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Gutenberg > John Henry Mackay >

Die Anarchisten

John Henry Mackay: Die Anarchisten - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Henry Mackay
titleDie Anarchisten
publisherVerlag der Neuen Gesellschaft
printrunFünfte Auflage, 11. und 12. Tausend
year1924
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080615
projectid90b8d185
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Viertes Kapitel

Carrard Auban

Während dieses selben Nachmittags, an welchem so viel zersetztes Blut dem Herzen der Weltstadt zuströmte, saß Carrard Auban in seinem stillen, hohen Zimmer in einer der Straßen nördlich von Kings Croß, welche an Wochentagen nie sehr belebt sind, an Festtagen aber von dem Fuß des Todes durchschritten zu sein scheinen.

In diesem Raum wohnte er, seitdem er wieder allein war. Nun seit länger als einem Jahr schon.

Es war einer jener nüchternen, kalten, ohne Komfort ausgestatteten Zimmer, für welche man wöchentlich zehn Schilling bezahlt, in dessen einsamer Stille man dafür aber auch leben kann, ohne von einem Geräusch des Außenlebens gestört zu werden. Das ganze dreistöckige Haus war so Zimmer für Zimmer vermiethet; die Bewohner des Hauses sahen ihre Landlady nur, wenn sie ihr die wöchentliche Miete bezahlten, sich selbst untereinander fast nie. Zuweilen begegnete sich der Eine mit dem Andern auf der Treppe, um hastig und grußlos vorüber zu eilen.

Aubans Zimmer war durch eine spanische Wand, die bis zur Hälfte der Deckenhöhe reichte, in zwei ungleiche Theile getheilt; sie verdeckte das Bett und ließ eine größere Hälfte frei, welche hauptsächlich durch einen Tisch von ungewöhnlichem Umfang gefüllt wurde. Die Größe dieses Tisches stand im Verhältniß zu der mächtigen, bis an die Decke sich erstreckenden Bücheretagere, die eine Bibliothek bedeckte, deren Zusammensetzung in ihrer Art vielleicht einzig war.

Sie umfaßte in erster Linie die philosophischen und volkswirthschaftlichen Werke der großen Denker Frankreichs, von Helvetius und Say bis Proudhon und Bastiat; nicht in gleicher Fülle, jedoch in den besten Ausgaben jene der Engländer: von Smith bis hinauf zu Spencer. Besonders beachtet waren auch hier die Vertreter der Freihandelslehre. Ferner eine lückenhafte, aber sehr interessante Sammlung von Schriften, Zeitungen, Broschüren, Flugblättern usw. zur Geschichte der Revolutionen des 19. Jahrhunderts, vorzugsweise zur Geschichte der vierziger Jahre. Dieses Erbtheil seines Vaters, das er lange Zeit fast unbeachtet gelassen hatte, wußte der jetzige Besitzer jeden Tag mehr und mehr nach seinem wahren Werthe zu schätzen.

Sodann enthielt die Bibliothek eine ungeordnete und kaum zu ordnende Fülle von Material zur sozialen Frage: dem Forscher der Zukunft sicherlich eine köstliche Fundgrube zur Geschichte der Arbeiterbewegungen. Es war von Auban selbst gesammelt; hier lag übereinander gestapelt, was der Tag ihm in die Hand gedrückt. Das war ein lebendiges Stück der Arbeit seiner Zeit, und wahrlich nicht das schlechteste...

Das Erkennen war Aubans letztes Ziel. Es galt ihm mehr als Kenntnisse, die ihm nur Helfer und Handlanger waren, Jenes zu erreichen.

Nur eine Reihe füllten die Werke der dichtenden Kunst. Hier stand Viktor Hugo neben Shakespeare, Goethe neben Balzac. Aber nur in seltenen Stunden der Erholung wurde nach dem einen oder anderen dieser Bände gegriffen.

Dieser Tisch, dessen Platte aus einem einzigen, ungeheuren Mahagonistück gearbeitet war, und diese Bibliothek, in welcher jedes einzelne Buch für den Besitzer von besonderem Werth war – denn dieser hatte die Gewohnheit, jedes Buch, das er gelesen hatte und das ihm nicht werthvoll genug erschien, von ihm zum zweitenmal gelesen zu werden, sofort zu verbrennen – bildete den einzigen und ganzen Reichthum Carrard Aubans. Er hatte ihn von Paris nach London begleitet und er machte ihm die kalten Wände der Fremde heimisch.

Kein Kunstwerk irgendeiner Art schmückte den Raum; jeder Gegenstand trug die Spuren einer täglichen Benutzung an sich.

Nur zwei kleine Porträts hingen über dem Kamin. Das eine stellte den großen Fanatiker der Revolution, dessen wilde Kraft sich gebrochen hatte an den Mauern westeuropäischen Lebens, und das andere den großen Denker des Jahrhunderts, hinter dessen mächtiger Stirn eine neue Welt nach Gestaltung zu ringen schien, dar: Michael Bakunin und Pierre Joseph Proudhon. Beide Bilder waren Auban eine Erinnerung an den einzigen Menschen, der ihn unverändert geliebt hatte, solange er ihn kannte.

Aubans Augen ruhten auf Proudhons vertieften, großen Zügen und er dachte an das mächtige Leben dieses Mannes.

Er saß vor dem Kamin auf einem niedrigen Lehnstuhl und hielt die Füße nach der wärmenden Flamme hin gestreckt. So in seiner ganzen hageren Länge lag er da seit zwei Stunden, die Blicke bald in die leise knisternde Gluth gebohrt, bald sie langsam durch das Zimmer wandern lassend, gleich als folgten sie den immer wieder entfliehenden Gedanken.

Er träumte nicht. Er dachte, rastlos und unablässig.

Er war sehr bleich und auf seiner Stirn lagen wie Morgenthau die feinen Perlen kalten Schweißes. Der gleichmäßige, sonst wie gegossene Ausdruck seines Gesichts war gestört durch die Mühe des Denkens.

Es war ein kühler, feuchter, nebelschwerer Oktobernachmittag, von welchem die Sonne sich muthlos abgewandt hatte.

Auban starrte regungslos in die Glut des Feuers, das mit jeder Stunde, in der die Dämmerung von Draußen her seine Fenster mit dichteren Falten behängte, das Zimmer mehr erleuchtete.

Er war seit einiger Zeit von einer Unruhe gequält, die er sich nicht zu erklären vermochte. Die Harmonie zwischen seinem Wollen und seiner Kraft war gestört.

Zuweilen, wie in den letzten Tagen, glaubte er dem Manne zu gleichen, der ein fürstliches Vermögen verschwendet hat und, zum Bettler geworden, nicht weiß, von Was weiter leben.

Dann wieder, wie Heute, fühlte er, wie eine Ueberfülle von Kraft und Ideen ihn zu außergewöhnlichem Handeln drängte.

Noch war er sich nicht klar: war sein Wille seiner Kraft nicht gewachsen, oder galt es nur, der vorwärts treibenden den ersten Stoß zu versetzen? Es würde sich entscheiden.

Solange Auban denken konnte, hatte er gekämpft, gekämpft gegen Alles, was ihn umgab. Als Knabe und Jüngling wie ein verzweifelter gegen äußere Fesseln und wie ein Thor gegen das Unabänderliche; wie ein Riese gegen Schatten und wie ein Fanatiker gegen das Stärkere. Als Mann mit sich selbst: den zähen, aufreibenden, herben Kampf mit sich selbst, mit seinen eigenen Vorurtheilen, seinen eigenen Einbildungen, seinen übertriebenen Hoffnungen, seinen kindischen Idealen.

Einst hatte er geglaubt, die Menschen müßten sich von Grund aus ändern, damit er frei sein könne. Dann hatte er erkannt, daß er selbst erst frei werden müsse, um frei zu sein.

So hatte er denn angefangen, all' den Wust aus seinem Gehirn fortzuräumen, den Erziehung, Irrthum, wahllose Lektüre dort aufgespeichert hatten.

Es mußte wieder hell und klar in seinem Kopfe werden, das fühlte er, wenn er nicht in Nacht und Düsterniß versinken wollte. Es galt, sich selbst zu finden, innerlich unabhängig zu werden von allen Fesseln.

Er wurde wieder er selbst. Hell und licht wurde es in ihm, von allen Seiten brach die Sonnenfluth auf ihn herein und glücklich wie ein Genesender ließ er sich von ihren Strahlen bescheinen.

Nun vermochte er ohne Bitterkeit seiner Jugend zu gedenken: über ihre Irrthümer zu lächeln und nicht mehr zu trauern über Jahre, scheinbar verloren in einem Kampfe, den in unserer Zeit Jeder auszufechten hat, der sich über sie erheben will...

Wer war Carrard Auban? – Und welches war sein Leben gewesen bis Heute?

Er war jetzt fast dreißig Jahre alt. In diesen dreißig Jahren hatte er sich äußerlich eine unerschütterliche Ruhe und Ueberlegenheit, innerlich eine kühle Gelassenheit, die ihn jedoch immer noch nicht vor heftigen Schmerz- und Grollempfindungen bewahrte, erworben... Er war mit einem Wort: ein unerbittlicher Kritiker, für den es keine anderen Gesetze gab, als jene der Natur.

Er hatte seine Mutter nie gekannt. Das Einzige fast und das Letzte, dessen er sich aus seiner ersten Jugend erinnerte, waren die wilden, unklaren, leidenschaftlichen Erzählungen und Deklamationen eines alten, in Idealen verkümmerten, leidenschaftlichen Mannes gewesen, der mit ihm eine kleine, enge, stets unordentliche Stube in der Nähe des Boulevard Clichy – diesen Straßen, in welchen sich so oft die Verkommenheit mit dem Zug der Größe versteckt – bewohnt hatte. Dieser Mann war sein Vater gewesen.

Wie sein Vater zu der Heirath mit der jungen Deutschen gekommen war, die ihre Jugendjahre in der ewig freudlosen und ewig unterdrückten Stellung einer Erzieherin in Paris verloren hatte, wußte eigentlich nur Einer. Dieser Eine war sein einziger Freund und hieß Adolphe Ponteur. Was Carrard von ihm, der zugleich des im sechsten Jahre völlig verwaisten Knaben einziger Beschützer wurde, über seinen Vater in späteren Jahren erfuhr, war ungefähr das Folgende:

Die Wiege Jean Jacques Aubans – er war nie auf diesen Vornamen getauft, aber er nannte sich nie Anders – war getragen worden von den letzten Wogen der großen Revolution: sein Vater war Getreidehändler gewesen, der unter dem ersten Napoleon durch kluge Berechnung sein verlorenes Vermögen zehnfach wiedergewonnen hatte. Jean Jacques wurde mit Hilfe desselben fast fünfzig Jahre alt, ohne zu wissen, daß man zum Leben Geld braucht. Als er vor diese Wahrheit gestellt wurde, war er ein durchaus lebensunkundiger, durchaus glücklicher und durchaus einsamer, wenn auch nicht vereinsamter Mann. Ein Mann, der in diesen fünfzig Jahren unermeßlich Viel gelesen und gelernt hatte, ohne jemals daran zu denken, das Gelernte zu verwerthen; ein Revolutionär der Ideen der Menschheit ohne verbitternde Hoffnungen und fast auch ohne Wünsche; ein Kind und ein Idealist von einer rührenden Unbefangenheit und einer erstaunlichen Frische des Körpers und des Geistes. Er hatte stets seinen Ideen, nie dem Leben gelebt und ein Weib nie berührt ...

Ein halbes Jahrhundert war an diesem Manne vorübergezogen, ohne ihn in seinen Strudel gerissen und verschlungen zu haben. Der Waffenlärm des korsischen Eroberers, des durch Gewalt Gehobenen und Gestürzten, durch Gewalt Großen und Kleinen, verfolgte ihn durch seine ganze Jugend. Doch er lauschte auf die Thaten des Tages nicht mehr, als Kinder auf die Vorzeiterzählungen ihrer Ammen und Erzieher lauschen.

Die Revolution von 1830, sie war für ihn nur ein Schatten, der störend auf seine Arbeit fiel ...

Denn er beschäftigte sich damals gerade damit, Malthus' schreckliche Irrthümer, die Erde habe nicht Raum und nicht Nahrung genug für Alle, nachzurechnen, ohne sie ergründen zu können.

Er ahnte das Herannahen eines neuen Kampfes, gegen den die politische Zwistigkeit des Tages nur ein Knabengezänk war. Daher horchte er mit derselben Aufmerksamkeit des genialen St. Simon prophetischen Worten, wie den wilden Flüchen Babeufs, des Kommunisten; daher verfolgte er mit demselben Eifer Fouriers Phalanstère, die unmöglichen Phantasien eines Tollhäuslers, und die Arbeiten der Reformer während der Zeit des Julikönigthums; und schwankend von einem zum andern sah er heute in dem Ikarien des »Vater Cabet« das gelobte Land, Morgen in Louis Blanc, dem gleißnerischen Schönredner, dem rettenden Heiland entgegen.

Von dem Proletariat selbst, das in dem Morgengrauen dieser Jahrzehnte die ersten, schweren Athemzüge des Erwachenden that und – noch unbewußt seiner Kraft – die riesigen Glieder dehnte, sah er Nichts.

Von demselben Augenblick an, in welchem ihn die Nothwendigkeit des Erwerbs überwältigte, wurde dies Anders: zehn Jahre genügten, um aus dem zurückgezogenen, frischen und lernfrohen einen verbitterten, schnell alternden und dennoch täglich mehr zum Leben erwachenden Menschen zu machen. Es waren nicht mehr die großen Götzen der Zeit, die er liebte – er begann über sie zu spotten und an den Ideen, den kleinen Kämpfen des Tages theilzunehmen, die ihn fünfzig Jahre lang angewidert hatten. Außerordentlich schwer lernte er, seine Kenntnisse und Fähigkeiten zu verwerthen; er lebte kümmerlich, in untergeordneten Beschäftigungen verschiedenster Art; zu alt, um das Leben noch ganz verstehen zu lernen, und zu jung in seinem jungen Erwachen, um es nicht mit dem ganzen Ungestüm eines unerfahrenen Zwanzigjährigen zu umfassen, wurde er von einer Enttäuschung zur andern gerissen, die sein Urtheil nicht klarer und seinen Fuß nicht sicherer machten.

So sah die Februarrevolution den alternden Mann auf den Barrikaden unter den Schaaren der Aufständischen, die sich um das Phantom der politischen Freiheit schlugen. Seine Begeisterung und sein Muth waren um Nichts geringer, als die der Arbeiter in den blauen Blusen neben denen er stand.

Der Fall des Julikönigthums erfüllte ihn mit maaßlosen Hoffnungen. Seine Bücher lagen verstaubt; ausgelöscht war hinter ihm die Vergangenheit seines stillen Denkerlebens.

Er war jetzt ein Arbeiter. Das Luxembourg, wo die Delegierten seines Standes auf verlassenen Sammetsesseln thronten, war ihm der Himmel, von dem er Rath und Hilfe auch für sich erhoffte. Täglich ging er zu der Mairie seines Arrondissements, um den Betrag zu erheben, den der Staat sich gezwungen sah, an alle unbeschäftigten Arbeiter – welche Arbeit hätte Jean Jacques in den Nationalwerkstätten thun können! – auszuzahlen.

Er sah nicht die Wahnwitzigkeit dieses Beschlusses, der zu neuen und blutigeren Kämpfen führen mußte. Denn Zweierlei hatte er in 5O Jahren noch nicht gelernt: daß der Staat nur ausgeben kann, was er eingenommen hat; und daß daher alle Versuche, die soziale Frage durch ihn, von Oben her zu lösen, von Vornherein aussichtslos sind.

Aber als er es an sich hätte lernen können, während der Tage der Juniinsurrektion, in denen die Arbeit ihren ersten, wirklichen Kampf mit dem Kapital aufnahm und aus der furchtbaren Niederlage in dieser merkwürdigsten aller Schlachten die Lehre zog, daß die Vorrechte der Macht mit tödlicheren Waffen, als denen der Gewalt, bekämpft werden müssen, lag er krank unter der Wucht der ungewohnten Aufregungen danieder.

Zu seinem Glück. Denn er, welcher schon die politische Revolution des Februar – die Abrechnung der Bourgeosie mit dem Königthum – mitgekämpft hatte, deren Belanglosigkeit er nicht zu erkennen vermochte, wie hätte er sich fern zu halten vermocht von den Tagen, in denen das Proletariat mit dem Bürgerthum abzurechnen gedachte? Hätte er nicht ein trauriges Ende finden müssen, verdurstend und verfaulend in den schrecklichen Kellerlöchern, in die man die Gefangenen zusammenpferchte, oder verkommend als Deportierter in einer der überseeischen Strafkolonien seines Landes? –

Er blieb davor bewahrt. Als er sich erhob, stand das bebende Paris im Zeichen des Schreckens vor dem rothen Gespenst des Sozialismus.

Auf den Kampfplatz war ein Mann getreten, dessen Blick tiefer als irgend ein anderer die Menschen und die Dinge durchschaute. Proudhon hatte sein erstes Journal, den »Représentant du Peuple«, gegründet und am 3l. Juli in der Nationalversammlung unter Hohngelächter und Beschimpfungen seine berühmte und berüchtigte Rede über die Einkommensteuer, die Unentgeltlichkeit und die Gegenseitigkeit des Kredits gehalten.

Doch Auban sah in dem größten und kühnsten Manne seiner Zeit nichts als den Verräther an der »Sache des Volkes«, weil er die Schlachten des Juni nicht mitgeschlagen hatte.

Blind, wie er war, vermochte er ebensowenig das Projekt zu begreifen – vielleicht das bedeutendste und weittragendste, das jemals einem menschlichen Gehirne entsprossen –, welches Proudhon ein halbes Jahr lang als Lanque Banque d'échange erörterte und vom Dezember 1843 bis zum April des nächsten Jahres als Banque du Peuple in seinem zweiten Journal »Le Peuple« zu realisieren versuchte, bis die rohe Hand der Gewalt das fast fertige Gebäude in den Grund hinein zerstörte, indem es den Baumeister einkerkerte.

Was der Vater in der Wilderniß der Tage, vielleicht weil es ihm zu nahe stand, nicht zu erfassen vermochte, sollte der Sohn nun in seiner ganzen Tragweite und ungeheuren Bedeutung erkennen: unabhängig vom Staate vermittels des Prinzips der Gegenseitigkeit Jedem zu ermöglichen, seine Arbeit zum vollen Ertrage ihres Werthes auszutauschen, und so ihn, mit einem Wort: zu befreien! –

Diese letzte, größte, unblutigste aller Revolutionen, die einzige, welche die Garantien eines dauernden Sieges in sich trägt – an ihrem ersten Erwachen ging Jean Jacques fast gleichgültig vorüber.

Die Wahl Louis Napoleons zerstörte die letzte seiner Hoffnungen. Von nun an haßte er Cavaignac, den Wortbrecher, nicht mehr als diesen Usurpator.

Es dauerte lange, bis er sich von der dumpfen Betäubung erholen konnte. Es dauerte Jahre. Er lebte sie in steter Sorge um sein tägliches Brod. Diese Sorge war es vielleicht, die ihn noch am Leben erhielt. Seine späte Heirath war mehr das Werk eines Zufalls, als der Ueberlegung und des Wollens. Er traf mit der Frau seiner Liebe zusammen in demselben Hause, in welchem sie Erzieherin war und in welches er kam, um ihre an zwei unbegabten Söhnen begonnene Erziehung zu vollenden. Die traurige Abhängigkeit ihrer Lage führte sie enger zusammen: sie interessierte sich für ihn und er liebte das siebenundzwanzigjährige Mädchen aufrichtig.

Sie lebten zusammen in einem stillen und nicht großen, aber sicheren Glück. Carrard wurde geboren als der Sohn eines Mannes, der längst die Mittagshöhe des Lebens überschritten hatte, und einer Frau, die noch weit von ihr entfernt war.

Die Mutter starb bei der Geburt. Jean Jacques brach völlig zusammen. Er war jetzt in der That ein alter und müder Mann. Er hatte seinen Glauben mit seiner Frische verloren. Seine Leidenschaft war verflogen, und was er dafür zu geben suchte, waren nur noch leidenschaftlich aufgeregte Deklamationen. Zwischen ihnen und den unbeholfenen Zärtlichkeiten Adolphe Ponteurs wuchs der kleine Carrard auf und war sechs Jahre alt, als sein Vater mit einem schrecklichen Fluch gegen den dritten Napoleon und ohne einen Blick für ihn starb.

Das ist in großen Zügen, was Adolphe Ponteur dem Kinde über seine Eltern erzählte in den Jahren, in welchen er ihm ein besserer Vater war, als es der rechte je hätte sein können. Er theilte sein schmales Brot, sein enges Zimmer und sein altes Herz mit dem Knaben; er wollte ihn schreiben und lesen selbst lehren, und setzte seinen Stolz darein, es durchzuführen, aber es stellte sich heraus, daß es nicht Carrard, sondern ihm selbst an den Fähigkeiten dazu mangelte. So sandte er ihn von seinem neunten Jahre ab in die große Stadtschule seines Arrondissements.

Der Krieg von 1870 kam und der Knabe hatte sein dreizehntes Jahr erreicht. Adolphe träumte von der Gloire seiner Landsleute und Carrard lebte unbekümmert weiter.

Die Tage der Kommune waren da, in denen ganz Paris abermals ein Chaos von Blut, Rauch, Lärm, Wuth und Wahnsinn zu sein schien; mit Schrecken sah Adolphe in den dunklen Augen des Knaben eine Flamme aufschlagen, welche ihn zum ersten Mal wieder an Jean Jacques erinnerte, und er, der ehrliche Kleinbürger, der immer nur die äußeren Schrecken einer Revolution vor Augen gehabt hatte, ohne befähigt zu sein, ihre inneren Segnungen zu erkennen, erschrak darüber so, daß er den Entschluß faßte, sich von ihm zu trennen und ihn fortzubringen aus diesem vergifteten Paris, diesem Paris, ohne das er selbst nie hätte leben können.

Er brachte ihn nach dem Elsaß, nach Mülhausen, der langweiligen, großen Fabrikstadt, der jetzt, nachdem sich der »große Krieg« ausgetobt hatte, die Aufgabe geworden war, auf der Grenze zwischen den erschöpften, aber nicht versöhnten Feinden zu balancieren. Ponteur besaß dort eine alleinstehende Verwandte, eine echte Französin, die nie ein Wort Deutsch gelernt hatte, und Carrard Verwandte von seiner Mutter her: einen deutschen Regierungsbeamten, der sich die Berufung auf diesen höheren Posten durch außergewöhnliche diplomatische Begabung verdient hatte, das heißt dadurch, daß er seine Gedanken und Gefühle trefflich unter Worten zu verbergen verstand.

Mademoiselle Ponteur ging außerordentlich liebreich und ängstlich mit Carrard um, gab ihm ein kleines Zimmer und zu essen, und ließ ihn im Uebrigen thun und lassen, was er wollte. In den vier Jahren, in denen er unter ihrem Dache, welches Nichts mehr zu beschützen hatte, als die stillen Erinnerungen vergangener Zeiten, lebte, geschah es nicht ein einziges Mal, daß er mit einer Bitte zu ihr gekommen wäre, und nicht ein einziges Mal, daß sie es gewagt hätte, ihm einen Rath zu ertheilen. Sie wußte ganz und gar nicht, was sie mit ihm anfangen sollte, und fühlte sich sehr erleichtert, als sie merkte – und sie merkte es in der ersten Stunde –, daß der Knabe bereits sehr gut gelernt, mit sich selbst fertig zu werden.

Die Verwandtschaft seiner Mutter erfüllte ihre Pflichten gegen ihn dadurch, daß sie ihn jede Woche ein Mal an ihren Familientisch lud, wo er inmitten einer Schaar verzogener und lärmender Kinder saß, deren Sprache er Anfangs gar nicht und später nur schwer verstand, sich immer sehr unbehaglich fühlte und es mit der Zeit ebenfalls dahin brachte, daß man sich nicht weiter um ihn kümmerte und es nicht übel vermerkte, wenn er mit seinen Besuchen immer sparsamer wurde.

Bei Mademoiselle Ponteur lernte er sein Alleinsein und seine Unabhängigkeit schätzen; bei seinen Verwandten sog er einen unaustilgbaren Widerwillen gegen deutsches Bürgerleben in sich ein.

Er blieb fünf Jahre in diesem Ort, fünf Jahre, in denen er nie nach Paris zurückkehrte. Seine Ferien verbrachte er auf Fußreisen in den südlichen Vogesen, die so wenig bekannt und in ihrer Einsamkeit und keuschen Herbheit so schön sind. Sein Blick sah nach Paris, wenn er auf der Grenze der Gebirgshöhe hinschritt.

Als er fünfzehn Jahre alt war, fand er einen Freund in der fremden Stadt. Es war ein französischer Arbeiter, der seinen Vater gekannt, auf irgendeine Weise von Carrard gehört hatte und ihn eines Tages anredete, als er von der Schule kam. Von dem Tage an saß Carrard jeden Abend, wenn die Feierstunde geschlagen hatte, in einer kleinen Wirtschaft inmitten eines Kreises von Arbeitern, unter denen keiner war, der nicht wenigstens doppelt so viel Jahre gezählt hätte, als er selbst, und von denen jeder die besondere Pflicht zu haben glaubte, dem » pauvre enfant«, das hier »so allein« war, etwas Liebes zu erweisen. Der eine drehte ihm Zigaretten, der andere lehrte ihm Billard spielen und der dritte erzählte ihm von den vergangenen großen Tagen, als die Völker versucht hatten, sich freizumachen: » Vive la Commune

Carrard hörte von den Hoffnungen und Wünschen des Volkes aus dem Munde Derer, die zu ihm gehörten. Er begann zu ahnen, zu sehen, zu denken. Aber nur wie durch einen Schleier.

Die Schule wurde ihm zum Gefängniß, da sie ihn zwang, das zu lernen, was er für unnütz hielt, und ihn Nichts von Dem lehrte, was er zu wissen wünschte. Sie gab ihm auf keine seiner – nie gestellten – Fragen eine Antwort.

Er hatte keine Freunde unter seinen Schulgenossen. Er war nicht beliebt, aber keiner hätte es gewagt, ihm etwas in den Weg zu legen.

Nur Einer suchte seine Freundschaft; es war der älteste Sohn seiner Verwandten. Er hieß Friedrich Waller – Waller war auch der Mädchenname von Carrards Mutter gewesen – und war mit Carrard im gleichen Alter, mit dem er jahrelang dieselben Klassen derselben Schule besuchte. Er war klug ohne besondere Begabung, gleichgültig ohne ein inneres Interesse an Carrard je ganz ersticken zu können, und von dem Wunsche beseelt, dessen Vertrauen zu erwerben, das dieser ihm nie, auch in den gewöhnlichsten Dingen nicht, schenkte; und trotzdem ihn diese Unzugänglichkeit oft erbitterte, verlor er in diesen Jahren nie ein Gefühl der Sympathie für Carrard, das sich bei ihm aus Interesse, Bewunderung und Neugierde zusammensetzte.

Carrard war in seinem achtzehnten Jahre ein hoch aufgeschossener, blasser, äußerlich völlig leidenschaftsloser, innerlich sich in Gedanken und Leidenschaften verzehrender Mensch, der seine Tage in dumpfer Resignation auf der Schulbank und in zwanglosem Verkehr mit seinen Freunden, den Arbeitern, bei Père François, und seine Nächte in wahnsinnigen Grübeleien über Gott und die Unsterblichkeit der Seele und über jenen tausend Fragen, die jeder Denkende einmal an sich und in sich selbst gelöst haben muß, verbrachte.

Als er fünfzehn Jahre alt geworden war, vernahm er aus Paris die Todesnachricht seines alten Freundes – es war das letzte Mal in seinem Leben, daß er einen Schmerz durch Thränen zu lindern vermochte; zwei Jahre später starb die Frau, bei der er Jahre lang gelebt, und mit der er nie ein inniges, aber auch nie ein unfreundliches Wort gewechselt hatte. Sie hatte ihn wirklich lieb gewonnen, aber nie den Muth gehabt, es ihm zu zeigen. Er hatte ihr nie mehr und nie weniger entgegenbringen können, als eine unveränderliche, fremde Achtung.

Er verbrachte noch ein Jahr in einer andern Familie. Dann ging er mit einem leidlichen Zeugniß, mit dem er Nichts anzufangen wußte, und mit einem unerschütterten Zukunftsglauben nach Paris zurück. Wie eine schon verloren geglaubte Mutter begrüßte er die Stadt seiner Kindheit: Tage lang tat er nichts Anderes, als mit weitgeöffneten Augen und klopfendem Herzen selig durch die Straßen zu irren und den Duft der Weltstadt auf seine erregten Sinne wirken zu lassen, diesen Duft, welcher so berauschend und so betäubend wirkt, wie der Kuß einer ersten Liebe in der ersten Nacht ...

Er suchte eine Beschäftigung und freute sich, daß er während der ersten vier Wochen keine fand. Was schadete es, daß er in diesen vier Wochen die kleine Summe verzehrte, die er als Hinterlassenschaft eines Mannes, der ihn zärtlich geliebt hatte, besaß! – Er wohnte in Batignolles. Mit der Sonne oft schon erhob er sich und wanderte durch die bethauten Wege des Parc Monceaux und an dem antik-ernsten Bau der Madeleine vorüber, auf den weiten, hellen Platz, welcher in den letzten zwei Jahrhunderten so viel Blut getrunken hatte und dennoch dalag in seiner weiten, grauhellen Fläche, von der Sonne beschienen, von dem rauschenden Leben überfluthet, wie die heitere Stille im ewigen Aufruhr; wanderte hinunter an den schönen, weitufrigen Fluß und sah der Arbeit zu, die von hier aus Paris befruchtete, bis er sich müde auf eine der Bänke des Tuileriengartens setzte und sich von dem Lachen der Kinder umtönen ließ, während er in einem Buche blätterte, in dem er nicht las. War dann der Mittag gekommen, und hatte er sein Mahl in einem der unzähligen bescheidenen Restaurants des Palais Royal eingenommen, so konnte er stundenlang wieder vor einem der Cafés auf den großen Boulevards sitzen und dieses nervöse, ewig erregte Leben in einer Art einschläfernder, süßer Betäubung an seinen halb geschlossenen Augen vorüberströmen lassen, bis er sich aufraffte und, die Champs-Elysees hinunterschlendernd, für die späteren Nachmittagsstunden die schattigen Wege und die lauschige Stille des Bois suchte, um erst Abends – nach einer flüchtigen Erfrischung in einer der kleinen Wirthschaften Auteuils – mit einem der Seinedampfer zur Cité wieder zurückzukehren, wo er in stummer Andacht die in die Dämmerung vertauchenden Thürme von Notre-Dame grüßte. Selten lockten ihn für den Rest des Abends die öffentlichen Schaustellungen; aber er liebte es, das Quartier latin zu durchschlendern, von einem Café zum anderen, und das lärmende Leben der Studenten und ihrer Mädchen zu beobachten; oder in der Gegend seiner Wohnung den Abend in einer Winkelschenke im Gespräch mit einem Arbeiter oder einem Kleinhändler über die Politik des Tages zu beschließen, wenn ihn das gewaltige Treiben der Boulevards betäubt und ihre endlosen Lichterreihen geblendet hatten ...

Es waren die Flitterwochen seiner Liebe. Eine irre, trunkene Seligkeit hatte sich völlig seiner bemächtigt. Nach den vergangenen Jahren der Einsamkeit und der Eintönigkeit trank er an diesem Becher der Freude, welcher vollgefüllt war bis zum Rande und ihm unleerbar erschien.

– O Paris! sagte Carrard Auban dann, – wie ich Dich liebe! Wie ich Dich liebe! – Gehörst Du nicht auch mir! Bin auch ich nicht Dein Kind? – Und der Stolz schwellte seine junge Brust und leuchtete aus seinen Augen, die nie so jung gewesen waren. Noch war er wie die emporwachsende Rebe, die sich an fremder Größe aufrankte und sie umschlang mit den Armen der Sehnsucht und der Hoffnung, an ihr allein zu erstarken ...

Als sich aber seine Lust und sein Geld dennoch zu Ende neigten und er daran denken mußte, zu sehen, wie und wovon er weiter leben könne, erschrak er nicht. Es dünkte seinen muthigen Kräften nicht allzu schwer. Und doch war es nur ein ganz seltener und glücklicher Zufall, der ihn an einem dieser Tage im Jardin des Tuileries mit einem Herrn ins Gespräch kommen ließ, welcher einen Sekretär suchte und ihm diese Stelle gab.

Auban arbeitete bei ihm – ziemlich frei und nicht übermäßig angestrengt – für einen bescheidenen Lohn, der indessen seinen Bedürfnissen genügte, fast zwei Jahre. Die Arbeit interessierte ihn nicht. Er war kein methodischer und daher kein guter Arbeiter, wenn es galt, Briefe zu kopieren und die Bibliothek seines Beschäftigers zu ordnen. Aber er wurde diesem unentbehrlich, wenn er ihm – dem englischen Spezialgelehrten, einem seltsamen Gemisch von Gründlichkeit, wenn es galt, eine belanglose wissenschaftliche Frage zu ergründen, und kindischer Oberflächlichkeit in den Folgerungen seiner Forschungen – half, sein schlechtes Französisch zu verbessern, in dem Jener es liebte, seine werthlosen Entdeckungen niederzulegen.

Als er nach England zurückkehrte, gab er – obwohl er nie auch nur mit einer Frage zu verstehen gegeben, daß er an der Persönlichkeit seines Sekretärs das geringste Interesse genommen und in ihm etwas Anderes als ein Werkzeug für seine Arbeit gesehen hätte – Auban eine Anzahl Empfehlungsbriefe, welche völlig werthlos, und eine Summe in einer Höhe, daß sie diesem für die nächste Zeit sehr nützlich war.

Auban war wieder frei für einige Zeit. Hatte er schon in diesen zwei Jahren mit dem lebhaftesten Anteil die soziale Bewegung seines Vaterlandes verfolgt und manche Bekanntschaft mit einzelnen Gliedern ihrer Reihen geschlossen, so stürzte er sich jetzt – mit einem gellenden Freudenschrei – in ihre Fluth.

Sie nahm ihn auf, wie sie Alles aufnimmt und verschlingt ...

Weit, dunkel, geheimnisvoll, wie das unerforschliche Dickicht eines Urwaldes lag das Gebiet der sozialen Frage – der Menschheit Zukunft – vor seinen Augen. Frisch, jung, bereit stand er vor ihr.

Hinter sich eine verworrene Kindheit – Wege über Felder, bereits begangene, und Pfade über gemähte Wiesen, bereits wieder übergrünte – und vor sich das große Geheimniß, das Ideal, dem er sein Leben weihen wollte! ...

Das Rauschen der Stimmen in der Wildniß vor sich schien Antwort geben zu wollen jenen wirren Klagen, welche seine Wiege in der Dachstube umtönt hatten.

Und er begann.

Es war unmöglich mit lautereren Absichten, heißeren Wünschen und kühnerem Willen in den Kampf zu treten, welcher der Kampf unserer und der kommenden Zeit ist.

Auban, der noch nicht Dreiundzwanzigjährige, sah in diesem Kampfe zwei Heerlager: auf der einen Seite standen Die, welche das Schlechte wollten; auf der anderen Die, welche das Gute erstrebten. Jene erschienen ihm völlig korrumpiert, in der Auflösung bereits begriffen, schon halb besiegt; diese als der gesunde Boden, bereit, den Saamen der Zukunft in sich aufzunehmen.

Er war überwältigt von der Gerechtigkeit der Bewegung und ganz außer Stande, eine Kritik zu üben. Er war berauscht von der Idee, ein Glied in diesen Reihen zu sein, die eine Welt zum Kampf herausforderten. Er fühlte sich gehoben, von neuen, großen Hoffnungen erfüllt, gestärkt und wie verwandelt.

Wer, der in die Bewegung eintrat, hat nicht ein Mal die ähnlichen, die gleichen Gefühle gehegt? –

Er besuchte die Versammlungen und hörte den Worten der verschiedenen Redner zu. Je weiter dieselben sich nach »links« neigten, desto größer war sein Interesse und sein Beifall. – Er wurde ein Gast in den Klubs, wo die Arbeiter verkehrten. Er lauschte den Wünschen, wie er sie aus ihrem eigenen Munde vernahm. Er las die Zeitungen: die radikalen, die sozialen, die Tagesblätter und die Wochenschriften. In jedem Freiheitschwätzer sah er einen Gott; und in jedem Phrasenpolitiker sah er einen Helden ...

Er war bis dahin ohne besondere Energie gewesen. Besonders die letzten Jahre hatten ihn verflacht. – Nun wuchs seine Arbeitskraft. Er arbeitete wirklich. Die ganze, mühevolle Arbeit, die das erste Eintreten in eine neue Welt von Begriffen erfordert.

Von allen Seiten strömte ihm die Fluth neuer Gedanken zu. Er bewältigte langsam den Wust der Broschüren, in denen ein verdünnter Extrakt wissenschaftlicher Forschungen oft in so seltsamer Weise dem ungeschulten Gedanken gerecht wird,. Dann begann er mit dem Studium von einigen der Hauptwerke des Sozialismus selbst.

Seine Lebensgewohnheiten veränderten sich. Er wollte um keinen Preis ein Bourgeois sein und scheinen. Er verlegte sein kleines Zimmer nach dem Arbeiterviertel der Buttes Chaumont. Seine Kleidung vereinfachte er bis zur Bescheidenheit, nie aber bis zur Unordentlichkeit. Er aß in den Tavernen mit den Arbeitern. Indessen verringerten sich seine Ausgaben dadurch nicht. Nur das Gefühl der Beschämung ›besser‹ zu sein als seine hungernden Brüder, empfand er nicht mehr bei dieser immerwährenden, bewußten Selbstentäußerung.

Getreu den Lehren, die er in sich aufnahm, begann er zu arbeiten als Handarbeiter. Da er kein Handwerk gelernt hatte, mußte er lange tasten, um irgendwo festen Fuß zu fassen. Er wurde erst Setzer, dann Korrektor in der Druckerei einer sozialistischen Tageszeitung.

In dieser Zeit schrieb er auch seine ersten Artikel. Nichts schließt die Menschen schneller und enger aneinander, als der Kampf im Dienste einer gemeinsamen Idee. Schnell ist die Schlinge des Programms um den Hals geworfen. Sofort zieht sie sich zusammen: Deinen Bestrebungen ist hinfort das eine unverrückbare Ziel gegeben; die Richtung Deines Weges hinfort bezeichnet; der Gebrauch Deiner Kräfte vorherbestimmt.

Das ist die Partei!

Freiwillig war Auban den Reihen beigetreten. Jetzt war er Nichts mehr als der Soldat, der geschworen hatte, der voranflatternden Fahne zu folgen: wohin sie weist, dort liegt das Ziel. Man appelliert an Dein Ehrgefühl, Deine Treue, wenn Deine Vernunft sich sträubt. Du bist nicht mehr frei – Du hast geschworen, Andere zu befreien!

Doch auch für Auban kam bald die Zeit, in welcher er fähig wurde, Kritik zu üben. Er sah die ungeheure Zerrissenheit dieser Bewegung. Er sah, daß sich hier Ehrgeiz, Haß und die triviale Gemeinheit mit demselben Pompe des Idealismus: den Wortgewändern der Brüderlichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit, umgab, wie bei allen anderen Parteien unseres öffentlichen Lebens.

Er sah es mit einem Schmerze, wie er ihn noch nie gefühlt hatte.

Er war noch immer sehr jung. Er wollte noch nicht begreifen, daß die leitenden Führer der Parteien nicht daran dachten, diese Worte gegenseitig ernst zu nehmen; daß für die Konservativen »das Wohl des Vaterlandes«, die »öffentliche Ruhe und Sicherheit«, für die Liberalen die »freie Konstitution«, die »Bürgertreue«, und für die Arbeiterparteien »das Recht auf Arbeit« und die schönen Worte der Gleichheit und Gerechtigkeit Nichts waren als Lockköder, um mit ihnen die Urtheilsunfähigen in möglichst großer Anzahl auf ihre Seite zu ziehen und so durch das Recht der Mehrheit die Stärkeren zu werden.

Hatte er nicht selbst ein Jahr lang, in dem er fast täglich für das Blatt seiner Partei schrieb, mit diesen Worten gefochten – den Kampf in den Lüften! – ohne sie je zu prüfen? – Und zwar hatte er mit Begeisterung und Ehrlichkeit gekämpft, in dem guten Glauben, daß es keinen anderen und besseren Weg gäbe, die Unterdrückten und Verfolgten zu befreien.

Er wollte nur Eines, nur Eines: Freiheit! Freiheit! – Die Stimme seiner Vernunft, die wilden Klagen seines leidenschaftlichen Herzens riefen ihm zu, daß nur in ihr das Glück und der Fortschritt der Menschheit beruhe.

Durch alle Stadien der politisch-sozialen Bewegung trieb ihn dieser unaufhörliche Durst nach Freiheit. Keine Lehre befriedigte ihn. Nirgends sah er die Voraussetzungen unantastbar, die Bedingungen erfüllt, die Garantien gesichert.

Beständig quälte ihn der suchende Gedanke, das unbefriedigte Gefühl: es ist nicht die Freiheit, die ganze Freiheit! Er fühlte, wie sich seine Abneigung gegen jede Autorität verstärkte. Darum legte er seine Stelle nieder.

In dieser Zeit war es, als er Otto Trupp, den er schon oft gesehen, näher kennen lernte und mit ihm Freundschaft schloß. Durch ihn erhielt er Kunde von der Bewegung der Arbeiter in Deutschland und der Schweiz, von welcher ihm bisher Wenig bekannt geworden war. Trupps Erzählungen machten einen großen Eindruck auf ihn. Es war im Jahre 1881. Die Idee des Anarchismus befand sich in Frankreich in rapidem Wachsthum. Aus den Parteireihen des Sozialismus riß sie Schaaren von selbständiger denkenden Arbeitern, von mit einzelnen Handlungen der leitenden Führer Unzufriedenen, dann alle Jene, deren fiebernder Ungeduld die Revolution – die Erlösung – zu langsam kam.

Wenn es keinen Staat, kein Privateigenthum, keine Religion mehr gab, wenn alle Institutionen der Herrschaft abgeschafft waren, konnte es dann noch eine Herrschaft geben? – Der herrschenden Gewalt galt es Gewalt entgegenzusetzen!

Die Idee der Zerstörung der alten Welt bemächtigte sich seiner. Erst auf ihren Trümmern, wenn Alles vernichtet war, konnte sich jene Gesellschaft errichten, welche die Gleichheit als ihr oberstes Prinzip erkannte.

»Jedem nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!« Nun hatte er die Formel gefunden, in die er sich flüchten konnte. Und seine Träume bauten das Gebäude der Menschheitszukunft auf: sie bauten es hoch, weit und schön ... Jeder würde zufrieden sein; alle Hoffnungen erfüllt, alle Wünsche befriedigt. Die Arbeit und ihr Tausch würden freiwillig sein; Nichts mehr, was ihre Grenzen bestimmte, selbst nicht ihr Werth. Die Erde gehört Allen ungetheilt. Jeder hat ein Recht auf sie, wie er ein Recht hat, Mensch zu sein. Und er baute das stolze Gebäude seiner Gedanken – er baute es in den Himmel ...

Diese Lehre des Kommunismus, welche so alt ist, wie die Religionen, die aus der Erde nicht den Himmel, sondern die Hölle gemacht haben, nannte er Anarchismus, wie seine Freunde sie Anarchismus nannten. –

Nie waren seine Worte eindringlicher gewesen, nie hatten sie eine größere Begeisterung erweckt. Er stand jetzt auf der äußersten Grenze des Reiches der Parteien! Weiter zu gehen war unmöglich. – Er opferte sich auf. Er war thätiger als je, zu organisieren und zu agitieren. Ueberall fand er neue Gesinnungsgenossen.

Es war das wildeste Jahr seines Lebens. Kein Tag der Einkehr und keine Nacht der Ruhe.

Er war Viel zu Viel ein Mann der Thatkraft, der es liebte, positive Erfolge vor Augen zu haben, als daß ihn diese hastende, fieberhafte Tätigkeit der Propaganda hätte befriedigen können. Indessen erweiterte sich schnell der Kreis seiner praktischen Lebenserfahrungen, ohne daß er es empfand. Er verstand seine Genossen: ihre leidenschaftlichen Anklagen, ihre schreienden Schmerzen, ihre erbitterten Flüche. Täglich sah er hier die Hungernden und Darbenden um sich, selbst oft hungernd, und verzweifelnd; täglich dort die schamlose Prasserei, den bodenlosen Uebermuth, die höhnende Anmaaßung – aufrecht erhalten nur durch Gewalt. Dann ballte sich seine Hand und krampfte sich sein Herz zusammen, dann predigte er ohne Bedenken aus tiefster Ueberzeugung die Lehre: die Gewalt mit der Gewalt zu vernichten, dann erschien ihm als das Erste und Wichtigste, daß diese Hungernden Brod, diese Frierenden Feuerung und diese Nackten Kleidung bekämen. Was waren alle Errungenschaften der Wissenschaft, alle Kunst, alle Fortschritte der Menschheit gegenüber diesen ersten und unverrückbarsten Forderungen! Ueberall lehrte er Gewalt, in allen Versammlungen, allen Vereinen. Man wurde auf ihn aufmerksam. Aber – wie meistens – war es auch hier nur ein Zufall, der die Entscheidung herbeiführte.

Eine der Versammlungen, in der auch er sprechen wollte, wurde aufgelöst. Bei der Auseinandertreibung der Versammelten wurde er von einem Polizisten in brutaler Weise am Arm gepackt und gegen die Wand gestoßen. Er schlug ihm die Faust ins Gesicht.

Vor dem Richter hielt er getreu den Prinzipien, welche »dem Revolutionär vorschreiben, in jedem möglichen Falle, besonders aber vor Gericht, wenn die Umstände es irgend erlauben, Propaganda zu machen«, – eine aufsehenerregende Rede. Zahllose Male war von den Verurtheilten die Kompetenz des Gerichtshofes in Zweifel gestellt, nie aber in dieser Weise die Autorität jedes Gesetzes negiert worden.

Man war überrascht, theils empört, theils amüsiert. Man hielt ihn nicht für zurechnungsfähig. So verurtheilte man Auban nur zu einer anderthalbjährigen Gefängnißstrafe.

Heute wissen die Gerichtshöfe der zivilisierten Länder Europas, wenn sie diese Sprache vernehmen, daß sie einen »Feind jeder Ordnung« vor sich haben, und lassen ihn nicht mehr so leicht los.

1883, kaum ein Jahr nach Aubans Verurtheilung, setzte der große Anarchistenprozeß der Sechsundsechzig zu Lyon die Gemüther in Bewegung und lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf die neue Lehre. Von diesem Schlage, den die Regierung weitausholend führte, wäre auch Auban unzweifelhaft getroffen worden, hätten ihn damals nicht schon die Mauern des Gefängnisses umschlossen. Für die ›öffentliche Meinung‹ war nun auch in Frankreich der Name »Anarchist« fast gleichbedeutend mit Meuchelmörder ...

Als Auban die Fäuste der Polizeiknechte an seinem Leibe fühlte, wurde ihm das Wesen der Gewalt in ihrer ganzen Rohheit klar. Sein Stolz bäumte sich auf. Aber er war – ›machtlos‹. Die Idee, für die Sache der Menschheit zu leiden, hielt ihn. Er sah weder das kalte Lächeln der Richter, noch die stumpfen neugierigen Blicke der Zuschauer, die ihn betrachteten wie eine seltsame Abart ihres Geschlechtes. Als er sein Urtheil vernahm, zuckte nicht eine Wimper seiner Augen. Anderthalb Jahre! – Das war Nichts. Welch lächerlich-geringes Opfer, verglichen mit den tausendfachen Opfern der Blutzeugen, – um nur an den Heldentod der Zarenmörder zu denken! – die vor ihm gelitten hatten! Mit stolzer Verachtung betrat er das Gefängniß.

Nie konnte einem Menschen die erste Zeit seiner Strafe schwerer, die letzte leichter geworden sein, wie sie ihm wurde.

Erst glaubte er, die Luft und die Sonne der Freiheit nicht einen Monat entbehren zu können. Er täuschte sich. Eine dumpfe und schwere Ruhe bemächtigte sich im Anfang seiner: die Ruhe der Ermattung nach diesen letzten stürmischen Jahren! Sie that ihm geradezu wohl. Er genoß sie fast wie eine heilsame Medizin. Nichts mehr von den stündlichen Aufregungen! Nichts mehr von dem widerstreitenden Lärm! – Lange strömte das Blut aus all den Wunden, die ihm diese Jahre des Kampfes geschlagen. Als es sich stillte, fühlte er sich ruhiger als je zuvor.

Es wurde ihm möglich, sich das eine und andere Buch zu verschaffen. Mit der Gründlichkeit, zu welcher ihn die Stille und Oede seiner Tage und Nächte zwang, überdachte er Forschung für Forschung der großen nationalökonomischen Denker seines Landes.

Das Bild der Welt nahm vor seinen Augen eine andere Gestalt an, je innerlicher er wurde. Seiner Zeit gleichsam entrückt, nicht mehr umtost von dem Widerstreit ihrer Wünsche, gewann er den Standpunkt, ihre Strömungen zu übersehen. Es war die Zeit, in der er auf sich zurückkam.

Im Spätsommer 1884 verließ er sein Gefängniß. Er war nicht mehr der Alte. Er fand sich schwer zurecht. Seine Kräfte hatten ihre Elastizität verloren. Er wurde von den Genossen freudig begrüßt. Trupp war in London. Man half ihm nach Kräften. Aber es war nicht mehr dasselbe. Sein Glaube war erschüttert. Er dürstete nach der Ergründung der Wahrheiten der Volkswirthschaft. Er wollte wissen, welche Rettung sie versprach. Das war ihm jetzt das Wichtigste. Er wußte, daß er Das nie und nimmer, weder aus den leidenschaftlichen Diskussionen der Versammlungen, den in allgemeinen Redensarten sich ergehenden Artikeln der Zeitungen, noch aus der Broschürenfluth der Bewegung erfahren würde.

Paris wurde ihm unerträglich. Ueberall sah er in den Spiegel der Thorheiten seiner Jugend. Das leichtfertige, lärmende, phrasenhafte Getriebe stieß ihn ab, widerte ihn an. Er sehnte sich nach einer großen, freien Stille.

Das Einzige, was sich ihm bot, war eine Stellung in einer großen Buchhandlung in London, wo er bei der Herausgabe eines weitangelegten französischen Sammelwerkes beschäftigt werden konnte. Er entschloß sich schnell.

Aber er ging nicht allein. Er nahm mit sich ein Mädchen, das er schon vor seiner Verhaftung kennen gelernt hatte und welches ihm in der langen Zeit treu geblieben war.

Das Jahr, das Auban mit ihr verlebte, war das glücklichste seines Lebens. Aber die schmächtige Flamme dieses kurzen Glückes erlosch, als er die Mutter in derselben Stunde verlor, in der sie ihm ein totes Kind gebar.

Das ganze Wesen dieser einfachen und ebenso natürlich wie tief urtheilenden Frau kennzeichnete sich in der Antwort, die sie einst einem der Kommunisten gab, welcher in dem bitteren Ton des Vorwurfs die Frage an sie gerichtet hatte:

– Haben Sie denn je etwas zu dem Glücke der Menschheit beigetragen?

– Ja, ich bin selbst glücklich gewesen! – hatte sie ihm zurückgegeben.

Als Auban sie verloren, wurde er noch ernster und fester. Mehr und mehr begann er die Träumereien idealistischer Unerfahrenheit zu hassen und zu fürchten. Er wies sie von sich mit zersetzender Kritik, oft mit herbem Spott. Man griff ihn deshalb jetzt schon von Seiten an, die ihn früher mit Jubel begrüßt hatten. Er sah darin Nichts wie einen Gewinn. Was er nie gewesen war, wurde er jetzt: skeptisch. Hatte er früher den Parteispaltungen des Tages zu viel Werth beigelegt, so war er jetzt – wo er das politische Possenspiel nicht mehr ernst nehmen konnte – geneigt, sie zu unterschätzen. Seitdem er in London war, hatte er in seinen freien Stunden begonnen mit dem Studium der jüngsten Tochter der Wissenschaft: der Volkswirtschaft, diesem nüchternen, ernsten, strengen Studium, das so viel von dem Gehirn, so wenig von dem Herzen fordert. Sie zwang ihn, aufzuräumen mit dem Heer halbklarer Wünsche; sie zwang ihn logisch zu denken; und sie zwang ihn, die Worte auf ihren Sinn und Werth hin zu prüfen.

Es war Proudhon, der ihn zunächst mächtig anzog, dieser gigantische Mensch, dessen nie ermüdende Forschungen alle Gebiete menschlicher Thätigkeit umspannen; Proudhon, dessen leidenschaftliche, glühende Dialektik sich so oft in die halbdunklen Irrgänge des Widerspruchs zu verlieren scheint, in welchen nur der über den Parteien thronende Geist dem einzig und allein immer die volle Freiheit des Individuums Suchenden zu folgen vermag; Proudhon, der »Vater der Anarchie«, auf den immer und immer wieder sich Jeder zurückgeführt sieht, der die Wurzeln der neuen Lehre der Herrschaftslosigkeit bloßzulegen versucht ...

»Das Eigenthum ist Diebstahl!« Das ist Alles, was die meisten Sozialisten von Proudhon wissen. Doch von Aubans Augen begannen die Schleier zu fallen.

Er sah jetzt, was es war, das Proudhon unter Eigenthum verstanden hatte: nicht der Ertrag der Arbeit, den er stets gegen den Kommunismus vertheidigt, sondern die gesetzlich geschützten Privilegien dieses Ertrages, wie sie in den Formen des Wuchers, vornehmlich denen des Zinses und der Rente, auf der Arbeit lasten und die freie Zirkulation derselben hemmen; daß Gleichheit bei Proudhon nichts Anderes heißt als Gleichheit der Rechte, und Brüderlichkeit nicht Entsagung, sondern kluge Erkenntniß der eigenen Interessen in dem Lichte des Mutualismus; daß er die freie Assoziation zu einem bestimmten Zwecke im Gegensatz zur Zwangsvereinigung des Staates, »die Freiheit, welche sich darauf beschränkt, die Gleichheit in den Mitteln der Produktion und beim Tausche der Produkte aufrecht zu erhalten«, vertheidigt, als die »einzig mögliche, gerechte und wahre Gesellschaftsform«.

Auban erkannte jetzt den Unterschied, den Proudhon machte zwischen Besitz und Eigenthum.

»Der Besitz ist rechtlich, das Eigenthum widerrechtlich.« Deine Arbeit ist dein rechtlicher Besitz, ihr Ertrag dein Kapital; die Fruchtbarkeit dieses Kapitals aber, das Monopol seiner Fruchtbarkeit, ist widerrechtlich.

» La propriété, c'est le vol

So erkannte er die wahren Ursachen des grauenhaften Unterschieds in der Vertheilung der Waffen, von dem die Natur Nichts weiß, wenn sie uns auf den Kampfplatz des Lebens stellt: wie es kommt, daß die Einen verdammt sind, in den Grenzen, welche ihnen das »eherne Lohngesetz« unerbittlich vorschreibt, ihr Leben voll Mühe, Elend und Hoffnungslosigkeit zu verbringen, während die Andern, der Konkurrenz enthoben, spielend den Magnet ihres Kapitals wirken lassen, um dasselbe durch die ihm verfallenen Erträge fremder Arbeit stetig zu vermehren – das sah er jetzt als klares Bild unter der Leuchte dieser Forschung.

Er sah, daß die Minderheit dieser Letzteren mit Hilfe althergebrachter Vorurtheile in den Stand gesetzt war, die Mehrheit zur Anerkennung ihrer Privilegien zu zwingen. Er sah, daß das Wesen des Staates es war, welches ihnen ermöglichte: die Einen in der Unkenntniß über ihre Interessen zu erhalten; die Andern, welche dieselben erkannt hatten, zu vergewaltigen, sich ihrer zu entäußern.

Er erkannte demnach – und dies war die wichtigste und tiefeinschneidendste Erkenntniß seines Lebens, die die ganze Welt seiner Anschauungen revolutionierte –: daß es galt, nicht die Lehren der Selbstentäußerung und der Verpflichtung, sondern vielmehr den Egoismus, die Erkenntnis der eigenen Interessen, zu vertheidigen!

Wenn es eine »Lösung der sozialen Frage« gab, so lag sie hier. Alles Andere war Utopie oder aber Knechtschaft in irgendeiner Form.

So wuchs er langsam und still in die Freiheit hinein: Tags über gebunden in die Sklaverei seiner mühsamen Arbeit und Abends im Verein mit der Frau, welcher seine Liebe gehörte. Dann, als er sie verloren hatte, wieder allein; nur einsamer, aber ruhiger und stärker, als je zuvor ...

Sein bester Freund war und blieb Trupp. Er hatte den Ernst, die Festigkeit und das instinktive Zartgefühl dieses Mannes mehr und mehr schätzen gelernt. Trotzdem verstanden sie sich nicht mehr so gut. Trupp rechnete stets mit den Menschen, wie sie sein sollten und sein würden; Auban aber war in das Wesen der Freiheit so eingedrungen, daß er eingesehen hatte, wie wenig man die Menschen zu ihrem Glücke zwingen kann, die nicht glücklich sein wollen.

Er selbst erhoffte Alles von dem langsamen Fortschritt der Vernunft; jener Alles von der Revolution, an deren Tagen das Licht der Freiheit sich in Strömen überall hin ergießen würde, Alle erleuchtend, weil alle Wünsche erfüllend. Auban war zu sich gekommen und wünschte, daß Jeder so sich finden möge; Trupp verlor sich selbst immer mehr und mehr an die Allgemeinheit. Trupp hatte sich in den Dienst seiner Sache gestellt und fühlte sich ihr auf Leben und Tod geweiht; Auban wußte, daß die Freiheit zu Nichts verpflichtet.

So wurde der Eine immer mehr zur Aktivität angefeuert, wie ein Roß vom Sporn des Reiters, wie ein Soldat von dem »Vorwärts!«-Rufe seines Feldherrn, während der Andere sich mehr und mehr von der Bedeutung einer Taktik überzeugte, die den Feind an sich herankommen läßt und dann seine Angriffe abschlägt. So sah der Eine alles bleibende Heil nur aus einem blutigen, der Andere nur aus einem unblutigen Kampfe hervorgehen.

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