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Gutenberg > John Henry Mackay >

Die Anarchisten

John Henry Mackay: Die Anarchisten - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Henry Mackay
titleDie Anarchisten
publisherVerlag der Neuen Gesellschaft
printrunFünfte Auflage, 11. und 12. Tausend
year1924
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080615
projectid90b8d185
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Neuntes Kapitel

Trafalgar Square

London lag im Fieber. Es erreichte seine höchste Höhe am zweiten Sonntage des November, dem, welcher auf die Ereignisse in Chicago folgte. Unter den vielen merkwürdigen Tagen dieses merkwürdigen Jahres sollte dieser 13. November eine erste Stelle einnehmen.

Die » Unemployed« waren seit einem Monat je nach Laune der Polizeigewalt Heute von Trafalgar Square, dem bestgelegenen öffentlichen Versammlungsplatz der Stadt vertrieben, um Morgen wieder zu ihm zugelassen zu werden.

Dieser Zustand wurde auf die Dauer unerträglich. Die Klagen der Hungernden wurden immer verzweifelter, während Hotelbesitzer und Pfandleiher in den Versammlungen eine Schädigung ihrer Geschäfte sahen und die Organe der öffentlichen Gewalt, ihre Diener, zu ihrem Schutze herbeiriefen.

Ein Dekret des Polizeikommissärs verbot im Anfang des Monats die fernere Abhaltung irgendeines Meetings auf Trafalgar Square.

Dreißig Jahre lang war dieser Platz, » the finest site of Europe«,von allen Parteien zu unzähligen Zusammenkünften bei den verschiedensten Gelegenheiten benützt worden. Ein Handstreich sollte Alle vertreiben?

Die Frage nach der›Gesetzmäßigkeit‹ dieser Gewalttat war die erste, die sich erhob. Die Spalten der Zeitungen füllten sich mit Paragraphen aus vergilbten Gesetzesbüchern, denen solche aus noch vermoderteren entgegengehalten wurden; mit jenen Insignien einer usurpierten Macht, die den im Glauben an menschliche Autorität Erzogenen mit so geheimnisvollem Schauder vor dem Unfaßbaren erfüllen.

Jeder Bürger des Staates ist Theilnehmer an den Gesetzen seines Landes, so sagt man. Gibt es wohl einen einzigen unter Tausenden, der weiß, was 57 George III, cap. 19, sec. 23, oder 2 and 3 Vic., c. 47, sec 52 bedeutet? Hieroglyphen.

Natürlich war es dem Polizeihäuptling völlig gleichgültig, ob seine Verfügung ›gesetzlich‹ oder ›ungesetzlich‹ war. Hatte er die Macht, ihre Anerkennung Heute zu erzwingen, so war sie ›gesetzlich‹ und Trafalgar Square Eigenthum der Königin und der Krone; war das ›Volk‹ stark genug, ihn und seine Leute Morgen von Trafalgar Square zu vertreiben, so blieb der Platz, was er gewesen war, ›Eigenthum des Volkes‹, und jedermann konnte auf ihm so Viel und so Lange reden, als er Hörer fand, die ihm lauschten. Oder auch noch länger.

Die Frage der Arbeitslosen trat mit einem Schlage in den Hintergrund. Dem Tory-Regiment standen nun plötzlich in Schlachtreihen die radikalen und liberalen Parteien gegenüber, welche die sozialen verstärkten, und sie erhoben gegen den ›Terrorismus‹ jener ihren Ruf nach dem unveräußerlichen ›Recht der freien Rede‹.

Sie beschlossen die Abhaltung eines öffentlichen Meetings auf Trafalgar Square für Sonntag, den dreizehnten und setzten auf die Tagesordnung: »Protest gegen die neuerliche Einkerkerung eines irischen Volksführers«.

Die Vorbereitungen zu der Schlacht wurden auf beiden Seiten mit fieberhaftem Eifer betrieben: jene waren fest entschlossen, jeden Versuch, in den Square zu gelangen, blutig abzuschlagen; diese, ihn zu nehmen um jeden Preis.

Die Aufregung in der Stadt war mit jedem Tage gewachsen. Der Sonnabend brachte einen zweiten Ukas der Gewalt, in dem es verboten wurde, sich Sonntag in Form einer Prozession dem Square zu nähern.

Es gab nicht Wenige, welche wähnten, am Vorabend einer Revolution zu stehen...

*

Auban war später aufgestanden, als gewöhnlich. Sein Kopf war eingenommen. Dennoch hatte er sich an seine Arbeiten begeben. Aber ein Besuch unterbrach ihn.

Als er den Namen ›Friedrich Waller‹ auf der ihm überbrachten Karte las, zuckte er die Achseln. Was wollte dieser Mann noch immer von ihm? – Als Knabe hatte er ihm seine Freundschaft angeboten, die Auban nicht begehrt hatte. Später – er hatte sich ein großes Geschäft in Lothringen gegründet und war viel auf Reisen – hatte er ihn zweimal in Paris aufgesucht und Auban hatte diese Besuche auf Rechnung seines damals so viel genannten Namens gesetzt, ihn kühl empfangen, ihn kühl entlassen. Jetzt, nach Jahren, näherte sich aus jenen Kreisen, die ihm stets bis in die tiefste Seele hinein verhaßt gewesen waren, abermals dieser Mann, mit welchem er nicht einen Gedanken, nicht ein Gefühl gemeinsam hatte. Aber er wollte es heute erfahren, was Jenen zu ihm trieb.

Er wollte ihn direkt nach seinen Absichten fragen. Doch der Andere kam ihm zuvor, indem er äußerte, es sei wohl eine Pflicht, seine Verwandten nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Es war dasselbe neugierige Interesse an dem fremdartigen Lebensschicksal, das ihn einst zu dem Knaben gezogen hatte. Er wußte Wenig von Auban. Da er indessen die Freiheit seiner Ansichten ahnte, äußerte er vertraulich, auch er sei nichts Weniger als konservativ, doch Auban werde wohl begreifen, wie sehr ihn seine Stellung zwinge, die weitgehendsten Rücksichten zu nehmen. Aber Auban hatte weder Geduld noch Verständniß für Leute dieses Schlages. Er hüllte sich in seine eisige Ueberlegenheit, überging die Frage seines Verwandten nach seinem eigenen Schicksal vollständig, that keine Frage und äußerte seine Ansichten so schroff, wie sie waren. Als der Besucher ging, mußte er das Gefühl haben, als sei er beim Lauschen an einer fremden Thür ertappt worden, und nahm sich vor, den heutigen Versuch, Auban beizukommen, der ihm diesmal so offenkundig gezeigt hatte, wie Wenig er von ihm und seiner ganzen Sippschaft wissen wolle, für immer den letzten sein zu lassen.

Für Auban war dieser Besuch der Anstoß zu Erinnerungen an längst verrauschte Jahre, denen er sich lange hingab.

Welcher Unterschied zwischen Damals und Heute!

Und doch schien es ihm zuweilen, als ähnele sein jetziges Ich mehr dem Knaben, der einsam und verschlossen mit weichen und ungeübten Fingern die ehernen Pforten der Erkenntniß in stillen Nächten, wenn Niemand ihn sah, zu öffnen sich mühte, als dem Jüngling, welcher sie mit Feuerbränden einst zu stürmen sich vermaaß.

Er war keine Natur, die es vertrug, unausgesetzt dazustehen, tausend Augen von allen Seiten auf sich gerichtet. Er besaß nicht genug Leichtfertigkeit, nicht genug Ehrgeiz, nicht genug Wichtigkeit und Selbstgefälligkeit dazu.

Es war gut, daß sein Schicksal sich so gewendet hatte... Es war um die dritte Nachmittagsstunde. Auban kam langsam vom Norden der Stadt. Alle Straßen, die er durchschritt, waren fast verlassen. Nur in Oxford Street herrschte ein kümmerliches Leben. Die vierte Stunde konnte nicht mehr fern sein, als er sich Trafalgar Square näherte. In St. Martins Lane mußte er Halt machen: Menschenmassen versperrten die umliegenden Eingänge der Nebenstraßen. Er war in demselben Augenblick gekommen, in dem die eine der vier Prozessionen, die in dieser Stunde von vier verschiedenen Seiten aus den Square zu erreichen suchten, die von Clerkenwell Green nahende, mit der sie hier erwartenden Polizei zusammenstieß. Er drängte sich vor, so weit es ging, doch war es ihm unmöglich, die letzte Menschenreihe zu durchbrechen. Er mußte zwischen den Köpfen durch über sie hinweg zu sehen suchen, was sich ereignete.

Der Prozession voran schritt eine Frau. Sie trug eine rote Fahne. Auban glaubte in ihr und den sie umgebenden Männern, die fester ihre Stöcke umfaßten, Mitglieder der Socialist League zu erkennen. Der Fahnenträgerin auf dem Fuße folgte die Musik. Sie spielte die Marseillaise. Der sich anschließende Zug war ziemlich lang. Auban konnte ihn nicht übersehen. Nur flatternde Fahnen erhoben sich über das schwarze Gedränge.

In geschlossener Linie erwarteten die Polizisten den Zug. Sie lauerten, ihre Eichenknüttel gelockert haltend, auf das Zeichen des Superintendenten zum Angriff.

Als der Zug sich ihnen auf Pferdelänge genähert hatte, tönten Zurufe hinüber und herüber und noch in demselben Augenblicke erfolgte mit solcher Wucht ein Angriff der Polizei, daß die geschlossenen Reihen des Zuges wie auseinandergerissen erschienen. Ein wildes Handgemenge entstand. Ein baumlanger Polizist war auf die Frau losgesprungen und wand ihr die Fahne aus den mit Aufbietung aller Kraft hochgehaltenen Händen. Sie taumelte und brach ohnmächtig zusammen, während ein heftiger Stockhieb den Hals des Angreifers traf. Die Musikanten rangen um ihre Instrumente, die ihnen entrissen, zertreten und zerschlagen wurden. Einige suchten sie zu retten und flohen. Mit eiserner Wucht fielen von Seiten der Polizei die Knüttel nieder, unbekümmert wohin sie trafen. Die Meisten trugen schwere Stöcke und schlugen in rasender Wuth um sich. Das Durcheinanderwogen war unbeschreiblich. Die Luft war erfüllt von Flüchen, Schmerzensschreien, Schimpfworten, dem schrillen Geheul der Menge, die, wo sie konnte, sich in den Kampf stürzte, den dumpfen Schlägen, dem Gestampf schwerer Schuhe auf dem harten Boden, dem Klirren der durch Steinwürfe zerbrochenen Laternen... Man schlug, trat, kratzte sich, packte sich, suchte sich gegenseitig zu Fall zu bringen, krallte sich aneinander fest, so sich niederreißend.

Immer weiter drang die Polizei vor, die Menge vor sich hertreibend, von ihr umschlossen, aber, sich gegenseitig zu Hilfe eilend, mit den Schlägen ihrer Knüttel sie zerstreuend. Immer weiter wichen die Angegriffenen zurück. Von einer geschlossenen Ordnung war keine Rede mehr. Die Einen enteilten in ungeordneter Flucht, die Andern kämpften um den Platz, auf dem sie standen, bis sie überwältigt, in die Mitte genommen und abgeführt wurden. Nach zehn Minuten war der Sieg der Uniformierten entschieden: die Fahnen waren erbeutet, die Musikinstrumente zerschlagen, der ganze Zug in flüchtender Unordnung... Theils wurden die letzten seiner Reihen die ganze Länge von Martins Lane hinauf verfolgt, theils in die engen Nebenstraßen hineingetrieben, wo sie sich mit der heulenden Menge vermischten und von ihr mit- und fortgerissen wurden in hoffnungslosem Wirrwarr.

So auch Auban. Er sah, wie eine kleine Abtheilung von Polizisten sich mit hochgeschwungenen Knütteln auf den Eingang der Straße stürzte, wo er stand, fühlte, wie sich der ihn umschließende Menschenknäuel plötzlich in Bewegung setzte und, willenlos von ihm fortgeschoben, befand er sich in der nächsten Minute am entgegengesetzten Ende der Straße, wo der Schrecken der Gejagten sich in Zornworten, Gelächter und Geheul löste.

Dann strömte alles wieder der Richtung auf Trafalgar Square zu. Auch Auban nahm sie. Er wollte ihn zu erreichen versuchen, ohne von neuem in ein allzu großes Gedränge zu geraten. Doch blieb ihm kein anderer Weg, als der an der Kirche von St. Martin vorbei.

Nach Dem, was er eben gesehen, war er überzeugt, daß keine der Prozessionen je den Square zu erreichen im Stande sein würde... Trafalgar Square lag vor ihm: im Norden begrenzt von dem ernsten Gebäude der Nationalgalerie, von großen Klubhäusern und Hotels im Westen und Osten, fällt er in allmählicher Senkung nach Süden nieder, wo er, sich ausweitend, noch einmal eine breite Buchtung bildet, bevor er sich in große und mächtige Straßenfluchten teilt.

Seine innere, tiefer liegende Fläche, durch die Terrassen der Straßen gebildet und südlich die Nelsonsäule als imposantes Wahrzeichen tragend, diese große, kalte, leere, nur mit zwei Riesenfontänen geschmückte Fläche, war Heute, wie Auban auf den ersten Blick erkannte, völlig in den Händen der Gewalt.

Ein Schrecken ergriff ihn, als er daran dachte, daß man den Versuch wagen könne, diese nicht an Zahl, aber an Ordnung und militärischer Kampfgeübtheit hundertfach überlegene Besatzung von dem Platze zu vertreiben. Es war in der Tat ein Heerlager, welches sich dort aufgestellt hatte: eine flüchtige Schätzung ergab, daß seine Stärke drei bis viertausend Mann betragen mußte. Wer wollte die vertreiben? Nicht fünfzig-, nicht hunderttausend würden dazu imstande sein.

Er verließ langsam seinen Stand und ließ sich an der Nationalgalerie entlang treiben. Die Menschenmenge, welche hier durcheinanderwogte, wurde von der Polizei in beständiger Bewegung gehalten. Wo der Blick der Konstabler auf eine Stockung fiel, dahin richteten sie ihre Angriffe, indem sie die Keile ihrer Leute dazwischen trieben. »Move on! Move on!« trieb es unaufhörlich jeden Fuß, der stehen blieb, zum Weitergehen an.

Auf Schritt und Tritt überzeugte sich Auban, während er jetzt die Westseite hinunterging, von dem wohlüberlegten Plan, der alle diese Vorbereitungen geschaffen. Die nach dem Norden hinaufführenden Treppen waren mit Mannschaften dicht besetzt. In doppelter Reihe standen hier und auf den beiden andern geschlossenen Seiten die Polizisten, um jedes Ueberklettern der Einfassung und jedes Hinunterspringen in die Fläche des Platzes zur Unmöglichkeit zu machen.

Ein Reporter, der Auban kannte, gab ihm außerdem noch einige Zahlen, die er eben gehört und sich nun selbst notierte, während dieser ihm mit einigen Einzelheiten über die Clerkenwell-Prozession aushalf. Seit neun Uhr morgens sei der Square schon besetzt. Seit zwölf mit voller Macht. Etwa 1500 Konstabler und an 3000 Polizisten seien aufgeboten aus allen Enden Londons. Außerdem einige hundert Berittene. Die Life und die Grenadier Guards würden in Bereitschaft gehalten.

Die südliche offene Seite des Square, in deren Mitte sich die Nelsonsäule auf einem mächtigen, in seinen Ecken von vier gewaltigen Löwen belagerten Fundamente erhebt, war am stärksten besetzt, da keine Schranke hier den Eingang zur Innenfläche erschwerte. In vier- bis fünffacher Tiefe standen hier die Reihen der ›Beschützer der Ordnung‹, in langer Linie war hier eine Abtheilung berittener Polizisten aufgestellt, welche von Zeit zu Zeit die Straßen bestrich.

Hier, auf dem weiten Raum vor der Säule, der durch den Zusammenstoß von vier großen Straßen gebildet wird, hier, um das Denkmal Karls I. herum, waren die Menschenansammlungen am größten. Mit jeder Minute schienen die Massen zu wachsen. Von allen Seiten strömten in kleineren und größeren Trupps Theile der gesprengten Prozessionen heran, nicht mehr mit Fahnen und Musik und in freudigem Kampfgefühl, sondern Arm in Arm aneinander geschlossen, aufs Höchste erbittert durch die erlittene Niederlage, kaum mehr in der Hoffnung, noch in den Besitz des Platzes zu gelangen, aber entschlossen, bei kleineren Zusammenstößen die eine oder andere Scharte noch auszuwetzen.

Auban suchte die Physiognomie der Menge zu erkennen. Sicher bestanden zwei von fünf Teilen Aller aus Neugierigen, die gekommen waren, ein nie gesehenes Schauspiel zu genießen. Sie ließen sich von der Polizei treiben, wohin diese sie haben wollte. Aber doch verlor wohl Mancher unter ihnen seinen Gleichmuth, wenn er Zeuge der Brutalitäten war, die um ihn her verübt wurden, und wurde, indem er sich auf die Seite der Angegriffenen stellte, gegen seinen Willen Theilnehmer an dem Ereigniß des Tages. – Sicher fiel ein weiteres Fünftel auf den ›Mob‹: die Trübseefischer, die Pick-pockets von Profession, die Russians, die Tagediebe, welche besser leben als der ehrliche Arbeiter, die Zuhälter der Dirnen, kurz auf alle Die, welche ›überall dabei sind‹, da Nichts sie bindet. Sie warm meist in sehr jugendlichem Alter. Als persönlichste Feinde der Polizei, mit der sie in täglichem Kampfe lebten, ließen sie keine Gelegenheit vorübergehen, an ihr Rache zu üben. Mit Stöcken, Steinen, kurzen Messern bewehrt, versetzten sie den Polizisten empfindliche Verletzungen, entzogen sich dann blitzschnell durch die Flucht, in die Masse spurlos unterduckend und im nächsten Moment mit Geheul und Geschrei an einer andern Stelle wieder emportauchend, ihr Müthchen aufs neue zu kühlen. Ueberdem waren sie bei allen Zusammenstößen dabei, den Tumult erhöhend, den Wirrwarr vermehrend, die Wut mit ihrem Schreien aufs Höchste stachelnd. – Und es waren nur noch die übrigen zwei Fünftel, welche, wie Auban schätzte, auf Die kamen, die in erster Linie an dem heutigen Nachmittage beteiligt waren: Die, welche in diesem Kampfe eine ernste politische Aktion sahen, die Mitglieder der radikalen Parteien, die Sozialisten, die Arbeitslosen. Und jene wirklich Interessierten, die nicht nur Neugierde hierher gezogen, die beobachtenden und urtheilenden Zuschauer, zu denen er selbst gehörte.

Er war im Süden des Platzes angelangt: halb gestoßen, halb geschoben. Hier war das Gedränge enorm und die Massen in stetig wachsender Erregung. Die vierte Stunde hatte eben geschlagen: Auban erkannte den Zeiger auf Dents Uhr. Am Fuß der Nelsonsäule fand ein heftiger Zusammenstoß statt. Zwei Männer, ein sozialistischer Führer und ein radikales Parlamentsmitglied, suchten sich mit Gewalt Einlaß zu bahnen. Sie wurden nach kurzem Handgemenge überwältigt und verhaftet.

Auban hatte Nichts erkannt als geschwungene Knüttel und Stöcke und erhobene Fäuste ...

Er suchte seinen Weg fortzusetzen, was aber mit Schwierigkeiten verbunden war. Die berittene Polizei bestrich fortwährend den Weg zwischen der Säule und dem Denkmal Karls I., um ihn zu säubern. Die ineinandergekeilten Massen strömten nach allen Seiten auseinander: preßten sich bei den Laternenpfählen in kleine Gruppen angstvoll zusammen, flüchteten Whitehall hinunter, oder wurden nahe an die Reihen der Polizei gedrängt, von der sie brutal weiter getrieben wurden. Auban wartete, bis die Pferdereihe an ihm vorübergebraust war und erreichte dann einen der Uebergänge, wo er sich an dem Laternenpfosten sicher glaubte. Aber ein Konstabler trieb die hier Zusammengeflüchteten fort. »Move on, Sir!« herrschte er auch Auban an. Aber dieser sah ruhig in das erhitzte Gesicht des Zornigen und wies auf die von neuem anstürmenden Pferde. »Wohin?« sagte er. »Soll ich mich überreiten lassen oder in die Knüttel Ihrer Leute laufen?« – Seine Ruhe machte Eindruck. Als die Straße wieder für eine halbe Minute frei wurde, erreichte er sicher das Trottoir vor Morleys Hotel an der Ostseite des Squares.

Dort fühlte er sich plötzlich am Arm ergriffen. Vor ihm stand ein bekannter Engländer. Sein Kragen war zerrissen, sein Hut beschmutzt. Er befand sich in höchster Aufregung. Nach einigen hastigen Fragen hin und her erzählte er, auch die große, von Süden her kommende Prozession sei aufgelöst.

Während sie – von der Polizei in beständiger Bewegung erhalten – sich aneinander festhielten, um nicht auseinandergerissen zu werden, und mit der Menge, in die sie gekeilt waren, auf und nieder trieben, erzählte der Engländer in athemloser Hast:

– Wir versammelten uns in Rotherhithe: die radikalen und andern Vereine und Klubs von Rotherhithe, Bermondsey usw. trafen auf unserm Wege den Peckham Radical Club, die Vereinigungen von Camberwell und Walworth, und in Westminster Bridge Road auch die von St. Georges – es war ein enormer Zug, mit zahlreichen Bannern, Musikbanden, mit Grün geschmückt, von einer unendlichen Menschenmasse auf beiden Seiten begleitet, der in bester Ordnung die völlig leere Brücke von Westminster überschritt.

Wie verabredet, sollten wir in Bridge Street am Parliamant House mit dem Zuge von Lambeth und Battersea zusammentreffen. Dann sollte in gerader Linie von Süden nach Norden, Whitehall hinauf, hierher marschiert werden. Denken Sie sich: ein einziger großer Zug von imposanter Länge, der ganze Süden von London vertreten, der ganze jenseits der Themse gelegene Stadtteil – von Woolwich und Greenwich bis Battersea und Wandworth! ... Aber noch hatten unsere beiden Züge sich nicht vereinigt, noch hatten wir Parliament Street nicht erreicht, als der Kampf begann. Ich befand mich so ziemlich in den ersten Reihen. Ah, die Brutes, im Galopp mit ihren Pferden in unsere Reihen hinein, die Fahnen zerbrochen und zerrissen, niedergeschlagen, was ihnen im Wege war –

– Es war gut, daß Sie nicht weiter kamen, unterbrach ihn Auban, denn ich habe gehört, daß in Whitehall die Life Guards in Bereitschaft standen. Ich wundere mich, daß sie noch nicht hier sind, denn die Situation wird erregter ...

– Aber wir haben uns gewehrt, rief der andere, – ich habe einen mit meinem Bleiknüttel ...

Er beendete seinen Satz nicht. Denn eine Abtheilung Polizisten begann das Trottoir zu leeren, drängte die dort Stehenden fort, und im nächsten Augenblick war Auban wieder allein. Er war wieder in die Nähe von Morleys Hotel: die Treppe war soeben bis auf den letzten Mann geleert worden und füllte sich nun mit Blitzesschnelle wieder. Auch Auban sicherte sich einen erhöhten Platz ...

Von hier aus bot der frei übersehbare Platz mit seinen Umgebungen einen großartigen Anblick. Seit vier Stunden war diese Menge, die ihn umwogte, in beständigem Wachsen begriffen und sie schien jetzt ihre höchste Zahl, wie auch den Gipfelpunkt ihrer Erregung erreicht zu haben. Die Fenster und Balkons der umliegenden Häuser waren besetzt bis auf den letzten Platz mit Zuschauern dieses ganz ungewöhnlichen, einzigen Schauspiels, die jedem Zusammentreffen der Polizei mit dem Publikum mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit folgten und die Brutalitäten der Ersteren mit Beifall begrüßten. Von den Ballonen der gegenüberliegenden Klubs herab machte sich die goldene Jugend Londons, wie Auban vorhin bemerkt hatte, das harmlose Vergnügen, auf den »Mob« zu speien, vor welchem sie sich in ihrer erhöhten Position ja so sicher, wie in der Kirche fühlten ...

Im Süden des Platzes, dort, wo die Massen wie ein reißend angeschwollener Strom das breite Bett der Straßen durchrauschten, schien die Situation immer bedenklicher zu werden. Der Omnibusverkehr dauerte trotzdem – oft unterbrochen – fort. Hochbeladen schoben sich die schweren Wagen Schritt für Schritt fort. Wie Barken schwammen sie langsam durch die schwarze Menschenflut. Auf ihren Verdecken standen aufgeregte Menschen, die mit den Händen in der Luft umherfuchtelten und sich die Gelegenheit, wenigstens mit vereinzelten Worten der Sympathie die Menge zu begrüßen, nicht entgehen ließen. Und wie Schweife folgten den Wagen jedesmal eine Schaar, der die Pferde und Räder Bahn brachen ...

Von dort aus sah Auban plötzlich eine außergewöhnliche Aufregung, wie ein elektrischer Strom, durch die Massen gehen und näher und näher kommen. Schneller flüchteten sie noch beiseite als vorher und ängstlicher und lauter wurden die Schreie und Rufe. Was war es? –

Berittene tauchten auf.

Und: – The Life Guards! ertönte es in hundert Stimmen. Die Polizei schien vergessen. Alle Augen hingen an den blanken Kürassen und den federbuschumwallten Helmen der Reiter, die, etwa zweihundert an der Zahl, langsam auf die Nelsonsäule zukamen, dann Rechts schwenkten und in ruhigem Zuge an der Treppe, wo Auban stand, vorbei ihren Weg nach der National Gallery nahmen.

Ein einzelner Herr in Zivil ritt an ihrer Spitze, zwischen den führenden Offizieren, eine Papierrolle in der Hand.

Und:

The Riots Act! tönte es wieder. Laute Ausrufe empfingen den Abgesandten des Magistrats der Stadt.

– Wir sind alle gute Engländer und friedliebende Bürger – wir brauchen keine – schrie Einer.

– Du verdammter Narr, steck' dein Papier ein – ein Anderer. Da, als die Truppen an der Treppe, wo Auban stand, vorbeiritten, hörte Auban, wie das Schlagen der Pferdehufe auf dem harten Boden von dem Beifallsgeschrei, dem Händeklatschen, den jauchzenden Zurufen der ihn Umstehenden übertönt wurde, und er wollte seinen Ohren nicht trauen. Waren das wirklich Zeichen des Beifalls? – Es war nicht möglich. Es konnte nur Hohn und Spott sein. Aber so unverhohlen war die Freude des Haufens bei dem unverhofften Anblick dieses glitzernden Blechs, dieses pomphaften Aufzuges, und so berechnet war dessen Wirkung, daß er nicht mehr zweifeln konnte: dieselben Menschen, die noch eine Minute vorher die sie niederknüttelnden und niederreitenden Polizisten mit dem Heulen ihrer Wuth und dem Zischen ihres Hasses überschüttet hatten, diese selben Menschen jubelten jetzt in sinnloser Freude Denen zu, welche gesandt waren, sie niederzuschießen! ...

Erst hatte Auban ungläubig gestutzt. Nun lachte er und ein Gedanke ergriff ihn. Er ließ einen scharfen Pfiff ertönen. Und siehe da: um ihn herum wurde dieser Pfiff aufgenommen und fortgepflanzt, so daß das Klatschen des Beifalls eine Minute lang von diesem Zeichen der Verachtung übergellt wurde. Und Auban sah, daß unter Denen, welche jetzt pfiffen, Dieselben sich befanden, die vorher zu den Beifallsrufern gehört hatten.

Da lachte er. Aber sein Lachen schwand bald vor dem Ekel, der ihn überkam angesichts dieser sinnlosen Unzurechnungsfähigkeit.

Was für alberne Kinder! dachte er. Eben noch bis aufs Blut von brutaler Hand gezüchtigt, jubeln sie jetzt – wie das Kind der neuen Puppe – den bunten Fetzen dieser lächerlichen Aeußerlichkeit zu, ohne den furchtbaren Sinn dieses kindlichen Schauspiels auch nur zu ahnen! –

Als er mit dem Entschluß, dem widerwärtigen Possenspiel zu entgehen, die Treppe und den Platz verlassen wollte, rückten die zur Verstärkung gesandten Grenadier Guards zu Fuß mit aufgepflanzten Bajonetten an, überall mit ihrem blinkenden Stahl Furcht und Entsetzen verbreitend; die Treppe füllte sich um die doppelte Anzahl mit den Erschreckten, die endlich – wie es schien – einzusehen begannen, um was es sich handelte, und daß vielleicht ein Zufall dieses Spiel im Handumdrehen in den blutigsten Ernst verwandeln konnte. Aber Alles schien Drohung bleiben zu wollen. Ruhig umzogen die Truppen mehrmals die Außenseite des Square. Nur einmal, als Auban bereits das Nordende bei St. Martin erreicht hatte, vernahm er, wie ein furchtbarer Angstschrei aus der Mitte der vor den eisernen, unaufhaltsam in der ganzen Straßenbreite vorrückenden Bajonetten angstvoll Flüchtenden das dumpfe Brausen und Branden laut übergellte. Was war geschehen? – Lag Jemand erstochen in seinem Blute? – War eine Frau erdrückt in dem endlosen Haufen? – Die Erregung war ungeheuer. Alles begann in der nun bereits sichtbar sinkenden Dämmerung von dem Taumel der Furcht ergriffen zu werden, trotzdem sich die Wenigsten durch ihn zum Verlassen des Platzes bewegen ließen.

Auban ging dem Strand zu. Hinter ihm her drang noch lange der Lärm. – Er ging so lange, bis die Menschenmassen, welche in weitem Umkreis die um den Square liegenden Straßen durchwogten, aufhörten und das gewöhnliche Getriebe begannen. Er hegte den Wunsch nach Ruhe und Abgeschlossenheit. Daher suchte er das Speisezimmer eines der großen englischen Restaurants auf und saß dort lange.

Hier blitzte das Silber und dufteten die Blumen auf den schneeweißen Gedecken der Tische, die sich in den hohen Spiegelscheiben der Wände wiedersahen. Die Gäste, die meisten in Frack und in Gesellschaftsanzug, traten schweigend ein und ließen sich würdevoll auf ihre Plätze nieder, der Wichtigkeit dieses Augenblicks bewußt, in dem sie sich an das Studium des Menüs begaben. Ueber den mit dicken Teppichen belegten Boden eilten die Kellner mit unhörbaren Schritten. Nichts war vernehmbar in diesem hohen, vornehmen, in dunklen Farbentönen gehaltenen Saale als das leise Klirren der Teller und Messer, das Rauschen seidener Schleppen und zuweilen ein halblautes, melodisches Lachen, welches das gedämpft geführte Gespräch unterbrach ...

Auban aß so einfach wie immer, nur besser und zu einem zehnfachen Preise, mit dem er den Aufenthalt in diesen Räumen bezahlte. Und während er die Tafelnden um sich herum betrachtete, verglich er unwillkürlich ihre sicheren, leichten, eleganten, aber eintönigen und uncharakteristischen Erscheinungen mit den Gestalten, aus deren Mitte er kam: den schweren, herben Gestalten des Volkes, welche Hunger und Entbehrung in Allem niedergedrückt und oft entstellt hatten bis zur Unkenntlichkeit ...

Als er nach einstündiger Ruhe wieder die Richtung nach Trafalgar Square nahm, kam er zufällig an den Thoren von Charing Croß Hospital vorbei. Der Eingang und die ganze Straße, in der das Krankenhaus lag, war dicht besetzt: hier wurden die zerbrochenen Glieder wieder eingerenkt und die aufgeschlagenen Köpfe zugenäht, die man sich aus dem Kampf auf dem nahe gelegenen Schlachtfelde geholt hatte ...

Der Anblick war ernst und komisch zugleich: hier wankte, von zwei anderen gestützt, ein Mann heran, dessen Gesicht mit Blut überströmt war, welches aus einer klaffenden Stirnwunde schoß; dort trat ein bereits Verbundener aus der Eingangstür, den einen Arm in der Binde, mit dem andern aber noch sein zerbrochenes Blasinstrument haltend. Hier hinkte ein Polizist, der mit seinem Pferde gestürzt war, herbei; und dort wurde ein Ohnmächtiger auf einer Bahre herangetragen.

Auban drängte sich näher und warf einen Blick in den Vorraum des Hospitals. An den Wänden saßen friedlich die Feinde nebeneinander, die einen bereits verbunden, die anderen wartend, daß endlich eine der übermäßig beschäftigten Hände der Helfer sich auch ihrer erbarmen möchte.

– Es sind bis jetzt noch keine schwereren Verletzungen vorgekommen, sagte einer der Umstehenden.

Es ist eine Komödie, dachte Auban, erst hauen sie sich die Köpfe blutig, dann lassen sie sich von derselben Hand flicken – ein harmloses Vergnügen. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.

Und er ging weiter, sich seinen Weg nur mit Mühe durch die neugierige, gleichsam von dem frischen Blut angelockte, eng um den Eingang zusammendrängende und nur den Verwundeten Platz machende Menge bahnend.

Als er den Strand wieder betrat, floh ihm ein schreiender, ungewöhnlich zahlreicher Menschenhaufe entgegen und zwang ihn zum Stillstehen. Die Polizei trieb also jetzt auch die Menge die Nebenstraßen weit hinauf ...

Dennoch wollte er nicht umkehren, ohne noch zu dieser Stunde, wo die Fittiche des Abends bereits tief über der Erde hingen, einen Blick auf das Schauspiel geworfen zu haben, das in dieser Zwielichtbeleuchtung einen ganz andern Charakter angenommen haben mußte.

Er wollte daher versuchen, von Süden her den Square zu erreichen; und er bog vor dem Bahnhof Charing Croß in die links nach der Themse abfallende Villiers Street ein. Dann durchschritt er den Tunnel, der unter dem Bahnhof durchführt. Genau fünf Wochen waren vergangen, seit er ihn zum letzten Mal, vom jenseitigen Ufer der Themse kommend, an einem Samstagabend des Oktober, naßkalt wie der heutige, durchschritten und – von traurigen Erinnerungen an frühere Erlebnisse erschüttert – geflohen hatte. Heute hatte er keine Zeit zu Erinnerungen.

Er eilte vorwärts. Als er in Northumberland Avenue, dieser Palaststraße, stand, sah er, wie von Scotland Yard, dem Hauptquartier der Polizei, immer neuer Zuzug nach dem Square getrieben wurde. Er nahm denselben Weg. –

Alles auf dem Square hatte ein verändertes Aussehen erhalten: die Nelsonsäule ragte wie der riesige Zeigefinger einer dunklen Riesenhand drohend empor in das Dunkel; mächtig lag zur Rechten der enorme Rundbau des Grand Hotel mit seinen erleuchteten Fenstern, hinter denen die Neugierigen immer noch nicht verschwunden waren; schweigend lag die innere Fläche des Platzes, noch immer von der Polizei besetzt; und durch die Straßen um sie herum tobte noch immer der Kampf, der mit der einbrechenden Dunkelheit um so wilder geworden zu sein schien, je mehr er seinem Ende sich nahte ...

Die unzähligen Lichter der Laternen waren aufgeflammt und beleuchteten mit zitternden Strahlen die dunklen Massen, die unter ihnen in fieberhaftem Ungestüm vorbeiwogten.

Noch immer ritten die Life Guards in Zügen die Straßen auf und nieder. Ihre Uniformen, die Brustpanzer, die weißen Hosen und die roten Röcke, blitzten, von den Lichtern übergössen.

Immer maaßloser, brutaler und ungerechtfertigter waren die Angriffe der Polizei, vor Allem die der Berittenen, geworden. In die dichtesten Menschenhaufen in gestrecktem Galopp hineinsprengend, ritten sie nieder, was nicht schnell genug flüchtete, mit ihren Knütteln auf die Fallenden und am Boden Liegenden niederschlagend, gleichgültig dafür, wohin sie trafen, ob auf die Arme, Schultern oder Köpfe der Wehrlosen. In einem Augenblick waren die Stellen, wo eben noch kein Stein hätte zur Erde fallen können, nur noch bedeckt mit Kleiderfetzen, zertretenen Hüten, zerbrochenen Stöcken.

Trotzdem die Ermüdung der Angreifer wie der Angegriffenen unverkennbar war, schienen Alle noch einmal so erbittert. Das Geheul klang jetzt, wo Nichts mehr scharf zu erkennen war, thierischer als zuvor.

Auban sah Szenen, wohin er sich wandte, die sein Blut in Wallung brachten.

Er stand, ohne sich rühren zu können, in einem Haufen, der wie erstarrt war vor Angst, und zwar in der vordersten Reihe. Ein alter Mann flüchtete auf ihn zu. Seine weißen Haare waren mit Blut gefärbt. Einer der Reiter verfolgte ihn, mit seinem Knüttel auf ihn immer wieder niederhauend. Auban stürzte vor. Aber er konnte nicht helfen. Denn von den Nachfolgenden wurde er mit solcher Heftigkeit fortgerissen, daß er selbst zu fallen glaubte: die Polizei war von der andern Seite angeritten und hatte Alles in Bewegung gesetzt ...

Im Eingang zu Charing Croß konnte er endlich Fuß fassen. Die Reiter kehrten um und rasten zurück. Auban stellte sich auf eine Treppe.

– Seit den Tagen der Chartisten hat London solche Szenen nicht gesehen! – rief ein älterer Herr neben ihm.

– Der Prinz von Wales hat die Bluthunde mit Branntwein betrunken gemacht, damit sie uns morden! – schrie ein Weib.

Und es schien wirklich so zu sein. Aber nicht nur die Polizei war trunken, sondern auch das Publikum, trunken vor Wuth und Haß.

*

Am Eingang derselben Straße, wo Auban stand, unfern des Grand Hotel, rottete sich ein neuer großer Haufe zusammen, offenbar bereit zum Widerstände und sich im Instinkt der Gemeinsamkeit eng zusammenhaltend. Eine neue Abtheilung der Polizei zu Fuß rückte im Laufschritt an. Ein wütendes Handgemenge entstand. Steine durchflogen die Luft, Scheiben klirrten, man hörte das Ringen der Kämpfenden und das dumpfe Ausschlagen der Stöcke, die Schreie und das dumpfe Grollen.

Fast wollte die Polizei zurückweichen. Aber schon kamen die berittenen Reihen angesprengt und der Streit war entschieden. Weit nach Charing Croß hinein wurden die Flüchtenden getrieben. Auban war abermals willenlos von ihnen fortgerissen.

Die Funken, welche die jagenden Pferdehufe auf dem Boden schlugen, sprühten in der Dunkelheit ...

So würden der Lärm und die Zusammenstöße noch eine, höchstens zwei Stunden wüthen, dann nachlassen; und dann würde der Kampf, auf der ganzen Linie zu Gunsten der Gewalt ausgefochten, beendet und das Recht der freien Rede auf Trafalgar Square dem Volke, vielleicht für immer, sicher aber für lange hinaus verloren sein ...

Bevor Auban den Square verließ, nahm er noch ein Mal mit einem langen Blick das Bild dieses Schauspiels in sich auf, das ihm unvergeßlich bleiben würde. Ohr und Auge, beide ermüdet, tranken noch einmal die dunkle Weite des Platzes, das schwarze Meer der Menschen, das Getöse seiner Flut, die flirrenden Lichter – all' die tausend Laute der Leidenschaft, in einen zusammengeballt: und nicht mehr so lächerlich, sondern fast furchtbar war das Gebrüll, welches einem einzigen Munde zu entströmen schien.

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Auban entfloh ihm. Er sehnte sich nach Ruhe. Er sehnte sich nach einem Kampf, anders als dieser, den er in seinen jungen Tagen so leidenschaftlich, wie kein Anderer, mitgekämpft hatte, nach einem Kampf, dessen Erfolg zweifellos war, weil er unerbittlich sein mußte, in dem es andere Kräfte zu erproben galt, als die, welche heute im Spiel miteinander gerungen hatten, gleichsam, wie um sich kennen zu lernen.

Als er den Fuß in den Wagen setzte, der ihn zu seinem stillen Zimmer bringen sollte, hörte er noch, wie bereits die Abendzeitungen, die Das schilderten, was er an diesem Nachmittage gesehen hatte, von den gellenden Stimmen ihrer Verkäufer ausgerufen wurden.

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