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Gutenberg > John Henry Mackay >

Die Anarchisten

John Henry Mackay: Die Anarchisten - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Henry Mackay
titleDie Anarchisten
publisherVerlag der Neuen Gesellschaft
printrunFünfte Auflage, 11. und 12. Tausend
year1924
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080615
projectid90b8d185
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Sechstes Kapitel

Das Reich des Hungers

Das East End Londons ist die Hölle der Armuth. Einer ungeheuren, schwarzen, regungslosen Riesenkrake vergleichbar liegt dort die Armuth Londons in lauerndem Schweigen und umschließt von dort aus mit ihren mächtigen Fangarmen das Leben und den Reichthum der City und des West End: die linksseitigen breiten sich über die Themse und umfassen das ganze jenseitige Ufer – Rotherhithe, Deptford, Peckham, Camberwell, Lambeth, das andere London, den durch die Themse geschiedenen Süden; die rechten umschleichen die nördlichen Grenzen der Stadt in dünneren Fäden. Sie vereinigen sich dort, wo Battersea mit Chelsea und Brompton sich über die Themse hinüber verbindet ...

Das East End ist eine Welt für sich, getrennt von dem Westen, wie der Diener von seinem Herrn. Man hört von ihm zuweilen, aber nur wie aus weiter Ferne, etwa so, wie man die Kunde von einem fremden Lande vernimmt, wo andere Menschen mit anderen Sitten und anderen Gebräuchen leben sollen ...

Es war der erste Samstag im November, zu welchem Auban seinem Freunde Trupp seinen Besuch zugesagt hatte. Er gedachte mit ihm eine gemeinschaftliche East End-Wanderung zu verbinden, die in dem Klub russischer Revolutionäre ihren Abschluß finden sollte. Den Samstag hatten sie gewählt, weil mit den Nachmittagsstunden dieses Tages die Arbeit in London aufhört: Aubans Geschäft und Trupps Fabrik für die Zeit von 36 Stunden sich schloß.

Auban verließ gegen ein Uhr sein Geschäft in einer der Nebenstraßen von Fleet Street. Die Eile und das Getriebe des Geschäftslebens schienen sich verzehnfacht zu haben. Kaum vermochte er sich durch das Gewühl von Karren, hochbeladen mit frischbedruckten Zeitungsballen, welche einen seltsamen Geruch von Feuchtigkeit ausströmten; von Lastwagen, deren fluchende Lenker nicht von der Stelle kamen; von eiligen, aufgeregten, sich überhastenden Schaaren von Clerks, Dienstmännern, Telegraphenboten Kaufleuten nach Fleet Street durchzudrängen. Er wollte, um nicht allzu viel Zeit zu verlieren, nicht erst nach Hause gehen. So aß er in einem der nächsten überfüllten Restaurants, während er die neuesten Zeitungen durchflog. Ueberall die Unemployed... Trafalgar Square: Polizeiattacken; die Versammelten mit Gewalt vertrieben; neue Verhaftungen wegen aufreizender Sprache ... Obdachlose Frauen im Hyde Park; sechzehn Nächte im Freien: verhungert und erfroren; die Einen zum Hospital, die Anderen ins Work-House, die Letzten in den Tod ... Vorbereitungen für die Ermordung der Chicagoer Anarchisten: da die Galgen nicht ausreichen, ist der Beschluß gefaßt, sie in zwei Abtheilungen zu hängen, zuerst vier, dann drei; enorme Maßnahmen, die Ordnung aufrecht zu erhalten; Gnadengesuche der Verurtheilten, von vieren von ihnen unterzeichnet; der Gouverneur unerbittlich ... Auban ließ die Blätter sinken.

Das war sie täglich und stündlich: die ungeheure Erniedrigung des Lebens, in welcher der Eine zum Schlächter, der Andere zum Opfer wird! Der Eine wie der Andere bezwungen vom Wahn ... Und Nirgends für beide ein Ausweg! Beide gehorchend dem von Menschen geschaffenen Scheingott der Pflicht. Und Beide von ihm beherrscht, im Leben und im Sterben! –

Auban bestieg den nächsten Omnibus, dessen Endziel Liverpool Street Station war. Er saß auf der Imperiale. Als er an der Statue der Königin und des Prinzen von Wales vorüberfuhr, welche an Stelle des verkehrhemmenden Thores von Temple Bar errichtet worden ist, von dem aus in früheren dunkleren Zeiten die blutigen Häupter bestrafter Verbrecher dem Volke gezeigt wurden, dachte er an den langsamen Aufstieg der Menschheit, den die ringende und klimmende genommen hatte in der Knechtschaft. Wie weit würde sie sich einst entwickeln in der Freiheit! – Wie lange konnte es noch dauern, und auch diese Bildwerke der Götzen waren gestürzt, die Kronen, der Purpur gefallen, die Szepter zerbrochen, die letzten Reste des Mittelalters vertilgt! ...

Dann galt es, den anderen Tyrannen zu bekämpfen, den blinderen: das »souveräne Volk«. Das würde die graue Zeit sein, die Zeit der Gewöhnlichkeit, der Nivellirung in der Zwangsjacke der Gleichheit, die Zeit der gegenseitigen Kontrolle, des kleinen Haders an Stelle der großen Kämpfe, der ununterbrochenen Widerwärtigkeiten ... Dann würde der vierte Stand der dritte geworden sein, der Stand der Arbeiter zum Stand der Bourgeois sich »erhöht« haben, und das Kennzeichen dieser würden dann jene tragen: die Gewöhnlichkeit der Ideen, die pharisäische Zufriedenheit der Unfehlbarkeit, die satte Tugend! Und dann würden die echten Empörer, die großen und starken, in Schaaren wieder erstehen, die Kämpfer um das eigene, in jeder Bewegung bedrohte Ich...

Der Omnibus schob sich langsam, aber sicher Fleet Street hinunter. An Ludgate Hill war das Menschengedränge enorm. Nach Holborn Viadukt hin, jenem Wunderwerk eines modernen Straßenbaus, zogen sich Nebel: die Eisenbrücke von Farringdon Street war bereits von ihnen umhüllt. In der entgegengesetzten Richtung, wo unter Blackfriars Bridge die Themse rauschte, war es hell. Als die auf dem nassen Holzpflaster stampfenden Pferde den bis auf den letzten Platz beschwerten Wagen unter der Eisenbahnbrücke der Londoner Chatham und Dover Bahn durchzogen, mühsam St. Pauls zu, schien das Gedränge unentwirrbar.

Aber St. Pauls tauchte auf mit seinen dunklen Massen, von deren schwarzem Hintergrunde sich die weiße Marmorgestalt der Königin Anna abhob... Das Herz der City, hier schlug es...

Weiter. Vorbei an den gigantischen Massen, die in ihrer starren Ruhe nur noch einer vergessenen Vergangenheit anzugehören schienen.

Cheapside hinunter floß ein schwarzer Menschenstrom. Endlich tauchte der große Geldkasten, das fensterlose, niedrige, träge Gebäude der Bank, auf. Sein Thor war bereits geschlossen. Nun lag es da wie tot. Auban war wieder ergriffen von dem ungeheuerlichen Leben, welches ihn umtoste.

Die unzähligen Banken, welche sich hier, wie die Kinder um ihre Pflegerin-Mutter, um die Bank von England lagerten, hatten geschlossen. Alles eilte zum Dinner, nach Hause, zur Ruhe... Tausende und Abertausende von durch die Wochenmühe ermatteten Menschen jagten durcheinander, jetzt getrieben ein Jeder von dem persönlichen Wunsche, auf ein paar Stunden die Zahlenreihen zu vergessen, die sein Leben ausmachten, sein Gehirn füllten bis in den letzten Winkel.

Junge Clerks, kleine Laufbuben in den verschiedensten Uniformierungen, bekümmerte Buchhalter, ernste Geschäftsleute, ›schwere‹ Handelsherren, Spekulanten, Wucherer, große Geldfürsten, welchen die Welt zu Füßen liegt – wer wagt es, ihnen zu widerstehen? – Alles hier durcheinander eilend, in rasendem Wirbel, scheinbar ein Chaos von Unordnung, in Wirklichkeit sich lösend in bewundernswerter Ordnung. –

Der Omnibus hielt hier länger. Man stieg aus und ein. Schaaren drängten nach, mußten zurückbleiben. Aber Alle fanden den Platz, welchen sie suchten, in der fast unübersehbaren Reihe, in der sich ein Omnibus fast an den andern schloß...

Auban überschaute von seinem Sitze das Menschenmeer. Er verfolgte Den und Jenen mit seinen Blicken: einen jungen Kaufmann, offenbar war es ein Fremder, der wie verloren in diesem Gewimmel stand, nicht wissend, nach welcher Richtung hin er sich wenden sollte; dann einen älteren Herrn im Zylinder, tadellos einfach-schwarzem Gehrock, mit weißem Bart und einem Gesichtsausdruck, aus Hochmuth und Klugheit gemischt, der zu sagen schien: »Ich bin die Welt. Ich habe sie gekauft. Sie ist mein. – Was wollt ihr? Ich besolde Euch Alle: den König und seinen Hofstaat, den Feldherrn und seine Armee, den Gelehrten und seine Gedanken, und alle meine Leute, welche arbeiten, damit ich bin. Denn die Menschen sind dumm. Ich aber bin klug und ich habe sie erkannt...«

Auban wandte seine Blicke wieder der Bank zu. Hier war das Versteck jenes großen Geheimnisses, das alles Glück und Unglück in sich schloß. Unlösbar für die Meisten war es für sie die höhere Macht, welche ihr Schicksal bestimmt. Mit Grauen, mit Bewunderung, mit sprachlosem Erstaunen hörten sie von den unermeßlichen Reichtümern, an denen sie keinen Antheil hatten. Woher kamen sie? Sie wußten es nicht. Wohin gingen sie? In die Hände der Reichen – das sahen sie. Aber was brachte sie hier zusammen? Was verlieh ihnen diese unermeßliche Gewalt, die Welt zu formen nach dem Gutdünken ihrer Besitzer? – Nein, sie würden es nie lösen, dieses entsetzliche Rätsel ihres eigenen Elends und des Glücks der Anderen. Hier lag der Vampyr, der ihnen allen den letzten Blutstropfen aus den Adern sog, das Ungeheuer, welches ihre Frauen in die Entehrung trieb und ihre Kinder langsam erdrosselte – – Und sie eilten schneller vorüber an den dunklen Wällen, hinter denen das Gold lag, welches ihr eigenes Blut gewesen war.

Wenn sie hörten, daß auf dem Lande, in welchem sie lebten, eine Staatsschuld von so und so viel Millionen laste, und man ihnen sagte, daß Jeder unter ihnen an dieser Schuld mithafte, so ließ sie diese Albernheit vollkommen gleichgültig; was eine Milliarde war, wußten sie nicht, aber die letzte nicht bezahlte Zimmerrente und die 5 sh.-Schuld im Fleischshop lag drückend auf ihnen und erfüllte sie mit Angst vor den nächsten Tagen.

Zu Manchen von ihnen begann der Sozialismus zu reden. Wenn er ihnen sagte, daß Nichts auf der Welt Werth habe, als die Arbeit, und sie sahen, daß Die, welche nicht arbeiteten, im Besitz aller Werthe waren, so wurde es ihnen nicht mehr schwer, die einfache Folgerung zu ziehen, daß es ihre Arbeit sein mußte, welche die Besitztümer Jener schuf, mit anderen Worten, daß Jene von ihrer Arbeit lebten, sie um ihre Arbeit bestahlen... Was es war, das Jene dazu ermöglichte, war für die Meisten nun wieder ein unentwirrbares Geheimniß: waren sie doch in der Mehrzahl und Jene nur Wenige gegenüber ihren Massen! – Die Einsichtigeren ahnten, daß wohl nichts anderes helfen könnte, als dem Schutz- und Trutzbündniß der Räuber ein gleiches Bündniß des Beraubten entgegenzustellen. So wurden sie Sozialisten. Für Auban hatte das Geheimniß längst seine Schrecken, das Sphinxantlitz der Macht längst sein Grauen verloren. Seine Studien hatten einen Schleier nach dem andern von dem verhüllten Bilde gerissen und Auge in Auge stand er nun der jeden idealen Schimmers entkleideten Puppe des Staates gegenüber. Eine Holzpuppe – leer und hohl, ein ungeheurer Schwindel, ein Popanz war der Gott, vor dem Alle knieten. Aufgezogen von einigen geschickten Händen, sollten automatische Bewegungen von wirklichem Leben zeugen!

Die Einsichtslosigkeit der bethörten Massen gab jenem Gerippe die schrecklichen Waffen der Vorrechte in die starren Finger. Hier diese Bank, die größte Englands, sie war vom Staat belehnt worden mit der Schaffung von Papiergeld. So entstanden ungeheure Reichthümer, welche ein falsches Bild gaben von dem wahren Wohlstand des Landes. Ohne Konkurrenz, wie es war, unterdrückte schon dieses eine Prinzip, dessen Annahme und Durchführung die Gewalt erzwang, den freien Verkehr, untergrub das Vertrauen auf die eigene und fremde Kraft, stellte sich vernichtend zwischen Angebot und Nachfrage und schuf jene grauenhaften Unterschiede des Besitzes, welche die Einen zu Herren erhöhten, die Anderen zu Sklaven erniedrigten.

Das Monopol des Geldes, die Willkür des Vorrechtes, ein allein geltendes Austauschmittel zu schaffen, fiel es, so fiel der Staat, und dem Verkehr der Menschen untereinander war freie Bahn gegeben...

Aber Aubans Gedanken wurden unterbrochen.

Der Omnibus setzte sich endlich wieder in Bewegung, hinter sich die riesigen Gebäude des Geldverkehrs lassend, die Bank und die Börse, von welcher herab wie blutiger Hohn die Worte der Bibel sprachen: » The earth is the Lord's and the fulness thereof«.

Als er durch die schmalen Straßen nach Liverpool Station sich durchwand – die von brausendem Leben angefüllte Broad Street verlassend, um trotz des Umwegs schneller ans Ziel zu gelangen – war es Auban, als durchfahre er die kühle, dunkle Tiefe eines engen Thales, so dicht umschlossen ihn wie Wälle diese hohen, ernsten, schweigsamen Häuser, die nie ein Sonnenstrahl erwärmt zu haben schien.

An den Riesenhallen der Stationen von Liverpool Street hielt der Wagen. – Auban betrat den großen Bar-Room an der Ecke der Straße. Seine Abtheilungen waren überfüllt. Man drängte einander, stehend, die Gläser und Becher in der Hand, lebhaft sprechend, diskutierend, sich überschreiend. Die Thüren flogen in beständiger Bewegung auf und zu; das Geld klapperte auf dem Holze.

Auban saß ziemlich lange in einer Ecke, in kleinen Zügen sein half and half schlürfend. Dann drängte er sich durch die Menschenfluthen den Bahnhallen zu. An das Gitter des Eingangs gelehnt, inmitten einer Schaar von schreienden Newsboys, Schuhputzern, Blumenmädchen, Verkäufern aller Art und jeden Alters, stand ein kleiner, verwachsener Knabe, von Niemand beachtet, mit finsterem Trotz vor sich hinstarrend, die Hände in die schmutzigen Fetzen seiner Hose vergraben, zerlumpt, verkommen, ein Greisengesicht auf magerem Kinderkörper. Auban sah ihn und sein geübtes Auge erkannte sofort den Hunger in seinen Blicken. Er kaufte einige Orangen an dem nächsten Kaufwagen. Mit wortloser Gier biß der Kleine in die Frucht, ohne aufzusehen, einem verhungernden Hunde gleich, der sich über einen Knochen stürzt. Seit wie Lange mochte er nichts genossen haben? Seit wie Lange schon hier so stehen, Trotz, Bitterkeit, Verzweiflung in dem kleinen Herzen, apathisch vor sich hinstierend auf seine nackten, auf den kalten Steinen erstarrenden Füße?

Auban überrieselte es kühl. Das war der Anfang jenes Grauens, welches ihn jedesmal vereist hatte, wenn er zurückkehrte aus dem Ringe der ›Enterbten‹, der schweigenden Oede des East Ends von London...

Als ihn die Bahn die kurze Strecke nach Shoreditch trug, tauchte in riesenhaften Umrissen aus hundert vereinzelten Erinnerungen ein schattenhaftes Bild des ungeheuerlichen Lebens vor ihm auf: düster, drohend, schweigsam und gestaltlos-unfaßlich.

Er dachte so mancher andern Wanderung, auf welcher er lange Stunden das unermeßliche Reich des Hungers durchkreuzt hatte: des interessanten Nachmittags in diesem Sommer, als er zu Fuß die ganze Isle of Dogs umgangen hatte, betäubt von der Großartigkeit ihrer seit noch nicht zwanzig Jahren geschaffenen Anlagen, erschüttert von der Armseligkeit dieser verlorenen Straßenwinkel, in deren baufällige Häuser und trübselige Hütten ein ermüdetes Geschlecht seine Sorgenlasten versteckt zu haben schien. – Dann des Abends in Poplar, der diesen Nachmittag beschlossen hatte, an welchem er das Vergnügen der Armen belauscht hatte in einer Singspielhalle niedersten Ranges, unter halbwüchsigen Buben in Hemdärmeln und Mädchen in befedertem Straßenhute, den zinnernen Topf mit Ale vor sich, die Pfeife im Munde, auf dem 3 d.-Platz, dem besten und zugleich einzigen, lauschend den schreienden Stimmen einiger heiseren Sängerinnen und Negerimitatoren, umbrüllt von dem Lärm von hundert mitsingenden Stimmen. – Dann jenes andern Nachmittags in Wapping, das er durchbummelt hatte mit dem alten Seemann, der ihm die enormen London Docks zeigte, ihn mitnahm am Abend in die St. George Street, die berüchtigte Schifferstraße: in das Tanzlokal, wo baumlange Malayen, schweigsame Nordländer, Neger und Chinesen, die ganze seltsame, fremdartige mit den Schiffen aus allen Ländern der Welt hierher zusammengewürfelte Gesellschaft sich durcheinander mischte und wühlte in Tanz und Ausschweifungen; und in die Opiumkneipe bei der Münze, in das dunkle Loch, wo das unheimliche Schweigen des Todes über todtähnlichen, in ihr Laster versunkenen Gestalten zu ruhen schien. – Und Auban dachte an seine einsamen Abendgänge in dem ungeheuren Elend der Distrikte von Whitechapel und Bow, wo es fast keine Straße mehr gab, die er nicht wieder und wieder durchkreuzt hatte im Entsetzen vor dem Schrecklichen, das er sah, und im Grauen vor dem Schrecklicheren, das er hinter den schmutzigen Wänden und zerbrochenen Fensterscheiben ahnte.

Auban hatte weder kostspielige Leidenschaften, noch besondere Wünsche an das tägliche Leben, deren Erfüllung ihm Viel von seiner Zeit gekostet hätte. Seine Tage gehörten zum größten Teil seinem Berufe, der ihn übrigens nicht sklavisch an die Stunde band; seine Abendstunden meist seinen volkswirtschaftlichen Studien und dem Verfolgen des Ganges der Bewegung. Dann die Sonntagnachmittage seinen Freunden. Was dazwischen noch lag verwendete er auf die Wanderungen durch die ungeheure Stadt. Diese Wanderungen waren seine einzige wirkliche Freude, sein größter Genuß. Er war glücklich, konnte er sich einen Nachmittag hierfür frei machen; dann beugte er sich über die große Karte der Stadt, ließ seine Finger hierhin und dorthin ziehen, bis er den Anfangs- und Endpunkt der heutigen Wanderung bestimmt hatte. Wenn er sich eintauchte in das geheimnißvolle Leben einer nahen Fremde, fühlte er sich gepackt, fortgerissen, gehoben von der Größe seiner Zeit, die in nie ruhender Kraft das Mächtige geschaffen; wenn er zurückkehrte in sein stilles Zimmer, war er wie zermalmt unter dem Druck dieses übermächtigen Lebens, das den Einen zur Höhe des Glücks trug, um den Andern hinabzuschleudern in die Tiefe des Elends ...

Oft hatte er schon daran gedacht, für eine Zeitlang wenigstens seine Wohnung hierher zu verlegen, mitten hinein in die Misere dieses Lebens, um es so besser kennen zu lernen, als ihm dies je möglich werden konnte durch die Beobachtung der Außenseite, aber immer hatte es ihm an Zeit gefehlt. So mußte er sich an Das halten, was er sah und hörte, wenn ihn die Gelegenheit hierher trieb. Und das war in der That schon genug.

Nun hatte Trupp diesen Vorsatz ausgeführt. Er hatte seinem Freunde eine Karte geschrieben: er habe einer Differenz mit seinem Meister wegen die Arbeit niedergelegt und wohne jetzt in der Nähe von Whitechapel. Er schlug ein Rendezvous in der Nähe von Shoreditch vor.

Um 4 Uhr. Es hatte eben halb geschlagen. Auban wartete ohne Ungeduld.

Trupp kam zur bestimmten Zeit. Seine gedrungene, breitschulterige Gestalt bahnte sich sicher ihren Weg durch das Gedränge. Wieder, wie an jenem Abend in Soho, sah er Auban stehen, die Hände auf den Stock gestützt, leicht an den Eingangspfeiler von Shoreditch Station gelehnt, aber diesmal mit den scharfen Blicken die Umgebung und die Menschen musternd, nicht sich in Gedanken verlierend.

Sie begrüßten sich. Der letzte Sonntagnachmittag wurde nicht erwähnt.

Trupp war noch finsterer als gewöhnlich. Er erzählte voll Bitterkeit von der frechen Brutalität seines Meisters, der erbärmlichen Fügsamkeit seiner Mitarbeiter, der dumpfen Unthätigkeit seiner Genossen. Es müsse wieder ein Beispiel gegeben werden, sonst schlafe Alles ein. Er sah blaß aus, als habe er Wenig geruht in den letzten Tagen. Seine Augen flackerten unruhig. – Sie gingen nach Hackney Road hinein, die traurig-lange Straße der Kümmerniß, wo die kleinen Shopkeepers wohnen. Dann wandte sich Trupp südlich, dem Distrikt von Bethnal Green zu.

Das Leben um sie herum verstummte plötzlich. Die Straßen wurden enger, düsterer, farbloser; der Schmutz immer größer. Hier und da noch ein erbärmlicher Laden mit Kleinkram und altem Getrödel. Sonst Nichts als verschlossene Türen und Fenster, deren Scheiben längst im Schmutz erblindet waren.

Sie durchschritten einige Straßen; dann, mit jäher Biegung einen schmalen Gang, welcher unter einem Hause durchführte. Es schien etwas Heller zu werden, denn die mehrstöckigen Häuser hörten auf.

Sie standen auf einem kleinen Platz. Von ihm auslaufend zogen sich in ziemlicher Regelmäßigkeit drei Gassen, welche von schmalen, sämtlich zwei Stockwerke hohen Häusern gebildet wurden, deren enge Hinterhöfe aneinanderstießen.

Sie waren kaum fünf Minuten bis hierher gegangen.

Trupp war noch finsterer als gewöhnlich. Auban merkte, daß dies der Ort war, welchen er ihm vor Allem zeigen wollte.

Er trat auf einen aufgewühlten Erdhügel und blickte auf das Bild, welches sich ihm darbot.

Nie in seinem Leben glaubte er etwas Traurigeres, Niederdrückenderes, Trostloseres gesehen zu haben, als die starre Einförmigkeit dieser schmutzigen Löcher, von denen sich in grauenhafter Symmetrie das eine an das andere reihte, bis sich das zwanzigste verlor in die graue Trübe dieses fröstelnden Novembernachmittags. In den durch brusthohe, zerbröckelte Mauern voneinander abgetrennten Höfen, deren Enge kaum ein Ausspannen der Arme gestattete, schwammen trübe Lachen schleimigen Kotes; Haufen von Unrath waren in den Ecken aufgeschichtet; zerbrochenes Geräthe lag umher, wohin das Auge sah; hier und da hing ein Lappen grauer Wäsche, ein Fetzen Tuch bewegungslos in der kühlen Luft. Die Stufen der zu den Thüren hinaufführenden Steintreppen waren zertreten; die Läden der Fenster hingen, meist zerbrochen, kaum noch in den Angeln; die Scheiben waren zersplittert, kaum eine mehr ganz; die Löcher oft verklebt mit Papier; wo die Fensterflügel geöffnet standen, ragten nackte Wände.

Weit und breit keine Menschenseele. Es war, als sei soeben der Tod riesengroß durch diese Gassen geschritten und habe alles Athmende berührt mit seiner erlösenden Hand...

Dann sah Auban, wie sich etwas regte, in der Ferne. War es ein Thier, ein Mensch? Er glaubte, die gebückte Gestalt einer Frau zu erkennen. Aber er konnte Nichts deutlich unterscheiden in dieser Entfernung. – Aus dem einen und andern der zahlreichen Schornsteine stieg ein spärlicher Rauch auf und löste sich in der bleigraufarbenen Luft.

Kein Künstler hat es je versucht, dieses Bild zu malen, dachte Auban, und doch brauchte er nur eine Farbe auf seine Palette zu stellen: ein schmutziges Grau.

Er horchte auf. Aus entlegener Ferne drang ein ununterbrochenes, dumpfes Rollen herüber in diese Verlassenheit und Stille: die zu diesem einen drohenden Grollen zusammengeballten tausendfachen Laute des treibenden Lebens von London. Aber hier fand es kein Echo der Antwort.

Trupp war unterdessen hin und hergeschlendert: er hatte vor dem faulenden Körper eines verendeten Hundes gestanden, die verbogene, verrostete Laterne an der Straßenecke betrachtet, welche bis auf den letzten Splitter ihre Scheiben verloren hatte, und suchte nun vergebens in diesem staubigen Sandboden nach einer Spur von Grün – nicht ein einziger Grashalm fand Nahrung in dieser verfluchten Erde...

Verwahrlosung überall, wohin der Blick fiel, die Verwahrlosung des Hungers, welcher täglich seinen entsetzlichen Kampf mit dem Tode kämpft.

Langsam rissen die Freunde sich los von dem traurigen Anblick und verstummt gingen sie die mittlere Straße hinab. Hier und da öffnete sich halb ein Fenster, ein struppiger Kopf bog sich vor und scheue, neugierige Augen folgten halb furchtsam, halb gehässig dem völlig ungewohnten Anblick der Fremden. Ein Mann hämmerte an einem zerbrochenen Karren, der die ganze Breite der Straße versperrte. Er erwiderte den Gruß der Vorbeigehenden nicht: maaßlos erstaunt starrte er sie an, wie die Erscheinung einer andern Welt; eine Frau, welche in einer Hausthürecke regungslos gekauert hatte, erhob sich erschrocken, preßte ihr Kind mit beiden Händen fester gegen die von Lumpen kaum verhüllte Brust und stemmte sich, wie zum Widerstände bereit, gegen die Wand, keinen Blick von den Vorüberschreitenden lassend; nur eine Schaar von im Straßenschmutz spielenden Kindern sah nicht auf – man hätte sie für Idioten halten können, so lautlos trieben sie ihre freudlosen Spiele.

Trupp und Auban gingen schneller. Sie kamen sich vor wie Eindringlinge in die Geheimnisse fremden Lebens, und sie eilten, all diesen Blicken der Furcht, des Hasses, des Neides, des Erstaunens, des Hungers zu entgehen.

Am Ende der Straße hockte eine andere Gruppe von Kindern zusammen: sie vergnügten sich an den Todeszuckungen einer Katze, welcher sie die Augen ausgestochen und die sie am Schwanze aufgehängt hatten. Wenn das blutende, gequälte Tier mit den Füßen zappelte, um sich freizumachen, stießen sie nach ihm mit der grausamen, unheimlichen Freude der Kinder an sichtbaren Schmerzen. Trupp trat mitten unter sie mit schneller Bewegung. »Schneidet sie los!« herrschte er sie an. Aber er hätte ebensogut deutsch reden können, so wenig wurden die in seinem Munde hart und unnatürlich klingenden Laute verstanden. Mit maaßlosem Erstaunen sahen die Kinder zu ihm empor, ohne zu wissen, was er von ihnen wollte. Er mußte selbst das verendende Tier losreißen. – Zu Auban zurückkehrend, gab er seiner Entrüstung über die schändliche Tierquälerei lauten Ausdruck. Jener zuckte traurig die Achseln. »Bessere Verhältnisse, bessere Sitten,« sagte er, »was Anderes soll da helfen!«

Trupp schien jeden Winkel dieser Straßen zu kennen. Er führte den Weg hin und her, oftmals stillstehend, wenn sie vor einem der Häuser vorbeikamen, dessen geborstene Mauern zusammenbrechen zu müssen schienen, wenn man sich gegen sie stemmte; dann wieder schmale, armbreite Durchgänge findend, von deren Wänden eine schmutzige Feuchtigkeit herabträufelte, auf dem Boden sich sammelnd zu stinkenden, ekelhaften lachen – so führte er wortlos und sicher Auban durch das dunkle Labyrinth dieses unermeßlichen Elends, dessen traurige Einförmigkeit nicht enden wollte, nach welcher Richtung sie sich auch hinwenden mochten.

Sie kamen in einen hofartigen Raum, der rings von hohen, grauen Häusern eingefaßt war. Gibraltar Gardens stand auf einem Schild an der Straßenecke. »Gibraltar Gardens!« sagte Trupp. »Sie verhöhnen das Elend, das sie geschaffen haben!« – Auf dem zersplitterten Asphalt des Hofes vergnügten sich einige Kinder mit Rollschuhlaufen – in den »Gärten von Gibraltar«, wo kein Grashalm gedieh! –

Die Freunde gingen weiter durch enge Straßen von sehr alten, gebückten, niedrigen Häuschen, durch deren Thüren man mit gesenktem Haupte gehen mußte. Trödler wohnten hier und sie hatten mit ihrem » second hand«-Gerümpel die Straße zum Ersticken vollgestopft; und dann waren die Wanderer plötzlich im brausenden Leben der Church Lane. Mit einem Schlage veränderte sich die Physiognomie der Umgebung: aus todesähnlicher Verlassenheit in das rauschende Getriebe des Verkehrs eines Vorsonntagnachmittags!

Auban war ermüdet. Er hinkte stärker. Auf seinen Wunsch betraten sie auf eine halbe Stunde das nächste Publichouse, wo er sich in eine Ecke drückte. Noch immer sprachen sie wenig miteinander; höchstens, daß sie sich gegenseitig eine Beobachtung mitteilten. Es war ein Ginpalast niederster Stufe, den sie betreten hatten. Er führte den Namen: » The chimney sweep«, wie Auban lachend sah. Der sägemehlbestreute Boden starrte von Schmutz und zertretenem Speichel; die Bar schwamm von durcheinander rinnenden Getränken aller Art, welche zu einer klebrigen Kruste vertrockneten; hinter ihm, wo die großen Fässer vom Boden bis zur Decke an den Wänden hinaufgeschichtet waren, hatten die Aufwärter unaufhörlich zu thun, die sich ihnen entgegenstreckenden Hände zu füllen; der betäubende Geruch von Tabaksqualm und Branntwein, die feuchtwarmen Ausdünstungen ungewaschener Kleider und sich aneinander drängender Körper füllte die Räume bis in die letzten Winkel.

Hier suchte das Elend sein entsetzliches Glück, indem es seinen Hunger vertrank. Es war das rechte East End-Publikum: Männer und Weiber, die letzteren in fast ebenso großer Anzahl wie die ersteren – manche mit Säuglingen an den welken Brüsten, die meisten aber alt oder doch so scheinend. Zwischen den Erwachsenen drängten sich zerlumpte Kinder durch. Fast Alles war betrunken, in den ersten Stadien des Samstagrausches, welcher am Sonntag ausgeschlafen wurde. Auban machte Trupp auf eine Inschrift an der Wand aufmerksam: » Swearing and bad language strictly prohibited!«... Sie war einfach lächerlich, diese Aufforderung, um deren Drohung sich kein Mensch kümmerte.

Das Geschrei und Toben war überwältigend. Es verstummte keinen Augenblick und wälzte sich in schwellenden Schallwogen hin und zurück von einer Abtheilung in die andere. Das lallende Stammeln eines Betrunkenen wurde übertönt von dem rohen Geschimpfe eines erregten Alten, der behauptete, man habe ihm sein Glas ausgetrunken; und das wiehernde Gelächter, mit dem man die Beiden aufeinander hetzte, wiederum von dem wüthenden Kreischen eines Weibes, welches mit geballten Fäusten vor ihrem Manne stand, der ihr nicht folgen wollte. Junge Männer, fast noch Knaben, sangen in einer Ecke mit ihren aufgeputzten Sweethearts Gassenhauer, oder zeigten ihnen Niggertänze, indem sie mit schweren Schuhen im Takte den dröhnenden Boden stampften und den Oberkörper hin und herwarfen. Die ganze Aufmerksamkeit aller Weiber aber wurde plötzlich gefesselt: ein Baby fing an zu weinen; vielleicht fand es an der Brust seiner betrunkenen Mutter keine Nahrung mehr. Von allen Seiten beugte man sich über das kleine, runzelige, graue Gesicht und jede der Frauen hatte sechs Ratschläge für einen, es zu beruhigen. Die natürliche Gutmütigkeit brach hervor; man wollte helfen. Trotzdem schrie das Kind immer stärker, bis seine Klagen in Gewimmer erstarben.

Für Auban war das groteske Schauspiel dieses Lebens nichts Neues. Er war oft in diesen letzten Zufluchtsstätten des Elends gewesen, wo das Erscheinen eines nicht zerlumpten Menschen schon ein Ereigniß ist.

Heute waren indessen die Meisten in ihrer Trunkenheit bereits viel zu sehr mit sich beschäftigt, oder in Streitigkeiten und Disputen miteinander verwickelt, als daß man sich viel um die Fremden gekümmert hätte. Nur an Trupp drängte sich in zäher Hartnäckigkeit eine Alte, mit ihren blutunterlaufenen, trüben Augen ihn widerlich-zärtlich anstarrend und ihm im Idiom des East Ends, einem Slang, von dem er kein Wort verstand, ihre Anliegen vorlallend. Er beachtete sie nicht. Wenn sie gegen ihn fiel, schob er sie ruhig zurück. Auf seinem Gesicht zeigte sich dabei weder Ekel noch Verachtung. Auch dieses Weib war ihm ein Glied der großen Menschheitsfamilie und ihm eine Schwester.

Auf der Bank, Auban gegenüber, saß ein junges, völlig verwahrlostes Mädchen. Aus ihren großen dunklen Augen schoß sie Blitze der Wuth auf Trupp. Weshalb? Aus Haß gegen den Fremden, den sie in ihm erkannt hatte? Aus Zorn über der Alten Zudringlichkeit, oder über seine kühle Abwehr? Aus Eifersucht? – Aus den Schimpfworten, die sie ihm von Zeit zu Zeit zuschleuderte, war es nicht zu ersehen.

Auban betrachtete sie. Ihre verkommenen Züge, auf denen Verachtung mit Gemeinheit und Haß sich mischte, waren noch immer schön, trotzdem ihre rechte Backe blutig zerkratzt war und das Haar wirr auf die Stirne herabfiel. Ihre Zähne waren tadellos. Ihr unordentlicher Anzug, die schmutzige Leinenjacke, war auseinandergerissen, wie in frecher Absichtlichkeit herausfordernd, und ließ die noch kindlichen, weißen Brüste sehen. »Was brauche ich mich vor Euch zu genieren«, sagten alle ihre Bewegungen.

Wie lange noch und auch die letzten Spuren von Jugend und Anmuth waren hinweggewischt? – Welcher Unterschied dann noch zwischen ihr und dieser immer betrunkenen Alten, der Trupp jetzt, als sie von neuem mit der ganzen Wucht ihres Körpers gegen ihn fiel, ins Ohr schrie, er verstehe kein Englisch, er sei ein Deutscher? –

Are you, darling? stammelte sie und näherte ihr Gesicht dem seinen. Doch in diesem Augenblick wurde sie völlig von der Trunkenheit überwältigt. Einen gurgelnden Laut von sich gebend, stürzte sie vornüber und lag regungslos auf dem glitschrigen Boden. Die grauen Strähne ihres Haares bedeckten zur Hälfte ihr verzerrtes Gesicht.

Die Männer lachten laut, die Dirne kreischte und überhäufte Trupp mit einer Fluth von Schimpfworten.

Auban war aufgestanden. Er wollte die Alte aufheben. Aber Trupp hinderte ihn. »Laß sie liegen. Sie liegt dort gut. Wenn du alle betrunkenen Frauen aufheben wolltest, die wir heute sehen, hättest du viel zu thun.«

Er hatte recht. Die Alte schlief bereits.

– Laß uns gehen, sagte Auban.

Das junge Mädchen war auf Trupp zugetreten und stellte sich ihm Brust an Brust gegenüber. Sie sah ihn mit ihren großen, von krankhafter Gier funkelnden Augen an. Aber sie sagte kein Wort. Trupp ging ihr aus dem Wege, der Türe zu.

You are a fool! sagte sie da mit unbeschreiblichem Ausdruck. Auban sah noch, wie sie auf ihren Platz zurückkehrte und das Gesicht in den Händen verbarg.

*

Als sie auf der Straße standen, erschien ihnen das Brausen des Lebens wie Stille nach dem Toben, das sie eben umlärmt hatte.

Es war dunkler und kühler geworden. Feuchtigkeit schwängerte die Luft. Je mehr der Abend nahte, desto unruhiger und belebter wurde die Straße. Die Verkäufer an den Wagen, die den Straßenrand besetzt hielten, einer dicht hinter dem andern, schrieen lauter. Die Berge von Grünkraut und Orangen sanken zusammen; die alten Kleider und Schuhe lagen wild durcheinander geworfen, betastet von so vielen prüfenden Händen; die second hand books wurden durchblättert, indem man sie in der zunehmenden Dunkelheit dicht zum Gesicht hob.

Die Verkäufer von Muscheln und Schnecken, dem abscheulichen Essen der Aermsten, hielten die Straßenecken besetzt. Der Anblick ihrer unappetitlichen Ware erfüllte mit brechendem Ekel...

– Brick Lane! – sagte Trupp plötzlich.

Sie standen am Eingang der vielgenannten Straße. Whitechapel! – East End im East End! Hölle der Höllen! Wo endest Du, wo beginnst Du? – Deine ursprünglichen Grenzen eines Distrikts hat Dein Name verwischt – – heute denkt man bei seinem Klange an den dunkelsten Theil in der großen Nacht des East End, an die unheimlichste seiner Tiefen, an den bodenlosesten seiner Abgründe des Elends...

Hier liegen die Menschenleiber am unentwirrbarsten und am höchsten aufeinander getürmt. Hier kriechen die Schaaren derer, die kein Name nennt und keine Stimme ruft, am ruhelosesten über- und durcheinander. Hier preßt die Noth die menschlichen Tiere am engsten zu einer unerkennbaren Masse von Schmutz und Unrath zusammen, und ihr kranker Athem liegt wie eine verpestete Wolke über diesem Theile der maaßlosen Stadt, dessen engere Grenzen im Süden erst der schwarze Streifen der Themse bestimmt.

Von Norden nach Süden in leichter Windung zieht sich Brick Lane. Sie beginnt, wo sich Church Street in Bethnal Green Road verlängert, der an dem Museum gleichen Namens endet, welches errichtet wurde, um dem Bildungstriebe der »ärmeren Klasse« zu genügen, ebenso wie der nahe Viktoria Park angelegt ward, damit sie den kärglichen Athemzug frischerer Luft nicht ganz zu entbehren gezwungen war. Sie endet dort, wo sie von Aldgate aus in unabsehbarer Länge Whitechapel Road und Mile End Road nördlich, und südlich die stattliche, breite Commercial Road East, welche eher nicht als bei den indischen Docks ihr Ende findet, gabelartig abzweigen.

Wer Brick Lane einmal langsam durchwanderte, der kann sagen, er sei vom Pesthauch der Noth gestreift worden; wer sich verirrte in ihre Nebenstraßen, der ging an dem Abgrundrande menschlichen Leidens. Wer sehen will, wie viel die menschliche Natur zu ertragen im Stande, ist; wer noch immer dem Kindertraume glaubt, daß die Welt durch Liebe erlöst, die Armuth durch Wohlthaten gelindert, das Elend durch Staatshilfe abgeschafft werden könne; wer die furchtbaren Wirkungen des Mörders Staat in ihre letzten Konsequenzen hinein verfolgen will: der betrete das Schlachtfeld von Brick Lane, wo die Menschen nicht fallen mit zerspaltenem Schädel und durchschossenem Herzen, sondern wo der Hunger sie mühelos mäht, nachdem die Noth sie ihrer letzten Kraft des Widerstandes beraubt....

Es ist eine lange Wanderung, Brick Lane hinab. Die Freunde gingen schweigend. Riesige Lagerhäuser, in der Ferne sichtbar, gewölbte Eisenbahntunnel der Great Eastern Railway unterbrachen die Eintönigkeit der aneinander gepreßten Häuserflucht. Oft hatten sie Mühe, sich durch die auf- und niederwogenden Menschenströme durchzustoßen. Die Gerüche wechselten: faulende Fische, Zwiebeln und Fett, penetrante Dünste gerösteten Kaffees, die Stickluft des Schmutzes, der verwesenden Stoffe... Läden mit blutigem Fleisch, auf Stäbe gesteckt – » cats meat«; an jeder Straßenecke ein » Wine and Spirits«-Haus, zerrissene Maueranschläge, auch hier noch in schreienden Farben; eine Schaar junger Männer zieht vorbei – sie schreien und singen; die Nebenstraße hinab tastet sich der Wand entlang eine betrunkene Gestalt, vor sich hinmurmelnd und gestikulierend, vielleicht überwältigt von einem einzigen Glase Whisky, da der Magen seit Tagen nichts genossen hat...

Die Gegend wird immer unheimlicher. Das Judenviertel, die Aermsten der Armen. Die Opfer der Ausbeuter, der » Sweaters«, Schneider und Kleinhandwerker. Unendlich genügsam, Lastthiere im Ertragen des Unmöglichen, bei achtzehnstündiger Arbeit oft zufrieden mit sechs, ja mit vier Pence, völlig versunken in dumpfer Ergebung, sind sie die willigsten Objekte der Ausbeuter und drücken die Löhne auf einen Punkt, der weit unter der Hungergrenze steht. So sind sie der Schrecken und der Abscheu für alle Bewohner des East End, die sie töten mit ihrer zähen Ausdauer und ihrer unheimlichen Entsagungsfähigkeit in diesem furchtbaren Kampf einer mehr als erbarmungslosen, einer raffinierten Konkurrenz.

Sie allein haben es vermocht, in Whitechapel festen Fuß zu fassen: so lagern sie in der Mitte des East End, wie ein faulender Schwamm am Fuße eines riesigen Baumes...

Wieder in starrer Einförmigkeit begannen sich nach Osten hin diese entsetzlichen Reihen zweistöckiger Häuser hinzuziehen, deren graue Eintönigkeit dem Auge Nirgends Halt gebietet. So ist Brick Lane, deren Ende Auban und Trupp nun erreicht haben: unbeschreibbar in ihrer scheinbaren Gleichgültigkeit und schaurigen Düsterniß – durchgehe sie nicht ein Mal wie heute, sondern hundert Mal und Nichts Anderes verräth sie Dir von ihren versteckten Geheimnissen, ihren stummen Leiden, ihren toten Klagen, als das Eine: daß sie keinen Glücklichen noch sah...

Whitechapel! Als die Freunde die schmutzige Enge von Osborne Street, dem Eingang zu Brick Lane, durchschritten, begann die sechste Abendstunde. Sie standen in einem riesigen Menschenstrom, der sich Whitechapel und Mile End Road hinaufwälzte: Tausende und Abertausende von Arbeitern, die den äußeren, den äußersten Grenzen des Riesenleibes der Stadt zuströmten. Durch den Nebel glühten die rothen Augen der Laternen, in langen, in letzter Ferne sich vereinigenden Reihen. Die nördliche Seite der Straße war dicht besetzt mit zwei Reihen von Händlern jeder Art, ihren Wagen und Verkaufsständen, von denen herab qualmende Naphtalampen Lohen von Licht auf die Massen warfen, die sich durch den engen Mittelweg drängten, stoßend, treibend, erregt, halbbetäubt... Es ist der große Abend, der Vorsonntag. Wer noch einen Penny sein eigen nennt, giebt ihn aus.

Denn Whitechapel Road ist das große, öffentliche, jedem zugängliche Vergnügungslokal des East End. An ihm liegen große Musikhallen mit weiten Gängen und hohen Etagen und Rängen, und hier kleine, versteckte Penny-Gaffs, in denen wenig zu sehen vor Tabaksqualm und Nichts zu hören vor Lärm ist. – An ihm hat der Medizinmann mit der Wundersalbe, welche alle Krankheiten heilt – man braucht sie innerlich, wie äußerlich, es bleibt sich ganz gleich – sowohl, wie der Schießstand sich aufgeschlagen, die mit ihren wehenden Steinölflammen die Gaslichter unnöthig machen. – An ihm findet man den Kraftmenschen und die Meerjungfrau, das Wachsfigurenkabinett und den famosen Hund mit den Löwenklauen – man hat ihm die Vorderfüße gespalten: Alles zu sehen für einen Penny.

Auban und Trupp sahen Nichts von allen diesen Herrlichkeiten. Sie hatten eine Strecke weit diese Fluth zu durchbahnen. Nur Schritt für Schritt gelangten sie vorwärts. Nun wieder nach Norden, von wo sie gekommen sind, einbiegend, führte Trupp seinen Freund durch zwei, drei dunkle Gassen, und wieder durch einen jener niedrigen Durchgänge, in welchem Staub, Kalk und Mörtel auf sie niederfällt von den Wänden, die sie streifen... Plötzlich standen sie in einem jener stillen, abgelegenen Höfe, welche ein Fremder nie betritt. Nichts war erkennbar hier, als die ragenden Steinmassen, die Tags dem Lichte von oben her kaum einen Durchblick gestatten konnten, so dicht schlossen sie sich aneinander. Jetzt aber verloren sie sich völlig im Nebel und der sinkenden Nacht. Auban glaubte sich auf dem Grund eines klaftertiefen Brunnens zu befinden, eingemauert zu sein von allen Seiten, lebendig begraben, ohne Ausweg und ohne Licht.

Aber er fühlte Trupps Hand wieder auf der seinen. Sie zog ihn fort. Hier hatte sein Freund sich eingemiethet. Sein Zimmer lag zu ebener Erde, dicht neben der Tür. Als ein Licht es erhellte, sah Auban, daß es nichts enthielt als ein Strohbett, einen Tisch und einen Stuhl. Der Tisch war mit Papieren, Broschüren und Zeitungen bedeckt.

Während er diese traurige Spärlichkeit musterte, ging Trupp hin und her, den Kopf gesenkt, die Hände in die Taschen versteckt, wie er es immer that, wenn er innerlich erregt war. Indem er Auban auf den Stuhl nöthigte und sich selbst einen Koffer herbeizog, begann er, der die letzten Stunden so schweigsam gewesen war, mit unterdrückter, wie erstickter Stimme zu erzählen, was er in diesen Tagen gesehen.

– Du meinst wohl, dies Zimmer sei dürftig? Weit gefehlt. Ich lebe fürstlich – bin ich doch der Einzige im ganzen Hause, der sein eigenes Zimmer für sich allein besitzt. Ja, in diesem » Family Hotel« wohnen einige Hundert Menschen, einige Dutzend Familien. Hier und im ersten Stockwerk geht es noch: nur eine Familie theilt sich in ein Zimmer, die Eltern, die Kinder, erwachsen, unerwachsen, alles durcheinander. Weiter oben hinauf – ich war noch nicht dort, denn im dritten Stock wird der Schmutz und der Gestank so, daß man umkehren muß – geht es nicht mehr so gut. Zwei Familien in einem Raum, nicht größer als dieser. Ob sie sich mit dem berühmten Kreidestrich helfen, ich weiß es nicht. Genug, sie behelfen sich: Schlaf-, Wohn-, Eßraum, Küche, Krankheits- und Sterbezimmer – alles in einem. Oder ein solches Loch von zehn Fuß Breite und sechs Fuß in die Länge wird bewohnt von sechs, zehn, zwölf Arbeitern – Schneidern. Sie arbeiten zwölf, vierzehn, sechzehn Stunden, oft noch länger. Sie schlafen Alle in dem einen Zimmer, auf dem Boden, auf einem Lumpenbündel, wenn sie nicht die Nächte bei giftigem Gaslicht durcharbeiten. Es können Tage vergehen, Wochen, ehe sie aus ihren Kleidern kommen. Was sie verdienen? Das ist verschieden. Twopence die Stunde? Sehr selten. Meist soviel nicht in drei, oft aber erst in sechs Stunden. Haben sie einen, anderthalb Schilling, wenn sie aufhören müssen vor Erschöpfung, sind sie froh. Für das Verfertigen eines Rockes, der im Laden für zwei Guineas verkauft wird, erhalten sie vier bis fünf, zuweilen nur – begünstigt ein Streik die Sweaters und erlaubt ihnen, jedes Angebot zu machen – zwei bis drei, ja einen Schilling. Willst Du noch mehr hören? – In der Schuhmacherbranche, bei den Verfertigerinnen der Matchboxes, den Hemdennäherinnen, den Spinnerinnen, ist es ebenso. Für das Anfertigen von einem Groß Streichholzschachteln werden etwa zwei Pence bezahlt – die Arbeit erfordert drei bis vier Stunden; für das Nähen eines Dutzend Hemden vier oder gar drei und zweieinhalb; für das Polieren eines Groß Bleistifte – anderthalbstündige Arbeit – zwei Pence – und für Alles finden sich Hände, die nicht ruhen, bis sie sich die Nägel von den Fingern geschunden haben.

Auban unterbrach ihn. Er kannte seinen Freund. Ließ er ihn gewähren, so würde Jener Stunde auf Stunde so, wahllos hier- und dorthin greifend in den Haufen aufgestapelter Erfahrung, eine Thatsache nach der anderen, ein Argument nach dem anderen hervorziehen, und in blutendem Schmerz und schrecklicher Freude zugleich ein Bild hinstellen, dem gegenüber alle Einwände wirkungslos bleiben mußten. Immer war sein ceterum censeo, wenn er erschöpft und maßlos erregt schloß, die Revolution, die Vernichtung der alten Gesellschaft, die Zerstörung alles Bestehenden.

Er ließ sich in seinem rasenden Laufe nicht aufhalten. Immer neue Felsen fand er, aus denen er Quellen für seine Theorien schlug. Unterbrechen schweifte er ab, kam auf ein anderes Gebiet und riß überall, ohne sich zu besinnen, den Schleier herunter, jeden Sonnenblick einer möglichen Hoffnung verscheuchend, jeden Gedanken an eine friedliche Reform erstickend, begrabend unter der Last seiner Anklagen... Dann, wenn er seine Zuhörer eingehüllt hatte in die Schatten seiner Verzweiflung, flüsterte er, vor sie hintretend, ihnen das eine Wort »Revolution!« zu und ließ sie allein in der Nacht mit diesem einzigen Stern... So war er der Agitator geworden, dessen Worte immer dann am Hellsten gezündet, wenn der Augenblick sie geboren hatte. Die Lethargie der Gleichgültigkeit zu brechen, die Unzufriedenheit zu schüren, den Haß und die Empörung zum Ausdruck zu bringen, verstand Trupp wie kein Anderer. Daher war sein Wirken unter den Indifferenten immer erfolgreich. Ein Organisator war er nicht. So mied er mehr und mehr die Klubs. Diskussionen ging er gern aus dem Wege. Er verstand nicht zu überzeugen. Waren der Jubel und die Begeisterung der Stunde verflogen, dann – in der grauen Eintönigkeit des nächsten Tages, die den Kampf zwecklos, die den Sieg aussichtslos erscheinen ließ – bemächtigte sich Vieler von Denen, die er hingerissen, von Neuem und stärker das dumpfe Gefühl der Unabänderlichkeit, welches die gespannte Sehne der Hoffnung zurückschnellen machte. Er war ein Wegzeiger; ein Wegführer war er nicht.

Als Auban ihn unterbrochen hatte, griff sein fieberhafter Geist nach einer anderen Seite des Gespräches. Er erzählte von den Kindern dieses Elends, die geboren werden in diesem, sterben in jenem Winkel, mehr als dreißig unter Hundert, bevor sie ihr erstes Alter zurückgelegt, von Niemandem vermißt, gekannt kaum von der eigenen Mutter, nie gekleidet, nie gesättigt; von den glücklichen, die bewahrt bleiben vor dem Leben der Ungewißheit, dem langsamen Tode des Hungers; von der Höhe der Preise, welche die Armen für Alles zu zahlen genötigt sind, dessen sie bedürfen – vier, fünf Schilling wöchentliche Miete an den Hausherrn für das Loch von Zimmer allein, während der Verdienst der ganzen Familie noch nicht zehn, zwölf beträgt; von dem verhältnißmäßig sehr hohen Schulgeld, das sie für ihre Kinder zu zahlen gezwungen sind, die sie so nöthig brauchen, um ein paar Pence die Woche mehr dem Verdienst zufügen zu können; von ihrer völligen Hilflosigkeit in Allem, bei dem Tod« ihrer Angehörigen zum Beispiel. Es waren in letzter Zeit dunkle Gerüchte von entsetzlichen Vorkommnissen in die Oeffentlichkeit gedrungen, so unmöglich, daß Jeder sie für die Ausgeburten eines kranken Gehirns, einer sensationslüsternen Phantasie hielt. Sie beruhten auf Thatsachen. Trupp bestätigte sie.

Es war keine allzu große Seltenheit, daß Leichen unbeerdigt Tagelang in demselben Zimmer liegen blieben, das den übrigen Familienmitgliedern Tag und Nacht zum Aufenthaltsort« diente.

– Als ich hierher kam, sagte Trupp, – war im Nebenhause ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren gestorben. An einem Fieber, einem scarlet fever, glaube ich. Jedenfalls war seine Krankheit ansteckend. Der Mann war out of work; die Frau brustkrank. Sie hustete den ganzen Tag. Sie hatten vier Kinder; aber das Zweitälteste, ein Mädchen, kam nur nach Hause, wenn es keine andere Unterkunft fand. Sie und ihr Bruder waren die Einzigen, die zuweilen Etwas ins Haus brachten. Außerdem ist da noch die alte irrsinnige Mutter der Frau, die nie von ihrem Winkel im Zimmer aufsteht. Der Sohn also starb. Er war acht Tage krank gewesen. Natürlich keine Pflege, kein Arzt, keine Nahrung. Die Leiche blieb auf demselben Fleck liegen, auf dem der Kranke gestorben war. Kein Mensch rührte sie an. Statt nach Arbeit, lief der Mann einen ganzen Tag von einer Behörde zur anderen. Von einem Distrikt wies man ihn in den anderen: dieser hatte keinen Kirchhof, zu jenem sollte er nicht gehören. Er war Ausländer, konnte sich schwer verständlich machen – kurzum, der Tote blieb, wo er war, ohne Sarg, unbeerdigt. Nach drei Tagen sprach man im Hause von der Sache, nach fünfen drang der Geruch durch die Spalten der Tür, nach sieben Tagen ward er so unerträglich, daß sich die Nachbarn in den nächsten Zimmern empörten; erst nach acht Tagen hörte ein Polizeimann davon und am neunten Tag endlich ward die völlig in Verwesung übergegangene Leiche abgeholt! Die Zeitungen haben Nichts darüber berichtet. Wozu auch? Es ist ja doch Alles umsonst. – Neun Tage! Das erzählt sich ganz gut, aber ich wette mit Dir, keine Phantasie malt sich in Wirklichkeit das Bild dieses Zimmers aus!

Er schwieg einen Augenblick. Auban fror. Er hüllte sich dichter in seinen Mantel und sah auf das Licht, das zu erlöschen drohte.

Aber Trupp war noch nicht fertig.

– Zuweilen werfen sie eine Leiche in irgendeinen Winkel des Hofes, mag mit ihr geschehen, was will. – Hier gleich in der Nähe ist eine Gasse, die nur von Dieben, Zuhältern, Mördern, einem Gesindel ersten Ranges bewohnt wird. Kinder giebt es da schaarenweise. Als neulich eines von ihnen starb, blieb es liegen, wo es lag. Keinem sollte es gehören. Wer die Eltern waren, kein Mensch wußte es. – Von einem anderen Fall erzählte mir die Frau, die drüben wohnt. Dort oben – über uns – lebt ein Trunkenbold. Er hat eine Frau und sieben Kinder. Die Frau arbeitet für die ganze Familie. Neulich starb eines der Kinder – an jener unheimlichen Krankheit, für welche die Wissenschaft keinen Namen hat. »Langsame Erschöpfung infolge ungenügender Ernährung« – nennen es nicht so die Berichte in den Zeitungen gewöhnlich? – Die Frau versetzt ihr Allerletztes, nur um einen Sarg und ein paar grüne Zweige kaufen zu können. Aber bis sie das zusammengebracht hat, darüber vergehen ein paar Tage. Eines Abends kommt der Mann nach Hause, natürlich völlig betrunken. Der Sarg ist ihm im Wege. Er nimmt ihn und wirft ihn mit der Leiche durch das Fenster, aus einer Höhe von drei Stockwerken. – Die Frauen haben den Menschen am nächsten Tag fast zerrissen; die Männer lachten bei ihrem Gin über den » smart fellow«. Das ist East End Leben...

Auban stand auf.

– Es ist genug, Otto, sagte er. – Kannst Du mir die Straße zeigen, von der Du eben sprachst?

– Jetzt? – Ich werde mich hüten! Wir kämen nicht mehr mit heiler Haut heraus.

– Dann laß uns gehen.

Als sie in der Tür standen, faßte er Trupp ins Auge. – Du wirst doch hier nicht wohnen bleiben? – Weshalb nicht? – Bin ich etwa besser? Habe ich mehr verdient als diese Armen? – Einer mehr oder weniger, darauf kommt es nicht an.

– Doch. Einer weniger im Schmutz ist immer besser als Einer mehr. –

Als sie auf dem schmalen Korridor standen, öffnete sich die gegenüberliegende Tür. Ein dünner Lichtstreifen erhellte schwach den Gang und ließ in der Heraustretenden eine jüngere Frau erkennen. Sie murmelte Etwas, als sie Trupp sah. Es klang wie eine Bitte und sie wies in das Zimmer zurück. Ein stickiger, modriger, verpesteter Dunst drang den Nähertretenden entgegen: der Dunst von ungelüfteten Kleidern, faulendem Stroh, sich zersetzenden Speisestoffen, untermengt und geschwängert mit den Miasmen widerlicher Krankheiten, entstanden durch diese Unreinlichkeit, die wie ein Filz Alles überzog, und bedeckte – die Wände, den Boden, die Fenster. Kaum war in der Dunstwolke, welche trotz der Kälte das unheizbare Zimmer erwärmte, ein Bett zu unterscheiden, das fast die ganze Länge einer Wand besetzte. Von diesem Bette empor erhob sich eine Gestalt, die sicher nicht für menschlich gehalten worden wäre, hätte sie nicht nach der Tür hin eine Fluth von unverständlichen Schimpfworten gestoßen: das Gesicht durch Laster, Krankheit, Trunksucht völlig entstellt, den Kopf verbunden mit einem schmutzigen, blutgetränkten Lappen, mager, entkräftet die von Lumpen kaum verhüllten Glieder, glich der Mann bereits mehr einem Toten, als einem Lebenden. Röchelnd fiel er zurück, ermattet von der Anstrengung seiner willen- und ziellosen Wuth. Trupp sprach mit der Frau. Auban verstand nur, daß es sich um die Aufnahme des Kranken in ein Hospital – das Paradies der Armuth – handelte. Er war müde und stumpf und ging voran. Trupp folgte ihm bald. Er mußte den Freund am Arme führen, so durchlöchert war der knarrende Boden des dunklen Ganges, so ausgetreten die Steinfliesen der Treppe.

– Das war auch Einer von Denen, die jeden Tag von der Polizei ins Armenhaus geschafft werden können – haben sie doch › no visible means of existence!‹ Sie haben eine wahnsinnige Angst davor – sagte er nur.

Der Lichthof war menschenleer wie vorher. Man hätte glauben sollen, alle diese Häuser, welche ihn bildeten, seien unbewohnt, so still war es, so verrieth Nichts von Leben.

– Es ist immer so, murmelte Trupp. Die Kinder am Tage spielen nie laut.

An der Ecke der nächsten Straße stand eine Gruppe von Menschen. Sie sprachen lebhaft miteinander. Offenbare Erregung ging von Einzelnen aus. Als Auban und Trupp näher traten, kam eine Frau auf sie zu. Sie heulte nach einem Arzte. Man machte den Fremden bereitwillig Platz. Sie durchschritten einen Thorweg. Ein Hof, halbdunkel, eng, schmutzig, lag vor ihnen. Auch hier stand eine Gruppe von Männern und Frauen, an die sich Kinder drängten. Zwei Polizisten gingen in regelmäßigen Schritten auf und ab, soweit der gemessene Raum es ihnen erlaubte.

Auban wollte wieder umkehren, als sein Auge dem Scheine einer Laterne folgte, die auf der Erde stand und ein trübes Licht über ein Bündel Stroh warf, auf dem eine menschliche Gestalt lag. Keiner hinderte ihn, als er näher trat. Die Umstehenden drängten sich herzu; die Polizisten schritten gleichgültig auf und ab. Man hielt Auban für einen Arzt. Es war die Leiche eines etwa fünfzigjährigen Mannes, die da vor ihnen lag. Sie lag auf dem Rücken, die Arme halb ausgestreckt zu beiden Seiten herabgefallen, die geöffneten Augen nach oben gerichtet. Der Körper des Toten war nur bekleidet mit einem langen, schwarzen Rock, der auf der Brust auseinandergerissen auf dem nackten Fleische lag und den Hals mit dem emporgeschlagenen Kragen umschloß. Aus den ausgefranzten, kothigen und verschlissenen schwarzen Hosen sahen die nackten, mit bläulichen Frostnarben und Schmutz bedeckten Füße hervor. Ein abgetragener, am Rande aufgerissener Zylinderhut war bei Seite gerollt. Die ungepflegten grauen Haare waren über die Stirn gefallen; die linke Hand des Toten war geballt. Auban beugte sich über ihn. Der Körper war von einer schrecklichen Magerkeit: die Rippen des Brustkastens traten scharf hervor, die Gelenke der Hände und Füße waren so schmal, daß eine Knabenhand sie hätte umspannen können. Die Wangen waren eingefallen und ließen die Backenknochen hart hervorstehen; die Nase trat spitz hervor; die Lippen völlig blutleer, wie schmerzlich etwas geöffnet; die hervortretenden Zähne scheinbar noch gut erhalten. Tief eingefallen waren die Schläfen und die Halsgegend – die Leiche sah aus, als ob sie bereits Monate lang in einem trockenen Raum gelegen hätte, so dünn und dicht überspann die gelbliche Haut die Knochen.

Auban sah zu dem Polizisten empor, der sich neben ihn gestellt hatte.

– » Starved? fragte er halblaut.

Der Polizist nickte ernst und gleichgültig. – Verhungert! Durch die Umstehenden, die bisher lautlos jeder Bewegung Aubans gefolgt waren, ging eine hastige Erregung. Von Lippe zu Lippe flog das Wort, und jede sprach es nach in einer anderen Betonung des Grauens und der Furcht, als habe jeder sein eigenes Todesurtheil vernommen. Die Kinder drängten sich enger an die Frauen, diese näher an die Männer. – Ein junger Bursche tat einen höhnischen, lauten Ausruf; man stieß ihn fort. Dadurch kam Bewegung in die ganze Gruppe. Man drängte sich durcheinander: Jeder wollte einen Blick in das Gesicht des Toten werfen.

Die beiden Polizisten nahmen ihren Gang wieder auf, ab und zu beobachtende Blicke auf den Einen oder Andern gleiten lassend.

Auban hatte sich aus seiner knienden Stellung emporgerichtet. Die Hand des Toten war schlaff niedergefallen, wie er sie aufgehoben hatte. Es war keine Spur von Leben mehr in dem entseelten Körper.

Als er sich umwenden wollte, fühlte er plötzlich den eisernen Faustgriff Trupps an seinem Arme. Er blickte auf und sah in ein völlig verstörtes Gesicht. Trupps Augen waren in starrem Entsetzen und sprachlosem Staunen auf den Toten geheftet, als rufe dieser in ihm eine furchtbare Erinnerung wach.

– Kennst Du ihn? – fragte Auban.

Trupp gab keine Antwort. Er ließ keinen Blick von dem Leichnam.

Der Tote lag da und es schien plötzlich nicht nur Trupp, sondern auch Auban, als kehre in seine gebrochenen Augen ein letzter Strom von Leben zurück und als erzählten sie nun zum letzten Mal in stummer Sprache die Geschichte ihres Lebens: die Geschichte eines Niederstiegs von der Höhe zur Tiefe ...

Trupp zog seinen Freund fort, aufschreckend aus seinen Gedanken. Die Umstehenden schauten ihnen in dumpfer Erwartung nach, da sie noch immer in Auban einen Arzt vermutheten. Nur die beiden Polizisten gingen weiter unbekümmert auf und ab: gleich würde einer ihrer Beamten mit einem Wagen kommen und morgen lag der Tote auf der Marmorplatte eines Seziertisches ...

Auf der Straße erzählte Trupp hastig, mit noch immer von Grauen unterdrückter Stimme:

– Ich habe ihn gesehen – einmal – vor vier Wochen war es – in Fleet Street ... Er kam sie herunter – mir entgegen – ganz so, wie er eben dalag: ohne Schuhe, ohne Hemd, aber in Zylinder und in schwarzen Handschuhen. Sein Anblick war nicht lächerlich – im Gegenteil: er war entsetzlich. Er sah aus wie der leibhaftige Tod – mager wie ein Gerippe – wie ein Schatten! – so schlich er der Wand entlang, immer geradeaussehend, keinen Menschen beachtend und von keinem beachtet. – Ein Gefühl sagte mir, ich solle es lassen – aber ich erkannte den Hunger und so ging ich auf ihn zu und fragte ihn Etwas. Er verstand mich nicht. Ich glaube: er hörte mich überhaupt nicht. Als ich ihm aber einen Schilling reichte, warf er einen Blick auf das Geld, dann einen auf mich, als wolle er mich auf der Stelle erwürgen, und warf, was ich ihm gegeben – meinen letzten Schilling – dem nächsten Straßenjungen zu. – Ich war natürlich so verblüfft, daß ich ihn gehen ließ ...

Auban schüttelte den Kopf.

– Ist es wirklich derselbe? –

– Vergißt man das Gesicht, wenn man es ein Mal gesehen hat? –

Auban schwieg. Das Zusammentreffen war seltsam, doch es war nicht unmöglich. Trupp konnte sich irren. Aber Auban glaubte selbst nicht, daß sein Freund sich täuschte.

Auch er war erschüttert. Dieses Gesicht – nein, man vergaß es nicht, hatte man es einmal gesehen. Trauriger aber noch, wie die blutlosen Wangen und die anklagenden Augen war ihm die Magerkeit dieser entkräfteten, völlig erschöpften, ausgesogenen Glieder gewesen. Der Hunger mußte eine lange, geduldige Arbeit gethan haben, ehe der Tod die lodernden Flammen dieses Lebens hatte auslöschen können! ...

Vor Wochen noch stark genug, um mit der Kraft des Stolzes jede Probe zu bestehen, war es heute erst erlegen: in einen Winkel, den schmutzigsten, verstecktesten aller, hatte der Sterbende sich verkrochen dort, von Keinem unter diesen Millionen gesehen, war er zusammengesunken; dort, von Keinem gehört, hatte er den letzten Seufzer ausgehaucht –: müde, irr, stumpf, krank, verzweifelt war er – verhungert!

– Verhungert! ... Verhungert! ... Verhungert! Trupp sagte es immer wieder vor sich hin.

Dann laut zu Auban:

– Das noch zu sehen, hätten wir nicht erwartet! – Sieh, wie mir Alles Recht gibt! Aber die Rache, welche wir nehmen werden, sie wird Alles austilgen! –

– Nur nicht die Thorheit! dachte Auban. Aber er sagte es natürlich jetzt nicht.

– Es kann keine Schuld geben: was hat der Blinde verschuldet, daß er blind ist? – Nur Thorheit, Thorheit überall – ja, und sie wird sich furchtbar rächen! ...

Plötzlich standen sie am Eingange zu dem großen, breiten Lebensstrom von Whitechapel Road.

Sie waren bis jetzt gegangen, ohne zu wissen wohin. Ueber Dem, was sie gesehen, war alles Andere von ihnen vergessen. Nun schreckte sie das Licht auf, das sie plötzlich übergoß. Sie sahen sich um. Alles war wie es vor zwei Stunden gewesen. Wieder die Lichter! Wieder das Leben, das strömende, rauschende, immer wieder siegende Leben nach den Schrecken des Todes!

– In den Klub! sagte Auban. Es war das erste Wort, das er sprach. Er war ermüdet, hungrig, aber äußerlich wie innerlich ruhig, gleichsam erstarrt. Trupp fühlte nichts von Durst und Erschöpfung. Während er mit der Sicherheit der Gewohnheit den Weg abschnitt und Commercial Road kreuzte, blickte er vor sich hin, düster, verschlossen scheinbar, aber von Empörung durchrüttelt, gemartert von einem dumpfen Schmerze.

Sie hatten nur noch wenige Minuten zu gehen. Eine Straße lag vor ihnen, in die Dunkelheit des Abends gehüllt, von keinem Lichte erhellt. Es war Berner Street, E. C. Die Häuser liefen ineinander über: kaum unterschied man Thüren und Fenster in dem Schatten der Nacht. Nur der seit langem hier Vertraute hätte vermocht, hier ein bestimmtes Haus zu finden. Auban tastete sich mit seinem Stocke mehr, als er ging.

Hier lag der Klub der jüdischen Revolutionäre des East End. Trupp stand vor der Thüre still und ließ den eisernen Klopfer fallen. Es wurde sofort geöffnet. Aus einem Zimmer, das zur Rechten lag, tauchten Köpfe auf, freundliche Hände kamen Trupp entgegen, als er erkannt wurde. Auban sah, mit welcher Freude er die entgegengestreckten Hände ergriff und wieder und wieder schüttelte. Er selbst war seit einem Jahr nicht wieder hier gewesen. Er zweifelte, bekannte Gesichter zu finden. Aber er hatte sich kaum unter die lebhaften Gruppen gemischt, welche die kleinen, niedrigen Zimmer des Erdgeschosses füllten, theils stehend, theils die Tische und Bänke besetzend, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte und in das Gesicht eines alten Kameraden blickte, den er seit Jahren, seit seinen Pariser Sturmjahren, nicht mehr gesehen.

– Auban!

– Baptiste! – Die Erinnerungen flogen auf, wie eine Vogelschaar, deren Käfigthür plötzlich die Hand des Zufalls öffnet. –

Der » International Working Mens Klub« war neben der »Morgenröte«, der dritten Sektion des alten Kommunistischen Arbeiterbildungs-Vereins, der einzige Klub revolutionärer Sozialisten des Ostends. Eingewanderte Russen und Polen bildeten die größte Zahl der Mitglieder, welche sich wohl auf zweihundert belaufen mochte. Ihr weites Feld der Propaganda war das ganze Whitechapel, das ja zum größten Teil von ihren Heimatgenossen bewohnt wurde.

Auban ließ sich von seinem Freunde Stellen aus der Zeitung übersetzen, welche der Klub mit Aufbietung großer Opfer wöchentlich herausgab, von keiner Seite unterstützt, von den reichen Glaubensgenossen des West End (denen es mittels Bestechung sogar einmal gelungen war, das Blatt zeitweilig ganz zu unterdrücken) bitterlich gehaßt und befehdet. Sie hieß » The Worker's Friend« und war mit hebräischen Lettern in jener eigentümlichen Mischung des polnischen, deutschen und englischen Idioms gedruckt, das von den ausgewanderten Polen hauptsächlich gesprochen und nur schwer von Anderen verstanden wurde.

Trupp stand in einer Gruppe von lebhaft auf ihn Einsprechenden. Man bat ihn zu reden. Er hatte offenbar keine Luft. Aber er willigte ein und folgte ihnen nach dem oberen Saal, nachdem er hastig ein Glas Bier hinuntergestürzt hatte.

Auban blieb sitzen und ließ sich zu essen geben. Der Bekannte, welcher ihn wiedererkannt hatte, bestürmte ihn mit Fragen. Sie erfuhren Manches von einander: der eine ihrer Freunde war hierhin, der andere dorthin geschleudert worden von der großen, mächtigen Woge der Bewegung. Alles hatte sich verschoben, verändert, ein verwandeltes Aussehen angenommen in dem Laufe dieser wenigen Jahre.

Auban wurde noch ernster, als er gewesen war. Er fühlte wieder das Surren des weiter und weiter greifenden Rades, das Dröhnen des zermalmenden Fußtrittes, welcher auch über ihn hinweggeschritten war... Ueber seinem Haupte schwebte kein Schwert mehr. Er fürchtete Nichts mehr, seit er nur noch für sich kämpfte. Aber noch immer rannen aus den Narben seines eisernen Herzens die Tropfen des Schmerzes.

Sie sprachen von Dem, von Jenem. Der war als Spitzel entlarvt worden? War es möglich? Keiner von ihnen hätte es gedacht.

Er war ein Schurke.

– Er war vielleicht nur unglücklich, meinte Auban. Aber Das wollte der Andere nicht gelten lassen.

So sprachen sie eine Stunde zusammen.

Dann stiegen sie die enge Treppe hinauf zu dem Saale, der bis in den Hintergrund hinein von Menschen gefüllt war. Er war mittelgroß und faßte kaum mehr als 15O Personen. Einfache, lehnenlose Bänke durchzogen ihn in die Quere und an den Längswänden hin. Ueberall bittere Armuth, aber überall auch das Bestreben, diese Armuth zu überwinden. An den Wänden hingen einige Porträts: Marx, Proudhon, Lassalle, wie er das goldene Kalb des Kapitalismus umstürzt; ein Karton in schwarzem Rahmen: ›Mrs. Gundry‹ – die geizige, habsüchtige, neidische Bourgeoisie, die mit Schätzen aller Art beladen dem Hungernden die Bitte um einen Penny versagt...

Ganz vorn schloß eine kleine Bühne den Raum. Hier stand an dem Tische des Chairman Trupp. Er sprach deutsch. Auban drängte sich Etwas vor, um ihn zu sehen. Er verstand nicht mehr als einzelne Worte; kaum konnte er errathen, wovon gesprochen wurde. Erzählte er das Erlebniß seines heutigen Abends?... Auban fühlte die furchtbare Leidenschaft, die in heißen Wogen der Gluth von dort aus die Versammlung überflutete. Athemlos hing man an den Lippen des Redners, kein einziges seiner Worte zu verlieren. Durch diese jungen Leute, kaum dem Knabenalter entwachsen, diese Frauen, ermüdet und gebrochen von der Last ihrer endlosen Arbeit, diese Männer, welche – dem Boden der Heimat entrissen – sich hier, doppelt und dreifach getäuscht zusammengefunden, ging es wie ein elektrischer Strom. Selten hatte Auban auf allen Gesichtern eine solche Hingabe, ein so brennendes Interesse, so glühende Begeisterung gesehen wie hier. – Er kannte sie. Fragen, die den Kindern des Westens höchstens Stoff zu ruhigem, gleichgültigem Meinungsaustausch geboten hätten, wurden hier diskutiert, als ob leben und Tod an ihnen hänge; im Gegensatz zu dem eigenen kummervollen, gedrückten, engen Leben nur das Ideal des Paradieses! Kein anderes! Höchste Vollkommenheit im Kommunismus: Frieden, Brüderlichkeit, Gleichheit vor Allem! Christen, Idealisten, Träumer, Thoren, das waren diese jüdischen Revolutionäre des Ostends-Stiefkinder der Vernunft, Bannerträger der Begeisterung.

Trupp endete. Man drängte sich zur Diskussion. – Seid Egoisten! hätte Auban ihnen zurufen mögen. – Seid Egoisten! Der Egoismus ist die einzige Waffe gegen den Egoismus Eurer glaubensverwandten Ausbeuter, es gibt keine andere. Braucht sie: kühl, eisern, überlegen, ruhig, und Ihr seid die Sieger!

Aber er sprach seine Gedanken nicht aus. Auf die Zeit, in welcher er selbst – begeistert und begeisternd – der wilden Brandung aufgeregter Massen gegenüber gestanden hatte, waren Jahre des Lernens gefolgt. Auf seinem Studienplan hatte nur ein Wort gestanden: die Menschen. – Seitdem er sie kannte, wußte er, daß die Wirkung des gesprochenen Wortes um so größer ist, je allgemeiner, idealer es sich gibt, je mehr es dem dumpfen Drange des Herzens entgegenkommt. Die Phrase ist es, welche überall von der Menge bejubelt wird; das klare nüchterne Wort der Vernunft, entkleidet des Flitters, sich wendend an das Eigeninteresse, verneinend alle Moralgebote der Pflicht, verhallt unverstanden und wirkungslos.

Hatte er Das nicht erst wieder am vergangenen Sonntag erfahren?

Daher würde er, wollte er Heute noch sprechen, auch jetzt statt jubelnden Beifalls nur Mißverständniß ernten. –

Die Diskussion war in vollem Gange. Fast jeder der an den Rednertisch Tretenden sprach mit dem brennendsten Eifer, zu überzeugen, zu überreden: kein Wort ging verloren.

Trupp drängte sich in den Hintergrund des Saales. Dort wurde er wieder von allen Seiten umringt. Man wollte Aufklärung über diesen und jenen Punkt seiner Rede haben. Er antwortete Jedem. – Auban hatte sich gesetzt. Sein Bekannter hatte ihn verlassen. Er verstand kein Wort. Er sah die erregten Gesichter, die durch einen dünnen Nebel von Tabaksqualm ihn umwogten.

– Heute flammende Begeisterung, morgen Ernüchterung und Entmuthigung... Heute Haymarket, morgen Galgen... Heute Revolution, morgen ein neuer Wahn und seine alte Herrschaft! dachte er.

Trupp rief ihm zu, ob er mit in die »Morgenröte« gehe. Es sei auch dort Versammlung und er wolle auch dort reden. Aber Auban ließ ihn allein gehen.

Die Arbeiter-Marseillaise wurde gesungen. Man begann auseinander zu gehen. Ein Durcheinanderdrängen entstand.

Ein hochgewachsener, breitschulteriger deutscher Genosse mit blondem Bart und blondem Haar, das Glas in der Hand, sang, den Kopf hoch erhoben, mit klarer, fester Stimme, gleichsam tonangebend, die erste Strophe des Liedes über die Andern hin:

»Wohlan, wer Recht und Freiheit achtet,
Zu unserer Fahne steht zu Hauf!
Ob uns die Lüge noch umnachtet,
Bald steigt der Morgen hell herauf!
Ein schwerer Kampf ist's, den wir wagen,
Zahllos ist unserer Feinde Schaar –
Doch ob wie Flammen die Gefahr
Mög' über uns zusammenschlagen,

Tod jeder Tyrannei!
Die Arbeit werde frei
Marsch, Marsch!
Marsch, Marsch!
Und war's zum Tod!
Denn unsere Fahn' ist rot!« –

Alle sangen den Refrain mit.

Auban summte die französischen Worte der Marseillaise... Wie viele Male hatte er sie schon vernommen, wie viele Male sie schon mitgesungen? In Hoffnung, in Empörung, in Verzweiflung, in Siegessicherheit? – Von Wem war sie nicht schon gesungen worden!

Zufällig sah Auban, wie die Augen eines jungen Mannes, es war offenbar ein Pole oder Russe, mißtrauisch auf seiner fremden Gestalt ruhten. Nun mußte er doch lächeln.

Sollte er ihm sagen, was er war? – Man kannte ihn nicht mehr. Aber noch hätte die einfache Nennung seines Namens genügt, um alle Zweifel und jedes Mißtrauen sofort zu verscheuchen.

Aber er ließ es. Er sah nach der Uhr: nicht mehr Lange durfte er weilen, wollte er den letzten Zug der unterirdischen Eisenbahn für Kings Croß auf Aldgate noch erreichen.

Er ging. Man war beim Schlußvers des Liedes angelangt. Sie sangen:

»Tod jeder Tyrannei!
Die Arbeit werde frei!
Marsch, marsch!
Marsch, marsch!
Und wär's zum Tod!
Denn unsere Fahn' ist rot!
Denn unsere – Fahn' – ist rot!
Denn unsere – Fahn' – ist – – rot!«

Auban stand auf der Straße. Sie war stockfinster. Mühsam tastete er sich nach der Schwelle des großen Straßenvereinigungspunktes durch. Aber bevor er noch die ersten Gasflammen erreicht hatte, tauchte plötzlich aus dem Dunkel ein riesiges Gebäude vor ihm auf: in vier Reihen übereinander zwölf, vierzehn, zwanzig hell erleuchtete Fenster... Das war eine der großen Faktoreien, von denen jeder Parish des Ostens von London vierzig bis fünfzig zählt.

War es eine Seidenweberei? Auban wußte es nicht.

Dieses Gebäude, häßlich, roh, lächerlich in der Form, ein viereckiges Monstrum mit hundert roten, glühenden Augen, mit den huschenden Schatten menschlicher Gestalten und den riesigen Maschinenarmen hinter ihnen, war es nicht das grelle Sinnbild der Zeit, die charakteristische Verkörperung ihres eigentlichsten Wesens: Industrie?

Der Höhepunkt des Abends war erreicht, als Auban wieder an dem Kreuzungspunkt der beiden Riesenstraßen stand. Schon begann sich die hier und da ausbreitende Uebermüdung der Stille des Sonntags zu vermählen. Bald sollten die Publichäuser sich schließen. In die Nebenstraßen verloren sich mehr und mehr Gestalten aus dem großen Menschenstrom.

Aber noch immer war das Gefühl fast undurchdringlich. In fieberhafter Hast wurden von den Meisten die letzten schaalen Tropfen des schaalen Trankes dieses Samstagrausches geschlürft.

Aldgate war keine fünf Minuten mehr entfernt. Noch blieb Auban eine halbe Stunde Zeit, bis der letzte Zug der Untergrundbahn nach Kings Croß von Aldgate Station abging. Und bezwungen von einem inneren Drange, dessen er sich vergeblich zu erwehren suchte, bog er noch einmal in eine der nördlichen Nebenstraßen ein, in eine Nacht voll rätselhafter Fremde...

Nur wenige Laternen brannten hier noch, nur wenige Menschen schlichen an ihm vorüber. Dann kamen Querstraßen. Er bog nach Westen ein.

Er passierte eine Gruppe von jungen Leuten. Sie waren in einem halblauten Disput begriffen, um den Polizisten nicht auf sich aufmerksam zu machen, und achteten nicht auf Auban. Dieser ging dicht an der Wand hin.

Aus einem vergitterten Fenster fiel Licht. Er blieb stehen und spähte durch die schmutzüberzogenen Scheiben. Es war die Küche, die common citchen eines Lodginghauses, die er sah, der gemeinsame Raum, in welchem sich alle Besucher aufhalten, ehe sie die für eine Nacht gemietete Schlafstelle aufsuchen.

Das Zimmer war überfüllt. Es mußten sich mehr als siebzig Personen in ihm befinden: sie lagen, saßen und standen in kleineren und größeren Gruppen umher; einige kauerten abseits. Eine große Anzahl hatte sich um den Kamin gedrängt. Dort bereiteten sie sich ihr Essen: ihren Tee, ihr Stück Fisch, ihren Fleischabfall. Sie warteten aufeinander. Sobald ein Geschirr vom Feuer fortgezogen wurde, nahm ein anderes den Platz ein. Die Wärme der kargen Glut schien gering zu sein, denn Viele fröstelten in ihren Lumpen und drängten sich aneinander.

Nur ein Tisch stand in der Mitte des Raumes. Kopf an Kopf über ihn hingebeugt schliefen dort bereits die Meisten in wirrer Unordnung: Männer, Frauen, Kinder durcheinander. Nur Wenige aßen dort und auf den schmalen, an den Wänden sich hinziehenden Bänken. Aber der Tisch war mit gebrauchtem Geschirr aus Blech und Zinn, mit Tassen, Schüsseln und Tellern übersät, die von den Uebermüdeten fortgeschoben waren, ehe der Schlaf sie überwältigt hatte. Der Boden war übersät mit Abfällen aller Art: Kinder, die sich losgemacht hatten von dem Schooß ihrer schlafenden Mütter, krochen wie blinde Hündchen auf ihm umher.

Der matte Schein des kohlenden Feuers erhellte notdürftig diesen Raum. Zwei qualmende Lampen an den Wänden waren dem Verlöschen nahe.

Nichts von Dem, was er Heute, Nichts von Dem, was er jemals in East End gesehen, hatte einen tieferen Eindruck auf Auban gemacht, als das schweigende, düstere, unheimliche Bild dieses Raumes.

War es die späte Stunde, die ihre Wirkung auf ihn ausübte? – War es die Ueberhitzung seines durch stundenlange Anspannung ermatteten Gehirnes, die diese Ausgeburt gebar? – Oder trat ihm gerade jetzt, wo er allein war, so greifbar nahe, was er schon so oft gesehen: das Nachtbild des Abgrundlebens der Verstoßenen? –

Er hielt den Athem an, während er mit seinen Blicken jeden Winkel des Bildes durchdrang.

Keine Phantasie hätte einen trostloseren Raum und in ihm eine groteskere Gruppierung ersinnen können, wie sie sich hier ihm zeigte: hier dieser weiße Alte, dem der Stock der Hand entfallen war, während er vornübergebeugt eingeschlummert war; dort das junge Mädchen, welches vor sich hinstarrte, während ihr Zuhälter sie mit Schimpfworten überhäufte; hier diese ganze Familie, die eine Gruppe bildete: der Vater offenbar ein beschäftigungsloser Arbeiter und die Mutter, verzweifelt über ihre Lage, die Kinder beruhigend, die sich um eine Scherbe stritten; dort die schlafenden Reihen – sie lagen wie tot... Und über ihnen Allen die trübe Dunstwolke ewigen Schmutzes und ewigen Hungers. Keine Freude, kein Reiz, keine Hoffnung mehr... Tag so für Tag... Nacht so für Nacht...

Auban riß sich mit Gewalt los von dem Bilde ohne Farbe, ohne Zeichnung, ohne Stimmung.

Er kannte diese Schlafhäuser, in denen man Unterkunft fand für einzelne Nächte. Zum Ueberfluß stand es auch dort noch mit weißen Buchstaben auf der rotgestrichenen Wand: die Nacht für 3 d. – 4 d. – und für 6 d. – Für 6 d. – das waren die » chambers«, wo jeder sein eigenes Bett erhielt, dessen Wäsche alle paar Wochen ein Mal wenigstens erneuert wurde, nachdem es zwanzig verschiedene Körper beherbergt. – Für 4 d. schlief schon Alles in Reihen, ganz dicht aneinandergedrängt, den Raum bis auf den letzten Platz ausnutzend. – Für 3 d. endlich – das war das große Zimmer mit leeren Bänken, über die man sich legte, oder auch die Küche, wo man auf der Stelle liegen blieb, auf der man eingeschlafen war; für 3 d. gegen Nichts Anderes geschützt, als gegen die eisige Kälte der Nachtluft und die Leben zerstörende Feuchtigkeit des Straßenpflasters...

Ein Mann taumelte zur Tür heraus. Man hatte ihn fortgewiesen, da er nicht bezahlen konnte. Auban wollte ihn anreden, um ihm zu helfen, aber Jener war völlig betrunken. Er taumelte weiter, vor- und rückwärts, schlug mit den Händen um sich, und tastete sich lallend und schwankend an den Häuserwänden fort – hinein in die Nacht, die ihn verschlang.

Auch Auban ging weiter. Er hatte vergessen, wo er war und zu welcher Stunde.

*

Er besann sich. Er mußte die Straße, die er gekommen, wieder zurückgehen, um sich zu orientieren, daß er richtig gegangen war. Dort lag die Straße, wo er eingetreten war – also geradeaus, wieder dem Westen zu...

Alle hundert Schritte jetzt nur noch ein unstetes Licht. Enger und enger die Straße. Das Pflaster immer schlechter, immer größere Schmutzlachen und Kehrichthaufen ...

Aber Auban wollte nicht mehr zurück.

Die Thür eines Hauses stand offen. Wieder ein Lodging-Haus, aber eines der uneingeschriebenen. Eines der berüchtigten rookeries wie das Volk sie. nannte. Es war überfüllt. Die ganze enge, steile Treppe, soweit Auban sie übersehen konnte, war besäet mit zusammengekrümmten, dunklen Menschenleibern. Ueber- und nebeneinander wie Tote, welche in Haufen hierher geworfen waren, so lagen sie da. Bis auf die Straße hinaus, auf die Schwelle noch, hatten sie sich hingekauert. Nichts war mehr deutlich erkennbar: das Fleisch, das unter Lumpen und Fetzen hervorsah, war so schmutzig wie diese selbst, getränkt von Feuchtigkeit, Schmutz und Krankheit... Auban schauderte. Er eilte weiter. Eine Querstraße. Dann eine hohe Mauer. Ein siebenstöckiges Massenwohnhaus, wie ein Riese plötzlich aus dem Dunkel hervortauchend. Es blieb seitwärts liegen. Immer geradeaus – dem Westen zu.

In der nächsten Straße nun wieder einzelne Menschen. Aber kaum erkennbar: an die Wand gemalte Schatten, oder wie versteinert in den Hausthüren hockend. Kein Lärm, kein Gespräch; kein Lachen, kein Singen... Totenstille.

Auban begann jetzt an der Richtung des Weges irre zu werden. Wieder wurden die Straßen völlig verlassen.

Er kannte doch diese Gegend. War er nicht hier schon bei Tage gewesen? Alles schien ihm verändere Diese Mauer zur Linken – nie hatte er sie gesehen. War er fehlgegangen? Unmöglich! Er strengte sein erregtes Gehirn zum Zerspringen an, indem er stehen blieb. Er überlegte – so mußte und nicht Anders konnte es sein: ging er nach links, nach Süden, so mußte er in drei Minuten Whitechapel High Street, ging er geradeaus, nach Westen, in derselben Zeit Commercial Street erreichen...

Also vorwärts – geradeaus!...

Er fühlte erst jetzt, wie müde er war. Sein lahmes Bein schmerzte. Am liebsten hätte er sich auf den Boden gelegt, um zu schlafen.

Aber er rief seinen Willen zu Hilfe und ging weiter.

Ein Gedanke stieg in ihm auf: wenn er jetzt angefallen würde, wer würde seine Rufe um Hilfe hören? – Niemand. Er hatte keine andere Waffe bei sich als seinen Stock, der ihm schwer in der Hand zu liegen begann. – Begegnete ihm Jemand und erkannte in ihm einen Fremden, so war es fast unmöglich, daß er sich die Gelegenheit, ihn zu berauben, entgehen lassen würde...

Ein ganz neues Gefühl bemächtigte sich seiner. Es war nicht Furcht. Es war vielmehr das Grauen des Widerwillens, hier in dieser Nacht, diesem Schmutz, dieser Einsamkeit angefallen zu werden von einem wilden Tier in Menschengestalt und hier einen Kampf auf Leben und Tod bestehen zu müssen.

Er sah ein, wie unvorsichtig es von ihm gewesen, sich in diese fast unvermeidliche Gefahr begeben zu haben. Er erinnerte sich jetzt auch, daß er in dieselbe Straße eingetreten war, an deren Eingang ihm vor einiger Zeit ein Polizist gesagt hatte, er möge sie nicht passieren, wie er dies wahrscheinlich jedem Bessergekleideten sagte.

Auban beschleunigte nun seinen Gang aufs Aeußerste. Aber die Mauer wollte lein Ende nehmen. Die Dunkelheit war undurchdringlich. Nicht auf zehn Schritte hätte er eine Wand von einem Menschen unterscheiden können.

Er umklammerte mit eisernem Griff den Stock, ohne sich auf ihn zu stützen. Er glaubte jeden Augenblick einen Angreifer aus dem Dunkel hervortauchen zu sehen, ihn in seinem Nacken oder an seiner Seite zu fühlen... Aber er war entschlossen, sein Leben wenigstens theuer zu verkaufen.

Er lief und schwang seinen Stock vor sich her. Der Schweiß rann von seiner Stirn. Sein Grauen wuchs...

Wo war er? – Das war nicht mehr Whitechapel. Das war eine Nacht ohne Anfang und ohne Ende; eines Abgrunds ungemessene Tiefe...

Plötzlich schlug sein Stock gegen eine Wand. Und jetzt unterschied Auban zu seiner Rechten auch wieder Häuser und Fenster. Eine kurze Straße, schwach erhellt von einer einzigen Laterne, und so eng, daß ein Wagen sie nicht hätte passieren können, that sich auf. Sie mündete auf eine größere...

Auban befand sich in der nächsten Minute auf der ganzen Breite von Commercial Street. Nach fünf Minuten stand er keuchend unter der runden Glaskugel des Lichtes, das den Eingang zu den Schalterräumen und den nach der Tiefe führenden Treppen erhellte.

Er hatte das letzte Ziel seiner heutigen Wanderung erreicht: Aldgate Station.

Noch blieben ihm genau zehn Minuten bis zum Abgang des Zuges.

Der ganze Weg vom Klub bis hierher hatte nicht länger als eine viertel Stunde gedauert. Auban glaubte, es müßten Stunden vergangen sein, seit der Gesang der Marseillaise an sein Ohr gedrungen war...

Während er sich anlehnte, um seine jagenden Pulse zu beschwichtigen, während vor ihm die Straßenverkäufer ihre Bretter und Tonnen mit den Ueberresten ihrer Waren forträumten und um ihn in besinnungsloser Trunkenheit und überreizter Eile die Menschen sich stießen und drängten, wandte er noch einmal seinen Blick dem Osten zu...

Und mit einem Schlage fand er, was er gesucht hatte zu bezeichnen: der ungeheure Rachen des Riesenleibes von East End war dieses Whitechapel, welches da gähnend vor ihm lag! Was in die Nähe seines giftigen Athems kam, taumelte, verlor den letzten Halt, wurde zermalmt von unerbittlichen Zähnen und verschlungen, während alle Laute des Elends, von dem Röcheln der Angst bis zu dem Seufzen des Hungers, erstarben in der stinkenden Dunkelheit seiner Tiefe. Und alle Länder der ganzen Welt warfen ihren ganzen Abfall hinein in dieses gierige Maul, damit sich endlich dieser schreckliche, kraftlose, unersättliche Leib befriedigen könne, dessen Hunger unermeßlich und immer im Wachsen schien...

Und während Auban zurückwich vor dem Dunst, hatte er plötzlich in der letzten ihm noch bleibenden Minute die grandiose Vision des Kommenden: weit öffnete dieser Riesenrachen seine geifertriefenden Kiefer und spie in würgender Wuth eine enorme Schlammwoge von Unrath, Kot und Fäulniß über London aus – – ... Und Alles begrub – wie ein ins Wanken geratener Berg – diese ekle Woge: alle Größe, alle Schönheit, allen Reichtum... London war nur noch endlose Lache von Fäulniß und Moder, deren scheußliche Dünste die Himmel verpesteten und alles Leben langsam erstickten...

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