Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > John Henry Mackay >

Die Anarchisten

John Henry Mackay: Die Anarchisten - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Henry Mackay
titleDie Anarchisten
publisherVerlag der Neuen Gesellschaft
printrunFünfte Auflage, 11. und 12. Tausend
year1924
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080615
projectid90b8d185
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel

Die Propaganda des Kommunismus

Trupp war auf dem Wege zu seinem Klub.

Es war der Abend eines Tages, an dessen Morgen die Londoner Zeitungen die näheren Nachrichten über den Mord in Chicago gebracht hatten, und seit Trupp sie gelesen, war er, wie getrieben von Gefühlen, für die er keine Bezeichnung hatte, und wie gehetzt und verfolgt von unsichtbaren Feinden, die er nicht kannte, durch das unermeßliche Häusermeer gewandert, ziellos, zwecklos, kreuz und quer, ohne zu wissen, was er that ...

Er sah weder die Straßen, die er durchschritt, noch die Menschenströme, durch die er sich seinen Weg bahnte. Wo er gewesen war, er wußte es nicht. Einmal hatte die Themse vor ihm gelegen, und er hatte wohl eine Stunde lang, an das Geländer einer Brücke gelehnt, gestanden, starr und verständnißlos niederblickend auf die schwarze Flut des Stromes; mehrere Male hatte er die Hauptadern des Verkehrs gekreuzt und sich dann jedesmal instinktiv stillere und abgelegenere Straßen gesucht, wo nichts den jagenden Gedanken seines überreizten Gehirnes in die Zügel fiel ...

Er hatte den ganzen Tag Nichts gegessen, als ein Stück Brod, das er sich, fast ohne es zu wissen, beim Vorübergehen in einem Bäckerladen gekauft, und Nichts getrunken ...

Nicht einmal, was er gedacht hatte, hätte er zu sagen vermocht. Und doch hatte sich Gedanke an Gedanke in seinem Gehirn geschlossen, in rasend schneller Aufeinanderfolge, die sich ununterbrochen zu einer einzigen Kette gereiht hatten, deren zahllose Glieder sämtlich ein und dasselbe Zeichen trugen: Chicago! –

So oft er aufgesehen und sein Blick die gleichgültigen Gesichter der Menschen getroffen hatte, war eine unbezähmbare Wut in ihm emporgequollen, ihnen an die Gurgel zu springen, um sie aufzurütteln aus ihrer Ruhe mit brutaler Gewalt. Nur wenn er, den Kopf gesenkt, dahingeschritten war, hatte Nichts an ihm von dem Sturme gesprochen, der sein Inneres bis auf die tiefsten Gründe aufwühlte und Wogen ohnmächtiger Empörung in ihm empor trieb.

Erst, als die Schatten des Abends sanken, war er erwacht: wie aus einer dumpfen Betäubung, wie aus einem Opiumrausche, nur daß seine Träume nicht süß und bestrickend, sondern folternd und herb gewesen waren, wie der eiserne Druck einer Faust ...

Da erst hatte er sich umgesehen; denn er hatte keine Ahnung, wo er war. Er war im Edgware Road, im Norden vom Hyde Park – noch weit genug vom Klub, noch eine halbe Stunde und länger, aber er hätte sich ja auch in den äußersten Vorstädten von Highgate oder Brixton finden können, stundenweit von Tottenham entfernt, und unfähig, den Klub heute Abend noch zu erreichen.

Noch halb betäubt von dem Schlage dieses entsetzlichen Tages, aber noch Nichts von der tödlichen Ermattung verspürend, die seinen Körper ergriffen haben mußte nach dieser rasenden Wanderung, machte er sich mit schmerzenden Füßen, schweißbedeckt am ganzen Körper und zitternd vor Frost in der kalten Abendluft auf den Weg.

Er wußte jetzt genau, welchen Weg er nahm, und er achtete darauf, den kürzesten zu finden.

Zwei Gefühle hatten in diesen letzten beiden Tagen unablässig in ihm gekämpft.

Das eine war das der tiefsten Niedergeschlagenheit. Der Mord in Chicago war vollzogen, ohne daß von den Genossen der Versuch gemacht worden war, die Vollstreckung zu hindern. Oder, wenn sie nicht zu hindern, so doch zu unterbrechen. Zwar hatte er daran nie mit voller Hoffnung zu glauben gewagt, denn er wußte nur zu gut, wie selten die Worte mit den Taten übereinstimmen, aber dennoch war dieser ungetrübte Sieg der Gewalt ein furchtbarer Schlag für ihn.

Das andere Gefühl war ein Gefühl der Beruhigung, wenn er daran dachte, wie unerschöpflich die Quelle der Propaganda fließen würde, welche diesem Märtyrertode entsprang. Chicago war das Golgatha der Arbeiter geworden. Ewig, wie hier das Kreuz, würden dort die Galgen ragen ...

Mit dem Instinkt aber, den eine fast zwanzigjährige Antheilnahme an der sozialen Bewegung ihm verliehen, ahnte er auch, daß die Frage des Anarchismus nun in ein anderes Licht gerückt war, in dem sie für jeden Betrachtenden von allen Seiten erkennbar nun stehen würde: in das Licht des Tages. Vieles, was bisher – bedeckt mit den Schleiern einer geheimnißreichen und für die Meisten unerreichbaren Zurückgezogenheit – zweifelhaft geblieben war, mußte sich jetzt entscheiden. Ein wenigstens zeitweiliger Stillstand der Propaganda war ganz unvermeidlich. Die verlorene Spanne würde sich wieder einholen lassen – zweifellos. Aber über der Pforte der nächsten Jahre stand für ihn und seine Genossen: Entmutigung, Lethargie, Unlust! –

Dies Alles, aber auch noch manches Andere, bedrückte ihn mit dumpfer Schwere. Zunächst die Stellung Aubans. Er verstand seinen Freund nicht mehr. Seine Beweggründe, seine Ziele waren ihm unerfaßlich geworden.

Daß er Eins mit ihm noch war in den Mitteln, wie er glaubte, hielt sie noch zusammen.

Wie aber sollten sie sich ferner noch verstehen, nachdem Jener gerade das, was er, der Kommunist, als ersten und letzten Grund alles Elends und aller Unvollkommenheit betrachtete: das Privateigenthum, in Schutz nahm?

An der lauteren Ehrlichkeit Aubans konnte kein Zweifel aufkommen. Er wäre lächerlich gewesen. Auban wollte die Freiheit. Er wollte auch die Freiheit der Arbeit. Er liebte die Arbeiter. Er hatte tausend Beweise davon gegeben. Ihre Interessen waren die seinen.

Eine solche Liebe starb nie. Trupp wußte das.

Aber trotz Alledem: er verstand ihn nicht. Er würde ihn nie verstehen. Nie würde er in dem Privateigenthum etwas Anderes erblicken können, als die Hochburg der Gegner. Und auf deren Zinnen stand Auban, sein Freund, der Genosse so langer Jahre – er konnte den Gedanken nicht fassen! ...

Dazu kamen die persönlichen Zwistigkeiten und Mißverständnisse im eigenen Lager, in der Gruppe, zu welcher er gehörte. Nie hörten sie auf. Immer waren sie gewesen, so lange er denken konnte, und nie hatten sie etwas von der Widerwärtigkeit für ihn verloren, mit der sie die besten seiner Kräfte gelähmt hatten, seit er in London war. Die Genossen waren ihm zu schlaff, zu unthätig, zu unentschlossen. Er hatte in den letzten Jahren seine Ansprüche an sich und andere maaßlos gesteigert. Nun enttäuschte ihn Alles; nun wurde keine seiner Erwartungen mehr befriedigt.

Alles blieb hinter ihnen zurück. Er selbst hatte keinen anderen Gedanken mehr, als den an die Sache. Dieser Gedanke nahm sein ganzes Denken und Handeln gefangen. Er verfolgte ihn während der mühsamen Arbeit seiner Tage mit der zähen Unablässigkeit, mit welcher sonst nur die Liebe das Wesen des Menschen beherrscht; er hielt ihn wach bis in die Nacht und verscheuchte die Müdigkeit über den zahlreichen Arbeiten der Propaganda, mit denen man seine Schultern belud; er drückte ihm die Feder in die des Schreibens so wenig geübte Hand, wenn die Spalten des Blattes Lücken aufwiesen, und entzog seinem durstenden Munde das Glas, um das Geld dafür auf den großen Altar zu legen, der beladen war mit Opfern der Arbeit ...

Dieser Gedanke an die Sache war es, der aus ihm die in ihrer Art bedeutende Persönlichkeit gemacht hatte; er hatte seine Fähigkeiten verzehnfacht, seine Kraft in die Form der Beständigkeit und Unerschütterlichkeit gegossen, seinem Leben Ziel und Richtung gegeben. Er beherrschte ihn und er war sein Sklave, wenn auch ein Sklave, der keine seiner Fesseln je fühlt, weil er glaubt, frei zu sein. Er hatte seinem Körper den Zaun dieses Gedankens auferlegt und er hatte es dahin gebracht, daß er ihm gehorchte, wie ein Roß seinem Reiter: es durfte keine Ermüdung und keinen Hunger kennen, wenn dieser es nicht wollte.

Nicht weil er selbst für sich frei sein, sondern weil er durch Nichts in dem Dienst seiner Sache gehindert sein wollte, war er unverheiratet geblieben, oder vielmehr: hatte er sich nie auf längere Zeit mit einem Weibe verbunden. Er war ein vorzüglicher Mensch, fast in jeder Beziehung. Er hatte keine Fehler der Kleinheit; die Größe der Sache erstickte sie. Von nicht gewöhnlicher, wenn auch einseitiger und wenig durchgebildeter Intelligenz, von unerschütterlicher Gesundheit, ohne Nerven und mit Muskeln von Stahl, mit einem eisernen Willen und einem Zug schlichter Größe – so stand er da: an der Spitze des Volkes gleichsam, als sein bester und würdigster Repräsentant, hoch aufgerichtet mit dem Stolze des Proletariers, der im erkannten Bewußtsein seiner Kraft, im Bewußtsein dessen, daß er ›Alles‹ ist, von einer bereits im Sinken begriffenen Klasse die Welt fordert, und sie fordert mit dem Ungestüm eines Kindes, der Wuth eines Empörers, der Sicherheit eines Feldherrn, welcher seine Truppen kennt und weiß, daß sie unbesiegbar sind. Und der sie fordert, ohne zu ahnen, was er verlangt.

Die Geschichte braucht solche Menschen, um sie zu – verbrauchen. Sie sind es, mit denen sie ihre äußerlichen Schlachten schlägt, indem sie diese Menschen an die Spitze der Massen stellt, deren Stärke entscheidet.

Die Freiheit sieht in ihnen nur Hemmnisse. Denn sie kämpft nur in den Einzelnen, welche Nichts repräsentieren als sich selbst.

Trupp war ein vorzüglicher Mensch. Aber er war oft auf beiden Augen blind. Er war ein Fanatiker. Er war zudem der Fanatiker einer Phantasie. Denn eine Phantasie ist der Kommunismus, welche die Gewalt zu Hilfe rufen mußte, um trostlose Wirklichkeit zu werden ...

Trupp schritt dahin, und seine wachen Gedanken schnitten tiefer noch, und schmerzlicher empfand er sie, als die Narkose der Betäubung, unter der er den Tag über gelegen hatte. Er näherte sich seinem Klub. Die Revolutionäre des Sozialismus haben sich verstreut über die ganze Welt. Sie haben den fernsten Erdtheil bereits erreicht und pochen mit ihren Fäusten an die entlegensten Pforten. Sie glauben die Morgengänger des neuen Tages zu sein, welcher der Menschheit kommt.

Ueberall schließen sie sich zusammen: hier nennen sie sich Partei und erstreben auf den Wegen des allgemeinen Wahlrechts und streng gefügter Organisationen unter erwählter Führung Einzelner die politische Macht, um einst in ihrem Besitz die soziale Frage von oben herab lösen zu können vermittels Gewalt; und dort nennen sie sich Gruppe und lehren den gewaltsamen Umsturz der äußeren Verhältnisse als einzige Rettung aus der unerträglichen Not, die immer ihren Höhepunkt erreicht zu haben scheint und dennoch immer größer wird, der Wolke gleichend, die näher und näher kommt, die wir Gestern noch kaum bemerkten, die Heute schon mit ihrem drohenden Schatten über uns steht, und die sich Morgen entladen wird – sicherlich Morgen: nur ihre Stunde, ihren Ort und die Größe ihrer Kraft kennen wir noch nicht.

Ueberall hin verstreuen sie ihre Flugblätter, ihre Broschüren. Ueberall gründen sie ihre Zeitungen ... Die meisten dieser Gründungen vergehen allerdings so schnell wieder, wie sie entstanden sind: sie sterben an Erschöpfung, sie werden unterdrückt, aber ihre Zahl ist doch so groß, daß sie nicht mehr festzustellen ist. Es sind Saamenkörner, auf unfruchtbaren Acker und unter das Unkraut gefallen: nur einzelne schlagen Boden, gehen auf, tragen Früchte für wenige Sommer ... Aber die Hand, welche sie säete, wird nicht leer; Muth, Ausdauer und Hoffnung füllen sie immer wieder ...

Ueber alle großen Städte der Welt haben sich die Revolutionäre des Sozialismus hin vertheilt.

Aber in keiner der ganzen Erde ist ihr Schwarm so bunt wie in London. Nirgends drängt er sich so zusammen; Nirgends weicht er so auseinander. Nirgends bekämpft er sich bitterer untereinander und Nirgends steht er mit größerer Bitterkeit dem gemeinsamen Feinde gegenüber, wie hier. Nirgends redet er so verschiedene Sprachen, wie hier, und Nirgends spricht er in verschiedeneren Lauten verschiedenere Ansichten aus.

Er weist alle Typen auf; und er zeigt sie sämtlich sowohl in ihren ausgeprägtesten und interessantesten, wie auch in ihren verwaschensten und banalsten Formen.

Für den Neuling ist er ein Chaos. Aber das Chaos wird ihm bald zum besten Lernfelde, auf welchem er bald sich heimisch fühlt.

Das Flüchtlingsleben von London hat eine große Geschichte.

Als der englische Sozialismus, dessen langsames Wachstum noch heute nicht zur Reife gediehen ist, noch in den Windeln lag, kamen die Flüchtlinge der vierziger Jahre nach London und begründeten in dem »Kommunistischen Arbeiter-Bildungs-Verein« – auf Anregen von Männern wie Marx und anderen – den ersten Flüchtlingsbund der deutschen Arbeiter in London, der einst die Mutter so verschieden gearteter Kinder werden sollte, daß sich diese untereinander nicht mehr als Geschwister anerkennen wollten...

Die Russen kamen, mit Herzen an ihrer Spitze, der von hier aus seinen »Kolokol« läutete; und Bakunin kam hierher aus seiner sibirischen Verbannung. Freiligrath kam mit herrlichen Liedern auf bebenden Lippen; und Kinkel kam für kurze Zeit aus dem Gefängniß von Spandau; und Ruge mit den zerschlagenen Trümmern seiner »Jahrbücher« ... Hier lebte Mazzini, der große Patriot, der republikanische Verschwörer. Hier endlich die Franzosen: Louis Blanc, Ledru-Rollin und die Genossen ihres Schicksals...

Alle fanden sie Ruhe und Frieden hier, die friedlose Ruhe des Exils und das dürftige Brod des Verbannten...

Dann hören die großen Namen auf. Eine Pause tritt ein.

Als die achtziger Jahre nahen und die Lehre des freien Kommunismus, der den Namen Anarchismus sich beilegt, mit der Person eines ihrer ersten und thätigsten Vertreter nach London kommt, und derselbe dort in der »Freiheit« ihr erstes Organ gründet, hat sich der »Kommunistische Arbeiter-Bildungs-Verein« bereits in drei Sektionen geteilt, die sich bald gänzlich in bitteren Kämpfen untereinander trennen: hier die Sozialdemokraten, die »Blauen«; dort die Anarchisten, die »Roten«. Einige Jahre später wird der Erscheinungsort der neuen Zeitung nach New York verlegt; London aber, wo seit 1878, dem Jahre der Annahme des Sozialistengesetzes in Deutschland, die Bewegung in ein ganz neues Fahrwasser getreten ist, wird abermals das Hauptquartier aller deutschen Flüchtlinge, wenn auch in anderer Weise, als vor dreißig Jahren...

Ihre Physiognomien, ihre Bestrebungen, ihre Zwecke, wie ihre Ziele, sie haben sich total verändert. – Alles ist in Gährung gerathen. Alle stehen gegeneinander; Alle, die kommen, – ermüdet von den erlittenen Strapazen, erbittert durch die maaßlosen Verfolgungen, gereizt zu jeder möglichen Tätigkeit – werden hineingezogen: denn in dieser Bucht des Exils branden die Wogen weit wilder noch als auf dem verlassenen Meere.

Es scheint zeitweilig, als ob die Flüchtlinge den fernen Feind vergessen hätten, so erbittert bekämpften sie sich untereinander. Von den Sektionen des Muttervereins lösen sich schroff einzelne Gruppen ab, die selbst den alten Namen nicht mehr behalten. Einzelne Personen, von Unruhe und Ehrgeiz aufgestachelt, suchen den Zwiespalt zu benutzen, um die zerrissenen Fäden in der eigenen Hand wieder zu knüpfen und – zu behalten. Die Kämpfe für und gegen dieselben werden bis zur Erschöpfung Wochen und Monate hindurch geführt, bis sie im Sande verlaufen und keine Spuren zurücklassen als Entfremdung, einen Stoß Flugblätter mit Verdächtigungen gegeneinander, und eine zwecklose Broschüre.

1887, im Jahre des Mordes von Chicago, waren die vier deutschen Arbeiterklubs Londons nur noch durch das dünne und bereits brüchige Band der Affiliation miteinander verbunden. Nur einzelne der Mitglieder besuchten sich und verkehrten miteinander. Als Körperschaften trafen sie nur zusammen, wenn es galt, mit den englischen Sozialisten vereint eine Demonstration zu veranstalten, ein Meeting möglichst imposant in Szene zu setzen, oder die Tage des März zu feiern.

Trupp fand seinen Klub an diesem Abend stark besucht. Gewöhnlich waren seine Räume nur an den Sonntag-Nachmittagen und -Abenden gefüllt, wenn die Mitglieder nicht nur, sondern auch ihre Frauen und Kinder, und die eingeführten Gäste kamen, um den regelmäßigen musikalischen und theatralischen Aufführungen beizuwohnen. Diese Aufführungen, zu welchem gegen Sixpence-Entree Jedermann Zutritt hatte, wurden veranstaltet, um den Propagandakassen, dem Zeitungs- und Broschürenfonds, den zahllosen Gelegenheiten, die unaufhörlich pekuniäre Unterstützungen erheischten, neue Quellen zu eröffnen, und um bei Tanz und leichter Unterhaltung, in die oft Nichts von den erregten Kämpfen der Diskussionsabende und der geschlossenen Versammlungen hineintönte, die Sorgen der vergangenen Woche zu vergessen und die Gedanken an die kommende zu bannen.

Kaum vermochte sich Trupp durch den engen Gang zu drängen, der von der Tür her zu der schmalen, in den tiefer als die Straße liegenden Saal, hinuntersteigenden Treppe führte. Der links vor der Treppe liegende Barraum war überfüllt. Die meisten standen vor dem Schenktisch, allein oder in Gruppen, das Glas in der Hand, während nur die kleinere Anzahl an den wenigen Tischen Platz gefunden hatte. Aber für Trupp fand sich doch noch ein Eckplatz auf einer der Bänke. Man rückte noch enger zusammen und hastig ergriff er das nächste der ihm dargereichten Gläser, es mit einem Zuge leerend.

Die Stimmung unter den Anwesenden war sehr verschieden. Während einige Gruppen von den lauten Auseinandersetzungen über irgendeine Frage bewegt wurden, saßen andere fast stumm. An dem Tisch, wo Trupp noch Platz gefunden hatte, herrschte drückendes Schweigen. An seinem anderen Ende saß ein junger Mann. Er las aus einer Zeitung vor, aber seine Stimme war undeutlich und Thränen stürzten aus seinen Augen, als er die Einzelheiten der Hinrichtung mittheille. Man umstellte ihn von allen Seiten. Auf allen Mienen lag ein drohender Ernst. Aber nur unterdrückte Worte entflohen den zusammengepreßten Lippen und nur die Blicke gaben Zeugniß von Dem, was die meisten dachten.

Plötzlich erkannte Trupp in einer Gruppe von Genossen, die an dem Ausschank standen, von dem aus der Wirt und seine Frau unermüdlich die Wünsche der Gäste zu befriedigen suchten, Auban. Sie hatten sich seit acht Tagen, seit ihrem gemeinsamen East End-Ausflug nicht mehr gesehen.

Weshalb Auban heute Abend gekommen war? – Es war mehr ein Zufall als vorbedachte Absicht gewesen, der ihn in die Nähe von Tottenham Court Road geführt und ihm den Gedanken eingab, auf eine Stunde den Klub zu besuchen. Der Tag war ihm in Arbeit schneller, als er zu hoffen gewagt, vergangen. Auf die Stürme der Morgenstunden war die Stille der Ueberwindung gefolgt. Wer ihn an diesem Abend sah, fand ihn unverändert kühl und beherrscht wie immer.

Er war gleich bei seinem Eintritt von Bekannten begrüßt worden. Man hatte ihm die neuen Räumlichkeiten des Hauses gezeigt: die oberen Zimmer, wo ein Billard stand und die kleinen Berathungen in geschlossenem Kreise abgehalten wurden, und den großen, im Erdgeschoß liegenden Versammlungssaal, der sehr geräumig war und mit seinen hellen, sauberen Wänden einen freundlichen Anblick bot.

In früheren Jahren hatten die Klubmitglieder nur das düstere und unsaubere Hinterzimmer einer öffentlichen Wirthschaft zu ihrer Verfügung gehabt, wo sie nicht mehr bleiben mochten, besonders nachdem es ihnen durch die Streitigkeiten, die es Wochen und Monate lang durchhallten, verleidet war. Und mit der immer bereiten Opferwilligkeit hatten sie sich nun dieses Haus gemietet, wo sie sich wohl fühlten.

Im Barraum, der zu eng war für die sich dorthin immer zuerst Drängenden, war Auban schnell in ein Gespräch geraten. Man hatte von der letzten Diskussion gehört, die bei ihm stattgefunden, und viele Einwände gegen seine Theorien bereit.

Wie? – Er wollte das Privateigenthum bestehen lassen und den Staat abschaffen? Aber der Staat sei ja gerade zum Schutze des Privateigenthums da. Und einer der Anwesenden fragte auf englisch:

– Solange das Privateigenthum besteht, wird es des Schutzes bedürfen. Folglich kann der Staat nur fallen, wenn auch jenes fällt. Was haben Sie darauf zu entgegnen?

– Es ist möglich, daß das Privateigentum des Schutzes bedarf.

Ich werde mir diesen Schutz kaufen, und ich werde mich mit Anderen zum Schutz unseres Eigenthums verbinden, um es zu vertheidigen, falls immer dies nöthig sein sollte. Aber ich behaupte, daß neunundneunzig Prozent aller sogenannten ›Eigenthumsverbrechen‹ von Denen begangen werden, welche, von den heutigen Zuständen zur Verzweiflung getrieben, ihre Arbeit gar nicht oder nur tief unter der Grenze ihres Preises – angenommen, daß die Kosten die wahre Grenze des Preises bilden – verwerthen können. Ich behaupte daher, daß diese sogenannten Verbrechen eine Seltenheit werden müssen von der Stunde an, in der Jeder sich den vollen Ertrag seiner Arbeit zu sichern im Stande ist, d. h. von der Stunde an, in der die staatliche Einmischung aufhört.

Ferner behaupte ich, daß dieser Selbstschutz eine viel wirksamere Waffe sein wird, als derjenige es ist, welchen uns der Staat aufdrängt, ohne uns zu fragen, ob wir ihn verlangen. Ein Beispiel:

Ich wäre nicht fähig, einen Menschen zu töten, sei es im Kriege, im Duell, oder auf irgendeine andere ›gesetzlich erlaubte‹ Art und Weise. Aber ich würde nicht einen Augenblick zaudern, dem Einbrecher, welcher mit der Absicht, mich zu berauben und zu ermorden, in mein Haus dringt, eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Und ich glaube, daß sich dieser Einbrecher dreimal besinnen würde, den Einbruch zu wagen, wenn er sicher wäre, so empfangen zu werden, als wenn er, wie Heute, weiß, daß mir blödsinnige Gesetze die Vertheidigung meines Lebens und meines Eigenthums erschweren, und ihm im schlimmsten Falle nur die und die Strafe erwächst.

Ich habe dieses Beispiel zugleich für Diejenigen gewählt, welche noch immer nicht ein defensives von einem aggressiven Verhalten zu unterscheiden vermögen, also auch nicht ein freiwillig eingegangenes und jederzeit wieder lösliches Bündniß zu gegenseitiger Stärkung in bestimmten Fällen, z. B. eine Lebensversicherung usw., von einem Staatswesen, welches dem Einzelnen einmal die Wahl des Eintritts nicht freistellt, und ihm ferner den Austritt nur unter der Bedingung ermöglicht, daß er das Land seiner Heimat verläßt.

Auban schwieg. Aber die, welche ihm zugehört hatten, knüpften lebhafte Auseinandersetzungen an jeden dieser Sätze.

Man suchte ihn in diese zu verwickeln. Doch Auban war Heute nicht aufgelegt, viel zu sprechen und er lehnte es ab. Er stieg die Treppe hinunter, die in den Versammlungssaal führte. Der hatte sich nun fast gefüllt und Viele verlangten ungeduldig, man solle beginnen.

Auban blieb unweit der Treppe stehen, am Eingang des Saales, dessen an der Wand sich hinziehende Bänke nun fast bis auf den letzten Platz besetzt waren. Da seine Mitte frei blieb, bildeten die Versammelten einen ovalen Kreis, in dem jeder Einzelne von Allen erkennbar war. So blieben denn auch die Meisten auf ihren Plätzen sitzen, wenn sie sprachen.

An diesem Abend waren wenig Frauen anwesend. Die Männer waren meist jugendlich, in den zwanziger und dreißiger Jahren.

Die Versammlung unterschied sich in Nichts von ähnlichen Zusammenkünften der Arbeiter, es wäre denn die verhältnißmäßig große Anzahl von kühnen und energischen Köpfen gewesen, die das Gepräge einer ungewöhnlichen Intelligenz und hervorragenden Willenskraft trugen. Indessen waren das auch hier, wie überall, immer nur die Einzelnen, welche sich so abhoben, daß man sie sofort erkannte als die Bahnbrecher einer neuen Richtung – der axttragenden Pioniere und die Rufer einer neuen und besseren Zeit.

Man sprach über Chicago. Viele sprachen. Sofort wenn der Eine geendet, begann ein Anderer, und noch manche Hand streckte sich in die Höhe zum Zeichen, daß die Liste der Redner noch nicht zu schließen sei.

Man sprach meist kurz, aber heftig. Schon tauchten Pläne auf, in welcher Weise die Propaganda des Todes der Märtyrer einzuleiten sei.

Einig war man darin, daß etwas Außergewöhnliches geschehen müsse...

Dann kam die Debatte über die Frage einer von den Klubs gemeinsam zu gründenden und zu leitenden Schule für die Kinder aller Mitglieder, welche diese Kinder nicht von dem Kirchen- und Staatsglauben der heutigen öffentlichen Schulanstalten vergiftet wissen wollten.

Die lauten Stimmen störten plötzlich Auban. Sie paßten nicht zu dem Zustande, in dem er war. Ueber Chicago heute Abend in einer Versammlung von solcher Größe: er fühlte, das war nicht richtig; und die Schulfrage – er konnte da doch nicht helfen; seine Arbeit war eine andere.

Daher zog er sich in den stilleren Hintergrund des Saales zurück, wo einige Genossen saßen, die sich hierhin mit ihrem Glase und ihren Zeitungen zurückgezogen hatten. Der Eine las, der Andere führte ein halblautes Gespräch mit einem Dritten, und der Vierte war eingeschlafen, überwältigt von der Müdigkeit der Arbeitstage. – Ein junger, blonder Mann mit freundlichem Gesichtsausdruck hielt ein Kind auf seinen Knien. Die Mutter war nicht Lange nach der Geburt gestorben und dem Vater, der es nicht allein zu Hause lassen konnte, blieb nichts Anderes übrig, als es mit in den Klub zu bringen, wo es aufwuchs, gepflegt und gehätschelt von rauhen Händen, aber bewacht von guten und treuen Augen und gehegt mit jener zarten Gesinnung der Liebe, welche nur in jenen Herzen wohnt, die nicht nur zu lieben, sondern auch zu hassen verstehen... Der junge Mann hatte sich des Kindes besonders angenommen und es hing mit seinen mageren, kleinen Armen oft stundenlang an seinem Halse, während sich der Vater an einer Diskussion betheiligte; und Nichts war schöner als die Sorgfalt und Güte, mit der er und die Anderen ihm die Mutter zu ersetzen suchten.

Auban lächelte, als er dieses Bild wieder sah. Er setzte sich hinzu und scherzte mit dem Kinde, das keine Spur von Ermüdung verrieth. Dann aber wurde er wieder überwältigt von seinen eigenen schweren und ernsten Gedanken, denn er hatte an demselben Tische ein Gesicht gesehen, das er nur zu gut kannte. Es war ein Genosse, der unter dem Druck beständiger Verfolgungen wahnsinnig geworden war. Erst überreizt, dann von Schwermuth befallen, war sein Wahnsinn hier in London, wohin er sich zuletzt geflüchtet, hier, wo er sich in voller Sicherheit befand, zum Durchbruch gekommen. Er verbrachte die meiste Zeit in dem Klub, wo er gewöhnlich in einer Ecke saß, keinen Menschen störte und von Allen, die ihn sahen, mit freundlicher Theilnahme behandelt wurde. Helfen konnte ihm Keiner mehr, aber man wollte ihn wenigstens vor dem Irrenhause bewahren.

Auban redete ihn absichtlich nicht an. Er hätte ihn nur gequält. Denn der Unglückliche war am glücklichsten, wenn man ihn allein in seinem Winkel sitzen ließ, wo er stundenlang mit murmelnden Lippen vor sich hinstarren und mit den hastigen Fingern unverständliche Figuren auf die Tischplatte zeichnen konnte... In Auban erweckte er stets die Erinnerung an einen anderen Genossen, den der Wahnsinn von einer anderen Seite erreicht hatte. Es war einer seiner jungen Pariser Freunde gewesen. Feurig, begeistert, hingebend, lebte derselbe nur für die Sache. Er hätte sein Leben für sie lassen mögen. Er dürstete danach, seine Liebe auch zu beweisen und er fand keinen anderen Weg, als den einer ›That‹. Leidenschaftliche Reden und anfeuernde Verheißungen hatten ihn beeinflußt. Aber seine Natur, die vor Blutvergießen und Gewalt zurückschauderte, widerstrebte. Und in dem langen Kampfe zwischen Dem, was ihm als heiligste Pflicht erschien und dieser Natur, die deren Erfüllung zur Unmöglichkeit machte, war sein Geist erlegen...

*

Während Auban in dem Banne dieser Erinnerung stand, hörte er Trupps laute, klare Stimme, wie sie den ganzen Raum bis in seine Ecken durchdrang:

– – – Nicht nur mit den Ansichten der Ermordeten von Chicago, sondern auch mit dem Bombenwurf des 4. Mai, dieser glorreichen That eines Helden, haben wir uns solidarisch zu erklären! –

Und vernahm den Jubel, welcher diesen Worten von allen Seiten folgte.

Es überlief ihn kalt. Er hätte aufstehen und seine Hände beschwörend den Thoren entgegenhalten mögen, welche sich in den Abgrund zu stürzen bereit waren, der sich vor ihnen aufgetan. Aber seine Vernunft zeigte ihm auch sofort das völlig Zwecklose dieses Vorhabens: statt die Leidenschaften zu dämpfen, würde sein Wort sie an diesem Abend nur höher noch angefacht haben.

Er stützte den Kopf in die Hand.

Wenn möglich, wollte er noch heute Abend mit Trupp ein entscheidendes Wort reden.

Er fühlte, daß hier Nichts mehr für ihn zu thun war. Er glaubte überhaupt nur noch an Selbsthilfe. Sie würden ihren Weg weiter gehen und ihre Erfahrungen machen müssen, vor denen er sie nicht und Keiner bewahren konnte.

Und er stellte sich wieder die Frage, die ihm oft in den letzten Jahren gekommen war: »Hast du überhaupt das Recht, zu helfen? zu beeinflussen? zu rächen? – Gab es einen anderen Weg, als den der Erfahrung? Und mußte nicht jede Erfahrung ihre Zeit haben, um gemacht zu werden? War es richtig, ihr vorzugreifen? – –«

Auban hatte daher, seit er in London war, sich nur noch selten an Diskussionen beteiligt. Mit Vergnügen aber erinnerte er sich immer eines Abends, als er in dem engen Barraum über ihm in einer Gesellschaft von vier oder fünf Anderen die Frage der Unentgeltlichkeit des gegenseitigen Kredits diskutiert hatte. Jeder hatte sich, nicht mit langen Auseinandersetzungen, sondern mit kurzen, knappen Fragen und Einwürfen an dieser Unterhaltung betheiligt, war zu Wort gekommen und im Stande gewesen, seine Gedanken zu formulieren und auszusprechen, wie er es wollte, so daß Jeder – als sie auseinander gingen – lebhaft angeregt und begeistert von dieser fruchtbaren Art und Weise des Gedankenaustausches die Fortsetzung dieses Abends verlangt hatte. Aber als man wieder beisammen war, diesmal nicht ausnahmsweise mehr in kleinem Kreise, sondern in der gewohnten größeren Anzahl, war Alles wieder in die früheren Geleise gelenkt: ein einzelner Redner stand auf, redete zwei Stunden – gemäß dem Prinzip der persönlichen Freiheit hatte Jeder das Recht, zu reden so lange wie er wollte und Keiner das Recht, ihn zu unterbrechen –, schweifte ab, gerieth bald auf ganz andere Gebiete, ermüdete die Einen und langweilte die Anderen, so daß Auban die Sache aufgegeben und sich mißmuthig entfernt hatte. Das war der letzte Versuch dieser Art gewesen, den er unternommen.

Er hatte nicht nur Sympathie, sondern auch Bewunderung für diese Männer, welche sich nach der harten Arbeit ihrer Tage mit den ernstesten Fragen in hingehendster Weise beschäftigten, während sie sahen, wie die Andern sich bei blödem Kartenspiel oder seichtem Geschwätz erholten. Er achtete sie von Grund aus. Um so tiefer aber beklagte er die haltlose Unklarheit ihrer Bestrebungen, welche kein einziges Ziel erreichen, immer verzweifelter werden und nach tausendfachen Opfern enden würden wie alle ähnlichen: in Blut und Niederlagen.

Denn sie kämpften in Wirklichkeit nicht um die Verbesserung ihrer eigenen Lage. Sie kämpften um Ideale, die unerreichbar waren, da sie in der Luft schwebten. Mehr noch: sie hatten nur Verachtung und Spott für alle »praktischen« Bestrebungen ihrer Klasse, sich selbst zu helfen, welche ihren »großen Zielen« der Befreiung der Menschheit usw. gegenüber nüchtern und kleinlich erschienen.

Die Verwirrung in ihren Köpfen schien Auban fast unheilbar, seit er sie erkannte. Er hatte öfters Versuche gemacht, zu sehen, wie weit sie ging und Resultate gefunden, die ihn erst entsetzten, dann entmuthigten.

So stellte er einmal einer Anzahl seiner Bekannten – einem wie den andern – die erste und einfachste aller Fragen.

– Wem gehört der Ertrag deiner Arbeit? – fragte er der Reihe nach: zunächst einige eingefleischte Sozialdemokraten strengster Observanz; mehrere Kommunisten, und zwar sowohl solche, welche die Zwangsgesellschaft des Kommunismus in Schutz nahmen, als auch solche, welche in der Autonomie des Individuums das letzte Ziel sahen und sich für Anarchisten hielten; endlich mehrere englische Sozialisten. Wären sie alle konsequente Denker ihrer Weltanschauung des Sozialismus gewesen, so hätten sie sämtlich ohne Ausnahme antworten müssen: »Meine Arbeit gehört den Andern: dem Staat, der Gesellschaft, der Menschheit ... Ich habe kein Recht auf sie ...« So aber erlebte es Auban, daß ein Sozialdemokrat ohne Besinnen entgegnete: seine Arbeit gehöre ihm; und ein Autonomist: seine Arbeit gehöre der Gesellschaft; daß die, welche sich auf das Bitterste untereinander befehdeten, in dieser einen Frage, aus der sich alle anderen ergeben, übereinstimmten; und daß Jene, welche auf ein und demselben strengen Boden standen, dieselbe in direkt entgegengesetzter Weise beantworteten...

In der That: noch Nichts war geklärt. Nicht klare Gedanken, sondern dumpfe Gefühle, die noch nicht die Schwere des Erwachens von sich geschüttelt hatten, hielten die Meisten zusammen. Mit diesen Gefühlen schlägt man die Revolutionen, aber man ergründet mit ihnen keine Wahrheiten. Erst mußte das kühle, frische Bad der Erfahrung den Erwachenden den Schlaf aus den Augen gespült haben, ehe sie an die Arbeit des neuen Tages zu gehen im Stande waren ...

Es galt: geduldig zu sein und den Muth nicht zu verlieren! ...

Auban dachte wieder an Trupp und verlangte ihn zu sehen. Im Saale fand er ihn nicht mehr und stieg daher die Treppen wieder hinauf.

*

Als er den Schenkraum wieder betrat, sah er den Gesuchten ganz allein im Gespräch mit einem Manne stehen, dessen Haltung und Kleidung sofort verrieth, daß er kein Arbeiter war, aber gerne als solcher erscheinen wollte. Er stockte daher und fing in demselben Moment einen Blick seines Freundes auf, den er auf der Stelle verstand. Der Fremde, der einen Schluck aus dem vor ihm stehenden Glase genommen, konnte von diesem blitzschnellen, schweigenden Gedankenaustausch Nichts bemerkt haben.

Die meisten der Anwesenden hatten sich in den Saal hinunter begeben. Nur an dem Tische saßen noch einige Genossen, lesend und kartenspielend. Auban setzte sich zu ihnen, und zwar so, daß er Trupp den Rücken zukehrte. Dann begann auch er in einer der herumliegenden Zeitungen scheinbar aufmerksam zu lesen.

Er konnte von dem hinter ihm geführten Gespräch nur einzelne Worte vernehmen, besonders, da deutsch gesprochen wurde. Die beiden Redenden dämpften absichtlich ihre Stimmen. Aber er hatte noch keine fünf Minuten so gesessen, als er Trupps Hand auf seiner Schulter fühlte:

– Du gehst wohl mit? – Wir wollen noch ein Glas Bier trinken. Er wandte sich sofort um, und sah im Aufstehen noch, wie wenig der Fremde seine peinliche Ueberraschung über diese Aufforderung zu unterdrücken vermochte.

Sie verließen alle Drei zusammen den Klub. Der Fremde verbarg seine Verlegenheit beim Durchschreiten der Thür hinter einer beflissenen Höflichkeit, mit der er Auban vorangehen ließ.

Als sie auf der Straße standen, sagte Trupp laut zu Auban: – Ein ausgewiesener Genosse von Berlin, 'ne nette Gegend, nicht wahr? –

Auban biß sich auf die Lippen. Bei solchen Gelegenheiten war sein Freund einzig.

– Was sind Sie? fragte er den Berliner in deutscher Sprache.

– Ich bin Schuhmacher, aber ich finde hier keine Arbeit ...

– So, Sie sind Schuhmacher. Womit reinigen Sie denn Ihre Hände, daß sie so weiß sind? fragte Auban weiter.

Nun wurde der Andere ernstlich beunruhigt. Abwechselnd flog sein scheuer Blick vom Einen zum Andern. Er ging zwischen ihnen. Er wollte stehen bleiben, aber Auban und Trupp gingen so unbekümmert weiter, daß er nur fragen konnte:

– Sie glauben mir nicht?

Trupp brach in ein lautes Lachen aus, das so natürlich klang, wie das eines Kindes.

– Ach was, der Genosse macht ja nur Unsinn! Wer wird Ihnen denn nicht glauben?

Und er wurde plötzlich sehr gesprächig, so daß keiner der Andern zu Wort kommen konnte. Alles aber, was er erzählte, drehte sich um die Entlarvung von Spitzeln, Polizeiagenten und ähnlichem Gesindel. Er machte sich lustig über die Dummheit sowohl der Auftraggeber, als auch der Beauftragten. – Er sprach auch von den freiwilligen Spionen, die sich in die Klubs und die Versammlungen geschlichen hatten, so lange überall umherschnüffelten, bis sie herausgeworfen wurden, worauf sie schließlich die Zeitungen mit lügenhaften Berichten über die kaum gesehenen und gar nicht verstandenen Zustände gefüllt hätten.

Trupps Absicht war nicht mehr zu verkennen, besonders da er sich um Auban, der, scheinbar in seine eigenen Gedanken versunken, dahin ging, nicht kümmerte, sondern Schritt für Schritt dicht an der Seite des Fremden blieb, der ihm nicht entrinnen konnte und in dem jedes seiner Worte die Unruhe und Angst sichtlich steigerte.

Sie hatten eine enge und völlig düstere Straße erreicht, die nur von einer einzigen Laterne erhellt wurde und ganz menschenleer war. Mehrere Häuser traten hier tief zurück und ließen eine weite Ecke frei, ehe sich die Gasse wieder verengte.

Hier war Trupp an seinem Ziel, und er unterbrach sich plötzlich selbst.

Der Spitzel sah, daß Alles verloren war.

– Wohin gehen wir? stieß er mit Anstrengung hervor und blieb stehen. – Ich will nicht weiter ...

Da hatte ihn bereits die Faust Trupps gepackt und wuchtig gegen die Wand gestoßen.

– Du Schurke! brach er los. – Jetzt habe ich Dich!

Und zweimal fiel seine freie Hand auf die Wangen des Elenden nieder: einmal von Rechts und einmal von Links, und beide Male hörte Auban das klatschende Aufschlagen dieser eisernen Hand.

Der Geschlagene war wie betäubt. Nur wie zur Abwehr hob er die Arme empor, sein Gesicht mit ihnen zu schützen.

Aber Trupp herrschte ihn an: »Die Arme nieder!« Und willenlos, wie ein Kind, das von seinem Lehrer gezüchtigt wird, ließ er sie wieder sinken.

Noch einmal – und noch einmal sauste Trupps Hand nieder, und mit jedem Schlag machte sich sein Zorn zugleich in Worten Luft: »Du Lump – du gemeiner Lump hast uns verrathen wollen, du Spion? – Warte, du kommst nicht wieder!«

Und wieder fiel seine Hand.

– Helfen Sie mir – er erwürgt mich ... rang es sich keuchend von den Lippen des von Todesangst Ergriffenen.

Aber Auban stand theilnahmslos, halb abgewandt, die Arme über der Brust verschränkt und rührte sich nicht.

Und wie eine Puppe von Stroh schüttelte Trupp sein Opfer. »Ja, erwürgen sollte man Euch Hunde,« brach er wiederum los, »das wäre das Beste! – Euch Alle miteinander, Euch Spitzel, Euch Schufte!« – Und indem er den halb zur Erde Gesunkenen emporriß, schleifte er ihn, immer mit der einen Hand, die sich in die Brust des Andern unlöslich eingekrallt zu haben schien, näher in den Schein des Lichtes, das unruhig flackernd niederfiel, und zeigte Auban das blasse, von Todesangst entstellte, unter dem Drucke dieser mörderisch-eisernen Faust verzerrte, feige Gesicht: »Auban, sieh her: so sehen sie aus, diese Elenden, die das gemeinste aller Handwerke treiben!« Und er öffnete seine Faust, die wie ein Schraubstock auf der Brust seines Opfers lag, und dieses – kraftlos und von Schwindel ergriffen – taumelte zurück, fiel nieder, raffte sich wieder auf, murmelte einige unverständliche Worte und verschwand in dem Dunkel.

Die beiden Freunde wandten keinen Blick mehr nach dem Gestürzten. Während sie schnell Oxford Street zuschritten, erzählte Trupp die Einzelheiten dieses neuen Falles. Von jetzt ab sprachen die Freunde französisch.

Eines Tages sei dieser Mensch zu einem der Mitglieder gekommen, mit dem Empfehlungsbrief eines Berliner Genossen. Dieses Mitglied habe den Ueberbringer auch in den Klub eingeführt, und eine Anfrage in Berlin habe bestätigt, daß die Empfehlung in Ordnung sei. Dann aber habe sich herausgestellt, daß der eigentliche Empfänger derselben mit dem Ueberbringer nicht identisch sei, daß also dieser sie von Jenem erhalten und sich unter fremdem Namen eingeführt haben mußte. Daraufhin habe man einen der Genossen in unauffälliger Weise mit ihm zusammen wohnen lassen und eines Tages denn auch die ganze Korrespondenz des so auf Schritt und Tritt Beobachteten in die Hände bekommen, aus der sich ergeben habe, daß man es mit einem direkt im Solde der deutschen Polizei stehenden Spitzel zu thun hatte, der gegen ein monatliches Gehalt seinen Auftraggebern über alle Vorgänge in den anarchistischen Klubs Londons jede gewünschte Auskunft zu geben sich verpflichtete. – Man habe einen Skandal im Klub vermeiden wollen, um der englischen Polizei nicht die so gewünschte Gelegenheit zu geben, in den Klub zu dringen.

Er selbst, Trupp, habe die Züchtigung übernommen, von der Auban soeben Zeuge gewesen sei ...

Derartige Entlarvungen waren weder neu, noch besonders selten. Meistens kamen Die, welche sich diesem schmutzigsten und verächtlichsten aller Gewerbe widmeten, mit einer Tracht Prügel davon; oft rochen sie Lunte und entzogen sich der Entdeckung rechtzeitig durch die Flucht. Das Mißtrauen unter den Revolutionären war in Folge der unablässigen Hetzereien, Verdächtigungen, Verfolgungen sehr groß geworden. Pläne von Wichtigkeit wurden nie in größerem Kreise mehr besprochen, blieben meist das Geheimniß ganz weniger Vertrauten, oft in der Brust eines Einzigen verschlossen. – Noch größer aber, als gegen unbekannte Arbeiter, war das Mißtrauen gegen geistige Arbeiter geworden, infolge der trüben Erfahrungen, die man mit Zeitungsschreibern und Litteraten gemacht hatte. Nichts war gerechtfertigter, als die Vorsicht gegenüber diesen Leuten: unter zehn waren sicher neun, die unter dem Vorgeben, die Lehren des Anarchismus ›studieren‹ zu wollen, nur in die Geheimnisse der Propaganda einzudringen versuchten, um sodann ihren einsichts- und urteilslosen Lesern die haarsträubendsten Schauergeschichten über diese ›Banden von Mördern und Verbrechern‹ auftischen zu können. Daß durch dieses Mißtrauen manch Einer aus den Reihen des geistigen Proletariats, welcher unter dem Druck der heutigen Zustände ebenso schwer, ja schwerer litt als der Handarbeiter, und daher von demselben großen Haß gegen diese Zustände erfüllt war, verscheucht wurde – wenn er kam, seine geistigen Kräfte in den Dienst der »vorgeschrittensten aller Parteien« zu stellen – war eine Thatsache, die, wie Trupp sagte, nicht »zu ändern war«. Um so größer waren die Hoffnungen, welche Auban gerade auf Diese zu setzen begann: sie, durch keine Rücksicht gehemmt, im Besitz einer schwer auf ihnen lastenden Bildung, würden sicher die Ersten und vielleicht zunächst noch die Einzigen sein, welche die Konsequenzen des Individualismus zu ziehen nicht nur bereit, sondern auch fähig waren.

Trupp war in seinem Gespräch bei einem Punkte angekommen, der ihn stets sehr erregte.

– Die Sozialdemokraten behaupten, sagte er mit seinem bitteren Lachen, – alle Anarchisten seien Spitzel; oder auch, wenn es ihnen gerade besser paßt, es gäbe überhaupt keine Anarchisten. – Ah, fuhr er empört fort, – es gibt nicht eine Gemeinheit, die von dieser Partei nicht gegen uns begangen worden wäre, vor Allem von ihren ehrenwerten Führern, welche die Arbeiter an der Nase herumführen, daß es eine Schande ist. Erst haben sie uns verhöhnt und verlacht, dann haben sie uns verleumdet, vom Anfang an bis Heute in uns die bittersten Feinde gesehen, Alles aus dem einzigen Grunde, weil wir versuchten, dem Arbeiter die Augen über die Nutzlosigkeit seiner Opfer, des Stimmkastenwahlschwindels, der ganzen Parteimeierei zu öffnen. Du machst Dir keinen Begriff davon, Auban, wie korrupt die Partei in Deutschland ist: die königstreuen Preußen sind nicht unselbstständiger und feiger ihrem Herrn und Meister, als die deutschen Arbeiter, die zur Partei gehören, ihren ›Führern‹ gegenüber! ... Wie soll das enden? –

– Nun, meinte Auban ruhig, zwischen den Arbeitern als Klasse und den Sozialdemokraten als Partei ist ein gewaltiger Unterschied. Es ist nicht denkbar, daß die einen einmal in die andern völlig aufgehen. Daher brauchen wir uns auch vor der Zukunft nicht zu sehr zu fürchten. – Ich glaube sogar, daß die wichtigsten Schritte zur Befreiung der Arbeit garnicht von den sozialistischen Parteien ausgehen werden, sondern von den hier und da zur allmählichen Erkenntniß ihrer wahren Interessen gelangenden Arbeitern selbst. Sie werden die Partei einfach beiseite schieben.

Aber von Euch werden sie erst recht Nichts wissen wollen. Das müßt Ihr Euch klar machen. Denn Erstens können sie Euch höchstens mit dem Herzen, nicht aber mit dem Verstande verstehen, und zur wirklichen Verbesserung ihrer Lage haben sie gar nichts Anderes nötig als ihren Verstand, der ihnen den rechten Weg allein zeigen kann: ich meine den des Egoismus. Und Zweitens habt Ihr durch widersinnige Vermengung aller Lebensanschauungen, weit mehr aber noch durch Eure Taktik die Vorurtheile der Dummheit derart herausgefordert und ihnen scheinbar Recht gegeben, daß schon ein exzeptionell selbstständiger Wille und ein ganz seltener Erkenntnißtrieb dazu gehört, um Euren Wegen nachzugehen. Oder aber ein heißes Herz – das habt Ihr ja Alle!

– Als ob Du das nicht hättest! lachte Trupp bitter.

– Ja, heiß genug, um die Sache der Freiheit immer zu lieben, wie ich hoffe. Aber nicht mehr heiß genug, um sie durch Thorheiten zu schädigen.

– Was nennst du eine Thorheit? – Unsere Taktik? –

– Ja.

– Das sagst Du? – fragte Trupp fast drohend.

– Ja, ich.

– Nun, dann ist es auch Zeit, daß wir uns eben darüber einmal gründlich aussprechen.

– Gewiß. Aber laß uns erst allein sein. Nicht hier auf der Straße.

*

Sie gingen hastig weiter. Trupp schwieg. Als das Licht einer Laterne auf sie fiel, sah Auban, wie er am ganzen Körper, wie von Frost geschüttelt, bebte, indem er mit dem Munde das einer Verletzung seiner Hand entströmende Blut aufsog, welche bei der Züchtigung des Spitzels die Wand gestreift haben mußte.

– Du zitterst? fragte er, da er glaubte, die Aufregung sei daran schuld.

Aber Trupp erklärte ihm mürrisch, es sei Nichts: er sei nur den ganzen Tag herumgelaufen und das Essen darüber vergessen. Auban schüttelte den Kopf.

– Du bist doch unverbesserlich, Otto! Den ganzen Tag Nichts zu genießen, welcher Unsinn!

Er nahm ihn beim Arme und zog ihn fort. Sie traten in ein kleines, bescheidenes Restaurant, das in Oxford Street lag. Dort wußten sie ein wenig besuchtes Hinterzimmer. Als sie auf dem braunen Ledersofa in der stillen Ecke saßen und Trupp hastig und schweigend aß, während Auban ihm zusah, wie er mit seinen kräftigen Zähnen das Fleisch zerbiß, erinnerte er ihn daran, daß sie in diesem selben Raum auch den ersten Abend in London verbracht hatten, an dem sie sich nach Jahren zum ersten Mal wieder allein gegenüber saßen, und er sagte lächelnd:

– Ist es nicht ganz wie damals?...

Aber Trupp warf ihm einen bittern Blick des Vorwurfs zu und schob Teller und Glas von sich. Seine augenblickliche Schwäche war verschwunden und er war ganz wieder der eiserne Mensch, dessen physische Kraft unerschütterlich war.

– So, jetzt laß uns reden. Ober bist Du müde?

– Ich bin nicht müde, sagte Auban.

Trupp sann einen Augenblick nach. Er fürchtete das kommende Gespräch, denn er ahnte, daß es entscheidend sein würde. Er wünschte von Herzen seinen Freund durch seine Worte für die Sache der Revolution zurückzugewinnen, für den Kampf des Tages, in dem er und seine Genossen standen, denn er wußte, wie unschätzbar seine Kraft war. Er wollte nicht durch Schroffheit einen Bruch absichtlich herbeiführen, aber er konnte auch die Vorwürfe, welche sich in ihm angesammelt hatten, nicht unausgesprochen sein lassen.

– Seitdem Du in London bist, begann er, und das Gefängniß verlassen hast, bist Du ein Anderer. Ich kenne Dich kaum mehr wieder. Du hast Dich an Nichts mehr betheiligt: an keiner Versammlung, keinem Plane, keinem Unternehmen mehr. Du hast Nichts mehr geschrieben: keine Zeile mehr. Du hast fast jede Fühlung mit uns verloren.– Welche Entschuldigungen hast Du dafür?

– Welche Entschuldigung ich habe? entgegnete Auban mit einiger Schärfe. – Wofür? – Und gegenüber Wem?

– Gegenüber der Sache! antwortete Trupp heftig.

– Meine Sache ist meine Freiheit.

– Einst war die Freiheit deine Sache.

– Das war mein Irrthum. Einst glaubte ich bei den Anderen anfangen zu müssen; jetzt habe ich eingesehen, daß es nötig ist, bei sich zu beginnen und immer von sich auszugehen.

Trupp schwieg. Dann begann Auban:

– Wir haben vor vierzehn Tagen bei mir über unsere Anschauungen gesprochen, und ich hoffe Dir gezeigt zu haben, wo ich stehe, wenn ich auch nicht hoffen darf, Dir klar gemacht zu haben, wo Du stehst. Ich war bemüht, die eine Seite der Frage in ein grelles Licht zu rücken. Die andere Seite liegt noch zwischen uns im Dunkeln: die der Taktik. Wenn wir nun heute Abend auch diese beleuchten, so setze ich voraus, Du bist davon überzeugt, daß es nicht moralische oder ähnliche Bedenken sind, die mich dazu veranlassen, Dir zu sagen: ich halte die Taktik, die Ihr befolgt, die sogenannte »Propaganda der Tat«, nicht allein für unnütz, sondern auch für schädlich. Ihr werdet nie mit ihr einen dauernden Sieg erfechten.

Trupps Augen waren starr auf den Sprechenden gerichtet. Sie glühten vor Erregung und seine blutende Hand, die er mit einem Tuch umwickelt hatte, fiel geballt auf den Tisch.

– Gut, daß wir reden! rief er. – Du verlangst also, daß wir die Hände in den Schooß legen und uns ruhig morden lassen sollen?

Er sprang auf.

– Du vertheidigst unsere Feinde! stieß er hervor.

– Im Gegentheil: ich habe eine Waffe gefunden, gegen die sie machtlos sind, sagte Auban ruhig und legte seine Hand auf den Arm des Erregten, mit deren Druck er ihn auf seinen Platz zurücknöthigte.

– Ich hasse die Gewalt in jeder Form! sprach er weiter; und von nun an schien er es zu sein, der den Anderen überzeugen und gewinnen wollte für seine Idee: – Es gilt die Gewalt unmöglich zu machen. Das geschieht nicht, indem man ihr ebenfalls Gewalt entgegensetzt: der Teufel läßt sich nicht durch Beelzebub austreiben... Schon habt Ihr in so manchem Punkte Eure Ansicht geändert. Einst waret Ihr die Vertheidiger der Geheimbünde und der großen Vereinigungen, welche die Proletarier aller Länder und jeder Sprache vereinigen sollten – dann saht Ihr ein, wie leicht es der Regierung ist, in die ersteren eines ihrer unsauberen Elemente einzuschmuggeln, welches ihr das ganze Fadenbündel auf einmal in die Hand gibt, und wie die letzteren noch jedesmal der Zersplitterung, der Zeit und ihrem eigenen Schicksal erlegen sind; und seitdem seid Ihr immer mehr auf das Individuum zurückgekommen, lehrt als das einzige Zweckmäßige das Zusammenschließen in möglichst kleine Gruppen, die voneinander möglichst wenig wissen, und die individuelle Tat als das einzig Richtige; seitdem verwerft Ihr selbst das Vertrauen unter den intimsten Freunden in bestimmten Fällen gänzlich. – Einst erschien Eure Zeitung in »Nirgendsheim« und wurde von der »freien Gemeindruckerei« gedruckt – Heute erscheint sie, wie jede andere, mit Namen und Wohnung des Druckers auf der letzten Seite... Und so ist Alles, die ganze Bewegung, mehr und mehr in das Licht der Öffentlichkeit gerückt.

Er schwieg einen Augenblick.

Dann sagte er eindringlich:

– Eure ganze Taktik ist eine falsche. Vergessen wir doch nie, daß wir Krieg führen.

Was aber ist das A und O aller Kriegführung? – Jeder Leutnant kann es Dir sagen:

Mit möglichst geringem Verlust an Opfern dem Feinde möglichst große Niederlagen beizubringen.

Die moderne Kriegskunst erkennt immer mehr den Werth der Defensive an; sie verwirft immer mehr den nutzlosen Angriff.

Lernen wir doch von ihr, wie wir von Allem lernen sollten, was irgend uns nur nützen kann. –

Aber meine Bedenken sind noch weit ernsterer Art. Ich werfe Euch sogar vor, daß Ihr die allererste Bedingung jeder Kriegsführung verachtet: die eigene Stärke, wie die des Feindes, genau kennen zu lernen.

Es muß gesagt werden: Ihr überschätzt Euch, und Ihr unterschätzt den Feind!

– Und was, fragte Trupp hohnvoll, – sollen wir thun? Wenn ich fragen darf.

– Was Ihr thun sollt, weiß ich nicht. Das müßt Ihr selber wissen.– Aber ich behaupte: der passive Widerstand gegen die aggressive Gewalt ist das einzige Mittel, dieselbe zu brechen.

Trupp lachte wieder und zwischen den beiden Männern entspann sich ein erregtes Gespräch. Jeder vertheidigte seine Taktik, indem er Beispiele heranzog, ihre Wirkung zu beweisen.

Es war spät, als sie endeten: Auban durchdrungen von der Unmöglichkeit, seinen Freund je überzeugen zu können, und dieser erbittert und gereizt über seinen ›Abfall‹.

Sie verließen das Public House und standen nach wenigen Schritten auf dem Platze, in dem Tottenham Court Road mit Oxford Street und den südlichen Straßen zusammenstößt. Aber noch trennten sie sich nicht. Indem sie einige der engeren und weniger überfüllten Straßen betraten und hier auf und nieder schritten, sagten sie sich ihre letzten und entscheidendsten Wort.

– Ihr arbeitet den Regierungen mit Eurer Propaganda in die Hände. Ihr erfüllt ihre liebsten Wünsche. Nichts kommt ihnen gelegener, als Eure Taktik, um zu Mitteln der Unterdrückung greifen zu können, für die ihnen sonst jede Entschuldigung fehlen würde. Beweis: die agents provocateurs, welche in ihrem Auftrage zu solchen Thaten reizen. Es liegt eine schauerliche Komik in dem Gedanken, daß Ihr – die freiwilligen Helfer der Gewalt seid, Ihr, die Ihr die Freiheit wollt!...

Er schwieg und von Fern her drang der Lärm der Oxford Street zu ihnen in diese dunkle und stille Nebenstraße, nur von wenigen scheuen Gestalten durcheilt, die sich von dem Menschenstrom der Hauptstraße wie Aschenfunken losgelöst hatten.

Trupp stand still. An dem gepreßten Tone seiner Stimme erkannte Auban, wie schwer es ihm wurde, auszusprechen, was er ihm jetzt entgegnete.

– Du bist kein Revolutionär mehr! Du hast Dich losgesagt von der großen Sache der Menschheit. – Früher hast Du uns verstanden und wir verstanden Dich. Heute verstehen wir Dich nicht mehr, weil Du uns nicht mehr verstehst. Du bist ein Bourgeois geworden. Oder vielmehr: Du bist immer ein Bourgeois gewesen. Geh hin, woher Du gekommen bist. Wir werden auch ohne Dich ans Ziel gelangen.

Da lachte Auban. Er lachte so laut, daß die Vorübergehenden stehen blieben und sich umsahen. Und mit diesem lauten, vollen, klaren Lachen, das bewies, wie Wenig ihn diese Worte beleidigten, löste sich von seiner Brust, was sie bedrückt hatte in diesen Tagen.

– Ich sollte Euch nicht verstehen, Otto! sagte er und sein Lachen verschwand vor dem Ernst seiner Worte. Du glaubst selbst nicht, was Du sagst. Ich sollte Euch nicht verstehen, ich, der ich jahrelang mit Euren Gefühlen gefühlt und mit Euren Gedanken gedacht habe?!– Wenn Ihr die Städte an hundert Ecken zugleich in Brand stecktet, wenn Ihr die Länder verwüstetet so weit Euer Arm reichte, wenn Ihr die Erde in die Luft sprengtet oder in Blut ertränktet – ich würde Euch verstehen! Wenn Ihr Rache nähmet an Euren Feinden, indem Ihr sie vernichtetet bis auf den letzten – ich könnte es begreifen! Und wenn es nöthig wäre, um die Freiheit endlich zu erringen – ich würde in Euren Reihen stehen und kämpfen bis zu meinem letzten Athemzuge! – Ich verstehe Euch, aber ich glaube nicht mehr an den gewaltsamen Fortschritt der Dinge. Und weil ich nicht mehr an ihn glaube, verwerfe ich die Gewalt als ein Kampfmittel der Thoren und Uneinsichtigen...

Und da ihm wieder die Worte einfielen, die Trupp eben gesagt, stieg das Lachen von Neuem in ihm auf und er schloß:

– Wirklich, es fehlt nur noch, nach Allem, was Du mir heute gesagt, die Behauptung, daß ich die Taktik der Gewalt verwerfe, um – die Feinde zu schonen!

Aber wieder verstummte sein Lachen, als sein Blick dem Trupps begegnete, der mit harter und fast feindseliger Stimme sagte:

– Wer nicht für uns ist, der ist wider uns!

Die beiden Männer standen sich gegenüber, so dicht, daß Brust sich mit Brust zu berühren schien. Ihre Blicke begegneten sich in eiserner Entschlossenheit.

– Gut, sagte Auban, und seine Stimme klang so ruhig, wie immer, werft weiter Bomben, und laßt Euch weiter dafür hängen, wenn Ihr denn nie klug werden wollt. Ich bin der letzte, der dem Selbstmörder das Recht bestreitet, sich selbst zu vernichten. – Aber Ihr lehrt eure Taktik als eine Pflicht gegen die Menschheit, und Ihr selbst befolgt sie nicht. Das ist es, wogegen ich protestiere. Ihr nehmt eine furchtbare Verantwortung auf Euch: die Verantwortlichkeit für das Leben Anderer...

– Für das Glück der Menschheit müssen Opfer gebracht werden, sagte Trupp finster.

– Dann bringt Euch selbst als Opfer! rief Auban. – Dann seid Männer und keine Schwätzer! – Glaubt ihr wirklich an die Befreiung der Menschheit mittels Gewalt und kann Euch keine Erfahrung von diesem wahnsinnigen Glauben heilen, dann handelt auch, statt in Euren Klubs zu sitzen und Euch gegenseitig an Euren Phrasen zu berauschen! Dann erschüttert die Welt mit Euren Bomben, dann zeigt ihr das Gesicht des Schreckens, damit sie Euch fürchtet, statt Euch wie heute nur zu hassen!...

Trupp war erblaßt. Noch nie war dieser wundeste aller Punkte zwischen ihnen in solch' mitleidsloser Weise berührt worden.

– Was ich thun werde, und nur von mir kann ich sprechen, das weißt Du nicht. Aber Du wirst es eines Tages erfahren, murmelte er. Nicht er war von den Worten Aubans getroffen worden. Er war eine Natur, die keine Feigheit und keine Unentschlossenheit kannte und die stark genug war, das Gewollte auch zu thun. Aber er fühlte mit Bitterkeit, wieviel Wahres im Allgemeinen in dem Vorwurf lag, den er soeben gehört.

Und er machte dem Gespräch absichtlich ein Ende, indem er sagte:

– Was wollen wir denn eigentlich noch miteinander? – Mein Leben ist meine Sache. Du bist mein Freund geworden, weil Du mein Genosse warst. Meine Genossen sind meine Freunde. Ich kenne keine andere Freundschaft. Du hast Dich losgesagt von der Sache – wir haben Nichts Gemeinsames mehr. Du wirst sie nicht verrathen, aber Du wirst ihr nichts mehr nützen, so, wie Du jetzt bist. Es ist besser, wir scheiden.

Aubans Erregung hatte sich wieder gelegt.

– Du mußt handeln, wie Du es für das Beste hältst, Otto. Wenn Du mich suchst, so wirst Du mich finden, indem Du die Richtung nimmst, welche die Freiheit weist. – Wohin aber gehst Du?

– Ich gehe mit meinen Brüdern, welche leiden wie ich! –

Sie gaben sich die Hand mit demselben festen Druck, wie immer.

Sie gingen auseinander: jeder von ihnen seinen eigenen, langen, einsamen Weg, in Gedanken versunken, die so verschieden waren wie die Richtung, die sie nahmen. Sie wußten, daß es Lange dauern würde, bis sie sich wieder sehen sollten; und sie ahnten, daß sie an dem heutigen Abend zum letzten Mal allein miteinander gesprochen hatten.

Bis heute waren sie Freunde gewesen; von nun an würden sie Gegner sein, wenn auch nur Gegner im Kampfe um ein Ideal, das sie Beide mit demselben Namen nannten: Freiheit.

*

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.