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Gutenberg > John Henry Mackay >

Die Anarchisten

John Henry Mackay: Die Anarchisten - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Henry Mackay
titleDie Anarchisten
publisherVerlag der Neuen Gesellschaft
printrunFünfte Auflage, 11. und 12. Tausend
year1924
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080615
projectid90b8d185
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Siebentes Kapitel

Die Tragödie von Chicago

In drohende Wolken von Rauch und Blut schienen die Tage gehüllt, mit denen die zweite Woche des November begann. Während in London der Schrei nach »Arbeit oder Brot« immer furchtbarer in die Ohren der privilegierten Räuber und ihrer Beschützer drang, waren die Augen einer Welt nach Chicago gerichtet, auf die erhobene Hand der Gewalt. Würde sie fallen? Oder ›begnadigend‹ sich senken? –

Die Ereignisse des Tages überhäuften und überstürzten sich.

Auban hatte die ersten Tage der Woche in seinem Bureau verbracht, hart arbeitend, denn er wollte sich die beiden letzten möglichst frei halten.

Als er Mittwoch nach dem Lunch sein Kaffeehaus aufsuchte, sah er Fleet Street und Strand besät mit buntfarbigen Flaggen und Wimpeln, die sich seltsam von dem trostlosen Grau des Himmels, dem schlammigen Schwarz des Straßenschmutzes und den gestauten Menschenmassen, welche die Trottoirs zu beiden Seiten undurchdringlich besetzt hielten, abhoben. Lord Mayors Show! Der neugewählte Bürgermeister der Stadt hielt alter Sitte gemäß seinen pompaften Umzug und das Volk vergaß auf einige Stunden bei dem Anblick des bunten, kindischen Schwindels seinen Hunger.

Welche Zeit! dachte Auban. 10 000 Pfund bezahlt die Stadt jährlich diesem nichtsnutzigen Schwätzer für seine wertlosen Geschäfte und während er in Guildhall mit schwelgerischem Raffinement tafelt, zernagt der Hunger nach einem Stück Brot diese ungezählten Tausende!

Er wollte Nichts sehen von der Prozession. Er suchte sich seinen Weg durch halbleere Nebengassen. Ein feiner Regen träufelte unablässig nieder. Mit der Feuchtigkeit durchdrang Kälte und Unbehagen die Kleider.

Er kaufte sich eine Morgenzeitung und durchflog sie hastig. Trafalgar Square auf jeder Spalte! Versammlungen der Arbeitslosen Tag für Tag – Heute erlaubt, Morgen verboten... Verhaftungen der Redner... – Beunruhigende Gerüchte aus Deutschland: die Krankheit des Thronfolgers soll unheilbar sein... leise, ängstliche Vermutungen über ihre Natur... Krebs... die Wendung im Schicksal eines Landes zum Guten oder Bösen abhängig von dem Leben und Sterben eines Mannes!... – Frankreich – Nichts... – Chicago!... Kurze Notizen über die Begnadigungsbriefe von vieren unter den Verurtheilten an den Gouverneur von Illinois, in dessen Hand nach Verwerfung des neuen Prozesses nun die letzte Entscheidung liegt... über den Fund von Bomben in einer Zelle... Natürlich! –: die Stimmung in weiten Kreisen ist den Verurtheilten zu günstig. Da werden plötzlich Bomben ›gefunden‹ – gefunden in einer Nacht und Tag bewachten Gefängnißzelle! – und sie schlägt wieder um! – Allzu gelegen kam dieser Fund in einem Augenblicke, wo die Gesuche um Begnadigung sich mit Hunderttausenden von Unterschriften bedeckten, die, wie die Zeitungen eindringlich illustrierten, aneinandergelegt einen Raum von elf Meilen in die Länge bedecken konnten, als daß die bewußte, überlegte Absicht dieser Nachricht nicht unverkennbar gewesen wäre.

Auban ballte die Zeitung zusammen und warf sie von sich. Nun hatte er keine Hoffnung mehr. In entsetzlicher Deutlichkeit stiegen die kommenden Tage vor ihm auf und der Frost schüttelte ihn wie Fieber.

*

Der elfte November fiel auf den Freitag. Vor dem mit Papieren, Zeitungsblättern und Büchern überladenen Tisch in seinem Zimmer saß Auban. Es war um die fünfte Stunde des Nachmittags und das Licht des Tages erlosch zwischen den trüben Straßenreihen.

Auban hatte den ganzen Tag damit verbracht, um noch ein Mal aus der Fülle des Materials, das ihm sein amerikanischer Freund vollständig zur Verfügung gestellt hatte, die Tragödie, über deren letztem Akt sich heute der Vorhang gesenkt hatte, in jeder einzelnen ihrer Szenen, von Beginn bis zu Ende, vor sich abspielen zu lassen.

Was er in allen seinen Theilen – miterlebend – entstehen und wachsen gesehen hatte, stand nun vor ihm als geschlossenes Ganze.

Aber immer noch wühlten seine Finger in den übereinander gehäuften Zeitungen und durchblätterten die Broschüren in nervöser Hast, als suche er noch nach diesem und jenem Punkt, auf den das Licht noch nicht hell genug gefallen war.

Die Unmöglichkeit seiner heutiger Arbeit, in voller Deutlichkeit das Ganze, wie das Einzelne zu durchschauen, quälte ihn bis zur Verzweiflung. Die Widersprüche waren zu zahlreich. Nie würde sich die Tragödie völlig erhellen, über welche heute der letzte Schleier gefallen war.

Dennoch hoben sich in starrer Erkennbarkeit die Tatsachen vor Auban empor.

Vor seinem Geiste steht Chicago, der Vereinigten Staaten zweitgrößte Stadt: vor fünfzig Jahren noch ein kleines Grenzdorf, vor zwanzig ein Trümmerhaufen, durch Feuersbrunst zu ihm geworden über Nacht, aber über Tag wieder erstanden, heute die prächtige Stadt an dem großen See, der große Kornspeicher der Welt, der Mittelpunkt eines unermeßlichen Verkehrs, überschäumend im Besitz einer Kraft, von welcher das alternde Leben des Ostens Nichts mehr weiß... In dieser Stadt des rapiden Wachsthums mit ihrer nun fast erreichten Million Einwohner, von denen der dritte Teil Deutsche sind, in ihrer ganzen furchtbaren Deutlichkeit die Folgen der staatlich bevorrechteten Ausbeutung menschlicher Kraft: das Ansammeln des Wohlstandes in einzelnen Händen zu schwindelhafter Höhe und in treuer Wechselwirkung damit immer größere Massen an den Rand der Unmöglichkeit, ihr Leben zu fristen, getrieben... Und in diese gärende Stadt, wie ein neuer und furchtbarer Brand, die Fackel der sozialen Lehre geworfen: geschürt von tausend Händen greift die Glut mit einer Schnelligkeit um sich, welche die Tage der Revolution als gekommen erscheinen läßt...

Die Gewalthaber schicken ihre Polizisten; und das Volk schickt seine Führer, hinter die es sich stellt. Jene knütteln und schießen streikende Arbeiter nieder; und diese rufen mit schallender Stimme: » To arms! To arms!« – und zeigen den Wahlspruch: »Proletarier, bewaffnet Euch!« als einzige Rettung.

Gewalt gegen Gewalt! Thorheit gegen Thorheit!

Die Bewegung zu Gunsten des achtstündigen Arbeitstages in den Vereinigten Staaten, die »Achtstundenbewegung«, deren Beginn um fast zwei Jahrzehnte zurückdatiert und als deren Ende von einer Million Arbeitern, den » Knights of Labouur« mit 400 000 Arbeitern und den » Federated Trades Unions« mit einer gleichen Anzahl an der Spitze, dem ersten Mai des Jahres 1886 entgegengesehen wird, ist das Ziel, um das von beiden Seiten gleich leidenschaftlich gekämpft wird... Was die Forderungen früherer Jahre als ›Recht‹ bereits hier und da auf dem Papier erobert hatten, blieb unerworbenes Recht.

Die 1883 gegründete »Internationale Arbeiter-Assoziation« von Revolutionären deutscher Zunge in Chicago, die sich Anarchisten nannten, aber die kommunistische Lehre des gemeinschaftlichen Besitzes vertheidigten, nimmt, obwohl sie in dem allgemeinen Wahlrecht nur ein Mittel sehen, die Arbeiter durch Vorspiegelung der Erlangung politischer Rechte von der Erwerbung ihrer ökonomischen Gleichberechtigung abzuhalten, dennoch, um sich ein wichtiges Propagandafeld nicht entgehen zu lassen, Stellung in dieser Frage, die bald zu der einzigen Frage des Tages wird...

Dem 1. Mai gehen in Chicago, dem Mittelpunkt der Achtstundenbewegung, unerwartete Ereignisse voran: die Schließung einer großen Fabrik – die dadurch erfolgte Brodlosmachung von 1200 Arbeitern – haben Versammlungen zufolge, auf denen es zu ernsten Zusammenstößen mit den uniformierten, und den nichtuniformierten Polizisten, den Privatdetektivs der Pinkertonschen Schutz-Patrouillen im speziellen Dienst der Kapitalisten, den berüchtigten »Pinkertonianern«, kommt...

So wird am 3. Mai, nachdem an dem so lange erwarteten Ersten in Chicago allein mehr als 40 000 Arbeiter, in den Staaten aber 360 000 die Arbeit niedergelegt haben, von denselben ein Angriff auf die Arbeiter gemacht, und eine große Anzahl von diesen verwundet. Die Versammlung des 4. Mai, auf den Haymarket einberufen von dem »Exekutivkomitee« der I. A. A., hat den Zweck, gegen diese Frevelthaten der gesetzlichen Gewalt zu protestieren.

An demselben Tage noch wird von einem der Führer, dem Redakteur der großen deutschen »Arbeiter-Zeitung«, ein Zirkular geschrieben, das unter dem Namen »Rache-Zirkular« zu einer entsetzlichen Berühmtheit gelangen sollte.

Es ist in zwei Sprachen geschrieben: das englische wendet sich an die amerikanischen Arbeiter, die es auffordert, sich ihrer Vorfahren würdig zu zeigen und sich zu erheben, »wie Herkules in seiner Kraft«; das deutsche lautet:

»Rache! Rache!
»Arbeiter, zu den Waffen!

»Arbeitendes Volk, heute Nachmittag mordeten die Bluthunde, Eure Ausbeuter, sechs Eurer Brüder draußen bei Mc. Cormicks. Warum mordeten sie dieselben? Weil sie den Muth hatten, mit dem Loos unzufrieden zu sein, welches Eure Ausbeuter ihnen beschieden haben. Sie forderten Brod, man antwortete ihnen mit Blei, eingedenk der Thatsache, daß man damit das Volk am Wirksamsten zum Schweigen bringen kann! Viele, viele Jahre habt Ihr alle Demütigungen ohne Widerspruch ertragen, habt Euch vom frühen Morgen bis zum späten Abend geschunden, habt Entbehrungen jeder Art ertragen, habt Eure Kinder selbst geopfert – Alles, um die Schatzkammern Eurer Herren zu füllen, Alles für sie! Und jetzt, wo Ihr vor sie hintretet und sie ersucht, Eure Bürde etwas zu erleichtern, da Hetzen sie zum Dank für Eure Opfer ihre Bluthunde, die Polizei, auf Euch, um Euch mit Bleikugeln von der Unzufriedenheit zu kurieren. Sklaven, wir fragen und beschwören Euch bei Allem, was Euch heilig und werth ist, rächt diesen scheußlichen Mord, den man Heute an Euren Brüdern beging und vielleicht Morgen schon an Euch begehen wird. Arbeitendes Volk, Herkules, Du bist am Scheidewege angelangt. Wofür entscheidest Du Dich? Für Sklaverei und Hunger, oder für Freiheit und Brot? Entscheidest Du Dich für das Letztere, dann säume keinen Augenblick; dann, Volk, zu den Waffen! Vernichtung den menschlichen Bestien, die sich Deine Herrscher nennen! Rücksichtslose Vernichtung ihnen – das muß Deine Losung sein! Denk' der Helden, deren Blut den Weg zum Fortschritt, zur Freiheit und zur Menschlichkeit gedüngt – und strebe, ihrer würdig zu werden!

Eure Brüder.«

Die Versammlung auf dem Haymarket am Abend des 4. Mai ist eine so ordentliche, daß der Bürgermeister der Stadt, der mit der Absicht gekommen war, die Versammlung beim ersten Anzeichen von Unordnung zu schließen, dem Polizeikapitän bedeutet, er möge seine Leute nach Hause schicken.

Der Wagen, von welchem herunter die Redner sprechen, steht in einer der großen Straßen, die auf den Heumarkt münden. Einige tausend Menschen umgeben ihn, die ruhig erst den Worten des Verfassers des Manifestes, dann dem ausgedehnten Vortrag eines englischen Leaders über die Achtstundenbewegung folgen; es sind viele Details in ihnen, die das Verhältniß des Kapitals zur Arbeit betreffen.

Ein dritter Redner spricht ebenfalls englisch.

Am Himmel steigen Wolken auf, die mit Regen drohen, und der größte Teil der Zuhörer verläuft sich. Da macht, als der letzte Redner schließen will, die Polizei in einer Stärke von hundert Mann einen geschlossenen Angriff auf die noch Zurückgebliebenen. In diesem Augenblick fällt, von unsichtbarer Hand geschleudert, eine Bombe in die Reihen der Angreifer. Sie tötet auf der Stelle einen derselben, verwundet sechs andere tödlich, verletzt eine große Anzahl, etwa fünfzig. Unter mörderischem Feuer der Polizei flüchten sich die Reste der Versammlung in die Nebenstraßen...

In Chicago herrscht der Wahnsinn der Furcht. Keiner unter den Gegnern sieht in dem Bombenwurf die Selbstverteidigung eines zur Verzweiflung Getriebenen. Und während in den Arbeiterkreisen die falsche Annahme um sich wuchert, es sei die berechnete Tat eines Polizeiagenten, die dem bedrohten und schreckbebenden Kapital ermöglichen sollte, einen tödlichen Schlag gegen die Achtstundenbewegung zu führen, bearbeitet die im Solde dieses Kapitals stehende Presse die öffentliche Meinung mit ungeheuerlichen Gerüchten von blutigen Verschwörungen gegen »Recht und Gesetz«, mit der Wiedergabe von aufreizenden Stellen aus Zeitungsartikeln und Reden, während sie selbst als das beste Mittel, den Hunger der Tramps zu stillen, Blei und Kugeln, und für die Arbeitslosen die Mischung von Arsenik in ihre Mahlzeiten, um sie los zu werden, empfohlen hatte...

Die drei Redner des Abends werden verhaftet. Ebenso vier weitere bekannte Persönlichkeiten aus der Bewegung; ein achter, der Herausgeber des englischen Arbeiterblattes, des »Alarm«, ein Amerikaner, stellt sich später freiwillig... Von den Vielen, welche eingezogen und verhört waren, werden diese acht zurückbehalten und vor die Schranken des Gerichts gefordert. So standen die Tatsachen der Vorgeschichte vor Aubans Augen: eine Schlacht war geschlagen worden in dem großen Kriege zwischen Kapital und Arbeit, und die Sieger setzten sich nun zu Gericht über ihre Gefangenen.

Dem Kampfe aber war für geraume Zeit ein jähes: Halt! – geboten.

Der zweite Akt der Tragödie beginnt: der Prozeß.

Vor Aubans Augen hebt sich langsam der Vorhang von dem Prozeß, wie er ihn verfolgt hatte in allen seinen Stadien nach den zahllosen Berichten der Zeitungen, wie er ihn kannte aus den Reden der Verurteilten, und wie er ihn heule wieder durchgearbeitet nach den Auszügen der Akten, die dem Supreme Court von Illinois übergeben waren.

Es war in der Tat eine mühsame Arbeit gewesen, der er den heutigen Tag gewidmet. Doppelt mühsam für ihn in der fremden, der seinen so fremden Sprache. Aber er wollte noch einmal und zum letzten Mal prüfen, ob die Gegner wenigstens den Schein des Rechtes auf ihrer Seite hatten.

Auch von diesem Standpunkte aus ist die Verurtheilung der Angeklagten Nichts als ein Mord. War wirklich eine Verschwörung im Werk gewesen, dahin gerichtet, die nächsten Attacken der Polizei mit Bombenwürfen zu erwidern, so stand jedenfalls die individuelle Tat des 4. Mai in keiner Beziehung mit ihr. Für Niemand kam die Torheit derselben überraschender, als für Die, welche unter ihren Folgen so furchtbar leiden sollten...

Zunächst ist die Zusammensetzung der Jury eine willkürliche: wenn auch etwa tausend Bürger der Stadt vernommen werden, so sind es doch nur solche, deren eingestandene Voreingenommenheit gegen die Bewegung des Sozialismus die Vertheidiger der Angeklagten zur Ablehnung zwingt, bis sie sich genötigt sehen, Männer anzunehmen, die sich nach eigenem Geständnis zum Theil bereits ein Urtheil gebildet haben, ehe noch die Untersuchungen begonnen. Von dem großen Arbeiterbezirk Chicagos, welcher der ganzen Bevölkerungszahl der Stadt von dreiviertel Millionen Menschen allein mit 150 000 Einwohnern gegenübersteht, kommen auf jene tausend Vernommenen nur zehn; und diese zehn leben dazu noch in nächster Nahe der Polizeistation. Der Staat verwirft die meisten von ihnen; derer, die er annimmt, ist er im Voraus sicher. Das ist die Jury, in deren Hände die Entscheidung über Leben und Tod gelegt wird!... Immer findet sich die mit Anmaaßung gepaarte Dummheit bereit, eine Rolle der Lächerlichkeit und der Verächtlichkeit zu spielen; furchtbar wird sie, wenn ihr, wie hier, die Brutalität der Gewalt sich beigesellt dann wehe Jedem, der ihr in die Hände fällt!...

Die übrigen Vorarbeiten bestehen in der Inhaftnahme und Bearbeitung einer übergroßen Anzahl von Personen aus der arbeitenden Klasse – keine Brutalität ist dem Polizeihauptmann, einem eitlen Streber gewöhnlichster Art, zu brutal, keine Hinterlist zu niedrig, um aus ihnen herauszulocken, in sie hineinzulegen, was er wissen will: daß eine Verschwörung bestanden hat. Er nimmt gefangen, wen er will; er verlängert, verkürzt die Haft nach Gutdünken; er behandelt seine Opfer, wie er will – niemand hindert ihn. Kein Kaiser herrschte je souveräner, als die aufgeblähte Winzigkeit dieses brutalen Strebers.

Gegen Ende des Juli sind auch die Vorarbeiten beendet. Der Staatsanwalt stellt seine Anklage auf, die auf Verschwörung und Mord lautet. Der riesige Prozeß, welcher Mitte Juni mit Zusammensetzung der Jury seinen Anfang genommen, tritt damit in sein zweites Stadium. Einen Tag später beginnen die Vernehmungen der Zeugen unter beispiellosem Zudrang des Publikums, der unvermindert bleibt, so lange sie dauern.

Der Staat hat sehr verschiedene Zeugen. Die einen sind vor die Entscheidung gestellt, mitangeklagt zu werden oder gegen die Angeklagten auszusagen. Sie und ihre Familien haben von der Polizei Unterstützungen erhalten und lange Unterredungen mit ihr gepflogen. Selbst daraufhin sind sie nicht im Stande, mehr zu sagen, als daß Bomben verfertigt und vertheilt worden sind, aber sie müssen hinzufügen, daß die Vertheilung nicht zum Zwecke der Benutzung auf dem Haymarket-Meeting geschah.

Ein anderer Hauptstaatszeuge ist ein notorischer Lügner, von übelstem Rufe bei Allen, die ihn kennen. Seine Aussagen fallen am Meisten ins Gewicht. Auch er hat Geld von der Polizei erhalten. Er hat Alles gesehen: wer die Bombe warf und wer sie entzündete; er weiß, wer abwesend war und wer anwesend; nur von den gehaltenen Reden hat er Nichts gehört. Und er kennt die ganze Verschwörung in allen ihren Einzelheiten...

Alle diese Staatszeugen haben sich untereinander widersprochen – aber man breitet die blutigen Kleider der getöteten Polizisten vor der Jury aus; der eine und der andere der Angeklagten hat nie eine Dynamitbombe gesehen – aber der Staatsanwalt verliest alberne Stellen aus dem gewissenlosen Buche eines professionellen Revolutionärs über »revolutionäre Kriegskunst«; einige der Beschuldigten haben in gar keinem Verkehr miteinander gestanden, kannten sich kaum – aber die Geschworenen werden mit Auszügen aus Reden und Zeitungsartikeln überschüttet, welche die Erregung und die Leidenschaft der Stunde geboren und die oft weit zurückliegen...

Denn: »Die Anarchie ist vor Gericht«. Indem diese acht Männer geopfert werden, soll ein vernichtender Schlag gegen die ganze Bewegung geführt werden, durch den man sie auf lange Zeit hinaus zu lähmen gedenkt: Bourgeoisie gegen Proletariat, Klasse gegen Klasse!

Die Vertheidiger der Angeklagten thun ihr Möglichstes, die Opfer den Klauen der Gewalt zu entreißen. Aber indem sie gezwungen sind, sich auf den Boden des Gegners zu begeben, um ihn zu bekämpfen, auf das Terrain, welches wie zum Hohn das »allgemeine Recht« genannt wird, müssen sie notwendigerweise unterliegen. Und sie unterliegen.

Gegen Ende des August fällt das Urtheil aus dem Munde der Jury, das sieben Männer dem Tode überliefert, bevor der Tod selbst nach ihnen verlangt.

So ist endlich das entsetzliche Narrenschauspiel dieses Prozesses, welches den vierten Teil eines Jahres für sich in Anspruch genommen, beendet. – Ein neuer Prozeß, dringend verlangt, wird abgelehnt.

Vor dem Richter halten die Angeklagten ihre Reden, diese berühmt gewordenen Reden, aus denen die Leiden, die Klagen, die Wünsche, die ganze Verzweiflung und die ganze Hoffnung, alle Erwartung und aller Trotz des Volkes in allen Tönen des empörten Herzens so ergreifend, so kühn, so einfach und so leidenschaftlich, so stürmisch und so unklar sprechen...

Noch ein volles Jahr vergeht, ehe der Schlächter Staat seine Aermel aufstreifen kann, um mit seinen unersättlichen Händen auch diese Opfer zu erwürgen. Und fast schien es Anders kommen zu wollen. Denn während von den Arbeitern willig alle nöthigen Opfer gebracht werden, um Alles noch Mögliche zu ermöglichen, bereitet sich in weiteren Kreisen ein Umschwung der Gefühle vor und die Ueberzeugung von der Unschuld der Verurtheilten tritt an die Stelle der eingeschüchterten Furcht und die des künstlich erzeugten Hasses.

Die Wetterfahne der ›öffentlichen Meinung‹ beginnt sich zu drehen.

Dennoch bestätigt der Supreme Court von Illinois, welchem im März des folgenden Jahres der Fall zur neuen Prüfung übergeben ist, das Urtheil.

Und ebenso das Bundesgericht in Washington.

Der Tag der Ermordung steht vor der Thür.

In den Händen eines einzigen Mannes nur liegt jetzt noch die Macht, die fallende Hand des Todes aufzuhalten: es ist der Gouverneur von Illinois. Ihm steht das Recht der Begnadigung zu.

Drei der Verurteilten reichen ein Schreiben ein, in dem sie die Anklage als ebenso falsch wie absurd bezeichnen, aber bedauern, der Gewalt das Wort geredet zu haben; die übrigen vier weisen in Briefen voll Stolz, Muth und Verachtung die Begnadigung für ein Verbrechen zurück, an welchem sie unschuldig sind. Sie verlangen »die Freiheit oder den Tod«. In diesen Briefen schreibt der eine:

»– – Die Gesellschaft mag eine Anzahl der Anhänger des Fortschritte, die uninteressiert den Arbeitern gedient haben, hängen, aber ihr Blut wird Wunder wirken. Es wird den Niedergang der modernen Gesellschaft und die Geburt einer neuen Aera der Zivilisation beschleunigen.«

Der andere:

»Die Erfahrung, die ich während des 15jährigen Aufenthaltes in diesem Lande in Bezug auf die Wahl und die Verwaltung unserer öffentlichen Aemter, die total von Korruption zerfressen sind, gemacht habe, haben mir jeden Glauben an die Existenz gleicher Rechte für Arm und Reich genommen, und die Handlungsweise der öffentlichen Beamten, der Polizei und der Miliz haben den festen Glauben in mir hervorgerufen, daß dieser Stand der Dinge nicht lange weiter bestehen kann.«

Und der dritte, nachdem er den Gouverneur die Wahl gelassen hat, ›ein Diener des Volkes‹ oder ›ein Werkzeug der Monopolisten‹ zu sein:

»– Ihre Entscheidung in diesem Falle wird nicht allein mich, sondern Sie selbst, und Die, welche Sie vertreten, richten...«

So drücken sie sich selbst die Märtyrerkrone tiefer in die trotzigen Stirnen.

Von allen Seiten wird der Gouverneur bestürmt. Auf hundert und aberhundert Versammlungen werden hundert und aberhundert Resolutionen gefaßt, die gegen die Verurtheilung protestieren. In allen Theilen der Welt erschallen die Rufe der Sympathie, der Entrüstung, die Rufe nach Aufschub, nach Begnadigung... nur in Chicago selbst schließt die Hand der Gewalt den Mund der Bevölkerung mit brutaler Wucht.

Nur bei Dreien wird der Tod zu lebendigem Begräbnis verwandelt; fünf sollen sterben.

Da, im letzten Augenblick, als die Wogen der öffentlichen Theilnahme den geplanten Mord unmöglich zu machen drohen, werden in der Zelle des einen Verurtheilten plötzlich Bomben ›gefunden‹. Die feile Presse thut das ihre. Sie läßt ununtersucht, wie Bomben Anders als mit dem Willen der Polizei dahin gebracht werden konnten, wo sie zu so gelegener Zeit entdeckt wurden – sie läßt von Neuem ihre Rufe der Angst um die ›gefährdete öffentliche Ordnung‹ ertönen, und fabelhafte Gerüchte von blutigen Plänen, das Gefängniß, die ganze Stadt in die Luft zu sprengen, erzielen ihre einschüchternden Wirkungen. Die Woge der Sympathie weicht zurück...

Noch eine Szene: vor dem Manne, in dessen Hände die Gewalt, die Macht gegeben sind, liegen weinende Frauen. Sie umfassen seine Knie: eine arme Mutter bittet um das Leben ihres Sohnes; eine Frau, die dem geliebten Manne nur durch die Gitterstäbe des Gefängnisses die Hände zum Bunde reichen durfte, verlangt nach Gerechtigkeit; eine verlassene Gattin weist auf ihre zitternden Kinder, da die Worte ihr versagen – aber Nichts vermag das seelenlose Bild von Stein zu rühren, in dessen Herzen nur die Oede der Aermlichkeit, in dessen Hirn nur das Vorurtheil der Gewöhnlichkeit herrscht.

Schaudernd wendet sich die Freiheit ab.

Der Tragödie zweiter Akt ist zu Ende. Ueber die Todesqualen von achtzehn Monaten rollt endlich der schwarze Vorhang der Vergangenheit...

Auban erhob sich und schritt auf und ab, die Hände über den Rücken gekreuzt. Es war dunkel geworden. Das Feuer erlosch. Er war in Gedanken versunken. Das Rascheln von Papier schreckte ihn auf: die Abendzeitung wurde durch die Türspalte geschoben. Er bückte sich nieder und riß sie hastig an sich.

Tod oder Leben – ? –

Ein Schrei des Entsetzens rang sich von seinen Lippen. Bei dem Schein des sterbenden Feuers hatte er ein kurzes Telegramm durchflogen: » Special Edition – 6 ¼ Uhr – Chicago, 10. November – Schrecklicher Selbstmord – der eine der Verurtheilten – soeben mit einer Bombe – in seiner Zelle den Kopf zerschmettert – Unterkiefer völlig fortgerissen – «

Die Luft seines Zimmers legte sich schwer auf Auban. Er glaubte zu ersticken. Hinaus! – hinaus! – Hastig ergriff er Hut und Stock und eilte fort.

*

Als er nach einer Stunde heimkehrte, fand er am Kamin, die qualmende Pfeife im Munde, die Zeitung in der einen, den Schürhaken, mit welchem er das Feuer zu neuer Glut stocherte, in der andern Hand, Dr. Hurt. Er war überrascht. Es war das erste Mal seit dem Tode seiner Frau, daß Jener ihn zu einer anderen Zeit als an den Sonntagnachmittagen besuchte.

– Störe ich Sie, Auban? – Hatte einen Krankenbesuch in der Nähe, dachte, es sei gut, meine Füße zu wärmen und ein vernünftiges Wort zu reden in diesen Tagen, wo die Menschen sich wieder einmal gebärden, als ginge die Welt unter...

Auban drückte ihm kräftig die Hand.

– Sie hätten nichts Besseres tun können, Doktor, sagte er. Er sprach jedes Wort klar und deutlich, aber seine Stimme war völlig klanglos. Dr. Hurt sah ihm zu, wie er die Lampe entzündete, Wasser kochen ließ und Whiskygläser und Tabak heranschob.

Dann saßen sie sich gegenüber, die Füße der Wärme entgegengestreckt.

Keiner von beiden wollte offenbar das Gespräch beginnen.

Endlich zeigte Auban auf die Zeitung, welche Dr. Hurt in der Hand hielt und fragte: »Haben Sie gelesen?«

Hurt nickte ernst.

Aber als er in Aubans Gesicht sah, wie blaß und entstellt es war von niedergezwungenen Schmerzen, sagte er besorgt:

– Wie sehen Sie aus!

Auban winkte abwehrend mit der Hand. Dann aber neigte er sich vornüber und vergrub sein Gesicht in beiden Händen.

– Ich bin durch eine Nacht von Wahn gegangen! – sagte er langsam und leise, den Vers eines modernen Dichters zitierend...

Dr. Hurt sprang auf und indem er zum ersten Mal die Maske seiner eisigen Zurückhaltung fallen ließ, legte er die Hand auf Aubans Schulter und sagte:

– Auban, mein Freund, nehmen Sie es nicht so schwer! – Es mußte so kommen, über kurz oder über lang...

– Was verlangen Sie? fuhr er dann ungeduldig werdend fort, – was verlangen Sie von den Regierungen? – Daß sie die Hände in den Schooß legen und ruhig zusehen, wie die Flut der Bewegung sie verschlingt? – Nein, Sie, der Sie gleich mir wissen, daß Recht nichts Anderes ist als Gewalt, und der Kampf des Lebens nichts Anderes als der Trieb nach dieser Gewalt, nein, Sie können in diesem Ereigniß von Chicago Nichts sehen als die traurige Episode eines gemeinen Kampfes, den Ihr Verstand begreifen muß als eine Nothwendigkeit.

Auban sah den Sprecher an. Seine Augen loderten und seine Lippen bebten.

– Aber ich habe einen persönlichen Abscheu gegen alle Feigheit. Und diese kaltblütige Ermordung ist eine Feigheit, wie ich mir sie größer und widerwärtiger nicht denken kann! – Welcher Muth die Thoren hinter, die Vorurtheile neben und die ›göttliche Einwilligung‹ über sich zu haben, und zu morden? – Welche Feigheit, eine Schlacht schlagen zu lassen! – Nicht Mann gegen Mann zu stehen, sondern sich zu verstecken hinter dem Talar des Gesetzes, den Bajonetten der Soldaten, den Fäusten roher Knechte – stupiden Tieren, die keinen andern Willen haben, als den ihrer Herren! – Welche Feigheit, sage ich, die Dummheit in ihrer Mehrheit für sich zu haben und dann zu sagen, ich sei im ›Recht‹! – Giebt es wohl eine größere? –

Da sein Gast keine Antwort gab, fuhr er fort:

– Es giebt für mich nur eine wahrhaft vornehme und anständige Gesinnung: die passive; und nur eine Bethätigung, deren Erfolge ich groß nenne: die der eigenen Kraft. Meine Achtung für alle Jene, die aus sich selbst geworden sind, mit sich selbst stehen und fallen, ist unbegrenzt; aber ebenso unbegrenzt ist mein Abscheu gegen Jene, welche die Thorheit auf die Schultern hebt, sie Heute zu erhöhen, um sie Morgen in ihr Nichts zurückfallen zu lassen.

– Ja, es wird Alles zusammengeworfen, das wahre und das falsche Verdienst, sagte Dr. Hurt.

– Warum giebt es noch Herrscher auf Thronen? – Weil es noch Unterthanen giebt. – Woher dieses soziale Elend? – Doch nicht, weil die Einen sich erhöhen, sondern weil sich die Andern entäußern. – Wir leben unter dem Fluche einer völlig unnatürlichen Idee: der christlichen. Wir haben die Aeußerlichkeiten der Religionen zum Theil abgeschüttelt. Aber von dem Segen, hätten wir die Idee der Religion über Bord geworfen, von dem frischen Wind, der dann unsere Segel schwellen müßte, ist noch Wenig zu spüren. – Glauben Sie mir, Doktor, zwischen einem Bourgeois und einem Sozialdemokraten herrscht eine innerliche Verwandtschaft. Aber Nichts führt von Beiden zu mir. Ein Abgrund liegt zwischen uns – zwischen den Bekennern des Staates und denen der Freiheit!

– Sie denken wie die Natur, sagte der Andere nachdenklich, und daher ist wohl die Gesundheit und die Wahrheit auf ihrer Seite.

Und zurückkommend auf das verlassene Gespräch, fragte er:

– Und wurde Ihr Abscheu nicht geweckt, als Sie von dem Bombenwurf hörten?

– Nein. Ich sah hier nur eine Tat der berechtigten Notwehr. Auf ihre eigene Verantwortung machte die Polizei einen Angriff auf eine friedliche Versammlung. Ihre Brutalität wurde diesmal bestraft, während sie für gewöhnlich frei ausgeht. – Ich beklage die That, nicht nur als völlig zwecklos, sondern auch als schädlich. Aber mehr noch beklage ich Jene, welche nicht einsehen wollen, daß solche Thaten immer nur die Ausbrüche einer Verzweiflung sein können, die Nichts mehr zu verlieren hat, da man ihr Alles genommen.

– Und Jene, welche immer nur Andere zur Anwendung von Gewalt zu reizen suchen, ohne selbst je dabei zu sein, wie lautet Ihr Urteil über Diese?

– Daß es jämmerliche Feiglinge sind, und daß das Blatt, das vor einiger Zeit schrieb, man möge doch endlich einmal dem Manne, der von New Port aus unablässig nach dem Kopf eines europäischen Fürsten schrie, ein Billet nach Europa laufen, um ihm so die Gelegenheit zu geben, ihn sich selbst dort zu holen, gar nicht im Unrecht war...

Dr. Hurt hatte sich wieder gesetzt und eine ernste Pause entstand. Sie sprachen über Anderes. Dann sagte Hurt wieder:

– Ich fange an, dieses Volk zu hassen. Es ist wie ein Moloch, der seine Arme geöffnet hat und nun Opfer um Opfer verschlingt. Dieses große Kind, das so lange mit Ruten gezüchtigt wurde, wird plötzlich verhätschelt bis zur Lächerlichkeit. Es wird mannbar und erstaunt über die Kraft seiner eigenen Glieder. Wenn es sich derselben ganz bewußt geworden sein wird, wird es Alles zertrampeln, was ihm unter die Füße kommt. Es hat der Gewalt all' ihre Attitüden bereits abgelauscht: die lächerliche Unfehlbarkeit, den dünkelhaften Hochmuth, die bornierte Selbstgefälligkeit. Ich sage Ihnen, Auban, die Zeit ist nicht mehr fern, wo es für jeden stolzen, freien und unabhängigen Geist eine Unmöglichkeit sein wird, sich noch Sozialist zu nennen, da man ihn sonst in eine Linie stellen könnte mit jenen elenden Kriechern und Erfolgsanbetern, die jetzt schon vor jedem Arbeiter auf den Knieen liegen und ihm den Schmutz von den Fingern lecken, nur weil er ein Arbeiter ist!

Nun war Dr. Hurt der Erregte, während Auban in eine brütende Traurigkeit versunken schien, die durch Das, was er hörte, nur noch vermehrt wurde, da er ihm beistimmen mußte.

– Jede Zeit hat ihre Lüge, fuhr Dr. Hurt fort, – die große Lüge der unseren ist die ›Politik‹, wie die der kommenden das ›Volk‹ sein wird. Von ihrem reißenden Strom wird Alles ergriffen, was klein, schwächlich und unselbstständig ist. Alle Menschen von ›Heute‹. Dort im Strom kämpfen sie ihre kleinen, wertlosen, alltäglichen Kämpfe. – Die Menschen aber von Morgen, und zu ihnen gehören wir, sie bleiben am Ufer oder sie erreichen es wieder, nachdem der Strom sie eine Zeitlang zu verschlingen drohte. Und dort, am Ufer der Erkenntniß, stehen wir, und darum wollen wir die Tagesereignisse unserer Zeit, deren Zeugen wir sind, an uns vorübergleiten lassen. Nicht wahr? –

Auban war ergriffen. Zum ersten Mal in dieser langen Zeit, die er ihn kannte, that dieser seltsame und seltene Mensch sein Herz vor ihm auf und zeigte ihm dessen vernarbte Wunden. Was mußte auch er gelitten haben, bis er so fest, so hart und so einsam geworden war? –

– Wohl haben Sie recht! sagte er. – Auch ich schwamm im Strome und auch ich stehe am Ufer. Und an meinen Füßen und meinen Blicken vorüber treiben die blutenden Leichen von Chicago.

– Es sind nicht die ersten und es werden nicht die letzten sein.

– Wohl haben Sie recht, sagte Auban wieder. – Ich war mit unter Denen, die im Strome kämpften. Als ich zwanzig Jahre alt war, als ich Nichts kannte von der Welt: die einen Menschen in meinen Augen bewußte Sünder, die andern schuldlose Engel waren, als mir die Folgen die Ursachen, und die Ursachen die Folgen zu sein schienen – da haben sie auf mich gehört, wenn ich zu ihnen sprach. Wo ich den Muth dazu hernahm, vor Hunderten mit meinen Phrasen zu paradieren – ich weiß es heute nicht mehr. Ich war gefeit gegen Alles; ich stand im Dienste der Sache. Wie konnte ich da fehlen? – Aus diesem Gedanken schöpfte ich meine ganze Kraft; nicht aus mir selbst. Daher so oft meine Unermüdlichkeit, mein unerschütterlicher Glaube, meine Gleichgültigkeit gegen mich selbst. – Und je weiter ich mich von der Wirklichkeit entfernte, desto näher kam ich meinen Hörern. Und ging oft weiter, als ich wollte...

– Das war auch der Weg der Führer von Chicago: sie wurden vorwärts getrieben und konnten nicht zurück. Sie mußten sich selbst überbieten, um sich behaupten zu können. Es ist dies das oft so tragische Geschick aller Derer, die den Maaßstab ihres Werthes bei Andern suchen.

– Mein Schicksal wäre das ihre gewesen, sprach Auban weiter.

– Uebrigens war ich nicht glücklich. Ich glaube nicht, daß Selbstaufopferung wirklich glücklich machen kann. – Und ich hätte nicht so sterben mögen – heute habe ich es wieder gefühlt. Nein, ich will kämpfen und siegen, ohne eine neue Wunde zu empfangen!

– Viele werden sagen, das sei sehr bequem ...

– Mögen sie es sagen. Ich sage: es ist schwerer, als sich selbst hinzugeben, den Feinden zum Vergnügen und den Freunden nicht zum Nutzen. – Und wollen Sie wissen, was es war, das mich zu dieser Erkenntnis brachte? Ein Lächeln, ein höhnisches, eisiges Lächeln. Es war, als ich meine Rede vor den Richtern hielt. Ich schleuderte ihnen Wahrheiten zu, welche die einen verblüfften, die andern zur Wut brachten. Ich sprach von meinen Menschenrechten und von ihren Rechten der Gewalt – kurz es war eine pomphafte, leidenschaftliche und ganz ungewöhnliche Rede, ohne alle Politik und natürlich auch ohne irgendeinen Zweck, die kindische Rede eines idealen Menschen. Es ist immer lächerlich, mit ethischen Forderungen an Menschen heranzutreten, besonders an solche halbwilde, unverständige, dumme Menschen, die aus Paragraphen und Formeln alle Weisheit des Lebens schöpfen. Aber das empfand ich damals noch nicht. Während ich indessen so sprach – ich sprach eigentlich mehr für Die, welche mich nicht hörten – sah ich auf dem klugen Gesicht eines Beamten ein Lächeln, ein spöttisches, mitleidiges, sezierendes Lächeln, welches sagte: Du Narr, was kümmern wir uns um Deine Worte, so lange sie nicht Thaten werden! –

Doch nein, ich muß mich verbessern: ich sah das Lächeln nicht, denn ich sprach ganz unbekümmert weiter. Erst später im Gefängniß kam es mir zum Bewußtsein, daß ich es empfunden hatte, und nun verfolgte es mich lange Zeit – ich sehe es Heute noch, wenn ich die Augen schließe!

Durch die Mauerspalten meines Gefängnisses grinste es mich an. Es war ein Feind, den ich zu bezwingen hatte. Aber ich sah, das war keiner, der sich mit Worten in die Flucht schlagen ließ. Nur ein einziges Mittel gab es, ihn zu bannen: sich ein gleiches Lächeln zu erwerben. Nur ihm gegenüber war jenes machtlos. Ich erwarb es mir. Ich hatte ja Zeit. Und Alles erschien mir verändert, was ich erlebt und gesehen, unter dem Lichte dieser neuen Betrachtungsweise. Ich sehe die Menschen, wie sie sind; die Welt, wie sie ist. Heute lächelt man nicht mehr über mich.

– Es war sicherlich die größte That ihres Lebens, Auban, daß Sie die Kraft hatten, sich loszureißen und auf eigene Füße zu stellen. – Aber die Kommunisten – sollte man es für möglich halten, daß die meisten sich empört über die Begnadigungsgesuche von einzelnen der Verurtheilten aussprechen?! – Darin einen Verrath, eine Erniedrigung zu sehen, einen Wisch zu unterschreiben, mit dem ich mein Leben aus den Händen meines Mörders retten kann! Tausend solcher Fetzen würde ich unterzeichnen und hinterher über den Dummkopf lachen, der von mir ›Ehrlichkeit‹ erwartet, während er mich durch Hinterlist und Gewalt in seine Macht bekommt. Auban, diese Kommunisten sind Fanatiker, sie sind krank, verworren, sie leiden an moralischen Hirngespinsten ...

Ich habe am letzten Sonntag gesagt, was ich zu sagen hatte, sagte Auban ruhig.

– Und ohne allen Nutzen. Nein, diese Leute müssen durch Erfahrung klug werden. Lassen Sie sie.

– Die Erfahrung wird furchtbar sein. Es ist traurig für mich, zu sehen, wie immer Die sich neue Leiden schaffen, welche schon so viel gelitten haben.

Wieder glitt das Gespräch ab und bewegte sich während der nächsten Stunde fern von Chicago.

Der Doktor hatte das Zimmer mit Rauch gefüllt, den er in hastigen, kurzen Stößen aus seiner nie erkaltenden Pfeife stieß. Der strenge Ernst des Gemaches war gemildert durch die Strahlen der Lampe und die Flammen des Feuers. Ein Hauch der Behaglichkeit fast erfüllte es mit der später werdenden Stunde.

– Kennen Sie das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern? fragte Auban. – So ist es auch mit dem Staat. Die meisten Menschen, ich zweifle nicht daran, sind innerlich davon überzeugt, daß sie weit besser ohne ihn fertig werden könnten. Sie bezahlen widerwillig ihre Steuern, die sie instinktiv als einen Raub an ihrer Arbeit empfinden. Aber der Gedanke, »es müsse so sein, da es immer so gewesen«, läßt sie das erlösende Wort nicht aussprechen: sie schielen einer nach dem andern, zweifelnd und zaudernd. Es gehört aber die ganze Unbefangenheit der unverfälschten Natur dazu, um dieses künstliche Hemmniß, die Quelle all' unseres äußeren Elends, mit den Worten umzustoßen: Aber er hat ja gar Nichts an! Das Ganze ist ja ein krasser, offen zutage liegender Schwindel dümmster Art! – Und dieses Wort der Erlösung ist gefunden, es heißt: Anarchie! –

Auban sprach weiter, da sein Zuhörer nachdenklich schwieg.

– Oder nehmen wir das folgende Beispiel: Es ist am Morgen einer Schlacht. Zwei Heere stehen sich gegenüber, die man hierher zusammengetrieben hat, damit sie sich gegenseitig vernichten. In einer Stunde soll die Metzelei beginnen. – Wie Viele von beiden Seiten, glauben Sie wohl, wenn dem Willen des Einzelnen die freie Wahl gelassen wäre in dieser Stunde, würden bleiben, um zu Mördern zu werden; und wie Viele würden die auferzwungenen Waffen fortwerfen und heimkehren zu den friedlichen Beschäftigungen ihres Lebens? – Alle würden umkehren, nicht wahr? Bleiben vielleicht nur der kleine Haufe, dem Krieg und Gewalt anerzogene Berufe sind. Und doch handeln alle die Andern gegen ihren Willen, ihre Vernunft, ihr besseres Wissen, weil es ihnen nicht klar geworden ist. Sie müssen. Denn der Fluch des Wahns – ein Etwas, ein Unfaßliches, ein Unverständliches, Schreckliches treibt sie ... Sagen Sie mir, Doktor, was das ist, dieses Grauenhafte?

– Gewohnheit, Dummheit und Feigheit, sagte Hurt.

– O, ich habe gar Nichts gegen Kriege! Denken Sie das nicht! rief Auban, und er stieß mit den Händen die Blätter auf seinem Schreibtisch zusammen, damit Jener nicht sehen sollte, wie erregt er wurde. – Nicht das Geringste. Raufbolde und Brutes hat es zu allen Zeiten gegeben. Aber mögen sie allein unter sich ihre Kämpfe und Streitigkeiten ausfechten, und nicht andere, völlig unbeteiligte, am liebsten in Frieden lebende Menschen zur Theilnahme an ihren Raufgelagen zwingen unter dem lügnerischen Vorgehen, ihr eigenes Interesse erfordere es, im Namen des ›heiligen Kriegs für das Vaterland‹ und ähnlicher Schwindeleien sich gegenseitig dahinzumorden! – Ich habe gar Nichts gegen Kriege –, rief er noch einmal, – mögen sie nur geführt werden von Denen allein, welche sie wollen. Um so besser – geht aufeinander los, ihr brutalen Schlächter, zerfleischt Euch gegenseitig, rottet Euch gegenseitig aus, die Erde wird aufathmen, wenn sie von Euch befreit ist! – –

– Einstweilen aber sitzen wir noch in den Käfigen unserer Staaten, kauernd in ihren Ecken, uns gegenseitig bewachend und beobachtend, immer auf der Hut, drücken uns an den Gitterstäben hin, knurren uns an, bis wir aufeinander losstürzen, weil der Raum uns erdrückt und das Futter uns zu ungleich zufliegt, spottete der Doktor.

Auban antwortete in gleichem Tone.

– Das ist der Kampf ums Dasein, mein Freund, der Stärkere zermalmt den Schwächeren – so hat die Natur es gewollt!

– Ja, diese Phrase, das Schlagwort einer unverstandenen Wissenschaft, kam ihnen zur gelegenen Zeit!

– Mit ihr entschuldigen sie ihre gewaltsame Unterdrückung und Einengung der Natur in die unnatürlichen Grenzen einer staatlichen Zwangsgemeinschaft und unter die stupiden Gesetze, die sie für unfehlbar halten und die sie doch selbst geschaffen. Es ist immer Dasselbe: die Arbeit kann konkurrieren – so lange, bis sie inmitten des von ihr geschaffenen Ueberflusses verhungert; das Kapital bleibt der Konkurrenz enthoben.

Bei Aubans Worten war Hurt wieder plötzlich sehr erregt geworden. – Alles kann ich vertragen, nur nicht, daß die Wissenschaft, die klare, sichere, unerbittliche Wissenschaft, die unbestechliche, von diesen Schwindlern der Gewalt und des ›Bestehenden‹ ihren Diensten nutzbar gemacht und in dieser Weise verfälscht wird! rief er.

Auban spottete weiter.

– Und was für herrliche Exemplare der Gattung Mensch aus diesem ›Kampf ums Dasein‹ als die ›Stärksten‹ hervorgehen, nicht wahr? – Ein Beispiel. Da ist einer von unseren oberen Zehntausend, Mitglied der jeunesse dorée: hoher Hut, Monocle, Schnabelschuhe. Er rührt keine Hand. Aber sein Kapital arbeitet für ihn. Es wirft ihm jährlich 1000 Pfund in den Schooß. Er ist faul, dumm, interessenlos, mit dreißig Jahren ein Wrack.

Da sind andrerseits hundert Arbeiter, junge Burschen, thatkräftig, frisch, voll Muth und Willen, ihre Kräfte zu verwerten – sie können nicht, wie sie wollen. Alles ist ihnen verschlossen. Sie erlahmen, werden müde, stumpf, sie erliegen. Ihr Leben ist, wenn sie sterben, Nichts gewesen als Arbeit und Schlaf. Sie beendeten jene nur, um sich zu diesem niederzulegen; und sie standen von diesem nur auf, um sich zu jener zu begeben.

Der Eine hat die Mittel, um nicht zu arbeiten; die Andern haben die Mittel nicht, um zu arbeiten. So saugt der Vampyr Einen nach dem Andern aus: er ist das Produkt der vergeudeten Arbeit von hundert Menschen. Ein krankes, unproduktives Leben hat hundert gesunde, produktive Leben ganz einfach vernichtet. Jenen hat das Nichtsthun entnervt; diesen die Ueberarbeit entkräftet.

Was ist das, he? – Kampf ums Dasein? Göttliche Weisheit? Ordnung der Natur? –

Er machte einen Augenblick Halt und sah auf den Doktor, der mächtige Rauchwolken aus seiner Pfeife blies. Dann sprach er weiter.

– Oder auch – ein anderes Bild, gleich anmuthend. Die ›gnädige Frau‹. Den Tag über liest sie Romane, oder redet ihren ›Dienstboten‹ in die Arbeit, von der sie Nichts versteht. Abends läßt sie sich auf den Ball fahren. Was sie auf dem Leibe trägt, der Schmuck der Diamanten, hat an und für sich gar keinen Werth –

– An und für sich hat Nichts Werth, unterbrach ihn Hurt.

– Aber es repräsentiert ein Vermögen an Werth, fuhr Auban unbekümmert fort.

Doch er wurde von Neuem unterbrochen.

– Ach, lassen wir Das, Auban! murrte Hurt. – So lange die Arbeiter nicht vernünftiger werden, sind solche Existenzen, und weit schlimmere noch, die unausbleibliche, ganz natürliche Folge.

Es war spät geworden, die Atmosphäre des Zimmers drückend und heiß. Das Feuer war müde. Hurt sah nach der Uhr. Aber bevor er sich erhob, brach plötzlich und ungestüm, wie eine Flamme, die heimliche, schamhafte, heiße, fast widerwillige Liebe dieses eigenthümlichen Mannes zu allen Unterdrückten und Leidenden aus zornigen Worten hervor, die polternd von seinen Lippen fielen:

– Diese Thoren! Wollen sie nie klug werden? – Bomben zu werfen, welcher Unsinn! – Um es den Regierungen nur recht leicht zu machen, sie zu vernichten, nicht wahr? – Aber es scheint mir, daß diese Menschen es darauf anlegen, sich gegenseitig in Opfern zu überbieten und nicht im Siegen, sondern im Unterliegen ihren Stolz suchen! Opfer über Opfer! Nein, ich will Nichts mehr damit zu tun haben – wenn sie nicht klug werden wollen, so sollen sie es bleiben lassen!

Er war aufgestanden. In scheinbar leichtem Tone fügte er, sich gegen Auban wendend, dessen trübe Blicke sich nicht von dem Tische wenden wollten, auf welchem die zerknitterten Zeitungen und Blätter wie eine ungelöste Aufgabe lagen, hinzu:

– Sie dürfen von mir nicht zu Viel verlangen, Auban. Ich stehe jeden Tag an Totenbetten – was will das Leben weniger Einzelner, die gewaltsam herausgerissen werden, bedeuten gegen jene Schaaren, die Niemand zählt und die Keiner nennt, und die doch nur Opfer waren der Anderen, obwohl sie sich nie zu wehren versuchen!

Er reichte ihm die Hand.

– Lesen Sie die Geschichte. Schlagen Sie sie auf, wo Sie wollen, überall die Siegenden und überall die Unterliegenden. Die Sache ist immer dieselbe gewesen, nur die Zahlen waren verschieden. Ob sie fallen: erschossen auf dem Schlachtfelde, verhungert an der Straßenecke, erdrosselt vom Galgen – bleibt es sich nicht gleich? – Nicht zu fallen, zu siegen – dafür sind wir da!

Auban konnte nicht antworten. Eine unruhige Angst hatte ihn ergriffen vor der Nacht, die kam, in der er allein mit sich bleiben sollte. Hurt schickte sich zu gehen an. Doch als er schon den Thürgriff in der Hand hatte, wandte er sich noch einmal zu Auban, trat auf ihn zu und sagte:

– Uebrigens will ich Ihnen noch danken. Ich wollte es längst schon tun.

Sie wissen ich bin ein alter Skeptiker. Ich glaube an Nichts und alle Utopien sind mir ein Gräuel. An die Freiheit als ein Ideal glaube ich also nicht. Aber Sie, nun – Sie haben eine Art gehabt, mir die Freiheit als ein business klar zu machen, daß ich Ihnen sagen will, falls Ihnen etwas daran liegt: in Ihrem Sinne bin ich ein Anarchist!

Damit drückte er ihm kräftig die Hand und die Blicke der beiden Männer begegneten sich für einen kurzen Augenblick: nun kannten sie sich. Kein Blutbund war es, den sie miteinander schlossen. Kein Versprechen, das sie band, gaben sie sich. Keine Verpflichtung gingen sie ein gegeneinander.

Aber sie sagten sich mit diesem Blicke: Wir wissen, was wir wollen. Vielleicht ist die Stunde nicht allzu fern, wo wir uns stark genug fühlen, der Gewalt Stand zu halten. Dann mag es sein, daß wir zusammenstehen. Bis dahin: Wachsamkeit und Geduld! ...

*

Auban war allein. Und mit einer ungestümen Bewegung richtete er sich empor und durchmaaß wohl eine Stunde lang sein Zimmer, während sein Feuer völlig erlosch.

Als die Müdigkeit ihn ergriff, klang es in seinen Ohren wieder: Lies die Geschichte!

Er griff wahllos nach dem nächsten Bande und las die Nacht durch bis zum Morgengrauen.

Er watete bis an die Knie durch das Blut der Vergangenheit. Er sah das Entstehen und Vergehen der Völker. Er sah die Verantwortlichkeit für ihr Leben auf die Schultern Einzelner gewälzt, und er sah diese Einzelnen unter ihr zusammenbrechen, oder mit ihr spielen, wie das Kind mit dem Balle ...

Er sah, wie Die, welche das ›Gute wollten‹, das Schlechte schufen: den Irrthum.

Er sah, wie Die, welche das ›Schlechte erstrebten‹, das Gute brachten: den Irrthum zerstörten.

Er sah, daß Alles, was gewesen war, nicht Anders hätte sein können, eben, weil es so und nicht Anders gewesen. Nicht zu trauern und zu fluchen galt es daher, sondern zu erkennen.

Erkannte Irrthümer zu vermeiden – das war die Losung, das der Nutzen und der Segen der Geschichte, das war, was sie lehrte ...

Auban las. Und über den Trümmern der Völker vergaß er Chicago ...

Dann schloß der Schlaf seine Augen. Behutsam zog der Schlummer das Buch zwischen seinen Fingern fort. Es glitt zur Erde.

Nur das Licht brannte weiter.

Schwere Träume bedrängten den Schläfer. Unruhig hob und senkte sich seine Brust und der sonst in dem scharfen, harten Zug um die Mundwinkeln verbogene Schmerz war aus seinem Versteck hervorgekrochen und lagerte jetzt auf den mageren Wangen. Die blassen Lippen waren leicht geöffnet.

So ging die Nacht zu Ende, die gefürchtete.

Als Auban erwachte, war der Morgen gekommen. Er wusch sich und kleidete sich um.

Dann erst griff er nach den Zeitungen. Er wußte, was er lesen würde. Als er sah, wie seine Hand zitterte, welche das Blatt umschlug, ging er noch einigemale auf und ab, bevor er begann. Er wollte stark sein.

Dann las er, ohne Hast, bleich, mit einer unheimlichen Ruhe. Aber sein Herz stand still.

Das war der letzte Akt der Tragödie von Chicago: der Morgen des 11. November.

Die Stadt ist im Zustand der Belagerung: jedes öffentliche Gebäude ist bewacht – man befürchtet Alles, vor Allem Brandlegung: das Militär ist zusammengezogen, die Feuerwehr alarmiert; in den Absteigequartieren wird jeder Ankommende bewacht; die Mitglieder der Jury, der Richter, der Staatsanwalt, die Häupter der Polizei sind unter Schutz gestellt... Die größeren Fabriken haben geschlossen ... Das Gefängnis ist umgeben von einer undurchdringlichen Reihe von bewaffneten Polizisten ... Ein Tumult entsteht: eine verzweifelnde Frau irrt mit ihren weinenden Kindern längs der lebendigen Mauer hin und versucht in wahnsinniger Angst zu ihrem Manne zu gelangen, ehe es zu spät ist. Sie wird von rohen Händen gefaßt und muß die schrecklichsten Stunden ihres Lebens zwischen den steinernen Wänden einer Zelle verbringen ...

Schweigen, das Schweigen der Furcht herrscht wieder. In den umliegenden Straßen drängen sich die Menschen. Wo sie sich sammeln, gehen sie wieder auseinander. Sie sind gelähmt unter der Wucht dieser Stunden ...

Im Innern des Gefängnisses:

Die Verurtheilten sind erwacht. Sie schreiben ihre letzten Briefe; sie werden auch jetzt noch belästigt von der niedrigen Aufdringlichkeit eines Priesters, den sie von sich weisen; sie nehmen ihre letzte Mahlzeit ein; sie tauschen durch die Entfernung ihrer Zellen letzte Worte der Freundschaft und der Hoffnung miteinander aus, die der Sache gelten, für welche sie sterben; und was sie bewegt, dafür finden sie Ausdruck in Strophen, die ihnen ihr Gedächtniß giebt, und deren ungewohnter Schall dröhnend und machtvoll die starren Wände entlang irrt:

Ein Fluch dem Götzen, zu dem wir gebeten –
Der uns geäfft, gefoppt und genarrt –

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Der uns wie Hunde erschießen läßt –

Ein Fluch dem falschen Vaterlande –
Wo nur gedeihen Schmach und Schande ...

Und:

Poor creature! Afrais of the darkness,
Who groan at the anguish to come?
How silent I go to my home!
Cease your sorrowful bell –
I am well – – –

Und jenes unsterbliche Lied, in welches sie alle Vier einstimmen, die Marseillaise der Arbeit, der nach Befreiung ringenden Arbeit – –:

»Von uns wird einst die Nachwelt zeugen!
Schon blickt auf uns die Gegenwart ...«

Ja, die Gegenwart, welche bereit war, einer besseren Zukunft die Wege zu ebnen, nicht die, welche in ohnmächtiger Blindheit eine begrabene Vergangenheit wieder erstehen lassen wollte, hatte ihre Blicke in dieser Stunde auf sie gerichtet, voll Schmerz und Trauer ...

Der Sheriff erscheint. Die Verurtheilten umarmen sich, drücken sich die Hände, die gefesselt werden; die Hinrichtungsbefehle, tote Worte, mit denen die Gewalt ihren Mord zu beschönigen sucht, werden verlesen.

Der Gang zum Tode wird angetreten.

Sie durchschreiten die Tür, welche in den Hof des Gefängnisses führt: der Galgen steht vor ihren Augen. Nacheinander steigen sie die Stufen zu ihm hinauf, blaß, aber ungebrochen. Weiße Kappen werden über ihre Köpfe gezogen. In diesem letzten Augenblick erschallen hörbar durch die Verhüllungen ihre Stimmen:

– Die Zeit wird kommen, wo unser Schweigen mächtiger sein wird als unser Reden – – ertönt die erste.

Hurrah for Anarchy! – von einem Lachen noch begleitet, die zweite. Und:

Hurrah for Anarchy! Dies ist der glücklichste Augenblick meines Lebens – fällt die dritte ein.

Endlich die vierte und letzte:

– Wird mir erlaubt werden zu reden? O Frauen und Männer meines lieben Amerika – –

Der Sheriff gibt das Zeichen. Da noch einmal:

– Lassen Sie mich reden, Sheriff! Lassen Sie die Stimme des Volkes gehört werden –

Die Klappe fällt ... Und Feiglinge sehen, wie Helden sterben. –

*

Bis hierher hatte Auban zu lesen vermocht, den folgenden Satz hatte sein Blick nur gestreift – denn vor ihm stand plötzlich in greifbarer Deutlichkeit der Gefängnißhof von Chicago: er sieht die Menge von zweihundert Personen, die ihn füllt, die Zwölf der Jury, die höheren Gerichtsbeamten, die Wächter, die Zeitungsreporter – eine Herde feiger Knechte; er sieht den Galgen, die vier Männer, deren Züge er so oft im Bilde gesehen, aufrecht, trotzig, groß; und er sieht ihr Sterben, die zuckenden Bewegungen ihres Todeskampfes, welcher vierzehn Minuten dauert ... Vierzehn Minuten! Der Schlächter tötet sein Vieh auf einen Streich, der Räuber sein Opfer mit einem Schlag, nur diese Mörder ergötzen sich in scheußlicher Freude an dem »Sieg der Gerechtigkeit«, die sie selber sind, und verschanzen die eigene Feigheit hinter dem Worte, mit dem immer und immer bisher die Gewalt alle Verbrechen entschuldigt hat: »Sein Wille geschehe – ...«

So deutlich stand vor Aubans Augen, wie eine Vision, das Ende der Tragödie, daß er es nicht mehr ertrug und die Stirn vornüber auf die über den Tisch hingestreckten Arme sinken ließ. So lag er lange. Denn er hatte Alles niederzukämpfen, was von Neuem in ihm erwacht war an Schmerz, Groll, Wut, an Trauer und an Haß.

Als er sich erhob, war er wieder er selbst. Aber er durchmaaß wieder und wieder die Länge seines Zimmers mit seinen ruhelosen Schritten.

Die Tragödie von Chicago –:

Welches Publikum! Jene ganze Menschheit, die sich zivilisiert nennt! Kein Einziger unbetheiligt, Alle genötigt, Stellung zu nehmen ...

Auf der einen Seite: gestillter Blutdurst, viehische Freude, jubelnder Sieg der Gewalt; erleichtertes Aufatmen nach überstandener Gefahr; prahlend die schmutzige Gesinnung der Alltäglichkeit mit Genugthuung über den Triumph der Ordnung; brüstend die Moral sich mit ihrer eigenen Borniertheit; erwachende Reue der Gewissen; und: beginnende Erkenntniß! –

Auf der anderen: Schreie des Schreckens, von Grauen und von Furcht erdrosselt; ohnmächtige Empörung und knirschender Zorn; Scham über die eigene Feigheit, Wuth und Schmerz über die der anderen; Bitterkeit, bis auf den Grund der Herzen sich senkend; dumpfe Ergebung in das Unvermeidliche; tausend Hoffnungen auf irdische Gerechtigkeit begraben, tausend neue auf den endlichen Sieg der Sache entstanden, welche die Bluttaufe empfangen; Durst nach Rache am Tage der Abrechnung, bis zur Unerträglichkeit gesteigert; sentimentale Wehmuth; und – beginnende Erkenntniß! –

Alle schlummernden Gefühle, deren das Herz fähig ist, geweckt! Alle Leidenschaften, aus ihren Verstecken gerufen, sich bekämpfend in der rasenden Gier, einander zu zerfleischen! In diese Wolken von Rauch und Blut jede Ueberlegung, jede ruhige Vernunft untergetaucht – Das war es, was dieser Mord schuf ...

*

Die Tragödie von Chicago –:

Welche Szenen! Welcher Wechsel in ihnen!

Im ersten Akt:

Das Erbeben der Erde, welches den Ausbruch des Vulkans verkündet.

Die Schaaren sammeln sich auf beiden Seiten zum Kampf.

Ueberlegen, sich ermannen, wollen; die Gefahr ahnen, alle Kräfte zu Hilfe rufen, sich rüsten.

Der Lärm des Feldgeschreis: Achtstundentag!

Die ersten Zusammenstöße: das Pfeifen der Kugeln, das Knirschen der Zähne, das Geheul der Wuth, die Schreie der Empörung, das Stöhnen der Sterbenden, das Weinen der Weiber.

Ueber unzählige glühende Köpfe und jagende Herzen hin das Rauschen fieberhafter Worte voll Gluth und Feuer.

Ein donnernder Krach: Rauch und Geschrei. Tod und Vernichtung.

Der Reigen der Leidenschaften rast vorüber – – – – – –

*

Im zweiten Akt:

Nach dem lauten, offenen Kampfe auf dem Felde der Oeffentlichkeit der stille, versteckte, aber weit schrecklichere auf dem ›Boden des Gesetzes‹.

Weite Gerichtssäle und enge Kerkerzellen. Gitterstäbe, welche die Freunde von den Freunden scheiden, und hohe Gefängnißmauern, so hoch, daß die Sonne sie selbst nicht ersteigt ... O goldene Sonne der Freiheit – achtzehn Monde dich nicht zu sehen und dann, ohne einen deiner Strahlen erhascht zu haben, nieder in die ewige Nacht

*

Und endlich im dritten und letzten Akt:

Der Vorhang war gefallen. Aber die Tragödie war nicht zu Ende.

Nein, Die, welche sie in Szene gesetzt, hatten das Nachspiel vergessen!

Ein Nachspiel, ein ungeahntes Nachspiel mußte folgen mit unabwendbarer Nothwendigkeit. Das war die Propaganda, welche diese fluchwürdige Tat geschaffen: das Echo, das die Geschichte des Lebens und Strebens in unzähligen noch schlummernden Herzen zur Antwort erwecken würde. Tausende würden fragen: »Warum mußten diese Männer sterben?« – Tausende würden antworten: »Für die Sache der Unterdrückten.« – Und weiter: »Die Unterdrückten sind wir, jede Stunde sagt uns das. Aber ist es nicht unsere Bestimmung, zu leiden?« Und wieder die Antwort: »Nein, Eure Bestimmung ist, glücklich zu sein. Die Tage Eurer Befreiung sind gekommen. Für Euer Glück sind diese Männer gestorben. Lest ihre Reden – hier sind sie. Lernt aus ihnen kennen, wer sie waren, was sie wollten, daß sie keine Mörder, sondern Helden gewesen.« – Und die Unterdrückten werden wach. Sie erheben die arbeitsmüden Stirnen, und es klirren die Ketten an ihren Händen. Und jetzt hören sie ihr Klirren. Da packt sie die Wut, sie bäumen sich auf und die Ketten reißen. Und hoch die eisernen Waffen durch die Lüfte schwingend, stürzen sie sich auf die Unterdrücker, greifen und würgen die um Gnade Schreienden. Ihre Hände wollen ablassen, aber eine Stimme ruft: »Chicago!« Und alle Gedanken an Gnade schweigen. Ohne Barmherzigkeit wird der größte Kampf zu Ende gekämpft, den die erbebende Erde je gesehen.

Zu den Gräbern ihrer Toten treten die Sieger. Sie entblößen ihre Häupter und sprechen: »Ihr seid gerächt. Schlaft in Frieden«.

Und heimkehrend, lehren sie ihre Knaben, wer Jene gewesen sind, die so sie ehrten, wie sie lebten und wie sie starben.

Das würde das Nachspiel der Tragödie von Chicago sein ...

*

Ueber die zerknitterten Zeitungen gebeugt lag Auban, sie mit seinen Armen und seiner Stirne bedeckend, als könne er so ersticken, was betäubend aus ihnen aufstieg, wie der Dunst frischen Blutes ... Sein klopfendes Herz schrie nach einem Worte der Erlösung aus dieser Stunde.

»Thorheit –« flüsterte sein Verstand ihm zu.

Aber er fühlte, daß ein zu wohlfeiles Wort war. Und so starb es auf seiner Lippe.

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