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Die Ameisenhexe

Maximilian Schmidt: Die Ameisenhexe - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Werke Band 10
authorMaximilian Schmidt
yearca. 1900
publisherH. Haessel Verlag
addressLeipzig
titleDie Ameisenhexe
pages73
created20111028
sendergerd.bouillon@t-online.de
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III.

Ein heftiges Gewitter war soeben über das Gebirge gezogen und hatte die schon mehrere Tage über andauernde, drückende Schwüle in der Luft durch erquickende Frische ersetzt. Rasch eilen die düsteren Wolken von dannen, der blaue Himmel bricht durch die dunklen Schichten und hell glitzern im leuchtenden Abendsonnenstrahle die an den Nadeln der Fichten und Tannen hängenden Wassertropfen.

In der Thüre des Vorderrißer Einkehrhauses, in dessen Vorplatz für die minderen Gäste Tisch und Bänke aufgestellt sind, erschien einer der Gäste nach dem andern, um Umschau nach dem Stand des Wetters zu halten. Vor dem plötzlich hereinbrechenden Gewitter waren Leute hierher geflüchtet, die sonst das Forsthaus der Vorderriß nicht berührt hätten, teils weil sie zu sparsam und gewissenhaft waren, um sich schon vor Feierabend in eine Schenke zu setzen, teils, weil sie sich durch ihr Erscheinen dem vielleicht anwesenden Förster nicht in Erinnerung bringen wollten.

Da saß der alte Pechler und Ameisler, Franzeis Großvater, in der Ecke und kaute mühselig die erweichten Bierbrocken, welche er mit dem Messer aus dem Glase spießte und mit zitternder Hand zum Munde führte. Der Alte war nämlich in der ganzen Waldgegend nicht nur als Ameisler, sondern auch als Pechkratzer bekannt, der das Harz aus Tannen und Fichten heraushackt, sammelt und dann an die eigentlichen Pechsieder abliefert.

241 Er hatte wohl in den Tirolerbergen eine Gerechtsame hierzu, nicht aber in den bayerischen. Doch nehmen es diese Leute nicht allzustrenge mit der Grenze und schänden die Wälder als sogenannte wilde Pechler, die wegen der Eile, zu der sie die Furcht vor Entdeckung antreibt, die nötige Rücksicht vergessen und die Bäume oft in traurigster Weise durch Anwendung schädlicher Mittel, wie Einhacken, Ausbrennen &c. &c. zu größerer Pechproduktion bringen. Deshalb werden sie gleich den Borkenkäfern, Wildschützen und Wurzelgräbern zu den Schmarotzern des Waldes gezählt.

In der Person des Halsenblasi war der Wildschütz von Profession vertreten, einem schon älteren Mann mit sehr verludertem Aussehen in Gesicht und Anzug. Er gab sich als Flößer von Tölz aus, war aber ein landbekannter Wilddieb.

Weiters befanden sich noch am Tische mehrere kräftige Holzarbeiter, die wegen des morgigen Sonntags bereits Feierabend gemacht, um zu ihren Familien in die Jachenau zurückzukehren. Holzhacke und Rucksack hatten sie neben sich liegen.

Ein junger Bursche in feiertägiger Lenggrieser Tracht mit schön geschmücktem, grünem Hute saß nebenan. Er war ein vermöglicher Bauernsohn und mit unverhohlenem Respekte blickten alle Anwesenden nach ihm und beeilten sich, seine Fragen so rasch als möglich zu beantworten. Er war auf einem Wallfahrtsgang in die Hinterriß begriffen, mit dem er jedoch noch einen andern Zweck verband, welchen der redselige Bursche, der die Gewohnheit hatte, alles zu sagen, was er dachte, auch alsbald der Gesellschaft anvertraute. Man nannte ihn den Schruller-Ferdl.

242 Der blondhaarige Bursche mit den großen, blauen aber etwas blöden Augen strotzte von Kraft und Gesundheit und war gerade das Gegenteil eines anderen Burschen in abgetragener Gebirgskleidung, der entfernt vom Tische auf der Bank saß und damit beschäftigt war, frisch gepflückte Alpenrosen zu einem schönen Strauße zu binden.

Niemand kannte diesen Burschen. Man hielt ihn für einen »Bleamelbrocker«, für einen armen Teufel. Er schien nicht besonders kräftig zu sein, sein Gesicht war blaß und noch bartlos und seine sanften, blauen Augen blickten oft unstät von seinen Blumen hinweg zu dem alten Ameiser, während er von den übrigen keine Notiz zu nehmen schien.

Die Unterhaltung der Holzknechte drehte sich fast ausschließlich um den jüngsten, infolge eines Föhnsturmes veranlaßten Windbruch, der auch in der Riß ungeheure Massen von Stämmen zu Boden geschleudert hatte, zu deren Verarbeitung Hunderte von Arbeitern gesucht, aber nicht gefunden wurden.

»Hoaßt's alleweil, d' Leut hätten koa' Verdeanst, koa' Arbeit,« sagte der alte Ameisler, »dierweil is d' Not, Arbeiter gnuag z' finden. Woll, woll! Freili, d' Holzarbet ischt halt a schwaare Arbet und der genga viel aus 'n Weg, die a leichtere suachen oder glei' gar koane, wie r ebba 's Bleamelbrocka. Woll, woll!«

Bei diesen Worten warf er einen vielsagenden Blick auf den Burschen, der mit dem Binden seines Alpenstraußes soeben zu Ende war.

Aller Augen wandten sich jetzt zu ihm hin, der sichtlich in Verlegenheit kam und bald auf seine Blumen, bald auf die Männer sah, die ihn forschend betrachteten.

»Was kost' nacha der Buschen?« fragte der 243 Schruller-Ferdl, jener junge Bauernsohn, indem er sich seinen Schnurrbart strich. »I hätt' just an' Platz für eam, wenn morg'n früah ebba auffakimmt von Lenggries.«

»Wenn dir a G'fall'n gschehgn is und dir der Buschen g'fallt, so is 's mir a Ehr, wennst 'n halbet nimmst von mir,« sagte der Angesprochene freundlich, indem er die Hälfte des Straußes dem Schruller überreichte.

»Du muaßt aber sag'n, was er kost,« versetzte dieser, den Strauß wohlgefällig betrachtend.

»Nix kost' er,« erwiderte der andere. »I hon d' Bleameln g'fund'n ohne Müah und i woaß's, sie kemma in guate Händ – in die von der Angerbauern-Mirl.«

»Wie kannst denn du dös wissen?« rief der Schruller lachend; »i kenn di nit.«

»Aber i kenn di und woaß, daß der Buschen 'n Mirl vermoant is. Hon i's daraten?«

»Meiner Seel!« rief der Schruller, »a so is 's. I leugn's nit, i hon dös Deandl gern und 's Deandl mi.«

»Aber dös is schnell ganga,« meinte einer der Holzknechte. »Der Angerbauer is dengerst erst im Auswärts auf sein Hof aufzog'n. Du hast halt 's Deandl scho' kennt, wie 's no' im Chiemgau drauß is gwen?«

»Warum denn nit gar!« antwortete der Schruller lachend; »i kenn 's erst sitta vier Wochn. Daß i 's Deandl gern kriegt hon, dazua hab' i koa' Stund braucht. Bin ja erst kurz vom Regiment hoamkemma. Da triff i statt dem verstorbna Angerbauern an' andern Nachbar, der z'naachst von Traunstoa' herkemma is. Und sei' Deandl, schlakarawall! Dös is a Prachtdirn! So oane giebt's nimmer im ganzen Isarwinkel, und i wollt's koan raten, daß er's scheel anschauget.«

244 Dabei nahm der Schruller den Hut ab und steckte die Spielhahnfedern mit der Spitze nach vorn. Trotzig bedeckte er dann wieder sein Haupt.

»Hättst deine Federn lassen, wie's gwen san,« sagte einer der Holzhacker. »Gott segn dir dei' Liebschaft; wir vergunna dir alle a baldige Hozet.«

»Gelts Gott für den Wunsch,« entgegnete der Schruller, »aber mit der Hozet hat's an' kloan Hacken, und dernthalbn wallfahrt i eini in die Hinterriß und mach a G'löbnis, daß dös Hindernis eher weicht, und morg'n kimmt mei' Mirl und sei' Vata nachi.«

»Därf ma wissen, was da Krumm's unterwegs is?« fragte der Halsenblasi.

»Ei wohl,« entgegnete lachend der Schruller, »von mir därft's alles wissen, i hon mi vor der Wahret nit z' scheu'n. Besser is's, d' Leut wissen's, aus welchem Grund mei' Verspruch mit 'n Mirl außiträniert werd. Der Angerbauer hat außer dem Deandl no' an' Sohn, 'n Friedl, und der sollt sei' Gschwistertkind heiraten, so is 's die Eltern eana Will'n. Zu der Heirat is der Dispens vom Papst nöti und der Friedl sollt' auf Rom roasen, um si' 'n z' hol'n und die Sach zu beschleunigen. Vor vier Wocha, grad an dem Tag, wo i hoamkemma bin, is der Friedl furtgroast. Vata und Schwester hab'n 'n ins Klösterl begleit in der Hinterriß, wo's alle bet' hab'n für a glückliche Roas' und a guats Wiederkemma. Nacha is er furt, aber auf Rom is er nit.«

»Nit auf Rom?« fragten alle erstaunt.

»Na'. Weil gar koa' Botschaft kemma is, hat der Angerbauer an Herrn Kardinal schreibn lassen, und von 245 dem sein' Sekretari is bald drauf d' Nachricht kemma, daß si' in Rom koa' Friedl hat sehgn lassen.«

»So is eam a Unglück passiert?« fragten die Zuhörer wieder.

»Beilei!« erwiderte der Schruller. »Nix is eam passiert und dengerst wieder recht viel, denn vor etli Tag is endli a Schreib'n von eam kemmn mit'n Poststempel »Mittenwald.« Wart's, i hon dös Briafl in der Taschen, der Angerbauer hat ma's geb'n, i les's enk vor.« Und nachdem er den Brief aus seiner Tasche hervorgeholt, las er, wie folgt:

Rom am 6. August 18 . .

Liebe Eltern und Schwester!

Ich hab die Reise nach Rom glücklich und gesund zu stande gebracht, aber mein hochwürdigster Herr Göd hat die Meinung, daß es durchaus nicht gut ist, eine so nahe Blutsverwandte, wie mein Basl ist, zu heiraten, weil es so eingerichtet ist, daß außer der Verwandtschaft auch noch etliche Dirndln auf der Welt sind, die man gern haben kann fürs Leb'n und man nur im Notfall zu seiner nächsten Freundschaft greifen soll. Ein solcher Notfall ist aber nicht gegenwärtig, weil ich eine gefunden, wie's eine schönere und bessere nicht mehr giebt. Kommt am nächsten Sonntag nach dem Klösterl in der Hinterriß, wo ich euch meine Auserwählte vorführen werde. Ich reise morgen mit dem Güterzug von hier ab. Es hat mir gut gefallen in Rom, wo ich auf euer Wohl sehr viel Lemoniwasser und roten Wein getrunken habe. Schachtelfeigen, Datteln und verzuckerte Pomeranzenzelteln kann man sich hier um ein paar Pfennig von den Bäumen reißen, so viel man will und der Himmel ist wirklich ganz italienisch. 246 Mündlich näheres. Einen schönen Gruß vom Herrn Göden und vom Papst.

Ich begrüße Euch

Euer
Sohn und Bruder Friedl.
       

»Also is er ja dengerscht z' Rom gwen!« rief einer der Holzhacker; »da steht's g'schrieben.«

»Dös scho'!« entgegnete der Schruller. »Aber der Poststempel is von Mittenwald und er is aa wirkli an denselm Tag z' Mittenwald gwen. D' Lenggrieser Bötin, die alt' Brotkathl hat 'n gsehgn und mit eam g'red't. Dera hat er's anvertraut, daß eam's a Hex antho' hat mit ihran G'schau in der Riß hinten und daß er nit seli wern kaannt, wenn er die Hex nit als Hochzeiterin krieget. No', und d' Brotkathl hat dös so ghoam g'halten, daß 'n andern Tag der ganz Isarwinkel g'wußt hat.«

»Ah, dös is aber dengerscht a Gspaß?« meinte einer der Holzarbeiter. »A Hex! San dengerscht d' Hexen abgschafft – und seli will er wern mit der Hex – hast scho' so ebbas dahört? Mit ara Hex!«

»Oes kinnt's enk denken, in was für a Angst d' Angerbauernleut san. Der Alt' glaubt no' an Hexen und so hat er si' ins Klösterl verlobt mit seiner Tochter, daß a guats End hergeht. Er will's Mirl nit ehnda mit mir in Verspruch geb'n, als bis die Sach mit'n Friedl in Ordnung und die Hexerei aus is. 's Traurigste aber is, daß 's Basl aus'n Chiemgau gestern Botschaft tho' hat, weil's 'n Friedl so weng pressiert und weil er ihr gar koa' Botschaft aus Rom hat zuakemmn lassen, so wär's ihr liaba, wenn der Verspruch ausananda gaang, denn sie wüßt' si' an' andern, zu dem's koa' Dispens brauchet. No', so was wird 'n 247 Angerbauern wohl rechtschaffen g'fuxt hab'n. Morgn in aller Fruah kemmas auffa in d' Riß. Mi aber habns vorausgschickt. Weil i so schlau bin, habns gsagt, soll i a weng rumspioniern, ob i 'n Friedl und sei' Hex ninderscht dafrag. I richt'n ganz gwiß wieder zam und erlös'n von seiner Hex, dös könnt's glaubn. Er kennt mi no' nit und i richts scho' so ein, daß er mir traut. Schlakarawall! Sei' Hex muaß i dafragn, geht's wie's will.«

Es war nicht aufgefallen, daß der »Bleamelbrocker« sich während der Rede des Schruller der Thüre genähert und sich unbemerkt entfernt hatte.

»Kimmt dir halt schier drauf an, wer die Hex ischt,« sagte jetzt der alte Ameisler, welcher aufmerksam der Erzählung des Schrullers zugehört hatte. »Kunnt justament sein, daß 's grad a Amashex ischt und – da schießt mir was durch 'n Kopf – hast nit g'sagt, du kennst 'n Friedl gar nit?«

»Wahrhafti is 's wahr,« entgegnete der Schruller.

»Und morg'n ischt 's vier Wocha, daß er mit Vater und Schwester hint war im Klösterl?«

»Grad vier Wocha.«

»So woaß i 's, wo der Friedl z' finden ischt,« sagte der Alte.

»Dös wenn's d' wissest!« rief der Schruller. »I lasset's mi was kosten, wenn i's dafraget.«

»Laß 's guat sei', Schruller,« versetzte der Halsenblasi. »I bring dir 'n zua, i kenn 'n guat.«

»Glaub's nit!« rief jetzt der alte Ameisler. »I kann dir die best' Auskunft geb'n. Mir fallt's wie Schuppen von die Augen. Ja, ja, es ischt scho' so – der Friedl ischt am Platz da. Frag nur 'n Bleamelbrocker. der woaß 248 's am besten; der ischt selber der Friedl, und koan anderer. Woll, woll! Aber wo ischt er denn?«

Aller Augen suchten nach dem jungen Burschen; dieser war verschwunden.

»Dös is der Friedl gwen?« rief der Schruller. »Den muaß i no' dawischen.«

Er eilte der Thüre zu.

»Den find'st nimmer, wenn er 'n Wald zua ischt,« sagte der Alte. »Aber i verhilf dir dazua, ohne daß d' di plagst.«

»Verlang, was d' willst, wenn's d' wahr red'st.«

»Dem Alten san d' Bierbrocken in Kopf g'stieg'n,« sagte der Halsenblasi. »Wie kommet der reich' Angerbauernsuhn dazua, in söchana armselige Montur rumz'laufen und mit Bleameln z' handeln.«

»Da will i enk scho' aufklärn,« versetzte der Alte. »Er ischt eingstanden als Holzarbeter hint' am Scharfreiter; etli drei Wocha hat er 's ausg'halten, aber sitta acht Tag hat er d' Arbet aufgeb'n, weil er dem strenga G'schäft nit gwachsen ischt. Woll, woll! So thuat er si' halt so im Wald rum und giebt si' für an' Bleamelbrocker aus, daß er nit als Streuner furtg'schickt wird, wie 's scho' manchem ganga hat. Woll, woll!«

Er blickte dabei nach dem Halsenblasi.

Dieser verstand den Hieb und sagte:

»Woll, woll! Gieb nur du obacht, du alter PiglbrennerIn Tirol sind die Pigelbrenner, d. i. Pechsieder, sehr in Verruf. Pigel cimbrisch = Pech, Harz., daß 's di nit übrischiabn ins Tirol, wenn's d' in unsere Waldungen rumschwendst und 's Pech abkratztst.«

»I schab koa' Pech mehr,« erwiderte der Alte. »I 249 hon's grad mehr mit die Amasoar z' thuan und dazua hon i mei' G'rechtsam. Woll, woll!«

»Und a schöne Hex hast aa dazua, is 's nit so?« lachte der Halsenblasi. »Nix für unguat, Alter. Wer mi haut, den hau i wieder. Aber was dei' Enkelkind anbelangt, so is 's die schönst' Amashex, die mir je unterkemma is. Und sechse für oans, dös is die Hex, die 's 'n Angerbauern Friedl antho' hat?«

»Kann scho' sei',« erwiderte der Alte. »Drei Sunnta hinteranand hat er's im Klösterl aufgsuacht nach der Kircha und 's letzt' Mal hat er 's auf d' Oswaldhütten außi begleit'. Er hat si' für an' Holzknecht ausgeb'n. Heunt is 's Deandl auf Mittenwald eini mit Amasoar und kimmt mit'n Tölzer Boten wieder zruck. Dernthalbn ischt der Friedl unterwegs. Woll, woll! Er wird warten draus und weil er woaß, daß 's d' Almröserln gern hat, hat er ihr an' Buschen brockt. Aber i bin eam nit guat Freunds gwen, weil i denkt hon, er scheut d' Arbet. Itz ischt's ma freili begreifli, daß a Bauernsuhn 's Holzen nit a so gwöhnt is, wie unser oana; 's ischt woll, woll a Wunder, daß er drei Wochen ausg'halten hat.«

»I möcht sagn, mir steht mei' bißl Verstand staad,« bekannte Schruller. »A so was hätt'n i und d' Angerbauernleut nit denkt. An' miserablen Holzarbeter macha – so kloa' si' geb'n!«

»No', is ebba dös was ehrlos?« riefen die Holzknechte mit drohenden Mienen. »Schänd' di d' Arbet vielleicht? Uns schänd's nit, und wennst di gar a so brauchst z'wegn dem bißl Geld und dein' gringa Verstehstmi (Verstand), so kann scho' sein, daß dir 's Wallfahrten vergeht.«

250 »Aber Manna!« rief der Schruller verlegen. »Wer schänd' enk denn? I hon ja nur gmoant, daß der Friedl z'schwach wär zu so r a Arbet, wo nur kraftvolle, g'sunde und rechtschaffene Leut und Herrn dazua in Vorschlag vom hohen Forstamt –« Er stockte.

»Hör auf mit dem Singa!« rief der Halsenblasi lachend, »sunst kauf i dir an' Löffl voll Amasoar. Zahl liaba etli Maß Bier, auf daß ma d' Gesundheit von deiner Hozeiterin trinka kinna.«

»So soll's sei'. Holla, Wirtshaus!« schrie der Schruller.

Einige Minuten später ward denn auch in voller Eintracht auf Mirls Wohlsein getrunken. Die Holzknechte machten sich übrigens bald auf den Weg und nur der alte Ameisler, der Halsenblasi und der Schruller blieben noch zurück.

Der Halsenblasi hielt Ausschau nach dem Forstgehilfen, welcher soeben das Haus verlassen hatte. Es schien ihm sehr angenehm zu sein, als er denselben gegen den Krametsberg zuschreiten sah. Der Förster, hieß es, sei nach Wallgau und komme erst abends wieder. Diese Botschaft wollte er zwei Männern, seinem Bruder, dem Halsentoni und dessen Kameraden, wissen lassen, die auf Nachricht bei der Rißklause an der Grenze warteten, wo ein schmaler Baumfloß zur Abfahrt bereit lag. Um den Floß war dem Halsenblasi nun gerade nicht zu thun, wohl aber um den geheimen Transport von drei wild erlegten Hirschen durch die Riß in die Isar und von da hinab nach Lenggries. Er selbst war zum Auskundschaften hier, ob die Jäger nicht unterwegs. Doch war das Vorhaben der Wilderer verraten worden und man machte den Spion sicher.

251 Der durchtriebene Wilderer hatte sich alsbald seinen Plan zurecht gelegt. Der etwas schwachköpfige Schruller sollte sein Bote sein. Zu dem Zwecke mußte er aber zuerst den alten Pechler von ihm trennen, der mit allen möglichen Fragen in den Lenggrieser drang. Deshalb sagte der Wilderer, als er ins Haus zurückkam:

»Grad hon i an' Plachawag'n über d' Brucken fahrn sehgn; 's wird wohl der Bot gwen sein.«

»So?« rief der Ameisler. »Da muaß i glei awi, denn 's Franzei geht glei von unten weg hoam. Da kunnt der Friedl ihr 'n Weg abpassen, dös wär mir nit recht. Woll, woll!«

»Mögli is's,« antwortete der Wilderer; »a Bursch war in der Näh vom Wagn.«

»Da ischt's pressant!« rief der Alte, eiligst Hut und Bergstock nehmend.

»Laß mi aa mit!« rief der Schruller, aber der Halsenblasi hielt ihn zurück.

»Bleib da!« flüsterte er ihm zu. »I woaß, wo der Friedl is.« Zu dem Ameisler aber sagte er: »Der Schruller kann ja zu dir in d' Oswaldhütten kömma; 's 's besser, du redst z'erst mit dein' Enigkl (Enkelin) alloa'.«

»Ja, dös ischt freili besser, woll, woll!« entgegnete der Alte, so rasch als möglich von dannen eilend.

Nun wandte sich der Wilderer zum Schruller.

»Geh, so schnell als du's vermagst, eine auf d' Rießer Klausen, drinn bei der Klamm, da wirst 'n Friedl treffa,« sagte er. »Wenn's d' zwoa Flößer siehgst, wirfst dein' Huat in d' Höh' und wenn's di fragn, wie der Wind geht, giebst zur Antwort: »gen d' Isar außi, aber g'schwind.« Sunst nix. Hast mi verstanden?«

252 »Ja,« sagte der Schruller mit möglichst dummem Gesicht.

»Wenn die nacha abg'fahrn san, wird der Friedl nimmer lang auf eam warten lassen.«

»Ja aber –« wollte der Schruller erwidern, doch der Halsenblasi ließ ihn nicht mehr zum Worte kommen. Er versicherte ihm hoch und teuer, daß er, der Halsenblasi, seinen Zweck damit erreiche und daß der Schruller in Mirls Achtung bedeutend steigen müsse, wenn er dem Angerbauern den verlorenen Sohn zuführen könnte; aber es hänge alles von seiner Schnelligkeit ab.

Das fleckte. Der Schruller zahlte seine Zeche und auch die des Blasi und eilte mit raschen Schritten auf dem Sträßchen der Hinterriß zu.

Aber er hatte kaum die bergabführende Straße passiert, als er plötzlich den Forstgehilfen neben sich sah.

»Wo aus denn so schnell?« fragte ihn dieser freundlich.

»Auf d' Rißerklausen eini,« lautete die Antwort. »I hon a Botschaft, die pressiert.«

»So?« sagte der Forstgehilfe lächelnd. »Gel, du bist beim Halsenblasi g'sessen droben in der Schenk?«

»Ja freili,« entgegnete der Bauer. »Für den muaß i ja einilaufa in d' Klausen.«

»Was muaßt denn ausrichten?« fragte der Forstgehilfe mit dem unschuldigsten Gesichte von der Welt.

»Wenn mi oana fragt, wie der Wind geht, gen d' Isar außi, aber g'schwind.«

»Und was is's nacha?« examinierte der andere weiter.

»Nacha fahrn's mit 'n Floß furt. I aber soll 'n Friedl treffa, 'n Angerbauernsuhn von Lenggries, der auf Rom zua, aber in der Hinterriß hängn blieb'n is an ara 253 Amashex. Sei' Vata hat mi ja vorausg'schickt, daß i 'n daweil ausspekulier, bis er morgen nachkimmt.«

»No', da hat er 'n richtigen scho' g'schickt,« lachte der Forstgehilfe. »Verhalt di nimmer länger, daß d' rechtzeiti einikimmst auf d' Klausen. Wie is dei' Nam'?«

»I bin der Schruller Ferdl von Lenggries.«

»No', so b'hüat di Gott. Mir pressierts aa!«

Und er eilte in raschen Sprüngen den Berg gegen das Forsthaus hinauf. Der Schruller aber ging, ohne zu ahnen, zu was er sich verwenden ließ, rasch thalaufwärts. Er malte sich schon in Gedanken die Freude aus, welche er dem Angerbauern und dessen Tochter durch die Nachricht bereiten könne, daß er ihren Liebling gefunden. In solchen Gedanken kam er nach etwa einstündiger Wanderung bei schon eintretender Dämmerung an die Klamme, durch welche sich die Riß brausend hindurchzwängt und vor welcher sich eine Klausenvorrichtung befindet, da von hier aus die Floßfahrt beginnt, wie durch das viele hier lagernde Stamm- und Scheitholz sofort erkenntlich ist.

Der Schruller erblickte auch sofort am jenseitigen Ufer die beiden Flößer. Er warf, wie ihm geheißen, den Hut in die Höhe und sofort kam einer derselben über den Klausensteg gelaufen mit der Frage: »Wie geht der Wind?«

»Gen d' Isar außi, aber g'schwind!« entgegnete vorschriftsgemäß der Schruller.

»Juhe!« rief der Flößer und lief zu seinem Kameraden zurück. Beide eilten hierauf den Waldhang hinauf und schleppten gleich darauf einen mächtigen Hirschen auf den Floß, deckten ihn mit bereitgehaltenen Brettern zu und wiederholten das Experiment ein zweites und drittes Mal. Nachdem das Hochwild wohl verwahrt war, lösten sie den 254 Floß los und bei dem großen Gefälle ging es rasch von dannen.

Der Schruller hatte jetzt trotz seiner Beschränktheit erkannt, daß er es mit Wilderern und Paschern zu thun habe und daß er unbewußt der Helfershelfer derselben geworden.

»Gen d' Isar außi, aber g'schwind,« wiederholte er. »Oes Malefizlumpen! Itz woaß i, wie i dran bin.«

Er wußte nicht, sollte er fluchen oder lachen. Aber das Lachen verging ihm, und er ward plötzlich totenblaß, da er des Forstgehilfen gedachte, dem er in seiner Eselei, wie er es selbst nannte, alles haarklein erzählt und noch dazu seinen ehrlichen Namen spendiert hatte. Wenn das aufkäme, würde er sicher mit in die Untersuchung gezogen werden. Er sah sich schon auf der Anklagebank im Gerichtssaal, und mit der Hochzeit war's tralarum! Es blieb ihm nichts übrig, als sich mit dem Himmel in Rapport zu setzen und denselben um eine glückliche Fahrt für die Wilderer zu bitten.

Unwillkürlich lenkte er seine Schritte wieder gegen die Vorderriß und der Oswaldhütte zu, wohin ihn ja ohnedies der alte Ameisler bestellt. Er machte sich immer neue Vorwürfe, daß er so pläderig (geschwätzig) sei und alles, was er denke, sage. Das hatte ihm schon beim Regiment viele Unannehmlichkeiten eingetragen, und er merkte wohl, daß ihm diese auch in Zukunft nicht erspart bleiben sollten.

Aus seinen unerquicklichen Selbstvorwürfen schreckten ihn mehrere Schüsse. Der Entfernung des Lautes nach kamen sie aus der Vorderriß und dort mußte bei dem hohen Wassergange der Floß der Wilderer bereits angelangt sein. Die Forstleute, denen er es verraten, hatten also 255 aufgepaßt. Jetzt fielen wieder zwei Schüsse, es war richtig, ein Kampf auf Tod und Leben fand statt. Er war Mitschuldiger, Helfershelfer, er sah sich schon als solcher verfolgt.

Es wurde ihm ganz unheimlich zu Mute. Wie auf Kommando machte er »Kehrt!« und eilte der Hinterriß zu. Er getraute sich nicht eher wieder zurück zu blicken, bis er den österreichischen Schlagbaum hinter sich hatte. Ihm graute vor seinem jenseitigen Vaterlande. In Hinterriß, aber nicht im Klösterlwirtshaus, das zu nahe beim Zollhause lag, wo er den dortigen Finanzwächter fürchtete, sondern in dem eine Viertelstunde aufwärts gelegenen Alpenhofe wollte er das weitere abwarten. Damit er sich aber nicht wieder verplaudere, gelobte er, bis zur morgen erfolgenden Ankunft seiner Braut kein unnützes Wort mehr zu sprechen, und wenn er mit Zangen gezwickt würde.

So wanderte er über das Klösterl hinaus zum prächtig gelegenen Alpenhofe. Ihm schmeckte heute weder Speise noch Trank, er antwortete auf alles nur mit »hm, hm!« so schwer es ihm auch fiel. Bald lag er im Bette und wälzte sich unruhig hin und her in Hangen und Bangen über die Ereignisse des kommenden Tages. 256

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