage, die sich bald erfüllen sollte.

An einem Sonnabend, da es kälter als zuvor war, so daß die Familie sich um das Feuer versammelt hatte, verkündete das Rauschen der Bäume einen von Norden her kommenden Sturm.

»Bald wird er da sein«, bemerkte Martin, »der Winter fängt meist mit einem Sturm an.«

»Ja und es scheint ein starker Sturm zu werden«, entgegnete Alfred. »Horcht, wie die Äste der Bäume gegeneinander krachen.«

»Ich meine, wir holen unsere Schneeschuhe, John«, sagte Martin, »damit wir sehen, wie du mit ihnen vorwärts kommst, wenn du auf die Jagd gehst. Du hast noch kein Musetier geschossen.«

»Ist Musetier dasselbe wie Elenhirsch?« fragte Henry.

»Ich glaube nicht, Sir, aber ich habe das Tier mit beiden Namen nennen hören.«

»Habt Ihr jemals eins geschossen?« fragte Mrs. Campbell.

»Ja, Madam, mehr als eins. Es sind närrische Tiere. Sie laufen nicht wie das andere Wild, sie trotten aber ebenso schnell, und daher kommt es auf dasselbe heraus. Sie sind sehr scheu, und es hält schwer, ihnen nahezukommen, außer bei tiefem Schnee. Ihrer Schwere wegen kommen sie nicht wie das leichtere Wild darüber fort; sie sinken bis zur Schulter ein und stampfen dann herum, bis man sie eingeholt hat. Sie sehen, Master Percival, das Musetier kann keine Schneeschuhe anziehen, wie wir, und darum sind wir ihm gegenüber im Vorteil.«

»Sind die Tiere gefährlich, Martin?« fragte Mary Percival.

»Jedes große Tier ist gefährlich, wenn es sich zur Notwehr setzt, Miß. Das Geweih eines Musetiers wiegt manchmal fünfzig Pfund, und ein starkes Tier ist es obendrein, aber wenn tiefer Schnee liegt, kann es nichts machen. Wenn wir eins nach Hause bringen, wird es Ihnen jedenfalls gut schmecken.«

»Ich werde eins nach Hause bringen«, sagte John, der seine Büchse säuberte.

»Das wirst du wohl, sobald du nur deine Schneeschuhe regieren kannst«, entgegnete Martin. »Der Wind wird stärker. Ich glaube, du kannst morgen früh deinen Weg zu Malachis Wohnung nicht zurücklegen, Master John, wie du im Sinn hattest.«

»Es ist wirklich eine schreckliche Nacht«, bemerkte Mrs. Campbell, »und die Kälte wird sehr empfindlich.«

»Ja, Madam, aber sobald der Schnee herunter ist, wird es wärmer.«

Während der Nacht wuchs der Sturm zum Orkan. Die Bäume im Walde klapperten und krachten, stöhnten und sägten mit ihren langen Armen gegeneinander und verursachten einen entsetzlichen Lärm. Der Wind heulte um die Verschanzung und riß an der Rindenbekleidung des Daches herum, und obgleich alle im Bett lagen, konnte doch niemand schlafen. Es war das erstemal, daß das neue Haus einem Unwetter ausgesetzt war, und die wachen Bewohner beobachteten ängstlich die Wirkung. Gegen Morgen legte sich der Sturm. Infolge der schlaflosen Nacht war man nicht so früh auf den Beinen. Als Mary und Emma aus ihrem Zimmer traten, fanden sie Martin und Alfred schon emsig mit Schaufeln beschäftigt. Zu ihrem Erstaunen bemerkten sie, daß der Schnee hoch den Boden bedeckte und sich an manchen Stellen so angesammelt hatte, daß er über ihre Köpfe ragte.

»Ach, Alfred«, rief Emma, »wie sollen wir heute zu den Kühen kommen. Der Winter kommt hier wirklich ohne Vorboten.«

»Es schneit noch«, bemerkte Mary, »nicht stark freilich, aber der Himmel ist sehr dunkel.«

»Ja, Miß, wir werden noch mehr Schnee bekommen«, versetzte Martin; »Mr. Campbell und Henry sind nach dem Wirtschaftsgebäude gegangen, um noch mehr Schaufeln zu holen, denn wir müssen hart arbeiten, um einen Fußweg herzustellen und den Schnee nachher gegen die Palisaden aufzuhäufen.«

»Welch plötzlicher Wechsel«, sagte Emma. »Ich wünschte, der Himmel würde klar, dann machte ich mir nichts daraus.«

»Das wird er morgen sicherlich, Miß Emma, aber erst muß der Schnee herunterkommen.«

Martin und Alfred hatten nur Zeit, einen Weg bis zum Wirtschaftsgebäude zu bahnen, bis Mr. Campbell und Henry mit Schaufeln zurückkehrten. Sobald das Frühstück vorüber war, begaben sie sich wieder an die Arbeit. Da es für Mary und Emma unmöglich war, das Melken der Kühe zu besorgen, übernahm Martin dies Geschäft so lange, bis der Fußweg zur Wohnung des Jägers, worin sich die Tiere befanden, geebnet war.

Auf Martins Rat wurde der bei den Palisaden befindliche Schnee wie eine Mauer gegen das Staket aufgetürmt, so hoch sie nur reichen und werfen konnten, wodurch sie ihn aus der Nähe des Hauses entfernten und zugleich eine Schutzwand gegen die eisigen Winde schufen. Alle arbeiteten tüchtig; Percival und John machten sich sehr nützlich, und sogar Mrs. Campbell und die Mädchen halfen, indem sie die Fenstersimse, sowie andere Teile des Hauses, säuberten. Zu Mittag hörte der Schneefall auf, der Himmel klärte sich, und die Sonne schien wieder hell, obwohl sie wenig Wärme spendete.

Nach dem Mittagessen begannen sie einen Pfad zur Kuhhütte zu schaufeln; vor Einbruch der Nacht hatten sie ihre Aufgabe bis zu der über den Fluß führenden Brücke bewältigt, die etwa die Hälfte des Weges bildete. Es war ein Tag voll großer Anstrengungen gewesen, und alle waren froh, zur Ruhe gehen zu können. Mrs. Campbell und die Mädchen hatten Sorge für die Betten getragen, und zu den bisherigen Decken und Fellen noch andere hinzugefügt, denn die Kälte war jetzt scharf.

Am nächsten Morgen führten sie ihr Werk fort; der Himmel war noch unbewölkt, und die Sonne schien klar. Zur Mittagszeit war der Weg zum Kuhhause fertig, und die Männer waren nun bis zur Dunkelheit bemüht, soviel Brennholz wie möglich herbeizuschaffen.

»So«, bemerkte Alfred, »nun kann es im Hause wie gewöhnlich zugehen; was haben wir aber außerhalb zu tun, Martin?«

»Zunächst müßten Sie Ihre Schneeschuhe anziehen und damit gehen lernen«, erwiderte Martin, »sonst sind Sie so gut ein Gefangener wie die Damen. – Du stehst, John, du bist nicht in Malachis Hause.«

»Gehe morgen«, entgegnete John.

»Nein, morgen nicht, denn ich muß mit dir gehen«, sagte Martin, »ich kann mich nicht darauf verlassen, daß du deinen Weg findest, und morgen oder übermorgen kann ich nicht gehen. Wir müssen morgen unser Rind schlachten, es ist nicht mehr Mangel zu befürchten, es reicht alles den Winter durch, und wir können unser Heu sparen.«

»Meine Speisekammer ist sehr spärlich ausgestattet«, bemerkte Mrs. Campbell.

»Schadet nichts, Madame, wir werden bald etwas darin haben, so daß wir unser Rindfleisch schonen können. Nach acht Tagen werden Sie sie gut gefüllt haben.«

»John«, sagte Mr. Campbell, »bedenke, daß du nicht ohne Martin fortgehen darfst.«

»Will auch nicht«, antwortete John.

Als alles Wild aus der Speisekammer verzehrt war, speisten sie von dem gepökelten Schweinefleisch und den eingesalzenen Fischen.

»Wo seid Ihr geboren, Martin«, fragte Henry, während sie eines Abends wie gewöhnlich um das Küchenfeuer saßen.

»In Quebec. Mein Vater war Korporal unter General Wolfe und wurde in der großen Schlacht mit dem Franzosen Montcalm verwundet. Meine Mutter war eine Engländerin, und ich wurde etwa vier Jahre nach der Übergabe Quebecs geboren. Bald darauf starb meine Mutter, mein Vater aber lebte, glaube ich, noch bis vor fünf Jahren. Ich weiß es nicht genau, denn ich war drei oder vier Jahre bei der Pelzkompagnie im Dienst und erfuhr erst, als ich zurückkam, daß er tot war.«

»Und Ihr seid Euer ganzes Leben lang ein Jäger gewesen?«

»Mein ganzes Leben lang nicht und auch nicht eigentlich ein Jäger. Ich nenne mich einen Trapper, bin aber beides. Als ich etwa vierzehn Jahre alt war, zog ich zuerst mit den Indianern aus, denn, wissen Sie, mein Vater wollte einen Trommler aus mir machen, mir aber paßte das nicht. Darum sagte ich zu ihm: Vater, ich will kein Trommler werden. Gut, sagte er, Martin, dann hilf dir selbst, denn mein ganzer Einfluß bezieht sich auf die Armee. Das will ich, Vater, sagte ich, ich geh fort in die Wälder. Gut, sagte er, wie du willst, Martin. Da sagte ich ihm eines Tages Lebewohl und sah ihn zwei Jahre lang nicht wieder.«

»Nun, und was geschah dann?«

»Ei, ich brachte drei oder vier Pakete schöner Häute nach Hause, die ich gut verkaufte. Das gefiel dem Vater so, daß er davon sprach, selbst Trapper zu werden; aber ich sagte dem alten Mann, daß ein Mensch mit einem lahmen Fuß sein Brot nicht mit Jagen in den Wäldern Kanadas gewinnen könnte.«

»War Euer Vater noch in der Armee?«

»Nein, Madam, in der Armee nicht; aber man beschäftigte ihn in den Magazinen; seiner Wunde wegen gaben sie ihm den Ruheposten.«

»Gut, fahrt fort, Martin.«

»Ich hab' nicht mehr viel zu sagen, Madam. Ich brachte meine Pelze nach Hause, verkaufte sie, und der Vater half mir, solange er lebte, Geld ausgeben und nahm seinen Anteil reichlich. Mir kam es ganz eigentümlich vor, als ich von der Pelzgesellschaft zurückkam und hörte, daß der alte Mann tot war; denn ich hatte mit Vergnügen an die Zeit gedacht, wo er mich begrüßen und wie gewöhnlich an meinen Freuden teilnehmen würde.«

»Ich fürchte, jene Freuden waren nicht sehr verständig, Martin.«

»Nein, Herr, sie waren sehr töricht, glaube ich, aber das ist immer so bei den Trappern. Wir sind wie die Seeleute; wenn wir Geld bekommen, wissen wir nicht, was wir damit machen sollen. Darum werfen wir es fort, je eher, je lieber, denn solange wir es haben, ist es unser Feind. Ich kann Ihnen versichern, Herr, daß ich mich immer ganz glücklich fühlte, wenn mein Geld fort war und ich wieder nach den Wäldern aufbrach. Es ist ein schweres Leben; aber wer es kennt, gewinnt es sehr lieb und wird für alles andere untauglich. Zur Abwechslung lasse ich es mir bei Ihnen gefallen, und solange ich auf die Jagd gehen kann, ist es beinahe so schön, als wenn ich in den Wäldern wäre; aber im übrigen denke ich als Trapper zu sterben.«

»Aber, Martin«, sagte Mr. Campbell, »wieviel vernünftiger tätet Ihr, Geld zu sparen, nach einiger Zeit eine Farm zu kaufen und Euch als seßhafter Mann auf eigenem Besitz niederzulassen – vielleicht zu verheiraten und Familienvater zu werden.«

»Das möchte wohl sein; aber mir würde es nicht so gut gefallen, wie Pelztiere zu fangen, und ich sehe auch nicht ein, wozu ich das tun sollte; ich würde mein Leben um anderer und nicht um meiner selbst willen ändern.«

»Das ist sehr wahr, Martin«, sagte Alfred lachend.

»Vielleicht denkt Martin, ehe er ein alter Mann wird, noch anders darüber«, meinte Mrs. Campbell. »Aber um Gotteswillen! Was war das für ein Lärm?« rief sie erschrocken aus, als sich draußen ein lautes Geheul vernehmen ließ.

»Nur ein Wolf, Madam. Jetzt, wo der Schnee gefallen und der Winter eingetreten ist, müssen wir darauf gefaßt sein, daß diese Tiere in unsere Nähe kommen.«

»Wölfe! Sind die nicht gefährlich, Martin?« fragte Mary Percival.

»Das kommt darauf an, wie hungrig sie sind, Miß, doch greifen sie ein menschliches Wesen nicht gern an. Wenn wir Schafe draußen hätten, möchte ihnen wohl nichts Gutes bevorstehen.«

Das Geheul wiederholte sich, und einige Hunde, die ins Haus gelassen wurden und jetzt vor dem Feuer ausgestreckt lagen, sprangen auf und knurrten.

»Sie hören ihn, Madam, und wenn wir sie hinausließen, säßen sie bald auf ihm. Nein, John, bleib still sitzen und lege deine Büchse fort; wir können uns nicht damit befassen, Wölfe zu schießen; ihre Haut gilt nicht einen halben Dollar, und das Fleisch frißt nicht einmal ein Hund. Laß das Biest heulen, bis es ihm über wird; vor Tagesanbruch ist es längst wieder in die Wälder zurück.«

»Für mich liegt in diesem Geheul etwas Schreckliches«, sagte Emma; »es macht mir angst.«

»Was, Emma, Angst?« fragte Alfred, zu ihr tretend. »Ja wirklich, sie zittert! Laß nur, Emma, bald wirst du dich daran gewöhnen.«

»Das will ich hoffen, Alfred«, versetzte Emma und fuhr von neuem zusammen, als sich das Geheul wiederholte.

»Ich muß sagen, daß ein Wolf mir auch nicht gerade eine angenehme Empfindung einflößt«, bemerkte Mrs. Campbell, »aber ich war, ehe wir herkamen, schon auf dergleichen gefaßt, und wenn uns immer nur das Geschrei eines wilden Tieres beunruhigt, so kommen wir noch gut davon.«

»Mir wäre es behaglicher, wenn alle Büchsen geladen wären«, sagte Mary in ihrer gewöhnlichen ruhigen Weise.

»Mir auch«, fügte Emma hinzu.

»Nun, wenn das eure Gemüter zu beruhigen vermag, so ist es ja leicht getan«, sagt Mrs. Campbell. »Wir wollen unsere Büchsen laden und auf ihre Plätze zurückstellen.«

»Meine ist geladen«, rief John.

»Auch die andern werden es bald sein«, sagte Alfred, »selbst die drei, die für Mutter und Basen bestimmt sind. Fühlt ihr nicht eine gewisse Befriedigung in dem Bewußtsein, sie selbst laden und abfeuern zu können? Eure Schießübung während des schönen Wetters war doch nicht umsonst, nicht wahr, liebe Emma?«

»Nein, gewiß nicht, ich bin sehr froh, daß ich schießen lernte. Ich bin ein Hasenfuß mit meiner Besorgnis, Alfred, aber vielleicht benehme ich mich besser, wenn ich auf die Probe gestellt werde.«

»Das glaube ich in der Tat«, entgegnete Alfred; »ein Sturm klingt ganz schrecklich, wenn man unten in der Hängematte herumgeschüttelt wird, ist man aber auf Deck, so fragt man keinen Deut danach. Jetzt sind die Büchsen alle geladen, und wir können ruhig zu Bett gehen.«

Sie zogen sich zur Ruhe zurück: aber nicht alle schliefen fest. Das Geheul des einen Wolfes wurde durch das eines anderen beantwortet. Emma und Mary hielten sich fest umschlungen. Sie schauderten bei diesen Tönen, und es dauerte lange, ehe sie ihren Schrecken so weit überwanden, um einzuschlafen.

Der Morgen war hell; Mary und Emma gingen, von Alfred begleitet, zum Melken der Kühe hinaus. Die Kälte war erheblich, doch alles funkelte im Sonnenschein, und dieser Anblick ließ sie wieder ganz wohlgemut werden. Noch war der See nicht zugefroren, und sein Gewässer bildete einen lebhaften Gegensatz zu der ganz mit Schnee bedeckten Landschaft, während auf den schwerbeladenen Zweigen der Rottannen reines Weiß und dunkelstes Grün miteinander wechselten. Vögel ließen sich weder sehen noch hören.

Alles war ruhig, so ruhig, daß sie, während sie den zur Kuhhütte gebahnten Weg entlangschritten, beinahe über den Laut ihrer eigenen Stimmen erschraken, die bei der jetzigen Luftbeschaffenheit eigentümlich klangvoll und hell ertönten. Alfred hatte die Büchse auf der Schulter und schritt seinen Basen voran.

»Ich bin nur gekommen, um dir zu beweisen, daß deine Furcht grundlos ist und du dich um einen schleichenden Wolf nicht zu beunruhigen brauchst«, sagte Alfred.

»Das mag wohl sein«, versetzte Emma, »doch sind wir immerhin froh über deine Begleitung.«

Ohne Abenteuer langten sie bei der Kuhhütte an, ließen Sancho los, der dort angebunden war, da sie ihn mit nach Hause zu den übrigen Hunden nehmen wollten, und machten sich daran, die Kühe zu melken. Als diese Aufgabe erfüllt und die Tiere mit Futter versehen waren, bemerkte Mary, während sie ihre Schritte heimwärts lenkten: »Ich muß sagen, ich hielte es für angenehmer, wenn die Kühe näher am Hause gehalten würden.«

»Sicherlich wäre es das«, entgegnete Alfred. »Schade, daß kein Kuhstall innerhalb des Palisadenzaunes ist; aber jetzt besitzen wir nicht die Mittel, einen solchen zu bauen. Nächstes Jahr, wenn Vater Pferde und Schafe gekauft hat, werden wir einen regelrechten Hof aufbauen, mit Ställen für alle Tiere, und in der Nähe des Hauses. Hierauf umgeben wir dieselben ebenfalls mit Palisaden und machen zwischen beiden Umzäunungen einen Durchgang – dann haben wir alles bequem. Aber wir müssen bis zum nächsten Frühling damit warten.«

»Und uns inzwischen von Wölfen verzehren lassen«, versetzte Emma lachend.

»Nun, mir scheint, du überwindest deine Furcht schon.«

»Ja, ich bin jetzt ganz kühn, wo ich denke, daß kein Grund zur Furcht vorhanden ist.«

Der Rest der Woche verstrich, indem die männlichen Familienmitglieder Versuche mit ihren Schneeschuhen anstellten, während sich die Frauen bei der strengen Kälte kaum aus der Tür wagten. In den ersten drei bis vier Tagen begleitete Alfred die beiden Mädchen stets; doch, obwohl sich das Heulen der Wölfe jede Nacht hören ließ, faßten sie, da sie sahen, daß sich die Tiere bei Tage nie blicken ließen, wieder Mut und wanderten nun wieder allein zum Melken der Kühe.

Am Sonnabend hofften sie, Malachi Bone bei sich zu sehen. Aber er erschien nicht, und John, der jetzt schon sehr gut mit seinen Schneeschuhen vorwärts kam, wurde ungeduldig. Auch Alfred und Martin trugen Verlangen, den alten Mann zu sehen, um zu erfahren, ob er in bezug auf die Indianer irgend etwas entdeckt habe.

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